Zur Erinnerung an unsere Vorfahren, die als Migranten aus Süddeutschland in die Welt zogen

Schlagwort: Kolonist (Seite 1 von 14)

Umsiedlerlager Sudetengau

Verwaltungskarte des Reichsgaus Sudetenland mit Land- und Stadtkreisen (1944) 1

Dem ehemaligen Landkreis Luditz (Zlutice)untergeordnet:

Bernklau

Ansichtskarte von 1904 2

Das Lager war im März 1941 mit Bessarabiern belegt3:

  • Oskar Schulz, Frau Luise Hettig, 1 Kind
  • Johann Schulz, Frau Anna Maria Bietz, 10 Kinder (davon 3 †)
  • Eduard Schulz, Frau Pauline Hettig, 3 Kinder (davon 1 †)
  • Benjamin Sauter, Frau Emma Witt, 4 Kinder (davon 1 †)
  • David Bietz, Frau Emma Wiedmer, 3 Kinder (davon 1 †)
  • Otto Jans, Frau Lidia Böpple
  • Pauline Thielemann geb. Ziegler, 7 Kinder (davon 1 †)
  • Friedrich Schulz, Frau Elfriede Thielemann
  • Gotthold Quiram, Frau Klara Handel, 1 Kind
  • David Bietz, Frau Maria Weiß, 3 Kinder (davon 1 †)
  • Johann Wirt, Frau Karolina Baumann 4 Kinder (davon 1 †)
  • Johann Thielemann, Frau Maria Baumann, 4 Kinder (davon 1 †)
  • Friedrich Thielemann, Frau Berta Bietz, 1 Kind (davon 1 †)
  • Johann Schelske, Frau Justine Reiser, 9 Kinder (davon 1 †)
  • Rudolf Lemmle, Frau Maria Quiram, 8 Kinder
  • Reinhold Müller, Frau Martha Klein, 5 Kinder (davon 1 †)
  • Wilhelm Fandrich, Frau Pauline Meuer, 1 Kind
  • Rudolf Müller, Frau Friederike Schulz, 4 Kinder (davon 2 †)
  • Magdalena Röchelt geb. Liebelt, 4 Kinder
  • Wilhelm Pfeifer, Frau Christina Müller, 2 Kinder (davon 1 †)
  • Johannes Anklam, Frau Elisabeth Kreis, 5 Kinder (davon 2 †)
  • Jakob Kreis, Frau Pauline Weiß, 2 Kinder
  • Reinhold Schock, Frau Leontina Fandrich, 1 Kind
  • Reinhold Müller, Frau Josepha Furmanek, 4 Kinder
  • Eduard Kallmeier, Frau Natalie Hannemann
  • Robert Hentschel, Frau Alma Kallmeier
  • Daniel Quast, Frau Regina Bohnet, 8 Kinder (davon 2 †)

weitere Lager im Landkreis waren:

  • Rabenstein an der Schnella (Rabštejn nad Střelou)
  • Taschwitz (Tašovice)
  • Waltach (Valeč, Waltsch)

Mährisch Schönberg

Mährisch Schönberg 1913 4

Šumperk (deutsch Mährisch Schönberg) ist eine Stadt in der Region Olmütz in Tschechien.

Die deutsche Geschichte reicht viele Jahrhunderte zurück, daher gab es eine Sudetendeutsche Partei (SdP), die offen das „Dritte Reich“ unterstützte und bei den Wahlen 1935 auch 64 % der Stimmen erhielt.

Im Jahre 1938, nach dem Münchner Abkommen wurde die Stadt dem Deutschen Reich zugeschlagen und war bis 1945 Sitz des Landkreises Mährisch Schönberg und gehörte zum Reichsgau Sudetenland. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1945 wurde Mährisch Schönberg an die Tschechoslowakei zurückgegeben und erhielt den tschechischen Stadtnamen Šumperk zurück. In der Folge begannen großflächige Enteignungen und Vertreibungen der verbliebenen deutschmährischen Bevölkerung.

Hier befanden sich die der Stadt unterstellten Umsiedlerlager:

  • Mährisch-Altstadt mit 121 Personen
  • Mährisch-Schönberg Nr. 42 mit 52 Personen
  • Ullersdorf Nr. 43
  • Zöptau mit verantwortlichem Lagerleiter Johann Huft


Im Umsiedlerlager Nr. 42 waren im Februar 1941 folgende Bessarabier gemeldet (Liste liegt mir vor5):

  • Friedrich Alber mit Frau Olga geb. Funk, 3 Kinder
  • Olga Banek geb. Winkler, 2 Kinder
  • Gottfried Funk mit Frau Lilli geb. Lehmann, 2 Kinder
  • Witwe Eleonore Georgiu, geb. Wezlaff, 3 Kinder
  • Johannes Haller, Witwer der Karoline geb. Lehr, 6 Kindern
  • Emil Rall und Emilie geb. Leitz, 4 Kinder
  • Friedrich Riethmüller und Ottilie geb. Bossert, 5 Kinder
  • Eduard Ölke und Magdalena geb. Gabert, 6 Kinder
  • Gotthilf Sawall und Pauline geb. Hermann, 3 Kinder
  • Witwe Mathilda Sawall geb Huber, 8 Kinder
  • Gotthilf Schlauch und Mathilde geb. Buchfink, 6 Kinder
  • Otto Schulz und Marie geb. Beck, 4 Kinder

In der Region Aussig (Ústecký kraj) lag der Bezirk Tetschen (Okres Děčín) mit der Stadt Rumburg (Rumburk) . Untergeordnet waren der Stadt Romburg die Lager:

  • Georgswalde mit 114 Personen
  • Nixdorf, Deutsches Haus mit 129 Personen (Lager 108)
  • Nixdorf, Krankenhaus mit 133 Personen (Lager 109)
  • Philippsdorf, mit 139 Personen
  • Rumburg, verantwortlicher Leiter Franz Schmid, mit 137 Personen
  • Schönlinde, mit 95 Personen
  • Schluckenau, verantwortlicher Leiter Metzner, mit 265 Personen
  • Teichstatt, mit 104 Personen
  • Warnsdorf, mit 182 Personen
  • Wölmsdorf, mit 55 Personen
  • Zeidler, mit 98 Personen

Nixdorf (Mikulášovice)

Vlak tažený lokomotivou 434.2186 u Mikulášovic na trati Rumburk–Sebnitz 6
Tanzsaal „Deutsches Haus“ 7

In Nixdorf (Mikulášovice) stand das Hotel „Deutsches Haus“, in der Nachkriegszeit wurde das Gebäude Nixdorf Nr. 19 umgenutzt und diente ab September 1953 als Kompanie der Grenzschutzabteilung, bevor es 1966 an die zivile Verwaltung übergeben wurde.

Am 3. März 1941 wurden hier gemeldet8:

  • Woldemar Balz mit Frau Lydia Gast, 2 Kinder (davon 1 †)
  • Eduard Brenner mit Frau Adele Kittler, 2 Kinder (davon 1 †)
  • Reinhold Brenner mit Frau Rosine Steudle, 2 Kinder
  • Nikolaus Drusenko mit Frau Viktoria Bodamer, 2 Kinder
  • Emil Degentesch, Frau Emilie Marks, 1 Kind
  • Johann Föhl und Frau Kariline Idler, 2 Kinder (davon 1 †)
  • Christian Geigle und Frau Maria Blum, 8 Kinder (davon 2 †)
  • Adolf Göres und Frau Maria Girnik
  • Karl Gässler und Frau Eleonore Hobbacher
  • Friedrich Isert und Frau Christine Vollmer, 5 Kinder (davon 4 †)
  • Gottlieb Keller, aus der Ehe mit Maria Matt 6 Kinder, aus der 2. Ehe mit Berta Rüb 1 Kind
  • Johann Keller mit Frau Berta Brenner 2 Kinder
  • Artur Kehrer und Frau Helena Marder, 2 Kinder
  • Oskar Keller und Frau Erna Föhl, 1 Kind
  • Arnold Knauer mit Frau Berta Strehle, 2 Kinder
  • Adolf Merz mit erster Frau Lidia Gerstenberger 2 Kinder, mit Katharina Osswald 2 Kinder (davon 1 †)
  • Nathanael Mayer mit Frau Klara Jundt, 2 Kinder
  • Johann Michlenko mit Frau Magdalena Leitz, 1 Kind
  • Christian Müller mit Frau Beata Messerschmidt, 4 Kinder
  • Richard Osswald und Frau Pauline Hommel, 1 Kind
  • Benjamin Reinöhl und Frau Amalia Schumaier, 3 Kinder
  • Friedrich Reinöhl und Frau Ida Winger
  • Rudolf Reinöhl und Frau Erna Eckert, 2 Kinder
  • August Ruck und Frau Berta Matt, 4 Kinder (davon 2 †)
  • Robert Schumaier und Frau Adele Fandrich, 2 Kinder
  • Wilhelm Semmler und Frau Christine Kemmle
  • Johann Steudle und Frau Margarethe Knauer
  • Anton Sobolew und Frau Hedwig Degentesch, 1 Kind
  • Otto Simpfendörfer und Frau Luise Geigle, 2 Kinder (davon 1 †)
  • Immanuel Steudle und Frau Berta Schumaier
  • Reinhold Schumaier und Frau Pauline Brenner, 3 Kinder (davon 1 †)
  • Alexander Schertzinger und Frau Hulda Liebelt
  • Reinhold Wagner und Frau Maria Jergentz, 5 Kinder
  • Harlampie Zurkan und Frau Sophie Bartolomäi, 6 Kinder (davon 2 †)
  • Johannes Zimmer und Frau Johanna Elholm, 8 Kinder
  • Eduard Isert und Frau Emma Gerstenberger, 3 Kinder (davon 1 †)
  • Friedrich Nill und Frau Amalie Zimmer, 2 Kinder
Nixdorf Krankenhaus mit Blick auf die Kirche 9

Neudek

Der Stadt Graslitz unterstanden die Lager:

  • Breitenbach mit 214 Personen
  • Graslitz, Schule mit 210 Personen
  • Neudek (Nejdek) unter Lagerverwalter H. Görgner mit 80 Personen
Neudek: Náměstí Karla IV. v Nejdku (okres Karlovy Vary) 10

Am 2. März 1941 lagen u. a. diese Familien-Meldungen in Neudek11 vor:

  • Karl Deiss mit Frau Christine Renz
  • Friedrich Deiss
  • Ludwig Schäfer
  • Jakob Ennslen und Frau Martha Mock
  • Gotthilf Häfner und Frau Katharina Siegler
  • Albert Hillius und Frau Salomine Hein
  • Friedrich Jauch und Frau Risina [sic!] Föhl
  • Robert Knauer und Frau Else Mayer
  • Michael Martin und Frau Alma Neumann
  • Gotthilf Schöck und Frau Emilie Fink
  • Daniel Siewert und Frau Christinae [sic!] Weidelich
  • Mathäus Iwanow und Frau Ella Bohnet

  1. Verwaltungskarte des Reichsgaus Sudetenland mit Land- und Stadtkreisen (1944) XrysD – Eigenes Werk 2.03.2014 CC BY-SA 3.0 ↩︎
  2. Postkarte Bernklau versendet 10.11.1904, durch Alter gemeinfrei, gefunden bei aukro ↩︎
  3. DAI Microfilm T-81 Roll 320 ↩︎
  4. Josef Emmer, Mähr. SchönbergImage Zeno.org, ID-Nummer 20000637521 Gemeinfrei ↩︎
  5. DAI Microfilm T-81 Roll 320 ↩︎
  6. Vlak tažený lokomotivou 434.2186 u Mikulášovic na trati Rumburk–Sebnitz Miroslav Volek – https://www.flickr.com/photos/mvolek/52140067574/ CC BY 2.0 17.10.2021 ↩︎
  7. Tanzsaal „Deutsches Haus“ user: Matthias, 18.9.2016 CC BY-NC-SA 3.0 Deutsch-Böhmen Wiki ↩︎
  8. DAI Microfilm T-81 Roll 320 ↩︎
  9. Nixdorf Krankenhaus user: Matthias, 3.02.2024 CC BY-NC-SA 3.0 Deutsch-Böhmen Wiki ↩︎
  10. Náměstí Karla IV. v Nejdku (okres Karlovy Vary) PatrikPaprika eigenes Werk, 1.08.2013 CC BY-SA 3.0 ↩︎
  11. DAI Microfilm T-81 Roll 320 ↩︎

Umsiedlerlager Lauenhain

Blick auf Lauenhain 1

Lauenhain, heute Ortsteil von Mittweida im sächsischen Landkreis Mittelsachsen, hatte das Umsiedlerlager 98b, ursprünglich ein Marinelager, verantwortlicher Leiter W. Welz (oder Welg). In diesem waren am 23. Januar 1940 Bewohner aus Brienne, Bessarabien, untergebracht. Lagerverwaltungsführer war der Brienner August Schell.

Die Namen der Familien liegen mir als Liste2 vor, aus Datenschutzgründen gebe ich diese verkürzt wieder:

  • August Adolf, mit Frau und 2 Kindern
  • Emil Hannemann mit Frau und 3 Kindern
  • Herbert Hannemann mit Frau und zwei Kindern
  • Johann Hannemann mit Frau und 2 Kindern
  • Otto Hannemann mit Frau und einem Kind
  • Reinhold Hannemann mit Frau und einem Kind
  • Ewald Klav mit Frau und 2 Kindern
  • Hulda Klav, Witwe, mit Sohn
  • Peter Lang mit Frau und 5 Kindern
  • Gustav Mattheis mit Frau und 5 Kindern
  • Artur Mattheis mit Frau und einem Kind
  • Bernhard Martsch mit Frau und 4 Kindern
  • Katharina Martsch, Witwe mit 3 Kindern, jüngstes starb im Lager am 30. Januar 1941 um 18.00 Uhr
  • Christoph Mattheis mit Frau und 2 Kindern
  • Adolf Schell mit Frau und einem Kind
  • Robert Schalo mit Frau und 3 Kindern
  • August Wernick mit Frau
  • Edmund Wernick mit Frau


  1. Lauenhain; Blick auf Lauenhain 1922 Brück & Sohn Kunstverlag Meißen – Eigenes Werk CC BY-SA 3.0 ↩︎
  2. DAI Microfilm T-81 Roll 320 ↩︎

Geheimnisse einer Porzellanschale

Das Schicksal hat manchmal einen feinen Sinn für Humor. Als ich vor über vier Jahrzehnten diese Porzellanschale von meinem Mann als Geschenk erhielt, war sie für mich zunächst ein schöner Gegenstand, ein ästhetisches Stück Thüringer Handwerkskunst. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bereits einen Schlüssel zu meiner eigenen Familiengeschichte in den Händen hielt.

Ohne jegliches Wissen um die Herkunft und eine Verbindung der Glasmacher- und Porzellandynastie Greiner zu kennen, begleitete mich dieses Stück. Erst die spätere Ahnenforschung verwandelte das Geschenk in ein Erbe.

Es stellte sich heraus, dass die Schale nicht nur aus irgendeiner Manufaktur stammte, sondern aus dem Lebenswerk der Greiner, die einst aus den badischen Glashütten in den Thüringer Wald gezogen waren, um dort Geschichte zu schreiben. So wurde aus einem Zufallsfund ein Beleg für die tiefe Verwurzelung meiner Familie in der deutschen Industriegeschichte.

Die Schale wurde gestaltet in einem der „Echt Kobald Blau und Gold“ Dekore, die in der ehemaligen Wallendorfer Porzellanmanufaktur produziert wurden.

Die Geschichte der Manufraktur begann mit ihrer Gründung am 30. März 1764 in Wallendorf in Thüringen, zum Zeitpunkt des Kaufes 1980 Volkseigener Betrieb Schaubach-Kunst Porzellanfabrik Wallendorf, und endet mit der Insolvenz des letzten deutschen Eigentümers 2019. Der Verkauf der Marke fand bereits im Jahre 2013 an Yihong Mao aus Ningbo/China, statt.

Diese kobaltblaue Unterglasurbemalung auf Hartporzellan wurde in China bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts hergestellt und ab dem 16. Jahrhundert nach Europa exportiert. Das Besondere ist der Herstellungsprozess, hartes Porzellan entsteht nur durch höhere Brenntemperaturen (1400 °C bis zu 1460 °C) und besteht aus 47–66 % Kaolin, bis zu 25 % Quarz und bis zu 25 % Feldspat. Die blaue Farbe entsteht ebenfalls erst nach dem Auftrag auf das ungebrannte Porzellan bei Temperaturen von 1260 °C oder mehr.

Chinesisches Porzellan war beim Adel begehrt, durch den Transportweg aber teuer. Deshalb versuchte man sich in ganz Europa an der Herstellung von Porzellan, den meisten dürfte dabei Johann Friedrich Böttcher (1682–1719) in den Sinn kommen, ein Alchimist, der behauptete, Gold herstellen zu können.

August der Starke (1670–1733) setzte ihn fest und stellte ihn unter die Aufsicht des Metallurgen Gottfried Pabst von Ohain, der den Vorgang der Goldherstellung beobachten sollte. Durch Ersuchen des Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708), den Fokus auf Porzellan zu lenken, experimentierte er mit verschiedenen Tonerden und entdeckte so eher zufällig im Jahre 1706 den Herstellungsprozess des chinesischen Porzellans, dabei wurde rotes Porzellan erzeugt. Ende 1707 gelang die Herstellung des ersten weißen europäischen Hartporzellans. Durch die Verwendung von Alabaster als Böttgerporzellan bekannt. Die Rezeptur des roten Porzellans wurde verfeinert und Jaspisporzellan genannt (Böttgersteinzeug), zudem wurde holländisches Porzellan entwickelt.

Kurz darauf, mit Dekret vom 23. Januar 1710, wurde die Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellanmanufaktur gegründet.

Ein Inbegriff für Design dieser Manufraktur bis heute, ist das Zwiebelmuster des Meissner Porzellans, entwickelt nach chinesischem Vorbild in kobaltblauer Unterglasur bereits 1730. Nach wie vor von Hand gemalt, sind die gekreuzten Schwerter der Manufraktur ein Symbol von Qualität und Beständigkeit und Markenschutz der Erfindung.

Auch andere Hersteller übernahmen dieses Motiv:

Das Interesse war groß, Johann Wolfgang Hammann (1713–1785) begann sich ebenfalls ab 1755 mit der Porzellanherstellung zu beschäftigen, Georg Heinrich Macheleid (1723–1801) entdeckte seine Brennmethode um 1757 und Gotthelf Greiner (1732–1797)1 gelang die Herstellung im August 1761. Jeder von ihnen nutzte eine andere chemische Zusammensetzung der Grundstoffe.

Sterbeeintrag 1797 KB Steinheid 1793-1850

Hammanns Versuch, eine Konzession zur Herstellung vom Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt zu erhalten, scheiterte im September 1760, da drei Tage zuvor eine Konzession exklusiv an Macheleid vergeben wurde. Trotz dieses Rückschlages experimentierte er weiter und brannte 1762 in Katzhütte erstmals erfolgreich Porzellan.

Im folgenden Jahr erwarb er das Freiherr von Hohenthalsche Rittergut in Wallendorf, damals zum Herzogtums zu Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörend. Gemeinsam mit Gotthelf Greiner erhielten beide am 30. März 1764 durch den Herzog von Sachsen-Coburg die Konzession zur Porzellanherstellung und gründeten gemeinsam mit Hammanns Sohn Ferdinand Friedrich (1739–1786), und Greiners Cousin Gottfried Greiner, einem Glasmaler, die Porzellan Manufaktur in Wallendorf.

Christiana Catharina Hammann (1749–1818) ehelichte 1774 den Wallendorfer Buntmaler Johann Heinrich Hutschenreuther (1751–1812) und mancher wird nun sagen – kenne ich, das ist doch auch ein Porzellanhersteller – richtig, der gemeinsame Sohn dieser Verbindung, Carolus Magnus Hutschenreuther (1794–1845) wurde Begründer der C. M. Hutschenreuther Porzellanfabrik in Hohenberg an der Eger.

Traueintrag 1774 KB Wallendorf Trauungen 1734-1827

Wie eingangs erwähnt, war Gotthelf Greiner ein Nachkomme des Hans Greiner genannt Schwabenhans (um 1550- vor 1609), der als Nachfolger seines Vaters Hans (um 1522–um 1575), Glas- und Hüttenmeister auf der Glashütte Langenbach wurde.

Nachdem der „Schwabenhans“ nach Lauscha im Herzogtum Sachsen-Coburg übersiedelte und dort Glashütten betrieb, wurde ihm und seinem Mitbetreiber, Glasmeister Christoph Müller (um 1545–um 1628), am 10. Januar 1597 ein erblicher Lehnsbrief ausgestellt, der ihnen die Hütte je zur Hälfte, drei Häuser, eine Schneidemühle, 30 Acker Rodeland, 42 Acker Wiesenrod zusicherte. Zu zahlen waren jährlich 12  Florentiner Erbzins.

Lauscha ist bis heute ein Inbegriff für Weihnachtsbaumschmuck aus Glas.

Die ersten Greiner, auch Grüner, Griener oder Grynner geschrieben, wanderten nachweislich aus Nassach in Baden-Württemberg nach Thüringen ein, sie gehörten zu der weit verzweigten Familie von Glasmachern, wie meine Vorfahren. Diese waren unter anderem in Kandern und in Blasiwald tätig, gründeten 1623 die Glashütte in Hasel.2 In diese Familie heirateten die Grässlin (Grässle) ein, ebenfalls Glasmacher in Hasel und meine anderen Vorfahren.

Doch kehren wir zu den Porzellanmachern zurück.

Am 30. März 1780 erwarben die Brüder Georg Wilhelm (1738 –1792) und Johann Andreas Greiner (1747 – 1799) die Porzellanmanufaktur in Untermhaus, auf dem Gries, mit nur einem Brennofen.3 Diese war als Fayencenmanufaktur 1740 durch Mathias Eichelroth (1708–1774) gegründet worden und konnte der stärker werdenden Konkurrenz durch die Porzellanproduktion nicht mehr standhalten. So versuchte man es 1779 mit der Porzellanproduktion und verkaufte erfolglos an die Greiner.4

Als 1782 zweimal nacheinander Feuer in der Fabrik ausbrach, wodurch beide Male der Ort in große Gefahr geriet, beschädigten die aufgebrachten Bewohner den Brennofen.5 Trotz dieser widrigen Umstände wurde die Manufaktur bald bekannt, schon um das Jahr 1785 herum war man im Kurfürstentum Sachsen darauf aufmerksam geworden, dass in Gera „auf Meissnische Art gefertigtes Porzellan zum Nachteil des Meissnischen Fabrikats eingeführt und verkauft wurde“.6

Die Qualität war jedoch nicht dieselbe des Meißner Porzellans, es gab noch einige weitere Porzellanfabriken, keine eine echte Konkurrenz.

