Prischib

Abschrift aus dem Odessaer Kalender 19021


Prischib. Von Halbstadt aus gesehen. Buchdruckerei G. Schaad, Prischib; Illustrierter Molotschnaer Volkskalender 1913

1. Örtliche Lage, Entstehung und Entwicklung der Kolonie

Schlatter, Reisen 1822-18262; Kartenausschnitt zur Vergrößerung klicken

Prischib liegt im Melitopoler Kreise, Taurischen Gouvernements, ist 45 Werst von der Kreisstadt Melitopol u. 18 Werst von der Eisenbahnstation Prischib (früher Michailowka) entfernt. Nähert man sich P. von der genannten Eisenbahstation aus auf dem roten Telegrafen-Postwagen, so kommt man durch das im vergangenen Jahre beschriebene Kirchdorf Hochstädt (1. Kalender 1901 S. 106), berührt die Kolonie Neu-Nassau mit der Eisengießerei Kolb u. Schatz, welche landw. Maschinen aller Art liefert, u. fährt dann eine Strecke von ca. 10 Werst auf einsamer Steppe dahin.

Zunächst fällt dem sich P. nähernden das isoliert auf einem Bergrücken erbaute Kirchlein in die Augen, bevor er etwas vom Dorfe selbst bemerkt. Das Dorf liegt nämlich am Fuße einer Hügelkette, welche sich von Nordosten kommend in vielen Krümmungen unmerklich ins Asowsche Meer hinabsenkt.

Vom Gipfel der Hügelkette aus hat man eine reizenden Aussicht in ein weites lachendes Thal, in dem Dörfer, weit in die Luft ragende Fabrikenschlote, Obstgärten, Wälder und Wiesen abwechseln. Bald weiter, bald näher an dem Fluß der Hügelkette herantretend, schlängelt sich wie ein silberner Faden das früher so wasserreiche, jetzt wasserarme Flüßchen Molotschna, zugleich die Grenze zwischen dem Melitopoler u. Berjansker Kreise bildend, in südwestlicher Richtung dem Molotschna-san zu, welcher nur durch eine schmale Landzunge vom Asowschen Meere getrennt ist. Es nimmt seinen Anfang unmittelbar am nordöstlichen Ende des Dorfes, allswo die Flüßchen Tokmatschka u. Tschingul sich vereinigen u. in ihren weiteren vereinigten Laufe Molotschna (Milchfluß) genannt werden. Nach diesem Flusse hieß anfänglich auch das Dorf Molotschna u. das ganze Gebiet das Molotschnaer Gebiet u. hat sich diese letztere Bennennung bis auf den heutigen Tag erhalten.

Man glaubt, das das Dorf Molotschna später den Namen Prischib erhalten habe, um damit die Vereinigung der genannten Flüßchen auszudrücken (vom russ. Wort „прищенка“ hergeleitet), jedoch kann man dieses mit Sicherheit nicht behaupten. Die Hauptstraße des Dorfes bildet eine Zickzacklinie, welche durch die gerade hier ein gewaltiges Knie aufweisende Hügelkette bedingt wurde. Mit der Zeit entstanden auch mehrere Nebenstraßen. Das ganze Dorf zeigt eine unregelmäßige Anlage. Um dasselbe übersehen zu können, ist der Beschauer genötigt den Turm des Kirchleins zu besteigen. Es soll hiermit nicht gesagt sein, daß das Dorf von riesigen Dimensionen sei, daß es vom Hügelrücken aus nicht zu übersehen wäre. O nein! Wie schon oben angedeutet, macht die Hygelkette [sic!] hier ein Knie, um welches herum das Dorf angelegt wurde, so daß von dem Rücken der Hügelkette aus das ganze Dorf auf einmal nicht übersehen werden kann. Gleich anfangs wurde dieses Dorf Hauptort für alle auf dem rechten Ufer des Molotschnaflüßchens angesiedelten Dörfer. Hier wurde das Gebietsamt erbaut, von hier aus wurden alle luthrischen Ansiedler in den Kolonien in religiöser Hinsicht bedient, hier wurden in der später errichteten Zentralschule Centralschule [sic!] die für die Ansiedler nötigen Dorflehrer herangebildet, hier war auch der erste Kolonialarzt angestellt u. die erste Apotheke eröffnet.

