Jagodnaja Poljana (V)

Jagodnaja-Poljana, den 8 ./21. August 19o9.

Gespräch zwischen zwei guten Nachbarn und Gevattersleuten über eine schreckliche Begebenheit mit einem Wolfe, welche sich hier und in der Umgegend am 2. und 3. Juli a. c. in Wirklichkeit zugetragen. Beider Zwiegespräch wird mit A. und K. bezeichnet; damit man sich von der hiesigen Umgangs- und Volkssprache einigermaßen eine kleine Verteilung machen kann, will ich versuchen, so gut ich es vermag, sie im Volksdialekt der Hiesigen darzustellen, was aber nichts leichtes ist, da manche Worte, Ausdrücke und Sätze sehr schwer wiederzugeben sind. Da die dortige Umgangssprache der Schottener fast gleichkommt, werden sie unsere Leser sofort verstehen. Eigentümlich ist es, dass sich dieser Dialekt unverfälscht fast zwei Jahrhunderte erhalten hat.

A. G’morga, G’vottermann! A. Guten Morgen, Gevattermann!
K. Schenn‘ Dank, G’votterman! K. Schönen Dank, Gevattermann!
A. Host d‘ aach schund was Naues g’hiert? A. Hast du auch schon was Neues gehört?

K. Bis alleweil waas aich noch nix Naues.

K. Bis alleweil weiß ich noch nichts Neues.
A. Haut‘ d‘ Morga, ön aller Froi genga etliche Waiwer ön Marrichen – u’g’föhr sechs bis acht – ön’n Wald im Aeben z‘ blecka, ower Schwemm‘ (Grusdi) z’sucha. Dä’ntwega mancha aach Aamer metg’nomma harra. A. Heute, am Morgen, in aller Frühe gingen etliche Frauen (Weiber) und Mädchen, – ungefähr sechs bis acht – in den Wald um Erdbeeren zu pflücken oder Pilze zu suchen, weshalb (derentwegen) manche auch Eimer mitgenommen hatten.
K. G’vottermann! Dou wollt’st m‘r doch was Naues v’rzehla ön no‘ brengst Dou m’r do lauter Dinga für, däi alla Doog poormol fürkomma, wo blait dann ower Dai Nauigkeit? Aich sei sihr nauscherig, däi s’a hiir’n. K. Gevattermann, du wolltest mir doch was Neues erzählen, und nun bringst du mir da lauter Dinge vor, die alle Tage ein paarmal vorkommen; wo bleibt denn aber deine Neuigkeit? Ich bin sehr neugierig, diese zu hören
A. Wott‘ no a‘ mol noch ä Bessi, G’vottermann! Aich muß d’r doch erscht d’r O’fang v’rzehla, domet dou d’rnoch doch waaßt, wäi Alles zougeng, ön wos sich so fihr Größliches zoug’traat, wos näit bassiert ös, diweil Jagoda stiht. A. Warte nur einmal noch ein bisschen, Gevattermann! Ich muss dir zuerst den Anfang erzählen, damit du danach doch weißt, wie alles zuging, und was sich so sehr Grausliches zugetragen (hat), was nicht passiert ist, solange (die-weil) Jagoda (Jagodnaja) steht.
K. Nu mächst d‘ maich ower noch neuscheriger, als wäi aich fürher wor, drim mach m’r di Zeit näit zou lang ön komm baal o’s Ziel. K. Nun machst du mich aber noch neugieriger, als (wie) ich vorher war; drum mache mir die Zeit nicht zu lang und komme bald an’s Ziel.
A. Gleich, Gleich kimmts. Dou waaßt doch d’r Schmeergrowa u’g’fehr zwa bis drei Wöscht vo‘ d’r Kolonie. Sält hott sich wos obschoilich Grißliches mer’m fofzehajehrige Maadche zoug’traat! A. Gleich, gleich kommt’s. Du kennst doch den Schmeergraben, ungefähr zwei bis drei Werst (Werst = 1 km) von der Kolonie. Dort hat sich etwas abscheulich Grausliches mit einem fünfzehnjährigen Mädchen zugetragen.
K. Ei, so saa’s doch gleich’a raus, wos’s ös met dem Maadcha; dann aich setza wäi uf haaßa Kohla! K. Ei, so sage es doch gleich heraus, was ist es mit dem Mädchen? Denn ich sitze wie auf heißen Kohlen!
