Jagodnaja Poljana (II)

Im Jahre 183o wurde hier von dem Kolonisten Johannes Koch der letzte Bär erlegt. Ein sehr tiefer, in allerlei Steinformationen zerklüfteter Graben wird noch heutzutage „Bärengraben“ genannt, auch hat man in demselben fossile Knochen und Hirschgeweihe gefunden.

Im Jahre 1785 wurde hier die erste Kirche gebaut, an welche ich mich noch sehr gut erinnern kann. Dieselbe hätte ja noch viele Jahre stehen können, da das Holz noch recht gut und fest war, aber sie war schon viel zu klein geworden, also musste sie bloss wegen Raummangel abgebrochen werden.

Im Jahre 1857 wurde hier die zweite Kirche gebaut, welche gegenwärtig nicht nur, sondern schon längst viel zu klein ist. 1873 wurde eine Orgel mit 8 Registern und einer Koppel darin aufgestellt. Wann das erste Pastorat erbaut, weiss man nicht; wahrscheinlich 18o4, weil das Kirchspiel von da an seinen eigenen selbständigen Pastor hatte, nämlich Rambach von 18o4 – 182o, während in den früheren Jahre von 1767 – 18o4 die Gemeinden durch verschiedene Vicare bedient wurden. Das jetzige Pastorat scheint das dritte zu sein, da ein früheres Pastorat abbrannte, wodurch wahrscheinlich unsere ältesten Bücher und Urkunden fehlen, indem sie gerade mitverbrannt sind, da gerade die ältesten und wichtigsten Urkunden garnicht mehr vorhanden sind. Auch dieses Pastorat brannte 1873 den 21. Mai ab; jedoch blieb der Rumpf desselben zum grössten Teil noch ziemlich gut erhalten, weshalb das Kirchspiel sich entschloss, aus dem halbverkohlten Rumpfe ein erneuertes Pastorat zu errichten und dasselbe rundherum mit Ziegel steinen zu belegen, damit es gewiss gut werden sollte; leider aber hat sichs erwiesen, dass das Kirchspiel damals nicht klug gehandelt hatte, dass jetzt allmählich mehr an Remonte gezahlt werden muss, weil es beständig irgendwo fehlt; auch jetzt ist wieder eine grossartige Remonte, welche mehrere Hunderte kostet. Dieses Pastorat wurde 1874 erneuert. Bei diesem Brande sind jedenfalls auch manche wichtige Bücher und Urkunden vernichtet worden, da auch so Manches von viel späteren Jahren fehlt.

Das Kirchspiel Jagodnaja-Poljana hat von Anfang bis heute folgende selbständige eigene Pastoren, mit Ausnahme der Vikare, gehabt: Rambach, Hermann, Aliendorf, Flittner, Hellmann, David, Holm, Hegele, Dsirne, Kahn, Schilling, Coulin, Woitkus. Zwischen jedem Pastor ist ein Vicar gewesen, je nach dem, kürzere oder längere Zeit. Die beiden Letzteren waren auch Vikare gewesen, und dann wurden sie gewählt und später bestätigt.

Im Jahre 1869 wurde das 1. Kreisamtsgebäude mit allen erforderlichen Nebengebäuden erbaut, während früher die besten Gebäude in der Kolonie fürs Kreisamt gemietet wurden.

Wann unsere ältesten Schulgebäude mit den erforderlichen Nebengebäuden erbaut wurden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit angeben; aber doch jedenfalls nicht sehr lange nach ihrer Niederlassung; denn auf die Schule hielten sie damals viel mehr als jetzt. Da es ja hier an Holz nicht fehlte, so werden sie auf jeden Fall bald ans Werk gegangen sein, zumal die Schule auch zugleich ein Bethaus war, wo der Gottesdienst gehalten werden musste. Dass ein altes Schulhaus im Winter 1852 abbrannte, erinnere ich mich noch gut. Dann wurde 1852 ein Schulhaus gebaut, das 1888 abgebrochen worden, und in demselben Jahre baute man das jetzige zweistöckige Schulhaus, welches mit Ziegelsteinen belegt ist.

Dieses Schulhaus ist der Kirchenschule gewidmet. Bald darauf wurde eine grosse ganz aus bestehende, in drei Klassen geteilte Schule für den Unterricht in der russischen Sprache erbaut, in welcher mein ältester Sohn Theophil Oberlehrer ist, während ich und mein zweiter Sohn Emanuel in der Kirchenschule Religions- und deutsche Lehrer sind, d.h. auch in der deutschen Sprache unterrichten. In der letzten Zeit wird in der russischen Landamtsschule ebenfalls deutsch unterrichtet, während daselbst die russische Sprache die Hauptsache ist. Also obligatorischer Unterricht in der russischen Sprache, während die deutschen Fächer daselbst Nebensache sind. In unserer Kirchenschule ists umgekehrt, in welcher der Unterricht in deutscher Sprache obligatorisch ist. Ein besonderer russischer Lehrer unterrichtet in der Kirchenschule in seinen Stunden nur russisch.