Am 24 Juni 1805 gelangten die ersten Ansiedler unter Leitung des verstorbenen Staatsrates Continius an der Molotschna an. Es war schon spät im Jahre u. konnten die Felder nicht mehr bestellt werden. Die Regierung gab den Kolonisten 7 Kopeken Nahrungsgeld pro Seele bis zur ersten eigenen Ernte im Jahre 1806. Jedem Wirte wurden 60 Dessj. Land überwiesen u. 125 Rubel banko als Vorschuß zur Anschaffung der nötigen Zugviehes u. des Wirtschaftsgutes gegeben. Zur Erbauung des Hauses erhielt jeder Kolonist 40 Stück dreifädiges Kreuzholz 28 Sparren 60 Latten 28 Schwarten 4 Bretter für Fenster u. Türen u. 2 Rundklötze. Der erste Inspektor Baron Uexkühl musste seine erste Wohnung in einer Bretterbude im nahegelegenen Dorfe Alt-Nassau nehmen, bis er im Jahre 1806 das Haus des Edelmanns Tobinsky in Prischib bezog. Hier sei bemerkt, daß das Gut an Edelmann Tobinsky mitten in dem Landeskomplex lag, der von der Regierung zur Ansiedlung bestimmt war. Um ein einheitliches Ganzes zu erhalten, gab die Regierung dem genannten Edelmann gleich hinter dem Kronsdorf Kisliar (heute Vorort der Kreisstadt Melitopol) anderes Land u. kaufte ihm seine Gebäude, welche gerade da wo Prischib angesiedelt wurde, aufgeführt waren, ab.

Im ersten Jahr der Ansiedlung (1805) erbaute sich jeder Ansiedler eine Erdhütte (землянка). Diese Hütten waren aber eng u. äusserst unbequem, so daß manchem Wirte bei der in diesem Jahr besonders nassen Witterung seine wenigen Habseligkeiten verfaulten. Der Anfang war armselig, dürftig u. sehr schwer. Im Jahr 1807 wurde das erste Bethaus von den auf 10 Jahre geschenkten Einkünften der Brandweinpacht errichtet. 1809 kam der zweite Zug der deutschen Ansiedler hier an, sie erhielten von der Regierung dieselbe Quantität des Landes, Bauholz-Geld wie die ersten u. blieben teils in Pr. selbst teils siedelten sie neue Dörfer auf der Steppe an. Nach und nach wurden die Erdhütten mit bequemeren Häusern aus Lehmwerk od. rohen Erdziegeln u. Strohdächer vertauscht. Das Ganze trug nun das Gepräge eines heutigen Russendorfes. Da der jungfräuliche Boden reiche Enten trug so brachten es die Ansiedler bald zu Wohlstand, vermehrten den Viehstand u. sorgten nach Kräften für verbesserte Wirtschaftsgeräte.

Mit dem wachsenden des Wohlstandes wichen die aus Lehmwerk erbauten Häuser solchen aus gebrannten Ziegeln mit Ziegel-Blech- od. Schindeldächern, so daß das heutige Pr. einen vornehmen Eindruck macht.

Da die Gegend gänzlich waldlos war, so drang das Fürsorgekomitee darauf, daß künstliche Wälder u. Obstgärten angelegt wurden, welche in unseren Tagen zu Frühlings- u. Sommerszeiten die Ansiedlungen so lieblich u. angenehm machen, u. dem Wanderer kühlenden Schatten spenden.