A. Mir geng’s aach so wäi Dir, als m’r däi u’erhiiet G’schichta v’rzehlt wonn woor, weil so wos näit alla Doog bassiert, ower denk d’r aach d’r Schräcka der junge Weiwer ön Marrichen, däi wu d’bei worn ön den Grissil met zouseha mußta, ön näit recht hälfa konnta; ower ganz faul sei sa doch d’bei näit g’wäst. A. Mir ging’s auch so wie dir, als mir die unerhörte Geschichte erzählt worden ist, weil so was nicht alle Tage passiert, aber denke dir auch den Schrecken der jungen Frauen (Weiber) und Mädchen, die (wo) dabei waren und das Grässliche mit ansehen mussten und nicht recht helfen konnten; aber ganz untätig (faul) sind sie dabei doch nicht gewesen.
K. G’vottermann! Aich saa D’r, wann dou näit baal’ a’raus sähst wos’s aigentlich ös met dem Maadcha, dann mächst dou maich grindlich biis. Dou häst läwer Däi ganz G’schichta met allem, wos drim ön dro ös, für daich b’haale konna ön mir go‘ nix davo g’saat. K. Gevattermann! Ich sage dir, wenn du nicht bald heraussagst, was es eigentlich ist mit dem Mädchen, dann tust du mich gründlich böse machen. Du hättest lieber die ganze Geschichte mit allem, was drum und dran ist, für dich behalten können und mir gar nichts davon gesagt.
A. No, no, läwer G’vottermann! Hu nor noch a wink G’dold, ön wänn m’r zou gourerletzt näit noch biis; Dänn mit dir, mei läwer Gumm (Gumm russisch= G´vottermann) maan´ aich’s inner alla meina G’votterschleut ön Nochbern om Allerbesta, sost wör aich näit d’r öscht zou Dir g’komma, im Dir di grißlich G’schichta met dem Maadcha z‘ v’rzehla. A. Nein, nein, lieber Gevattermann, habe nur noch ein wenig Geduld, und werde mir zu guter Letzt nicht noch böse! Denn mit dir, mein lieber Gevattermann, meine ich’s unter allen meinen Gevatterleuten und Nachbarn am allerbesten, sonst wäre ich nicht zuerst zu dir gekommen, um dir die grässliche Geschichte mit dem Mädchen zu erzählen.
K. Mach nor dei‘ schricklich G’schichta met dem Maadcha zoum Enn, dann ös d’r alles v’rzöcha. Dou böst m’r dos mol ’n goor zou langweiliga V’rzehler; dänn dou hast vo O’fang bis jetzt nor imm’r vo ‘s rer schrecklicha, schauerlicha, grausama ön grißlicha G’schichta mer ’m ’a Maadcha v’erzählt, wäh’end aich doch met Schmätza ön grißter Neuscherigkeit watta ön watta, ön wos dann wirklich däi G’schicht b’stiht? Dorim birr ich daich, machs ko’tz ön saa‘s a´raus, sost stei aich uf ön gih´ ´a ´naus, weil aich´s näit mi‘ länger aushaala kann, ön Alles – außer m Lebgoitt – ‘n O’fang ön a Enn hott. K. Mache nur deine schreckliche Geschichte mit dem Mädchen zum Ende, dann ist dir alles verziehen. Du bist mir diesmal ein gar zu langweiliger Erzähler; denn du hast vom Anfang bis jetzt nur immer von so einer schrecklichen, schauerlichen, grausamen und grässlichen Geschichte mit einem Mädchen erzählt, während ich doch mit Schmerzen und größter Neugierigkeit warte und warte, in was denn wirklich die Geschichte besteht. Darum bitte ich dich, mach’s kurz und sag’s heraus, sonst stehe ich auf und gehe hinaus, weil ich’s nicht mehr länger aushalten kann, und alles außer dem lieben Gott einen Anfang und ein Ende hat.
A. Aich seha äwwa, daß Dou ganz aus ‘m Hoisi g’komma böst, wäiwuhl aich’s fihr gout met D’r g’maant, drim nix für u’gout, hat D’r die ganza G’schichta ausführlich v’rzehla wolla. A. Ich sehe eben, dass du ganz aus dem Häus’chen gekommen bist, wiewohl ich’s sehr gut mit dir gemeint (habe), darum nicht’s für ungut, hatte dir die ganze Geschichte ausführlich erzählen wollen.

K. Dou kimmst jo schund wirra ön dei aalt´ G’leier ´anönn, so komm´ doch endlich ´a mol zourr Sacha sälbst, ön faa met ko’tza Wotta, wos hott sich dann eigentlich met dem Maadcha zoug’traat? Aich roora ön roora däi ganza Zeit ön stella m’r allerlei Dinga für, also faa ’s ko’tz a´raus, ön dann ös aach die G’schichta aus, näit wohr? 

