Die Namen Rink (auch Rinck) und Wagner sind mit der Historie Odessas eng verbunden. Daher möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Überblick zur Familie geben.
Das „Englische Geschäft“ ist ein bis heute prägendes Gebäude der Stadt.
Wagner Geschäftshaus, 1899, Ecke Deribasovskaya- und Ekaterininskaya-Straße, alte Ansicht von Odessa1
Der württembergische Untertan Friedrich Wilhelm Wagner (12. September 1802, Dornhan – 10. Oktober 1882, Odessa) wanderte mit seinem Vater Joseph Wilhelm (*18. August 1782) nach Odessa aus und machte zunächst eine Ausbildung bei dem Kaufmann James Cortazzi (*1798, Smyrna/Türkei).2
Geburt Friedrich Wilhelm Wagner 1802, Dornhan, Taufregister 1799-1807 Bd. 2Joseph Wilhelm Wagner *1782, im Ausland gestorben, Familienregister Dornhan 1808-1846 Bd 22
James Cortazzi war der Sohn des venezianischen Konsuls in Smyrna, Luc Tricon Cortazzi (*1766 Smyrna) und der Elizabeth Hayes (1768, Izmir/Türkei–1847, Odessa), Tochter des britischen Konsuls.3 Er leitete das englische Handelsgeschäft der Familie Cortazzi in Odessa und war von 1848 bis 1857 Bürgermeister der Stadt.
Cortazzi war bei seinen europäischen Geschäftspartnern vor allem im Weizenhandel ein hochumstrittener Handelspartner, der jedoch bestens vernetzt war und in Odessa über viel Einfluss und entsprechende Kontakte verfügte.4
Warum dieses Geschäft in den Besitz von Wagner kam, ist unklar, sicher ist, Gründungsdatum des Handelshauses Wagner war der 1. März 1833. Wilhelm Wagner handelte unter anderem mit Maschinen, Galanterie- und Manufakturwaren.
Anzeige in: Neuer Haus- und Landwirtschaftskalender für deutsche Ansiedler im südlichen Russland auf das Schaltjahr 1884, L. Nitzsche Odessa. p. 102, digitalisiert Taurien e.V.
Von 1863 bis 1873 war er Mitglied der Stadtduma von Odessa aus der Kaufmannsklasse, Kaufmann der 1. Gilde und vererbte das Geschäft an seinen Schwiegersohn Karl Jakovlevic Rink-Wagner. Dieser nahm mit der Eheschließung den Nachnamen Rink-Wagner an. Helene Wagner, die am 14. April 1906 in Berlin-Schöneberg starb, war die Tochter des Wilhelm Wagner und der Katharina geborene Stigler (1821–1901).
Helene Rink-Wagner, Sterberegister Standesamt Berlin-Schöneberg 1906
Karl Rink-Wagner besaß im Laufe der Jahre neben dem Handelshaus mehreren Häusern in Odessa und eine große „Datscha“ in der Wagnerovsky-Gasse.5 Dieser Besitz wurde unter seinen Erben aufgeteilt, nachdem er im Alter von 66 Jahren am 27. Mai 1895 gestorben war.
Sterbeeintrag Karl Rink-Wagner 1895, KB Odessa, reformierte Kirche, 1892-1895
Zu diesen Erben gehörten Karl Wilhelm (30. Juli 1868, Odessa – 26. Dezember 1954, Freiburg im Breisgau), ebenfalls Gallanteriewarenhändler. Er war seit Anfang 1893 mit Gertrud Clay (*1868), Tochter des Baumwollhändlers Thomas Campbell Clay aus Wavertree, Lancashire/England verheiratet, in zweiter Ehe mit Amalie Henriette Else Zumpft (1884–1954), Tochter des Kaufmannes Robert Zumpft;
Eduard Wilhelm Wagner (*20. Dezember 1873), der mit seinem Bruder Karl Wilhelm K. Rink-Wagner u. Eduard Wilhelm Rink-Wagner u. Co. Galanteriewaren führte;
Emilie Caroline Magdalena Wagner (15. September 1877, Odessa), verheiratet mit Karl Förster (*1867);
Richard Wilhelm Carl Wagner (26. Dezember 1880, Odessa);
und Helene Katharina Henriette Rink-Wagner (21. Juni 1871, Odessa – 28. Oktober 1961, Odessa), Frau des Professors Dr. med. Nikolaus Käfer (24.1.1864, Neumontal – 28.12.1944, Odessa). Beide heirateten am 25. Juli 1897 in Odessa.
Traueintrag Käfer & Rink-Wagner 1897, KB Odessa, reformierte Kirche 1897-1900
Nach der Befreiung Odessas am 10. April 1944 wurden Professor Dr. med. Käfer und seine Frau verhafteten und in das örtliche Gefängnis überstellt. Unter den extremen Haftbedingungen verschlechterte sich seine Gesundheit rapide und man entließ ihn zum Sterben († 28. Dezember 1944), Helene musste im Gefängnis bleiben und wurde erst nach seinem Tod am 3. Februar 1945 unter Auflagen entlassen. Sie verstarb am 28. Oktober 1961 in Odessa, beide wurden auf dem 2. christlichen Friedhofs von Odessa, Abteilung 22, beigesetzt.
Ihre Kinder waren Prof. Ing. Woldemar (14. April 1898 – 22. August 1981), außerordentlicher Professor des Kältetechnikinstituts von Odessa.
Geburt Woldemar Käfer, 1898 KB Odessa, reformierte Kirche 1897-1900
Tochter Vera (12. November 1907 – 11. Mai 1991), verheiratet mit Boris Zozulewitsch (6. Januar 1910, Lodz – 8. März 1998, Moskau).
Sie studierte zunächst am chemisch-pharmazeutischen Institut in Odessa, arbeitete dann am Institut für Ernährung, wurde Assistentin der Abteilung für anorganische Chemie des medizinischen Instituts in Odessa und später war sie im klinischen Diagnoselabor des Instituts für Augenkrankheiten in Odessa tätig.6
Ihr ebenfalls in Odessa lebender Sohn Georgy Borisowitsch Zozulewitsch (29. Oktober 1941 – 19. Januar 2024) schrieb die Familiengeschichte Professor Käfers auf, sodass 2007 eine Veröffentlichung7 erfolgen konnte.
Der zweite Sohn Dr.-Ing. Boris Kaefer (*4. Juli 1902, Odessa), blieb bereits in den 1920ern in Deutschland und studierte an der Technischen Hochschule München.
Boris Kaefer : Beitrag zur Ermittlung der Eigenschwingungszahlen ebener und räumlicher Stabwerke. (Mit 22 Textabb.) Stuttgart 1935: A. Bonz‘ Erben (51 S.) 8° München (Techn. Hochschule), Dr. – Ing. – Diss.8
Im Jahre 1936 war er dann als Bauingenieur bei der Nord-Süd-Bau Bayern G.m.b.H für Siedlungs-, Hoch-, Tief und Eisenbetonbau (Rosenheim)9 tätig, ehe er in späteren Jahren eigene Bauunternehmung Dr.-Ing. Boris Kaefer KG gründete.
Sein Name ist aber auch eng mit dem Eishockeysport verbunden.
Seine Söhne Alexander „Sascha“ (1937–2019) und Jochen Nikolai (1939–2024) spielten in früher Jugend beim SC Riessersee. Nach ihrem Umzug nach Grafing bei München gründete die Familie Kaefer 1957 den EHC Klostersee, dem sie im Vorstand und bei der Vereinsarbeit treu blieben bis ins hohe Alter. Auch heute ist ein Kaefer aktiver Spieler.
Funfzig Jahre in beiden Hemisphären: Reminiscenzen aus d. Leben eines ehemaligen Kaufmannes, Band 2, von Vincent Nolte, Hamburg, Perthes-Besser & Mauke 1853, p. 311ff ↩︎
STAHL UND EISEN ZEITSCHRIFT FÜR DAS DEUTSCHE EISENHÜTTENWESEN Herausgegeben vom Verein deutscher Eisenhüttenleute Geleitet von Dr.-Ing. Dr. mont. E.h. O. Petersen unter verantwortlicher Mitarbeit von Dr. J.W. Reichert und Dr. W. Steinberg für den wirtschaftlichen Teil HEFT 49 5. DEZEMBER 1935 55. JAHRGANG, p.189 ↩︎
Tonindustrie-Zeitung: und Fachblatt der Zement-, Beton-, Gips-, Kalk- und Kunststeinindustrie, Band 60, Chemisches Laboratorium für Tonindustrie, 1936, p.859 ↩︎
Als Johann Jacob Käfer (1755–1810) sein kleines Dorf Einöd, heute als Höheinöd bekannt, in den Wirren der Napoleonischen Zeit verließ und mit seiner Familie nach Südrussland auswanderte, war die Hoffnung auf eine große Zukunft seiner Familie mit im Gepäck. Wie sehr sich diese erfüllen würde, hatte er vermutlich nicht geahnt.
Bei Stumpp stößt man auf diesen Eintrag:
38) Jakob Käfer von Münchweiler/Pirmasens-Pfalz, mit Frau und Kind, seinem Vater und Mutter, nebst seinen zwei Brüdern und zwei Schwestern, nach Alt-Montal/Taurien. Frankfurt a. M., 9./21. 4. 1810. gez. v. Bethmann. Sichtvermerke: Würzburg, 26. 4. 1810. — Bayreuth, 5. 1810. — Plauen, 5. 5. 1810. — Hof, 12. 5. 1810 — Breslau, 17. 5. 1810.— Bunzlau, 15. 5; 1810. — Radom, 25.05.18101
So läßt sich seine Reiseroute bis nach Polen gut verfolgen, die Einwanderer nahmen verschiedenen Reisewege, es trafen eine ganze Reihe neuer Kolonisten innerhalb weniger Wochen des Jahres 1810 in Taurien ein.
Reiseroute von mindestens 2300 km, Karte erstellt mit googlemaps2
Tatsächlich traf die ganze Familie ein, Vater Johann Jacob und Mutter Anna Barbara, geborene Kiefer (1760–1810), welche in Altmontal versterben, die Söhne Johann Jacob (1781–1853), Johann Valentin (1784–1862) und Johann Adam (1795–1868), von Tochter Anna Elisabeth (*1787) verliert sich die Spur, Anna Catharina (*1790) verstirbt jung verheiratet zwischen 1816 und 1822 in Kostheim. Zwei weitere Kinder der Familie verstarben jung noch in der alten Heimat.
Geburtseintrag von Johann Jacob Käfer 1755 in Thaleischweiler3
Johann Jacob der Jüngere gründet in Altmontal eine Familie, wir erfahren aus erhalten gebliebenen Listen, dass er den Arzt mit seinem Sohn am 27.06.18114 aufsuchte. Es handelte sich offenbar um Jakob, der laut Zensus etwa 1808 geboren sein muss. Die Angabe der Familienerinnerungen, er wäre bei Einwanderung bereits acht Jahre alt gewesen, kann nur unscharf sein, leider fand sich bisher keine Aufzeichnung der Familie rund um Pirmasens.
6) Käfer, Jacob 30, aus Münchweiler/Pirmasens-Pfalz, seine Frau Magdalene 30, sein Sohn Jacob 3, seine Brüder Valentin 25 und Adam 16. Wirtschaft: 3 Pferde, 4 Rinder, 1 Pflug, 1 Wagen, 1 Spinnrad.5
Johann Jacob war ein guter Wirt, war anerkannt und wurde von der Kolonistengemeinde bereits 1816 zum Oberschulz gewählt6.
1813 DADO 134-1-346, Archiv Dnipro, Taurien e.V.
In den Jugenderinnerungen des Enkels Nikolai7 war er der „Oberschulze Käfer“, dessen Name auch nach seinem Tod noch etwas galt.
Über seine Frau Magdalena erfährt man kaum etwas aus alten Aufzeichnungen, so haben wir nur Kenntnis von den Kindern, dem obigen Jacob, der in den 1890ern verstarb, einer kleinen Katharina (1813–1813) und Johann Käfer, dessen Familie wir nun begleiten werden.
Akte 134-1-267 Dnepro. Taurien e.V.
Johann kam, wenn man der Altersangabe der erhaltenen Listen glauben darf, etwa um August 1814 zur Welt, wird als halbjährig Anfang 1815 erwähnt. Die Familie war nach Neumontal übergesiedelt und baute sich eine Wirtschaft auf. Hier heiratete er sehr jung Christine Steininger (1816–1858) und nach ihrem Tod, im selben Jahr, Christine Goll (um 1820–1900).
Johann Käfer war sehr angesehen in der Gemeinde, ebenfalls Oberschulz, baute eine Windmühle, später eine Seifenfabrik, und begann Weizen, Wolle und andere Waren zu kaufen, um damit in Berdjansk und Simferopol zu handeln. Während einer Geschäftsreise im Jahre 1856 wurde er von zwei Landstreichern überfallen, schwer geschlagen, ausgeraubt und sterbend in der Steppe zurückgelassen. Trotz der schweren Verletzungen schleppte er sich zu Hirten, die ihn in das Dorf Avuman brachten. Dort verbrachte er mehrere Wochen zwischen Leben und Tod, seine Gesundheit wurde jedoch stark beeinträchtigt8, was vermutlich zu seinem frühen Tod 1866 führte.
Sterbeeintrag Johann Käfer in Neumontal, Kirchenbuch Molotschna 1866
Die Ehe mit Christine Goll, einer Witwe, war nicht nur sehr harmonisch, Christine war städtisch, elegant, gebildet, sprach feinstes Hochdeutsch und war sehr darauf bedacht, ihren Kindern Bildung angedeihen zu lassen. Aus ihrer ersten Ehe mit Joseph Sudek brachte sie fünf Kinder mit, sodass ihre älteste Tochter Katharina später den ältesten Sohn Jakob aus der ersten Ehe von Jacob Käfer heiratete.
Christine Goll, Fotoausschnitt aus : КК Васильев · 2007 · К. ПРОФЕССОР Н.И.КЕФЕР (1864–1944). И ЕГО ВОСПОМИНАНИЯ, p.82
Ihr erster Mann, Joseph Sudek, war ein Schafzüchter und arbeitete auf den Schaffarmen der Familie Falz-Fein und anderer Schafzüchter. Eines Tages kam er von der Arbeit in der Steppe nicht mehr nach Hause, seine Leiche wurde viel später gefunden und man identifizierte ihn anhand seiner Kleidung, vermutlich starb er einen gewaltsamen Tod.
Nikolaus Käfer, Fotoausschnitt aus : КК Васильев · 2007 · К. ПРОФЕССОР Н.И.КЕФЕР (1864–1944). И ЕГО ВОСПОМИНАНИЯ, p.82
Nikolaus Käfer (24.1.1864, Neumontal – 28.12.1944, Odessa), Sohn aus der zweiten Ehe von Christine, vermutete die Herkunft seiner mütterlichen Großeltern in Schorndorf, Württemberg, was jedoch nicht belegbar ist. Anhand seiner Berichte, die Familie wäre nach Hoffnungstal, Bessarabien gezogen und seine Mutter wäre in Odessa aufgewachsen, findet man tatsächlich eine Familie, die hier infrage kommt.
Kirchenbuch Molotschna 1864 Geburt Nikolaus Käfer
Johann Andreas Goll (1769–1841) und Frau Maria Salome Steimle (*1768) wurden offiziell 1817 eingetragen in Neulautern als nach Amerika ausgewandert. Ihre Reisepläne änderten sich allerdings und sie finden sich in Carlstal bei Odessa wieder. Ihre Kinder lebten in Hoffnungstal, Neuhoffnungstal und Odessa.
Daher ist anzunehmen, Christine war ein Kind des Tuchscherers Christian Andreas Goll (1797–1835) und seiner Ehefrau Agnes Barbara Gscheidle (1802–1858).
Dessen Sohn Johann (1826–1889) war mit einer Tochter des Johann Grosse, Hofmeister auf der herzoglich Anhalt-Köthenschen Besitzung in Askania Nova, verheiratet. Laut Erinnerungen von Nikolaus Goll heiratete sein Kindermädchen „Mascha“ Maria Brink den Bruder seiner Tante, Leberecht Grosse (1842–1915), dieser war tatsächlich Sohn des Johann Grosse und ebenfalls ein Schafmeister und Anhalt-Köthenscher Untertan.
Soweit schließt sich hier ein Kreis und erklärt, warum seine Mutter so städtisch war, Leberecht wurde sogar als „bourgeois“ bezeichnet. Nikolaus erinnerte sich:
Meine Mutter wuchs unter anderen Bedingungen auf und lebte nicht in Kolonien. Sie verkehrte ausschließlich mit den Vermietern und ihren Verwaltern, kleidete sich anders, mehr oder weniger städtisch, hatte andere Gewohnheiten und weitergehende Bedürfnisse. Mit ihrer Ankunft im Haus meines Vaters hat sich viel verändert, angefangen beim Erscheinungsbild …
… Das Wohnzimmer war mit Polstermöbeln, Holzteilen in rotbrauner Farbe (Mahagoni? Nussbaum?), Polsterung in grünem Stoff ausgestattet
… Ich weiß, dass es nur im Haus meiner Eltern einen Samowar gab, eine Tischuhr auf dem Esstisch, silberne Löffel usw. Sie trug zum Beispiel Krinoline, die in dieser Gegend völlig unbekannt waren, Seidenkleider mit Spitze, Hüte, goldene Broschen, goldene Uhren und eine Kette mit einem Medaillon. Vielleicht war es einfach und provinziell, zumindest weit hinter der Mode zurückgeblieben, aber in ihrem Umfeld muss es sehr auffällig gewesen sein. …
Die Literatur war sehr vielfältig, da Bücher zu dieser Zeit schwer zu bekommen waren. Sie las nur auf Deutsch. Obwohl sie in einem religiösen Geist erzogen wurde, sah ich sie relativ selten religiöse Bücher lesen. Sie las sehr gerne Romane, Reisebeschreibungen und historische Literatur. Das Haus meiner Eltern war das einzige, in dem es Zeitungen und Zeitschriften gab. Viele Jahre lang war es der „St. Petersburger Herold“, der immer sehnsüchtig erwartet wurde, und später, etwa ab Mitte der 1870er Jahre, wurde dieser Platz von der „Odessaer Zeitung“ eingenommen, die begann, sich für die Zustände in den südrussischen Kolonien zu interessieren. Daneben gab es auch abonnierte (?) „Gartenlaube“ und teilweise „Das Buch für alle“.9
Nachdem ihr Mann so plötzlich verstorben war, heiratete Christine den Witwer Johann Riecker (1837–1899). Eine Vernunftehe, die schwierige Zeiten überstehen musste. Er war Kutschenmacher, wie fast alle in seiner Familie, die Männer waren groß, blond, gutaussehend, gebildet. Nikolaus vermutete wegen des Dialekts eine norddeutsche Herkunft.
Allerdings stand Johann Riecker immer im Schatten seines Vorgängers, was er lange Zeit mit Trunksucht, großer Härte gegenüber seinen Kindern aus erster Ehe und Übergriffen auf seine Frau zu kompensieren versuchte. Als dann eine Feuersbrunst durch Brandstiftung mitten in der Weizenernte durch Neumontal raste, alle Häuser in Schutt und Asche legte, zwei Wochen darauf eine zweite Feuersbrunst das einzig unversehrte Gehöft ergriff – Käfer – inklusive der Ställe in denen Pferde standen, wurden die Spannungen so stark, Christine holte sich Beratung zu einer Scheidung. Zudem strengte sie in der Kreisstadt Melitopol mithilfe eines Anwalts einen Prozess an, welcher zwei Jahre dauerte, um dem Vormund ihrer Kinder Entscheidungsrechte zu entziehen, die er über das Vermögen und die Erziehung der Käferschen Kinder hatte.
Die damalige Zeit brachte leider gesetzliche Regelungen mit sich, die einer Witwe einen männlichen Vormund beiordneten, alleine durften Frauen damals keine Entscheidungen treffen, ebensowenig, wie minderjährige Kinder.
Das Gericht gab ihr letztlich Recht, über Erziehung und Bildung frei zu entscheiden, so konnte sie den Plan umsetzen, Nikolaus ab August 1875 auf das Gymnasium in Berdjansk zu schicken. Weil seine Lernerfolge nicht so waren, wie erhofft, wurde er im Folgejahr von der Familie des Gymnasiallehrers für französische Sprache, Ernst Franzewitsch Jakovčić, aufgenommen, gemeinsam mit drei anderen Jungen, was deutliche Verbesserung brachte.
Als sich 1882 die Augenkrankheit (Trachom) einstellte, Nikolaus monatelang nicht lesen konnte, wurde er im Winter 1882 nach Charkow zu dem berühmten Augenarzt Professor Hirschmann, geschickt, bei dem er etwa 6–8 Wochen in Behandlung war. Diese Zeit war so prägend, das er den Wunsch entwickelte, ebenfalls Arzt zu werden. Kurz vor den Abschlussprüfungen des Gymnasiums erkrankte er auch noch Typhus und bestand die Prüfungen mit großer Mühe.
Blick auf das Hauptgebäude der Medizinischen Fakultät zu Beginn des 20. Jahrhunderts10
Im August 1883 schrieb sich Nikolaus an der Kaiserlichen Noworossijsker Universität in Odessa in der Naturabteilung der Physikalisch-Mathematischen Fakultät ein.
Hier lernte er Karl Härter kennen, der sein Studium wegen einer chronischen Augenkrankheit in Dorpat nicht beenden konnte und zu diesem Zeitpunkt als Angestellter in einer Landmaschinenfabrik arbeitete und sich auf seine Prüfung als Gymnasiallehrer vorbereitete. Dieser weckte das Interesse, nach Dorpat zu gehen, wo sich Nikolaus am 17. August 1885 in der Kaiserlichen Fakultät für Medizin einschrieb.
Sein zweiter wichtiger Freund wurde Heinrich Höger (1854–1934) aus Schabo, dessen Bildung ihn sehr beeindruckte.
Käfer, Nikolai; SAGA, EAA.402.2.11453; 17.08.1885
Nikolaus interessierte sich in Dorpat besonders für die Vorlesungen des Professor Thoma zur Pathologische Anatomie und promovierte nach bestandenem Examen 1890 im Jahre 1891 zum Doktor der Medizin.
Käfer, Nikolai; SAGA, EAA.402.2.11454; 1886
Da am Ende desselben Jahres der Bau des Evangelischen Krankenhauses von Odessa beendet und in diesem Zusammenhang medizinisches Personal rekrutiert wurde, begab sich Nikolaus nach Odessa und wurde als Assistent unter der Leitung des Oberarztes, des Chirurgen Eugen Fricker (1846–1906)11, angestellt.
Naturärztliche Sprechstunden, Band 6, Herm. Rudolf, Nürnberg 1897, p141
Zugleich arbeitet Nikolaus rund 20 Jahre in der Privatklinik des jüdischen Orthopäden Joseph Arnold Waltuch (1861–1914) als orthopädischer Chirurg. So entwickelte er sich vom praktischen Arzt, Wissenschaftler und allgemeinen Chirurgen, zum Spezialisten in der Orthopädie und Traumatologie.