Viel Mühe hatte das Fürsorgekomitee damals, um die Ansiedler zur zur [sic!] Anpflanzung von Wäldern u. Gärten zu bewegen und mußten manchmal Strafen verhängt werden über die Saumseligen. Heute ist das natürlich anders. Man hat vor einigen Jahren zurück auch mit dem Weinbau an den Bergabhängen begonnen u. schon gute Ernten erzielt. Schade, daß nicht auch die Bewohner anderer Ortschaften, wie Hoffental, Alt-Nassau, Weinau, Durlach, Alt-Monthal, Waldorf, Tiefenbrunn dem Beispiel Pr.´s folgen u. die Bergabhänge mit Wein bepflanzen. Welchen Nutzen würde ein solches Vorgehen haben! Der aus Sand u. Lehm bestehende Boden der Berabhänge [sic!] eignet sich vornehmlich zum Weinbau u. liefert, wenn man sich die Trauben gehörig ausreifen läßt u. richtig behandelt einen ziemlich starken u. guten Wein.

Das der Kolonie Pr. zugeteilte Land besteht aus 3591 Dessj.: Es zerfällt in brauchbares d.h. für den Akerbau [sic!] geeignetes Land u. in Unland. Unter Letzterem sind die Schluchten, Rinnen, u. Wiesen, die der Überschwemmung ausgesetzt sind, zu verstehen. Brauchbares Land besitzt die Kolonie 3122 Dessj. Unland 469 D. Der Boden besteht größten Teils aus einer tiefen Schicht Schwarzerde mit lehmigen Untergrund. Auf den Feldern wird Sommer- u. Winterweizen, Roggen, Gerste, Hafer, Lein, Welschkorn u. Kartoffeln gebaut. Auf den Wiesen gedeihen alle Gemüsearten besonders Kohl, dessen Anpflanzung aber in letzter Zeit, als nicht mehr lohnend, bei Seiten geschoben wurde. Die Obstgärten liefern oft gute Ernten, besonders Steinobst, obschon von rationellem Obstbau nicht die Rede sein kann, weil die Bäume zu stiefmütterlich behandelt wurden.

II. Frühere Zugehörigkeit der Ansiedler sowie kurze Notizen über die Geschichte der Einwanderung

Der größte Teil der Ansiedler stammt aus dem Königreich Würtemberg [sic!] und dem Großherzogthum [sic!] Baden, die kleineren aus anderen Staaten des Deutschen Reiches, wie aus folgender Zusammenstellung zu sehen ist.

Aus Würtemberg stammten die Familie Prieb, Gall, Kammerer, Palmtag, Glöckler, Fricker, Spielvogel, Lehr, Marx, Wirt, Schweitzer, Schaad, Heinrich, – Aus Baden: Grell, Ullmann, Kugele, Seifert, Dinkel, Ockert, Fritz, Noll, Brühler, Essert, Schäfer, Gauch, Allgaier, Hud, Köhler, Alles, Weckerle, Zahn, Eva. – Aus Sachsen: Heine, Burwald, Ritter, Ballreich, Schameÿ. – Aus Baÿern: Gleich, Wagner, Dillmann, Stark. Aus der Pfalz (Rheinbaÿern): Vogel, Hoffmann, Preutel, Stubert. – Aus Hessen: Sellentin, Schröder, Vogel, Doll, Matthus. – Aus Elsaß=Lothringen: Lüttich (Littig). Wannerius. Aus Ostpreußen: Mensch. – Aus Westpreußen (Schlesien): Herrmann, Eiternik, Heidebrecht, Dinno, Schilling, Mönke. – Aus der Mark Brandenburg: Kloninger, Bredt. – Aus Pollen [sic!]: Stammler. – Von Petersburg und anderen Distrikten Rußlands siedelten in späten Jahren hier an die Familien: Ruff, Sperlich, Silbernagel, Voll, Wilhelm, Maier, Supper, Fein, Rumbold, Krautner, Göpfert, Regel, Halblaub, Gerweck, Rapp, Winkler, Willke, Gallauner, Renke, Dreher. – Über die Abstammung dieser letzteren Ansiedlerfamilien finden sich leider keine Notizen im Personalbuche.