K. Du kommst ja schon wieder in dein altes Geleier hinein, nun komm doch endlich einmal zur Sache selbst, und sage mit kurzen Worten, was hat sich denn eigentlich mit dem Mädchen zugetragen? Ich rate und rate die ganze Zeit und stelle mir allerlei Dinge vor, also sage es kurz heraus, und dann ist auch die Geschichte aus, nicht wahr?

A. Könnt´st aach wirklich Räächt hu‘, was aich sälwer önseha. Wu woor ich dann g’blöwa? Do muß aich mich öscht b’sönna.

A. Könntest auch wirklich recht haben, was ich selber einsehe. Wo war ich denn stehen geblieben? Da muss ich mich erst besinnen.
K. Doß die junga Weiwer ön Marrichen aach näit faul d’bei zoug’seha harra. No, ´raus domet! Wos worr dann da? K. Dass die jungen Weiber und Mädchen auch nicht faul (nicht untätig) dabei zugesehen hatten. Nun heraus damit! Was war denn da?

A. Räächt so! Däi woarn ön ‘n Waald g’ganga, im Ae’ben z’blecka, ower Schwemm (Grusdi) z’sucha, wos sa fönna dera, däsentwega harra sa´ daals Krugg´, ön daals Aamer metg’nomma.

A. Recht so! Die waren in den Wald gegangen, um Erdbeeren zu pflücken, oder Pilze (Grusdi) zu suchen, was sie finden täten, deswegen hatten sie teils Krüge und teils Eimer mitgenommen.
K. Dou böst jo wirra zoum O´fang z’reckg’komma. Wann Dou so fo’t mächst, wäscht d’haut näit föttig wänn met derr G’schichta. K. Du bist ja wieder zum Anfang zurückgekommen. Wenn du so weitermachst, wirst du heute nicht fertig werden mit der (dieser) Geschichte.
A. Oendem däi Weiwer ön Marrichen o‘ ihr G’schäft gange, springt uf´ a´Mol ’n Wolf mötta inner sa‘ ön ‘rhascht a fofzehnjöhrig Maadcha, böß ‘m täf ön a´ Baa ön röß‘s zoum Aeärdburram, wehr’nd die Uewriga aus Leiweskräfta im Helf´ kröscha. Das Maadcha konnt für Schräcka kaan´ Laut vo‘ sich gäwwa. Viermol v’rsucht dos u’glecklich Maadcha, saich vom Erdburram zou ’rhewa owwer jedes Mol röß ‘s d’r Wollaf uf die Aera ön harr ‘m väil tät Bößwonna o´am ganza Körper beig’brocht; owwer‘s G’sicht woor grood z’rflaascht, so daß ‘s nor noch a’ma blourige Steck Flaasch glöch! Däi Weiwer ön Marrichen blöwa owwer doch kaa blußa Metzougucker; säi ihr’a Aamer ’rwescht ön soft Wääsa zoum Schmeißa, was sa‘ öm Aageblöck g’fonna geng’s uff’n Drach, wehr’nddemcha säi immer aus Leiweskräfta kröscha; owwer dos Mißg’burt hatt vo’dem b’dauerliche Maadcha näit lusg’lossa, ön wann näit dorch des G’resch noch ’n Mann zour Helf bei’gkomma wör, der den Wollaf ön die Flucht g’jaat hätt, so wör das u’glecklich Maadcha vo‘ dem Wollaf ufm Platz v’rrössa wo´nn´! Wonnerboor woor vo‘ dena üwrige Weiwer ön Marrichen ka‘ aa’s vo´dem Wollaf o‘ g’rihrt wonn. Nu hat d’s Aebenblecka ön Schwemmsucha a´ Enn, indemcha sie sich All´ met dem üwilzoug’richteta Maadcha zwu bis drei Wöscht vo´ d’r Kolonie ob uf´n Hammweg machta. D’r Aellärn Schräcka woor u’b’schreiblich beim O’blöck ihr (g´liebta) läwa, ältesta ön a’ziga Tochter, däi ön ihre allaweiliga Zoustand‘ ganz v’rstellt on‘ näit wirra zu ‘rkenna woor! Uff´ d’r Stell woor d’r Feldscher g’langt der die Wonna ausg’wäscha, v’rneht ön v’rbonna, ön da woor d’r Herr Pastor g’langt, im am d’s Heilige Noodmahl z’raacha ön baal d’nooch broocht m’rsch sich zom Doktr nach Asorka, siwwa Wöscht vo‘ häi, vo‘ wo ‘s weirer (noch 3-4 Doog) zou d’r Doktor ön Sartu g’bracht woor wonn, domet‘s gründlich g’haalt det wänn. Bei allem ‘a Rimhandtiern o‘ dem orama Maadcha hatt m’r vo‘ dem zoum V’rwonnern kaa’n Ach