Am 15. September 1800, beantragte auch Tobias Albert von Roschütz bei Gera eine Konzession zur Anlegung einer Porzellanfabrik in Pößneck, die ihm am 6. Dezember selbigen Jahres bewilligt wurde. Die Witwe Hammann der Wallendorfer Manufraktur erhob gegen diese Konkurrenz, wie gegen andere auch, eine erfolglose Klage. Vier Jahre später wurde Tobias Albert nach Zwangsversteigerung zudem Eigentümer der Fabrik in Untermhaus, die er modernisierte, er wohnte auch in Untermhaus. Die Fabrik wurde erst 1912 geschlossen.

Die Pössnecker Fabrik verkaufte Albert um 1804 an Wilhelm Ernst Conta und Christian Gotthelf Böhme, die Übertragung des Privilegs für Contra & Böhme erfolgte am 31. Januar 1815.7

Soweit unser Ausflug in die Geschichte der thüringischen Porzellanfabrikation. Begeben wir uns nun auf die Spuren einiger Arbeiter der Fabriken.

Johann Gottfried Heinecke, Porzellanbrenner, ehelichte am 9. November 1786 in Untermhaus Susanne Marie Rosine Hooper, sie lebte auf dem Gries, ihr Vater Johann Christoph war Tambour, seine Eltern: Meister Johann Georg Christian Heinecke, Hof-Ziegeldecker, zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits verstorben und Maria Rosina geb. Barth (1730–1811).

Eheschließung 1786 KB Untermhaus 1757-1793

Das Paar hatte acht Kinder: Johann Heinrich (*1786), Steingutdreher, Johann Christian Gottfried (*1790), Johann Gottfried (*1792), Johanna Rosina (*1793), Heinrich Christian Carl (1794–1796), ( Benjamin Carl (*1796), Porzellandreher, Ernestine Wilhelmine (*1801) und Tochter Johanna Christiana Magdalena, wie alle auf dem Gries geboren (*21.12.1788), heiratete am 2. Mai 1813 in Untermhaus den Porzellandreher und späteren Porzellanmaler Carl Friedrich Wilhelm Huth (*13.03.1785 Untermhaus)

Eheschließung 1813 KB Untermhaus 1794-1817

Sein Vater Johann Adam (um 1761–1802) war hochgräflicher Kellerschreiber und Trompeter, die Mutter, Johanna Sophia Umlauft kam aus Bischofswerda. Er war das dritte von 12 Kindern.

Das Ehepaar hatte neun Kinder, ehe sie ihren Lebensweg in Pößneck beendeten. Carl Friedrich Wilhelm starb am 16.02.1835 an Lungenverhärtung, seine Frau am 01.04.1847 an Abzehrung.

1.) Ihr erstgeborener Sohn, Carl Friedrich, wurde noch in Untermhaus geboren (25.11.1813) und starb am 02.10.1891 in Pößneck an einem Hirnschlag. Seine Ehefrau, Elisabeth Englert (*um 1810 Rentwertshausen – 04.04.1870 Pößneck), erlag Brustkrebs. Sie hatten am 16.04.1840 in Pößneck geheiratet und wurden Eltern eines berühmten Sohnes: Carl Wilhelm Louis (1842–1923)

Geburt und Taufe 1813 KB Pößneck Taufen 1821-1844

Louis besaß in Pößneck, zunächst in der Krautgasse 8, in seinem Geburtshaus, ein Kunstgewerbliches Atelier und war mit Marie Sophie Pauline Streitberger verheiratet. Während Sohn Hermann Albin August (1874–1953) Kaufmann wurde, hatte Sohn Otto Richard Franz (1876–1970) das künstlerische Talent des Vaters geerbt. So wurde er nicht nur Porzellan- und Glasmaler, sondern ein bekannter Pastellmaler, Professor und Ehrenbürger Pößnecks. Er war mit der Malerin Gertrud Karoline Helene Borchmann (1877–1959) seit 1904 verheiratet. Die gemeinsamen Kinder Elisabeth Pauline Gertrud (*1907), Franz Louis Gustav (*1910) und Dorothea Elise Helene (*1912) wurden in Neuenheim geboren. Den Grabstein von ihm und seiner Frau findet man noch heute in Weimar.

Heidelberger Zeitung Nr. 126-150 (1. Juni 1904 – 30. Juni 1904) Eheschließungen S. 13208

2.) Friedrich Wilhelm Louis Huth (1815-1890) wurde bereits in Pößneck geboren und war Posamentierer, 3.) Louise Emma (*1817), 4.) Carl Franz Huth, Seiler und Schullehrer (1819-1870) starb in Hoffental, Taurien, 5.) Friedericke Rosine Magdalena (*1821), 6.) Sophia Rosina Agnes (1822-1887), sie starb in Dresden, 7.) eine totgeborene Tochter (*/+1824), 8.) Friedrich Wilhelm Robert (*1825), Porzellanmaler, 9.) Karl Friedrich Bernhard (*1828 – vor 1901), war Lederhändler und starb in Schweidnitz.

Wenden wir uns dem vierten Kind, Carl Frantz, geboren am 11. April 1819 in Pößneck, zu.

Geburt und Taufe 1819 KB Pößneck Taufen 1809-1820

Es sind Briefe9 erhalten geblieben, die seine Auswanderung über Warschau nach Südrussland belegen und den engen Kontakt, den er auch nach der Auswanderung zu seiner Familie hielt. Während er als Seiler in Warschau arbeitete, überlegte er, nach Riga, Petersburg oder Stockholm zu reisen, Hafenstädte, die ihm Arbeit im Beruf boten.

Was ihn bewogen hat, sich nach Süden zu wenden und in Tokmak, Molotschna, zu siedeln, ist nicht überliefert. Von hier berichtet er erneut 1846, nun verheiratet mit Elisabeth Kitzler. Sein erstes Kind wurde geboren, Carl Robert. Es folgten weitere zehn, in Alt Nassau Maria Emilia (1848-1880), Alwine Florentine (*1850), Karl Otto (1852-1906), Emma Elisabeth (*1855), Marie Bertha (*1857) und Gustav Adolph (*1858), Mathilde (*1861) kam in Durlach an der Molotschna zur Welt. Karolina Amalia (1863-1929) in Weinau, Karl Ferdinand (*1865) und Amalie (*1868) in Hoffental. Dort starb Carl Frantz im Alter von 60 Jahren an einem Blutschwamm, Elisabeth blieb als Witwe zurück.

Sterbeeintrag 1879 KB Molotschna 1879

Seine zahlreichen Nachkommen blieben lange in Südrussland, kamen zum Teil als Spätaussiedler nach Deutschland, nur Tochter Karolina Amalia war mit ihrem Mann, Johann Friedrich Eifler aus Tiegenort, bereits in den 1920ern nach Berlin zurück gewandert und starb 1929 im Rudolf-Virchow-Krankenhaus.

Von mir erfasste Nachkommen des Ehepaares Huth – Umlauft:


  1. Greiner, Gotthelf: Lebensbeschreibung des Gotthelf Greiner zu Limbach, Erfinder des Thüringer Porzellans: 1732-1797, Hildburghausen: Kesselring 1876 ↩︎
  2. Albrecht Schlageter, Lörrach: Die Glashütten im Markgräflerland und den angrenzenden Gebieten vom 15. bis 17. Jh. in: Badische Heimat 68 (1988) S. 257 – 283 ↩︎
  3. Prof. Wilhelm Stieda: Die Anfänge der Porzellanfabrikation auf dem Thüringerwalde Verlag Gustav Fischer, Jena 1902, Kapitel III. Die Fabrik in Gera p. 24ff ↩︎
  4. Geschichtsseite Untermhaus von Andrè Lütge, Gera. Kapitel Porzellanfabrik am Gries auf Grundlage der Publikation des Historikers Wieland Führ: Zur Geschichte der Geraer Porzellanproduktion in Untermhaus, in: Beiträge zur Regionalgeschichte IV, Museum für Geschichte Gera, 1988, S. 18–41 ↩︎
  5. Ferdinand Hahn: Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung, Band 2, Verlag des Verfassers, Gera 1855 p. 901 ↩︎
  6. Stieda ebenda, Kapitel III. p.26 ↩︎
  7. Stieda ebenda, Kapitel XIV. Die Fabrik in Pössneck p379ff ↩︎
  8. https://doi.org/10.11588/diglit.14240#1320 ↩︎
  9. Eggert und Elisabeth , geb. Schmidt: Briefe von Franz Huth, der im 19. Jahrhundert von Pößneck, Thüringen, über Warschau, St. Petersburg nach Süd-Russland ausgewandert ist. Köln, 1994, Taurien e.V. ↩︎

Wikipedia.de, Kirchenbücher: Archion, LDS

Neu Jamburg

Wer heute Neu Jamburg sucht, wird überrascht sein, wie oft ihm dieser Name eines Dorfes begegnen wird. Beginnen wir mit dem ersten Dorf Neu Jamburg.

Wie bereits beschrieben, verbesserte sich die Lage der nach 1793 verbliebenen Familien nicht, vollkommen verarmt, teilweise der Trunksucht verfallen, musste eine Entscheidung fallen, was mit ihnen geschehen solle.

Zar Nikolaus I. ordnete daher ihre Umsetzung an. Im Jahre 1847 zogen die verblieben 37 Familien der Kolonien von Jamburg ins Jekaterinoslawsche, dort befanden sich bereits eine Reihe neuer Kolonien bei Mariupol:

  • Kirschwald (evangelisch, Kolonie Nr. 1)
  • Tiegenhof (evangelisch, Kolonie Nr. 2)
  • Rosengart (evangelisch, Kolonie Nr. 3)
  • Schönbaum (evangelisch, Kolonie Nr. 4)
  • Kronsdorf (evangelisch, Kolonie Nr. 5)
  • Grunau (evangelisch, Kolonie Nr. 6 )
  • Rosenberg (evangelisch, Kolonie Nr. 7)
  • Wickerau (evangelisch, Kolonie Nr. 8)
  • Reichenberg (evangelisch, Kolonie Nr. 9)
  • Kampenau (evangelisch, Kolonie Nr. 10)
  • Mirau (evangelisch, Kolonie Nr. 11)
  • Kaiserdorf (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 12)
  • Göttland (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 13)
  • Neuhof (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 14)
  • Eichwald (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 15)
  • Tiegenort (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 16)
  • Tiergart (römisch-katholisch, Kolonie Nr. 17)
  • Elisabethdorf (evangelisch, Kolonie Nr. 18)
  • Ludwigstal (evangelisch, Kolonie Nr. 19)
  • Belowesch (evangelisch, Kolonie 20)
  • Rundewiese (evangelisch, Kolonie Nr. 21)
  • Kaltschinowka (evangelisch, Kolonie Nr. 22)
  • Klein Werder (katholisch, Kolonie Nr. 23)
  • Groß Werder (katholisch, Kolonie Nr. 24)
  • Darmstadt (evangelisch, Kolonie Nr. 25)
  • Marienfeld (evangelisch, Kolonie Nr. 26)

Man ging davon aus, dass sich die dichte Siedlungsstruktur und die zahlreichen katholischen Ansiedlungen positiv auf die Neuankömmlinge auswirken dürften, so gründeten sie die im Jahre 1848 die 27. Kolonie, die sie nach der alten Heimat Neu Jamburg nannten ( Nowokrassnowka; Novokrasnivka).

Der Zensus3 wurde am 10. Oktober 1850 aufgenommen, sortiert nach Herkunftskolonien lebten in Neu Jamburg nun:

  1. Kolonie Porchow: BUTJAN, Georg 45 J., Ehefrau  Barbara 39 J., Söhne   Christian 17,   Kaspar 12,   Franz 4,   Georg 2, Tochter   Sophia 5 Jahre
  2. SCHWEIGER, Johann 51 J., Ehefrau   Maria 57 J, Tochter   Eva 12 Jahre
  3. GITTEL, Kaspar 34 1/2 J, Ehefrau Katharina 35 J.,   Söhne Christian 15,   Johann 3 J., Töchter Elisabeth 10 J.,  Christina 5 J.,   Charlotta 3 Jahre
  4. SCHWEIGER, Georg 49 J. Ehefrau Katharina 39 J., dessen Sohn Joseph   20 J., mit Ehefrau Margaretha 18 J., Vaters Söhne Pantaleon 16 J., Johannes 3 J., Töchter   Helena 17 J.,  Maria 13 J.,  Juliana 6 Jahre
  5. BUTJAN, Nikolaus  37 J., Ehefrau Katharina 35 J.,   Sohn August 12 J., Tochter   Juliana 13 Jahre
  6. WAGNER Kaspar   Barbara   Christian   Johann   Kaspar   Hieronymus   Juliana   Katharina
  7. GITTEL, Johann + 1849,  Johann (Joseph) 24 J., dessen Ehefrau   Amalia  21 J., Vaters Sohn Christian 21 J., dessen Ehefrau Katharina 19 J.,   Vaters Tochter Margaretha 6 Jahre
  8. AUMANN, Anton 25 J., Ehefrau Katharina 22 J., Tochter Margaretha 2 Jahre
  9. HENSLER, Franz 25 J., dessen Ehefrau Anna 22 J., Sohn Christian 5 J., Tochter Marianna 1 J., Schwiegermutter SCHWEIGER, Katharina 46 Jahre
  10. SCHEFNER, Jakob 39 J., Ehefrau   Alexandra 33 J., Söhne Christian 15 J., Friedrich 10 J., Töchter Anna 17 J., Karolina 1 J., Schwiegermutter LAMMERT, Anna Maria 75 Jahre
  11. Kolonie Frankfurt: EICHSTER, Gottlieb 50., Ehefrau  Luisa 31 J., Söhne Adam 12 J., Karl  9 J., Tochter Rosina 1 Jahr
  12. GEIST, Kaspar 54 J., Sohn Michael 24 J., dessen Ehefrau Magdalena 18 Jahre
  13. GEIST, Andreas 41 J.,   Ehefrau Elisabeth 32 J., Sohn Christian 14 J., Tochter Margaretha 9 Jahre
  14. GEIST, Christian 43 J., Ehefrau Franziska 44 J., Söhne Joseph 20 J., Friedrich 17 J., Johann 14 J., Christian 10 J., Karl 7 Jahre
  15. GEIST, Philipp 51 J., Ehefrau Karolina 41 J., Sohn Jakob 20 Jahre
  16. HENSLER, Johann 51 J., Ehefrau  Marianna 44 J., Sohn Karl 27 J., dessen Ehefrau Margaretha 20 J., Vaters Töchter Daria 20 J., Helena 12 J.
  17. WANNSCHEID, Aloisius 24. J., Ehefrau Franziska 18 J., seine Brüder Kaspar   18 J., Johann 15 J., Christian 11 J., seine Schwester Anastasia 20 J., Aloisius Mutter Magdalena 54 Jahre
  18. HESSEL, Jakob 35 J., Ehefrau Elisabeth 20 J., Töchter erster Ehe Anna 11 J.,   Agnes 6 J., sein Bruder Georg 25 J, dessen Ehefrau Marianna 28 J., deren Tochter Sophia 1/2 J., Cousin GEIST, Anton 16 Jahre
  19. HESSEL, Kaspar 57 J., Tochter Julia 17 J., Kolonie Luzkaja: LAMMERT, Johann  +1850, dessen Tochter Katharina 3 Jahre
  20. Kolonie Luzkaja: LAMMERT, Peter +1848, Ehefrau Maria 51 J., Sohn Adolph 18 J., Töchter Anna 20 J., Katharina 10 J., Magdalena 8 J., sein Bruder Georg 36 J., dessen Ehefrau Anna 26 J., seine Tochter   Dorothea 1 Jahr,   seine Schwester Theresia 24 Jahre
  21. SCHELLENBERG, Bernhard  30 J., Ehefrau Katharina 23 J., Bruder Johann  43 J., dessen Ehefrau Katharina 43 J., deren Sohn Georg 16 J., deren Tochter Charlotta 12 J., Bruder   Georg 42 J., dessen Ehefrau Anna 25 J., Bruder Christian +1848
  22. LAMMERT, Christian 43 J., Ehefrau Barbara 38 J., Söhne Christian 18 J.,   Georg 11 J., Adam  4 J., Anton +1848, Töchter Anna 22 J., Katharina 1/2 Jahr
  23. WILHELM, Friedrich 42 J., Ehefrau Anna 39 J., Töchter Anna 12 J.,  Charlotta 7 Jahre
  24. LAMMERT, Mathias,39 J., Ehefrau Luisa 36 J., Sohn Friedrich  8 J., Töchter Julia 12 J., Charlotta 7 Jahre
  25. MENG, Christian +1848, Sohn August  26 J., dessen Ehefrau Margaretha 21 J., Vater Sohn Friedrich +1848, Vaters Töchter Charlotta 15 J., Barbara  14 J., Elisabeth 9 J., Sophia 5 Jahre
  26. GITTEL, Philipp 48 J., Ehefrau Anna 39 J., Sohn Adolph 18 J., Töchter Barbara 13 J., Charlotta 13 J.,   Katharina 8 J., sein Schwiegervater BUTJAN, Johann +1849
  27. WANNSCHEID, Kaspar 46 J., Ehefrau Sophia  44 J., Sohn Michael 22 J.,   dessen Ehefrau Franziska 18 J., Vaters Söhne Paul 17 J., Christian  9 J., Konstantin  5 J., Vaters Töchter Anna 15 J., Dorothea 13 J., Luisa 9 J., Charlotta 7 Jahre
  28. HOFFMANN, Philipp 45 J., Söhne Gottlieb  23 J., Alexander 14 J., Georg  8 J., Tochter Elisabeth 13 Jahre
  29. SCHELLENBERG, Nikolaus +1848, Sohn Christian 7 J., Tochter Christina 8 Jahre
  30. SCHELLENBERG, Philipp  58 J., Ehefrau Margaretha 59 J., Sohn Georg 28 J., dessen Ehefrau Anna 23 J., dessen Tochter Katharina 1 Jahr
  31. REGEL, Andreas +1848, Ehefrau Christina 20 J., seine Söhne Johann 19 J.,   Kaspar 16 Jahre
  32. REGEL, Georg  59 J., Ehefrau Susanna  59 J., Sohn Nikolaus  25 J., seine Ehefrau Christina  20 J., dessen Tochter Charlotta 1/2 J., Vaters Sohn Konrad 18 Jahre
  33. REGEL, Philipp 40 J., Sohn Nikolaus 1/2 J., Bruder Jakob  34 1/2 J., dessen Ehefrau Anna 30 J., ihre Mutter Katharina 71 Jahre
  34. HOFFMANN, Kaspar 56 J., Ehefrau Elisabeth 50 J., Sohn Johann  32 J., dessen Ehefrau Christina 22 J., Vaters Sohn Georg 27 J., dessen Ehefrau Rosina  22 J., sein Sohn Georg  2 J., Vaters Söhne Christian 23 J., Vinzent 15 J., Adam 12 J., Nikolaus 6 Jahre
  35. LAMMERT, Konrad +1850, Ehefrau Katharina 49 J., Sohn Georg 27 J., dessen Ehefrau Anna 26 J., sein Sohn Johann 5 J., seine Töchter Katharina 7 J., Christina  2 J., Vaters Sohn Johann  22 J., dessen Ehefrau Eva 22 J., Vaters Söhne Philipp 16 J., Konrad 16 J., Cousin Karl 25 J., dessen Ehefrau Elisabeth 17 Jahre
  36. HOFFMANN, Johann 37 J., Ehefrau Anna 31 J., Söhne Johann 13 J., Lorenz 11 Jahre
  37. REGEL, Georg Konrad 57 J., Ehefrau Katharina 40 Jahre

Kirchlich gehörten die Neu Jamburger zur katholischen Kirche Bergtal. Ihre Gottesdienste fanden im dortigen Bethaus statt. Neben den Katholiken von Bergtal und Neu Jamburg kamen auch Gläubigen aus Kaltschik und Ferme (Plantage), betreut wurden sie von Pfarrer Josef Röther. Erst im Jahre 1910 erbauten sich die Neu Jamburger eine eigene Kirche ohne Turm.4

Die katholischen Bewohner erhielten ihre Traditionen, so wurde am Netklos dem Tag des Heiligen Sankt Nikolaus, ein Fest gefeiert. Jedoch nicht am 6. Dezember, sondern erst am Abend des 24. Dezembers setzte sich ein Zug junger Burschen zum Schimmelgehen in Bewegung, sie waren verkleidet als Geister des Himmels und der Hölle. Unter ihnen wurde ein Führer, der Leper, gewählt. Er trug eine hohe Mütze von mindestens der Hälfte seiner Körperlänge und war mit Gold- und Silberschmuck behängt. Ihm folgte in der Regel der größte von ihnen, und trug ein aus Holz nachgebautes weißes Pferd und ritt zumeist neben ihm.

Da, wo man den Schimmelreiter einließ, trat der Lepper in den Raum, nahm die Mütze ab und sprach einen langen Weihnachtswunsch, dann folgte mit „Eins, zwei, drei, Schimmel herein“ die ganze Prozession unter großem Getöse ins Haus.5

In späteren Jahre wurden aus Landmangel verschiedene Tochterkolonien gegründet, 1870 Katharinenhof (Neu-Jamburg, Jekaterinowka), 1873 Mariental (Woronoj, Mariewka), 1884 Kudaschewka (Hindenburg/Hindenburg), 1878 Klassen Chutor (Rosenfeld) Gründungsjahr 1878, 1980 Serafimowka, Kreis Charkow, 1908 Andreasfeld im Don-Gebiet, 1909 Jamburg (Prjamö/ Jambor) Kreis Barnaul und 1928 Neu-Jamburg (Rot-Jamburg, Krasnij Jamburg).6

Neu Jamburg (Krasnij Jamburg)

Ortslage Neu Jamburg Handzeichnung des Kommando Stumpp7

Die Anlage der neuen Kolonie erfolgte um 1925 etwa 14 km von Jamburg entfernt, am Mokra Sura, einen Nebenfluss des Dnjepr, die Abbildung ist nach einer Handzeichnung des Kommando Stumpp eingeordnet.8

Ausschnitt der Handzeichnung des Kommando Stump zur Gebäudelage des Dorfes Neu-Jamburg, gekennzeichnet wurden zwei ukrainische Höfe und der Kolchoshof9

Berichtet wurde im Jahre 1942, dass der Ort weiße Häuser aus Lehm und Stroh hatte, mit Stroh und Ried gedeckt, nur wenige hatten Ziegel. Die Häuser bestanden aus zwei Stuben mit Küche, im Winter wurde nur eine Stube aus Brennstoffmangel genutzt. Es gab einen ungenießbaren Viehbrunnen, qualitativ schlechtes Trinkwasser kam aus dem Fluß.