Ursprünglich bestand die Kolonie demnach aus 61 Familien mit 176 Seelen beiderlei Geschlechts. Viele dieser Familien sind ausgestorben -, wie die Familie Spielvogel, andere sind in den 80er und den letzen Jahren überhaupt weiter in die inneren Gouvernements verzogen, wo sie teils auf Pachtland, teils auf eigenem Lande leben und nur ein verschwindend kleinerer Teil hat das Landleben mit dem Aufenthalt in den Städten vertauscht. Der Bescheftigung [sic!] nach war das Chontingent [sic!] der der [sic!] Ansiedler folgendermaßen zusammengesetzt: 17 – waren Landwirte, 8- Tuchmacher, 10 – Tuchweber, 3 – Leineweber, 5 – Schuhmacher, 2 – Schneider, 5 -Tischler, 1 – Zimmermann, 1 – Maurer, 1 – Schmidt, 1 – Töpfer, 1 – Arzt, 2 – Böttcher, 5 – Tagelöhner. Heute nach fast 100 Jahren der Ansiedlung besteht die Bevölkerung, Prischib`s aus 427 männlichen und 508 weiblichen: im Ganzen aus 1035 Seelen die nach auswärts verzogenen nicht miteingerechnet.

Dem Glaubensbekenntnise nach gehört 11/12 der Bevölkerung der lutherischen und 1/12 der katholischen Kirche an.

Die Reise von Deutschland hierher war wegen der oft grundlosen Wege höchst beschwerlich und ging nur langsam vor sich. Da die Meisten gänzlich mittellos waren, so machten sie die Reise zu Fuß. Die Einwanderung geschah über Polen von wo aus sich manche der Einwanderung nach Norden, andere nach Osten und wieder andere (unsere Vorfahren) nach Süden wandten. Bei Jekaterinoslaw überwinterten letztere, wo sie bei den Russen gastfreundschaftliche Aufnahme fanden. Durch spetere [sic!] Nachzüge aus Deutschland u. zw. Zuzüge aus den Inneren Rußlands (Petersburg, Woronesch, Polen) vermehrte sich die Zahl der Ansiedler auch hier an der Molotschna. So entstanden die 27 Dörfer, welche zusammen das Prischiber oder Molotschnaer Gebiet bilden. In 19 Kolonien gehört die Bevölkerung der lutherischen, in 8 – der katholischen Chonfession [sic!] an. Da der größte Teil der Ansiedler den Handwerksstande angehörte und auch die wenigen Bauern mit den Bodenverhältnissen ihres neuen Vaterlandes unbekannt waren, so darf man sich nicht wundern, wenn man hört, daß anfänglich die Maßnahmen der Ansiedler zur Bewirtschaftung ihrer Landareale durchaus verkehrt waren und der Boden einem nicht gab, was er hätte geben können. Lange Zeit wurden nur Halmfrüchte angebaut, an das Brachen der Felder aber nicht gedacht. So wurde der Boden ausgemergelt und Mißernten waren unvermeidlich.