ön kaa‘ Wih bei all seine sihr groußa Schmätza g’hiert, ‘s woor immer d’bei stell! A. Indem die Weiber und Mädchen an ihr Geschäft gingen (an ihre Arbeit), springt auf einmal ein Wolf mitten unter sie und erhascht ein fünfzehnjähriges Mädchen, biss ihm tief in ein Bein und riss es zum Erdboden, während die übrigen aus Leibeskräften um Hilfe schrien. Das Mädchen konnte vor Schrecken keinen Laut von sich geben. Viermal versuchte das unglückliche Mädchen sich vom Erdboden sich erheben, aber jedes Mal riss es der Wolf auf die Erde und hatte ihm viele tiefe Bisswunden am ganzen Körper beigebracht; aber das Gesicht war ganz zerfleischt, so dass es nur noch einem blutigen Stück Fleisch glich! Die Weiber und Mädchen blieben aber doch keine bloßen Mitzuschauer; sie ihre Eimer erwischten und noch sonst Werkzeuge zum Schmeißen, was sie im Augenblick gefunden, ging’s auf den Drachen, während dem sie immer aus Leibeskräften schrien; aber das Missgeburt hat von dem bedauerlichen Mädchen nicht losgelassen, und wenn nicht durch das Geschrei noch ein Mann zu Hilfe gekommen wäre, der den Wolf in die Flucht gejagt hätte, so wäre das unglückliche Mädchen von dem Wolf auf dem Platz zerrissen worden. Wunderbar war von den übrigen Weibern und Mädchen keines von dem Wolf angerührt worden. – Nun hatte das Erdbeerenpflücken und Pilzesuchen ein Ende, indem sie sich alle mit dem übel zugerichteten Mädchen zwei bis drei Kilometer von dem Ort ab auf den Heimweg machten. Der Eltern Schrecken war unbeschreiblich beim Anblick ihrer lieben ältesten und einzigen Tochter, die in ihrem jetzigen (alleweiligen) Zustand ganz entstellt und nicht wieder zu erkennen war. Auf der Stelle wurde der Feldscher geholt, der die Wunde ausgewaschen, vernäht und verbunden hat, und dann wurde der Herr Pfarrer geholt, um ihm das heilige Abendmahl zu reichen, und bald danach brachte man es nach Asorka, sieben Kilometer von hier, von wo es weiter noch drei bis vier Tage zu den Doktoren (Ärzten) in Saratow gebracht worden ist, damit es gründlich geheilt würde. Bei allem Herumhantieren an dem armen Mädchen hatte man von dem zum Verwundern kein Ach und kein Weh bei all seinen sehr großen Schmerzen gehört, war immer stille dabei.
K. Danke D’r, mei läwer G’vottermann! Dos Mol host D‘ m’r sihr g’falla, weill D‘ m’r däi ganza schrecklicha B’gäwaheit ön am Zug gv’rzehlt host, ohna aach nor a’mol önz’haala. Dou host Räächt g’hott, däi B’gäwaheit is a‘ schrecklich G’schichta z nenna; dänn so was Grißliches hott m’r häi ön d’r Daat noch näit g’hiert, dieweil Jagoda stiht! Maich fröstilt’s alleweil noch ön all‘ meina Glirrer, als ob aich’s Fiewer hätt‘. K. Danke dir, mein lieber Gevattermann! Diesmal hast du mir sehr gefallen, weil du mir die ganze schreckliche Begebenheit in einem Zuge erzählt hast, ohne auch nur einmal einzuhalten. Du hast recht gehabt, diese Begebenheit eine schreckliche Geschichte zu nennen; denn so was Grässliches hat man hier in der Tat noch nicht gehört, dieweil (solange) Jagoda steht! Mich fröstelt es alleweil (eben) noch in all meinen Gliedern, als ob ich Fieber hätte.

A. Goitt, d’r Herr, b’hoira ön b’wohr’n jeden Menscha für so a’ma grausama u’glecklicha Schicksal! Etzt muß aich owwer aach gih, dänn für maich ös’s schund längst Zeit, weil alleweil di Aale aach öfter nierig sei bei mancher Aerwet, däi m’r noch v’rrichta kann, ön somet saa‘ ich für haut: Adjees!