Es gab eine Schule, die jedoch schwach besucht wurde, mit drei Klassen. Bis 1938 gabe es Unterricht auf deutsch, dann auf russisch. Es mangelte an Unterrichtsmaterialien, die Lesefreude wurde als schwach bezeichnet, durch die ukrainischen und russischen Bücher, die Bevölkerung sprach ja nach wie vor ihren bayrischen Dialekt.

Die ansässigen Familien waren Aumann, Beitler, Berelet, Blank, Bleicher, Donhauser, Eigenseher, Illenseer, Kalteis, Klaß, Meier, Melzel, Neumeier, Odinger, Pfeiffer, Scheftner, Sutter, Zeiger, Zimmer, Zinn.

Sie betrieben ihre Landwirtschaft mit wenig Technik, dazu gehörten sechs Einschar -, fünf Vierscharpflüge, zwei Drillen, acht eiserne und zwei hölzerne Eggen, drei alte, verbrauchte Mähmaschinen und eine Dreschmaschinen mit Naphtamotor.

Heute ist der Ort geschliffen.



  1. Kartenausschnitt aus dem Kartenmaterial von Dr. Karl Stumpp, Beilage zu Stumpp K. Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004 ↩︎
  2. Karte erstellt mit googlemaps, Kartendaten 2026, Nutzungsbedingungen ↩︎
  3. ДАЗпО 12-2-254. 1850. Ревізькіказкиколоній Чердаклі, Рундевізу, Клейн Вердер,Грос Вердер, Дармштадт, Маріенфельд, Ней-Ямбург ↩︎
  4. Die Planerkolonien am Asowschen Meere. Von Dr. Josef Alfons Malinowsky. Schriften des Deutschen Auslands-Instituts Stuttgart. Band 22, Stuttgart 1928, p-66 ↩︎
  5. Malinowsky, ebenda ↩︎
  6. Die Deutschen Russlands. Siedlungen und Siedlungsgebiete. Lexikon, V. Diesendorf, Moskau 2006 ↩︎
  7. Kommando Stumpp, Dorfberichte, BArch R 6/703/191 Neu Jamburg ↩︎
  8. erstellt mit Google Earth, Kartenaufnahmen basieren auf Maxar Technologies, CNES, Airbus ab 1.9.2018. Nutzungsbedingungen ↩︎
  9. Kommando Stumpp, Dorfberichte, BArch R 6/703/191 Neu Jamburg ↩︎

Bilder der landwirtschaftlichen Geräte aus: Illustrierter Molotschnaer Volks-Kalender für die deutschen Ansiedler in Süd-Russland, Druck und Verlag Gottlieb Schad, Prischib, 1913

Jamburg (Kingisepp)

Jamburg bei Sankt Petersburg um 18601

Gründungsgeschichte Jamburgs

Lange bevor die Zaren Deutsche ins Land riefen, wurde die Gründung von Jama (Яма) am Fluss Luga urkundlich im Jahre 1384 in der Nowgoroder Chronik2. Da es sich um eine Festung handelte, wurde der Ort auch Jama Gorodok genannt. Jama oder auch Dschama nach dem dort ansässigen finnischen Stamm.

Diese Festung, damals noch eine Wallallanlage, diente dem Schutz vor schwedischen Angriffen und widerstand in späteren Zeiten auch den Belagerungen des Deutschen Ordens in den Jahren 1395 und 1444 bis 1448.

Nach dem Ende des Livländischen Krieges musste die Stadt an Schweden abgetreten, werden, war jedoch bereits 1595 zurückgegeben worden. Nach dem Frieden von Stolbowo im Frühjahr 1617 wurde sie erneut schwedisch. In all diesen Jahren war hier nicht nur das Militär zu Hause, sondern auch alles Gewerk, was dazugehört, unter anderem das Eisenschmiedehandwerk.

Teilausschnitt Kupferstich Stridbeck 1720 Gama – Jaama, nachbearbeitet3

Die Geschichte der Festungsstadt blieb wechselvoll, Ende 1700 kurz in russischer Hand, dann wieder in schwedischer, wurde sie mit dem Großen nordischen Krieg 1703 endgültig russisch. Nun erhielt sie den Namen Jamburg, der ihr erhalten blieb bis 1922, als die die Bolschewiki sie nach dem estnischen kommunistischen Führer Viktor Kingissepp (Кингисепп) benannten.

Im Jahre 1708 verlieh Peter der Große die Stadt an seinen engen Vertrauten Alexander Menschikow als Fürsten von Ischora. Ischora heißt der Fluss bei Kolpino.

Lage von Jamburg, Luga, Kolpino und dem Fluss Ishora (Pin)4

1710 begann der Wiederaufbau der ehemaligen schwedischen Sägewerke nahe der Stadt. Zar Peter der Große hatte zunächst eine neue Hauptstadt, Sankt Petersburg, erbauen lassen, jetzt sollte eine Flotte aufgebaut werden.

Dazu war er inkognito in die Niederlande gereist, um auf der nahe bei Amsterdam liegenden Werft die holländische Schiffsbaukunst kennenzulernen. Unter dem Namen Peter Michailow arbeitet er als scheinbar einfacher Zimmermann. Was später zu der weltberühmten Oper Zar und Zimmermann inspirierte.

Schiffsbau benötig Holz und viele Handwerker, diese gründeten daher eine Handwerkssiedlung nahe dem Werk, ab 1722 Kolpino genannt.

Da man zur Glasproduktion ebenfalls Holz benötigte, bot sich die Anlage einer Glasfabrik an, welche 1714 gegründet wurde. Man produzierte zunächst Flachglas. Der Bauplatz war gut gewählt. Luga-Sande genossen unter den Glasmachern einen hervorragenden Ruf.

1717 erließ Peter der Große ein Dekret: „Die Glashütten im Dorf Schabino im Bezirk Jamburg sollen an fleißige Russen und Ausländer verpachtet werden.“

In den 1720er Jahren gehörte die Jamburger Glaswarenfabrik Fürst A. P. Menschikow, dieser scheute keine Kosten, um sein Unternehmen auszubauen und zu verbessern. Innerhalb weniger Jahre übertrafen die Jamburger Fabriken die Moskauer Glasfabriken sowohl in der Produktionstechnologie, als auch in der Produktpalette. Neben den Kunstgegenständen, klarem oder bemaltem Glas, Kristall, mundgeblasenen oder gegossenen Spiegeln in sehr großen Formaten mit kunstvoll geschnitzten Kristallfassungen, fertigten sie auch technische Artikel auf Bestellung an. Dazu gehörten Glaswaren für chemische Labore, Instrumente und Gefäße für Apotheker, optische Linsen, Sanduhren für Schiffe und Wasserpfeifen für den Export in den Osten.

Besonders hervorzuheben ist die Herstellung von Glasglocken in verschiedenen Größen und Tonhöhen für einen Musikbrunnen, der verschiedene Melodien spielte. Dieser Glockenbrunnen wurde 1724 in Peterhof errichtet. 1730 wurden über dreitausend Glaswaren verschiedener Art aus den Jamburger Manufakturen nach St. Petersburg geliefert. Wenige Jahre später wurde die für ihre kunstvollen Glaswaren und Spiegel bekannte Jamburger Manufaktur nach St. Petersburg verlegt.

Während der Herrschaft Katharinas II. 1762–1796 errichtet man in Jamburg Holzgebäude für Tuch-, Seiden- und Batistfabriken.5 Diese Gebäude wurden jedoch bald durch eine Feuersbrunst zerstört, die Produktion kam zum Erliegen. An ihrer Stelle errichtete man ein Einkaufszentrum mit 44 Geschäften und einer überdachten Galerie.6

In Folge der Verordnungen der Zarin vom 30. September 17657 wurden zunächst 110 deutsche Kolonistenfamilien angesiedelt. Obwohl es sich um Handwerkersiedlungen handelte, wurde als Zweck der Ansiedlung die Vervollkommnung des Ackerbaus genannt.8

Die drei 1767 entstandenen Kolonien, Luzkaja, Porchow und Frankfurt nahe Jamburg, wurden alle zur Gemeinde Jamburg gezählt. In ihnen siedelten 67 katholische Familien aus Schwaben, Hessen-Darmstadt und Preußen9, die über die Hafenstadt Reval ankamen.

Freie Religionsausübung, eigene Jurisdiktion in den von den Ansiedlern gegründeten Siedlungen, eine 30-jährige Abgabenfreiheit, Landzuteilung, Vorschüsse und Befreiung vom Militärdienst, waren zunächst ein überzeugender Grund, einzuwandern.

Es wurden steinerne Häuser für Kolonisten und die Fabriken errichtet, ein achteckiger Markt angelegt, umrahmt von steinernen Gebäuden für die Händler, leider verfielen diese, da sie ungenutzt blieben. In der Mitte des Platzes war ein Obelisk. Russischen Bauern, die der Ansiedlung der deutschen Kolonisten weichen mussten, baute die Krone in Pernitz ebenfalls steinerne Häuser, ähnlich der Kolonistenhäuser.

Bereits seit 1770 gab es eine steinerne russische Kirche, während die überwiegend katholischen deutschen Gläubigen in einem Fabrikgebäude von ihrem Geistlichen betreut wurden. Die protestantischen Gläubigen gingen nach Narwa.

Als Jamburg 1782 Kreisstadt wurde, übergab man die in der Nähe des Platzes liegenden Gebäude, in manchen wohnten zuvor Fabrikanten, an die Verwaltung und richtete sie für Beamte ein, als Gerichtsgebäude, eines war bereits das Postamt, da an der Heeresstrasse liegend.

Um 1787 bestand noch immer eine kleine Fabrik zur Seitenstrumpfherstellung und eine größere Tuchfabrik unter Leitung eines Franzosen mit 38 Webstühlen für jeweils zwei Arbeiter. 10

Kirchenbuch Narwa ab 177711

Wirtschaftliche Ursachen des Scheiterns vieler deutscher Kolonisten

Unfruchtbare Böden und schlechte Erträge waren für die Einwanderer ein großes Problem. Sie waren die deutlich kürzeren Vegetationsperioden und das raue Klima nicht gewohnt, dazu kamen sandige Böden in der sumpfigen Niederung, auf denen nur Heide wuchs.

Die Brandenburger kannten das aus ihrer Heimat, nicht dagegen die Einwanderer aus dem süddeutschen Raum, die bessere Böden, Weidegründe und eine andere Witterung gewohnt waren.

Entsprechend fiel der Erfolg aus, 1787 berichtete ein Besucher, er traf in zwei Dörfen bei Jamburg ewa 80 Wirtschaften an, während die einen durch Fleiß voran kamen, stürzten die anderen sich durch eigene „Liederlichkeit“ in Armut. Es wird über Land- und Viehmangel geklagt.12 Wobei der Mangel an Land durchaus zutraf, da die Ansiedler laut Manifest Ackerland, Heuwiesen, Weide und Waldstücke von insgesamt 35 Desjatinen13 Land erhielten, wobei jedes 210 rheinländische Fuss14 breit und 560 Fuss lang ist (knapp 66 X 176 m).

Es gab den Vorschlag, die armen Wirte sollen in derTuchfabrik arbeiten, die besseren Ackerbauern einen Teil ihres Landes übernehmen. Einige dagegen versorgten die Stadt mit Wild durch Jagd, Butter und allerlei Wurzelwerk, welches sie in der Natur sammelten.

Die wirtschaftliche Beschreibungen der Ujesde (Экономические примечания ) vermerken daher für den Jamburger Kreis regelmäßig niedrige Erträge und schlechte Landwirtschaftsbedingungen. Erschwerend kam hinzu, es gab außer den Fabrikarbeitern keine Absatzmärkte, kaum Infrastruktur und dadurch bedingt hohe Transportkosten in Städte wie Sankt Petersburg. Obwohl sich der Weg durchaus lohnen konnte, da man in Städten deutlich höhere Preise für seine Waren erzielte, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln zudem ungleich höher war als auf dem Land. Insbesondere Kartoffeln sollten die Deutschen zur Versorgung der Bevölkerung anbauen.

Es gab eine ausdrückliche Genehmigung für Privatbesitzer, Kolonisten auf eigenen Grund anzuwerben, was mitunter ebenfalls zu Konflikten führte, zumeist in Form von Streitigkeiten über Landgrenzen.

Vor allem beklagten die Ansiedler jedoch die vermeintlich nicht eingehaltenen Privilegien der Steuerbefreiungen, das fehlende Stellen von fertigem Bauholz, Saatgut, Vieh, die mangelnden zinsfreien staatliche Kredite und nicht vorhandene Ackerflächen, die erst urbar gemacht werden mussten.

Es war ihnen nicht bewußt, dass die Ansiedlungsregion für die Steuerbefreiungsjahre eine große Rolle spielte, dazu gab es Steuerregister. Wer sich um Sankt Petersburg und in den Siedlungen Ingermanlands niederließ, konnte sie nur fünf Jahre in Anspruch nehmen.

Estland und Ingermanland oder St. Petersburg, 19. Jahrhundert15

Zinslose Kredite waren maximal auf die ersten zehn Ansiedlungsjahre beschränkt, die Jurisdiktion hatte einen beschränkten Wirkungsbereich, in besonderen Fällen galt für deutsche Kolonisten das russischen Zivilrecht. Ebenso beschwerlich war die innere Verwaltungsbehörde, das Kolonistenkontor, welches das Leben der Ansiedler genau so bürokratisch werden ließ, wie in der alten Heimat. Die Eingriffe lokaler Beamter in die Selbstverwaltung und Beschwerden über ungerechte Behandlung finden sich daher häufig in Berichten des Kommerzkollegiums (Коммерц-коллегия)16

Auch die ungewohnten Bevölkerungsverhältnisse17 erschwerten das Einleben, es gab in den neuen Kolonien keine Durchmischung der Bevölkerung, wie in der alten Heimat, sondern eine sehr deutliche Trennung zwischen Städtern und Landbevölkerung. Bauern, die ihr Land nicht mehr bestellten, da sie in den Manufrakturen arbeiteten, in den Städten viele Kaufleute, Militärpersonen, Beamte, adlige Hausbesitzer und natürlich Handwerker. Diese wollten alle versorgt werden mit Nahrung. Dem gegenüber standen viele einheimische Leibeigene, arme Bauern, die als Pächter arbeiteten und wenige, zumeist adlige Großgrundbesitzer mit ihren Abgabenlasten.

Die Kolonisten mussten zudem Soldaten versorgen und Transporte leisten — eine zusätzliche Belastung, da der Jamburger Kreis als Grenzregion zu Schweden auch Durchzugsgebiet für Truppen war, entsprechend von Einquartierungen betroffen.18


Der entscheidende Wendepunkt: Die Einladung in den Süden (Neurussland)

Ab den 1780er Jahren begann die russische Regierung, gezielt Kolonisten in die Schwarzmeersteppe umzusiedeln. Gründe für die staatliche Umsiedlungspolitik war die Erschließung der neuen Gebiete nach dem Russisch-Türkischen Krieg, die Ansiedlung sorgte auch für eine Sicherung der Südgrenze. Dazu kam der dringend benötigte Aufbau einer effektiven landwirtschaftlichen Produktion zur Versorgung der Bevölkerung der sich entwickelnden Städte und Industriestandorte, weshalb die Order in der Suche nach erfahrenen deutschen Siedlern bestand. Es sollten keine Handwerker mehr angeworben werden, sondern ausdrücklich das gesamte Spektrum der bäuerlichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Zudem setzte man nach den Problemen mit mittellosen Einwanderern auf finanzkräftigere, um die Kosten für die Ansiedlung geringer zu halten.

Wieder wurde mit Steuerfreiheit, garantiertem Landbesitz, freier Religionsausübung, Selbstverwaltung, staatlicher Unterstützung für die Beschaffung von Saatgut, Vieh und Bauholz und diesmal mit fruchtbaren Schwarzerdeböden geworben.

Im Vergleich zu den Ackerbaubedingungen in Jamburg war das ein Quantensprung.

Документ №26

Указ Екатерины II о переселении колонистов из Ямбургского уезда в Екатеринославскую губернию, о льготах Ямбургским колонистам о платежах шлиссельбургских колонистов

16.08.1793

17.147. — Августа 17. Именный, данный Санктпетербургскому Вице-Губернатору. — О переселении 270 душ колонистов из Ямбургского уезда в Екатеринославскую Губернию; о прибавке пашенной земли остающимся в оном уезде колонистам; о даче им льготы на пять лет, и о сравнении их, по прошествии сего времени, в платеже податей с Ижорскими колонистами.

По рассмотрении поданного Нам от С. Петербургской Казенной Палаты о состоянии Шлиссельбургских и Ямбургских колонистов доклада, за благо признали Мы удовлетворить хотящим переселиться из Ямбургского уезда в числе 273 душ мужеска и женска пола, Мы возложили на попечение и распоряжение Нашего Генерал-Поручика Графа Зубова отправление их из настоящих жилищ будущего 1794 года весною, и водворение их в Губернии Екатеринославской, снабдя его потребными на то суммами; а вам повелеваем: 1. дома и другие строения, сим переселенцам в нынешних их жительствах принадлежащие, также и прочее имение, которого они с собою забрать не могут, позволить им распродать в собственную их пользу. 2. Остающиеся за тем в Ямбургском уезде тридцать шесть семейств колонистов, удовольствовав просимою ими пашенною и сенокосною землею и лесными угодьями, всего пятьюстами девятью десятинами, дать им льготы пять лет; по прошествии же оных, платить им ежегодно одинаковую с Ижорскими колонистами подать, по 303/4 копеек за каждую десятину. 3. Казенную на Ямбургских колонистах недоимку, возросшую ныне до 137.493 рублей 85 копеек, по крайней их бедности и в рассуждении неудобности земли, на которой они поселены были, с них не взыскивать. 4. С Шлиссельбургских колонистов, вследствие добровольно учиненного ими обязательства, взыскивать ежегодно подати в казну, за землю по 918 рублей 75 копеек, да сверх того по 300 рублей, в уплату недоимки, из которой однако ж исключить 3.871 рубль 183/4 копеек, за неудобную землю причитающиеся.

ПСЗРИ. Собр. 1. Т. XXIII. С. 454.19

Mit Ukas vom 17. August 1793 20erlaubte man 273 Kolonisten (57 Familien) der Kolonien Luzkaja, Porchow und Frankfurt, ins Gouvernement Jekaterinoslaw umzusiedeln, sie wurden vorübergehend im Dorf Staraja Kodak untergebracht, wo ihre Zahl infolge von Mangel und Krankheiten auf 240 Seelen sank.

Schließlich wurden ihnen Ländereien 17 Werst von Ekaterinoslav entfernt zugewiesen, am Dnepr, nahe der Mündung des Flüsschens Mokraja Sura, wo sich einst zahlreiche Saporoger Winterlager befanden. Dort ließen sie sich endgültig nieder und gründeten die Ansiedlung Jamburg.21 Eine Einwohnerliste aus dem Jahre 1816 überlieferte das Kommando Stumpp.

Die Lage der restlichen Familien verbesserte sich nicht, ein Bericht vom 5. April 1800 beschrieb die Situation der seit über 30 Jahren ansässigen als sehr schlecht, selbst ihre Kleidung war mangelhaft, drückte ihre Armut aus. Nicht jeder ist in der Landwirtschaft tätig, einige verloren durch Diebstahl und Zerstörung das, was die Staatskasse für sie gekauft hatte. Andere, die aufgrund von Krankheit in Armut geraten waren, verkauften ihr Vieh, so dass elf Familien aufgrund von Ressourcenmangel keine Landwirtschaft betreiben. Einige Wirte, die zunächst ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in der die Jamburger Tuchfabrik verdienten, sich nicht an die Arbeit der Landwirtschaft gewöhnen konnten, sind ebenfalls arme Bauern. Ihnen wurden Vergünstigungen für die Zahlung von Grundsteuern gewährt. Es wurden 10 Jahre festgelegt, danach sollten jährlich fünf Kopeken von jedem Zehnten abgezogen werden zur Rückzahlung des Darlehens.22

Ein die Besteuerung der Anwesen der verbliebenen Familien betreffendes Aktenstück zählte am 18. Juli 1805 die Zahl von 22 Höfen, 37 Familien und 188 Personen.23

In den 1820er Jahren wurden die Kolonisten daher durch die Behörden häufiger kontrolliert als bisher. Obwohl sie fleißig waren, kamen sie noch immer eher schlecht mit den örtlichen Bedingungen zurecht. Als die Domänenkammer Mitte der 1840er Jahre auf die Armut der Jamburger Kolonien aufmerksam wurde und Beamte zur Inspektion der Siedlungen entsandten, fanden sie die Häuser und Wirtschaftsgebäude größtenteils zerstört vor. Viele Hofbesitzer hatten weder Pferde, Vieh, noch landwirtschaftliche Geräte. Es gab kein Handwerk, und der Gemüseanbau deckt kaum den eigenen Bedarf. Man befand den Sittenverfall als so weit fortgeschritten ist, das 16 der 40 Wirte durch übles Verhalten und Trunkenheit auffielen.

Darauf hin ordnete Zar Nikolaus I. an, den Jamburger Kolonisten die schon lange nicht mehr bezahlte Grundsteuer zu erlassen, einige von ihnen nach Südrussland umzusiedeln und einen Unteroffizier mit der Leitung der schon lange nicht mehr funktionierenden lokalen Verwaltung zu betrauen.24

So zogen erneut 37 Familien ins Jekaterinoslawsche und gründen 1848 Neu-Jamburg (Nr. 47, Nowokrassnowka; Novokrasnivka).

Das Reichsdomänenamt zählte 1849 in der Stadt Jamburg 9 deutsche Kolonistenfamilien mit 55 Personen, in Luzkaja 15 Familien mit 91 Personen, in Porchow 9 Familien mit 95 Personen und in Frankfurt 4 Familien mit 66 Personen. Unter den Kolonisten der drei Jamburger Kolonien waren nur noch 161 Katholiken25.

