
Bis 1774 gehörte die Region zum Khanat der Krim und war lange Zeit Durchzugsgebiet der Ansiedler der Chortitza. Im Jahre 1778 wurde auf Weisung der russischen Zarin Katharina II. und auf Vorschlag des Fürsten Grigori A. Potjomkin neben der 1737–1739 erbauten russischen Befestigungsanlage Alexanderschanze die Stadt Cherson gegründet.
Zunächst entstand eine Festungsanlage, umgeben von einem großen Wall, innen das Admiralitätshaus. Hier wurden Kriegsschiffe gebaut, welche zur Betakelung mit Kamelen etwa 30 Werst1 entfernt in einen Hafen gebracht werden, da der Dnjepr teilweise nicht tief genug für diese Schiffe war. Am Ufer des Dnjeprs, zu beiden Seiten der Festung, lagen die zivile und die militärische Vorstadt auf insgesamt etwa 6 Werst Länge. Die Baumaterialien wurden von sehr weit herangeschafft, da das Material in der Steppe nicht vorhanden war. Die Anlage der Straßen, Plätze und Gebäude erfolgte in Form eines regelmäßigen Schachbretts. Cherson war jahrelang ein wichtiger Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte.

Der Chersonsche Kreis hatte eine Fläche von ~668.240 Dessatinen3, es gab kaum Ackerbau, die wenigen Bewohner lebten in kleinen Hütten in Flußnähe, die Flüsschen Dalnik, Klein-Akerscha, Groß-Akerscha und Baraboi durchflossen den Kreis von Nord nach Süd, und bauten mangels Holz aus Rohr, welches sie auch zum Heizen nutzten. In der waldlosen Ebene der Steppe fanden sich auch Bewohner, die ihre Wohnungen in die Kurgane (Hügel) bauten, da ihnen nicht einmal Rohr zur Verfügung stand. Das Gebiet bot sich daher förmlich an für die geplante Kolonisation.

Durch Ukas des Zaren Alexander I. vom 17. Oktober 1803 wurde Herzog Richelieu beauftragt, in der Umgegend von Odessa Land anzukaufen, um darauf deutsche Kolonien anzulegen. Er erwarb von den Gutsbesitzern Graf Potoski und General Kishinski 17.935 Dessatinen Land, vom Edelmann Kujashewitsch 8.000 Dessatinen, von Majaki, Gaililei und Belajewka 8.000 Dessatinen und erhielt Kronsland, sodass die geplanten Großliebentaler Kolonien auf insgesamt 34.212 Dessatinen anlegt werden konnten.
Als erste Kolonie wurde Großliebental zu beiden Seiten des Flüsschens Groß-Akerscha gegründet, die Ansiedler waren meist Württemberger, der Bau der Kolonien erstreckte sich teilweise über Jahre. Es entstanden die Grossliebentaler Kolonien:
- Großliebental, evangelisch (1803–1804)
- Alexanderhilf, evangelisch (1805) am Flüsschen Baraboi, überwiegend Siedler aus Württemberg und Ungarn
- Peterstal, evangelisch (1805) am Flüsschen Baraboi, überwiegend Württemberger
- Lustdorf, evangelisch (1805)
- Neuburg, evangelisch (1805), überwiegend Siedler aus Württemberg
- Freundental, evangelisch (1806) am Flüsschen Baraboi
- Güldendorf, evangelisch (1817)
- Neu-Freudental, evangelisch (1828)
- Helenental (Tochterkolonie), evangelisch (1838)
- Klein-Liebental, katholisch, (1804) am Flüsschen Klein-Akerscha, Siedler zumeist aus dem Elsass und der bayerischen Pfalz
- Josefstal, katholisch, gegr. (1804–1810)
- Mariental, katholisch (1804–1809)
- Franzfeld, katholisch (1805–1809)
Die ausserordentlich schwierigen Bedingungen in der Steppe und die vielen in der Landwirtschaft unerfahrenen Siedler forderten in den ersten Jahren einen hohen Tribut, so starben von 65 Familien, die in Neuburg siedelten, 36 Familien, die Siedler für Alexanderhilf, die zur Überwinterung im Lager Owidopol lagen, beklagten 1804 binnen weniger Wochen 366 Tote, 1805–1806 starb die Kolonie fast aus und wurde erst in den Jahren 1807–1817 und 1825 mit Neusiedlern wieder belebt.
Richelieu wurde 1803 Statthalter von Odessa, von hier aus unterstützte er die in Odessa angekommenen deutschen Auswanderer, brachte sie im ersten Winter in Kasernen unter und sorgte für Landkäufe, um sie anzusiedeln.
Er erkannte aber auch, dass der Mangel an gut ausgebildeten Handwerkern die Entwicklung von Odessa hemmte, Kaufleute und Handelsvertreter, die den Großteil der Bevölkerung ausmachten, waren in seinen Augen dazu nicht imstande, auch die Ankunft von etwa einem Dutzend Handwerkern aus St. Petersburg, die eingeladen worden waren, brachte kaum Besserung.
Richelieus Appell Ende 1803, an den Handelsminister Graf Nikolai Rumjanzew in dieser Angelegenheit, blieb nicht unbeantwortet. Anfang 1804 hatte Kaiser Alexander I. das „Programm zur Besiedlung der Schwarzmeerregion“ genehmigt, das die Ansiedlung von Handwerkern aus Deutschland in Odessa vorsah. Für die Stadtbewohner wurden äußerst attraktive Bedingungen geschaffen: Befreiung vom Militärdienst, Steuerbefreiung, Religionsfreiheit und Selbstverwaltung.
Mit der Ankunft der Handwerker wurde in Odessa eine deutsche Handwerkerkolonie gegründet. Sie trug den Namen Obere Kolonie (in der Kolonistska-Straße, heute Novoselskoho-Straße) und lag außerhalb der Stadtgrenzen.