A. Gott, der Herr, behüte und bewahre einen jeden Menschen vor so einem unglücklichen grausamen Schicksal! Jetzt muss ich aber auch gehen, denn für mich ist es schon längst Zeit, weil alleweil die Alten noch öfter nötig sind für manche Arbeit, die man noch verrichten kann, und somit sage ich für heute Adieu!
K. Adjees! Mei Läwer! V’rgäß d’s Wirrakomma nor näit ön breng m’r baal wirra a läiblichera Nauigkeit wäi däi woor. K. Adjees, mein Lieber, vergiss das Wiederkommen nur nicht und bringe mir bald wieder eine lieblichere Neuigkeit, als diese war.
Schon am folgenden Tage, den 3 Juli vormittags kam der Nachbar und Gevatter A. wieder zu seinem Nachbar:
A. G‘ morga, G’votter K.! A. Guten Morgen, Gevatter K.!
K. G’morga, G’votter A.! Aich sehe D’rsch o, ohna z’freha, daß D‘ m’r wirra wichtiga Nauigkeira brengst, näit wohr? K. Guten Morgen, Gevatter A.! Ich sehe dir’s an, ohne zu fragen, dass du mir wieder wichtige Neuigkeiten bringst, nicht wahr?
A. Jo! Do host’s richtig getroffa; owwer aich möchte‘ Dich birra, maich wehr’nd meira V’rzehling näit so oft z‘ innerbrächa, wäi D‘ gäst‘ g’tu, sost v’rliert m’r sihr leicht d’r Forram ön wädd irr. Dou mußt ewwa Gedold met m’r hu‘ ön m’r mein freia Laaf lossa, bis zoum Enn‘ dann solst D‘ seha, doß aich met meira V’rzehling vail schnäller zum Enn komma, weil aich haut aach näit so väil Zeit hu, wäi gäst‘. A. Ja, du hast’s richtig getroffen; aber ich möchte dich bitten, mich während meiner Erzählung (Vrzehling) nicht so oft zu unterbrechen, wie du gestern getan, sonst verliert man sehr leicht den Faden und wird irre. Du mußt eben Geduld mit mir haben und mir meinen freien Lauf lassen bis zum Ende, dann sollst du sehen, dass ich mit meiner Erzählung viel schneller zum Ende komme, weil ich heute auch nicht so viel Zeit habe wie gestern.
K. Aich v’rsprächa D’r, so väil wäi miglich, maich stell z’v’haala, wann Dou nor näit so grußa Imschweisa dn Weitlästigreira, u’niriga, mächst, wäi gäft. Eßt kannst D‘ gleich Die V’rzehling owwer Erläbnis vo‘ Jemand o’fanga. K. Ich verspreche dir, so viel wie möglich, mich still zu verhalten, wenn du nur nicht so große Umschweife und Weitläufigkeiten, unnötige, machst wie gestern. Jetzt kannst du gleich deine Erzählung oder Erlebnis von jemand anfangen.
A. Di‘ Morget genga ön aller Froi 6 lerriga Boscha ön’n Waald, im ihra om fürhergegangene Qwed uf di Waad g’broochte Goil z’langa. Weil owwer om Doog d’für dos schrecklich Eragnis met dem Wollaf ön dem u’glecklicha Maadcha sich zoug’traat, genga sa als zwie ön zwie ihra obbordiga Waaldwegilche, wehr’nd sost nor aner geng; doch dos Mol brauchta sa Fürsicht, weil der nämlicha, owwer aach ‘n annerer Wollaf aach ihna ufftußa konnt. Zour Sicherheit woorsch wirklich besser, daß däi Bouwa (Boscha) als zwie ön zwie genga ihr Goil z‘ sucha. Wehr’nd nu a vo‘ dere Partie b’stännig Imguck noch Ihra na Goil gehaala, woor plötzlich an’r vo dena vo‘ hönna ön a Baa‘ g’bössa, do druff harra sich schäll, wäi d’r Blitz, ‘rrimgedreht ön zou sei’m Schräcka ‘n Wollaf erbleckt; owwer doch worra v’rstennig g’bläwa, ön äwwa so schnäll harra den Wollaf beim Maul g’packt, ön ‘n recht fest immklammert, doß a näit beißa konnt‘, wehr’nd sein Kamerod öm selwa Agebleck dem Wollaf vo hönn auf’n Reck sprung ön ‘n bei de Uhr’n pakt. Uf däi Weis‘ konnt dä Woolaf nix macha, owwer aach däi zwi Bouwa konnta weirer nix tu‘; dänn sobaal säi ‘n lusg’lossa härra, wär’sch vielleicht noch schlämmer für sie wonn; owwer sie mochta spür’n, doß ihra Kräfta nochg’lossa, doher kröscha sa aus Leiweskräfta noch ihr ana Komerada im Helf. Noch ihrer V’robreding koma däisälwa