III. Wichtige Ereignisse im Leben der Ansiedler.

Nachdem die deutschen Einwanderer das Jahr 1804 in russischen Dörfern bei Jekaterinoslaw zugebracht hatten, brachen die selben unter der Führung des Statsrats [sic!] Chontenius [sic!] im Frilinge [sic!] des Jahres 1805 auf und kamen am 24:ten Juni desselben Jahres an ihren Bestimmungsorte, an der Molotschna, an, wo sie, wie schon oben gesagt, bis zur eigenen Ernte im Jahre 1806 von der Regierung Versorgungsgelder erhielten. Nachdem diesen ersten Einwanderern ihr Land (60 Dessj. pro Wirt) zugeteilt, wurden zu gleicher Zeit mehrere Dprfer angelegt, um die zu bebauenden Felder näher zu haben. So entstanden die Kolonien Prischib, Hoffenthal, Alt-Nassau, Weinau, Neudorf und Alt-Montahl. Neudorf, bestehend aus 20 Wirtschaften, wurden aber 1832 abgebrochen. Acht Wirte siedelten sich bei Rosentahl und 12 Wirte bei Kronsfeld an. Unweit des Dorfes Alt-Nassau wurden an der Molotschna ca. 30 Dessj. eingegraben zu einer allgemeinen Plantage, um veredelte Obstbäume zu erziehen, welche sodann an die Wirte zur Verteilung behufts Anpflanzung gelangten. Sie befand sich bald in einem blühenden Zustande und gewährte den Kolonisten großen Nutzen. In der Jetztzeit ist der Zustand derselbe auch als blühend zu bezeichnen, da aber bis dato über Einnahmen und Ausgaben des angestellten Gärtners eine Chontrolle oder doch nur eine sehr oberflächliche geführt wurde, so mußten in letzter Zeit sogar noch Zuschüsse zum Unterhalt dieser Plantage gemacht werden. Folglich bringt dieselbe heutigen Tages Verluste, wo sie Nutzen bringen sollte.
Gleich anfangs wurden keine Schulen angelegt, daher der Unterricht der Kinder gänzlich vernachlässigt. Schullehrer waren nicht zu bekommen und wären auch solche da gewesen, so fehlten die Mittel, um die Existenz der Lehrer zu sichern, weil eben alles flüssige Geld zu Baulichkeiten und Wirtschaftsgeräten &. verwendet werden mußten. Erst vom Jahre 1811 an wurden nach und nach – dank den Bemühungen der damaligen Pastoren Sederholm Zehlingk – Schulhäuser errichtet und Lehrer angestellt. Die Belohnung der Lehrer war eine sehr geringe. Sie erhielten jährlich 30 Rubl., freie Wohnung, Brennmaterial, 2 Maß Getreide pro Wirt, Heuschlag und freie Weiden für ihr Vieh.

Kirche Prischib3

Im Jahre 1811 wurde der Grundstein des heute noch auf dem Hügelrücken stehenden Kirchleins gelegt und das Pastorat gebaut, der Kirchbau aber wieder eingestellt wegen des 1812 erfolgten Einfalls der Franzosen. Zur Erbauung der Kirche gab die Regierung aus dem Reichsschatze 25.000 Rbl.

1819 kamen an 100 Familien aus dem Königreich Würtemberg hier an, welche nach Grusien ziehen wollten. Sie glaubten, das 1000-jährige Reich nehme jetzt seinen Anfang und nach Stilling´s und
Bengel´s Schriften, hielten sie Grusien für den Sammlungsplatz der wahren Gläubigen. Auf Befehl des Obercurators der Kolonien Inhoff, General-Leutnant von der Infantin, mußten sie sich an dem Flüßchen Berda ansiedeln. Sie lagen längere Zeit hier im Quartier und ihr Fanatismus erzeugte manche schädlige Frucht, viele Wirte ließen sich durch sie verleiten ihre Felder nur kärglich zu besäen. 1820 wurde der Kirchbau widerum [sic!] begonnen und die Regierung gab noch weitere 35.000 Rbl. zur Vollendung desselben. 1823 wurde der Bau endlich fertiggestellt und die Kirche am 25:ten September d. J. eingeweiht. Die beiden Glocken wurden aber erst 1832 für 1386 R. 39K. angekauft und 1833 auf den Turm gebracht. 1846 wurde die erste Orgel für 4000 R. angeschafft, welche im Jahre 1899 einer neuen weichen mußte. In dem Jahre 1846 genoß Prischib auch den hohen Besuch des Großfürsten Konstantin Nikolaijewitsch. Der Krieg Rußlands mit der Türkei (1854) zog auch die Kolonie Molotschna in Mitleidenschaft, obwohl nur indirekt. Die Ansiedler mußten Fuhren zur Fortschaffung der Bagage, Fourage u.s.w. stellen und 1500 Verwundete verpflegen, weshalb sie in Prischib drei Lazarethe [sic!] errichteten. Ende Oktober desselben Jahres war ein Orkan, wie noch nie erlebt wurde; Dächer wurden abgedeckt; Mühlen umgeworfen und der Kirchturm stark beschädigt -. Am 18. September 1858 fand zum ersten Male ein Missionsfest statt.

