Krim

„Ernte der Steppe“


Dr. August Heinrich Petermann 1856; H Eberhardt, Graveur.; W Alt, Graveur.; Klett- Perthes Verlag 1864

Lange bevor die Auswandererfamilien unserer Geckle-Ahnen die Halbinsel Krim besiedelten, lebte ein Gemisch verschiedenster Ethnien (Griechen, Iraner, Hunnen, Krimgoten und andere) in den Weiten der Steppe.

Etwa Mitte des 13. Jahrhunderts eroberten die mongolischen Turkvölker der Kiptschaken und Tataren die Halbinsel. Sie bildeten gemeinsam mit der vorhandenen Bevölkerung die Ethnie der Krimtataren, deren wichtigstes identitätsstiftendes Merkmal der sunnitische Islam war.

Nach dem Zerfall der mongolischen Goldenen Horde, die Russland zwei Jahrhunderte lang beherrscht und ausgeplündert hatte, entstand um 1430 auf der Krim und den südlichen Gebieten der heutigen Ukraine ein eigenes Khanat, welches 1475 die Oberhoheit des Osmanischen Reiches anerkennen musste. Mit Unterstützung des Osmanischen Reiches überzogen die Krimtataren in den folgenden Jahrhunderten die Ukraine und Südrussland mit Raubzügen, „Ernte der Steppe“ genannt, bei denen sie Jagd auf Menschen machten, um sie als Sklaven zu verkaufen. Historiker schätzen die Zahl auf mindestens zwei Millionen Männer, Frauen und Kinder, welche allein in der Zeit von 1470 bis 1700 in die Sklaverei verschleppt wurden.1

Russische Operationen des Jahres 1736, Kartograph Henrik de Leth (1703-1766)

Ganze Landstriche verödeten, während sich die Krimtataren weitere Beute auf ihren Feldzügen nach Mitteleuropa und Russland suchten. Immer wieder war ihr Ziel auch Moskau, welches sie zwischen dem 24. und 26. Mai 1571 fast vollständig nieder brannten.

Die Russen versuchten die Krimtataren niederzuschlagen, im Zuge des Russisch-Österreichischen Türkenkrieges 1736–1739 unter Feldmarschall Burkhard Christoph von Münnich erhielten sie wieder Zugang zum Schwarzen Meer. Dieser führte eine Strafexpedition auf die Krim, bei der die meisten Städte, inklusive ihrer Hauptstadt Bachtschissarai, niedergebrannt wurden.

Erst der Russisch-Türkischen Krieg 1770–1774 unter der Herrschaft der Zarin Katharina II. brachte die Krim 1783 durch Annexion endlich unter russische Gewalt.  Das Osmanische Reich musste mit dem Vertrag von Jassy am 6. Januar 1792 die russische Oberhoheit über die Krim anerkennen, woraufhin viele Krimtataren auf das Gebiet der heutigen Türkei flohen.

Als Teil des Kolonisationsgebietes Neurussland wurde zunächst in Anlehnung an die Antike der Oblast Taurien (1783-1796) eingerichtet, ab 1802 bis zum Oktober 1921 das Gouvernement Taurien.


 Reisepass des Konrad Schnabel aus Klingenmünster nach Cassel

Versuche des Fürsten Grigori Potjomkin im Jahre 1783,  Griechen, Armenier, Bulgaren, Balten, Russen und Ukrainern anzusiedeln, brachten nicht den gewünschten Erfolg, ebenso wenig das Manifest vom 22. Februar 1784, das „alle mit dem Russischen Reich befreundeten Nationen“ einlud, sich in Cherson, Sevastopol und Feodossija anzusiedeln.

Erst unter Alexander I. begann um 1803/1804 eine gezielte Ansiedlung von Deutschen und rund 60 Schweizer Familien, letzteren starben 40 Personen auf der Reise während einer Pockenepedemie, worauf hin etliche Personen in die Heimat zurück kehrten. Die verbliebenen 56 Familien gründeten in den Ausläufern des Jaila-Gebirges die Kolonie Zürichtal.2

Zunächst wurden auf der Krim weitere Mutterkolonien gegründet, in späteren Jahren entstanden wie in den anderen Ansiedlungsgebieten der Deutschen in Russland Tochterkolonien.