aach baal ön schmössa met ihrana Zeem ön Goilsschlösser aus alla Kräfta so lang uff’n luus, bis sie ‘m d’r Goraus g’moocht härre. Om sälwige Doog woor aach ön Pobotschna ‘n Hirt vo ‘ma Wollaf zimmlich üwwll zougericht. Der tutg’schmössana Wollaf woar häiher für uuf‘ Kol’nieamt gebroocht, wo der, der dos häi schreibt, den Wollaf aach b’tracht hat. Für jeden tuura owwer läwiga, öngelieferta Wollaf b’kimmt m’r a B’luhning vo‘ d’r G’maa‘ ausb’zohlt. Do druff woor dä tuut‘ Wollaf zoum Dokter nooch Sooker g’foh’n wo’nn‘ im ‘n vo‘ dem innersucha g‘ lossa, ob a‘ näit vielleicht doll g’wäst wer‘. Häi woor dä Wollaf uff Oordning vom Dokter uffgemoocht ön wos m’r g’sächt, hat sich äwwer ’rrausg’stellt, do d’r Dokter O’zaacha vo d’r Dollwut bei’m fürgefonna hott. Dann woor der Wollaf v’rbrannt ön v’rgrowa wonn. Do druff waar’n alla drei g’bössena Personen – inner dennen aach der Pobotschner Hirt – am fünnafta ön sechsta Juli zum Oeproffa gega die Dollwut nach Sartu g’broocht, wo sa 3-4 Wocha v’rweila mussa. Aach Goil, Koi, Kälwer ön Soi sei g’bessa wonn‘, ön wer waas, wäi väit anner Vieh, als Honn, Wollaf ön so weirer, vo ‘m g’bössa sei mochta. Daraus kann noch griißeres U’glück ön U’heil folga, wäi’s schund ös. Alla O’zaacha sprecha d’für, dass das immer an ön d’rsälwa Wollaf gewäst ös, wu all dos U’heil og’richt hott, weil m’r seitdem nix weirer g’hiirt ön g’seha hott. A zeitlang hott sich kaan Mensch alaa ön ohna wos ön d’r Haand z‘ huu getraut, öu ‘n Waald z‘ gih. Weils o Schißgewehara fehlt ön m’r däi näit traa‘ däff, nimmt m’r tüchtige Kneppil, Möstgowil, Dreschflegil, Hacke ön Beiler met, im ön d’r Rut saich wehr’n z‘ konna. A. Diesen Morgen gingen in aller Frühe sechs ledige Burschen in den Wald, um ihre am vorhergegangenen Abend auf die Weide gebrachten Gaul zu holen. Weil aber am Tag davor das schreckliche Ereignis mit dem Wolf und dem unglücklichen Mädchen sich zugetragen (hatte), gingen sie immer zwei und zwei ihre besonderen Waldpfädchen, während sonst nur einer ging; doch diesmal brauchten sie Vorsicht, weil der selbe oder auch ein anderer Wolf auch ihnen aufstoßen konnte. Zur Sicherheit war’s wirklich besser, dass diese Burschen immer zwei und zwei gingen, ihre Gäule zu suchen. Während nun einer von dieser Partie beständig Umschau nach ihren Gäulen gehalten (hatte), war plötzlich einer von denen von hinten in ein Bein gebissen (worden), darauf hatte er sich schnell wie der Blitz herumgedreht, und zu seinem Schrecken einen Wolf erblickt; aber doch war er verständig geblieben, und ebenso schnell hatte er den Wolf beim Maul gepackt und ihn recht fest umklammert, dass er nicht beißen konnte, während sein Kamerad im selben Augenblick dem Wolf von hinten auf den Rücken sprang und ihn bei den Ohren packte. Auf diese Weise konnte der Wolf nichts machen, aber auch die zwei Burschen konnten weiter nichts tun; denn sobald sie ihn losgelassen hätten, wäre es vielleicht noch schlimmer für sie geworden; aber sie mochten spüren, dass ihre Kräfte nachgelassen, daher schrien sie aus Leibeskräften nach ihren Kameraden um Hilfe. Nach ihrer Verabredung kamen dieselben auch bald und hauten (schmissen) mit ihren Zäumen und Pferdeschlössern (Goilsschlösser)aus allen Kräften so lange auf ihn los, bis sie ihm den Garaus gemacht hatten. Am selbigen Tag war auch in Pobotschnaja ein Hirte von einem Wolf ziemlich übel zugerichtet (worden). Der totgeschmissene Wolf war hierher vor unser Kolonieamt gebracht (worden), wo der, der das hinschreibt, den Wolf auch betrachtet hat. Für jeden tot oder lebendig eingelieferten Wolf bekommt man eine Belohnung von der Gemeinde