Centralschule Prischib

1879 wurde die Centralschule eröffnet mit einem Lehrer deutsch und russisch. Derselbe bekam ein Gehalt von nur 200 Rbl. – Im September desselben Jahres ward der Kolonie der hohe Besuch des damaligen Thronfolgers Nikolai Alexandrowitsch zu teil. 1866 wurde der russische Sprachunterricht in den Dorfschulen eingeführt. Erstes russisches Lesebuch war der „Golotusow“ mit jedem Lesestück. Das Jahr 1871 steht durch die schrecklichen Brände in der Kolonie selbst, wie im ganzen Gebiete, einzig da. Bandschaden [sic!] war über eine halbe Million zu verzeichnen.

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In diesem Jahre kamen die ersten Mähmaschinen zur Anwendung und man glaubte, daß die Bände [sic!] von den Arbeitern aus Rachsucht angelegt worden seien wegen Anschaffung dieser Maschinen: sie sahen dadurch ihre Existenz bedroht. 1873 am 25. September wurde das 50=jährige Jubiläum der Kirche gefeiert und 1898 das 75jährige. Erwähnt sei noch, daß 1860 der fast mit der Gründung der Kolonie ins Amt gekommene Kirchenälteste Brühler starb, ein Mann, der unermüdet alle Anforderungen seines bis an´s Lebensende geführten Amtes nachkam, sowie daß 1874 demselben sein Sohn Johann Brühler im Amte folgte und dasselbe bis dato zur größten Zufriedenheit des Ortspastors und der Gemeindeglieder inne hat. 1875 wurden die schöne dreiklassige Dorfschule gebaut, welche das Gebäude der Centralschule weit übertraf. Mit der Anstelung [sic!] des Oberlehrers Gustav Heinrichs, eines sehr treuen und umsichtigen Petagogen [sic!] (gest. Rostow, a.d. 18..) ging´s auch mit der Centralschule rasch in die Höhe; sie wurde dreiklassig und bald darauf 1880 die vierte pädagogische Klasse eröffnet, welche leider nach dem Weggang Heinrichs wieder einging und bis heute noch nicht wieder eröffnet wurde zum großen Schaden der Molotschnaer Gemeinden. Regen Anteil am Emporblühen der Centralschule nahm besonders der damalige Vorsitzende des Schulrats und heutigem Curator der Schule Friedrich Heine senior. 1899 wurde die neue Centralschule im Rohbau fertiggestellt und 1900 vollendet. Das Gebäude – allein auf einer Anhöhe stehend – nimt [sic!] sich gut aus. Der ganze Bau kam auf ungefähr 30.000 R. zu stehen. Gegenwärtig sind 7 Lehrer für drei Klassen und die Vorbereitungsklasse angestellt, ohne die Religionslehrer evangelischer und katholischer Chonfession. Zuletzt seien noch Ereignisse auf dem ökonomischen Gebiet sowie Naturereignisse mitgeteilt. Im Jahre 1809 brach die Rinderpest zum ersten Male ein und raffte viel Vieh weg. Im Frühlinge desselben Jahres trat auch die Molotschna weit aus ihren Ufern und überschwemmte die Wiesen. 