Diese Kolonisten assimilierten sich nach und nach, wurden russische Untertanen, arbeiteten und lebten in der Stadt, traten ins Militär ein, verließen den Bauernstand, so daß die wirtschaftlich so erfolglose Ansiedlung der katholischen Bauern verblasste in der Geschichte der Jamburgs.

Jamburg vor 1912, mittig das Grabdenkmal von Karl von Bistram (1770-1838)26 Foto: Издание Л. Крохмъ, г. Ямбург27


  1. Wikimedia Jambug 1860, gemeinfrei http://maps.monetonos.ru/tom_01/kartSpb/odnoverstka/monetonos_9-4.jpg ↩︎
  2. Seite des Jahres 1384 in der ersten Nowgoroder Chronik ↩︎
  3. Wikimedia, Teil des Kupferstichs – Kapurga-Gama – Festungen Jaama und Koporje, Stridbeck,1720, gemeinfrei. Nachbearbeitung J. Rzadkowski ↩︎
  4. Esthland und Ingermanland oder St. Petersburg, Kartograph: Friedrich von Stülpnagel, Graveur: C. Stier, Herausgeber: Justus Perthes. Nationalbibliothek Estlands http://www.digar.ee/id/ru/nlib-digar:46771 ↩︎
  5. Johann Christian Schedel: Neues und vollständiges geographisches Lexikon für Kaufleute und Geschäftsmänner, oder alphabetisch geordnete Beschreibung aller Welttheile, Staaten, Länder, Plätze, Häfen, Gewässer und Kanäle, die den Kaufmann interessiren und wohin gehandelt und Verkehr getrieben wird, Bd. 2 G – M Verlag Schwickert, Leipzig, 1803, p.214 ↩︎
  6. aus dem Artikel der Газета „Время“ Кингисеппского района vom 15.6.2024: Ям – Ямбург – Кингисепп. Экономическое и социальное становление: от старины глубокой до наших дней! С 640-летием, любимый город! ↩︎
  7. Peter von Koeppen; Ueber die Deutschen im St. Petersburgischen Gouvernement. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1850 p.10 [Gesetzessammlung Ukas vom 23. Juli 1769. S. Полн . Собр . Зак . Т. ХXIII , No. 13,325 S. 927] ↩︎
  8. Eine Liste vereidigter Kolonisten auf der von Anatol Gehweiler (1957-2015) initierten Homepage ↩︎
  9. Die deutschen Ansiedlungen in Russland, Friedrich Matthäi, Leipzig 1866 (p. 25) ↩︎
  10. August Wilhelm Hupel: Bemerkungen über Ingermanland als den beträchtlichsten Theil des jetzigen St. petersburgischen Gouvernements. Nebst anderen kürzern Auffsätzen etc. Der nordischen Miscellaeen 13tes und 14tes Stück. Riga verlegts Johann Friedrich Hartknoch. 1787 p.309 f ↩︎
  11. LDS #007790520 Bild 3 Item 2 ↩︎
  12. Huppel, ebenda ↩︎
  13. 1 Kron-Dessjatine (neu) = 2400 (Quadrat-)Saschen = 10.925,3975 Quadratmeter = 109,254 a ≈ 1,1 Hektar (ha)
    1 Kron-Dessjatine (alt) = 3200 (Quadrat-)Saschen = 145,666 Ar = 1,457 ha ↩︎
  14. 1 Preußischer (Rheinländischer Fuß). = 0,313853497 m ↩︎
  15. Esthland und Ingermanland oder St. Petersburg, ebenda ↩︎
  16. https://bibliotekar.ru/2-7-5-torgovlya-kupechestvo-18-veka/index.htm ↩︎
  17. https://bibliotekar.ru/2-8-8-istoriya-rossii-18-vek/1.htm ↩︎
  18. Magazin für die Literatur des Auslandes. Hrsg. Joseph Lehmann. 65. Band Januar-Juni 1864. Berlin, Ferd. Dümmler´s Verlagsbuchhandlung Harrwitz und Großmann 1864, No. 8 p.119 ↩︎
  19. ПСЗРИ. Собр. 1. Т. XXIII. С. 454 ↩︎
  20. Peter von Koeppen, ebenda, p.11 [Ukas vom 17. August 1793. S. Полн . Собр. Зак . Т. ХXIII , No. 17,147 S. 454] ↩︎
  21. Skalkovsky, Apollon Aleksandrovich (1808–1898). Erfahrungen mit der statistischen Beschreibung des Gebiets Noworossijsk. Teil 1: Geographie, Ethnographie und Bevölkerungsberechnung des Gebiets Noworossijsk. – Odessa: L. Nitsche Press, 1850. [Опыт статистического описания Новороссийского края] p.261 ↩︎
  22. ПСЗРИ. Собр. 1. Т. XXVI. С. 115—128 ↩︎
  23. Peter von Koeppen, ebenda, p.24 ↩︎
  24. Hrsg.: Victor Herdt, Dietmar Neutatz: Gemeinsam getrennt; Bäuerliche Lebenswelten des späten Zarenreiches in multiethnischen Regionen am Schwarzen Meer und an der Wolga (Veröffentlichungen des Nordost-Instituts, Band 7) Harrassowitz Verlag 1. Juni 2010 p.47 ↩︎
  25. Peter von Koeppen, ebenda, p.24 ↩︎
  26. alte Postkarte Russlands vor 1912, Löwe auf Denkmal der Grabstätte Karl von Bistrams (1770-1838) ↩︎
  27. Издание Л. Крохмъ, г. Ямбург [Herausgeber L. Krochm, Stadt Jamburg] ↩︎

Jamburg Zensus 1816

Nach Kommando Stumpp, Einwohnerlisten Russland und Ukraine1

Jamburg, südl. v. Dnjepropetrowsk, gegr. 1792 (kath.)

Die Familien kamen aus Bayern, aus der Gegend Velburg, Burglengenfeld, Hemau — also aus der Oberpfalz, von wo sie der franz. Werber Leroi schon 1765/66
nach Russland ausgeführt hat; sie gründeten die Kolonie Jamburg im Gouv. Petersburg Jamburg gründeten, bald aber nach Jamburg in der Ukraine umgesiedelten.

BArch R 57 R 57_11674 Einwohnerlisten Russland und Ukraine Bildausschnitt R_57_11674_0141.jpg
  1. Lutz, Wolfgang 22, seine Frau Magdalena 22, seine Tochter Elisabetha 2, seine Schwestern Katharina 14,Karolina 11, Ewa 10, seine Mutter Magdalena 49.
  2. Gaumann (Baumann), Georg 35, seine Frau Katharina 40, seine Kinder Kunigunda 11, Kaspar 8, Johann 5, seine Stieftochter Katharina Rock 17.
  3. s. auch 23, 24, 32
    Rock (Rok), Georg 43, seine Frau Barbara 51, seine Tochter Franziska 16, sein Stiefsohn Lorenz Klassen 22, dessen Frau Margaretha 23, dessen Sohn Johann 2.
  4. s. auch 30, 48
    Kalteis, Johann 33, seine Frau Barbara 50, seine Söhne Michael 10, Johann 7, seine Stiefkinder Ulrich Melzel 17, Maria M. 15. Ertrude M. 12.
  5. s. auch 9, 46, 50
    Launteschlager (Lautenschlager), Kaspar, 1812, 76, 1814 +, sein Sohn Anton 38, dessen Frau Barbara 33, dessen Kinder Ertrida 14, Joseph 4 1/2, Barbara 2.
  6. s. auch 49
    Odinger, Balthasar, 1812, 66, 1815 +, sein Sohn Johann 32, dessen Frau Anna 35, dessen Kinder Michael 10, Maria 9, Lorenz, 1812, 3, 1813 +.
  7. s. auch 53
    Neumeier (Neumaier), Mathias 39, seine Frau Ertruda 36, seine Kinder Ertruda 13, Barbara 10, Johann 5, Katharina 3, Anton 6 Mon.
  8. Schnizer, Kaspar 26, seine Frau Marianna 27, seine Töchter Katharina 7 (spät. Eintrag: “Wurde 1832 ausgeschlossen”, Mariana 5, Lisa 3, Ewa 1, sein
    Bruder Nikolaus 24, dessen Frau Barbara 23, dessen Sohn Ulrich 3.
  9. s. auch 5
    Lautenschlager, Michael 35, seine Frau Elisabetha 32, seine Kinder Joseph 12, Anna 10, Martin 8, Johann 6,Michael 3, Johann 6 Monate.
  10. s. auch 16, 54
    Zeiger, (Zeiher), Henrich 39, seine Frau Karolina 24, seine Kinder erster Ehe Georg 12, Katharina 6 (Bleistifteintragungen: seine Kinder 2. Ehe Christina 17, Marianna 15, Iwan 18 Jahre alt).
  11. s. auch 13
    Eigenseer, Georg 40, seine Frau Susanna 27, seine Kinder erster Ehe Lorenz 19, Marianna 18, Georgij 15, Johann 12, Barbara 11, seine Kinder zweiter Ehe Anna 7, Georg 5, Susanna 5, Katharina 6 Mon.
  12. s. auch 44
    Schotter, Georg 45, seine Frau Katharina 49, seine Tochter Magdalena 16.
  13. s. auch 11
    Schilinger, Peter 70, seine Frau Maria 57, seine Stieftochter Marianna Becker 9, sein Neffe Georg Eigenseer 26, dessen Frau Katharina 34, dessen Kinder Wolfgang 6, Katharina 6.
  14. Forster, Johann 25, seine Frau Maria 20.
  15. Wirtel, Georg 40, seine Frau Susanna 40, sein Bruder Michael, 1812, 34, 1814 +
  16. s. auch 10
    Regel, Jacob, 1812, 34, 1814 +, seine Frau Margaretha 53, seine Töchter Anna 18, Maria 14, sein Stiefsohn Johann Zeiger 21, dessen Frau Maria 24, dessen Söhne Johann 2, Kirilo 1.
  17. Beidler, Wolfgang 44, seine Frau Franziska 41, seine Kinder Ewwa 19, Georgij 17, Barbara 13, Johann 11, Katharina 9, Michael 6, Maria 3.
  18. Schweidner, Joseph, 1812, 34, 1815 +, seine Frau Katharina 28, seine Tochter erster Ehe Katharina 16, seine Kinder zweiter Ehe Lorenz 3, Katharina 6 Mon.
  19. Gruntentaler, Michael 34, seine Frau Maria 27, seine Kinder Barbara 9, Anna 7, Johann 3, Martha 2, sein Bruder Peter, 1812, 27, 1813+
  20. s. auch 39, 52
    Pfeiffer, Peter 34, seine Frau Anna 33, seine Kinder Georgij 17, Kunigunda 13, Marianna 9, seine Schwester Margaretha 21.
  21. Bleicher, Lorenz 43, seine Frau Maria 44, seine Kinder Georgij 19, Marianna 17, Adam 14, Katharina 12, Michael 10, Susanna 7.
  22. Schaffner, Ulrich 25, seine Frau Maria 26, seine Tochter Barbara 4, Marianna 1.
  23. s. auch 24, 32
    Klass, Thomas 38, seine Frau Katharina 36, seine Kinder Walburga 13, Michael 8, Barbara 3, Johann, 1812, 6 Mon., 1811+
  24. Klass, Georgij 44, seine Frau Marianna 48, seine Kinder Johann 18, Susanna 13, Kasper 9, Ewwa 5, Georgij 20, dessen Frau Barbara 22.
  25. s. auch 28, 51
    Donhauser, Michael 35, seine Frau Christina 30, seine Kinder Johann 7, Margaretha 7, Michel 3, Jacob 6 Mon., sein Bruder Egor 34, dessen Frau Maria 30, dessen Kinder Walburga 11, Anna 6, Joseph 3, Thomas 2.
  26. s. auch 37
    Klein, Wolfgang 35, seine Frau Katharina 34, seine Söhne Henrich 8, Johann 6, Andrias 3, Georgij 1/2.
  27. Meyer, Simon 40, seine Frau Ewwa 35, seine Kinder Maria 20, Georgi 17, Johann 8, Jakob 41/2, Josef 2.
  28. s. auch 25, 51
    Donhauser, Jakob 28, sein Bruder Josef 26, dessen Frau Barbara 24, dessen Kinder Barbara 6, Georgi 3, Marianna 1.
  29. s. auch 43, 47
    Illenseher, Johann 40, seine Frau Margaretha 38, seine Kinder Marianna 17, Thomas 14, Michael 11, Christina 5, Johann 1.
  30. s. auch 4
    Koldeis (Kalteis), Bartel 28, sein Bruder Georgij 21, seine Mutter Elisabetha 62.
  31. Zimmer, Jakob 66, seine Kinder Marianna 22, Georgi, 1812, 28, 1813 +, dessen Frau Elisabetha 28, dessen Kinder Anna 11, Margaretha 9, Elisabeth 8, Jakob 6, Barbara 3, Henrich 24, dessen Frau Ertruda 25, dessen Tochter Susanna 2.
  32. s. auch 23
    Klas, Johann 24, seine Frau Anna 21, sein Sohn Georg 1, seine Schwester Kunigunda 24, deren Sohn Lorenz 2.
  33. Zinn, Johann 42, seine Frau Barbara 38, seine Kinder Josef 17, Maria 17, Katharina 14, Georgi 10, Johann 7, Barbara 5.
  34. Zinn, Georgi 45, seine Frau Walburga 37, seine Kinder Johann 15, Henrich 14, Anna 11, Johann 6, Maria 6, Katharina 1, seine Schwiegermutter Maria Suter 69
  35. Sutter, Johann 57, seine Kinder Margaretha 17, Marianna 11, Michael 21, dessen Frau Marianna 26, dessen Kinder Georgi 5, Walburga 3, Anna 1.
  36. Steiger, Georgij 58, seine Frau Katharina 54, sein Sohn Simon 15.
  37. s. auch 26
    Klein, Bartel 43, seine Frau Margaretha 46, seine Kinder Jacob 5, Barbara 4.
  38. Blank, Georg 34, seine Frau Kunigunda 34, seine Kinder Marianna 10, Joseph 8, Katharina 6, Kaspar 3.
  39. s. auch 20
    Pfeifer, Jakob 36, seine Frau Katharina 36, sein Sohn Michael 18.
  40. s. auch 26
    Klein, Martin 38, seine Frau Maria 37, Tochter erster Ehe Katharina 23, Marianna 15, Kinder zweiter Ehe Lisa 12, Johann 11, Johann 8, Maria 2.
  41. s. auch 56
    Butjon, Lorenz 40, seine Frau Anna 24, seine Kinder erster Ehe Johann 14, Katharina 11.
  42. s. auch 17
    G(H)alamär (G(H)alameier?), Leonhard 1812, 61, 1815 +, sein Pflegesohn Joseph Beidler 34, dessen Frau Walburga 34, dessen Kinder Katharina 15, Elisabetha 12, Georgi, 1812, 6, 1814 t, Ewwa 3.
  43. s. auch 29
    Illenseer, Michael 28, seine Frau Eva 32, seine Kinder Johann 11, Katharina 9, Elisabetha 6, Barbara 4, Jegor 1.
  44. s. auch 12
    Schotter, Thomas 38, seine Frau Katharina 32, seine Kinder Margarita 14, Kasper 6, Mathias 2.
  45. Walner, Wolfgang 60, seine Frau Ewwa 43, sein Sohn Georgi 34, dessen Frau Barbara 26.
  46. s. auch 5
    Lautenschlager, Mathias 44, seine Frau Barbara 39, seine Kinder Margarita 17, Barbara 14, Marianna 13, Thomas 3.
  47. s. auch 29, 43
    Illenseer, Ulrich 40, seine Frau Eva 46, seine Kinder Mathias 20, Barbara 20, Georg 16, Anna 14, Lorenz 10 Jahre alt
  48. 48, s. auch 4
    Melzel, Michael 54, seine Frau Susanna 47, seine Kinder Anna 21, Johann 5, Wolfgang 25, dessen Frau Susanna 29, dessen Söhne Georgi 6, Henrich 2.
  49. s. auch 6
    Amann, Johann 59, seine Frau Barbara 22, sein Pflegesohn Bartel Odinger 24, dessen Frau Martha 26, dessen Sohn Michael 6 Mon.
  50. s. auch 5
    Lautenschlager, Johann 46, seine Frau Elisabetha 45, seine Kinder Bartel 24, Helena 20, Wolfgang 18, Johann 14, Elisabetha 12.
  51. s. auch 25
    Donhauser, Johann 40, seine Frau Elisabetha 24, seine Kinder Margarita 8, Maria 5, Lorenz 2.
  52. s. auch 7
    Neimeier (Neumaier), Johann 37, seine Frau Maria 31, sein Sohn erster Ehe, Thomas 10, seine Kinder zweiter Ehe, Johann 3, Maria 1, seine Mutter Helena
    59, sein Bruder Jakob 30, dessen Frau Maria 26, dessen Tochter Katharina 5, Marianna 2.


1809 aus dem Ausland angekommen
1811 in die Kolonie eingeheiratet, die Wirtschaft eines alten Kolonisten übernommen

54. s. auch 10
Salatin, Jakob 31, seine Frau Barbara 47, sein Sohn Joseph 6, seine Nichte Katharina Zeiger 24, sein Neffe Johann Z. 15Jahre alt.

Ohne eigene Wirtschaft — Landlose:

55. Schilinberger, Adam 55, seine Frau Margaretha 41, seine Kinder Maria 7, Johann 5, Georg 2.

56. s. auch 41
Butjon, Georg 23.

57. Biller, Johann 32, seine Frau, eine Russin, Matrona, 30 Jahre alt.

1804 vom Ausland angekommen
1805 in der Kolonie angesiedelt, Freijahre seit 1815 vorbei

58. Branstater, Johann 70, (Nachtrag mit Bleistift ”unehelicher Sohn Georg, 17 Jahre alt”).

1809 vom Ausland angekommen
1811 in der Kolonie angesiedelt im Genuß der Freijahre bis 1820

59. Wagner, Johann 45, seine Frau Rosina 43, seine Kinder August 13, Wilhelmina 10.


  1. BArch R 57 R 57_11674 Einwohnerlisten Russland und Ukraine, Jamburg ↩︎

Sammelplatz Roßlau

Die Anwerbung

Mit dem Ukas der Zarin Katharina II. an den Senat vom 4. Oktober 1762 :

„Da in Rußland viele öde, unbevölkerte Landstriche sind, und viele Ausländer uns um Erlaubnis bitten, sich in diesen öden Gegenden anzusiedeln, so geben Wir durch diesen Ukas Unserem Senat ein für allemal die Erlaubnis, den Gesetzen gemäss und nach Vereinbarung mit dem Kollegium der auswärtigen Angelegenheiten – denn dies ist eine politische Angelegenheit – in Zukunft alle aufzunehmen, welche sich in Russland niederlassen wollen, ausgenommen Juden. Wir hoffen dadurch, den Ruhm Gottes und seiner rechtgläubigen, griechischen Kirche, sowie die Wohlfahrt des Reiches zu mehren.“

Katharina

„Dasselbe gilt für alle russischen Uebersiedler.“

Katharina

Auf einen beigefügten Zettel an den Generalprokureur Alexander lwanowitsch Glebow wies Katharina an:

„Dieses Manifest soll in allen Sprachen veröffentlicht und in allen ausländischen Zeitungen abgedruckt werden. Den 4. December 1762.“

Katharina

begann eine massive Werbung in Europa. Um den Zustrom der Auswanderungswilligen zu koordinieren, ihre Papiere zu bearbeiten und sie in Trupps nach Russland zu senden, bevorzugt über den Wasserweg, da günstiger im Transport, wurden Sammelplätze benötigt.

In der Vorbereitung warb der kaiserlich russische Gesandte in Regensburg, Sitz des deutschen Reichstags, bei den Landesfürsten und deren Abgesandten, um die Erlaubnis zur Einrichtung dieser Plätze. Gefordert wurden örtliche Unterkunft, gegen Bezahlung das Stellen von Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgütern. Dies schien die Landeskassen nicht zu belasten und die deutschen Fürsten stimmten dem Unterfangen zu.

Der anhaltinische Gesandte in Regensburg, von Pfau, bestimmte zunächst Coswig als geeignet, um von dort die Ankommenden über die Elbe nach Hamburg und weiter nach Lübeck einzuschiffen. Dort sollten sie dann im Sammellager Lübeck bis zur Weiterreise ins russische Reich verbleiben.

Der Zerbster Fürst Friedrich August, jüngerer Bruder der Zarin, bestimmte jedoch den Zollplatz Roßlau, nur 15 km stromabwärts von Coswig, als „bequemer“ für die Kolonisten.

Daraufhin wurde Roßlau als Elbhafen in einem Erlass der Zarin benannt und es wurden Schiffer durch den ab dem 2. September 1765 im Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ logierenden Reisekommissar in russischen Diensten, von Monjou, angeworben.

Ausschnitt aus: Isaak Jacob Petri: Gantz Neue Und Vollstaendige Geographische General=Charte vom Gantzen Churfürstenthum Sachsen mit allen einverleibten dazu gehörigen marggraffthümern, Fürstenthümern, Grafschafften, Stifftern und Herschafften auch andern fremden angrentzenden Laendern . . . 1763

Der Capitain der russischen Kolonie Catharinenlehn an der Wolga, J. G. von Kotzer, wohnte in Coswig. Er war ein Agent des Werbers Ferdinand Philippe Baron de Caneau de Beauregard, der als Gründer der Kolonie Marx an der Wolga gilt. Die Kolonien Kaneau und Beauregard wurden nach selbigem benannt, Ernestinenfeld und Philippsfeld nach seinen Kindern, Susannental nach seiner Frau.