Seit 1878 existiert hier eine für die ganze Bevölkerung dieses deutschen aus unseren drei Gemeinden bestehenden Kreises unschätzbare Postabteilung, welche in letzterer Zeit täglich kommt und geht.

Jagodnaja-Poljana ist ein zusammengesetztes russisches Wort und heisst im Deutschen Beerenfeld, weil hier damals ganz besonders und manche Jahre auch jetzt noch eine erstaunlich grosse Menge verschiedener Beeren wuchsen, als: 1. Erdbeeren, welche diesen Sommer über reichlich vorhanden sind, weil wir den Mai hindurch und auch jetzt täglich Regen hatten, also bis zum 2o. Juni. 2. Steinbeeren, 3. Brombeeren, 4. Himbeeren, 5. Johannisbeeren, 6. Stachelbeeren usw.

Die vierterstgenannten Beeren wachsen jetzt noch draussen in der Wildnis; schmecken jedoch besser, als die in den Gärten gepflanzten.

Die beiden letzten Sorten fünf und sechs hat man jetzt hauptsächlich nur in Gärten, während man diese draussen im Walde jetzt selten oder garnicht mehr antrifft. In meinen Knabenjahren war es meine grösste Lust und Freude, wenn es hiess: „Komm, wir wollen im Walde Beeren suchen und pflücken“. Es dauerte nicht lange, wir brachten jeder einen mit verschiedenen Beeren gefüllten Krug nach Hause. Oder: man ging das eine Mal, um nur Erdbeeren zu pflücken, das andere Mal nur Steinbeeren, das dritte Mal nur Brombeeren, das vierte Mal nur Himbeeren undsofort. Damals war alles noch viel besser als jetzt, da man wartete, bis die Beeren reif waren, während jetzt die Zeit nicht abgewartet wird, sondern alles schon zerwühlt, zertreten und zerstampft ist, ehe die Reifezeit da ist und, wenn man zur rechten Zeit hinausgeht, so findet man noch nicht so viel, um sich allein satt essen zu können.

In alten Zeiten gingen ganze Familien teils mit grossen Krügen oder auch mit Eimern hinaus, ja sogar sind Familien mit Wagen hinausgefahren. Überdies bildet der Wald die Hauptviehweide. Wie kann unter solchen schlechten Verhältnissen und Umständen etwas gedeihen oder Zustandekommen. Auch wird viel zu viel Waldfrevel getrieben. Es gibt hier wohl wenige, oder garkeine, welche noch frei sind von Wald- und Holzdiebstahl. Die Erwischten werden ja auch bestraft, aber es hilft alles nichts. Die aus der Gemeinde erwählten „Waldwächter“ – wie sie hier genannt werden – tragen wohl die Hauptschuld davon, da sie fürchten, es könnte ihnen was Schlimmes widerfahren von denjenigen, welche sie erwischen. Es müsste überhaupt eine andere bessere Ordnung eingeführt werden, wenn die Nachkommen nicht ohne Wald bleiben sollen. Es ist beklagenswert, wenn die schönen Wälder so grausam nach und nach vernichtet, ja vernichtet werden. Das ist das richtige Wort. So wirds in Zukunft kommen. Die Wald- und Holzfrevlerei ist hier sozusagen gang und gäbe geworden. Jagodnaja-Poljana hiess ursprünglich: „Reinhard“ nach dem ersten Vorsteher (Schulze genannt). Jedoch währte dieser Name nicht lange; denn bald wurde der heutige Name bleibend beigelegt. Pobotschnaja ist auch ein russisches Wort und heisst auf Deutsch so viel als: Nebendorf, und ebenso ist auch Neu-Skatowka (auch Neu-Straub genannt), (die ja schon früher in Skatowka auf der Wiesenseite ansässig waren und dann hierher übersiedelten). Ein russisches Wort und heisst zu deutsch ebenfalls soviel als: Neben- oder Abhangsdorf, weil bei der Kolonie eine Reihe abhängige Berge sind.

Alle Benennungen haben ihre wahre Ursache, da die Namen so passend sind, welche die Namengeber so treffend ausgedacht haben.

Jagodnaja-Poljana liegt am Flusse – eigentlich nur ein Flüsschen – Tschardyn, welches westlich von hier, oberhalb der Kolonie ca. 4 Werst entfernt, entspringt, wozu sich noch ein Nebenflüsschen gesellt und auch ca. 4 Werst von hier, nördlich und am Zentrum der Kolonie, in das erstgenannte Flüsschen Tschardyn mündet. Das Wort „Tschardyn“ soll tartarischen Ursprungs sein. Biese beide nun vereinigten Flüsschen werden bis Sokur 12 Werst nordöstlich von hier noch mit einer Menge Nebenflüssen gespeist, namentlich auch mit dem Flüsschen von Pobotschnaja und Neu-Skatowka, sodass unsere Tschardyn in Sokur schon wirklich ein Fluss genannt werden kann; jedoch ca. 6o West östlich von hier, wo unsere Tschardyn in die Wolga mündet, ist sie ein gewaltiger Fluss.

 

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