1813-1814 lieferten ausgezeichnete Ernten wie auch das Jahr 1818. 1819 brachte eine zweite Rinderpest und ebenso die Jahre 1839, 1845, 1852, 1871 und 1872. Besonders verheerend trat diese Krankheit im Jahre 1845 auf und war die Quelle vielfacher Verarmung. Im Jahre 1822 ließen sich die Heuschrecken zum ersten Male sehen, richteten aber wenig Schaden an, desto schrecklicher aber waren ihre Verwüstungen in den darauf folgenden Jahren bis 1827, in welchem Jahre die Witterung sie gänzlich zerstörte. In diesen Jahren büßten die Ansiedler naturgemäß viel Vieh ein aus Futtermangel. Nachdem fast alle Dächer abgedeckt und verfüttert waren wurde im Frühlinge 1825 das Vieh auf die Weide getrieben. Am 17. März d. J. kam ein schreckliches Schneegestöber mit Regen, das Vieh konnte vor Schwäche nicht nach Hause gebracht werden und so kam das mit so großer Mühe durchwinterte Vie [sic!] um. 1833 war ein totales Mißjahr: 1844 aber brachte ein ungewöhnlich reiche Ernte und 1847 war ein beispiellos reiches Jahr. In diesem Jahr trat auch die Cholera auf, forderte aber nur wenig Opfer auf, dagegen aber mehr im folgenden Jahre und im Jahre 1866; in ihrem Gefolge waren Krankheiten manichfacher [sic!] Art, besonders Typhus. 1852 traten die Blattern auf. 1855 war große Teurung. Hafer wertete 80 R. pro Pud. Kolossale Heuschreckenschwärme vernichteten die Felder. 1859 war gut; 1860 ausgezeichnet. 1866 steht als Mißjahr da. Das siebende [sic!] und achte Decenium brachte keine besonderen Ereignisse; die Ernten waren abwechselnd gut und mittelmäßig. 1898 und 1900 waren schwache Ernten. 1901 wäre als ein gutes Jahr zu bezeichnen gewesen, wenn nicht der am 23. Juni erfolgte wolkenbruchähnliche Orkan solch enormen Schaden angerichtet hätte. Durch diesen und seinen Begleiter dem Hagel bekam in einer Viertelstunde die ganze Landschaft ein winterliches Ansehen. Riesenbäume entwurzelte das entfesselte Element und der Hagel schlug Blätter und Früchte von den Bäumen

Im Nu stieg die Molotschna aus ihren Ufern und überschwämmte [sic!] die nahn [sic!] Gemüsegärten und Wiesen, ein grausiges Bild der Zerstörung hinter sich lassend.