Im Jahre 1896 wechselte er an das Krankenhaus der Kasperowsker Gemeinde der Barmherzigen Schwestern des Russischen Roten Kreuzes, welches er ab 1898 als Oberarzt leitete. Im selben Jahr wurde er zum Chefarzt des Rotkreuzkrankenhauses für Fabrikarbeiter der Stadtverwaltung von Odessa gewählt, das sich zu dieser Zeit noch im Bau befand. Er beaufsichtigte den Bau der Gebäude des Krankenhauses, welches am 30. Dezember 1899 eingeweiht wurde, und organisierte 20 Jahre die ambulante medizinische Versorgung in den Fabriken und Werken von Odessa.
Mit Beginn der 1920er Jahre wandte er sich der wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeit zu und wurde im Juli 1920 zum Professor für Chirurgie an das Klinischen Institut Odessa berufen. Gleichzeitig begann er am Medizinischen Institut der Stadt zu arbeiten, wo er 1921 die Abteilung für Orthopädische Chirurgie einrichtete und eine orthopädische Klinik mit 25 Betten aufbaute, die dann unter seiner Leitung auf über 120 Betten erweitert wurde. Darüber hinaus war er ab 1932 Leiter der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie des Fortbildungsinstitutes für Mediziner, welche 1927 anstelle des Klinischen Instituts gegründet wurde.
Während des Zweiten Weltkrieges, der die Stadt 1941 erreichte, wurde die Klinik in ein Militärkrankenhaus umgewandelt, und musste am 3. Oktober 1941 evakuiert werden. Viele der verwundeten Soldaten und Offiziere konnten in der Kürze nicht aus dem Krankenhaus gebracht werden, daher sorgte Professor Käfer für Zivilkleidung und ließ falsche Unterlagen ausstellen, um die sowjetischen Militärangehörigen zu retten.
Am 13. Oktober des Jahres wurde er per Befehl zum Chefarzt des 2. Stadtkrankenhauses ernannt (in diesem Krankenhaus befand sich die orthopädische Klinik) und wirkte als Leiter der Abteilung für Orthopädische Chirurgie bis zum April 1944, obwohl er im März 1942 einen schweren Schlaganfall erlitt, der mit einer rechtsseitigen Hemiparese endete.
Professor Nikolai Iwanowitsch Käfer. Vignette der Abschlussfeier der Ärzte der Universität Odessa. 1937–1943. Produziert vom Berliner Fotostudio 194314 Das Fotostudio „Berlin“ wurde während der rumänischen Besatzung in der ul. Rishelievskaya 48 eröffnet. Studiobesitzer und Fotograf – A. Merfort.
Wie wenig ihm doch diese Bemühungen nach der Befreiung Odessas am 10. April 1944 anerkannt wurden. Man ließ den betagten Professor und seine Ehefrau Helene verhafteten und überstellte beide in das örtliche Gefängnis. Unter den extremen Haftbedingungen waren seine Tage gezählt, so wurde er zum Sterben entlassen, sein Leben fand am 28. Dezember 1944 sein Ende. Er wurde auf dem 2. christlichen Friedhofs von Odessa, Abteilung 22, beigesetzt.
Als besonderen Akt der Grausamkeit musste seine Frau im Gefängnis bleiben und wurde erst nach seinem Tod am 3. Februar 1945 unter Auflagen freigelassen. Sie verstarb am 28. Oktober 1961 in Odessa.
Stumpp K.; Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004, p.982 ↩︎
„Krankenlisten“, zusammengestellt vom Taurien e. V. aus den Akten 266, 267 und 297 (Fonds 134, Opis (Inventar) 1, Staatsarchiv des Gebietes Dnjepropetrowsk ↩︎
Stumpp K.; Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004, p. 881 ↩︎
Minerva: Jahrbuch der gelehrten Welt, 28. Jahrgang BD II M-Z mit Nachtrag, Dr. R. Kukula, Dr. K. Tübner, redakt. Leitung Dr. Fritz Epstein, Hrsg. Dr. Gerhard Lüdtke. Berlin, Leipzig 1926, Walter De Gryter & Co ↩︎
Министерство культуры и туризма Украины Одесская государственная научная библиотека имени М.Горького Ученые Одессы Серия основана в 1957 году Выпуск 39 НИКОЛАЙ ИВАНОВИЧ КЕФЕР Биобиблиографический указатель Составители: К.К.Васильев, О.Г.Кушнир Одесса 2008
aus der Geschichte der Kolonie Töplitz in Bessarabien.1
Geordnete Verhältnisse traten für die Töplitzer Schule erst mit der Anstellung August Kludts im Jahre 1836 als Lehrer ein. Da der „alte Kludt“ sehr lange im Dienste der Töplitzer Gemeinde stand und großen Einfluß auf das Schulleben ausübte, sei hier sein Lebenslauf etwas ausführlicher behandelt. Johann August Kludt war der Sohn des IX. Malojaroslawetzer Ansiedlers Wilhelm Kludt 2 und wurde am 1. Juli 1811 bei der Durchreise seiner Eltern durch Polen in Lusche bei der Stadt Dombie geboren. Da Kludts Eltern sich meistens auf der Wanderschaft befanden, waren die Kinderjahre des August sehr arm an Freuden. In Bessarabien angekommen, fand Kludts Vater bei dem Mausirer Fürsten eine Anstellung als Gärtner. Nachdem er mehreremal seine Anstellungen gewechselt hatte, ließ er sich endlich im II. Malojaroslawetz nieder. Der junge August erhielt seine Ausbildung meistens bei seinem Vater. Im Alter von 17 Jahren ging er nach Deutschland, um sich als Missionar ausbilden zu lassen, kehrte aber nach 8 Monaten wieder zurück, um seinen Vater, der unterdessen die Küsterstelle in Töplitz übernommen hatte, zu unterstützen. Von 1835-36 vervollständigte er seine Bildung unter der Leitung des Lehrers Utz aus Großliebental, wo er das Amt des Provisors bekleidete, und legte in der evangelisch-lutherischen Synode zu Odessa seine Lehrprüfung ab. Am 1. Mai 1836 wurde August Kludt von Probst Graubaum an der Töplitzer Schule angestellt. Am 4. Juni 1836 trat er in die Ehe mit der Gnadentaler Ansiedlerin Eva Katharina, geb. Hägele (gebürtig aus Hahnweiler, Württemberg), über den Einfluß der Studienzeit auf die Charakterbildung Kludts schreibt Johs. Kämmler Folgendes: „Sein kurzer Aufenthalt in Deutschland hatte jedoch für den Jüngling eine weittragende Bedeutung und wir sehen bei seiner Rückkehr, daß der junge Mensch seine Zeit nicht vergeudet hat, sondern wohl ausgenützt, denn er kam zurück, ausgerüstet mit vielen schönen Kenntnissen für die damalige Zeit. Natürlich kam ihm bei solch schnellem Reifen sein feuriger, von Wissensdurst getriebener, nach Wahrheit suchender Jünglingsgeist zu statten, überhaupt hatte die kurze Zeit, in welcher der Jüngling Gelegenheit hatte, in Deutschland sich um die dortigen Schulen und in anderen Kreisen umzusehen, einen großen Einfluß auf die Bildung des Charakters des jungen Kludt und manche Eindrücke haben sich in seinem Geiste befruchtend fortgesetzt, die später in seinem Amtsleben manch schöne Frucht zur Reife brachten, so ist er auch auf seiner Reise in die „Herrnhuter Brüdergemeinde“ gekommen und hat deren Leben, Liebe und Glauben durch einen kleinen Aufenthalt dort
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kennen gelernt. Dasselbe machte auf den lebhaften Geist des Jünglings solch tiefen Eindruck, daß er nach kurzer Zeit als einer der Ihrigen schied und nie, bis heute noch von den Hauptprinzipien dieser Gemeinschaft abgekommen ist, sondern im Gegenteil, auch in dieser Hinsicht in der Gemeinde fruchtbringend wirkte, besonders auch an Kranken- und Sterbebetten mit seinem trostreichen aus kindlichem Glauben fließenden Zuspruch, wie solches bei vielen ja heute noch in guter Erinnerung lebt,“ August Kludt war an der Töplitzer Schule 43 Jahre lang tätig. Ältere Leute können sich seiner noch lebhaft erinnern. Johs. Kämmler würdigt das Andenken des alten Schulmeisters in folgenden schönen Worten: „In unserem Gedächtnis taucht eine schöne, hehre, Liebe erweckende Mannesgestalt auf: Es ist der „alte Kludt“, wie wir ihn heute bezeichnen. Was und wieviel mit diesen beiden Worten ausgesprochen ist, können natürlich nur wir älteren Männer in der Gemeinde wissen. Das junge Geschlecht hat ja wohl auch manches gehört von ihm, vielleicht übertrieben und entstellt, indessen auch die Eindrücke und Vorstellungen von demselben verschiedenartig sich ausgebildet haben. Aber uns Älteren, die wir sozusagen unter seiner Hand aufgewachsen sind, schwebt sein edler Charakter, der für alles Schöne und Edle so empfänglich war, noch voll und deutlich vor der Seele“. Der alte Kludt hat es sich bei seiner großen Kinderschar oft recht sauer werden lassen. Bis 1864 mußte er allein unterrichten, was bei einer Schülerzahl von 100 und darüber eine nicht zu verachtende Leistung war. Es ging in der Schule oft bunt zu. Da der Schulmeister mit dem Abfragen nicht herumkam, stellte er sich bessere Schüler als Gehilfen an (Dieses Verfahren wurde übrigens auch von den Geistlichen empfohlen. Die Gehilfen des Lehrers wurden „Monitore“ genannt). Diese mußten die Schüler die Aufgaben hersagen lassen und die Nichtskönner dem Lehrer angeben. Da fielen dann die Schläge manchmal hageldicht. Doch nicht immer waren die aus der Mitte der Schüler ernannten Aufseher zuverlässig. Eine Handvoll geplatztes Welschkorn, ein Stückchen Süßholz oder sonst irgend ein Leckerbissen genügte, um dieselben zur Nachsicht zu bewegen, welchen Umstand natürlich manche Faulpelze fleissig ausnützten. Kam jedoch eine solche Vertuschung der Tatsachen ans Tageslicht, so hatte der Aufseher das Zusehen. Er wurde sofort von seinem Amt abgesetzt, und durfte mit des Schulmeisters Hand, die Übrigens von gewaltiger Größe gewesen sein soll, sehr nahe Bekanntschaft machen. Für faule Schüler hatte der alte Kludt eine ganze Auswahl von Strafen. Konnten sie ihre Lektion nicht, so mußten sie entweder knien oder bekamen Tatzen, je nachdem der Schulmeister in der Laune war. Ein von ihm geliebtes Verfahren war, den Schüler mit den Worten „Groß und faul gibt auch ein Gaul“ an den Ohren bis an das Katheder zu ziehen. Verspätete sich ein Schüler, so wurde er gewöhnlich mit den Worten „Komm i net heut, so komm i morga“, oder „Eine gut
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Ausred ist drei Batzen wert“ empfangen. Da bei der großen Schülerzahl immer viele ohne Beschäftigung waren, verübten die Kinder aus Langeweile verschiedene harmlose Streiche, deren Entdeckung von dem Schulmeister gewöhnlich ein böses Nachspiel mit sich brachte. Während den Pausen herrschte eiserne Strenge. Ballspielen und Schreien wurden nicht geduldet. Wehe dem Schüler der beim Schlittschuhlaufen auf dem Eise ertappt wurde. Der bekam gewöhnlich Hiebe im Überfluß, gepfeffert mit verschiedenen Moralsprüchen, wie z.B. „Gehorsam ist besser denn Opfer“ und dergl. Bei aller Strenge war der alte Schulmeister doch auch sehr gutmütiges kam oft vor, daß er den gezüchtigten Kindern hernach in seiner Wohnung Honigbrot gab. Da das Schuljahr damals etwa vom 1. Oktober bis 1. April dauerte, konnte sich der alte Kludt während der langen Sommerferien allemal von den Strapazen der Schule gründlich erholen. Das Gehalt des alten Schulmeisters war verhältnismäßig gut, hauptsächlich was die Naturalien anbelangt. Im Jahre 1838 bekam er z.B.230 Rubel Assignation, „Kisik“ (Mist zum Brennen) und 160 Kapizen Heu, im Jahre 1844 360 Rubel, 5 Faden Kisik, 20 Fuhren Heu und 12 1/2 Tschw. Weizen. Auch fehlte es nicht an verschiedenen Anerkennungen seitens der Gemeinde und der Schulobrigkeit. Im Jahre 1863 schenkte ihm die Gemeinde für seine getreue Arbeit in der Schule 23 Rubel. Pastor Hastig schreibt gelegentlich einer Inspektion der Schule im Jahre 1839 über Kludt: „Ist ein sehr brauchbarer und christlicher Schullehrer „Pastor Breitenbach im Jahre 1841: „Besitzt vorzügliche Fähigkeiten, ist fleißig und treu in der Führung seines Amtes und macht durch seinen gottseligen Lebenswandel demselben Ehre“. Am 3. Sepber 1847 bekam er eine Belobigungszeugnis von Generalsuperintendent Flittner unter N.524 und am 23. November vom Generalsuperintendenten Richter unter N. 135. Bei den Pastoren war der alte Schulmeister auch sehr beliebt. Feindselige Gefühle hegten gegen ihn nur Pastor Knauer, weil er während des Streites um die „Goßner’sche Richtung“ auf der Seite der Gemeinde stand, und Pastor von Lösch (P. Lösch kam ein paar Jahre später ins Irrenhaus), weil er wenig Fähigkeiten und scheinbar auch Sympathien für die russische Sprache besaß. Als Kludt älter wurde, begann sich das harmonische Verhältnis, das zwischen ihm und der Gemeinde bestand, etwas zu trüben. Einige Gemeindeglieder waren mit seinen Leistungen, die wegen des hohen Alters nicht mehr gut sein konnten, nicht zufrieden; andere wieder konnten es ihm nicht verzeihen, daß er zu den Stundenbrüdern hielt. Die Unzufriedenheit nahm noch mehr zu, als Pastor von Lösch unter der Gemeinde heftig gegen den alten Schulmeister zu agitieren begann. Zur Lösung der aktuell gewordenen Schulmeisterfrage wurde im Jahre 1879 eine Gemeindeversammlung einberufen. Auf derselben machten einige Männer den Vorschlag, dem alten Kludt aus Gemeindemitteln ein Häuschen zu bauen und ihm für seinen langjährigen und treuen Dienst bis zum Tode eine Pension („Das Ausgeding“) zu geben. Dieser Vorschlag rief unter Kludts Gegnern ein großes Geschrei hervor und sie ruhten nicht, bis sie die
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Gemeinde umgestimmt hatten. Es wurde der Beschluß gefaßt, den alten Kludt zu entlassen und einen anderen Lehrer zu mieten. Wie sehr dieses Vorgehen der Gemeinde den alten Mann kränkte, geht aus einem an die Gemeinde gerichteten Schreiben hervor, das folgenden Inhalt hatte: “Der werten Gemeinde zu Töplitz. Indem ich, liebe Gemeinde, bei Euch durch Gottes Gnade alt und grau geworden bin in Eurem Kirchendienste und in dieser langen Zeit mit Euch Freud und Leid geteilt habe und zu jeder Zeit bereit und willig war, in jeder Beziehung ohne Eigennutz Euch zu dienen, so viel nur in meinem Vermögen war, nun aber aus Altersschwäche nicht dienen kann, daher ich schon im vergangenen Jahr 1877 um Entlassung bitten wollte, aber dringendes Bitten und Anhalten veranlaßten mich, noch ein Jahr zu bleiben. Da sich aber unsere Verhältnisse seitdem, sowohl in Kirche wie Gemeinde verändert haben, und unser Herr Pastor (Lösch, der verrückt gewordene) mich neulich bei öffentlichem Gemeinde als einen Mann bezeichnete, der ihm nicht willfährig ist, gegen den russischen Unterricht ist und sogar behauptet, die Gemeinde selbst sei gegen das Russische und der Verstoß mit mir ihn veranlasse, sogar unsere Schule nicht zu besuchen, was mir unerträglich ist. Dazu kommt noch, daß einige Männer unserer Gemeinde bei der neulichen Gemeindeversammlung mich auf das schmählichste verunglimpft haben, das macht mir unmöglich, meine Stellung als Schullehrer so noch länger zu behalten. Ich bin daher entschlossen, das Schulhaus gleich zu räumen und mein Amt niederzulegen, denn wie kann ein Mann der Gemeinde noch Gottesdienst halten, der seine eigenen Kinder nicht liebt und vertreibt und mit Lug und Trug umgeht und den sein eigener Pastor als seinen Gegner ansieht. Ich bitte also um Eure gefällige Entlassung. Ich will kein Leibgedinge weder von Euch noch vom Herrn Pastor. Ich danke recht herzlich für Euer bisheriges Vertrauen, Liebe und Teilnahme zu mir, was der liebe Gott Euch und Euren Kindern reichlich belohnen wolle. Euer Euch treuer unvergeßlich liebender alter Schullehrer August Kludt. „ Töplitz, den 3. Januar 1879.
So mußte der alte Schulmeister an seinem Lebensabend recht bitter den Undank der Gemeinde fühlen. Kämmler schreibt in seinem Tagebuch: „Unser alter Kludt ist schimpflich Fortkommen aus Töplitz, das bleibt feste Wahrheit
zur S c h a n d e f ü r T ö p l i t z.“
Nach einiger Zeit scheint bei der Töplitzer Gemeinde doch die Stimme des Gewissens aufgewacht zu sein und sie versuchte, das begangene Unrecht gut zu machen. Am 31.März 1879 beschloß sie, dem Lehrer August Kludt, weil er während seiner Dienstzeit in dem ihm zugeteilten Garten viel Obstbäume und Weinstöcke (im Jahre 1881 kaufte die Gemeinde zur Nutznießung für den Küster den Weinberg der verstorbenen Elisabeth Eckstein für 60 Rubel 30 3/7 Kop.) angepflanzt hatte, 190 Rubel zu schenken. Der alte Kludt zog im Jahre 1879 ins Chersonsche Burg (Neudorf?) zu seinem Sohn Benjamin Kludt, woselbst er ein halb Jahr
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blieb und hernach zu seinem Sohn Samuel Kludt nach Friedensfeld übersiedelte. Der alte Schulmeister war reichlich mit Kindern gesegnet. Er hatte 9 Söhne und 4 Töchter: Johannes, geb.1837, Gebietsschreiber in Gnadenfeld, Samuel, geb. 1840, Großbauer in Friedesfeld bei Sarata, Bess., August, geb. 1841, Baptistenprediger in Amerika, Heinrich, geb.1846, Küster und Lehrer, Großliebental, Benjamin, geb. 1850, Küster und Lehrer in Neudorf, Wilhelm, geb. 1852, Gotthilf, geb. 1860, Karl, geb. 1861, Lehrer an der Zentralschule zu Freudental, Woldemar, geb. 1863, Küster, Lehrer und Organist in Grunau, nachher Buchhalter in Berdjansc, Sophie, geb. 1843, Maria, geb. 1853, Johanna, geb. 1855, Karoline, geb. 1858. Er starb am 12. April 1897 im Alter von 85 Jahren, 10 Monaten und 12 Tagen und wurde auf dem Kirchhof zu Friedensfeld begraben. Kludts Nachfolger war David Dieno, der das Küsteramt von 1880-93 versah. 1896 starb er im Hospital zu Gnadenfeld.
Records of the National Socialist German Labor Party (NSDAP): National Archives Microcopy no. T-81 Roll 634 Frame 5434969-5436973 Verfasser: Deutsches Ausland-Institut (Stuttgart) (Main Author) American Historical Association. Committee for the Study of War Documents (Added Author) Veröffentlichung: Washington, D.C.: American Historical Association. American Committee for the Study of War Documents ↩︎
Martin Friedrich Schrenk wurde als Sohn des Schneidermeisters Johannes Schrenk (1797–1848) und dessen Ehefrau Katharina geborene Breimaier (1807–1881) in Höfingen geboren.
Geburtseintrag im Kirchenbuch Höfingen 1833
Schrenk absolvierte die Baseler Missionsschule, ehe er in den Kaukasus entsandt wurde. Hier war er von 1862 bis 1877 in Elisabetthal (Assureti) und 1877–1880 in Katharinenfeld Pastor. Nach seiner Abberufung nahm er die Stelle des Pfarrers von Glückstal (1880–1892) und Großliebental (1904–1908) bei Odessa an.
Über seine Erfahrungen in Russland verfasste er verschiedene Bücher und Aufsätze.2
Verheiratet war er mit Auguste Sophie Denner aus Lauterburg. Sie war die Tochter des Pfarrers Johannes Denner (1806–1859) und dessen Ehefrau Sophie Friederika geborene Vögelin (*1813). Die Eheschließung fand am 4. Juni 1863 statt. Aus dieser Ehe sind Tochter Anna Marie Sophie (1864–1948) und Sohn Ernst (*1868) bekannt.
Geburt von Auguste Sophie Denner im Kirchenbuch Lauterburg 1806
Es sollten noch zwei Ehen folgen, Sophie Hofer aus Württemberg starb bereits am 3. November 1873, so ehelichte er Maria Gruner aus Esslingen am 28. November 1878. Auch diese Ehefrau sollte er überleben (†1892). Ihre gemeinsame Tochter Maria Lidia kam am 29. September 1881 in Glückstal zur Welt.
Seinen Lebensabend beendete Pastor Schrenk in Ditzingen am 22. November 1911 in Folge von Altersschwäche.
Sterbeeintrag im Kirchenbuch Ditzingen 1911
Auch Geschwister waren ausgewandert, so seine Schwester Katharina (1834–1904) verehelichte Seidenspinner, Maria Barbara (1839–1879), verheiratet mit Pastor Johann Jakob Stuber (1839–1906)3 und Carolina (1841–1882), verheiratet mit dem Käsereimeister Alexander Bieri.
Von Anna Marie Sophie, der Tochter aus erster Ehe, ist uns ein bemerkenswertes Dokument erhalten geblieben. Sie war tätig als Pfarrfrau und Lehrerin, starb am 6. April 1948 unverehelicht in der Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall an Altersschwäche.
In einem Rückblick berichtet sie vor allem über Erlebnisse innerhalb des ersten Weltkrieges in Russland.5
Es erlaubt uns auch, Einblick zu nehmen in den Lebensweg des Pfarrers Immanuel Winkler, der nicht nur in Russland tätig war, sondern auf dessen Initiative eine Ansiedlung der Russlanddeutschen in Tirpitz stattfand.