Die Werberaufrufe verfehlten ihre Wirkung nicht, von Pfau berichtete in Regensburg am 2. Mai 1765, dass sich tatsächlich unter der Führung eines gewissen Florentin ein Trupp von 300 Seelen eingefunden hat. Am 1. Juni trafen weitere 100 Personen ein, am 12. Juni 150 und kurz darauf weitere 250 Personen. Vom ersten Trupp wurden 50 Paare getraut, bis August waren es 215 Paare und wohl 2365 Personen, die eintrafen. Auf im darauffolgenden Jahr meldete von Kotzer neue Transporte an.1

Für die Roßlauer und das kleine Fürstentum wurde die Kolonistenschwemme jedoch zur ernsthaften Bedrohung. Sie hatten seit Jahren ein schweres Auskommen, seit 1758 zahlten sie so hohe Steuern und Abgaben, das viele ihre Schulden im Jahre 1800 noch nicht getilgt hatten. Im Oktober 1760 zog unter dem preußische König Friedrich II. eine Armee von etwa 160.000 Mann durch Roßlau über die Elbe, mit allem, was bei Durchmärschen an Schäden hinterlassen wurde, blieben die Roßlauer zurück.2

Der Bürgermeister der Stadt, Johann Christian Bölke, beschwerte sich am 18. März 1766 bei der Regierung, dass sowohl die Einquartierungen der Kolonisten die finanzielle Kräfte der Bürger übersteigen, als auch die Stadt in der Zahlung an die Rekruten und Kommandeure, die nun in der Stadt seien zur allgemeinen Sicherung. Es wurde der Ausbruch einer Feuersbrunst befürchtet durch die Unvorsichtigkeit der Kolonisten. Die Vorschusszahlung von 500 Louisdor durch A. Mussin-Puschkin, Vertreter der russischen Kreise, waren längst aufgebraucht.

Die Lage verschlimmerte sich durch harten Frost und die zugefrorene Elbe, die Kolonisten lagerten unter erbärmlichsten Umständen, von Kotzer schrieb am 13. März 1766:3

Die Leute können doch nicht auf der Straße liegen; ich verlange ja nur ein Dach und das nötige Lagerstroh, und daß Brot, Fleisch, Bier und Branntwein zum Verkauf bereit gehalten werden…

Der Bürgermeister hielt dagegen:

… dass die Armen aus Mangel an Geld vor den Türen der Einwohner um Brot, Holz und Stroh betteln.

Auch der Pfarrer klagte, die Kolonisten seien so arm, sie können kaum die Amtshandlung zahlen, vermutlich mit ein Grund, weshalb er in seinen Ausführungen im Traubuch so sparsam war an Worten.

Ab April 1766 wurde daher der Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ als Kolonistenunterkunft genutzt.

Wem noch unbekannt, daß Ihre Russische Kaiserliche Majestät Leute, so nehmlich Proffesion oder Ackerwerk verstehen, annehmen lasse; So wird dieses hiermit bekannt gemacht: Zu Roßlau bey Dessau im Schwarzen Bären werden sie Verpflegung erhalten, auch wird vor alles bestens gesorget werden. Nehmlich der Gastwirth Hoffmann bezahlet jedem Mann täglich vier Groschen sechs Pfennige, dabey frey Quartier und Transport, insgleichen werden ledige Frauenspersonen zur Verheurathung verlanget und angenommen, es muß sich aber ein jedes bald möglichst daselbst einfinden, weil der Commissarius binnen 4 Wochen nach Sankt Petersburg abgehet. Geschrieben den 12. April 1766

Von Kotzer blieb kurz darauf den Roßlauern in unrühmlicher Erinnerung, nachdem es zu einer Gasthausschlägerei zu Ostern 1766 unter den Kolonisten kam. Von Kotzer galt als Hauptschuldner und Verantwortlicher für die Kolonistenangelegenheiten, dachte jedoch nicht daran, den Schaden für den Wirt, das Eingreifen der Militärwache und die Behandlung der neun Verwundeten von 33 Rtl. 55 gr. 8 Pf. zu zahlen. Die Anhalt-Zerbstsche Regierung beschwerte sich daher bei der russischen Regierung über ihn. Noch Jahre nach seiner Abreise gab es Gläubigerforderungen bis nach Annaberg und Dresden von über 2000 Rtln.4

Auch dem Fürstenhaus gefielen diese Kolonistenanwerbungen ganz und gar nicht, man fürchte eine Abwanderung junger, kräftiger Männer – und Steuerzahler – und untersagte die Auswanderung derselben am 8. Oktober 1765. Daher duften nur vier Roßlauer Frauen heiraten und mitziehen.

Der Zerbster Geheime Archivrat Professor Dr. phil. Hermann Wäschke (1850-1926) zählte insgesamt 3440 Kolonistennamen in den Archivbeständen des Landes.5

Lehrer und Heimatforscher Max Wolff (1866-1934)6 aus Roßlau schrieb die Namen der Kolonisten in den Kirchenbüchern ab und veröffentlichte diese im Artikel Roßlau in Anhalt als Sammelpunkt „russischer Kolonisten“ 1765 und 1766 erschinen 1923 in der Wolgadeutsche.7

Die übernommenen Daten sind hier leicht verkürzt wiedergegeben und ohne Gewähr auf Richtigkeit, da die Kirchenbücher nicht selbst eingesehen wurden, sie sind ausschließlich vor Ort einsehbar, nicht online!

Aus den Traubüchern 1765-1766:

28.05.1765Anton Windhold oo Rosina Gerber
Martin Vogel oo Sabina Fick
Gottfried Adam Stecher oo Maria Anna Hoch
Johann Kaspar Probst oo Anna Margaretha Seybold
Johann Egge oo Barbara Hech
Petrus Köllermeier oo Maria Magdalena Fich
Johannes Suttner oo Dorothes Geigler
Anton Aue oo Magdalena Schönberger
Nicolaus Kleyn oo Catharina Rupp
Jacob Weyreich oo Hannata Bläsiuß
Johann Sterzer oo Dorothea Inhoff
Peter Schönberger oo Cathaina Lick
Andreas Leißel oo Johanna Deml
Kaßper Bibus oo Anna Maria Meister
Adam Zahn oo Caroline Schreyner
Christoph Wilhelm Schuller oo Catharina Weßnich
Anton Kaßner oo Barbara Laber
Christian Patz oo Catharina Barbara Baumheml
Heinrich Wilhelm Geter oo Anna Maria Leber
Franz Peter Brungart oo Anna Maria Müller
Friedrich Jäckel oo Maria Margaretha Wulff
Jacob Meyer oo Barbara Hoch
Adam Braun oo Klara Schaub
Jacob Kullmeyer oo Maria Christiana Prister
Johann Bruner oo Anna Maria Mattiß
Johann David Appel oo Maria Eva Weber
Johann Adam Hutzer oo Anna Brinhin
Johann Graff oo Anna Maria Ostermeier
Johann Gottlieb Gantzen oo Maria Antonia Henne
29.05.Matthia Pohß oo Anna Maria Wucher
Johann George Herrmann oo Anna Maria Berg
03.06.Stephan Dittmann oo Maria Klewitz
Staphan Gärtner oo Engel Jakobi
Johann Reisach oo Elisabeth Magdalena Kantehuber
Johann George Zier oo Margarethe Wolf
Joseph Hecht oo Catharina Meseler
Joseph Sowalter oo Maria Anna Caßpar
Johann Dometri oo Anna Maria Jacobi
17.09.Conrad Becher oo Christiana Elisabeth Lohrentz
Andreas Böhme oo Dorothea Christiana Herklotzsch
22.09.Johann Heinrich Karl Eckart oo Sophia Elisabeth Backe
Johann Justinus Hille oo Charlotte Wilhelmine Kühne
Johann Heinrich Sachße oo Charlotte Sophia Wilhlemnina Knittel
23.09.Johann Wittenbeck oo Sophia Christina Schreiber
Jojann Jacob Wels oo Johannes Sophia Leo
Johann Christian Schumacher oo Anna Elisabeth Hahnen (eine Witwe)
24.09.Friedrich Wilhelm Drimet oo Magdalena Margarete Bräutigam
16.01.1766Johann Friedrich Regler oo Anna Sophia Hesekop
31.03.Friedrich Pazold oo Elisabeth Feßel
Martin Feßel oo Johanna Catharina Dorothea Lorber
Meister Johann Christoph Kramer oo Maria Justina Müller
04.04.Johann Siegmund Kiesling oo Charlotte Anna Maria Förster
Gottfried Thiele oo Anna Maria Richter
Johann Jacob Arendt oo Maria Dorothea Erlich
Andreas Krögel oo Sophia Böthger
06.04.Johann Christoph Handschuh oo Johanna Louise Hannewaldt
Jacob Zweygard oo Catharina Jahn
Carl Gröter oo Johanna Maria Pfeil
George Stoltze oo Maria Dorothea Müller
Johann Karl Hübner oo Anna Dorothea Schmied
Johann Gottfried Klemann oo Anna Elisabeth Retz
Johann Gottfried Göricke oo Johanna Sophia Lehmann
Andreas Gros oo Maria Catharina Spech
Johann George Staff oo Maria Elisabeth Hanke
Johann Christian Werner oo Sophia Elisabet Freßdorf
Johann Christian Hanke oo Dorothea Sophia Karst
Peter Anton Beltsch oo Dorothea Elisabeth Winkler
Johann Gottfried Borsdorff oo Johanne Louise Tunder
Johann August Holde oo Eva Dorothea Meyer
07.04.Gottfried Werner oo Rosina Catharina Heidenreich
Christian Friedrich Schuster oo Maria Sophia Hedicke
Gottfried Carl oo Maria Elisabeth Fliegel (Flügel! Braut aus Roßlau)
Johann Lohrens Kiltz oo Maria Elisabeth Wegner
08.04.Johann Michael Hummel oo Elisabeth Vogt
Johann Gottlob Himmelreich oo Maria Elisabeth Schröder
Monsieur Violette oo Madmoiselle Marianna Antoniana Zerzog
Erdmann Beryer oo Catharina Elisabeth Liebrecht
Heinrich Müller oo Maria Sophia Hentze
Gottlieb Schumann oo Maria Sophia Liebrecht
Samuel Goricke oo Johanna Christiana Uhlemann
Johann Gottfried Meyferth oo Dorothea Elisabeth Ost
Andreas Jacob König oo Catharina Dorothea Neumann
Ludwig Pille oo Maria Regia Lehmann
David Deich oo Johanna Christiana Henrijette Zöllner
Johann Carl Franke oo Christiana Sophia Teller
Meister Conrad Christoph Riemer oo Christiana Charlotte Spretz
09.04.Johann Friedrich Beck oo Christiana Augusta Hintze
Johann Heinrich Liebrecht oo Christiana Siebert
George Wilhelm Kirchner oo Margarethe Hentze
Martin Friedrich oo Barbara Elisabeth Wiese
Daniel Stichler oo Maria Gebhardt
Andreas Quindt oo Charlotte Sophia Löber
Christoph Leigs oo Henrijette Wilhemina Friederika Zöllner
Christoph Schesch oo Maria Catharina Schmied
Gottlieb Retz oo Maria Christiana Graff
Christian Töpper oo Dorothea Hoppe
Andreas Kellermann oo Johanna Maria Wagner
Johann George Krümmel oo Anna Magdalena Dittmann (Braut aus Roßlau?)
10.04.David Krieger oo Maria Elisabeth Rückemeister
Christoph Lübbecke oo Anna Sophia Breyer
Lebrecht Jost oo Dorothea Sophia Härtel
Johann Gottlieb Krause oo Sophia Friederika Schröter
Meister Johann Andreas Weydenhahn oo Maria Sophia Müller (Tochter des Schuhmachermeisters Müller aus Roßlau)
Christoph Baltzer oo Christiana Sophia Ebert
Johann George von Brün oo Johanna Dorothea Ostwaldt
Christian Gottlieb Herfurth oo Maria Elisabeth Kleinmuth
Johann Heinrich Henkel oo Johanna Catharina Elisabeth Jänicke
Johann Christian Weigand oo Susanna Maria Huhn
Christoph Scheffler oo Maria Dorothea Specht (Braut aus Roßlau)
Johann George Schröter oo Anna Rosina Jung
16.04.Johann Christian Heine oo Anna Elisabeth Zander
Friedrich Gottlob Temmig oo Anna Catharina Langhobel
Gottfried Kaßner oo Eva Catharina Walther
Joachim Stomann oo Maria Dorothea Kronemann
30.04.Johann Meußel oo Eva Marie Rückert
Johann Gottfried Hennig oo Maria Schmidt
Johann George Schmidt oo Anna Christiana Seehausen
Johann Bräutigam oo Anna Maria Krieger
Johann Christoph Seuring oo Juliana Frömmigen
Johann Heinrich Stengeler oo Johanna Susanna Leitweiler
George Friedrich Graßmey oo Johanna Sophia Naumann
06.05.Friedrich Michaelis Berke oo Johanna Louise Wetzstein
Johann Arendholtz oo Maria Stegemann
08.05.Christian Stenbarth oo Johanna Christiana Schmidt
Johann Friedrich Stieglitz oo Maria Sophia Müller
Johann Andreas Winkler oo Anna Rosina Fischer
Christoph Stolle oo Maria Elisabeth Grünberg
09.05.Johann Jacob Kumringer oo Maria Louise Gruber
Johann Christoph Meyer oo Maria Elisabeth Goldhorn
11.05.Georg Schütze oo Christiana Dorothea Rost
Heinrich Koch oo Maria Sabina Pröse
Frans Andreas Rudolph oo Johanna Catharina Elisabeth Eichhorn
Christian Seifert oo Maria Elisabeth Eichner
12.05.Johann Heinrich Dicker oo Christiana Elisabeth Bergt
20.05.Joseph Heiny oo Margaretha Kozian
Johannes Milecker oo Catharina Hengst
Johann George Feckenbusch oo Margarethe Milecker
Jacob Meier oo Anna Margaretha Müller
Daniel Hahnart oo Anna Barbara Wolff
George Ludwig Dim oo Anna Margaretha Hiebler
Johann George Hartmann oo anna Margarethaa Stecker
Johann Rein oo Anna Margaretha Biel
Johann Martin Lobinger oo Elisabeth Straß
22.05.George Winkler oo Kunigunda Beyer
Elekzius Weilitz oo Kunigunda Biller
Joseph Kamm oo Barbara Zimmer
Markus Waltz oo Anna Maria Mertin
Vollmann Benjamin Lutze oo Catharina Erbig
Michael Lutze oo Elisabteh Kesisch
25.05.Johann Siegmund Krauswaldt oo Sophia Henrijette Herbst
27.05.Anton Brandecker oo Catharina Elisabeth Mayer
Samuel Schultze oo Kunigunda Reuß
29.05.Johann Michael Schupphard oo Veronica Schiesdetzk
01.06.Christoph Jeremias Kermicke oo Maria Elisabeth Seidenzahl
Nicolaus Schmied oo Anna Margarteha Hirsch
Peter Salomon oo Anna Maria Detisch
Peter Lukas oo Margaretha Beltz
Joseph Gruber oo Maria Magdalena Heinler
Benedictus Weise oo Engula Vizum
Johann Friedrich Richter oo Magdalena Fansch
02.06.Christoph Ritzmann oo Margaretha Schack
Gottfried Born oo Margaretha Weißenzahn
03.06.Johann Jacob Wied oo Ursula Hekel
Johann Gottlieb Hort oo Maria Hähnel
08.06.Friedrich Ebenholtz oo Rosina Weyrauch
09.06.Johanna Friedrich Primo oo Catharina Elisabeth Ungerbell
Nicolaus Wodie oo Catharina Wede
10.06.Joseph Metzel oo Maria Geyer
Jacob Hebel oo Maria Koch
Joseph Otte oo Maria Munar
12.06.Siegmund Wegener oo Anna Eleonora Korn
Andreas Kindermann oo Maria Kirstein
13.06.Christian Gottlieb Richter oo Johanna Catharina Hebel
Christoph Meyer oo Maria Helena Weber
16.06.Johann Christoph Kerting oo Catharina Magdalena Berger
18.06.Hermann Habetits oo Maria Riedel
Friedrich Tubach oo Catharina Scheidberger
Abraham Stephan oo Catharina Neureuter
George Michael Vöschel oo Barbara Fechinger
Wolffgang Held oo Catharina Mertin
Johann Pommer oo Elisabeth Dietrich
Caßpar Keller oo Elisabeth Meißner
Leopold Seckt oo Margaretha Reinhardt
Andreas Beßelt oo Rosina Hemliml
Hanß Lang oo Elisabeth Helmlein
Christian Richter oo Johanna Elisabeth Walther
22.06.Sebastian Fischer oo Ursula Wagner
Hartmann Holtzmann oo Friederique Schultze
George Wiedewalt oo Barbara Rotter
Johann Christoph Lemm oo Anna Maria Eber
26.06.Karl Friedrich Rauschenbach oo Sophie Friederique Gruna
Johann Elias August Stötzer oo Maria Schmidt
Sebastian Milotter oo Barbara Jünger
Johann Sapper oo Margaretha Hoffmann
28.06.Jacob Dippolt oo Margaretha Schaffer
29.06.Johann Ludwig Bandel oo Anna Dorothea Kallopp
Balthasar Dippoldt oo Elisabeth Lücklein
Adam Bauer oo Anna Catharina Fröde
Christoph Stich oo Elisabeth Baltzer
30.06.Anton Beintrog oo Margaretha Hoffmann
03.07.Johann Samuel Minderlein oo Maria Louise Kentzker
17.07.Johann Christoph Wiesecke oo Anna Maria Hartmann
20.07.Johann Leonhardt Schäffer oo Anna Elisabeth Weisenfeldt
03.08.Johann George Hentze oo Anna Elisabeth Bährendt
17.08.Michael Müller oo Anna Elisabeth Buber
18.08.Christian Andreas Wagner oo Johanna Sophia Weiler

Aus den Taufbüchern 1765-1766

30.05.1765 Johann Philipp, Gottlieb Lehrigts, eines Colonisten Söhnlein, get. Sr, Rußisch Kays. Maj. Pathen: 1. Johann Philipp Kunsmann, 2. Frau Anna Rosina Kunsmann. 3. Heinrich Landert. 4. Gottlieb Lehrigt, der Vater. (Die Paten sind sicher Kolonisten gewesen, da diese Namen keine Roßlauer trugen.)
21.03.1766Augusta Sophia, Mstr. Christian Albrechts, eines Rußisch Kolonisten Töchterl. get. Pathen: 1. Frau Christian Dorothea Sophia Kochin. 2. Mstr. Andreas Hilmer Arnholdm Bürger, Brauer und Schlößer. 3. Frau Johanna Augusta Byerin, Mstr. Rudolph Beyers Beckers Ehefrau. (Wohl alle drei Roßlauer Einwohner)
06.04.Johann Friedrich Christian Betsches, eines Rußisch Kolonisten Söhnl. get. Pathen waren: 1. Mstr. David Ahlberg, ein Kolonist. 2. Frau Maria Schorlippin, eine Kolonistin. 3. Levin Marker, ein Kolonist.
08.04.Johann GottliebFriederich Leberecht, Jakob Zweigarts, eines Rußisch Kolonisten Söhnlein get. Pathen waren: Herr Ferdinand August von Uechtritz, Capitain von der Colonie. 2. Jungfr. Friederica Sophia Schirmerin alhier. 3. Herr Gottfriedt Mahler, Hochfürstl. Buchhalter alhier. (Die beiden lezten sind Roßlauer Einwohner)
09.04.Anna Elisabeth, Carl Wilhelm Meißners, eines Rußisch Kolonisten Töchterl. get. Pathen waren: 1. Maria Elisabeth Sachßin, eine Kolonistin. 2. Johann Gottfried Tritschler, ein Kolonist. 3. Johanna Müllerin, eine Kolonistin.
10.05.Catharina Dorothea, Johann Jacob Annerts, eines Rußisch Kolonisten Töchterlein get. Pathen: 1. Frau Christiane Dorothea Kochlin, verwitwete Amtmännin. 2. Herr Ferdinand August von Uechtitz, Capitain vond er Ruß. Colonie. 3. Frau Friederica Amalia Hoffmannin, Gastworthin aus dem schwartzen Bär, alhier. (Nr. 1 und 3 sind Roßlauer Einw.)
27.05.Maria Dorothea, Friedrich Krebßes, eines Rußisch Kolpnisten Töchterl. get. Pathen: 1. Maria Dorothea Petzoldtin. 2. Johann Simon Petzold. 3. Margaretha Meyerin, sind Kolonisten gewesen.
27.06.Johann Thomas, Georgius Meyers, eines Ruß. Kolonisten Söhnl. get. Pathen: 1. Johann Adam Herbelsamer. 2. Margaretha Herbelsamerin. 3. Thomas Spitzwieser, sind alle Kolonisten.
29.06.Johann Heinrich, Johann Michael Schatzes, eines Rußisch Kolonisen Söhnl. get. Pathen waren 1. Johann Friedrich Heut. 2. Kunigunda Siegmen. 3. Hanß Ruße, waren Kolonisten.

Aus den Sterbebüchern 1765-1766

08.06.1765Joseph Erkels, eines Kolonisten Kind, begraben.
06.04.1766ist Meister Johann Christoph Krahmers, eines Kolonisten Söhnlein begraben.
08.05.ist Philipp Schlagens, eines Rußisch Kolonisten Söhnlein, am Tage begraben.