IV. Heutiger Stand der Verhältnisse und des Lebens der Ansiedler.

Taubstummenanstalt Prischib

In materieller Hinsicht ist Prischib mit den zu ihm gehörigen Dörfern weit günstiger gestellt als viele andere Ansiedlungen, z.B. an der Wolga. In den ersten Jahren der Ansiedlung ist nordwestlich von Prischib ein Oval von 6583 Dessj. zu einer Schäferei abgetrennt worden. Nachdem die einkünfte [sic!] davon zum Ankauf von Ländereien für die Landlose Generation bestimt [sic!], damit die Wirtschaften nicht zerstückelt oder höchstens doch nur halbiert würden, was bis heute auch konsequent durchgeführ [sic!] worden ist. 1/4 Wirtschaften wie in Glückstahl, gibt es – so viel mir bekannt – nirgens im Prischiber Gebiet. Bis jetzt wurden vier Landkäufe abgeschlossen und teils mit Landlosen, teils mit „Freikäufern“ angesiedelt. Auf dem angekauften Ländereien entstanden 30 Kolonien und zwar unweit Nikogel im Iekaterinoslawischen Gouvernement 3 Kolonien mit 5460 Dessj. – im Jahre 1862 angesiedelt -, im Cherson´schen Gouvernement 12 Kolonien mit ca. 18000 Dessj. – im Jahre 1869- im Alexandrow´schen Keise [sic!] des Iekaterinoslaw´schen Gouvernement 11 Kolonie mit ca. 17191 Dessj. – im Jahre 1882 – und im Poltaw´schen Gouvernement 4 Kolonien mit 6033 Dessj. 713 Fd. – im Jahre 1889 angekauft. Die im Jahre 1862 Angesiedelten erhielten 60 Dessj. pro Familie, die späteren nur 30, um mehr landlose Familien unterzubringen. Das Leben in Prischib ähnelt schon mehr dem Stadtleben. Die bäuerliche Tracht ist fast ganz veschwunden [sic!]. Mann sieht wohl feine Toiletten aus der Straße, aber sehr selten eine Bauerntochter auf dem Erntewagen. Mann [sic!] schämt sich der Arbeit, daher hier auch nicht alles Gold ist, was glänzt. 1/3 der Wirtschaften wird in Pacht abgegeben. – Handel und Gewerbe sind vür [sic!] Dorfverhältnisse stark vertreten. – Das religiöse Leben weißt Fortschritte gegen früher auf. Ein großer Segen für viele sind die Bibelstunden unseres lieben Pastors. Sittlichkeit und Moralität lassen viel zu wünschen übrig. Daß es nicht auch rühmliche Ausnahmen giebt [sic!], ist unbestreitbar. Hauptursache an der zunehmenden Zuchtlosigkeit ist wohl das aus anderen Orten zuströmende Handwerkspersonal, sowie demoralisierende Einwirkungen der Einwohnenden Fabrikarbeiter und Dienstleute. Eine Durchsicht des alten Personalbuches zeigt bei dem Namen des lesekundigen Ansiedlers jedesmal den Vermerk „kann lesen“. Daraus ist zu sehen, Das [sic!] damals die Kenntnisse in Lesen und Schreiben durchaus schwache waren. Beim heutigen Stand der Schulverhältnisse ist der umgekehrte Fall eingetreten: nur eine verschwindend kleine Zahl gänzlich mittelloser Leute ist des Lesens und Schreibens unkundig. 2/3 der Unterrichtsstunden sind gegenwärtig der russischen und 1/3 der deutschen Sprache und Religion gewidmet. An der Dorfschule existieren drei Lehrer: einer für deutsche Sprache und Religion mit einer Jahresgage von 600 Rbl., einer vür [sic!] Russische Sprache mit 500 Rbl. und einer für Rechnen mit 250 Rbl. Im Schulwesen ist also zwischen Einst und Ietzt ein gewaltiger Fortschritt zu konstatieren. – Dank den Bemühungen des Ortspastors ist Dank den Bemühungen des Ortspastors ist in den letzten Jahren auch eine Taubstummenanstalt gegründet worden, welche durch freiwillige Beiträge unterhalten wird. Bei derselben fungieren ein Lehrer und ein Hilfslehrer. – Zur Unterhaltung und Förderung der Musik und des Gesangs sowie des Sports tragen ein Gesang= und Velozipedistenverein bei. Für Journale, Bücher sorgt die mit der Kolonie groß gewordene Buchhandlung G. Schaad u. zwei Bierbrauereien spenden der durstenden Kühle [sic!] ihr Naß.

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1 Abschrift erfolgte mit allen vorhandenen Rechtschreibfehlern, DAI Film 007953036 Frame 5437115-5437127
2 Bruchstücke aus einigen Reisen nach dem südlichen Russland, in den Jahren 1822-1828 : mit besonderer Rücksicht auf die Nogayen-Tataren am Asowschen Meere ; Daniel Schlatter; St. Gallen : Huber und Comp., 1830
3 Heimatkalender der Russlanddeutschen 1957