ausbezahlt. Darauf war der tote Wolf zum Tierarzt (Dokter) nach Sokur gefahren worden, um ihn von dem untersuchen zu lassen, ob er nicht vielleicht toll gewesen wäre. Hier war der Wolf auf Anordnung vom Tierarzt (Dokter) aufgemacht (worden), und was man befürchtet (hatte), hat sich eben herausgestellt, als der Tierarzt Anzeichen von (der) Tollwut bei ihm vorgefunden hatte. Dann war der Wolf verbrannt und vergraben worden. Darauf waren alle drei gebissene Personen, unter denen auch der Pobotschnajaer Hirte, am fünften und sechsten Juli zum Einimpfen gegen die Tollwut nach Saratow gebracht (worden), wo sie drei bis vier Wochen bleiben müssen. Auch Pferde, Kühe, Kälber und Schweine sind gebissen worden, und wer weiß, wie viel anderes Vieh als Hunde, Wölfe und so weiter, von ihm gebissen sein mochten. Daraus kann noch größeres Unglück und Unheil folgen, als es jetzt schon ist. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass es immer ein und derselbe Wolf gewesen ist, der all das Unheil angerichtet hat, weil man seitdem nichts weiter gehört und gesehen hat. Eine Zeitlang hat sich kein Mensch allein und ohne etwas in der Hand zu haben, getraut in den Wald zu gehen. Weil’s an Schießgewehren fehlt und man die nicht tragen darf, nimmt man tüchtige Knüppel, Mistgabeln, Dreschflegel, Hacken und Beile mit, um in der Not sich wehren zu können.
K. Das sei doch sihr schrecklicha Dinga, daä häi noch niemols fürg’komma sei! Wohrscheinlich wänn m’r noch Obber o Mensch ön Vieh ’rläwa, dou sollst seha! K. Das sind doch sehr schreckliche Dinge, die hier noch niemals vorgekommen sind. Wahrscheinlich werden wir noch Opfer an Menschen und Vieh erleben, du sollst sehen!
A. Derselwa Maaning sei aach aich. Gäb Goitt, daß w’r alla zwie uus g’irrt härra! Somet saa‘ aich adies! A. Der selben Meinung bin auch ich. Gäbe Gott, dass wir alle zwei uns geirrt hätten! Nun muss ich aber gehen! Somit sage ich Adje!
K. Adiees! Dank d’r für die spannend V’rzehling. K. Adiees! Danke dir für deine spannende Erzählung.
Über drei Wochen, gegen Ausgang Juli, fast am Abend, etwa um sieben Uhr, kommt A. endlich wieder mal zu K. es entspinnt sich folgendes Zweigespräch
A. G’noved, G’vottermann! A. Guten Abend, Gevattermann!
K. Schenn Dank, mein läwa G’vottermann! Sei m´r herzlich wellkomma. Dou böst jo sihr lang´näit häi g´wäst. Host D‘ näit wirra äbbes Naues z‘ v’rzähla? K. Schönen Dank, mein lieber Gevattermann! Sei herzlich willkommen! Hast du nicht wieder etwas Neues zu erzählen?
A. Jo! Wär ih‘ g’komma, hatt kaa‘ Zeit. A. Ja! Wäre eher gekommen, hatte keine Zeit.
K. Schii! Nu lossa mol gleich hiir’n, wos D‘ waaßt. K. Schön! Nun lasse mal gleich hören, was du weißt.
A. Dos ooram, u’glecklich Maadcha, dos vo dem dolla Wollauf so obschoilich üwwil zoug’richt woor on zour Haaling noch Sartu g´broocht wonn, ös sält 3 Wocha nooch’m Wolfsböß gega alles Oenspretza gega di Dollwut, doch doll wonn. Am 24 Juli, Nahts 12 Auer, woor das d’r Dollwut zoum Obber g’fallena jung Maadcha vo‘ 15 Johr 5 Miind on 23 Doog g’stoarwa: Katrillis Ruhl, Tochter vom Hanjerg Ruhl ön seira Fraa Marie-Kathrina geborene Scheuermann. Däi u’f so grausamme ön‘ u’glecklich Weis‘ dohi‘ gestoarwana, sihr g’läbt, ältesta ön‘ aazig Tochter, der sihr nirrerg’schloana ön‘ taifb’troibta Aeltern woor dorch d’n Herrn Propst Thomson in Sartu b’growa woann. Di‘ trauriga Aeltern hu‘ nor noch 1 Suh vo‘ 10 Jahr ön 1 Sihcha vo‘ 7 Miind. D’r Jommer d’r Aeltern is u’b’schreiblich. Dä häsig Bosch en dä Pobotschner Hirt sei aus d’r Proff=O’stalt gega di Dollwut kötzlich als g’haalt aus d’rsälwa obg’lossa woann. Weil das Maadcha