Meine Erlebnisse (im deutsch evangelischen Pfarrhaus) in Russland —–o——
von Anna Schrenk, Korntal, Altersheim
Meine Erlebnisse erstrecken sich auf viele Jahre, denn unser lieber Vater war 45 Jahre als Pastor in Russland tätig, davon 19 Jahre in Transkaukasien, 22 Jahre im Odessaer Popstbezirk ind er Kolonie Glückstal und 4 Jahre noch als Hausgeistlicher in den Barmherzigskeitsanstalten es Herrn Probst Alber, da zur Führung des Amtes in dem grossen Kirchspiel die Kräfte nicht mehr ausgereicht hatten. Von dieser letzten Arbeitsstätte kehrte mein Vater als 75-jähriger müder und kranker Mann in die deutsche Heimat zurück, wo ich ihn noch 3 Jahre pflegen durfte, bis er im November 1911 eingehen durfte zur Ruhe des Volkes Gottes.
Nach seinem Tode ging ich im Frühjahr 1912 wieder nach Russland zurück, einem Ruf des jungen Pastors Winkler in der Kolonie Hoffnungstal im Odessaer Bezirk folgend. Da derselbe noch unverheiratet war und 2 jüngere Schwestern bei sich hatte, sollte ich im Pfarrhause Mutterstelle und in der Gemeinde die Pfarrfrau vertreten. Das hatte ich in meines Vaters Gemeinde schon Jahrelang getan, da unsere liebe Mutter schon im Jahre 1892 verstorben war.
Die ersten Jahre meines Aufenthaltes in Hoffnungstal vergingen in ruhiger, friedlicher Arbeit, wie ich das von früher her gewohnt war. Da kam 1914 der Weltkrieg und schuf eine ganz andere Lage. Mit ihm begann der Leidensweg der deutschen Kolonisten Russlands und somit auch des evang. Pfarrhauses. zunächst waren es hauptsächlich die Gemeinden und Pfarrhäuser im Westen
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und Süd-Westen des Reiches, die gefährdet waren, weil sie sehr bald in die Kriegszone zu liegen kamen. Wohl waren es nicht Bedrängnisse um des Glaubens willen, die man zu erdulden hatte, sondern um des Deutschtumswillen. Man sah plötzlich in den Deutschen, mit denen man vorher in Frieden und Eintracht gelebt hatte Feinde und Landesverräter. Zwar zogen die deutschen Söhne und auch viele Familienväter ihrem Fahneneid getreu ohne Murren in den Krieg, es ist mir auch kein Fall bekannt, dass einer Fahnenflüchtig oder zum Verräter geworden wäre. Aber sie zogen schweren Herzens hinaus, das kann ich bezeugen, ging es doch gegen deutsche Brüder, gegen das deutsche Mutterland, an dem die deutschen Kolonisten doch noch hingen, trotzdem sie es nicht kannten, – oder doch nur Einzelne von ihnen, – und trotzdem das deutsche Mutterland sich auch nie um seine nach Russland versprengten Söhne gekümmert hatte. So oft eine neue Einberufung stattfand, wurde ein Abschiedsgottesdienst mit Abendmahl abgehalten, und diese Gottesdienste waren immer sehr ergreifend. Mit der Zeit wurden sie aber verboten, wie ja später die deutsche Predigt überhaupt verboten wurde und die Pastoren sich damit halfen, dass sie passende Bibeltexte zusammenstellten und die dann verlasen. Dazwischen wurden dann immer wieder passende Verse gesungen. Auch diese Gottesdienste wurden gut besucht und brachten den besonderen Segen, dass man recht in die Bibel eingeführt wurde.
Doch in den beiden ersten Kriegsjahren bestand dieses Predigtverbot noch nicht, dagegen war es bei 3000,- Rubel (damals noch Rm. 6000,-) Strafe oder 3 Monate Gefängnis verboten auf der Strasse deutsch zu sprechen. Da wir geschlossene deutsche Siedlungen hatten, so konnte man durchkommen ohne diese Strafe, aber es kam öfter vor, dass der herumstreifende
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jemand ertappte beim Deutschsprechen, dann wurde ein Protokoll aufgenommen, von dem sich die Leute aber meist wieder loskaufen konnten durch Geld oder Lebensmittel. Ein Fall ist mir aber doch bekannt, wo einer der führenden Männer im Dorf, es unter seiner Würde hielt, sich loszukaufen und lieber ins Gefängnis ging.
Der junge Pastor W., bei dem ich war, wurde im Jahre 14/1915 als Feldgeistlicher einberufen, kam aber nach einem halben Jahr wieder zurück, weil er den Herren bei der Militärverwaltung seine deutsche Gesinnung nicht ganz verbergen konnte. Aber nicht ganz ein Jahr danach bekam er eines Nachts (das pflegte man immer nachts zu machen) den Ausweisungsbefehl wegen seiner „germanophilen Gesinnung“. Und nicht nur er, sondern auch alle unsere Hausgenossen: eine baltische Lehrerin, die bei uns in Pension gewesen, desgleichen die Gemeindeschwester und er Probejahrskandidat Merz, der im Hause gewesen war, sollten binnen 2 x 24 Stunden das Dorf verlassen und 100 Kilometer ostwärts ziehen, da ich in Deutschland erzogen und geschult worden war, blieb von dem Befehl ausgeschlossen. Es ist mir noch heute ein Wunder, wie Gott mich in der ganzen Kriegszeit beschützt hat in allen Gefahren, denen ich ausgesetzt war. „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über mir Flügel gebreitet!“
Durch die Fürsprache eines hohen Beamten in Odessa, wurde aber für diesmal der Ausweisungsbefehl wieder zurückgenommen, jedoch einige Monate später nachdem Pastor W. kurz vorher geheiratet hatte, bekam er wieder den Ausweisungsbefehl und diesmal musste er fort und bald danach seine junge Frau auch. Sie hielten sich mit noch vielen andern, meist baltischen Pastoren
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im Osten der Stadt Saratow auf; Pastor W. durfte aber später nach Charkow übersiedeln.
Ich löste nun den Haushalt in Hoffnungstal auf und begab mich wieder nach Grossliebental, wo ich schon früher in den Anstalten gearbeitet hatte und wo Propst Alber mich erwartete.
Da fing nun die schwierigste Zeit für mich an. Es war im Sommer 1916 als ich dahin übersiedelte und Odessa mit Umgebung schon Grenzgebiet geworden. Immer lag Militär da, immer wurde man bewacht und beobachtet, auch das Predigtverbot kam in dieser Zeit. Propst Alber6, der selbst schon pensioniert war, aber immer noch amtierte, hatte ind er Zeit den jungen Pastor Koch als Amtsgehilfen bei sich, der dann auch sein Nachfolger wurde.
Am Weihnachtsabend 1916 kam ein ganzes Regiment Reservisten an die rumänische Front, durch Grossliebental. Die armen Menschen waren totmüde, viele liessen sich auf der aufgeweichten Strasse fallen, weil sie nicht mehr weiter konnten. In dieser Nacht war in allen Häusern Einquartierung, in manchen 50 bis 60 Mantt. Auch wie im Pfarrhaus hatten etliche Mann, Sibirier waren es. Oh wie leid taten mir diese Männer, die doch nur als Schlachtschafe dahingetrieben wurden.
Das war unser Weihnachten 1916. Im Februar darauf kam dann der Umsturz. Erst war man wie gelähmt als es hiess: „der Zar ist enttront, “ – der Mann der bisdahin beinahe göttlich verehrt wurde in Russland! Einige Monate, solange die Kerensky-Regierung am Ruder war, lebte man noch einigermassen ruhig, aber die Hoffnung, das der schreckliche Krieg ein Ende nehmen werde, erfüllte sich auch da nicht. Den äusseren Krieg zu Ende zu bringen und dafür den inneren anzufangen, das war erst der bolsche-
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wistischen Regierung beschieden. Bald wogten Strassenkämpfe in und um Odessa zwischen Ukrainern und Bolschewiken, bis schiesslich die Bolschewiken den Sieg davon trugen. Es begann die Zeit der bolschewistischen Agitation.
Doch vorher, noch zur Zeit der zaristischen Regierung und der Kerensky-Regierung hatten wir 2 tiefeinschneidende Erlebnisse. Das erste war der Kongress der Schwarzmeerdeutschen in Odessa, wo Vertreter von allen Kolonistenbezirken des Südens zusammen waren und ihnen das sogenannte „Liquidationsgesetz“ vorgelegt wurde, das der Zar selbst unterschrieben hatte. Da wurden die deutschen Kolonisten vor die Wahl gestellt, ob sie ihr Deutschtum ablegen und damit auch zur russischen Kirche übertreten wollen, oder aber müssten sie Russland verlassen, „arm“ wie sie gekommen seine, also ohne jede Entschädigung. Fast einstimmig erklärten sie „wir gehen lieber arm zum Land hinaus, als dass wie unser Deutschtum und unsern Glauben verleugnen.“
Das zweite Erlebnis fällt in die Zeit der Kerensky-Regierung, soviel ich mich erinnere. Da waren in Grossliebental serbische Offiziere stationier, die aus österreichischen Kriegsgefangenen meist Tschechen, ein neues Regiment für die russisch-rumänische Front formieren sollten. Was an diesen armen Kriegsgefangenen, die nun auch den russischen Fahneneid schwören sollten, für Grausamkeiten begangen wurden, darüber liesse sich viel sagen. Ich will mich aber damit nicht aufhalten, sondern nur eins erzählen, wovon auch das Pfarrahsu betroffen wurde. Eines abends wurde ein serbischer Offizier meichtlings ermordet. Das wurde nun den Deutschen zur Last gelegt und es kam tags darauf vom Generalgouverneur der Befehl, ganz Grossliebental müsse binnen 2 x 24 Stunden geräumt und alle Bewohner in die östlichen
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Provinzen, ich glaube an den Ural, verschickt werden. Da war nun die Not aufs höchste gestiegen. Die Gemeindevorsteher baten nun die beiden Pastoren inständig, sie möchten selbst beim Generalgouverneur Fürbitte tun, dass dieser Befehl rückgängig gemacht werde. Nachdem die Herren sich im Gebet gestärkt hatten, begaben sie sich auf die Reise nach Odessa. In voller Amtstracht, – de galt damals noch viel in Russland, – traten sie vor den hohen Herren und legten Fürbitte ein für die Gemeinde. Erst war er ziemlich ungnädig, wurde aber dann auf die Vorstellung des alten Propstes hin etwas freundlicher und versprach schliesslich den Befehl zurückzunehmen, dalls die Gemeinde binnen einer Woche den Täter ausfindig mache. Das gelang dann mit Gottes Hilfe, es war einer der tschechischen Soldaten, und so wurde das Unheil abgewandt. Aber solcher Vorkommnisse gab es mancherlei und immer hing das Schwert über der Gemeinde und auch über dem Pfarrhaus.
Das wurde auch nicht anders, als im Herbst 1917 das bolschewistische Regiment anfing sich auszubreiten. Erst wurden nur einzelne Ueberfälle unternommen, die andauernd die Kolonie in Angst versetzten, sodass jede Nacht 60 Mann Wache stehen mussten an den Dorfeingängen. Von diesen Ueberfällen war besonders auch das Pfarrhaus bedroht, sodass man keinen Abend wusste, ob man den Morgen noch erleben werde. Doch Gott wachte übe runs und liess uns nichts geschehen. Mit der Zeit setzten sich aber die Bolschewiken im Dorfe fest. Sie pflanzten an der Gemeindeverwaltung und am Krankenhaus die rote Fahne auf und wir waren somit in ihren Händen.
Eine ihrer ersten Taten sollte die Ermordung der Bourgoisie sein in Odessa und Umgebung, nachdem sie die zaristischen Offiziere schon alle umgebracht hatten, soweit dieselben ihnen
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nicht entkamen. Da gelang es der geängstigten Einwohnerschaft von Odessa an das deutsche Militär die Bitte um Hilfe durch ein Funktelegramm gelangen zu lassen und am Tag, vor der geplanten Bartholomäusnacht, erreichte eine Abteilung deutscher und österreichischer Soldaten die Stadt und auch unser Dorf. Das war ein Jubel und heisse Dankgebete stiegen zu Gott empor! Sofort verschwanden alle Roten und wir durften frei aufatmen, da Odessa vom deutschen Militär besetzt wurde. Das war im März 1918.
Nun kamen für uns noch einige schone, ruhige Monate, in denen wir im Pfarrhaus ab und zu Besuch von hohen deutschen Militärpersonen bekamen, was immer grosse Freude auslöste. So kam eines Tages, es war August, auch der Oberkommandierende der Besatzungsarmee, Graf Waldersee. Er speiste mit seinen beiden Adjutanten bei uns im Pfarrhaus zu Mittag. Ihm trug nun Propst Alber, die Bitte vor, ob er uns nicht die Einreisebewilligung nach Deutschland verschaffen könnte. Sehr freundlich ging der hohe Herr auf diese Bitte ein und versprach uns: Herrn Propst, seiner Frau und mir, innerhalb 2 Wochen die Erlaubnis zu verschaffen, von seinem Freund, dem König von Württemberg. Schon nach zwölf Tagen war die Erlaubnis in Odessa, wo uns von der Militärbehörde zugleich die Weisung gegeben wurde, innerhalb drei Tagen uns reisefertig zu machen, da wir mit einem deutschen Militärzug bis über die deutsche Grenze mitgenommen würden. So reisten wie dann in den letzten Septembertagen 1918 frohen und dankbaren Herzens aus Odessa ab, zusammen mit etwa 60 jungen Kolonistensöhnen, sie sich als Freiwillige für die Westfront gemeldet hatten.
Ich reiste allerdings damals in der Hoffnung ab, wenn die Kriegswirren vorüber sein würden, wieder an meine Ar-
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beitsstätte in Grossliebental zurückkehren zu können. Doch, es kam anders. Und heute danke ich Gott, dass er mich zur rechten Zeit aus diesem Lande herausgeführt hat, das für viele meiner Landsleute zu einer Hölle geworden ist. Mit wehem Herzen gedenke ich ihrer und bitte Gott, dass Er sie im Glauben stärken und erhalten möge!
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Anna Schrenk: Mein Erlebnis im deutsch evangelischen Pfarrhaus in Russland, Manuskript 8 S.
BMA QS-30.001.0374.01Title: Schrenk, Martin Friedrich. Creator: unknown studio Date: 1861 ↩︎
Schrenk, Martin Friedrich: Jubiläums-Gedichte von Friedr. Schrenk, Pastor zu Glücksthal. – Als Manuskript für Freunde gedruckt – Odessa: L. Nitzsche, 1886, 17. S. Aus der Geschichte der Entstehung der evangelisch-lutherischen Kolonien in den Gouvernements Bessarabien und Cherson, speziell in kirchlicher Beziehung. Stuttgart, J.F. Steinkopf. III, 167 S. Geschichte der deutschen Kolonien. Zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Bestehens desselben. Tiflis 1869, 197 S. ↩︎
Anna Schrenk: Mein Erlebnis im deutsch evangelischen Pfarrhaus in Russland, Records of the National Socialist German Labor Party (NSDAP): National Archives Microcopy no. T-81 Roll 634 Frame 5435004-5435011 Verfasser: Deutsches Ausland-Institut (Stuttgart) (Main Author) American Historical Association. Committee for the Study of War Documents (Added Author) Veröffentlichung: Washington, D.C.: American Historical Association. American Committee for the Study of War Documents ↩︎
Propst Johannes Alber, (20.10.1845 Nikolajew – 30.9.1932 Pfullingen) ↩︎
Verfallener Friedhof, am einsamen Ort, Nun geht der Pflug bald über dich fort. Noch hüllen mit traulichem Dämmerschein Die alten Linden dich friedlich ein. Verwitterte Steine nur ragen auf, Wo die Hügel versanken im Zeitenlauf. Und alles umwuchert Gras und Strauch, Und drüber weht des Vergessens Hauch. Ein einziges Grab ist an diesem Ort, Drauf blühen die Veilchen und Rosen noch fort. Wenn Lenzluft weht um dieses Grab, Wankt her ein Mütterlein am Stab. Sie trauert noch dem Einen nach, Der einst das junge Herz ihr brach.
Paul Barsch (1860 – 1931), schlesischer Mundartdichter
Kostiantyn Antonets beschäftigt sich schon länger mit der Entdeckung der Geschichte der ehemaligen deutschen Dörfer und stellte mir daher freundlicherweise seine Fotos zur Verfügung. Der Fund dieser alten Grabsteine erzählt uns die Geschichte des Missionars Wilhelm Heine (1833–1897), seines Sohnes Pastor Wilhelm Heine (1866–1938) und aller mit ihnen verbundenen Familien. Der Friedhof befindet sich auf dem ehemaligen Familienbesitz Federowka (Wesselyj Haj, Novomykolayivka, Zaporiz’ka, UKR).
Kostiantyn Antonets mit BegleiterinAndreas Müller 1858-1911Andreas Müller 1858-1911Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Peterseen 1867-1905Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Peterseen 1867-1905Elisabeth Müller geb. Blank 1845-1907Michael Müller 1877-1899Olga Müller 1904-1911Fritz Müller 1907-1911
Missionar Wilhelm Heine
Foto aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Mitunter sind die Lebenswege eines Menschen ungewöhnlich, so auch im Falle des Carl Wilhelm Heine. Geboren am 12. Februar 1833 als Sohn des Schuhmachers Wilhelm Hein(e) (†1849) und seiner Frau Maria Schmidt (um 1805–1865) stammte er aus recht einfachen Verhältnissen. Seine väterlichen Vorfahren sollen aus Sachsen ausgewandert sein, vermutlich aus der Meißen, wie uns die Angabe im Sterbeeintrag des Schneiders Ludwig Hein(e) verrät, der als Pate wohl Bruder des Vaters war. Der Sterbeeintrag der Mutter Maria vermutete Bayern als ihre Herkunftsregion.
Geburt und Taufe im Kirchenbuch Molotschna 1833
Unter dem Einfluss des Pfarrers Eduard Wüst (1818–1859), der als Prediger der pietistischen Brüdergemeinde in Berdjansk wirkte, fühlte auch Wilhelm Heine eine religiöse Erweckung.
Pfarrer Eduard Wüst10
Wüst und seine Anhänger, darunter auch viele Mennoniten, verfolgten das Ziel, die Disziplin in den Kirchengemeinden und ihre eigene Frömmigkeit zu stärken, Wüst bekämpfte zudem sehr aktiv den weit verbreiteten Alkoholismus und Hexenglauben unter seinen Gemeindemitgliedern. Als Prediger der Ideen der pietistischen Erweckungsbewegung nahm er Kontakt zum Begründer der Bewegung der Jerusalemsfreunde, Christoph Hoffmann, auf.
Die strenge Bibelauslegung der Pietisten hatte allerdings zur Folge, dass aus der pietistischen Brüdergemeinde heraus durch unterschiedliche Auffassungen nicht nur die neue Separatistengemeinde, sondern auch die Hüpfer- und Springersekte („die Munteren“) entstand. 1857 musste Wüst sich auf Betreiben des Evangelisch‑Lutherischen Generalkonsistoriums verpflichten, nicht mehr außerhalb seiner Gemeinde zu predigen und keine geistlichen Handlungen an Lutheranern zu vollziehen.
Zu den Gleichgesinnten, bei denen die Gemeindeversammlungen unter Wüst stattfanden, gehörten die Familien Schaad, Heinrich, Blank, Brühler, Dillmann, Schwarz und viele andere, mit denen sich Heine auch in späteren Jahren noch stark verbunden fühlte.
Der Missionsgedanke war ein fester Bestandteil der pietistischen Gesellschaft, Pfarrer Wüst bemerkte die Gelehrsamkeit und tiefe Religiosität Heines alsbald und überzeugte ihn, in die Ausbildung der Inneren Mission zu gehen. Von dieser Idee erfüllt, führte ihn sein Weg zunächst, gemeinsam mit Jakob Knauer (Neuhoffnungstal), Hermann Sudermann (Berdjansk), Heinrich Bartel (Gnadenfeld) und Johann Klassen (Liebenau) nach Reval zur Bauer’schen Rettungsanstalt. In diese wurden arme Kinder und Jugendliche aufgenommen, um sie vor der Verwahrlosung zu bewahren.
Die Reise erfolgte mit einem Dreispänner 1854 über Liebenau (20. September), Orechow, Charkow (28. September), Kursk, Fatesch (4. Oktober), Moskau (12. Oktober). Von dort nach einwöchigem Aufenthalt mit dem Zug am 19. Oktober nach Sankt Petersburg, diese Fahrt dauerte 48 Stunden. Am 6. November, sieben Wochen nach ihrer Abreise, trafen sie in Reval ein, um ein Jahr zu bleiben.
Unter dem Eindruck der Predigten und Berichte des Missionars Carl Hugo Hahn (1818–1895), welcher über viele Jahre in Afrika tätig war, entwickelte sich bei Heine und Knauer das Bedürfnis, ebenfalls in die Äußere Mission der Rheinische Missionsgesellschaft (RMG) zu wechseln. Dazu war eine drei- bis vierjährige Ausbildung in Barmen notwendig.
Am 2. Januar 1856 war es so weit, mit neuen Pässen und einem Pferdeschlitten sollte die Reise von Reval über Pernau, Riga, Königsberg, durch die Niederung bei Marienburg, Berlin und Hamburg nach Barmen gehen. Mit einem Zwischenaufenthalt von 3 Tagen in Berlin, trafen sie am 15. Februar ein. Jakob Knauer wurde für seine Missionarstätigkeit in Afrika ausgebildet, Wilhelm Heine für Sumatra.
Während Heine an Pocken erkrankte Anfang 1858, war es für Jakob Knauer so weit, er reiste nach Afrika ab. Heines Abschied kam am 29. Oktober 1860. Seine Ordination galt nur für das Missionieren, er unterlag der absoluten Gehorsamsverpflichtung gegenüber der Rheinischen Missionsgesellschaft, musste in allen wichtigen Missionsfragen eine Erlaubnis einholen und durfte fünf Jahre nicht heiraten.
Am 12. November 1860 machte er sich auf den Weg zur Einschiffung in Holland. Die Seereise sollte 3 Monate dauern und um das Kap der Guten Hoffnung nach Sumatra führen. Nach schlimmen Stürmen, die das Schiff fast sinken ließen, erreichten sie Batavia auf der Insel Java, reisten weiter nach Padang/Sumatra. Nach neun Wochen Aufenthalt ging es am 7. August 1861 nach Siboga, wo er am 17. August ankam. Am 20. August reiste er weiter, Djagodjago, Batangtoru (23. August), Paggerutan, dann Sipirok. Es ging zu Fuß und auf dem Pferderücken durch Kampferbaumwälder, Flüsse ohne Brücken, über Berghänge, durch Kaffeeplantagen. Am 20. Oktober erreichte Heine den Ort seiner Mission, Sigompulan. Hier musste alles erst geschaffen werden, am 1. Januar 1862 war Einzug und Einweihung der neuen Missionsstation.