Der erste Transport deutscher Siedler erreichte die Quarantänestation Dubossary allerdings bereits am 24. August 1803, noch vor diesem Programm.
Der französische Offizier und Regierungskommissar Franz Ziegler warb nicht nur Interessenten aus Württemberg, sondern auch aus Baden, dem Elsass und Lothringen an. In 10 Transporten sollten 1.140 Personen (325 Männer, 245 Frauen, 571 Kinder) auf der Donau von Ulm, über Regensburg und Wien nach Odessa reisen.
Die Zahlen der Reisenden schwankten allerdings zwischen Abfahrt und Ankunft, da viele, nicht zuletzt durch das Trinken des Donauwassers, erkrankten und auch verstarben. Dazu kamen Reisende, die es sich anders überlegten und flohen. Im Gegenzug nutzen unterwegs öfter Bauern die Gelegenheit zur Flucht aus der Leibeigenschaft und kamen an Bord.
Ende Juni 1803 ging der erste Transport von Ulm ab, die weiteren folgten im Abstand von 10-15 Tagen. Der 10. und letzte Transport erreichte im Sommer 1804 sein Ziel.

Namensliste des ersten Transportes, der am 24. August 1803 in Dubossary ankam.5 [Abschrift Transport 1 bis 3 und 8 siehe unten]
Ende 1803 lebten 558 Deutsche in Odessa. Laut Volkszählung von 1897 waren es bereits über 10.000 Deutsche.
Die Gefahren der Überfahrt waren allerdings erheblich. Die Reise auf der Donau mit den recht schwer steuerbaren Umler Schachteln benötigte rund anderthalb Monate, war das Wetter ungünstig, musste man abwarten, bis es sich besserte und lag daher öfter an einem Ufer oder auch mitten im Strom, ehe es weiter ging.
Besonders gefährlich war die Durchquerung der Balkanstaaten, in denen die Türken herrschten. Man nahm diese Gefahren auf sich, da der Landweg von Ulm bis Radziwilow an der russischen Grenze nicht nur mindestens zwei Monate Reisezeit kostete, sondern eine Familie von 5 bis 6 Personen auch etwa 300 Gulden. Um zusätzliche Reisegelder der Krone zu ersparen, bekamen ab 1804 nur diejenigen Kolonisten einen Paß von der russischen Botschaft, die die erforderlichen Gelder vorweisen konnten.
Eine Tragödie ereignete sich im Sommer 1803 auf dem 4. Transport, nahe Silistria.

Lageplan der Festung Silistra an der Donau, Karte der russischen Belagerung 18786
Während das Boot „windfeiern“ musste, also infolge von Windstille nicht fahren konnte, überfielen etwa 30 bewaffnete Osmanen die 130 Kolonisten in der Nacht. Sie erreichten die Schlafenden mit Barken, von denen aus sie übersetzten.