1915 gab es bereits 314 Kolonien auf der Halbinsel, bis 1939 stieg die Zahl der deutschen Siedler auf etwa 60.000.

Mit Bildung der Sowjetunion gehörte der Festlandteil des Gouvernement Taurien zur Ukrainischen SSR, während die Krim eine ASSR innerhalb der Russischen SFSR bildete.

Rund 53.000 von ihnen wurden am 20. August 1941, noch vor Eintreffen der deutschen Wehrmachtsverbände „auf ewige Zeiten“ von der Krim vertrieben und nach Kasachstan deportiert. Die beim Einmarsch der Truppen 1942 noch angetroffenen 960 Krimdeutschen3 wurden gemeinsam mit Deutschen aus dem Cherson, Nikolajev, Nikopol, Kiew, Charkow, Kriwoj-Rog, Melitopol, Mariupol, Dnipropetrowsk, Kirowograd und Saporoshje als Administrativumsiedler* in den Warthegau verbracht.

Nach der Rückeroberung durch die Rote Armee ließ Stalin zwischen Mai und Juni 1944 die verbliebenen 181.000 Tataren4, 14.500 Griechen, 12.000 Bulgaren, 11.300 Armenier und die letzten ~10 italienischen Familien aus Kertsch.5 6 deportieren,

Ab 1945/1946 als Oblast Krim der RSFSR zugehörig, wurde der Oblast 1954 der Ukrainischen SSR zugeordnet. 1991 erfolgte ein Referendum und die Wiedereinrichtung als ASSR Krim (Februar – August 1991). Nach der Unabhängigkeit der Ukraine erfolgte 1992 die Umbenennung in Republik Krim. Als Folge vieler weiterer politischer Machtkämpfe entstanden im März 2014 die Autonome Republik Krim und die regierungsunmittelbare Stadt Sewastopol, deren völkerrechtlicher Status bis heute nicht endgültig geklärt sind.

Erst im Rahmen der Perestroika durften die Krimdeutschen wieder auf die Krim zurückkehren, der russische Präsident Wladimir Putin unterschrieb am 21. April 2014 einen Erlass (Nr. 268), dem zufolge alle Deportierten  „rehabilitiert“ und deren Nachfahren entschädigt werden sollten. Ergänzungen im Erlass, sie betreffen die Rehabilitation der Krim-Italiener, erfolgten nach dem Besuch von Silvio Berlusconi im September 2015 auf der Krim.7

 


1) Hubert Hecker: Sklaverei im Islam
2) Bühler, Gander-Wolf, Goehrke, Rauber, Tschudin, Voegeli: Schweizer im Zarenreich. Zur Geschichte der Auswanderung nach Russland, Verlag Hans Rohr, Zürich 1985, p 52
Daniel Huber: Erobert, deportiert, diskriminiert – das bittere Schicksal der Krimtataren: 20.3.2014
3) Syntagma friburgense. Historische studien Hermann Aubin dargebracht; Schriften des Kopernikuskreises, Bd. 1; Verlag Lindau, Thorbecke 1956, p. 95
4) The Library of Congress, Washington, DC, USA: Erlass zur Ausweisung der Krimtataren und englische Übersetzung
5) zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten rund 40 Familien, vor allem aus Apulien, auf der Krim, hatten sogar ein eigenes Konsulat in Novorossijsk, die Volkszählung 1897 erfasste 816 Italiener, die Volkszählung 1929 erfasste 774 Italiener, 1989 waren 88 Nachkommen zurückgekehrt auf die Krim
6) L’olocausto sconosciuto: lo sterminio degli Italiani di Crimea (Seconda Edizione – Roma – Marzo 2008) Giulia Giacchetti Boico e Prof. Giulio Vignoli (Erinnerungen der Kertscher Maria Nenno p.9ff),

7) Ukas Nr. 268 und Ergänzung vom 13.9.2015 Указ «О внесении изменений в Указ Президента Российской Федерации от 21 апреля 2014 года № 268 «О мерах по реабилитации армянского, болгарского, греческого, крымско-татарского и немецкого народов и государственной поддержке их возрождения и развития»

*Administrativumsiedler – zumeist Russlanddeutsche, die auf administrativem Wege – aber personenbezogen – im Laufe des Krieges Deutsche geworden waren