Bild aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Die Missionarstätigkeit, die nun vor Wilhelm Heine lag, ist heute unter dem Begriff Batak-Mission bekannt und war im christlichen Sinne sehr erfolgreich.
Grund für diese Mission war der antikolonialen Aufstand in Borneo 1859, bei dem neun Missionsangehörige ums Leben kamen, die niederländischen Kolonialregierung daher die Missionsarbeit in dem Gebiet untersagte. So wandte man sich dem Inneren von Sumatra zu, hier lebte das indigene Volk der Batak, welches aus mehreren Volksgruppen bestand, welche auch eigene Stammessprachen besaßen. Die Batak waren keineswegs unzivilisiert im heutigen Sinne, sondern besaßen eine hochkomplexe Zivilgesellschaft, die sich von den Küstenbewohnern abschottete.
Karte aus „Mission, Kolonialismus und Missionierte; Über die deutsche Batakmission in Sumatra“ 2
Schon Marco Polo brachte 1292 Gerüchten über menschenfressende Bergvölker, die er „Batta“ nannte, mit nach Europa, weshalb bis etwa 1824 kaum Kontakt mit Europäern bestand, da diese die Bergvölker mieden. Heine befragte dazu einen Radja, der ihm erklärte, Verbrechen wie Ehebruch, Landesverrat usw., wurden mit Gefressenwerden bestraft. Auch Kriegsgefangene und Spione wurden verzehrt, an diesen Bestrafungsmahlzeiten nahmen nur Männer teil.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die islamischen padri-Krieger aus Westsumatra Silindung mit Krieg überzogen und waren sogar bis an den Tobasee vorgedrungen, wo sie den Priesterkönig Singamangaraja X. töteten. Seit den 1840ern war die niederländische Regierung in kriegerischen Auseinandersetzungen mit den padri verwickelt, einer militanten, über Mekkapilger wahhabitisch beeinflussten islamischen Bewegung aus Westsumatra. So sollte das Gebiet der Batak zur Befriedung und Stabilität in der Region beitragen, die Christianisierung Verbündete schaffen.
Die Missionare brachten nicht nur die Bibel und öffentliches Bildungswesen mit, sie hatten die Sprache der Einheimischen erlernt und beachteten ihre Traditionen, sodass die Batak ihre kulturellen Eigenheiten bewahren und mit christlicher Tradition verbinden konnten. Die so entstandene Huria Kristen Batak Protestan ist heute die größte evangelische Kirche Indonesiens.
Zunächst galt es, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was nicht so einfach war, da man Heine unterstellte, ein Spion der holländischen Regierung zu sein, der die Battas dazu bringen solle, für das Gouvernement Kaffee anzubauen und Wege anzulegen. Dann hieß es, er würde die Kinder behexen, mit seinem Fernrohr die edlen Metalle im Innern der Erde erspähen, in seiner Uhr einen Geist bei sich führen u.a.m.
Weil die RMG die Idee hatte, auch Fotografien anzufertigen zu lassen, waren die Missionare mit Apparaten und Fotochemikalien ausgestattet. Nachdem Heine ein Landschaftsfoto entwickelte, hieß es: „Seht, der fremde Mann bringt mit Hilfe der Geister, die in dem Kasten stecken, unser Land aufs Papier und trägt’s davon.“ Kein Einheimischer war daher bereit, sich fotografieren zu lassen. Als kurz darauf das tropischen Klima die mitgebrachten Chemikalien zersetze und für eine gewaltige Explosion derselbigen sorgte, riefen die Battas: „Haben wir’s nicht gesagt, dass der Mann ein großer Zauberer ist und viele Geister ihm zu Diensten stehen? Seht ihr, jetzt sind alle Teufel los.“8
Nachdem die 1864 für eine Reise nach Indien vorgesehene Lehrerin Therese Wilhelmine Barner (1842–1909)6, jüngsten Tochter des Hausvaters und Schulmeisters der Rettungsanstalt in Korntal/Württemberg, Andreas Barner (1773–1859) und seiner Ehefrau Maria Regina geborene Metzger (1806–1848), nach Sigompulan entsendet wurde11, fand sich auch für Wilhelm Heine eine Gefährtin.
Eintrag der Therese Wilhelmine Barner im Familienregister Blatt 7 Korntal17
Im Dezember 1865 reiste Heine der ihm aus Europa gesandten Braut nach Padang entgegen. Die Ehe wurde im Februar 1866 geschlossen unter den Gewehrschüssen der Volksmenge , er mußte dann einen Stier schlachten und mit den Vornehmen verzehren. Hatten bisher nur Männer die Station besucht, so bestürmten nun die Frauen und Mädchen das Haus um die njonnja (europäischen Frau) zu sehen und ein kleines Geschenk zu erhalten.
Die eigentliche Aufgabe der Missionarsfrauen bestand vorrangig darin, den einheimischen Frauen und Mädchen das Nähen und Singen christlicher Lieder beizubringen. Sie kümmerten sich um die Haushaltsführung und ihre Kinder. Sobald diese schulpflichtig wurden, mussten sie nach Deutschland in die Obhut der Rheinischen Missionsgesellschaft zur Ausbildung gegeben werden.
Heines Ehefrau fand sich ziemlich schnell zurecht. Sie wurde eine wichtige Person in Sigompulan. Befreundete Battas brachten Hühner und Reis zum Gruß, und aus verschiedenen Dörfern kamen Einladungen zu einer Mahlzeit, denen Heine sich nicht entziehen konnte und wollte, weil er darin eine Gelegenheit sah, den Leuten näher zu kommen. Besonders feierlich wurden die Neuvermählten im Dorfe Lumbandolok empfangen. Selbst der datu (Gelehrte des Dorfes) ehrte das Paar mit Reis, Siri, inländischem Brot und Segensgebeten.14
Es gab zwar zahllose Rückschläge, da den ersten getauften Einheimischen der traditionelle Familienrückhalt entzogen wurde und diesen eigene Dörfer und Felder für die Lebensgrundlage geschaffen werden mussten, damit sie von der Familie unabhängig leben konnten, aber die Schar der christlichen Gemeinde wuchs beständig.
Als es 1866 über mehrere Monate eine Pockenepidemie in Silindung gab, sich einer der Einheimischen infizierte und die Erkrankung nach Sigompulan brachte, zeigte sich der Vorteil, entweder gegen diese geimpft oder die Pockenerkrankung überstanden zu haben, um den isolierten Erkrankten betreuen zu können. Leider wurde Heine zu seinem Totengräber, als dieser letztlich starb.
Am 25. November 1866 kam Sohn Wilhelm Heine, zur Welt, er sollte später ebenfalls Pastor werden. Insgesamt kamen 4 Kinder in der Missionsstation zur Welt, Therese (*1868), die später den Gutsbesitzer Andreas Müller (1858-1911) ehelichte, Hugo (1870–1899), Chemieingenieur, nach kurzer Ehe heiratete sein Witwe Pauline Müller (*1873) im Jahre 1913 seinen Bruder Wilhelm und Friedrich (*1872), ebenfalls jung, ledig, in Russland verstorben.
Geburt und Taufe von Wilhelm und Therese Heine 1877 im KB NeustuttgartGeburt und Taufe von Hugo und FriedrichHeine 1877 im KB Neustuttgart
Im März 1868 erlaubte der Radja Wilhelm Heine und einigen Begleitern, den bis dahin mit einem Tabu für Nichteinheimische belegten Tobasee zu besuchen. Dieser Besuch war hochgefährlich, weil die hier lebenden Bergstämme vermuteten, es handle sich um padri und wollten sich an den Eindringlingen rächen für die 1831–1832 ermordeten Bewohner ihrer Dörfer. Als sich herausstellte, dass es sich um Missionare handelte, welche große Unterstützung unter den Einheimischen fanden, wendete sich das Blatt nach Verhandlungen zum Guten.
Tobasee, größter Kratersee der Erde, 87 km lang und 27 km breit3
Im Jahre 1868 ging über Pfarrer Jakob Heinrich Staudt (1808–1884) aus Korntal das Gesuch des Missionars Heine und seiner Ehefrau im O.A. Kirchheim ein, Therese Wilhelmine aus dem Württembergischen Untertanenverhältnis zu entlassen unter Verzicht des Bürgerrechtes, da er von dem Angebot, das dortige Bürgerrecht zu erhalten, keinen Gebrauch machen wolle. Er war bereits russischer Untertan und wollte das auch bleiben. Das Amt bestätigte daher ihren Bürgerrechtsverzicht am 9. Juni 1868 und entließ Therese Wilhelmine als ausgewandert nach Russland.
1873 nahm die Familie Heine ihren Abschied und schiffte sich ein, die Reise ging durch den am 17. November 1869 eröffneten Suezkanal, über den Indischen Ozean, das Rote Meer und durch den Kanal ins Mittelmeer nach Jaffa. Von dort aus landeinwärts nach Jerusalem. Es folgten Besuche von Bethanien, Bethlehem, dem Jordan und des Toten Meeres, alles Orte, die in der christlichen Welt von hoher Bedeutung sind. Nach einem Monat Aufenthalt bestieg die Familie erneut ein Schiff und reiste über Konstantinopel nach Südrußland.
In Folge des für die Kinder ungewohnten Klimas und des extrem strengen Winters 1873/1874 in Russland bekamen sie alle eine Lungenkrankheit, welche Tochter Therese nur mithilfe eines Luftkurortes in Deutschland überwand, ihre beiden Brüder starben daran jung.
Im Mai 1874 trafen alle in Korntal/Württemberg ein, hier war Heine für die Mission unterwegs, ehe er im Herbst 1874 gänzlich nach Russland zurück kehrte und im Chutor Andrejewsk überwinterte, weil seine Frau hochschwanger war, Tochter Maria kam am 3. Dezember zur Welt.
Marias Geburt und Taufe im KB Neustuttgart 1877
Im Frühjahr 1875 nahm er seine Tätigkeit als Pastor des Kirchspiels Neustuttgart-Berdjansk7 auf und bezog das Pfarrhaus in Neustuttgart.
Bild aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Hier traf er auf eine recht zersplitterte Gemeinschaft, die sich unter Pastor Wüst trennte und über die Jahre getrennt blieb. Die Bewohner des Kirchspiels lebten in Neustuttgart, Neuhoffnungstal und Rosenfeld und gehörten entweder der lutherischen Kirche oder der schwäbischen Brüdergemeinde (Separatisten) an. Die Neustuttgarter waren im Verhältnis 1:1 geteilt, in Neuhoffnungstal und Rosenfeld waren es überwiegend Mitglieder der Brüdergemeinde, Berdjansk dagegen hatte keine Anhänger der Brüdergemeinde.
In Neustuttgart entstanden aus dieser Glaubensverschiedenheit zwei Bethäuser, Pastor Zeller, der 1867 das Kirchspiel übernahm, gelang es nicht, eine Einigung der zwerstittenen Parteien zu erzielen, weshalb er sich letztlich von seinem Amt entbinden ließ. In Neuhoffnungstal und Rosenfeld besuchten man zu diesem Zeitpunkt abwechselnd den Gottesdienst der Glaubensgemeinschaften im selben Bethaus gegenseitig.
Diese Kluft zu überbrücken, gelang Heine auf Grund seiner großen Erfahrungen aus Sumatra, er entschärfte die Glaubenszwistigkeiten, näherte die verstrittenen Kirchengemeinden einander an, um im Januar 1876 eine öffentliche Einigung der Separierten und Lutheraner zu erzielen.
Die Bedingungen sind folgende: „Vereinigungspackt der freien evangelischen Gemeinde und der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Neustuttgart. Die freie evangelische Gemeinde in Neustuttgart hat nach eingehender Beratung in ihrer Mitte den Beschluß gefaßt, mit Beginn des Jahres 1876 sich mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Neustuttgart auf die unten genannten Bedingungen hin zu vereinigen. Es kann dies Ereignis nur mit Freuden begrüßt werden – denn so nur kann für Zucht und Ordnung in der Gemeinde, für die Erziehung der Jugend, für Kirche und Schule zum Segen des Ganzen gewirkt werden. Welches von den beiden am Ort befindlichen Bethäusern zur Kirche erweitert und welches zur Schule eingerichtet werden wird, das bleibt einer späteren Beratung Vorbehalten.
Die kirchliche Gemeinde kommt den Gliedern der freien Gemeinde entgegen, ihnen die Mitbenutzung ihres Bethauses bereitwillig zu gestatten.
Das heilige Abendmahl soll gemeinschaftlich gefeiert werden.
Bei Taufen und Trauungen bedient der Pastor die Glieder der freien Gemeinde nach der alten württembergischen Agende.
Die Konfirmation soll bei den Kindern der freien Gemeinde im 14. Jahr stattfinden dürfen.
Der Pastor übernimmt die Führung der Kirchenbücher der freien Gemeinde.
Im Fall eines Sterbefalles bei Abwesenheit des Pastors soll dem Kirchenvorsteher der freien Gemeinde gestattet sein dem Sterbenskranken das heilige Abendmahl reichen zu dürfen – freilich nur im dringendsten Fall.
Die Vereinigung soll für die ganze Zeit, die Pastor Heine in Neustuttgart im Amte steht, als bleibend und unlöslich betrachtet werden: im Fall eines Pfarrwechsels soll jedoch unter Umstanden der freien Gemeinde die Freiheit gewahrt bleiben, sich wieder loszulösen – was Gott verhüten wird.
Die freie Gemeinde tritt beim Zahlen des Pfarrgehalts und bei der Übernahme anderer Verpflichtungen mit der kirchlichen Gemeinde von: 1. Januar 1876 ab in gleiche Reihe.
Die Kirchenvorsteher der freien Gemeinde und die Kirchenvormünder der kirchlichen Gemeinde treten unter Vorsitz des Pastors und unter Hinzuziehung des Schulzenamts zusammen, um die Ordnung in der Gemeinde, der Kirche und Schule aufrecht zu halten.
Der dreieinige Gott gebe seinen Segen zu dieser Vereinigung, ihm zur Ehre, zum Wohl der Gemeinde!
Zur Bekräftigung und zu gegenseitiger Beobachtung dieses Bereiniguugsvertrages unterzeichnen heute: Neustuttgart, den 12. Januar 1876. seitens der freien Gemeinde: seitens der Kirchengemeinde: Andreas Bihlmeier Adam Erlenbusch Jakob Klotz Immanuel Bauer.“
Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909, p. 157f
Wie wohlwollend die Kirche das Wirken von Pastor Heine aufnahm, zeigte sich im folgenden Schreiben:
Schreiben des St. Petersburger Konsistoriums an Propst Behning vom 27. Februar 1876, wo diese Behörde sich folgendermaßen über die Bereinigung der Separierten und Kirchlichen äußert. „…….. Ein anderes aber ist es, wenn man den in Rede stehenden Antrag aus Neustuttgart in dem Sinne auffaßt, daß die freie evangelische Gemeinde daselbst gar nicht gesonnen ist zu der evang.-lutherischen Kirche in Rußland über- und in unsern Konsistorialbezirk einzutreten, sondern daß sie nur das Zugeständnis begehre, sich unter Beibehaltung ihrer bisherigen bürgerlichen wie kirchlichen Stellung und ihres bisherigen inneren Glaubensstandes der Person und des Amtes des Herrn Pastor Heine bedienen zu dürfen, so daß also die ganze Vereinigung mit der evang.-luth. Gemeinde in Neustuttgart nichts als ein Akt persönlichen Vertrauens zu Herrn Pastor Heine wäre. Ja dies scheint auch in der Tat die Meinung und der Wille der Petenten zu sein, die ja die „Bedingungen der Vereinigung“ klar und deutlich in Punkt 7 aussprechen, daß die Bereinigung „nur für die Zeit, da Pastor Heine in Neustuttgart im Amte steht, als bleibend und unumstößlich betrachtet wird, im Fall eines Pfarrwechsels jedoch – der freien Gemeinde die Freiheit gewahrt werden soll, sich wieder loszulösen.“ In diesen! Sinn den Antrag verstanden trägt das Konsistorium kein Bedenken, die vorgestellten Bedingungen zur Vereinigung der Gemeinde in Neustuttgart zu genehmigen und dem Herrn Pastor Heine die Autorisation zu erteilen, auch an den Gliedern der freien Gemeinde seines Amtes, aber in soweit, zu warten, als er bei aller Treue in Ausübung seines geistlichenHirtenamts mit seinem Gewissen wird verantworten können. Das Konsistorium erteilt diese Genehmigung um so lieber, als es sich aufrichtig der Annäherung zwischen beiden Gemeindeteilen in Neustuttgart freut, welche durch den Beschluß ihrer Vereinigung bezeugt ist, und in derselben eine starke Bürgschaft künftigen dauernden Friedens und gottgefälliger Einigkeit sieht. Von den Gliedern der sogenannten freien Gemeinde aber erwartet das Konsistorium, daß sie ihrem nunmehr selbsterbetenen Seelsorger fortwährend alle Liebe und Ehrfurcht beweisen, und allem, was er in geistlichen Dingen zu ihrem eigenen Heil vorschreiben oder anordnen wird, pünktlich Gehorsam leisten werden. Nur so wird sich die Gemeinde des göttlichen Segens trösten dürfen, den wir von dieser Vereinigung hoffen.
Präsident: Frommann. Sekretär: Fabricius.“
Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909, p. 158f
Diese Einigung wurde bei einigen Mitgliedern der Brüdergemeinde jedoch alles andere als positiv aufgenommen. So unterstellte man ihm nur auf Betreiben Zellers die Stelle bekommen und die Separatisten in eine Falle gelockt zu haben mit seinem Einigungsvertrag, aus der sie nun nicht mehr entkommen könnten, zumal es einigen egal wäre, ob im Gottesdienst ein Bruder oder Pastor auf der Kanzel steht.4
So schreibt Kröker:
Als Jüngling kam er von seinem Heimatdorfe Prischib an der Molotschna oft nach Neuhoffnung, wurde hier bekehrt, und weil er Lust und Begabung zur Missionsarbeit zeigte, schickte Wüst ihn nach Barmen ins Missionshaus, wo er auf Kosten der Separatisten ausgebildet wurde. Nach seiner Rückkehr wurde er als Bruder und Gesinnungsgenosse mit offenen Armen aufgenommen. Gleichzeitig wurde ihm die vakante Predigerstelle der Separatisten, wie auch vom Konsistorium das Pastorat in Neustuttgart angetragen. Er entschied sich für letzteres. Das Vertrauen der Separatisten hat er schnöde mißbraucht, und für die genossene Liebe und Wohltaten hat er sich sehr undankbar erwiesen. Durch Anwendung von Mitteln, die eines gläubigen Christen unwürdig sind, ist es ihm gelungen, den größten Teil der vier Dörfer, halb gegen ihren Willen, zur lutherischen Kirche und unter das Konsistoriums zu bringen
Kröker, Abraham: Pfarrer Eduard Wüst, der grosse Erweckungsprediger in den deutschen Kolonien Südrusslands, Spat bei Simferopol, Selbstverlag, H.G. Wallmann Leipzig, Central Publ. C,. Hillsboro Kansas, 1903, p. 107
Heine sah sich als Bindeglied und Vermittler zwischen den Lutheranern und Mennoniten, zumal er mit dem Mennoniten Ältesten Dirks von Gnadenfeld, ebenfalls ehemaliger Missionar in Sumatra, eng befreundet war.
Für das Schulwesen war seine einstigee Tätigkeit ebenfalls von Vorteil, da er dafür sorgte, das in Neustuttgart das separierte Bethaus zum Schulhaus wurde, Neuhoffnungstal ein neues, zweistöckiges Schulgebäude errichtete, diese und die Lehrerwohnungen nun beheizbar waren. Es wurden Lehrer angestellt und besoldet, Schulbücher angeschafft.
Mit dem Ende seine Tätigkeit als Pfarrer im Frühjahr 1894 gab Heine öffentlich bekannt, wie im Vertrag geregelt, daß jeder Separierte, der sich der Kirche angeschlossen hatte, sich nun zu entscheiden habe, ob er bei der Kirche bleiben oder wieder zum Separatismus zurücktreten wolle.
Er zog dann mit seiner Frau zur Tochter Therese nach Michailowsk, um noch einmal im Auftrag der Mission zu reisen. Am 5. Juli 1895 traf er in New York/USA ein. Am 15. Juli reiste er nach Buffalo und zu den Niagarafällen, dann Erie (19. Juli), Brooklyn/Ohio (23. Juli), Sandwich (29. Juli), Amboy/Minnesota (13. August), Mountain Lake – hier lebten ehemalige Berdjansker, weiter nach Canada – Gretna/Manitoba (27. August). Es folgten Junkton/Dakota (9. September), Sutton/Nebraska (24. September), Scotland (29. September). In Scotland besuchte er die Witwe von Pastor Karl Bonekemper (1827-1903). In Menno traf er auf den 1887 ausgewanderten Gebietsschreiber Münch aus Zürichtal und besuchte auf dem Weg nach Sutton (1. Oktober) weitere Auswanderer. Traf in Ferberg auf Mennoniten der Molotschna und kam in Denver/Colorado an (14. Oktober). Besuchte den Pikes Peak, Colorado Springs, Newton und St. Louis/Illinois. Hier traf er seinen alten Freund Hermann Sudermann wieder, mit dem er in Reval war. Weiter ging es nach Chicago (18. November), Sandwich (27. Oktober) und 8 Monate nach Beginn dieser Reise traf er am 31. Dezember 1895 zu Hause ein. Pünktlich zum Jahreswechsel.
Das viele Reise begünstigte sein Steinleiden, am 25. Januar 1897 starb Missionar Wilhelm Heine an den Folgen einer Steinoperation in Michailowsk, seine Frau folgte ihm am 13. November 1909.
Mennonitische Rundschau9
Orte, die Wilhelm Heine in seinem Leben bereiste15
Sohn Wilhelm, als erstes Kind in Sigompulan 1866 geboren, trat in die Fußstapfen seines Vaters und nahm am 17. August 1884 ein Theologiestudium in Dorpat auf.5
Am 1. Mai 1891 in Tiflis/Kaukasus ordoniert, wurde er von 1892-1893 Pastor-Adjunkt in Batum-Kutais/Kaukasus, ab1893-1895 Adjunkt bei seinem Vater in Neu-Stuttgart, der im Frühjahr 1894 nach 19 Jahren im Amt in den Ruhestand ging.
1895 legte er das Gymnasiallehrerexamen ab und nahm eine Hauslehrerstelle in Sankt Petersburg an. Von dort kehrte er als Konsistorialvikar für die Kreise Bachmut und Slawjanoserbsk, Gouv. Jekaterinoslaw (1898–1899) zurück, wurde dann Pastor in Schidlowo (1899-1907) und scheidet aus dem geistlichen Amt aus.
Erneut im Dienst in Schidlowo (1914–1928), anschließend Pastor in Katharinenfeld/Kaukasus (1928–1930). In Katharinenfeld wurde er am 14. August 1931 wegen der angeblichen Bildung eines „antisowjetischen Agitationsnetzes16 verhaftet und bis 1934 nach Tymsk am Ob, Gebiet Tomsk (Westsibirien) verbannt.