Geweckt von Schüssen und Schreien versuchten sich die einfachen Handwerker und Bauern zu wehren, einer wurde erschlagen und zwölf von ihnen verwundet.
Vollständig ausgeplündert erreichten die Reisenden am nächsten Tag die weiter unten liegende Stadt an der Donau und wandten sich an den dortigen Pascha. Sie beklagten sich mündlich und schriftlich und verlangten von ihm Entschädigung für den durch seine Untertanen angerichteten Schaden. Der Pascha nahm ihre schriftliche Klage entgegen und schickte sie in Gegenwart der Kläger zur Entscheidung durch den Sultan nach Konstantinopel.
Den Auswanderern blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge ihre Fahrt fortzusetzen, da sie unmöglich über längere Zeit, womöglich Wochen, auf eine Antwort warten konnten.

Sie setzten nun alle Hoffnung auf Zar Alexander und seinen Vertreter und Vertrauten, Herzog Richelieu, der als Generalgouverneur des Zaren in Odessa saß.

Dieser nahm nicht nur die Klage der neuen Kolonisten auf, sondern erstellte ein Verzeichnis mit Namen der Familienväter, Vermögensstand und Verluste, die sie an Vermögen und Gegenständen erlitten hatten.
So entstand im St. Petersburger Staatsarchiv eine Akte zu diesen Geschehnissen: “Nach einem Auszug aus dem Briefe von Richelieu über den von den deutschen Kolonisten des 4. Transports seitens der türkischen Räuber erlittenen Überfall…”
Durch diese Auflistung enstand ein umfassendes Bild der Vermögensverhältnisse:
Das ab 1804 notwendige Minimum von 300 Talern besaßen die wenigsten, nur vier Familien waren relativ vermögend, nicht auf die Krone angewiesen und besaßen im Schnitt Werte von 1564 Talern, davon 1158 Taler Bargeld.
22 Familien besaßen 300 bis 1000 Taler, das Geld für die Reise und für die erste Zeit. Da eine durchschnittliche Bauernwirtschaft zu dieser Zeit etwa 500 Silberrubel oder Taler kostete, konnten sie problemlos den Erwerb durchführen.
Die ärmste Gruppe von 14 Familien verfügte jedoch im Durchschnitt nur über 122 Taler Vermögen, davon 55 Taler an Bargeld. Ein Auswanderer gab zu Protokoll, die Räuber hätten ihm sein Taschengeld von acht Talern und all sein Hab und Gut geraubt, welches immerhin 10 Taler wert war. Der größte Anteil an Hab und Gut dieser Familien bestand in Sachwerten, diese Einwanderer waren daher von Anfang an auf die Hilfe der Krone angewiesen.
Der Kaiser erwies Gnade und bewilligte für die etwa 20.000 verlorenen Taler ein Darlehen von 10.000, welches nach einigen Jahren zurückzuzahlen war.7
Im Jahre 1805 wurde Richelieu Generalstatthalter von Cherson, Jekaterinoslaw und der Krim, zu dieser Zeit Neurussland genannt. Er kommandierte im türkischen Krieg von 1806/1807 eine Division und war häufig mit Expeditionen in den Kaukasus beschäftigt. In den elf Jahren seiner Verwaltung entwickelte sich Odessa zu einer wichtigen Stadt.
Als er 1814 zurückkehrte nach Frankreich, blieb er den Menschen in so guter Erinnerung, das sie ihm später ein Denkmal errichten ließen.