  1. Lehrer Max Wolff, Roßlau: Roßlau in Anhalt als Sammelpunkt „russischer Kolonisten“ 1765 und 1766 in: Der Wolgadeutsche, Fortschrittliches Blatt für Arbeit, Glaube und Bildung. Verlag Verband der Wolgadeutschen Bauern G.m.b. H. Hrsg. Hilfswerk der Wolgadeutschen e.V. Berlin, 15.11.1923 Nr.22/40 und 1.12.1923 Nr. 23/40 des 2. Jahrgangs ↩︎
  2. Onlinechronik der Stadt Roßlau ↩︎
  3. Lehrer Max Wolff, ebenda ↩︎
  4. Michael Schippan (Autor), Sonja Striegnitz: Wolgadeutsche. Geschichte und Gegenwart, Dietz 1992, p. 40f ↩︎
  5. Lehrer Max Wolff bezieht sich auf: Archivrat Dr. Wäschke, H.: „ Russische Kolonistenzüge in Anhalt “ in „ Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde . Mitteilungen Band 9, Heft 4/1902 Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Dr. H. Wäschke , Archivrat in Zerbst. Dessau 1904.S. 286-91 ↩︎
  6. Nachruf unter Kalenderblatt vom 15. August ↩︎
  7. Lehrer Max Wolff, ebenda ↩︎

Grodno

Handelsplatz, Zollstation, Gouvernementshauptstadt

G. Braun, F. Hogenberg, Grodno 1575, public domain

Historie

  • 1128 Ersterwähnung als Burganlage unter dem Namen Goroden („befestigte Siedlung“) im Fürstentum Polozk im Verband der Rus.
  • 1391 Stadtrecht auf Grundlage Magdeburger Rechts – innerhalb der Stadt wurde den Bürgern durch das Stadtrecht die persönliche Freiheit, das Eigentumsrecht, die Unversehrtheit von Leib und Leben und die geregelte wirtschaftliche Tätigkeit garantiert durch den litauischen Fürsten Vytautas.
  • 1793 fand in der Stadt der letzte Sejm (Parlamentstagung Polen-Litauens) statt, auf dem die zweite Teilung Polens (1793–1795 ratifiziert wurde. Anmerkung: Der Sejm verabschiedete am 3. Mai 1791 die erste moderne Verfassung Europas: Polen wurde zu einer konstitutionellen Monarchie mit Gewaltenteilung und Volkssouveränität. Katharina II. und andere Herrscher aufgeklärt-absolutistischer Staaten bewerteten die sogenannte Mai-Verfassung als umstürzlerisch. Letztlich führte das zu einer weiteren Teilung Polens. Von 1795 bis 1918 existierte kein eigenständiger polnischer Staat und damit keine staatsbildende Nation.
  • 1795 kam die Stadt Grodno unter russische Herrschaft.
  • 1802 Sitz des russischen Gouverneurs für das Gouvernement Grodno, hier befand sich auch das Zollamt am Njemen (Memel).
  • Ende Juni 1812 Schlacht von Grodno, von napoleonischen Truppen besetzt, im Dezember wieder unter russische Kontrolle.
  • Im Frühling 1919 wurde Grodno dem wiedererrichteten Polen angeschlossen (Zweite Polnische Republik gegründet 11.11.1918).
  • 16.8.1945 neue Grenzziehung, Grodno wird sowjetisch.
  • 1991 Unabhängigkeit Weißrusslands, Grodno offiziell nun zu Belarus.

Station auf dem Kolonistenzug

Grodno war 1803 der erste Sammelplatz der Ansiedler auf russischem Boden. Hier war die Zollstelle, welche Steuern für ein- und ausgeführte Waren erhob. Die Zolleinnahmen beliefen sich 1802 auf 163.881 Rbl. 49 Kop. Im Jahre 1803, durch den Strom der Kolonisten, stiegen die Einnahmen auf 222.072 Rbl. 2 ¾ Kop.1

Zudem befand sich hier die Zahlstelle an die Kolonisten für Verpflegungsgelder und Futtergeld für ihre Pferde. Der russische Staat organisierte geführte Transporte aus Grodno nach Taurien in Gruppen, alle Einwanderer wurden in Listen2 erfasst.

Die Erreichbarkeit Grodnos war außerordentlich gut durch die alten Handelsstraßen, welche Europa seit dem Mittelalter als Verkehrsadern durchzogen.

Anachronistisch rekonstruierter Verlauf der Via Regia und Via Imperii in Europa, Ersteller: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), 5.11.2013, CC BY-SA 2.5
  • 1252 Ersterwähnung der Via Regia in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich von Meißen als Königsstraße (strata regia)3.
  • Im Mittelalter wichtige West-Ost-Route, Handels- und Militärstraße im Heiligen Römischen Reich, Pilgerweg.
  • Handelswege standen unter dem Schutz der königlichen Zentralgewalt und besonderem Friedensschutz. Der Begriff Via Regia bezeichnete im allgemeinen Sinn ursprünglich nicht eine bestimmte Straße, sondern eine Straßenart.
  • Teilabschnitte des Straßennetzes wurden später auch von den Kolonisten genutzt, um besonders schnell voranzukommen.
  • Via Imperii war eine von mehreren Reichsstraßen des heiligen oder römischen Reiches, verlief in Nord-Süd-Richtung von Stettin nach Rom.
    Im Mittelalter bereits durch Straßenzwang privilegiert – Handelswaren mussten auf vorgeschriebenen Straßen befördert werden, gut ausgebaut und mit Zöllen belegt. Auch Pilgerweg und unter demselben Schutz wie die Via Regia stehend.

Simon Moritz von Bethmann (1768–1826), Bankier, Diplomat, Abgeordneter.4


Das Haus Bethmann war und wurde neben dem Haus Rothschild zum wichtigsten Finanzier der deutschen und europäischen Fürstenhäuser.

Simon Moritz von Bethmann war 1800 Kaiserlich-Russischer Konsul,
Zar Alexander I. ernannte ihn 1807 zum russischen Generalkonsul beim Rheinbund, 1810 Kaiserlich-Russischer Staatsrat, 1808 erhob Kaiser Franz I. Bethmann in den erblichen Adelsstand.

Ab 1803 begann eine große Welle der Auswanderung nach Taurien, nachdem die Allgemeine Reglements, die Aufnahme fremder Kolonisten in Neurußland betreffend! von Kaiser Alexander I. (1777–1825) erlassen wurden – für die Deutschen der „Engel des Vaterlandes, Friedensengel Europas“

„Einquartieren, durchmarschieren, rekrutieren, exkutieren, einkassieren, illuminieren disponieren, füssiilieren waren die schönen, hochklingenden Worte“, die dem Volk nur Lasten aufbürdeten. Die französische Freiheit für das Volk eine Befreiung von Hab und Gut, Leib und Leben.
„Durch solche traurigen Folgen der uns vorgespiegelten Freiheit wurden viele Tausende in der Blüthe der Jahre dahingerafft, das stille, häusliche Glück der meisten Familien gestört oder auf immer zerstört.“. 5

Durch Bethmann wurden zahlreiche Reisepässe über die Zollstation Grodno ausgestellt, und die Auswanderer dankten es „dem guten Herrn Bethmann“, der Tag und Nacht die Pässe ausstellen ließ.

Dieser Ukas legte unter anderem Folgendes fest:6

  • Keine Lockmittel, um die Leute zur Auswanderung zu bewegen.
  • Auswanderungswillige sollte sich bei den Ministern, Residenten, Geschäftsträgern oder Konsulen Seiner Majestät melden
  • Jeder musste ein gerichtliches Zeugnis aufweisen, dass er ein guter Landwirt sei und seine Schulden bereinigt habe.
  • Jede Person sollte wenigstens 300 Tl. in barem Gelde oder in Waren bei der Auswanderung besitzen.
  • Jede ledige Person musste sich an eine Familie anschließen.
  • Jeder Kolonist mit seiner Familie durfte außer der zollfreien Einfuhr seiner Effekten noch Waren im Wert von 300 Rbl zum Wiederverkauf frei einbringen.
  • Rückkehrer musste außer den Geldern, die sie der Krone oder sonst jemandem schuldeten, eine dreijährige Abgabe ihrem Stande gemäß entrichten und ihr Land an jemanden verkaufen oder abtreten, der im Lande blieb.
  • Wegen Ungehorsams und sonstiger Vergehen sollten die Kolonisten nach Entrichtung ihrer Kronschulden über die Grenze zurückgebracht werden.

Badenern war der Abzug bis zum Erlaß vom 13.12.1803 untersagt, dann nur den „Übelhausern und faulen Arbeitern“ gestattet. Ab 4. Juni 1808 konnten Manumissionsanträge offiziell von allen Auswanderungswilligen gestellt werden (unter manumissio versteht man den juristischen Akt, durch den ein Sklave aus dem Zustand der Sklaverei entlassen wird – hier Leibeigenschaft, Untertanenschaft).

Beispiele von Kolonisten in den Grodno Listen

Nasseide, Grodno 26.3.1809, Blick auf die Via Regia7 und Kartenausschnitt Danzig8

Kam als Handwerker aus Danzig: Nasseide Gottfried 50J., mit Frau Elisabeth 34J.
Gottfried 17J., Wilhelm 14J., Carl 12J., [wird in Neumontal ansässig] Anna 15J.
Moscha ? 6J. Wilhelmina 4J. Rosa 1/2J. Schwiegermutter Anna Krieger/Krüger 58J. Schwester Gottfrieda 40 J. Schwester Florentina 22 J.

Grodno 26.3.1809, Johannes Huft9 aus Wössingen, Passtellen Radom, Lublin10, Reiseweg11

17 Johannes Huf(t) von Wössingen/Karlsruhe-Ba, 40 J. alt reist mit seiner Frau Christina, mit seinen fünf Kindern: Johann, Elisabeth, Willhelm, Christina und Salomea, über Berlin nach Bergdorf/Od. Markt-Steir(e), 19. 3. 1809. Sichtvermerke: Grodno, 26. 3. 1809. – Radom, 28. 3. 1809. – Lublin, 31. 3. 1809. – Wodawa, 3. 4. 1809. 12 Reiseroute über 2700 km.

Radom war 1795 mit Westgalizien an das Königreich Galizien und Lodomerien des habsburgischen Kaiserreichs angeschlossen. 1809 kam es ins Herzogtum Warschau und 1815 ins neu entstandene, russisch beherrschte, Kongresspolen.

Lublin gehörte 1795 zu Österreich, ab 14.10.1809 zum Herzogtum Warschau, ab1815 zu Kongresspolen (Russisch-Polen)

Grodno 29.9.1809, Ehe Walther aus Mössingen13, Lebenserinnerungen von Sohn Ernst Walter

15 Walther, Jacob 24, aus Steinfurt/Sinsheim-Ba, seine Frau Magdalena 20, sein Sohn Ernst 4. Wi: 15 Rd., 35 Schf., 1 Sprd.14

Sohn Ernst erzählte aus Erinnerungen der Eltern, die in Kostheim siedelten und aus Grötzingen stammten:

Wer kein Fuhrwerk hatte, lud seine Habe auf einen Schubkarren; die Mutter band ihren Säugling oben darauf und spannte sich selbst mit einer Zugleine vor den Karren, während ein kleiner 7- bis 8jähriger Knabe, sich am Rocke der Mutter haltend, nebenher trabte und dieselbe mit den Worten tröstete: „Mutter, muscht nit heule, kommer bald zum Russema, der hat viel Brot und Salz. Gelt Mutter, dort finde uns d´ Franzose nit, der Russema stot vor Thüre na und lasst se nit rei, derno dersemer unser eins selber esse.“15

Grodno 12.8.1809 Carl Lupp und Johann Conrad Hansen aus Hersfeld, Karte Molotschna16

Carl Lupp 30J., aus Hersfeld Hessen mit Frau Elisabeth geb. Hansen 26J., Kinder: Friedrich 5J., Carl 1,5J. Plischmachergeselle (verarbeitete Seide zu Sammet)
Johann Conrad Hansen 50 J. in Grodno registriert am 29.09.1809, Frau Fr: Elisabeth 26 (48!); Kinder: Rosina 20, Gottfried 12, Wilhelm 8; Knecht Hofmann 20.17

Als die Siedler des Jahres 1809 im Herbst in Jekaterinoslaw eintrafen, wo das Vormundschaftskomtoir für ausländische Ansiedler seinen Sitz hatte, mussten sie vor dem Winter untergebracht werden.

Einquartierung erfolgte in den bereits bestehenden deutschen Kolonien Josefsthal, Rybalsk, Großweida, im Chortitzer und Molotschnaer Mennonitenbezirk und in den ersten Ansiedlungen der Molotschnaer Kolonisten, gegründet von etwa 250 aus Preußisch Polen und Pommern eingewanderte Familien, welche bereits im Jahre 1805 acht Kolonien anlegten: Monthal, Neudorf, Rosenthal, Molotschna, Hoffenthal, Nassau, Weinau und Wasserau.

Ihre zukünftige Heimat, die Steppe, war gänzlich unbewohnt und wurde nur von herumziehenden tatarischen Hirten (Nomaden) jährlich einige Male besucht.

Zur Ansiedlung wurde im Frühjahr 1810 geschritten. Jeder Familie wurden 60 Dessjatinen (rund 66 ha) Land zugeteilt und ein Vorschuß von 200 Rubel gezahlt zur Anschaffung zweier Pferde, eines Wagens, einer Kuh, und für Saatfrucht. Dazu Bauholz zu einem 8 Faden langen und 4 Faden breiten Wohngebäude (ca. 17 x 8,5 m) im Wert von etwa 105 Rbl.


  1. Zolleinnahmen: Darstellung der Russischen Monarchie nach ihren wichtigsten statistisch-politischen Beziehungen zum Gebrauche akademischer Vorlesungen, Burchard Heinrich von Wichmann · 1813, p.176 ↩︎
  2. Fond 383 op.29 delo 317 ab Herbst 1803 bis Frühjahr 1809, Abschrift Taurien e.V. ↩︎
  3. wikipedia ↩︎
  4. Simon Moritz von Bethmann, 1812. Porträt von Johann Jacob de Lose (1755–1813), gemeinfrei ↩︎
  5. Ernst Walter, geb. 1804 in Grötzingen, Auswanderer, Lebenserinnerungen ↩︎
  6. Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland 1849 Nr. 6, auf Mikrofilm, CMBS ↩︎
  7. Via Regia, Malula, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44031 ↩︎
  8. Ausschnitt Danzig: Karte von Ost-Preussen nebst Preussisch Litthauen und West-Preussen nebst dem Netzdistrict aufgenommen unter Leitung des Konigl. Preuss. Staats Ministers Frey Herrn von Schroetteer in den Jahren von 1796 bis 1802. Jack Scripsit et Sculpsit. Haas, Meno 1803, publiziert 1810 Schropp & Co. ↩︎
  9. KB Unterwössingen, Mischbuch 1772-1788 ↩︎
  10. ) Carte von West-Gallizien : welche auf seiner allerhochsteri Befehl Kaiserlich Oesterreichischen. und Konigliche Apostolischen Majestat in den Jahren 1801 bis 1804 von unter der Direction des dermahhgen General Majors und General Quartiermeisters und Anton Mayer von Heldensfeld des militarischen Marien Theresien Ordens Ritter durch den Kaiserl. Konigl. Generalquartiermeisterstaab militarisch aufgenommen Worden. Mit allerhochster Bewilligung herausgegeben und seiner des Generalissimus Erzherzog Carl_ Kaiserlichen Hoheit unterthanigst gewidmet as Generalquartiermeisterstaab gezeichnet, gestochen von und Hieronimus Benedicti. 1808 ↩︎
  11. selbst erstellte Karte mit mymaps, Googlemaps ↩︎
  12. Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland 1763-1862; Stumpp Dr., Karl ↩︎
  13. KB Grötzingen, Mischbuch Mai 1776–1799/1811/1800 ↩︎
  14. Stumpp ebenda ↩︎
  15. Ernst Walter, ebenda ↩︎
  16. Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897. ↩︎
  17. Stumpp ebenda ↩︎

genealogische Recherche, Bildbearbeitung, inklusive Karten, und Text: Jutta Rzadkowski

powerpoint Vortrag erstellt für den Taurien e.V. 29.04.2025

Karlsruhe – Waisenhaus und Schule

Einiges über Entstehen und Bestehen des Waisenhauses und der Schule in Karlsruhe .1

Pfarrer Jacob Scherr (1873-1920), Hausfreund Kalender 1907, p. 92

Das Waisenhaus.

Schon während seiner Studienzeit trug sich der Gründer des jetzigen Waisenhauses zu Karlsruhe, der hochw. Herr Pfarrer Jakob Scherr2, gerne mit dem Gedanken, eine Anstalt zu errichten, worin viele verlassene Kinder ein würdiges Unterkommen finden könnten. Wer verdient in, der Tat auch noch mehr bemitleidet zu werden als die unglücklichen Waisenkinder, die bei ihrem äußeren Elende oft ein noch größeres inneres erleiden, da sie nicht selten aus Mangel an einer guten christlichen Erziehung sittlich ganz herunterkommen und verrohen? Da der hochw. Herr selbst einer ärmeren Familie entstammt und somit auch von dem Leidensbrot genossen, konnte er schon frühzeitig aus eigener Anschauung von der Härte des Schicksals jener allerärmster Kinder sich eine Vorstellung machen. Einem Seelsorger, dachte er schon als junger Kleriker, stünde es gewiß schön an, der Stifter eines Hauses zu sein, wo viele unschuldige Kinder für Gott und zum Wohle der menschlichen Gesellschaft gerettet werden können, während sie sonst sicher verloren gehen würden. Die Tiefe und Aufrichtigkeit seines Mitleides mit den Waisenkindern bezeugt auch der Umstand, daß er schon als Knabe sich zu dem Gedanken verstieg, er wäre ein Priester der Kirche Gottes, und um ihn herum stünde eine große Schar Waisenkinder, die er in der Lehre unserer hl. Religion unterrichtete. Je länger er diesen Gedanken bei sich trug, desto unabänderlicher drängte es ihn, in seinem späteren Leben der Gründer eines Waisenhauses zu werden.

Zum Priester geweiht kam er als Vikar in das reichbevölkerte Dorf Mariental am Karman. Hier war er jedoch nur ganz kurze Zeit in der Seelsorge tätig, denn schon nach drei Monaten wurde er zum Administrator an der Pfarrkirche zu Karlsruhe befördert, wo er in der Seelsorge mit Eifer und Entschiedenheit einige Jahre arbeitete. Jetzt erst schien ihm die Zeit und Gelegenheit günstig, sich des längstgehegten Wunsches seines Herzens, der Gründung eines Waisenhauses, nach Kräften anzunehmen. Dazu fügte es Gott, daß viele Wohltäter in- und außerhalb Karlsruhe sich bereit erklärten, das Werk nach Möglichkeit zu unterstützen. Vor allen diesen erwarb sich ein hohes Verdienst um die gute Sache der verstorbene Heinrich Hofmann, welcher zu diesem Zwecke der Kirche einen Hofplatz mit Gebäulichkeiten testamentarisch vermachte. Die Gründung des Waisenhauses fiel in das Jahr 1892. Der Anfang desselben war so bescheiden, daß keine großen Hoffnungen für die Zukunft genährt werden konnten. Erstens war es der große Mangel an Geldmitteln, welcher es nicht erlaubte, dem Werk eine bescheidene aber sichere Existenz zu geben, und zweitens hemmte der große Mangel an sachverständigen Personen zur Führung einer solchen Anstalt. Aber alles das konnte dem eifrigen Seelsorger sein raftloses Streben nicht entleiden. Es war übrigens auch gar nicht nötig, der Armut wegen mutlos zu werden. Die Armut gerade muß eine wahrhaft gläubige Seele, um so mehr einen Priester, ermutigen und mit großem Gottvertrauen erfüllen, da ja auch sein Führer und Meister dieselbe freiwillig gewählt, während er alle Reichtümer im Ueberflusse hätte besitzen können. Ja gerade deshalb, weil der Erlöser, auf der Welt so viel Gutes stiften wollte, erwählte er die Armut. Freilich ist esr leider Gottes, eine traurige, aber wahre Erscheinung, daß die Armen in diese Welt allenthalben zurückgesetzt und verstoßen werden, wie es die hl. Schrift an verrschiedenen Stellen beklagt: „Auch von seinem Nächsten wird der Arme gehaßt; aber die Reichen haben viele Freunde .“ Und: „Einen armen Menschen hassen seine Brüder, und auch seine Freunde weichen weit von ihm.“ Wie dem aber auch sei, so ist doch zum Trost für die gute Sache die Handlungsweise Gottes von der der Menschen ganz verschieden. Gott zieht die Armen den Reichen durch Wort und Tat vor. Er sagt: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“, Besser ein Armer, der in Einfalt wandelt, als ein Reicher, der seine Lippen verdreht, und ein Tor ist.

Hausfreund Kalender 1907, p. 94

Dieser Gedanke nun, daß auch Gott die Armen liebt, erfüllte den jungen Priester mit dem festen Vertrauen, daß die Hilfe Gottes nicht ausbleiben kann. Zuvor mußte er jedoch einige Jahre lang kämpfen sowohl mit der äußersten Armut, als auch mit dem fast gänzlichen Mangel an geeigneten Personen. Endlich kam denn doch die heißersehnte Hilfe von oben, wodurch sowohl die eine, als auch die andere Not verringert wurde, so daß man an den ferneren sicheren Bestand der Anstalt zu denken berechtigt war. Allmählich traten in die Anstalt Personen ein, die zur Führung der Haushaltung bald gut verwendet werden konnten. Auch einige Waisenkinder leisteten schon bald eine nicht zu verachtende Aushilfe in der Handarbeit, im Hause, in der Küche und auf dem Hofe. Von jetzt ab floß der Anstalt eine reichere Hilfe zu, teils durch Schenkungen, teils auch durch die von den Hausleuten und Waisenkindern verfertigten Handarbeiten, die einen guten Absatz fanden. Wichtig für das Gedeihen und den guten Bestand dieser Anstalt war, mit aller Sorgfalt darauf hin zu arbeiten, daß möglichst viele fromme Jungfrauen, die sich entschlössen, ihr Leben Gott zu weihen, für die Anstalt gewonnen werden. Der Vorteil, den solche Leute bieten, ist zweifelsohne groß: einmal unterstützen sie das Werk mit Arbeit und Gebet, und dann dienen sie auch um Gotteslohn, was der Anstalt viele Auslagen ersparrt. Leider fand dieser Plan wenig Anklang infolge des geringen Verständnisses unseres Volkes für solche hl. Zwecke. Gegenwärtig besteht der Schwesternverband aus sieben Personen. Diese Zahl ist zwar für eine gute Führung des Waisenhauses noch entschieden zu klein. Was aber am meisten schadet, das ist der übergroße Mangel an pädagogisch gebildeten Kräften zur zielbewußten Erziehung der Kinder. Da aber der liebe Gott bisher geholfen hat. darf man auch hoffen, daß die Hilfe von oben auch in Zukunft nicht ausbleiben wird. Dank der sachverständigen Verwaltung, der Sparsamkeit und dem unermüdeten Fleiß ist das Waisenhaus gegenwärtig materiell, gottlob, gut bestellt. Die Zahl der Kinder, die gegenwärtig daselbst ein Heim gefunden, ist 43. Soviel über das Entstehen und den Bestand des Waisenhauses.

Die Schule.

Die Schule hat ihr Dasein dem Waisenhaus zu verdanken, denn schon bald nach der Entstehung desselben drängte sich naturgemäß P. Scherr eine andere wichtige Aufgabe auf, nämlich der Unterricht der untergebrachten Kinder. Wohl erhielten die Kinder gleich bei ihrem geistigen Erwachen häuslichen Unterricht im Lesen, Schreiben und in den Heilswahrheiten; dadurch durfte die Aufgabe aber noch keineswegs als gelöst betrachtet werden. Nach Pflicht und Gewissen mußten die Kinder gut geschult werden.