Nach der Rückkehr lebte er in Feodosia/Krim und wurde am 4. Juli 1937 wurde er erneut verhaftet.12 Nach kurzem Aufenthalt im Simferopoler im Gefängnis wurde er nach Verurteilung zur Hinrichtung am 2. Januar 1938 erschossen. Offiziell wurde Wilhelm Heine am 9. Oktober 1989 rehabilitiert.13
Die Familienmitglieder, die auf dem kleinen Friedhof ruhen:
Andreas Müller, geboren am 17. Juli 1858 als Sohn des Kaufmannes und Gutsbesitzers Friedrich Michael Müller (1837-1860) und der Dorothea Heine (1835-1860). Dorothea Heine war eine Schwester des Missionars Wilhelm Heine.
Geburt und Taufe KB Hochstädt 1858Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Verstorben ist Andreas Müller am 28. August 1911 in Charkow, beigesetzt am 31 August.
Johanne Elisabeth Blank wurde am 8. Juli 1845 in Molotschna als Tochter des Schullehrers Friedrich Blank (1820-1878) und seiner Ehefrau Margaretha Brühler (1824-1850) geboren.
Geburt und Taufe KB Molotschna 1845
Ihr Ehemann, der Gutsbesitzer Friedrich Müller (*1841), war der Neffe des Andreas Müller (1858-1911). Hier treffen wir auf die Verbindung zu Ludwig Hein(e) (1789-1854). Dessen Tochter Maria Magdalena Heine (1844-1929) war verheiratet mit dem Cousin von Johanne – Lehrer Friedrich Blank (1841-1889)
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1907
Verstorben ist sie am 16. Mai 1907 auf dem Gut Federowka und wurde am 19. Mai beigesetzt.
Michael Müller, beider Sohn, geboren am 29. November 1877 auf dem Gut Federowka
Geburt und Taufe KB Molotschna 1878Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1899
Er starb am 30. April 1899 auf dem Gut Federowka an einer Entzündung des Abdomens und wurde dort am 2. Mai des Jahres beigesetzt.
Olga Müller war die Tochter von Friedrich Müller (*1870), ebenfalls ein Sohn des Gutsbesitzers Friedrich Müller (*1841), Olgas Mutter war Bertha Mathilde Ottilie Petersenn (*1874). Olga wurde auf dem Gut Federowka am 23. November 1904 geboren.
Geburt und Taufe KB Friedenfeld 1905Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Ihr kurzes Leben endete durch Scharlach und Diphterie auf dem Gut am 12. November 1911, beigesetzt am 14. November.
Friedrich Müller, genannt Fritz, ihr Bruder, wurde am 28. Juli 1907 auf dem Gut geboren.
Geburt und Taufe KB Friedenfeld 1907Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Auch sein Leben wurde von der Erkrankung dahin gerafft, er starb am 24. November und wurde am 26. November beigesetzt.
Vielleicht gehören die Bruchstücken auf dem Friedhof zu den Resten des Grabsteines der Schwester Margarethe Müller, sie starb bereits am 19. November im Alter von 10 Jahren ebenfalls an der Kinderkrankheit und wurde am 21 November beigesetzt. So entstanden innerhalb einer Woche drei Kidnergräber der selben Familie.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Petersenn, Arzt, war der Bruder der Bertha Mathilde Ottilie Petersenn (*1874) und verehelicht seit dem 12.11.1896 mit Johanne Heine (*1878), Tochter des Missionars Wilhelm Heine (1833-1897)
Geboren und getauft wurde er in Riga19, sein Vater Karl Johann Georg (1832-1892) war ebenfalls Arzt, seine Mutter Karoline Wilhelmine geborene von Erbe (1846-1907) ist ebenfalls auf dem Gut Federowka versotben und beigestezt worden.
Dr. med. Petersen verstarb am 5. Januar 1905 auf dem Gut an einer Auszehrung, beigesetzt wurde er am 8. Januar.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1905
Der Stein seiner Mutter ist nicht aufgefunden worden. Jedoch belegt ihr Sterbeintrag vom 21. Januar 1907 die Beisetzung am 24. Januar daselbst.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1907
1Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
2Hans Angerler: Mission, Kolonialismus und Missionierte; Über die deutsche Batakmission in Sumatra in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 2/93, 23. Jahrgang Nr. 2, April bis Juni 1993, p53-61
4Prinz, Jakob; Die Kolonien der Brüdergemeinde: ein Beitrag zur Geschichte der deutschen KolonienSüdrusslands. Prinz, Pjatigorsk, 1898, p.163f
5National Archives of Estonia Heine Wilhelm; EAA.402.2.9133; 17.08.1884
6Dorothee Rempfer: Biografisches Verzeichnis von Missionaren, Missionarsfrauen, Missionsschwestern und lokalen Mitarbeiter*innen der RheinischenMissionsgesellschaft (RMG ) in der Herero- und Batakmission. Stand Juli 2021 p.5
7Mittheilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland begründet von Bischof Dr. E. E. Ulmann, gegenwärtig redigiert von J-Th. Helmsing, Oberlehrer in Riga, unter Mitwirkung der Pastoren: E. Kaehlbradnt in Neu-Pebalg, R. Räder in Goldingen, A.H. Haller in Reval u. A. 32. Band Neue Folge. Neunter Band. Jahrgang 1876. Riga 1876. Verlag von Brutzer & Comp., p.281
8Allgemeine Missions-Zeitschrift. Monatshefte für geschichtliche und theorethische Missionskunde. In Verbindung mit einer Reihe Fachmänner unter specieller Mitwirkung von D. Th. Christlieb, Professor d. Theologie zu Bonn und Dr. R. Gundemann, Pastor zu Mörz. herausgegeben von Dr. G. Warneck, Pfarrer in Rothenschirmbach bei Eisleben. Vierter Band. Gütersloh 1877. Druck und Verlag von C. Bertelsmann. p.12
9Mennonitische Rundschau. herausgegeben von der Mennonite Publishing Company, Elkhart, Ind. 21. Jahrgang 7, Februar 1900 No. 6, p.2
10Kröker, Abraham: Pfarrer Eduard Wüst, der grosse Erweckungsprediger in den deutschen Kolonien Südrusslands, Spat bei Simferopol, Selbstverlag, H.G. Wallmann Leipzig, Central Publ. C,. Hillsboro Kansas, 1903
11Dorothee Rempfer: Gender und christliche Mission; Interkulturelle Aushandlungsprozesse in Namibia und Indonesien. Global- und Kolonialgeschichte Band 11.Dissertation am Institut für Geschichte der FernUniversität Hagen. transcript Verlag, Bielefeld 2022. p.54
13Dr. Viktor Krieger: Verzeichnis der deutschen Siedler–Kolonisten, die an der Universität. Dorpat 1802-1918 studiert haben
14Evangelisches Missions-Magazin, Neue Folge. Herausgegeben im Auftrag der evangelischen Missionsgesellschaft von Dr. Hermann Gundert. Dreizehnter Jahrgang. 1869. Basel im Verlag des Missions-Comptoirs. In Commission bei J.F. Steinkopf in Stuttgart udn Bahnmaiser Verlag (E. Detloss) in Basel. Druck vomn E. Schulze. p.70ff
16Litsenberger, Olga, Evangelical Lutheran Church in the USSR in the 1930s (2007). Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1914-1941. Alfred Eisfeld, Victor Herdt, Boris Meissner (Hg.). Lit. Verlag Dr. W. Hopf. Berlin, 2007 p. 424
17Familienregister Blatt 7 der Gemeinde Korntal/Württemberg, Kopie freundlicher Weise überlassen von B. Arnold, Korntal
18Verzichtserklärung und Entlassung aus dem Württembergisschen Untertanenverband 9.6.1868, O.A. Kirchheim, Auswanderergesuche Bd. 69-71 1855-1890
Erste Mittheilungen von unserem Großvater Johannes Kludt. Aufgesetzt von meinem Bruder Wilhelm Kludt.1
Von unseren Urur- Großeltern ist nur so viel bekannt, daß sie ungefähr, zur Zeit des dreißig jährigen Krieges von dem Rheingegenden bei Köln nach Preußen auswanderten, und sich in der Gegend zwischen den Städten Schneidemühle, Bromberg und Gnesen in der Provenz oder Herzogthum Posen ansiedelten. Die nächsten Marktflecken waren Rogasen, Schönlank und Schocken. Sie waren evangelischer lutherischer Konfession, und redeten die blattdeutsche Mundart.
Sie hatten sieben Söhne und zwei Töchter, unter welchen unser Großvater Johannes Kludt, geboren 1743, ihr jüngstes Kind, ein Zwillingssohn, war. Als 12jähriger Knabe, wurde er eine Vater und Mutterlose Waise, wurde, und mußte von dem an bei Bauersleuten sein Brod mit Dienen suchen. Zur Zeit des siebenjährigen Krieges mußte er als Fuhrknecht bei den Rußen, der fürchterlichen Schlacht, bei Zorndorf, beiwohnen, wo er von einem rußischen Barbier, ein Rasiermesser noch kaufte.
Im Jahre 1773 trat unser Großvater mit der Großmutter Katharine, geborene Dreher, geboren in dem Dorfe Ninke, 6 Meilen2 von Posen und eine Meile von Rogasen, in den Ehestand, und nährte sich von Schafzucht und Handarbeit. Einer von den Brüdern des Großvaters starb ledig, und ein zweiter wurde Katholik, übersetze seinen Familien Namen ins Polnische: Grundschinski, zum großen Ärger, seiner Verwandten.
Nach Beendigung des siebenjährigen Krieges wanderten viele Deutsche nach Polen ein und ließen sich besonders in den Weichselgegenden nieder; und auch unsere Großeltern entschlossen sich endlich dazu, und ließen sich in der Gegend der Städte Wrozlawek, Konin und Rostositz nieder. Ihre Kinder waren der Alterfolge nach folgende. Martin, Michaelx), Johannes (mein Vater), Maria und Christoph. Sie starben, die Großmutter 41, der
x) Katharine
Großvater: 60 Jahre alt. Martin und Michael haben in Polen bei der Stadt Peterkau, ihre gekauften Landgüter und Christoph Schneider und Schullehrer bei der Stadt Kowol.
Mein Vater Johannes Kludt wurde nach seiner eigenen Angabe, im Dorfe Turke bei der Stadt Konin in Polen geboren den 3./15 April 1783 geboren und in Muchlin getauft. Sieben oder achtjährig, verunglückte er bei einer Wasserschlause. Wer ihn errettet hat, weiß er nicht, nur das er beim wiedererhaltenen Bewußtsein schon geretet war, und seine Mutter sehr weinte.
Da es bei seinen Eltern wegen mancherlei Unglücksfälle sehr armselig herging, so hatte es auch mein Vater sehr schwer, zumal in polnischen Dörfern und Wäldern, besonders was den Unterricht der Kinder anbelangt. Er lernte bei seiner Mutter nur nothdürftig lesen, besuchte im Winter 1795 auf 1796 die Schule in dem deutschen Dorfe, Sporse, und wurde 1796 in Groß Neudorf confirmiert. Nach der Confirmation erwachte in ihm ein besonderer Drang zum Gebet und weiteren Schulkenntnissen; Durch imsige Selbstübung brachte er es im Deutschen und im polnischen lesen und schreiben, bei seinen armen Verhältnissen
ziemlich weit, und war dazu auch noch so glücklich, ein kleines Rechenbüchlein, Pescheks Rechenschüler, zu bekommen, um sich auch im Rechnen zu üben. Siebenzehn Jahr alt, trat er bei einem Schneidermeister in die Lehre. Im zwanzigsten wurde er Schullehrer und diente als solcher von 1802 bis 1804 in Ladna, von 1805 bis ins 1811 Jahr in Lusche, von 1811 bis 1815 in Groß-Neudorf, und von 1815 bis 1819 in Lipin.
Im Jahre 1803 den 23. Nov./5. Dec. trat er in Ladna mit meiner Mutter Anna Maria, geb. Will, in die Ehe. Sie ist in Polen geboren, in einem Dorfe bei Konin den 23sten April 1787, und confirmiert 1801. Ihre Eltern waren: Adam Will und Anna Maria geb. Milbrat, wohnten auf ihrem Landgut Dombjer Hauland bei der Stadt Dombje. Sie war eine gottesfürchtige, da bei sehr ökonomische, und für das leibliche Wohl ihrer Kinder bedachte Frau.
In Folge von einer von der russischen Regierung an die Deutschen in Polen erlassenen Aufforderung und Privilegien, zu einer Ansiedlung in Bessarabien, wanderten mein Vater und noch vier andere Familien Reinke, Hirsekorn, Makus, und Död aus dem deutschen Dorfe Lipin bei der Stadt Kolo im Jahre 1819 nach Bessarabien aus, und übernahm dort so gleich, in der ersten Kolonie Leipzig, den dortigen Schuldienst. Allein da uns das bessarabische Clima gewaltig zusetzte, und wir alle erkrankten, so entschloß sich mein Vater mit seiner Familie wieder nach Polen zurückzureisen. Auf dieser Rückreise, im Herbste 1820 traf uns bei unsern kranken Umständen, noch das Unglück, beim Dorfe Karbun, durch das Umwerfen des Wagens fast alle verwundet zu werden, besonders die Mutter, die sehr beschädigt war, und so genöthigt wurden, in Keschinoff zu bleiben. Unser Vater übernahm dann, in Folge diesem Unfalle, bei dem damals daselbst wohnenden Fürsten Kontagusin, eine Gärtnerstelle, die ganz nah bei dem, bei der Stadt liegenden Dorfe Durlest, ist; wo wir
sich alle von unseren kranken Umständen bald erholten.
Nach einem Jahre wurde der Garten verkauft, die Fürstliche Familie zog auf ihre Güter bei Magilleff, und mein Vater übernahm daher 1822 und 1823 die Gärtnerstelle des Obersten v. Stamo im Dorfe Horest. 1824 übernahm er die Gärtnerey in Galbin.
1825 die Schulstelle in Katzbach; 1827 bis 1834 verwaltete er die Schulstelle in Töplitz, und von 1834 bis 1839 wieder die Schule in Katzbach, und zog dann wieder zurück nach Töplitz, zu meinem Bruder August Kludt, welcher indessen die dortige Schulstelle angenommen hatte.
Wilhelm Kludt
Nachtrag zu dem vorstehenden Aufsatz meines l. Br. Wilhelm Kludt.
Diese, meine lieben Eltern, denen ich nächst Gott mein Leben und so unzähliges Gute zu verdanken habe, führten und hatten, besonders in ihren letzten Jahren ein etwas unstätes Leben, und hatten es daher, manchmal recht schwer. – Sie verließen 1939 Katzbach, – sich in den Ruhestand begebend, – und kamen und wohnten bei mir in Töplitz, zehn Jahre weniger zwei Monate, und zogen nachdem 1848 zu meinem Bruder Wilhelm in II. Malojaroslawetz. Hier aber erkrankte bald darauf meine Mutter Anna Maria Kludt geb. Will, an einer Art Lungensucht und starb den 19ten Oktober 1848, im Alter von 64 1/2 Jahren, und wurde den 22sten Octob. Nachmittags von Pastor Pingoud beerdigt. Sie hatte den Heiland schon seit längerer Zeit gesucht und kennen gelernt, und liebte ihn sehr, und so auch Jedermann; besonders aber war sie gegen ihre Kinder, eine gar zärtliche liebende und um sie besorgte Mutter. Der Herr vergelte ihr alles im ewigen Leben. In ihrer letzten Krankheit hatte sie manche schwere Anfechtungen von der Macht der Fensterniß in ihrem Innern durchzumachen und klagte mir ihre Trostlosigkeit; ich suchte sie zu beruhigen und zu trosten so gut ich wußte und konnte. Ich mußte ihr dann das14te Kapitel Johannes
vorlesen, was sei mit rechter Gespanntheit anhörte; und der Herr schenkte ihr in Gnaden wieder Trost und Frieden, und ging so, als eine gebeugte Sünderin im Glauben an den Herrn Jesum, still und sanft, in die ewige Heimath.
Von 1851 bis 1854 wohnte der Vater dann wieder,
als Witmann, alleine bei uns in Töplitz, und zog nach diesem wieder von uns, bis er 1857 wieder zu uns kam, aber auch nicht wieder auf eine lange Zeit, – sondern er kehrte noch einmal wieder zurück zu meinem Bruder Wilhelm in II. Malojaroslawetz. Jetzt erkrankte er nach einigen Wochen an einer sehr schmerzlichen Wassersucht, die von Zeit zu Zeit immer mehr zunahm und ihm so nach als sein letztes Läuterungsfeuer zu seinem Ende dienen mußte. Er war erweckt, liebte das Gute, und suchte oft mit Eifer und Ernst die Beförderung des Reiches Gottes nach seinen Ansichten, die manchmal gerade nicht die richtigsten waren; – und schadete sich selbsten damit, besonders durch seine lieblings Idee, von der Zukunft Christi, und den unsichtbaren und zukünftigen Dingen. Er sahe nun mit Schmerzen ein, daß er sich öfters geteuscht hatte. Er starb im kindlichen Glauben an Jesum, den 29sten März 1862, und wurde den 31 März von Pastor Pingoud beerdigt, im Alter von 79 Jahren. Beide Eltern ruhen nun dicht nebeneinander auf dem II. Malojarosl. Friedhofe, dem großen Tag der Auferstehung entgegenharrend.
Ach es wär zum weinen Wenn kein Heiland wär, Aber sein erscheinen, Bracht den Himmel her.
geboren den 16. Mai 1807 in Polen in Lusche, confirmiert 1823 den 22. März in Sarata. verheiratete sich den 18. Juli 1827, mit Susanna geb. König in Polen den 10. Decemb. 1811
Er übernahm 1826 die Schreiberstelle in Katzbach, 1827 und 1828 die Schreiberstelle in Krasna, 1829 und 1830 die Schulstelle in II. Ferechampenaise, 1831 und bis 1833 die in I. Malojaroslawetz, und von 1834 an übernahm er die Schulstelle in II. Malojaroslawetz, wo auch unsere ganze Kluds-Familie als Mitbürger eingetragen sind.
Wilhelm Kludt´s Kinder :
1) Christina, verehelichte Sannewald, geboren in I. Malojarosl. d. 28. Octob. 1831 2) Samuel geb. in II. Malojar. d. 5 Decemb. 1833 3) Louisa, den 25. Decemb. 1835
4) Eva Rosalia, verehel. Sannewald gebren. den 5. Januar 1838 5) Gotthilf Friedrich geb. d. 23. Sept. 1840; gest. in Amerika 6) Susanna geb. d. 3. April 1843 gest. 5/4 1843 7) Wilhelmine geb. d. 13 April 1844 gest. 4/11 1845 8) Gottlob Michael geb. d. 6. Juli 1846. gestorb. 9) Dorothea geb. d. 21. März 1849 gest. 27/6 1850 10) Jacob geb. d. 10. Juni 1851. gest. d. 15/6 1851 11) Gotthold geb. d. 12. Novemb. 1852 12) Emilie geb. d. 20. Nov. 1854 gest. 1856 13) Adolph geb. den
Carl Wilhelm Kludt II. Malojaroslawetz den 30. Mai 1856
II. Friedrich August Kludt. geboren den 1. Juni 1811 in Lusche bei der Stadt Dombje in Polen, wurde mit meinem Bruder Wilhelm den 22sten März 1823 in Sarata von Pfarrer Lindl confirmiert, und habe von jener Zeit an, einen bleibenden und gesegneten Eindruck behalten. Ich hatte die Wohlthat zu geniessen, von meiner Kindheit an bis in die Jünglingsjahre, im väterlichen Hause zu sein, nur daß ich, leider im eigentlichen keinen Schuluntericht hatte, als nur den Häuslichen, neben der Schule meines Vaters. welchen Mangel ich oft füllen mußte. – denn meine Eltern lebten meistens in nicht überflüßigen Umständen, und konnten daher nicht viel für mich verwenden, zudem für meinen Bruder Wilhelm seine Weiterbildung gesorgt werden muste, und man mich auch zu Hause nothwendig brauchte. Von 1831 bis 1832 übernahm ich die Schreiberstelle in I. Malojaroslawetz, und kam dann wieder zu Hause nach Katzbach. Von 1834 bis 1835 machte ich, besonders durch Betreibung meiner lieben Mutter, eine Besuchsreise zu unseren Verwandten in Polen
und nach Deutschland, in die Herrenhutter Brüdergemeinde Gnadenberg, Niske, Kleinwebke, Herrenhut und Bethelsdorf, – die für mich von großem Nutzen war. –
Von 1835 bis 1836 wurde ich durch Betreibung meines Bruders Wilhelm, – dem ich viel zu verdanken habe, in Befärderung was Bildung
anbelangt, – der Heer vergelte es ihm, – Schulgehülfe oder Proviser in Großliebenthal, was mir in Schulsachen sehr zu nutzen kam. Vom 23sten April 1836 an mußte ich auf betreiben der Gemeinde Töplitz ihre Schulstelle übernehmen, die ich auch bis 1879, bei mancher Schwäche, Noth und Anfechtung, durch Gottes Gnade besorgte, aber auch dabei manchen Genuß des Guten und der Freude erfahren durfte. In diesem Jahre 1836 den 5ten Juni verehelichte ich mich mit meiner lieben Gehilfen Eva Katharina geb. Hägele. Sie wurde den 15ten November 1819 in einem kleinen Dorfe Hahnweiler bei der Stadt Wennenden, geboren in Würtemberg. Ihre Eltern waren: Johann Conrad Hägele, und dessen Ehefr. Eva Katharine geb. Schäfer. Sie hatten sich in Deutschland, wohnend bei den ziemlich vermögenden Schwiegereltern in Hahnweiler, Ulrich Schäfer und dessen Ehefr. Eva Katharine geb. Fischer, mit der Schneiderey ernährt, und wanderten 1830 nach Rußland ein, wo sie sich in der Kolonie Gnadenthal niederließen. Meine Schwiegermutter Katharine Hägele hatte den Unfall gehabt, in ihren Jugendjahren, an einem Beine zu erlahmen, und mußte daher Krücken gebrauchen, bis an ihr Ende; was ihr freilich viele Beschwerden verursachte, aber ihre schöne Gestallt, besonders ihr christlicher Sinn und bescheidenes freundliche Benehmen machte sie allgemein beliebt. Im Jahre 1831 starb sie an der Cholera, im Alter von 33 Jahren. Mein Schwiegervater Conrad Hägele wurde im November 1798 in Nelmerßpach in Würtemberg geboren. Seine Eltern waren Christian Hägele, und dessen Ehefr. Johanna. Er hatte folgende Geschwister: Einen Bruder Namens: Christian, und zwei Schwestern: Sara, und Anna Maria. Er war, wie sein Vater ein Schneider. Nach dem Tode seiner Frau, verehelichte er sich zum zweiten Mal, mit Katharine geb. Frick, von der er
folgende Kinder hatte: Friedrich, Christian, Johannes, Adam, Johanna Bizer, Louisa Käß, Christina Ridliger, Maria Wagner. Auch diese Frau starb ihm, und er verheirathete sich zum dritten Mal, mit Louise geb. Häcker, von der noch die Tochter Friederika vorhanden ist. Er selbsten starb etwa im Jahre 1856.