d’r Dollwut erlega es, so hu‘ aach däi immer haamlicha Focht ön sich, wehr’nd sa b’denka missa, doß dos Maadcha fechterlich om Kopp, also sihr noch beim Hönn Wonna hatt ön säid‘ gega o’d’rinnerschta Daler ön leichter Oart Wonna harra. Zoum Bedauern hot dis schlömm Ohning vom Dollwänn d’r g’bössana Goil ön Koi aach schund mihfach b’stätigt! Den Nau-Straub (Neu-Skatowka) sai schund vier dolla Goil ön häi vier dolla Koi ’rschossa woann. Amol ös der, wu dos schreibt, aach d’bei g’wäst. Aach näit noor ön d’r drei Kolonie a´laa, aach ön d’r nächste Russadörfer gett´s fast täglich doll Vieh. Häi g’nießt kaan Mensch mih Melch aus Focht, däi Kou könnt vielleicht monn doll sei, kotz Alles, wos nor vo´ra Kou obstammt wädd alleweil nix g’nossa. Aewwa so sei aach Goil ön Koi doll g’wäst ön krepiert, ohna doß a’g’saagt woor wonn. Zour Ausrottung, ower zoum Wingsta, die Wöllaf vo’ häi weg z’treiwa, müßta a´ allg‘maana Wollafstreibjochd v’ro’stalt wann. A. Das arme unglückliche Mädchen, das von dem tollen Wolf so abscheulich übel zugerichtet war und zur Heilung nach Saratow gebracht worden war, ist dort drei Wochen nach dem Wolfsbiss trotz aller Spritzen gegen die Tollwut doch toll geworden. Am 24. Juli, nachts zwölf Uhr, war das der Tollwut zum Opfer gefallene junge Mädchen von 15 Jahren, 5 Monaten und 23 Tagen gestorben, Katrillis (Katharina Elisabeth) Ruhl, Tochter von Hansjerg (Johann Georg) Ruhl und seiner Frau Maria Katharina Scheuermann. Die auf so grausame und unglückliche Weise dahingestorbene älteste und einzige Tochter der sehr niedergeschlagenen und tiefbetrübten Eltern war durch den Herrn Propst Thomson in Saratow begraben worden. Die traurigen Eltern haben nur noch einen Sohn von zehn Jahren und ein Söhnchen von sieben Monaten. Der Jammer der Eltern ist unbeschreiblich. Die hiesigen Burschen und der Pobotschner Hirte sind aus der Impfanstalt gegen die Tollwut kürzlich als geheilt aus derselben entlassen (abgelassen) worden. Weil das Mädchen der Tollwut erlegen ist, so haben die auch immer heimliche‘ Furcht in sich, während sie bedenken müssen, dass das Mädchen fürchterlich am Kopf, also sehr nahe beim Gehirn, Wunden hatte, und sie dagegen an den untersten Körperteilen und leichter Art Wunden hatten. Zum Bedauern hat die schlimme Ahnung vom Tollwerden der gebissenen Pferde und Kühe sich auch schon mehrfach bestätigt. In Neu-Straub (Neu-Skatowka) sind schon vier tolle Pferde und hier vier tolle Kühe erschossen worden. Einmal ist der, der das schreibt, auch dabei gewesen. Auch nicht nur in den drei Kolonien allein, auch in den nächsten Russendörfern gibt’s fast täglich tolles Vieh. Hier genießt kein Mensch mehr Milch, aus Angst, die Kuh könnte vielleicht morgen toll sein; kurz, alles, was nur von einer Kuh stammt, wird zur Zeit (alleweil) nicht(s) genossen. Ebenso sind auch Pferde und Kühe toll gewesen und krepiert, ohne angezeigt worden zu sein. Zur Ausrottung, oder wenigstens die Wölfe von hier wegzutreiben, müsste eine allgemeine Wolfstreibjagd veranstaltet werden.
K. M’r läwa ön a’ra trauriga Zeit, ön Goitt waaß wäi alles noch endiga wädd?! Er möchte Alles zoum Besta wenna! K. Wir leben in einer traurigen Zeit, und Gott weiß,wie alles noch endigen wird! Es möge alles zum besten wenden!
A. Dos walt Goitt ön Gnada! Goura Noocht! A. Das walte Gott in Gnaden! Gute Nacht!
K. Goura Noocht! Goitt führ alles herrlich a’naus! G´noocht!

K. Gute Nacht! Gott führe alles herrlich hinaus! Gute Nacht!

 


  • Schottener Kreisblatt, Nr. 15.-58. Jahrgang 1910.
  • DAI, Abschrift Kommando Stumpp, 1941

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