Großliebental schaffte ebenfalls den Aufschwung seiner Kolonie und wurde aus der Umgegend zu seinem alljährlichen Maibasar besucht. So entwickelte sich die Kolonie zum zentralen Ort der Region mit Zentralschule, Mädchenschule, Krankenhaus, Waisenhaus, Waisenkasse, Konsumverein und dem Sitz des Wolostgerichts.
Ein weiteres Siedlungsgebiet der Kolonisten im Cherson waren die Glückstaler Kolonien:
- Bergdorf, evangelisch (1808–1809), Ansiedler waren ursprünglich bereits 1803 nach Grigoriopol ausgewanderter Württemberger, Pfälzer, Elsässer und eine Familie aus Ungarn
- Glückstal, evangelisch (1809), überwiegend Württemberger Familien, einige Pfälzer, Sachsen, Hessen und Preussen sowie ehemalige Ungarnauswanderer, dazu Siedler, die bereits nach Polen ausgewandert waren, ehe sie 1814 nach Südrussland weiter wanderten, teilweise 1815 weiter nach Bessarabien. Mit den Auswanderern in den Kaukasus, die hier Winterlager bezogen, zogen 1818 einige Familien ebenfalls ab in den Kaukasus.
- Neudorf, evangelisch (1809), Kolonisten aus Württemberg, Baden, der Pfalz, dem Elsass, und ehemaligen Kolonisten aus Polen, die ab 1814 einwanderten, sowie ehemaligen Kolonisten aus Ungarn
- Kassel, evangelisch (1810), Siedler aus Württemberg, Baden, der Pfalz, dem Elsass und ehemaligen Kolonisten aus Polen, die ab 1814 einwanderte
- Hoffnungstal, evangelisch (1819), gegründet durch Württemberger
- Grigoriopol, evangelisch (1803–1809), in diesem ursprünglich armenischen Ort kamen viele Einwanderer aus Württemberg an, dazu ehemalige Kolonisten aus Polen und Ungarn, um sich später in umliegenden Kolonien niederzulassen
Weitere im Jahre 1808 eingewanderte ~500 Familien wurden durch die russische Verwaltung auf Siedlungsland am Fluss Beresan angesiedelt und gründeten folgende Beresaner Kolonien:
- Rohrbach, evangelisch (1809), Kolonisten aus Württemberg, Bayern, dem Elsass und ehemaligen Kolonisten aus Polen, 1818 zogen 10 Familien nach Kaukasien
- Worms, evangelisch, (1809), überwiegend Kolonisten aus dem Elsass, Bayern, Württemberg, der Pfalz
- Waterloo, evangelisch (1819), Kolonisten aus Württemberg, Bayern, der Pfalz und ehemaligen Kolonisten aus Polen. Wegen Wassermangel aufgegeben. Die Siedler gründeten Güldendorf bei Odessa (1830).
- Johannestal, evangelisch (1820), zumeist Ansiedler aus Württemberg, Bayern und ehemaligen Kolonisten aus Polen
- Waterloo, evangelisch, (1833) 20 Familien verbliebene Familien gründeten mit 14 weiteren Familien Waterloo erneut
- München, katholisch (1809), Kolonisten aus Bayern, der Pfalz und dem Elsass
- Speyer, katholisch (1809), Gründer waren aus Bayern, der Pfalz, den Elsass
- Sulz, katholisch (1809), zumeist aus der Pfalz, Bayern und dem Elsass
- Landau, katholisch (1809–1810), überwiegend aus der Pfalz, Bayern und dem Elsass
- Rastatt, katholisch (1809–1810), überwiegend Kolonisten aus der Pfalz, Bayern und dem Elsass
- Karlsruhe, katholisch (1817), Kolonisten aus Bayern, der Pfalz und dem Elsass
- Katharinental, katholisch (1817), überwiegend aus Bayern, der Pfalz, Württemberg und Baden und ehemaligen Kolonisten aus Polen
Die russische Regierung hatte 1808 bereits die Einwandererquote auf 200 Familien im Jahr gesenkt, um alle Neuansiedler sachgerecht versorgen zu können. Für weitere Kolonisten besorgte der russische Generalgouverneur Herzog von Richelieu daher Land am Kutschurganer Liman.
Im Kolonistenbezirk Kutschurgan entstanden am gleichnamigen Fluss:
- Baden, katholisch, (1808), Kolonisten aus Bayern, der Pfalz und dem Elsass
- Elsass, katholisch, (1808), überwiegend Bayern, Pfälzer, Elsässer
- Kandel, katholisch, (1808), überwiegend Bayern, Pfälzer, Elsässer
- Mannheim, katholisch, (1808), neben Elsässern, Bayern und Pfälzern siedelten ehemalige Kolonisten aus Polen, die dort abzogen
- Selz, katholisch, (1808), die meisten Siedler kamen aus dme Elsass und der Pfalz, einige aus Bayern und Preussen
- Strassburg, katholisch, (1808), gegründet von Elsässern und preußischen Kolonisten, die aus Polen abzogen
- Werst = 1,0668 Kilometer ↩︎
- wikimedia, Ausschnitt aus Ukraine, Kherson, island district – panoramio, Fotograf , 15.8.2009, CC BY 3.0 ↩︎
- Dessätine (Deßjätina, Dessatine), russisches Flächenmaß = 2400 Quadratfaschen = 1,0925 ha ↩︎
- Etienne Frederic Lignon – National Portrait Gallery: NPG D15923 Gemeinfrei ↩︎
- Eisfeld, Alfred, 200 Jahre Ansiedlung der Deutschen im Schwarzmeergebiet, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. 2003. p.4 ↩︎
- Von Ottoman Empire – Archiv Festung Sailistra, Gemeinfrei, ↩︎
- Malinowski, L.V.: Deutsche in Rußland und Sibirien, Barnaul 2000, p.13ff ↩︎
- RijksmuseumRP-F-F00944-6 Wikimedia ↩︎
alle weiteren Bilder: Boris Clever