Meine Frau war das einzige Kind der ersten Frau meines Schwäers, Eva Katharine geb. Schäfer und wurde von derselben gar sorgfältig auferzogen, mit dem imsigen Anhalten des Schulbesuchs, dessen Untericht sie noch in Deutschland zu genißen hatte. Aber nach dem Tode dieser lieben Mutter, der gleich im anderen Jahre der Einwanderung erfolgte, fiel die ganze Last der Haushaltung auf sie, als einem 12jährigen Mädchen, und Noth aller Art, bittere Armuth, Krankheiten, später dazu auch noch dazu großer häuslicher Druck, von der Stiefmutter, wechselten miteinander, bis sie durch die Führung des Herrn, mit ihrer Verheiratung, davon befreit wurde. Die Veranlassung bei mir, ihr den Antrag zum Heirathen zu machen, war die Antwort des Herrn auf mein inniges Flehen zu Ihm: Joh. 14, 27, „den Frieden lasse ich auch, meinen Frieden geben ich euch. Nicht gebe ich euch wie die Welt giebt, Euer Herz erschrecke nicht, und fürchte sich nicht.“ – Der Herr hatte jetzt geholfen und die Noth war gehoben, aber des ungeachtet hat Er uns dennoch so manchen Denkstein Seiner Errettung von Noth und Tod gesetzt, besonders bei einigen schweren Geburten, und einigen schweren und tödlichen Krankheiten. Lauter Beweise Seiner Gnade, daß Er uns nicht nur hier Gutes thun, sondern auch selig haben will. – und Gottlob! wir haben Ihn kennen und lieben gelernt, Seine Gnade an uns ist nicht vergeblich gewesen. – O möchte sie sich an allen, uns geschenkten lieben Kindern, so mächtig beweisen, an einem Jedem ins Besondere, daß wir alle, als ein Lohn Seiner Schmerzen einst rühmen könnten: „Siehe Herr, hier bin ich und die Du mir gegeben hast.“ –
Unsere Ehe ist reichlich gesegnet worden mit 16 Kindern, von denen 2 tod geboren sind, und hier folgen; alle sind in Töplitz geboren:
Johannes den 14ten September 1837.
Samuel Jacob den 3. Februar 1840.
Friedrich August den 15ten December 1841.
Sophia Katharina den 31ten October 1843
Immanuel Heinrich den 13ten October 1846. Ein todgeborener Knabe den 2ten Januar 1849.
Benjamen den 23. Februar 1850.
Reinhold Wilhelm den 14. April 1852.
Maria Salome den 12. October 1853.
Johanne Friederika Amalia den 7ten Novemb. 1855. Ein todgeborener Knabe den 1856.
Caroline Elisabeth den 17ten Januar 1858.
Gotthilf den 27ten Februar 1860.
Carl Immanuel den 19. August 1861.
Woldemar den 11. August 1862.
Gotthilf den 2. Januar 1868.
davon sind gestorben:
Amalia den 15. Juni 1858. 3. Gotthilf den 19. Juni 1861.
Caroline den 27. Decemb. 1859. 4. Gotthold den 7. Januar 1870.
Lebensende der lieben Mutter in Friedensfeld
Hier in Friedensfeld erkrankte unsere liebe theure Mutter, nach manchen vorhergehenden Unpäßlichkeiten und Krankheiten, zu Ostern 1890, aufs Neue, an sehr schmerzhaften Magen- und Urinbeschwerden, so daß sie oft 4-5 Tage lang keinen
Stuhlgang und Urinlassen hatte, und nur durch verschiedene Purigiermittel und Operationen wieder in den Gang kam. Zu diesen Leiden verbunden mit Gichtkrämpfen, erhielte sie noch zuletzt, einen sehr starlen brennenden braunrothen Friedel, der erst am fünften Tage etwas abtrocknete. Sie fühlte sich dann wie etwas besser und leichter, so daß sie nmanchen Tag einpaar Stunden auf war, nach unserer Wäsche nachsahe und andere Hausbedürfnisse anordnete, bei mir. So war sie noch am 4ten Juli etwas auf, küßte und drückte mich, mit dem Bedauren, daß ich so viele Arbeit und Mühe mit ihr haben müßte. Ich etgegnete ihr: Mir ist noch kein Gedanke gekommen, daß mir dein Kranksein zuviel oder lästig wäre, wenn es auch noch zwei Jahre dauerte, wenn Du nur nicht stirbst, – Sie antwortete: Aber siehe, ich bin schon schwach und elend, mir selbst und Anderen zur Last, für mich ist sterben das Beste. – Noch am Abend desselben Tages war sie auf, und hielten miteinander unsere Abendandacht. Ich las einen Aufschlag aus Hillers Liederkästlein und betete, und sie betete dann auch; indem sie sich als eine arme Sünderin, in das Erbarmen Jesu hineinwarf. – Wir gingen dann ganz gemüthlich beide zu Bette. Sie war ruhig und klagte nichts. Uum 2 Uhr Morgens, sagte sie zu mir, ich solle aufstehen, und meinen dicken Rock auf die Bettdecke noch legen, sie könne gar nicht warm werden, udn war dann wieder ganz stille, nach dem ich den Rock auf sie gelegt hatte. bis gegen 4 Uhr hörte ich auf einmal wie einwenig röchlen oder schnarchen. Ich rief ihr sogleich, aber sie gab keine Antwort mehr, sie war schon im Abscheiden. Ich eilte
sogleich den Samuel und seine Leute zu rufen, und wie sie kamen dauerte es nur noch einpaar Minuten, und sie hatte ihr Leben ausgehaugt. – Das war den 5ten Juli gegen 4 Uhr Morgens 1890. Am 7ten Juli Abends wurde die Mutter von dem hiesigen Schullehrer Enßle beerdigt. Er eröffnete die Leichenfeier mit einem schönen mehrstimmigen Gesange, und las eine wichtige Leichenrede, über Luk. 12,41- 44 – „Der Herr aber sprach: Wie ein großes Ding ist es um einen treuen und klugen Haushalter, welchen der Herr jetzt über sein Gesinde, daß er ihnen zu rechter Zeit ihre Gebühr gebe.
Selig ist der Knecht, welchen sein Heer findet also thun, wenn er kommt. Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über alle seine Güter setzen.“
Die ganze Leichenfeier wurde dann wieder mit einem mehrstimmigen Gesange geschloßen. – Die Mutter hatte ihren irdischen Lauf vollendet im Alter von 70. Jahren 7 Monat und 20 Tagen: war
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1Abschrift in der originalen Rechtschreibung, Akte DAI, R57 1405 Bundesarchiv
Original von 1912 bearbeitet und ergänzt: J. Rzadkowski
(eingesandt von Jakob Sommerfeld Karlsruhe im Kaukasus)1
6. Fortsetzung und Schluss
7. Der Berdjansker und Mariupoler Kolonistenbezirk
Ausschnitt aus der Karte der Postämter im Russischen Reich 18782
Unter d. gleichen Bedingungen mit Hoffnungsthal wurden von solchen württembergischen Chiliasten, die weder im Chersonschen Gouvernement geblieben sind, noch auch nach Grusien mitzuziehen sich entschlossen haben, im Jahre 1882 die Kolonieen Neuhoffnung, Rosenfeld und Neuhoffnungsthal gegründet.
Ausschnitt mit dem Kolonien im Gouvernement Cherson 18555
Später, im Anfang der dreißiger Jahre, kam noch Neustuttgart gleichzeitig mit Gnadenthal und Lichtenthal bei Sarata in Bessarabien hinzu. Die Gründer der letztgenannten drei Gemeinden waren ebenfalls württembergische Einwanderer mit chiliastisch-separierter Richtung. Während Gnadenthal und Lichtenthal sich an das Kirchspiel Sarata angeschlossen, wie auch Neustuttgart und ein Theil von Neuhoffnungsthal und Rosenfeld ein eigenes evangelisch-lutherisches Kirchspiel bildeten und sich damit unter dem Schutz des St. Petersburgischen Konsistoriums stellten, blieb Neuhoffnung und der übrige Theil der benachbarten Gemeinden Neuhoffnungsthal und Rosenfeld separiert. Ihr geistlicher Vorstand war Pfarrer Wüst, ein Mann des Volkes von seltener Energie und Beredsamkeit, erfüllt mit frischem Glaubensleben. Wüsts Aussaat artete jedoch unter dem kolonistischen Laienprediger Hottmann in ein Sektenwesen aus, welches große Verbreitung selbst in einigen Gemeinden des damaligen Grunauer Kirchspiels fand. Springer oder Hopfer3 wurde die neue Sekte genannt, welche die separierten Gemeinden im Berdjanskschen Kreise einer völligen kirchlichen Auflösung nahe brachten. Obwohl gegenwärtig eigentliche vom „heiligen Geist“ zu ausgelassener Freude gestimmte „Springer“ nicht mehr vorhanden sind, so leiden diese Gemeinden bis heute unter den Nachwirkungen des Springerthums. Nur das für das koloniale Verhältnisse ausgezeichnete Schulwesen dieser Gemeinden läßt hoffen, daß das, was noch krankt, bald einem gesunden, nüchternen Wesen wird Platz machen müssen
Ganz anders als diese zu religiöser Schwärmerei hin neigenden Separatisten des bei Berdjanskschen Kreises sind die preußischen Einwanderer des Mariupoler Kolonistenbezirks geartet. Gegen 500 Familien langten in den Jahren 1818 und 1819 aus Preußen, theilweise zu Fuß, in dem Molotschaner Mennoniten- und Kolonistenbezirken an, wo sie vorläufig einquartiert wurden. Die neuen Ankömmlinge konnten vermöge ihres Fleißes durch verschiedene Handarbeiten und Gewerbe sich dort theils ihren Unterhalt erwerben, theils noch etwas Geld ersparen. Mit einigen Ausnahmen hatten sie wenig oder gar kein Vermögen vom Auslande mitgebracht. Ueber ihre Ansiedlung berichtet das „Unterhaltungsblatt“ im Jahre 1853:
„Im Märzmonat 1820 erwählten sich viele Einwanderer auf Befehl des Vormundschaftskomptoirs der ausländischen Ansiedlungen zu Jekaterinoslaw drei Deputierte: Christian Klaaßen, Nikolaus Dodenhöft, beide später in der Kolonie Grunau, und Johann Majewsky, später in der Kolonie Eichwald angesiedelt, welche auch vom Komptoir bestätigt wurden und für die Sache der Ansiedlung sich bemühten, bis im Herbst 1822 den Ansiedlern das Land angewiesen und die äußeren Grenzen von Griechen und Russen, im Gegenwart des Herrn Gouverneurs und des Herrn Mitglieds vom Komptoir Babiewsky, abgepflügt wurden.
Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland 1853 Nr. 13
„Die hilfsbedürftigen Ansiedler erhielten auf jede Familie 300 bis 450 Rbl. Banko Vorschuß zum Anbau der Häuser und zur ersten wirthschaftlichen Einrichtung, welche Gelder im zweiten Jahrzehnt der Ansiedlung rückstandslos abgetragen worden sind.“
Im Jahre 1823 haben diese preußischen Einwanderer 18 Kolonieen gegründet und zum Andenken an ihre heimathlichen Ortschaften in Westpreußen mit Genehmigung der russischen Behörden nachfolgend benannt: 1 Kirschwald, 2 Tiegenhof, 3 Rosengart, 4 Schönbaum, 5 Kronsdorf, 6 Grunau, 7 Rosenberg, 8 Wikkerau, 9 Reichenberg, 10 Kampenau, 11 Mirau, 12 Kaiserdorf, 13 Götland, 14 Neuhof, 15 Eichwald, 16 Tiewenort, 17 Schönwald 18 Thiergart. Eine zweite Einwanderung geschah in den Jahren 1823 und 1824; eine dritte im Jahre 1841. Aus Württemberg, Baden, Hessen und vom Niederrhein kamen über 100 Familien und begründeten die vier Kolonien: Elisabethdorf 1825, Ludwigsthal 1828, Darmstadt und Marienfeld 1842. Von diesen haben nur 19 Wirthe der Kolonie Ludwigsthal Geldvorschuß erhalten, die anderen hatten eigene Mittel. Im Jahre 1832 entstanden die fünf Kolonien: Bellowesch, Kaltschinowka, Rundewiese, Großwerder und Kleinwerder.
Ausschnitt mit dem Kolonien im Gouvernement Cherson 18555Ausschnitt mit dem Kolonien im Gouvernement Cherson 18555
Darüber schreibt das „Unterhaltungsblatt“:
„In den Jahren 1768 bis 1782 hatten sich deutsche (wahrscheinlich preußische) Einwanderer im Romenschen Kreise des Governements Tschernigow niedergelassen und dort die fünf Kolonien: Bellowesch, Kaltschinowka, Rundewiese, Groß- und Kleinwerder angelegt. Die dort ihnen zu theil gewordenen Kronsländereien waren für die zahlreiche Nachkommenschaft nicht mehr hinreichend, weshalb die landlosen Familien sich bei der Regierung die Erlaubnis ausbaten, im südlichen Rußland Land zu Uebersiedlung aussuchen zu dürfen. Das Gesuch wurde ihnen gewährt, um geeignete Stellen ausfindig zu machen. Diese Bevollmächtigten wandten sich an das Jekaterinoslawische Vormundschaftskomptoir und erhielten von demselben die Anweisung, die neben Mariupol liegenden noch unbesetzten Ländereien in Augenschein zu nehmen. Sie befolgten dieses, und da sie hier einen fruchtbaren Boden in der Nähe einer Seestadt fanden, so kehrten sie mit dem festen Entschluß, sich hier niederzulassen, und mit Zeugnissen der örtlichen Obrigkeit versehen zu ihren Gemeinden zurück und erklärten, daß sie dieses Land an Ort und Stelle als das zweckmäßigste zur Ansiedlung befunden hätten, worauf die Gemeinden um die allerhöchste Genehmigung baten, welche ihnen Allergnädigst ertheilt wurde. Dann begaben sich im Herbst 1831 in allem 122 Familien nach dem Mariupoler Kolonistenbezirk, wo sie von den schon früher angesiedelten Familien als christliche Glaubensgenossen und künftige Nachbarn mit Liebe aufgenommen und beherbergt wurden, bis sie im Frühjahr 1832 ihren eigenen Herd begründeten und ihre Ansiedlungen nach denen im Gouvernement Tschernigow benannten.
„Unterstützung zur Ansiedlung haben diese Ansiedler nicht erhalten denn jede Familie hatte ihre gehörigen Ackergeräthe und Zugvieh, zum Bauen aber wenigstens zu 400 Banko bares Geld mitgebracht.“
Der Kolonist der Kolonie Grunau Christian Klaaßen, Mitglied des landwirthschaftlichen Vereins und seit 1848 Oberschulz im Mariupoler Kolonistenbezirk, hat die Pläne zur Anlage dieser Kolonien und der Häuser entworfen und ausgemessen, überhaupt diese Übersiedlung geleitet und dadurch unvergessliche Verdienste um diese Kolonien erworben.
„Seit dem Jahre 1849 ist durch Ansiedler aus der Stadt Jamburg Gouvernement St. Petersburg eine neue Kolonie, Neujamburg, diesem Bezirke hinzugefügt worden.“
Im Mariupoler Kolonistenbezirk befinden sich zwei evangelisch-lutherische Kirchspiele: 1 Gronau, zu welchem in den sechziger Jahren noch Taganrog, Nowotscherkask und Berdjansk gehörten, und 2 Ludwigsthal. Grunau, welches eine der größten Kirchen in den südrussischen Kolonieen besitzt und in üppiges Grün buchstäblich eingehüllt ist, wurde im Jahre 1823 als Kirchspiel bestätigt. Von ihm zweigte sich nächst Taganrog das Kirchspiel Ludwigsthal ab.
Schluß.
Wir haben uns bei der gegenwärtigen Schilderung fast ausschließlich im Rahmen der Entstehungsgeschichte der im Anfang des vorigen Jahrhunderts gegründeten Kolonien im Chersonschen, Taurischen und Jekaterinoslawschen Gouvernement bewegt. Der Raum gestattet uns nicht, hier auch nur einen oberflächlichen Überblick dessen zu geben, was im Laufe von kaum einem Jahrhundert aus diesen Kolonien geworden ist. Das müssen wir für eine andere Gelegenheit aufsparen. Doch darauf soll zum Schluß noch hingewiesen werden, daß innere Kraft der deutschen Kolonialbevölkerung Südrußlands in diesem Zeitraum sich augenfällig bewährt hat. Die Kolonisten haben es verstanden, sich den hiesigen Lebensbedingungen anzupassen und trotz bedeutender Schwierigkeiten sowohl in der Kultur vorzuschreiten, als auch dem rapiden Wachsen ihrer Volksziffer entsprechend sich zu dem von der Regierung ihnen angewiesenen Areal immer neue Ländereien zu erwerben.
Was die Schwierigkeiten anbelangt mit denen sie bei der Erfüllung ihrer Hauptaufgabe, in der landwirthschaftlichen Bearbeitung des süddrussischen Bodens, zu kämpfen hatten, so sei nur beispielsweise auf den westlichen und östlichsten Theil der ursprünglichen Kolonien hingewiesen, den Großliebenthaler und Mariupoler Bezirk.
In der für die Kultur der Kolonie so hochbedeutsamen „Odessaer Zeitung“ haben wir in Nr. 95 und 96 das Jahrgangs 1903 unter der Überschrift „Ungünstige Einflüsse auf die Entwicklung der Landwirthschaft im Großliebenthaler Kolonistenbezirk“ berichtet, daß die Freudenthaler Kirchenchronik nicht weniger als 29 Fehljahre in Folge von Mißwachs aufzählt. Das sind, da es sich um den Zeitraum von 1806 – 1902 handelt, über 30 Prozent oder fast der dritte Theil aller Ernten. Doch das sind noch lange nicht alle Mißernten, außerdem Mißwachs haben auch Heuschrecken, Käfer, Mäuse, Hessenfliegen und Hagel die Zahl der Mißernten bedeutend erhöht. „Es ist unglaublich,“ so lesen wir in einem kirchlichen Bericht vom Jahre 1884, „welche Heimsuchungen über das Kirchspiel Grunau seit seiner Gründung in fast ununterbrochener Reihenfolge ergangen sind.“ Außer den Steppenplagen: Heuschrecken, Getreidekäfer, Rinderpest usw., hatte der Bezirke sieben Mal furchtbare Viehseuchen, ein Mal von der Cholera zu leiden.
Wiederholt verwüsteten orkanartige Hagelstürme nicht nur die Felder, sondern auch die Gebäude, 21 Tage hielt der Schneesturm an, der im Jahre 1848 mit seinen Schneemassen das Dach das Pastoratsgebäudes und andere Häuser zum Einsturz brachte.
Nikolai Sverchkov, Troika in Winter7
Viel Energie, Muth und Ausdauer hat dazu gehört, alle diese elementaren Schwierigkeiten zu überwinden und in erbittertem Kampfe dem Boden denjenigen Ertrag abzuringen, auf welchem der gegenwärtige Wohlstand sich gründet. Leider sind die alten Kolonien im allgemeinen bereits seit einer Reihe von Jahren in ihrer Entwicklung stehen geblieben, wo nicht gar zurückgegangen, weil die rationelle Bearbeitung des Bodens mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt gehalten hat. Jene glänzenden Erträge, womit in früheren Jahren der jungfräuliche Boden mit einem Schlage, den Landmann für eine ganze Reihe von Mißernten entschädigte, gehören jetzt bereits in das Gebiet der Sage. Und doch will der Kolonist immer noch nicht mit dem alten Zopf der Raubwirthschaft aufräumen. Bessere Bearbeitung des Bodens, sorgfältige Düngung, gründliches Studium der Landwirthschaft, gemeinnützige Bestrebungen, Einmüthigkeit im Ordnen aller Gemeindeverhältnisse, bessere Ausbildung der Söhne und namentlich auch der Töchter – das sind die Aufgaben der Kolonieen für das zweite Jahrhundert ihres Bestehens. Daß so etwas nur auf dem Grunde der Gottesfurcht und milder christlicher Sitten möglich ist, muß die Ueberzeugung aller werden. Es giebt jetzt schon nicht wenige intelligente Landwirthe, die energisch eine bessere Bewirtschaftung ihres Landes mit Erfolg anstreben und den Säumigen ein Beispiel geben, welches wie wir hoffen, seine gute Wirkung nicht verfehlen wird.
J.S.
1 Zeitungsartikel, erschienen in „Der Staats-Anzeiger, Bismarck, N.D.“ 26.12.1912, Abschrift wie im Original und kommentiert: J. Rzadkowski
2 Karte der Postämter im Russischen Reich, Iljin, Alexis Afinogenovich. Sankt Petersburg: A. Iljins kartografische Einrichtung, 1878. – mit 3 Einschüben: Asiatisches Russland mit der Region Turkestan, Umgebung von Moskau, Umgebung von Sankt Petersburg, KBR Kartensammlung
3Busch theilt in seinen ,,Materialien zur Geschichte und Statistik der evangelischen Gemeinden Rußlands“ über diese vier leztgenannten Kolonien Folgendes mit:
Die Bewohner derselben sind würtembergische Separatisten, die sich hier im Jahre 1822 niederließen und eben wie die Kolonisten in Grusien durch den damals in Würtemberg herrschenden Rationalismus aus ihrem Vaterlande getrieben wurden. Etliche von ihnen ließen sich in Bessarabien in den Kolonien Sarata, Gnadenthal und Lichtenthal nieder und stellten sich unter den Schutz des Consistoriums; jene vier Kolonien wollten aber eine Art Brüdergemeinde bilden und erbaten fich dazu das Privilegium, ihre kirchlichen Angelegenheiten selbst ordnen und verwalten zu dürfen. Mit dieser Selbstverwaltung wollte es aber nicht gehen und schon im Jahre 1843 waren diese Kolonien einer völligen kirchlichen Auflösung nahe, vor welcher sie nur durch die Berufung des Pastors Wüst als „geistlichen Vorstandes“ sich retten konnten. Wüst war ein Mann des Volkes von seltener Energie und Beredtsamkeit und frischem Glaubensleben. Er hatte sich bald die Liebe und Achtung aller Parteien erworben und dieselben wurden einig in der Anhänglichkeit an seine Person.