Unter der stillschweigenden Erlaubnis der Karlsruher Gemeinde, schickte man die schulfähigen Kinder mit den übrigen Dorfschülern und unter denselben Bedingungen zum Unterricht in die Gemeindeschule. Das war für die Anstalt nicht gerade das Vorteilhafteste; aber in Ermangelung des Besseren, mußte man auch mit dem weniger Guten zufrieden sein.

Diese lobenswerte Eintracht zwischen der Gemeinde und dem Waisenhause dauerte leider nicht lange, denn schon nach kurzer Zeit rührten sich engherzige Leute, denen das Waisenhaus schon ein Dorn im Auge geworden war und klagten wegen Ueberfüllung der Schule. Sie erklärten, das komme daher, weil so viele Fremde die Schule besuchen. Diese Klagen waren, dem Wortlaut nach richtig, da die Schulräume wirklich zu klein waren.

Angesichts solcher Klagen und noch verschiedener anderer Umstände, die dem Waisenhause bei dem Besuche der Gemeindeschule mehr schädlich als nützlich waren, beschloß der hochw. HE. Pfarrer beim Waisenhause eine eigene Schule zu gründen. Eine zweite Schule war also allein für die Waisenkinder schon notwendig. Aber nicht ausschließlich für die Waisenkinder. war eine zweite bessere Schule nötig, sondern auch für alle jene Kinder, welche nach Beendigung der Gemeindeschule zwecks besserer Elementarbildung in die Hände sogar von Juden und anderen unwürdigen Privatdozenten gegeben und durch solche dann nicht selten sittlich korrumpiert wurden und relisgionslos blieben. Also dieses erschreckende Uebel, vereint mit der Sorge für die Schulung der Waisenkinder, veranlaßten damals den hochw. Herrn, eine Schule ins Dasein zu rufen, die denn für die Waisenkinder durchaus notwendig war, und dem sicheren Verderben der Jugendentsittlichung den Weg versperren sollte.

Im Frühjahre des Jahres 1900 wurde auch richtig ein großes Schulgebäude errichtet und im Herbst desselben Jahres begann schon der Unterricht in demselben. Als berechtigter Volkslehrer kam der hochw. Herr bei der Schulobrigkeit ein, um die Genehmigung seiner zweiklassigen ministeriellen Schule. Der Antrag ging durch und wurde seitens der Schulobrigkeit durch volle und ganze Sympathie bedeutend unterstützt. Vor allem sollte in dieser Schule auf gründliche Erlernung der vom Schulprogramm vorgeschriebenen Gegenstände gedrungen werden. Dieses ließ sich auch noch immer gut erreichen, da die Schule Privateigentum ist und sowohl der Gründer als auch alle von ihm Beauftragten ab und zu der heiligsten Pflicht und Gewissenssache nachsehen konnten, ohne von der zuweilen wissenswidrigen Schulobrigkeit gestört zu werden. Der Anfang war, wie beim Waisenhause, ziemlich bescheiden. Im ersten Schuljahre waren in allem, Waisenkinder und Auswärtige 36 Schüler. Der Unterricht war eine Fortsetzung des Unterrichts in der Gemeindeschule. Lehrer waren gleich im ersten Jahre zwei angestellt. Trotzdem die Austellung des einen für die Schule weniger günstig war, so war der Erfolg am Ende des Jahres dennoch ein guter. Dieser Umstand erweckte bei mehreren in Karlsruhe und auch in nächster Umgebung die Lust, den hochw. Herr Pfarrer um Aufnahme ihrer Kinder in seine Schule zu bitten. So wurden im zweiten Schuljahr schon 3 Abteilungen nötig. Die Schule zählte in diesem Jahre 56 Schüler. Mit jedem Jahre kam eine neue Abteilung dazu. Beinahe alle vorhandenen Zimmer wurden zu Schullokalen eingerichtet. Anders wurde es aber, als man mit den Zimmerchen und Eckchen zu Ende war, und es stark an Raum zu mangeln anfing. Da kamen die Leute, darunter viele Chutoraner und sagten kurzweg: „Herr Pater, so können wir unsere Kinder nicht zu Hause lassen und in der Dorfschule haben sie herzlich wenig gelernt, und wenn wir sie nicht weiter unterrichten lassen, so vergessen sie auch das Bischen noch.“ Die bessergestellten Chutoraner aber sagten: „Wenns halt bei Euch nicht möglich ist, so müssen wir unsere Kinder entweder in die Stadt tun oder wir müssen uns einen Privatlehrer anmieten. Das ist aber einmal zu teuer, und dann ist man dabei gar nicht versichert, daß es auch gut wird.“ Gegen den Schulbesuch unserer deutschen Kolonistenkinder in der Stadt habe ich begründeter Weise nur das zu erwähnen, daß dieselben oft bei Andersgläubigen oder auch nicht selten bei solchen Katholiken logieren, die eigener Interesse halber ihrem Katholizismus das schönste Käppchen aufsetzen, während im Herzen und im alltäglichen Leben der vollste Unglauben herrscht. Selbstverständlich leisten solche Leute den Eltern und Vormündern der Kinder ins Gesicht jede gewünschte Gewähr in materieller und geistiger Hinsicht, in Ueberwachung und Studium. Bis sich die Eltern aber umsehen, und bei den Kindern selbst nachfragen, sind die Letzteren mit ihren Hausgenossen bereits geistesverwandt geworden und, um in dem angenehmen Verderben nicht gestört zu werden, wissen sie trotz ihres großen Elendes bei den Eltern und Vormündern über keinerlei zu klagen. Die lustigen Schulkollegen führen gewiß auch ein flottes Leben, das dem jugendlichen Leichtsinnn gewaltig zusagt, der heilsamen Wißbegierde hingegen die letzte oft schon totmüde Triebfeder gänzlich lahmlegt. Nichtsdestoweniger absolvieren solche fidele Schulbrüder öfters ihre Klassen. Auf wessen Kosten? ….. Die Folge eines solchen Studiums ist oft die, daß solche Studenten, nachdem sie gleichsam eine Reise um die Wissenswelt gemacht haben, an jenen Punkt wieder zurückkehren, von dem sie ausgegangen sind. Aus den hohen Regionen, zu denen sie sich verstiegen, haben sie aber wenigstens eine Wissenschaft fürs praktische Leben mitgebracht den Unglauben.

Wer aber sind jene Hauslehrer, (Privatlehrer)? Es sind das meistenteils Männer, die eine oder die andere Klasse eines Gymnasiums, einer Realschule oder auch des Knabenseminars zu Saratow beendigt haben. Wegen schlechter Aufführung, oder aus Mangel an Fortschritten konnten sie in den Anstalten nicht mehr geduldet werden. Daß solche Leutchen bei den Kindern sehr oft unliebe Resultate erzielen, wer kann daran noch zweifeln? Damit will ich aber keineswegs in Abrede stellen, daß es unter ihnen auch rühmliche Ausnahmen gibt. Keine Regel ohne Ausnahmen. Es gibt ja unter den Privatlehrern auch solche, die unser Knabenseminar oder mehrere Klassen einer anderen Lehranstalten, mit dem sogenannten Hauslehrertum Vorlieb nehmen müssen.

Eine deutsche Schulstube aus dem 16. Jahrhundert.

Hausfreund Kalender 1907, p. 97

Schon im 15. Jahrhundert entwickelten sich in den größeren deutschen Reichsstädten, wie in Nürnberg, regelmäßigen Stadtschulen. Weitberühmt waren u. a. die Straßburger Schule, die beste im Lande. Mit der besseren Schulordnung schwand auch das Vagantentum, das Herumziehen der Schüler, der „Bacchanten“, von einer Stadt zur anderen mehr und mehr. Neben den guten immer noch sehr viele mangelhafte, neben einigen trefflichen Lehrern viele mittelmäßige und schlechte, denen der Stock und die Raten, von anderen sinnigen Erfindungen ganz zu schweigen, als oberste oder einzigste Hilfsmittel ihrer Pädagogik galten.

Der Neubau

Diese gefahrvolle Alternative in die Stadtschule oder zum Hauslehrer konnte und durfte einen Seelsorger nicht gleichgültig lassen. Andererseits hatte die Schülerzahl so zugenommen, daß man, um allen Aufnahmegesuchen gerecht zu werden, entweder allen absagen oder neu bauen mußte. Beides wurde überlegt und mit Sachverständigen beraten. Wie schon oben bemerkt, ist der Hochw. Herr Inhaber des Lehrerdiploms. Er durfte es daher zwecks Gründung einer Mittelschule schon wagen, sich dem Hauslehrerexamen zu unterziehen. Auch die H. H. Geistlichen und besserunterrichteten Laien rieten an, sein Vorhaben auf alle Fälle durchzuführen. Der Plan war zweifelsohne gut jedoch auch gewagt und schwer zu verwirklichen. Eine Mittelschule zu gründen, das ist bei den gegebenen Verhältnissen nichts Leichtes gewesen. Um der Sache mehr Festigkeit und Sicherheit zu geben, fand man es unumgänglich notwendig, den Hochw. Herrn Diözesanbischof um seinen Rat, seine Einwilligung und hilfreiche Stütze zu bitten. Der Bischof, hocherfreut über das lobenswerte Vorhaben, anerkannte dasselbe mit dem erfreulichsten Entgegenkommen und der größten Bereitwilligkeit, dem Gründer mit Rat und Tat zu helfen. Durch diese allseitige Aufmunterung begeistert, unterzog sich der Hochw. Herr in seinem 41. Lebensjahre dem Hauslehrerexamen in der deutschen Sprache. Während der Vorbereitungszeit wurde er zur Abhaltung einer liturgischen Handlung auf den Chutor Antonowka eingeladen. Nach verrichteter Sache kamen alle Wirte von Antonowka, deren es 6 sind, zu einem Mahle zusammen, wozu auch der Pfarrer geladen war. Bei der Unterhaltung kam die Rede auch auf die zu gründende Schule, über die bis dato schon die verschiedensten Gerüchte verbreitet waren. Jetzt dachte wahrscheinlich der Hochw. Herr: „Schmiede das Eisen, so lange es heiß ist,“ und legte bange und bebend den Gastgenossen die bescheidene Bitte vor, ihn zur Verwirklichung seines Vorhabens gefällig unterstüßen zu wollen. Ganz wider Erwarten waren alle für das schöne Werk im höchsten Grade begeistert, und 1530 Rbl. waren gesichert. So hat sich Antonowka vor allen anderen eine hohe Ehre und ein hohes Verdienst um die Schale erworben. Alle Achtung und Ehre vor Antonowka! Vergelt’s ihnen Gott! Ich glaube hier bemerken zu müssen, daß dieses Geld nicht als ein reines Almosen beansprucht wurde; es wurde vielmehr auf 10 Jahre angeliehen und zwar ohne Prozente. Vom Jahre 1906-1916 muß vertragsmäßig jedes Jahr ein zehnter Teil der angeliehenen Summe zurückgestellt werden. Mit diesen Bedingungen wurde jezt mutig weiterkollektiert. Gottes Segen begleitete den Eifer und guten Willen des Hochw. Herrn auf allen Wegen, und bald war eine ansehnliche Summe beisammen, so daß man zur Herbeischaffung der Baumaterialien schreiten konnte. Mittlerweile unterzog sich der Hochw. Initiator dem Examen, das er im März 1905 bestand. Bevor man jedoch mit dem Neubau anfing, fand es der Gründer in Anbetracht der Größe und Schwierigkeit Werkes, für nötig, in nächster Nähe sich Stütze und Rat zu holen. eines solchen denn auch durch die Gründung eines Komitees bestehend aus 7 Personen: 3 Geistlichen und 4 Laien. Aus Liebe und Interesse für die gute Sache erklärten sich die Mitglieder des Komitees bereit, den Gründer der zu werdenden Schule mit allen ihnen möglichen Mitteln, sowohl moralischen, als auch materiellen zu unterstützen.

Eine der größten Schwierigkeiten bei diesem Schulbau war die Frage, einen geeigneten Platz zu finden. Ich will darauf nicht näher eingehen, sondern nur sagen, daß es erst nach Beseitigung vieler Hemmnisse gelang, zwei Hofplätze käuflich zu erwerben.

Unterdessen kam man um die möglichst schnelle Bestätigung des Planes ein. War es zufällig oder mit Absicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kamen unsere Beamten zum Glück auch einmal recht, denn schon nach kurzer Zeit war die Erlaubniß zum Baue eingelaufen. Und nun ans Werk. Der Bau ging in dem vom HE. Pfarrer gewünschten Tempo und unter dem ihm eigenen Kommando „Vorwärts!“ „Weiter!“ riesig schnell voran.

Obgleich das Gebäude sehr groß ist, es ist nämlich 22 Faden3 lang, 7 Faden breit, 5 Faden hoch und zweistöckig, so stand es am 10. Sept. fertig da, und schon am 12. September konnte das Schulleben beginnen. Dank der dreimonatlichen Hitze und Trockenheit, war es möglich, das Gebäude gleich nach Fertigstellung zu bewohnen.

Im ersten Schuljahr wurden gleich 7 Abteilungen eröffnet. Ungeachtet dessen, daß das Schulprogramm in den drei höheren Abteilungen dem eines Progymnasiums in der I., II. und III. Klasse, mit Ausnahme der neueren Sprachen, gleichkam, besaß die Schule dennoch nur den Namen einer zweiklassigen Ministerialschule, weil man um das Recht ein Progymnasium eröffnen zu dürfen, noch nicht eingekommen war.

Die vier niederen Abteilungen gelten als eine zweite Kirchenschule, und nach Beendigung derselben ist jeder Schüler berechtigt, sich dem Examen zu unterziehen, und nach Bestehung desselben ein von der gesetzlichen Schulobrigkeit bestätigtes Zeugnis zu erhalten über die Absolvierung der Kirchenschule. Im verflossenen Schuljahre zählte die Schule 215 Schüler. Infolge mancher Störungen, welche bei der notwendigen Nachhilfe in der Anstalt und außerhalb nicht vermieden werden konnten, und zum Teil auch durch die ungünstig ausgefallene Anstellung eines Lehrers, hat die Schule an ihrem bisherigen guten Namen stark Schaden gelitten. Hier muß jedoch bemerkt werden, daß in dieser Angelegenheit vielfach zu scharf und oft auch falsch geurteilt wird. Wie dem auch sei, die Schule hat für die Zukunft nichts zu befürchten. Ich gestehe gerne zu, daß die Schule Fehler gehabt hat, und gestehe sogar zu, daß sie auch in Zukunft Fehler haben wird; doch das ist noch lange, und ganz besonders in der Jetztzeit, wo die Schulen sozusagen oft an der Spitze des Aufruhres stehen, kein vollberechtigter Grund, die Schule um ihren guten Namen zu bringen. Ja, wenn die Welt ganz vollkommen wäre, wüßten wir auch den Unterschied nicht zwischen gut und bös, zwischen erlaubt und unerlaubt, und gewiß viele hätten für all ihre Anschwärzungen und Verläumdungen in der Ewigkeit nichts zu befürchten. Ein volkstümliches Sprichwort sagt: Wenn die Wand nicht wär‘, hätt’s Haus ein Loch. Mit gleichem Recht sage ich: Wenn die Verläumdungen nicht wären, wäre die Schule gut, sehr gut.

Doch zum Glück der Schule und zur Befriedigung aller schwarzsüchtigen Leute, find die vorgekommenen Fehler so beschaffen, daß sie in der Zukunft vermieden werden können. Die Ausstattung des Hauses ist gut, und deshalb können gröbere Störungen sorgfältig umgangen werden. Auch jenen Lehrer braucht man nicht mehr zu fürchten, da er schon längst schadlos gemacht ist. *)4

Progymnasium und Internat.

1906-7

Mit diesem Schuljahr wird die Schule als ein berechtigtes Progymnasiums in Leben treten. Die obrigkeitliche Bestätigung ist schon eingelaufen. Im Progymnasieum werden in diesem Jahr drei Klassen eröffnet. Obgleich die Obrigkeit die Erlaubnis erteilt, daß für das erste und zweite Jahr im Progymnasium auch Volkslehrer vortragen dürfen, so sind doch schon 2 Lehrer mit Institutsbildung angestellt.

Mit dem Progymnasium ist ein Pensionat für auswärtige Schüler verbunden. Den Pensionären wird, soweit es eben möglich und notwendig ist, sowohl in materieller, wie auch in geistiger Hinsicht jede erwünschte Bitte gewährt und erfüllt, hauptsächlich aber in Überwachung und Studium. Für alle jene Schüler, welche in irgend einem Gegenstande rückständig sind, steht unentgeltlich ein Repetitor zur Verfügung. Das Internat ist in dem Schulgebäude selbst eingerichtet und bietet aus diesem Grunde den Pensionären vor den Nicht-Pensionären beträchtliche Vorteile: so z.B. um in die Schulklassen und zur täglichen Anhörung der hl. Messe zu kommen, brauchen sich die Zöglinge nicht ins Freie zu begeben; Klavier und und Harmonium der Anstalt stehen ihnen allzeit zur Verfügung. Die Erziehung ist in den Händen eines pädagogisch gebildeten Geistlichen oder doch stets unter seiner Oberleitung. Außer dem Schulgeistlichen sind noch zwei Erzieher angestellt, Die Leitung des Internats ist vor allem bemüht, den Zöglingen eine feste religiöse Bildung und eine gute christliche Erziehung zu geben.

Zöglinge, deren Betragen von dem H. H. Ortsgeistlichen nicht gebilligt wird, werden in die Anstalt nicht aufgenommen. Zöglingen zieht jeder Verstoß gegen die guten Sitten die sofortige Entlassung nach sich. Die Zöglinge sind stetts unter der Aufsicht zweier Erzieher und müssen unbescholten sein in ihrem Betragen, ihren Reden und ihrer Lektüre. Unanständiges Benehmen und Ungezogenheit werden in der Anstalt nicht geduldet. Auf Krankenpflege und die nötige Bedienung wird die peinlichste Sorgfalt verwendet.

Die zum Pensionat gehörenden Räume, wie auch auch überhaupt alle Schulräume, sind geräumig und luftig. Das Innere des Hauses ist für die jetzigen Verhältnisse und für den Anfang ganz gut ausgestattet. Ein reicher, sorgfältig gewählter Bilderschmuck, gute und bequeme Möbel, helle Beleuchtung, ein neues System von Centralheizung begünstigen das Internatsleben gar sehr und gewähren den Zöglingen eine Behaglichkeit, wie sie von einem Pensionat nur immer gewünscht werden kann. Die Kost ist wohl nicht üppig zu nennen, was in einer Anstalt auch gar nicht sein darf, aber doch kräftig und schmackhaft. Ein großer Hof, dessen Einrichtung freilich infolge mangels an Zeit und auch der nötigen Geldmittel noch viel zu wünschen übrig läßt, dient den Schülern für jede Art Spiele und körperliche Übung. Für die Leibesübungen und die Förderung der köperlichen Kräfte sind Einrichtungen getroffen.

Das Pensionatsleben stellt ein großes qut christliches Familienleben vor. Die Zeit ist eingeteilt in Gebet, Studium, Unterricht und Erholung. Das Morgen-, Abend- und Tischgebet sowie die Studien- und Rosenkranzgebete werden gemeinschaftlich verrichtet. Täglich hören die Zöglinge des Internats und die Waisenkinder in der im Hause eingerichteten Schulkapelle eine hl. Messe. Der hl. Messe geht das Morgengebet, und eine vom Schulgeistlichen gegebene entsprechende Belehrung von 8-10 Minuten vorher. Während der hl. Messe werden Lieder aus dem Psälterlein von den Schülern abgesungen. An Sonn- und Feiertagen, wie auch an den vorgeschriebenen Kronstagen gehen die Pensionäre zum Gottesdienst in die Pfarrkirche. Der öftere Empfang der hl. Sakramente ist nicht nur möglich, sondern auch sehr erwünscht. Zur Ehre Gottes, zum Lobe der Anstalt und der jetzigen Schüler kann auch gesagt werden, daß die Sakramente der Buße und des Altars im verflossenen Schuljahre häufig und gut empfangen wurden.

Hausfreund Kalender 1907, p. 100

Die Mädchenschule.

Da aber nicht allein für die Schulung der männlichen Jugend, sondern auch für die der weiblichen gesorgt werden muß, und weil die Gründung einer separaten Mädchenschule bisher noch nicht im Bereiche der Möglichkeit stand, *)5 deshalb wurde auch den Mädchen gleichzeitig mit den Knaben der Zutritt in ein und dieselbe Schule zum Unterricht gewährt. Im ersten Augenblicke könnte ein solches Doppelwesen Vielen unsympathisch vorkommen, aus dem Grunde, weil, wie man zu sagen pflegt, „Feuer und Stroh zusammen nicht gut tun“, doch, wenn man erwägt, daß in der neueren Zeit der gleichzeitige Unterricht von Knaben und Mädchen von mehreren tüchtigen Pädagogen sogar befürwortet wird – selbstverständlich muß dabei strenge Aufsicht geführt werden – und daß es nur bei Kindern bis zum 12 Jahre vorkommt, so darf einen das gewiß nicht wundernehmen. Gerade dasselbe geschieht ja auch in allen unseren Kirchenschulen. Im Pensionat sind die Knaben von den Mädchen streng geschieden. Die Mädchen erhalten neben dem Schul- und Musikunterricht auch noch praktischen Unterricht in der Handarbeit.

Mit dem nächsten Schuljahr werden für alle jene Mädchen, welche die 4 Abteilungen der Vorbereitungsschule beendigt haben und ihr Wissen noch zu erweitern wünschen, sogenannte Mädchenkurse eröffnet. Der Unterricht für diese Mädchen wird besonders und in einem eigens dazu bestimmten Klassenzimmer gegeben. Als Hauptgegenstände in den Wissenschaften sollen hier jene gelten, welche im Leben für das weibliche Geschlecht am notwendigsten sind. Viel Sorgfalt soll auch darauf verwendet werden, um den Kindern ein möglichst gutes Verständnis für Haushaltung, Kindererziehung und Handarbeit beizubringen. Für das künftige Jahr ist bereits eine zweite Lehrerin aus dem Auslande engagiert, die auch fähig ist, Unterricht in Musik und Handarbeit zu erteilen.

Der Unterricht.