Wüst’s Eigenthümlichkeit sagte auch deßwegen jenen Leuten so zu, weil er sein geistliches Amt ganz in den Hintergrund stellte und nur als Bruder unter ihnen weilte und wirkte. Er that dies nicht aus Politik, sondern aus eigener Ueberzeugung; er hatte in dieser Beziehung sehr freie Ansichten und sprach dieselben auch unverhohlen gegen seine Gemeinde aus. Die Folge war, daß das Parteiwesen gegen Ende seines Lebens sich doch wieder erhob, und als kurz vor seinem Tode ein gewisser Hotmann, ein Kolonist aus der Krim, in seine Gemeinde kam und daselbst für die Hopfer- und Springersekte wirkte, vermochte er der Bewegung nicht mehr Herr zu werden und starb im Jahre 1859 an gebrochenem Herzen.
Er hatte in seiner Gemeinde, wie es scheint, anstatt der gehaltenen Choralmelodien oft Arienweisen singen lassen, und daran knüpfte Hotmann an. Die Leute klopften erst den Takt mit den Fingern zum Gesang, wurden aber mehr und mehr elektrisirt und fingen an in geistlicher Freude zu hopfen und zu springen. Besonders soll sich dieses Unwesen zeigen, wenn sie zusammenkommen, das heilige Abendmahl zu feiern, wo sie auch von dem Weine etwas mehr zu trinken scheinen, als ihnen gut ist, und dann vom heiligen Geist zu ausgelassener Freude gestimmt werden.
Matthäi, F.: Die deutschen Ansiedlungen in Rußland. Ihre Geschichte und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für die Vergangenheit und Zukunft. Studien über das russische Kolonisationswesen und über die Herbeiziehung fremder Kulturkräfte nach Rußland. / Von Friedrich Matthäi, Offizier der Königl. Sächs. Armee, corresp. Mitglied der Keiserl. freien ökonomischen Gesellschaft, sowie der Gartenbaugesellschaft zu St. Petersburg. – Leipzig: Hermann Fries; Gera: C. B. Griesbach, 1866, p96f:
4 Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland 1853 Nr. 1, auf Mikrofilm, CMBS
5Die Kolonien in Bessarabien und in dem Gouvernement Cherson. Atlas der Evangelisch – Lutherischen Gemeinen in Russland. St. Petersburg. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg, 1855
6Hessenfliege, Getreideverwüster (Cecidomyia destructor), Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 453-455 (zeno.org), gemeinfrei
Original von 1912 bearbeitet und ergänzt: J. Rzadkowski
(eingesandt von Jakob Sommerfeld Karlsruhe im Kaukasus)1
(5. Fortsetzung)
4. Die Kolonistenbezirke Neusatz und Zürichthal in der Krim
Gleichzeitig mit der Ansiedlung des Großliebenthaler Kolonistenbezirks und mit der Ankunft der ersten Molotschnaer Kolonisten in den Jahren 1804 und 1805 langten im wesentlichen aus denselben Stammgebieten die Krimer Ansiedlerpioniere an.
Karte Großliebentaler Kolonien2
Der ehemalige Neusatzer Kolonistenbezirk bestand aus den Kolonien Neusatz, Friedenhal, Rosenthal und Kronenthal, der ehemalige Zürichthaler Kolonistenbezirk aus Zürichthal, Heilbrunn und Sudak, welches erst 1812 gegründet wurde.
Karte Ausschnitt Krim aus der Karte Die Kolonien in den Gouvernements Jekaterinoslaw und Taurien 18553
Auch von ihnen kann im allgemeinen leider nicht gesagt werden, was den Kolonisten der zweiten Molotschnaer Ansiedlung nachgerühmt wird, daß sie genügende Kenntnisse vom Ackerbau hatten. Während die übrigen Kolonisten fast alle 60 Dessjatinen4 Landes auf die einzelne Wirthschaft erhielten, begnügten diese sich mit 30 bis 40 Dessjatinen, und selbst das war ihnen zu viel. So haben die Liebenthaler Kolonisten vermöge der Abneigung gegen einen größeren Landbesitz es dahin zu bringen gewußt, daß sie statt 60 nur 48 Dessjatinen Land auf die Wirthschaft besitzen.
Vierzig Schweizerfamilien waren es welche sich im Herbst 1803 unter der Leitung eines gewissen Herrn von Escher5 in Konstanz am Bodensee versammelten. Seidenweben und Baumwollspinnen war in der Heimath ihre Beschäftigung gewesen. Von Konstanz setzten sie per Boot über den Bodensee nach Mörsburg, um sich in Ulm den Wellen der Donau anzuvertrauen. In Wien rasteten sie 14 Tage. Von Preßburg begaben sie sich nach Rosenberg in Oberungarn, um da selbst Winterquartier aufzuschlagen. Als sie im Frühjahr 1804 aufbrachen, waren sie bereits 30 Personen weniger; diese waren infolge von Krankheit und Armuth ins Grab gesunken. Unterwegs gesellten sich noch neue Auswanderer zu ihnen, und auf diese Weise verstärkt, langten sie in der Umgegend von Feodosia an.
Reiseweg6
Ihren ersten Aufenthalt fanden sie auf einem dem Herrn General von Schütz gehörigen Gute, namens Karakoos. Das tatarische Dorf Oschailan, welches die Krone für sie erstand, wurde ihre Heimath, wohin sie zu Ostern 1805 übersiedelten. Zürichthal nannten sie ihr junges Nest zur Erinnerung an die alte Heimat. Wenn der Schweizer singt:
so ist darin alles Leid, alles Sehnen, alles ängstliche Bangen ausgedrückt welches die einsamen Pioniere in der ersten Zeit ihrer Ansiedlung unter den Krimischen Tartaren durchzukosten hatten. Bereits die Hälfte von ihnen war in einigen Jahren in jenes Land gegangen, wo der Christenglaube keinen Trennungsschmerz mehr kennt. Nicht einmal die letzte Ehre konnten die Hinterbliebenen ihren verstorbenen Lieben erweisen: in Lumpen gehüllt wurden diese ohne Bahre und Leichenzug unter bitteren Thränen der fremden Erde anvertraut. Sprache und Landessitten waren ihnen vollständig fremd, Lehrer und Seelsorger nicht vorhanden. Nicht einmal einen Brief verstanden sie in ihre alte, liebe Heimath zurückzubefördern.
Erst im Jahre 1822 traf der erste Pfarrer, Heinrich Dietrich7 aus der Schweiz, bei ihnen ein, und mit ihm begann das Aufblühen des hübschen Schweizerdorfes in den taurischen Bergen.
Kurz vor der Ankunft des ersten Pastors war auch der Bau des ersten Kirchleins vollendet worden. Zürichthaler und Neusatzer, sowie auch einige Molotschnaer, Mariupoler und Berdjansker Kolonisten sind es gewesen, welche in hervorragender Weise dazu beigetragen haben, die Halbinsel Krim, welche ihnen längst zu einer lieben Heimath geworden auf jene Stufe der Kultur zu heben, deren sie sich gegenwärtig erfreut.
Krim und Molotschna scheinen sich in letzter Zeit die Hand gereicht zu haben, um in rastlosem Vorwärtsstreben die Kultur und Ertragfähigkeit des südrussischen Bodens zu heben, den Absatz der Produkte zu erleichtern, die Intelligenz durch ein verbessertes Schulwesen zu fördern und so Gott und dem Vaterlande mit gutem Gewissen zu dienen. Glückauf zu diesem edlen Streben! Der Erfolg wird nicht ausbleiben!
Pastor Heinrich Dietrich7Um 1820 gab es das erste Gotteshaus, 1860 wurde ein Neubau eingeweiht, der auf einer Anhöhe zwischen Ober- und Unterdorf stand.
5. Die ehemaligen Kolonistenbezirke Glücksthal Kutschurgan und Beresana.
Ausschnitt mit dem Kolonien im Gouvernement Cherson 18558
Wie mag es den drei schwäbischen Familien wohl zu Muthe gewesen sein, welche im Jahre 1803 in dem armenischen Städtchen Grigoriopol am Dnjestr zunächst angesiedelt wurden! So hilflos und verlassen wie etwa die Zürichthaler Kolonisten in der Krim waren sie unter den sesshaften Armeniern freilich nicht, doch wird die Freude groß gewesen sein, als zwei Jahre darauf (1805) noch 67 württembergische Familien und 1807 24 Familien aus Ungarn sich zu ihnen gesellten. Diese Nachzügler waren mit den Goßliebenthaler und Freudenthaler Kolonisten zusammen in Rußland angekommen. 1808 und 1809 kamen die ersten Bewohner der Chersoner Kolonisten Rohrbach, Worms, Gücksthal, Neudorf, Bergdorf, Kassel, Selz, Kandel, Straßburg, Baden, Landau, Speier, Karlsruhe, Sulz, Mannheim und Elsaß in Rußland an. Auch von ihnen gesellten sich einige Familien zu den Kolonisten in Grigoriopol. Zwischen diesen Kolonisten und den Armeniern Grigoriopols entstanden Streitigkeiten, und der Generalgouverneur, Herzog von Richelieu, dem die Sache vorgestellt worden war, hielt es für gut, die Deutschen von den Armeniern zu trennen und sie mehr in der Mitte des ihnen angewiesen Areals anzusiedeln. Zu diesen Zweck wurden sie 1808 in das Moldovanerdorf Linoi überführt, während die Moldovaner aus Linoi an ihrer Stelle in Grigoriopol rückten. Die Deutschen, welche nach dem Plan der Regierung sich mit den Armeniern in Grigoriopol verschmelzen sollten, selbstverständlich als ein großes Glück angesehen und infolgedessen ihre neue Heimath Glücksthal genannt.
Im Jahre 1811 wurde Glücksthal mit Neudorf, Bergdorf und Kassel zusammen als Kirchspiel bestätigt. Der erste Pastor hieß Krusberg; er wurde bereits im Jahre 1816 wegen Unmoralität abgesetzt. Vom Jahre 1825 an jedoch besaß Glücksthal Prediger, die für das Wohl der Gemeinde ernstlich sorgten und im Verein mit den Ortsvorstehern viele Mißbräuche durch die Einführung von Zucht und guten Sitten abschafften. Das erste Kirchlein hatten die Glückstaler von den Moldowanern geerbt. Es wurde aber im Jahre 1832 wegen Baufälligkeit versiegelt und 1840 abgerissen. Anno 1843 wurde der Grundstein zu einer neuen Kirche gelegt, welche 1845 eingeweiht werden konnte.
Kirche Glücksthal, neu erbaut 1843-1845
Pastor Johann Bonekemper (1795-1857)9
Im Jahre 1824 wurde das Kirchspiel Worms-Rohrbach von Großliebenthal abgezweigt. Der erste Pastor war der bekannte „alte Bonekemper“, der Beförderer des kirchlichen Pietismus in den südrussischen Kolonien. Von Haus aus reformirt, führte er einen feindlichen Gegensatz zwischen den in Frieden nebeneinander lebenden und zu einer Kirche gehörenden Lutheranern und Reformierten herbei. Auch artete unter seinem bedeutenden Einfluss die pietistische Richtung in einigen Gemeinden des Gouvernements Cherson in ein ungesundes, schwärmerisches Wesen aus. Die konfessionellen Streitigkeiten führten endlich dahin, daß eines Tages ein ministerieller Befehl das Kirchspiel Rohrbach-Worms für reformiert erklärte, was zur Folge hatte, daß Johannisthal und Waterloo ein lutherisches Kirchspiel bilden. Dadurch waren aber die Lutheraner in Worms, unter welchen eine maßlose Propaganda zu Gunsten der reformierten Kirche getrieben wurde, nicht befriedigt, und sie traten zu einem besonderen Kirchspiel zusammen. Der Streit wurde, wenigstens äußerlich, erst dadurch geschlichtet, daß der Minister des Innern im Jahre 1885 erklärte, die beiden bisherigen Kirchspiele Johannisthal-Waterloo und Worms-Rohrbach sollen hinfort nur ein lutherisches Kirchspiel unter dem Namen Worms-Johannisthal bilden. Das reformierte Kirchspiel Rohrbach-Worms ist in seinem Bestande dadurch gesichert, daß ihm sämmtliches Kircheneigenthum, darunter auch 120 Dessjatinen Land, zugewiesen worden ist.
Während die östlichen Kolonieen an der Molotschna und in der Krim sowohl, als auch bei Mariupol und Berdjansk sich mehr auf wirtschaftlichem und zum Theil auf dem Gebiet der Schule hervorgethan haben, zeichnen die westlichen Ansiedlung der Bezirke Großliebenthal und Glücksthal, namentlich aber diejenigen der Beresana durch religiöse Bestrebungen oft recht unfruchtbarer Art aus. Immernoch hat sich die Religiosität dieser Leute nicht geklärt, obwohl den diesbezüglichen Streitigkeiten und Reibereien manches im Wirthschaftswesen und vorzugsweise auf dem Gebiet der Schule bereits zum Opfer gefallen ist. Es ist unglaublich, wohin der im kirchlichen und religiösen Gewande einherschreitende Oppositionsgeist hier in vielen Fällen geführt hat. Möge auch hier die aus einem ernsten Vorwärtsstreben erwachsene Selbsterkenntnis und Demuth bald zu einer besseren Aera führen. Möge die äußerlich so strenge Religionsausübung einem lebendigen Gottvertrauen und die Kehrseite der Selbstgerechtigkeit: Rohheit Trunksucht und Sauflust, bald milderen, wahrhaft christlichen Sitten Platz machen, dann wird Landwirthschaft und Schule, Gemeinde und Kirche in edlem Wetteifer jene herrlichen Früchte zeitigen, nach welchen die besten und edelsten Köpfe gerade unter diesen Kolonisten von jeher so ernstlich getrachtet haben.
6. Kolonie Hoffnungsthal im Chersonschen Gouvernement.
Wenn wir im nachstehenden die Entstehungsgeschichte der Kolonie Hoffnungsthal kurz behandeln, so folgen wir dabei im wesentlichen dem Bericht des Herrn Pastors M. Fr. Schrenk in seinem Büchlein: „Aus der Geschichte der Entstehung und Entwicklung der evangelisch-lutherischen Kolonien in den Gouvernements Bessarabien und Cherson“, welches im Jahre 1901 im Selbstverlage des Verfassers erschienen ist.
Nicht weniger als 1400 Familien machten sich im Frühling des Jahres 1817 auf, um aus Württemberg, ihrer bisherigen Heimath, auszuwandern. Ihr Ziel war weiter, als das aller anderen Ansiedler Südrußlands. Sir wollten nämlich, durch die Schriften Jung Stillings angefeuert, in Grusien vor den Drangsalen der antichristlichen Letztzeit einen sicheren Bergungsort suchen, wo sie ungestört ihres Glaubens leben könnten. Ein längeres Verbleiben in ihrer Heimath schien ihnen deshalb unmöglich, weil der Nationalismus im Kirchenregiment und der Unglaube in den Gemeinden immer weiter um sich griffen. Sie kamen bei der russischen Regierung mit der Bitte ein, ihnen in ihren weiten Gebieten eine Heimath mit dem Recht der kirchlichen Selbstverwaltung und der Wahl und Berufung ihrer Geistlichen zu bieten. Die Bitte wurde gewährt und der Beschluß zur Auswanderung endgültig gefaßt. In 14 Kolonien oder Abtheilungen reisten sie, wie alle südrussischen Auswanderer, von Ulm in vollgepfropften Ruderböten donauabwärts. Die Cholera und andere epidemische Krankheiten rafften viele schon auf der Reise dahin. Als sie in Odessa angekommen waren, sollten sie von dem damaligen Oberfürsorger für die ausländischen Kolonisten, General von Insow, veranlaßt werden, sich in der Nähe von Odessa anzusiedeln. Doch beharrten die meisten bei ihrem Vorsatz, nach Grusien zu ziehen, nur 300 Familien beschlossen zu bleiben. Einige von diesen 300 Familien gründeten im Jahre 1818 die Kolonie Töplitz in Bessarabien und Johannisthal und Waterloo im Chersonschen, während die übrigen, namentlich die zur Eßlinger, Walddorfer und Weissacher Kolonie gehörenden, sich auf dem ihnen angewiesenen Landgute „Zebricko“ im Tiraspoler Kreise niederließen und die Kolonie Hoffnungsthal bildeten. Im nächsten Jahre schon verließen jedoch nicht wenige Familien den eben erwählten Wohnsitz, um ihren Brüdern nach Grusien zu folgen. Die Zahl der Zurückgebliebenen erwies sich als zu gering, um das ihnen zugedachten Landgut in Besitz und Bearbeitung zu nehmen. Deshalb wurde ihnen die Erlaubnis ertheilt, von den angekommenen und in den Kolonien hin und her verteilthen Einwanderern so viele anzuwerben, bis die erforderliche Anzahl von Familien sich wieder zusammenfand, was im Jahre 1819 schon der Fall war. Diese Familien wurden unter der Bedingung aufgenommen, daß sie die religiösen Anschauungen der Hoffnungsthaler theilten.
Auf dem Landgut Zebriko befanden sich, wie in Nr. 7 des Jahrganges 1851 des „Unterhaltungsblattes“ berichtet wird, 17 baufällige Häuschen ohne Dach und innere Einrichtung und zu 15 anderen waren Steine und etwas Holz vorhanden. Diese unvollendeten Bauten hatte die Krone für bulgarische Ansiedler errichten lassen. Jedem der ersten 64 Wirthe wurden 500 Rbl. Banko zu Bauholz, Vieh und landwirthschaftlichen Geräten von der Krone vorgeschossen. Die später da dazukommenden 30 Wirthe erhielten einen abermaligen Vorschuß von 3000 Rbl. Banko. Außerdem standen den Ansiedlern 10.000 Rbl. Silber an zusammengebrachtem eigenem Vermögen zu Gebote. Da der Kolonie in früheren Jahren viel fremdes Land in der Umgehend zu Gebote stand, so hat der Ackerbau hier steht ihren Blüthe gestanden. Gute Ernten und Getreidepreise haben den Wohlstand sehr befördert.
Unterhaltungsblatt Nr. 7/185110
Die Kolonie hat dank ihren tüchtigen Prediger, Pöschel von 1837 – 1856 und Becker 1863 – 1887, welche sich aus dem Auslande berief, das Verdienst, inmitten der religiösen Wirren der übrigen Chersonschen Kolonien einen gesunden christlichen und kirchlichen Sinn nebst guten Sitten und Ordnungen sich bewahrt zu haben. Wohl hat es auch hier einige Aufregung gegeben, als die Gemeinde im Jahre 1888 unter das Ressort des St. Petersburgischen evangelisch-lutherischen Konsistoriums trat, aber die Wellen haben sich gelegt und der alte nüchterne evangelische Glaube ist in vielen Gliedern unerschüttert geblieben.
Kirche Hoffnungsthal 1926, rechts hinten die Schule. Der Glockenturm mit drei Glocken unterschiedlicher Größe, wurde je nach Bedarf mit unterschiedlichen Glocken geläutet. Das Dach war aus grün gestrichgenem Blech, die Wände, Kirchhofmauer weiß gekalkt, auf der Spitze des Daches ein sich drehender Hahn als Wetterfahne.11
Hier sehen wir, wie wohlthätig nüchternes Christenthum und bürgerlicher Fleiß sich gegenseitig zum Wohl des Menschen beeinflussen. Das Gebet befördert die Arbeit und die Arbeit das Gebet. So lange in einer Gemeinde beides in nüchternem Ernst geübt wird, bleibt jener lähmende Oppositionsgeist fern, welcher das Lebensmark und die Zufriedenheit des Bürgers verzehrt, und es herrscht stattdessen jene Liebe und jenes Vertrauen unter Gleichgestellten, Vorgesetzten und Untergebenen, zwischen Gemeinde, Lehrer, Seelsorger und Beamten, welches zu froher Arbeit belebt, die Freude am Dasein erhöht und die Gesundheit in jeder Hinsicht befördert. Möge es in Hoffnungsthal stets also bleiben und an anderen Orten, wo es dringend noth thut, bals so werden!
2 Atlas der Evangelisch – Lutherischen Gemeinen in Russland.“ St. Petersburg. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 1855.
4 1 Dessjatine = 2400 Saschen² = 10.925,3975 m² ≈ 1,1 ha
5 Caspar Escher vom Glas (1755-1831), Kaufmann, Stetrichter und Rittmeister, wanderte nach der Liquidation seiner Handelsfirma mit drei Söhnen 1789 nach Russland aus – Zürcher Taschenbuch, Band 118, Beer, 1997, p300ff
7 die Basler Missionsgesellschaft schickte Pfarrer Heinrich Dietrich (4.9.1794-4.9.1827) aus Schwerzenbach nach Zürichtal. Bild QS-30.001.0025.01, Reference: BMA QS-30.001.0025.01 Title: „Dietrich, Heinrich. “ Creator: unknown Date: 1822 “Dietrich, Heinrich. ,” BMArchives, accessed January 10, 2024, https://www.bmarchives.org/items/show/100206818.
8Die Kolonien in Bessarabien und in dem Gouvernement Cherson. Atlas der Evangelisch – Lutherischen Gemeinen in Russland. St. Petersburg. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg, 1855.
10 Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland 1851 Nr. 7, auf Mikrofilm, CMBS
11 Georg Leibbrandt: Hoffnungstal und seine Schwaben: die historische Entwicklung einer Schwarzmeerdeutschen Gemeinde, als Beispiel religiös bestimmter Wanderung und Siedlung und als Beitrag zur Geschichte des Rußlanddeutschtums; Bonn 1980, p133
Original von 1912 bearbeitet und ergänzt: J. Rzadkowski
(eingesandt von Jakob Sommerfeld Karlsruhe im Kaukasus)1
(4. Fortsetzung)
„Der gute Herr Betmann2“ – so berichtet Ernst Walther weiter – „hatte Tag und Nacht zu thun mit Ertheilung der Reisepässe nach Südrußland und, dank ihm! es war ihm keine Mühe zu viel und er machte den Armen keine überflüssige Stunde Aufenthalt. Begleitet von seinen Glückwünschen betraten wir, in Kolonnen getheilt, hoffnungsvoll den Weg, wie uns der Zufall zusammenführte. Wer kein Fuhrwerk hatte, lud seine Habe auf einen Schubkarren; die Mutter band ihren Säugling oben darauf und spannte sich selbst mit einer Zugleine vor den Karren, während ein kleiner 7- bis 8jähriger Knabe, sich am Rocke der Mutter haltend, nebenher trabte und dieselbe mit den Worten tröstete: „Mutter, muscht nit heule, kommer bald zum Russema, der hat viel Brot und Salz. Gelt Mutter, dort finde uns d´ Franzose nit, der Russema stot vor Thüre na und lasst se nit rei, derno dersemer unser eins selber esse.“
Abschied – deutsche Emigranten auf dem Kirchhof3
Jenseits Offenbach bei Frankfurt a. M., am sogenannten Wäldel, sah man unter dem Schatten der Bäume alltäglich mehrere Reisefertige gelagert, Fußgänger zu Fußgängern, Karrenschieber zu Karrenschiebern, Fuhrwerke zu Fuhrwerken gruppierten sich gesellschaftlich zusammen. Württemberger, Badener, Hessen, Pfälzer und Elsässer ein gemeinsames Ziel verfolgen; jede Stunde erschallten die Begrüßungen hinzukommender und sich dem Zug anschließender, alle von Herrn Betmann mit Pässen versehener Auswanderer: „Woher? Wohin? Schließen wir uns euch an, um mit euch eure Hoffnungen zu theilen! Brüder! Wischt den Staub aus den Augen und laßt uns gemeinschaftlich ziehen! Holla! Holla! Vorwärts!“
Titelbild des Buches „Er zog anno 1816 mit seinen Kindern nach Polen ohnweit Warschau“ : die pfälzische Auswanderung nach Mittelpolen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“4
Grodno war der erste Sammelplatz dieser Ansiedler auf russischem Boden. Hier kamen die Wohlhabenden etwas früher in der besten Stimmung transportweise an, während die Armen mühselig und allmählich nachfolgten. Im Auffahrtshofe bei Ivan Kulikowsky feierten sie dem Geber alles Guten ein Dankfest. An einem fröhlichen Abend wurde die Gesundheit Sr. Majestät des Selbstherrschers aller Reußen ausgebracht und am anderen Morgen die Einwanderung angetreten. Der Empfang der Nahrungsgelder bis Jekaterinoslaw hatte ihnen sehr wohlgethan. Sie waren in mehrere Kolonnen getheilt, von welche jede einen Obmann oder Anführer hatte. Im Verlauf der Herbstmonate des Jahres 1809 trafen sie allmählich in die Jekaterinoslaw ein, wo das Vormundschaftskomtoir für ausländische Ansiedler seinen Sitz hatte. Manche waren unterwegs dem Einfluß der ungewohnten Lebensweise und der Strapatzen der Fußtour erlegen. Der Vormundschaftskomptoir sorgte nun für die bestmögliche Einquartierung der Ankömmlinge in den bereits bestehenden deutschen Kolonien Josefsthal, Rybalsk, Großweida, im Chortitzer und Molotschnaer Mennonitenbezirk und in den ersten Ansiedlungen der Molotschnaer Kolonisten. „Die durch Sterbefälle entstandenen Lücken wurden zwischen Witwern, Witttwen und Jungfrauen größtenteils ausgefüllt, so daß im eigentlichen Sinne sehr wenig Verwaiste übrig blieben.“
Diese zweite Ansiedlung von Molotschnaer Kolonisten bestand aus etwa 600 Familien. Der größte Theil von ihnen besaß in ganz richtige Begriffe von der Landwirtschaft. Bei der Ansiedlung wurde leider keine Rücksicht auf den Unterschied der Konfession und Nationalitäten genommen, so daß die verschiedensten deutschen Landsleute, sowie Lutheraner, Kalvinisten und Katholiken nebeneinander und durcheinander zu wohnen kamen, was dem Frieden und der gedeihlichen Entwicklung sehr hinderlich war. Es wird diesen Pionieren der zweiten Ansiedlung zum Vorwurf gemacht, daß sie bei der Ansiedlung eben weiter nichts im Auge hatten, als möglichst schnell und an einem möglichst bequem gelegenen Platze Land zu bekommen. Doch für die damalige Zeit war das in gewissem Sinne entschieden ein Vorzug und bedeutete einen nicht geringen Fortschritt in der Geschichte der Kolonisation, denn viele der anderen Kolonisten hatten zu schwache Begriffe vom Landbau, als daß sie den Besitz des Landes überhaupt hätten schätzen können.
Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897.5
Die ersten Jahre der Niederlassung beschreibt Ernst Walther folgendermaßen: „Die Steppe über dem Thalufer war gänzlich unbewohnt und wurde nur von herumziehenden tatarischen Hirten (Nomaden) jährlich einige Male besucht, die den üppigen Wuchs des Grases nicht hemmten.“ „Noch bei der zweiten Ansiedlung haben solche Schäfer die Gegend besucht und mit Verwünschungen über Pflug, Grabscheit und Baumzucht durchzogen. Nach ihrem Bedürfniß ist ihnen eine lange Reihe von Jahren hindurch diese Gegend vom Urgroßvater her als Paradies vererbt gewesen und nun erschien ein in ihren Augen abscheuliches Volk, dessen Sprachlaute ihren Ohren widerlich berührten, um in diesem „gesegneten Lande“ das Unterste nach oben zu kehren.
Tatarische Steppe6
Weder ihre Gebete, noch ihre Verwünschungen wurden erhört, der Pflug zog Grenzen und zur Ansiedlung wurde im Frühjahr 1810 rasch geschritten. Jeder Familie wurden 60 Dessjatinen7 Landes zugetheilt und von Seiten der Behörde ein Vorschuß von 200 Rubel Banko gezahlt zu Anschaffung zweier Pferde, eines Wagens, einer Kuh, und für Saatfrucht, die zum Theil aus weiter Ferne geholt wurde. Damals kaufte man für 200 Rbl. mehr, als heute für 600 (das ist geschrieben im Jahre 1849! Anmerkung des Verf.); Bauholz zu einem 8 Faden8 langen und 4 Faden breiten Wohngebäude zur Stelle geschafft, bestand in dem Werthe von etwa 105 Rbl. Banko.“
Beispiel eines einfachen Pfluges, Foto von 1922, Kreis Mariupol 1922 (World ORT)
Die erste Ernte dieser neuen Siedler fiel schlecht aus. Wildheit des Bodens, schlechte Ackergeräthe, mangelhafte Aussaat, trockener Sommer waren die Ursachen. Der fünfte Theil der Ansidler erntete nur das Brot. Darauf folgte der „französische Winter“ des Jahres 1812. Sechs Wochen unausgesetzt Schneegestöber, 20 bis 26 Grad Kälte, große Armuth – das alles war nicht gerade geeignet, die in Erdhütten eingeschneiten, durchs Kamin aus- und einkletternden, landesfremde Westeuropäer in ihren leichten Zwilchkitteln zu ermuthigen. Den langen, bangen Winter hindurch wurden Ermangelung von Mühlen das Getreide zum Theil roh gegessen. Der Gedanke, daß der Feind endlich bei Moskau sein Ende gefunden, war die schönste Genugthung, und als endlich der späte Frühling ins Land zog, ging man frisch ans Werk für Gott, Kaiser und das neue Vaterland.
Postkarte mit Erdhütte in Antonowka am Styr9
Trotzdem das Molotschnaer Klima gesund ist, erkrankten im Laufe der ersten zwei Jahrzehnte doch viele deutsche Ansiedler und manche mußten in ein frühes Grab gesenkt werden. Aus Mangel an Geld war man auf Tauschhandel angewiesen. Wie gering die Preise der landwirthschaftlichen Erzeugnisse damals waren und wie theuer der Landmann diejenigen Waaren bezahlen mußte, die er brauchte, beweist die von Ernst Walther berichtete Thatsache, daß man für ein Maß10 Kalkerde ein ebensolches Maß Roggen, für ein Pud11 Salz zwei Pud Weizen gab. Bei einer Fahrt von 100 bis 200 Werst12 erhielt man für ein Pud Weizenmehl den damals hohen Preis von einem Rubel Banko. Roggenmehl mengte man unter den Kalk zum Tünchen der Wohnung.
In Bezug auf die Ackergeräthe jener ersten Zeit erzählt Ernst Walther folgendes: „Die Ackergeräthe waren in einem elenden Zustande. Pflüge und Wagen waren zuweilen von der lächerlichsten Zusammensetzung, z. B. ein kleinrussischer Unterflug auf einem deutschen Karren, sogenannte Tschumackenräder am deutschen Wagengestell und umgekehrt. Die neuen Geräte waren theils aus über Uebereilung, theils aus Mangel an geschickten Handwerkern schlecht geraten. Am besten waren noch die von Mennoniten erhandelten Ackergeräthe. Weil dieselben aber alt und abgängig waren veranlaßten sie bald eine zweite Ausgabe.“
Wie hoch die Mennoniten in ihrem Wohlstande damals über ihren Nachbarn aus Süd- und Mitteldeutschland standen, zeigt folgende Anmerkung Walthers:
„… Man muss gestehen, daß hinsichtlich des Ackerbaus die Kolonisten von den Mennoniten manchen Handgriff erlernt und vielseitige Hilfe genossen haben; denn jene theils schon vor Ablauf des vorigen und beim Beginn dieses Jahrhunderts als geschlossene und bemittelte Brüdergemeinden auf noch günstigem Vorrechte hin aus Preußen eingewanderten Leute, reich an mancherlei Erfahrungen, waren zu jener Zeit schon an Wirtschaftsgeräthen und Gebäuden zu vortheilhaft eingerichtet, daß die Wünsche eines armen, so zu sagen vereinzelt dastehenden Kolonisten sich nicht von ferne erkühnten, einst auch diesen Standpunkt erreichen zu können.“
Der Molotschnaer Kolonistenbezirk bildete zunächst ein lutherisches Kirchspiel unter dem Namen Molotschna. Auf Verfügung der Kolonialbehörde traf im Jahre 1812 der erste Pastor, namens Sederholm, ein und ein Jahr darauf wurde der Grundstein zu der von der Krone erbauten Kirche gelegt, welche aber erst 1823 eingeweiht werden konnte. Dieses auf einem Hügel gelegene Kirchlein ziert heute noch den schmucken wohlhabenden Vorort Prischib, dessen städtischer Anstrich keine Erinnerung mehr an die Zustände jener Entstehungszeit aufkommen läßt.
Kirche Prischib13
Die Kolonistendörfer an der Molotschna stehen gegenwärtig wohl überhaupt unter den deutschen nicht mennonitischen Ansiedlungen im Süden Rußlands in der Kultur am höchsten. Möchte dieser Ruhm der Molotschna zum Sporn aller deutschen Brüder in unserem Vaterlande stets erhalten bleiben! Möchten Hochmuth und Selbstüberhebung verpönt sein, Fleiß aber und nüchterner Sinn im Verein mit unentwegtem Vertrauen zu Gott im Gehorsam gegen alle Obrigkeit zu einem solchen Fortschritt führen, daß alle die einst auf sie gesetzten Hoffnungen der Regierung sich auf das schönste erfüllen!
1 Zeitungsartikel, erschienen in „Der Staats-Anzeiger, Bismarck, N.D.“ 12.12.1912, Abschrift wie im Original und kommentiert: J. Rzadkowski
2 Simon Moritz von Bethmann, *31.10.1768 Frankfurt am Main, † 27.12.1826 Frankfurt am Main, evangelisch, Bankier, Abgeordneter, Hessische Biografie 4234
4 „Er zog anno 1816 mit seinen Kindern nach Polen ohnweit Warschau : die pfälzische Auswanderung nach Mittelpolen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, ISBN 978-3-00-026821-2, kann zum Preis von 22,50 Euro beim Autor Norbert Gottlieb, Auf der Mauer 3, 76831 Ilbesheim, Tel. 06341/30403 erworben werden
5 Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897
Der Saschen (auch russischer Klafter oder Faden) ist ein altes russisches Längenmaß. Er wurde 1116 als „dreifache Elle“ erwähnt und mindestens ab 1493 als großer Saschen bezeichnet. Der Abstand der Handspitzen der waagerecht zu den Körperseiten gestreckten Armen wird als »geschwungener Saschen« oder Machovaja Saschen bezeichnet und betrug etwa 1,76 Meter. Nach einer Verordnung vom 3. Januar 1843 hatte 1 Saschen ab 1. Januar 1845 die Länge von 3 Arschin oder 2,13356 Meter.
Das o.g. Gebäude wäre also ca. 17 x 8,5 m gewesen.
9 Feldpostkarte Ertser Weltkrieg (1914-1918) mit Erdhütte in Antonowka am Styr, Druck und Verlag Julius Kreß, Hoflieferant Kassel
10 Maß, ursprüngliches Hohlmaß, je nach Region 1-2, heite 1 Liter entsprechend
11 1 Pud = 40 Pfund (russisch) = 16,38 Kilogramm Bei Getreide rechnete man 8 bis 10 Pud und bei Mehl brauchte man 9 1⁄3 Pud für ein Kuhl oder Sack.
Original von 1912 bearbeitet und ergänzt: J. Rzadkowski
(Eingesandt von Jakob Sommerfeld Karlsruhe im Kaukasus1)
(3. Fortsetzung)
Die evangelischen Ansiedler des Liebenthaler Bezirks, welcher in einem Wolostamte vereinigt war, bildeten zwei Kirchenspiele; im Jahre 1803 das Kirchenspiel Großliebenthal unter dem ersten Pastor Pfersdorf und das Kirchspiel Freudenthal, welches sich im Jahre 1812 unter seinem ersten Pastor Graubaum von Großliebenthal abzweigte. Zum Kirchspiel Großliebenthal gehören die in den Jahren 1803 bis 1805 von Württemberg aus begründeten Stammkolonieen Großliebenthal, Alexanderhilf, und Neuburg. Zum Kirchspiel Freudental gehören die in den Jahren 1805 bis 1807 von Ungarn aus besiedelten Stammgemeinden Freudental und Peterstal, wogegen der anno 1805 von Handwerkern gegründete gegenwärtige Badeort Lustdorf, in der Nähe Odessas am Schwarzen Meer belegen, von Odessa aus kirchlich bedient wird.
Karte des Liebenthaler Bezirkes
3. Der Molotschnaer Kolonistenbezirk.
Dem Kolonisten der Kolonie Kostheim Ernst Walther verdanken wir eine ausführliche Beschreibung der Einwanderung jener Rheinländer, welche sich im Jahre 1809 an der Molotschna in einer stattlichen Reihe von Dörfern ansiedelten. Er schreibt als Augenzeuge, und so gewinnt sein Bericht eine Lebendigkeit und Anschaulichkeit, wie sie sonst in den Geschichtsquellen der deutschen Kolonien Rußlands vergeblich gesucht wird. Seine verdienstvolle Arbeit, welche eine poetische Zueignung und dito Schluß nicht fehlt, ist im Jahrgang 1849 des „Unterhaltungsblattes für deutsche Ansiedler im südlichen Russland“ abgedruckt.
Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland3
Zunächst waren es 250 aus Preußisch Polen und Pommern eingewanderte Familien, welche bereits im Jahre 1804 folgende 8 Kolonien gegründet hatten: Monthal, Neudorf, Rosenthal, Molotschna, Hoffenthal, Nassau, Weinau und Wasserau.
Kartenausschnitt – Deutsche Kolonisation im Osten2
Diese 250 Familien stammten ursprünglich aus Nassau- Usingen,Württemberg, Baden und Rheinbaiern. Unter diesen Dörfern ist damals schon Molotschna oder Prischib als ehemaliger Sitz des Edelmanns Dubinsky , dessen mitten in dem zur Ansiedlung bestimmten Länderkomplex belegenes Gut von der Regierung für anderes Land eingetauscht worden war, wo der Vorort, wo der Inspektor, Freiherr von Uxküll wohnt und das Bezirksamt sich befindet. Ein ehemaliger preußischer Rittmeister und Kolonist der Kolonie Nassau ist Oberschulz. Diese ersten Ansiedler haben sich schlecht in die neuen Verhältnisse hineingefunden. Sie hatten gehofft, in ein Schlaraffenland zu kommen oder in „ein Paradies, wo Milch und Honig fließt“, und siehe da, der Milchfluss Molotschna leider nur gemeines Wasser. Jetzt waren sie geneigt, bei der ersten besten Gelegenheit davon zu gehen. Das Interesse für Gespenster, Hexen und verborgene Schätze war größer als dasjenige für eine ernste Pionierarbeit auf landwirthschaftlichem Gebiet. Abgefeimte Betrüger beuteten den Aberglauben der armen Kolonisten zugunsten ihrer eigenen Tasche aus. Die Armuth und Niedergeschlagenheit dieser ersten Ansiedler wich jedoch allmählich einem muthvollen Vorwärtsstreben, seit im Jahre 1809 und 1810 neue Ansiedler aus den Rheinländern hinzugekommen waren.
Wir können es nicht unterlassen, die Beschreibung der Auswanderung nach Südrußland im Jahre 1809, der Ankunft und der gastfreundlichen Aufnahme, die man hier fand, zum Theil wörtlich folgen zu lassen:
„Die Freiheitskriege der Franzosen hatten seit dem Jahr 1796 bis 1805 die Rheinländer Deutschlands mehrmals mit ihren Siegespanieren überzogen, Einquartieren, durchmarschieren, rekrutieren, exkutieren, einkassieren, illuminieren disponieren, füssiilieren waren die schönen, hochklingenden Worte, die in den friedlichen Gauen Deutschlands angestaunt wurden.
„Da uns von den Siegern versichert wurde, daß in diesen neuen Wörtern Glück, Weisheit, Aufklärung, Freiheit, mit einem Worte: die ganze Bestimmung des Menschen, ja der Himmel auf Erden enthalten sei, machten wir gutmüthig die Augen zu und sperrten den Mund desto weiter auf. Es schüttelten wohl einige „Griesgrämer“ die Köpfe und wollten die Sache verdächtigen, weil die hohen Worte alle mit „ieren“ und endigten, erkühnten sich sogar, Unglück aus denselben zu prophezeien; allein wir gaben unseren glänzenden Siegern mit Vergnügen Brot, Kleidung, Wein, ja das Hemd vom Leibe für die schöne Versprechungen. „Brauchen wir, doch nichts mehr“, so hieß, „unser ganzes Leben uns abmühen, Glück und Seligkeit zu suchen.“ O, so lange wir noch etwas hatten, hörten wir oft: „Ah! die Deutsch is sik ein brav´Mann! Nur schad, daß nit aufgeklärt, wir magken bald ein klug Volk von die Deutsch.“ Um aber uns diesen Himmel zu öffnen, mußte die alte deutsche Reichsverfassung in ihren Grundfesten erschüttert werden, und endlich, nach der Schlacht bei Austerlitz, wurde unter dem Schutze Frankreichs allen altdeutschen Albernheiten (wie man sie nannte) der Garaus gemacht und auf immer des Landes verwiesen, die denn auch gutmüthig, wie ein dienstloser Lehrer, ihr Bündel schnürten und, einer besseren Zeit harrend, in den Winkel kochen.
„Der Friede gab uns nun Zeit auszuruhen und den Franzosenhimmel anzuschauen; allein die Siegesgöttin prangte längst in Paris in Gesellschaft ihrer würdigen Schwestern. Dir Schuppen fielen uns allmählich von den Augen; von der neunkernigen Nuß blieben uns nur oiere: einquartieren, rekrutieren, einkassieren und illuminieren übrig.
„Durch solche traurigen Folgen der uns vorgespiegelten Freiheit wurden viele Tausende in der Blüthe der Jahre dahingerafft, das stille, häusliche Glück der meisten Familien gestört oder auf immer zerstört.
„Die Auswanderungen nach Amerika, Preußen und Oesterreich hatten schon längst begonnen, aber Unbemittelte konnten so etwas nicht wagen. Da erscholl nach dem Frieden bei Tilsit in den deutschen Rheinlanden auf einmal eine Stimme aus dem fernen Osten, die rief:
„Kommet her, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch eure Last erleichtern. Kommet her, die ihr hungrig seid; ich will mein Brot mit euch theilen. Kommet her, die ihr betrübt seid; ich will euch trösten. Kommet zu mir alle, die ihre Kinder lieben; ich will sie euch erhalten. Kommet und empfanget den Segen, womit der Herr mich gesegnet hat.“
„Diese Stimme – wer von uns allen kann sie hier vergessen? – kam von der Majestät des Kaisers Alexander Pawlowitsch, dem Engel des Vaterlandes, dem Friedensengel Europas. Die letzten, sinkenden Kräfte wurden neubelebt. Als strahlender Himmelsbote trat der Aufruf des menschenfreundlichen Monarchen vor die Hütte der Armuth, die Stätte des Elends, die frohe Botschaft zu verkünden, welche wir mit Freundenthränen zujauchzten. „Ach Gott! Wenn´s nur auch wahr ist? seufzte die Armuth mit ungläubigem Kopfschütteln, „wir wären ja längst in die entfernteste Wüste gewandert, wie viele unserer Brüder, wenn nicht an Kraft gebräche.“
„Der Kaufmann Betmann4 in Frankfurt am Main hörte mitleidig dem Gespräch seine armen Landsleute zu und sprach: „Seht lieben Leute! Diese Nacht ist auch von Osten dieser Trost zugegangen.“ „Was ist´s, was? frug die Neugierde hastig. „Ein Papier, gedruckt mit deutscher Schrift, aus Rußland“ war die zauberisch klingende Antwort. Waren wir da entzückt und mit welcher Begeisterung lasen wir die in Rußland deutsch gedruckten Worte:
„Allgemeine Reglements, die Aufnahme fremder Kolonisten in Neurußland betreffend!“
Die Reglements, welche unser Gewährsmann Ernst Walther wörtlich wiedergiebt, bestehen aus 12 Punkten. Nach diesen Reglements durften keine Lockmittel angewendet werden, um die Leute zur Auswanderung zu bewegen. Alle diejenigen, welche diesen Wunsch hegten, sollten sich bei den Ministern, Residenten, Geschäftsträgern oder Konsuln Seiner Majestät melden. Nach eingeholter Erkundigung über ihre Umstände und Aufführung wurden ihnen dann die nöthigsten Reisepässe nach der russischen Grenze ertheilt. Jeder musste ein gerichtliches Zeugnis aufweisen, daß er ein guter Landwirth sei und seine Schulden berichtigt habe. Jede Person sollte wenigstens Tl. 300 in barem Gelde oder in Waaren bei der Auswanderung besitzen. Jede ledige Person mußte sich an eine Familie anschließen. Jeder Kolonist durfte außer der zollfreien Einfuhr seiner Effekten noch Waaren im Werth von 300 Rbl. auf die Familie behufs Wiederverkauf frei einbringen. Wer Rußland wieder zu verlassen wünschte, mußte außer den Geldern, die er der Krone oder sonst jemandem schuldete, eine dreijährige Abgabe seinem Stande gemäß entrichten. Auch musste er sein Land an jemanden verkaufen oder abtreten, der im Lande blieb. Wegen Ungehorsams und sonstiger Vergehen sollten die Kolonisten nach Entrichtung ihrer Kronsschulden über die Grenze zurückgebracht werden.
1 Zeitungsartikel, erschienen in „Der Staats-Anzeiger, Bismarck, N.D.“ 05.12.1912, Abschrift wie im Original und kommentiert: J. Rzadkowski
2 Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897.
3 Unterhaltungsblatt für deutsche Ansiedler im südlichen Russland 1849 Nr. 6, auf Mikrofilm, CMBS
4 Simon Moritz von Bethmann, *31.10.1768 Frankfurt am Main, † 27.12.1826 Frankfurt am Main, evangelisch, Bankier, Abgeordneter, Hessische Biografie 4234