Jetzt noch einiges über den Unterricht an der Schule im allgemeinen. Da muß man sagen, daß der Unterricht an dieser Schule im allgemeinen noch gut war. Dieses beweisen uns folgende Umstände: Noch jedes Jahr bestand ein großer Teil von den zum Examen vorgestellten Schülern gut, manche glänzend das Examen. Auch weiß ich aus eigener Anschauung, daß jene Kinder, welche aus dieser Schule in unser Knabenseminar zu Saratow übergegangen sind, stets vor allen ihren Mitschülern Großes leisteten, besonders in der russischen Sprache, Rechnen und Geographie. Drittens kann wohl noch erwähnt werden, daß der Gründer der Schule unaufhörlich bestrebt war, der Schule immer bessere Lehrkräfte ausfindig zu machen und anzustellen. Um den Lehrern mehr Lust und Liebe zu ihrem Berufe einzuflößen, wurde ihnen ein besseres Gehalt geboten. Während die Lehrer an den Dorfschulen in der Regel 350 Rbl. Gehalt haben, hat hier auch ein Volkslehrer 450-600 Rbl. Vor der Anstellung eines Lehrers sucht der hochw. Herr noch stets allseitige Erkundigungen über Tüchtigkeit im Vortrag, über guten Charakter und unverdorbene Sitten entweder persönlich oder doch schriftlich durch andere einzuziehen. Troß der großen Umsicht waren bei den vielen Lehrern auch schon einige Lehrer an der Schule tätig, die nicht das leisteten, was sie leisten sollen. Doch wer nennt mir eine Schule, an der die Lehrer immer tüchtig waren? Im Verlaufe von 6 Jahren waren leider 2 oder 3 Anstellungen nicht getroffen. Im großen ganzen war der Unterricht seit dem Bestand der Schule ein guter zu nennen.

Zum Schlusse will ich noch die Bemerkung machen, daß die Schule. obgleich im Anfang noch stehend, doch schon eine ziemlich große Bibliothek besitzt, sowohl zum Gebrauche der Lehrer, als auch der Schüler. Hauptsächlich aber war im letztverflossenen Schuljahr der hochw. Gründer der Schule in dieser Angelegenheit aufs eifrigste tätig. Jeder, der der Schule etwas näher stand, muß sagen, daß der hochw. Herr hierin mehr verschwenderisch als knauserig war; für die Herbeischaffung von guten Lehrmitteln und Schulutensilien scheute er weder Mühe noch Kosten. Fest davon überzeugt, daß der hochw. Pfarrer Jakob Scherr für den nur immer bestmöglichen Bestand feines Progymnasiums auch in Zukunft keine Mühe und Opfer scheuen wird, drücke ich den Wunsch aus, unsere deutschen Katholiken möchten nicht die Feinde einer guten Sache sein, sondern Freunde, die sich freuen dürfen. Auch möchten sie einmal von ihrem verderblichen Schlafe aufwachen, indem sie ausschließlich von ihrem unmittelbaren Eigentume träumen. Der persönliche Wohlstand ist freilich gut und auch nötig; aber fast möchte ich sagen, daß für uns Deutsche der Gemeinwohlstand besonders jetzt, wo es stark anfängt, an Land zu mangeln, noch viel notwendiger ist. Der Gemeinwohlstand besteht teilweise auch in dem Besitze tüchtiger Schulen, lebenskräftiger Vereine zur Förderung unseres allseitigen Wohles. Mit Wohlgefallen höre ich daher jenen Bauern, der also kalkuliert: Land habe ich nicht viel, daß daß ich damit meine Kinder gut versorgen könnte, deshalb will ich sie schulen lassen. Ein armer Gelehrter kommt ja heutzutage besser in der Welt durch, als ein reicher, aber ungelehrter Bauer. Wo wollt Ihr aber Eure Kinder schulen lassen, wenn Ihr keine entsprechenden Schulen habt, in denen sie gelehrt werden und dabei gute Christen bleiben? Ihr müßt Euch daher freuen, wenn in Euren Kolonien Schulen entstehen, besonders dann, wenn dieses geschieht, ohne daß Ihr dadurch belästigt werdet, denn diese Schulen werden ja zu keinen anderen Zwecke als zu Eurem eigenen Wohle gebaut

P. Josef Wolf.

Klemens Nr. 48 IV. Jahrgang, Mittwoch 27, August 1903, Herausgeber H. Schellhorn Saratow p.381
  1. Artikel im Original entnommen dem: Hausfreund, Kalender für Neu-Rußland. Begründet 1892 von Kanonikus Rudolf Reichert. Herausgeber und Verleger: Edmund Schmidt; Druck von A. Schultze, Odessa. 1907 p.92-102 ↩︎
  2. Jacob Scherr wurde am 3.7.1873 in Strasburg geboren, starb 1920 im Waisenhaus in Karlsruhe. Seine Beisetzung war in der Kirchhofkapelle. Zum Priester geweiht am 1.5.1888, 1888 Vikar in Mariental, ging er noch im selben Jahr nach Karlsruhe und war dort Pfarrer bis 27.5.1908. siehe: Joseph Schnurr: Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen. Katholischer Teil. Aus Vergangenheit und Gegenwart des Katholizismus in Rußland, Selbstverlag 1980 p.346 ↩︎
  3. Nach einer Verordnung vom 3. Januar 1843 hatte ein Saschen (Faden) ab 1. Januar 1845 die Länge von 3 Arschin oder 2,13356 Meter.
    1 Saschen = 3 Arschin = 7 Fuß = 48 Werschok = 84 Zoll = 1008 Linien ↩︎
  4. *) Niemand kann ein Unternehmen der Fehler wegen schelten, wenn das Bestreben da ist, es künftig besser zu machen ↩︎
  5. *) Unterdessen wurde nun die Mädchenschule in Landau gegründet. ↩︎

Glücksthal

Örtliche Lage und äußere Anlage der Kolonie.1

Hausfreund Kalender 1901 p.101

260 Werst von der Gouvernementsstadt Cherson in westlicher Richtung, 45 Werst nördlich von der Kreisstadt Tiraspol und 10 Werst nördlich von dem am Dnjestr gelegenen Provinialstädtchen Grigoriopol, liegt die Kolonie Glücksthal. Da dieselbe in einer Thalmulde liegt und zwar in einem Seitenthälchen des von Bergdorf nach Grigoriopol in südwestlicher Richtung sich hinziehenden Thales Tschornenko, so kann sie nur von einer auf der Südseite liegenden Anhöhe aus übersehen werden. Von hier aus betrachtet, hat Glücksthal eine romantische Lage.

Hier lag einst vor der Ansiedlung der Deutschen das Moldowanerdorf Glinnoi, wie die deutsche Kolonie heute noch von den Russen benannt wird.

Schon von 1804 an begann die Einwanderung der Deutschen in dem zur ersten Ansiedlung angewiesenen armenischen Städtchen Grigoriopol, dicht am Dniestr gelegen. 3 württembergische Familien bildeten den Anfang. Zu denselben gesellten sich im Jahre 1805 von den in Ovidiopol angekommenen Württembergern noch 67 Familien. Anno 1806 kamen aus Warschau 9 Auswandererfamilien dazu, im Jahre 1807 aus Ungarn 24 Familien und in den folgenden Jahren 1808 und 1809 noch mehrere Familien direkt aus dem Ausland. So befanden sich im Jahre der Ansiedlung der Kolonie 1809 im Ganzen 106 deutsche Familien, 2727 männliche, 253 weibliche, zusammen 525 Seelen in Grigoriopol, welche von hier aus zunächst in das Moldowanerdorf Glinnoi umgesiedelt wurden.

Der ursprüngliche Plan der Regierung war der, daß diese Ansiedler in Grigoriopol bleiben und sich mit den Armeniern verschmelzen sollten. Aeußerlich hätten die deutschen Kolonisten in mancher Hinsicht dabei gewonnen. Aber es entstanden bald Streitigkeiten zwischen den Armeniern und den Deutschen und da sie sich nicht untereinander vertragen konnten, so fand der damalige Stadtgouverneur von Odessa, der Herzog von Richelieu, dem die Sache vorgestellt wurde, es für besser, die Deutschen von den Armeniern zu trennen und sie mehr auf der Mitte des ihnen zugemessenen Kronslandes, in dem Dorfe Glinnoi, 10 Werst von Grigoriopol anzusiedeln. Die Moldowaner dagegen wurden aus Glinnoi nach Grigoriopol in die dortigen Wohnungen der Deutschen versetzt.

Der damalige Fürsorger der Deutschen, der nachmalige Staatsrath Herr von Rosenkampf, soll zu den Deutschen nach der Umsiedlung gesagt haben: „Das ist euer Glück, daß ihr hierher verpflanzt worden seid !“ Daraus nahm er Veranlassung, die Kolonie „Glücksthal“ zu benennen, welcher Name auch von der hohen Regierung bestätigt wurde.

Ursprünglich bestand die Kolonie aus 125 Familien, worunter 67 aus Württemberg, 27 aus Ungarn, 10 aus Elsaß, 9 aus Baden, 3 aus der Pfalz, 3 aus Sachsen, 2 aus Preußen, 2 aus Hessen, 1 aus öster. Galizien und 1 aus Italien war. Weil die meisten der Ansiedler Schwaben waren, darum hat sich wohl auch der schwäbische Dialekt bei den Nachkommen vorherrschend erhalten. Der Confession nach waren die meisten evangelisch-lutherisch und nur ein kleiner Theil evangelisch-reformirt.

Glücksthal war, weil früher Moldowanerdorf, unregelmäßig angelegt. Die Hütten oder Semljanken enge und unbequem! Darum ging man ungesäumt an eine planmäßige Anlage der Haus- und Hofpläge. Sobald es den Ansiedlern möglich war, wurden neue Häuser mit je 2 Zimmern und 1 Küche erbaut, meist aus getrockneten Erdziegeln. Diese mußten in späterer Zeit wieder größeren Häusern von gutem Bruchstein weichen. Die ganze Ansiedlung bestand anfänglich aus 122 Wirthschaften mit 125 Familien, bestehend aus 618 Seelen, aus denen heute nach über 90 Jahren 2243 Seelen geworden sind, abgerechnet die Vielen, welchen im Laufe der Zeit von hier wieder fortzogen teils in andere Gegenden Rußlands, theils nach Nordamerika. Das der Colonie Glücksthal zugeteilte Kronsland bestand aus 7034 Dess. 2147 Faden, zumeist unebenes Land, von Höhen und Niederungen durchzogen. Es besteht größtentheils aus einer ca. 2 Fuß tiefen Schicht guter Schwarzerde mit einer Unterlage von Lehm, Sand und Steingrund. An den im Tschornenker Thale hinziehenden steilen Abhängen liefert eine Reihe von Steinbrüchen jetzt eine Masse von Bausteinen für die Colonien Glücksthal, Neudorf und Bergdorf.

Das winzige Flüßchen im Tschornenker Thale fließt aus Quellen und Regenwasser zusammen und kann zuweilen bei starken Regengüssen wild und reißend werden, ist aber in der heißen Sommerszeit zumeist ohne Wasser. Was nun den Anbau der hiesigen Steppen betrifft, so gedeiht auf denselben am besten der Sommer- und Winterweizen, auch Roggen, Gerste, Hafer, Kartoffeln und namentlich der Mais, der zuzeiten das halbe Brod der Kolonisten ist.

Die Abhänge an den hiesigen Seitenthälern eignen sich sehr gut für den Weinbau und sind deßhalb auch von den ersten Ansiedlern schon mit Weinreben bepflanzt worden. Schon im Jahre 1848 waren 192 Dessiatinen mit 465,440 Rebstöcken bepflanzt. Der hiesige Boden liefert, wenn man anders die Weintrauben gehörig ausreifen läßt, einen guten und haltbaren Wein von ziemlicher Stärke.

Nördlich von der Kolonie, einige Werst entfernt, sind ca. 60 Dessiatinen mit Wald bestanden, in welchem zumeist Eichbäume wachsen, die aber kaum 20 Fuß Höhe und 1 Fuß Dicke im Durchmesser erreichen, und höchstens zu Brennholz benügt werden können. Leider sind die hiesigen kleinen Waldungen in einem so vernachlässigten Zustande, daß man wohl jene Zeichnung eines Schülers von einigen verkümmerten Baumgruppen, worunter er schrieb: „Das soll Wald sein!“ darauf anwenden könnte.

Ganz ähnlich sieht es heutzutage mit den Obstgärten in der Kolonie aus. Da finden sich nur noch kümmerliche Ueberreste von den früheren schönen Baumanlagen. Ums Jahr 1848 sollen im Ganzen 30,479 edle Obstbäume rings um die Kolonie gestanden haben. Da aber die Bäume im Allgemeinen wegen der zu großen Trockenheit des Bodens kein hohes Alter erreichen und die Baumfrüchte sehr viel zu leiden haben von allerlei Räubern, geflügelten und ungeflügelten, kriechenden und gehenden, zweibeinigen und vierbeinigen, so ist die Obstzucht heutzutage beinahe eingegangen und die Leute kaufen ihr Obst lieber um billiges Geld oder gegen Tauschhandel von den Moldawanern, welche dasselbe massenweise aus den Gärten des Dniestrthales in die Kolonie zum Verkauf bringen.

Hausfreund Kalender 1901 p.103

In dem sogenannten Tschornenker Thale sind ursprünglich schon von dem Fürsorgekomite 500 Dessiatinen Weideland zu einer Schäferei für die Glücksthaler Wolost abgemessen worden: Hier entspringen ein paar schöne Quellen, welche den Schafen und dem Rindvieh gutes und reichliches Wasser bieten, und die deßhalb schon 1846 in eine künstliche Wasserleitung zusammengefaßt wurden. Diese laufenden Rohrbrunnen im Tschornenker Thale gehören zu dem Schönsten und Angenehmsten in der heißen Sommerzeit für Menschen und Vieh.

Dieses Schäfereiland hat durch jährliche Verpachtung schon ein solches Kapital eingebracht, daß vor etlichen Jahren für die Landlosen der Glücksthaler Wolost ein gutes Stück Ackerland ca. 800 Dessiatinen von der Wolostverwaltung angekauft und bezahlt werden konnte. Dieses Land, 14 W. nördlich von Glücksthal, neben dem Reimarowker Gutslande gelegen, ist bereits von 30 Familien armer Landloser aus dem Glücksthaler Gebiete besiedelt und diese junge Ansiedlung soll Kleinglücksthal benannt werden.

II.

Bemerkenswerthe Ereignisse im sozialen und religiösen Leben der Ansiedler.

Aller Anfang ist schwer“! Die Wahrheit dieses bekannten Sprichworts erfuhren auch die hiesigen Ansiedler. Nicht nur diejenigen, welche als Handwerker ins Land gekommen und des Landbaues ganz und gar unkundig waren, sondern auch die Kleinbauern aus Deutschland mußten nach der Ansiedlung, weil der hiesigen Landbauverhältnisse nicht kundig, Jahre lang theures Lehrgeld bezahlen. Der hiesige Ackerboden erforderte einen ganz anderen Betrieb als der Boden in Deutschland. Dort giebt es regelmäßige, oft nur zu häufige Niederschläge wegen der viel stärkeren Bewaldung des Landes. Hier in Südrußland fehlt es im Allgemeinen sehr an Niederschlägen wegen der Entwaldung der hiesigen Gegenden. Darum erfordert der hiesige Landbau auch andere Maßnahmen als die Ansiedler von ihrer früheren Heimat aus gewohnt waren. Zwar ursprünglich trug der jungfräuliche gute Boden im Allgemeinen reiche Ernten auch bei schwachen Niederschlägen. Aber es kam anders. Die Kraft des Bodens wurde allmählich erschöpft durch fortwährenden Anbau von Halmfrüchten. Deßhalb mußte man endlich an eine Abwechselung in der Saat und an das Brachen denken. Teils durch den Anbau von Hackfrüchten und teils durch das Brachen abgebauter Felder kann dem Boden seine Kraft einigermaßen wieder zurückgegeben werden. Das müssen die hiesigen Ansiedler allmählich lernen. Auch durch bessere Pflüge neueren Systems, durch Säemaschinen, Mähmaschinen, Dreschmaschinen und dgl., wie solche auch hier schon häufig in Anwendung gebracht werden, gewinnt der hiesige Ansiedler mehr Zeit und mehr Einsicht in eine rationellere Bewirthschaftung des Bodens. So ist denn auch das theure Lehrgeld, welches die Väter Anfangs bezahlen mußten, an den Kindern und Nachkommen nicht ganz verloren gegangen.

Freilich durch die starke Vermehrung der Kolonisten sind die Landanteile immer kleiner und kleiner geworden. Es gibt heutzutage wenig ganze Wirthschaften mehr mit 60 Dess. Land, meist nur halbe, ja zum Theil 1/4 und 1/8 Wirtschaften gibt es genug und mehr als genug. Wenn bei solchen kleinen Landparzellen der Bauer nicht rationell zu wirthschaften versteht, so nährt ihn sein Land nicht mehr. Er muß entweder Industrie treiben, Handwerke lernen um sich davon zu nähren oder aber auswandern und sich in fremden Ländern oder Weltteilen eine neue Eristenz gründen. Beides ist von hier aus schon geschehen. In Glücksthal ist namentlich die Wagenbauerei früher schon als Gewerbe sehr stark betrieben worden. Mancher hat sich dadurch ein schönes Stück Geld und Brot verdienen können. So finden sich heute noch viele Schmieden und Stellmachereien im Dorf. Aber seit so viele Russen und Moldawaner dasselbe Gewerbe treiben und billiger, wenn auch nicht besser, arbeiten, wird hier mit diesem Geschäft wenig mehr verdient. Von andern Gewerben wollen die hiesigen Deutschen wenig oder nichts wissen. Auch scheint das Handwerk hier nicht den goldenen Boden zu haben, von dem das Sprüchwort sagt, weil die Kunden zu wenig an baare Bezahlung gewöhnt sind und die Handwerker deßhalb oft genötigt sind, das erforderliche Material zum Betriebe ihres Geschäfts als Holz, Eisen, Kohle, Leder etc. auf Kredit zu kaufen. So gerathen sie in Schulden und das Handwerk muß ihnen auf diese Weise entleidet werden.

Wer hier sein Brot nicht mehr findet durch Landbau oder Gewerbe, der zieht es vor, wenn er irgend das Vermögen dazu hat, nach Amerika oder auch neuerdings nach Sibirien auszuwandern, wo man entweder noch unentgeltlich oder um geringen Preis sich Land erwerben kann. So sind von Glücksthal und den nachbarlichen Kolonien schon so viele weggezogen, daß man von den Ausgewanderten sicher je 2 solcher Dörfer bilden könnte wie Glücksthal, Neudorf oder Bergdorf.

In Bezug auf Kirche und Schule und auf das religiöse Leben in der Gemeinde sind Fortschritte gegen früher unverkennbar, wenn gleich andrerseits über sittlichen und moralischen Verfall namentlich des jüngeren Geschlechts sehr geklagt werden muß. Glücksthal ist ja gleich Anfangs zu einem eigenen Kirchspiel creirt worden. Von den zwanziger Jahren an waren hier ohne allzu lange Vacanzen stets Prediger gewesen, welche sich das religiöse und geistliche Wohl und Heil der Gemeinden am Herzen gelegen sein ließen und Gottes Wort lauter unb rein verkündigt haben. Unter ihnen ist namentlich Pastor Fr. Pensel, der von 1830 bis 1848 im Segen hier gewirkt hat, bis heute unvergessen.

Leider hat in den fünfziger Jahren der Streit zwischen Lutheranern und Reformirten das Glücksthaler Kirchspiel ziemlich aufgeregt und damals bis zu einer Trennung beider Confessionen in ein evangelisch-lutherisches Kirchspiel Glücksthal und ein evangelisch-reformirtes Kirchspiel Neudorf-Cassel geführt. Diese Trennung verursachte viele Kosten, da beide Gemeinden in dem Filial-Neudorf besondere Bauten aufführen und von da an besondere Küsterlehrer und Prediger besolden mußten. Heutzutage ist wieder mehr Friede und Einigkeit zwischen diesen beiden Gemeinden eingetreten und sie können sich im Frieden nebeneinander erbauen, da jede Gemeinde ihre gesonderte Kirchen- und Schulverwaltung hat.

Im Schulwesen hat Glücksthal gegen früher recht ansehnliche Fortschritte gemacht. Wo noch in den vierziger Jahren nur ein kleines Schulhäuschen mit 1 Schulsaal und einer Lehrerwohnung war, da erhebt sich jetzt neben der Kirche fast dicht neben der Hauptstraße des Dorfes ein neues steinernes Schulgebäude mit 4 Unterrichtssälen nach den neueren hygienischen und Schulregeln erbaut und eingerichtet. Daneben steht im Schulhof eine Küsterwohnung und nicht weit entfernt hat die Gemeinde noch 2 Wohnungen für 2 russische Lehrer. So wird die Schule gegenwärtig in 4 Abteilungen von 1 Küster, 1 Küstergehilfen und 2 russischen Lehrern regelmäßig bedient. Es könnten also bei solch guter Einrichtung ganz günstige Resultate während einer 7-8 jährigen Schulzeit erzielt werden, wenn nicht immerfort über zu mangelhaften Schulbesuch und zu lange Vacanzen geklagt werden müßte. Vielleicht wird die höhere Schulbehörde in diesem Stück noch Rath und Hilfe zu schaffen wissen.

Endlich muß noch auf einen erfreulichen Fortschritt im bürgerlichen Leben der Gemeinde, namentlich hinsichtlich der Wolostverwaltung hingewiesen werden, der dadurch erzielt wurde, daß an Stelle des alten unbrauchbar gewordenen Wolostgebäudes ein neues, schönes und praktisch eingerichtetes Wolostgebäude vor 4 Jahren errichtet und eingeweiht wurde.

So zieren nun 4 Hauptgebäude: Kirche, Pastorat, Schule und Wolostgebäude, welche im Centrum des Dorfes liegen und mit Blech gedeckt sind, die Kolonie. Sie weisen darauf hin, daß Kirche, Schule und bürgerliche Verwaltung hier gleicherweise ihren Siz haben und, Gott sei Dank! auch in Eintracht und Liebe zusammenzuwirken zum geistlichen und leiblichen Wohl der Gemeinde Glücksthal. Dazu helfe Gott in Gnaden!

  1. Artikel im Original entnommen dem: Hausfreund, Kalender für Neu-Rußland. Begründet 1892 von Kanonikus Rudolf Reichert. Herausgeber und Verleger: Edmund Schmidt; Druck von A. Schultze, Odessa. 1901 p. 101-106 ↩︎
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Deutsche Kolonisten

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