alte neue Heimat Deutschland

Neuanfang in der SBZ


Im September 1945 wurde die Zentralverwaltung für Umsiedler (ZVU) eingerichtet, um den Zustrom der Flüchtlinge zu koordinieren. Sie organisierte die Einquartierung und Aufschlüsselung auf die Länder der SBZ bis in die Kreise und Kommunen. Die Flüchtlinge und Vertriebenen sollten von Anfang an in richtigen Wohnungen untergebracht werden, um die Entstehung von Dauerlagern zu vermeiden. Weiterhin ging es um die rasche Einfügung in den Erwerbsprozess bzw. Einbindung der nicht Erwerbsfähigen in das System sozialer Unterstützung.

Auf Anweisung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) wurde ab Oktober 1945 im offiziellen Sprachgebrauch der Begriff „Flüchtling“, „Vertriebener“ und „Heimatloser “verboten. Stattdessen wurde die Verwendung der Bezeichnung „Umsiedler“ oder „Neubürger“ für Vertriebene, und „Heimkehrer“ für ehemalige Kriegsgefangene angeordnet.

Bericht des Landrats von Wittenberg, der im Dezember 1945 das Lager Luckenwalde besucht hatte

Über die Lage in einem Lager (ehemaliges Kriegsgefangenenlager) in Luckenwalde wurde folgendes geschildert:

“ Die Umsiedler beklagten sich u.a. über die nahezu unmenschliche Behandlung…

Der erste Empfang des Lagerführers von Luckenwalde spielte sich wie folgt ab. Die Flüchtlinge wurden mit den Worten „Wo kommt ihr deutschen Schweine her?“ empfangen. Die Behandlung im Lager erfolgte dann genauso wie der Empfang nach nazistischen KZ-Mustern. Zu essen gab es wenig, die Pellkartoffeln wurden, bevor sie zur Ausgabe gelangten, „zerdrückt“ …

Brennmaterial gab es im Lager überhaupt nicht…

Die Umsiedler bezeichnen den Aufenthalt im Lager Luckenwalde als menschenunwürdig.“ 7

 

 

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Der Kreis hatte zu diesem Zeitpunkt einen Anteil an Flüchtlingen von 49% der Gesamtbevölkerung erreicht, manche Gemeinden erreichten Zahlen von 118%! Über die Hälfte der erwerbsfähigen Flüchtlinge mussten nun ihr Brot in der Landwirtschaft verdienen, viele von ihnen arbeiteten nun in einem Bereich, welcher nicht ihrer bisherigen Qualifikation oder Stellung entsprach, da man ihnen nur die gering geschätzten Arbeiten anbot und die Menschen meist nicht anders behandelte, als die Zwangsarbeiter, welche bis zum Kriegsende beschäftigt wurden. Für viele Bauern wurden die Flüchtlinge zum billigen Ersatz, entsprechend gering war die Entlohnung, häufig wurde in Naturalien gezahlt. Im Sommer 1945 war die Versorgung mit Brotgetreide, Fleisch und Fett so schlecht in Brandenburg, das sich durch die Unterernährung, aber auch mangelnd Hygiene infolge der schlechten Unterkünfte, Flecktyphus, Ruhr und Tuberkulose rasend verbreiteten. 23% der 9 bis 18 jährigen Kinder litten unter Geschlechtskrankheiten!

Die Nahrungssituation konnte man nicht allein dem Krieg und den damit einhergehenden Verwüstungen der Dörfer anlasten, die SMAD mit ihren teilweise irrationalen Befehlen verschärfte das Problem ebenfalls. Nicht nur, das man als Reparationsleistung in den ersten Wochen nach Kriegsende massenhaft Vieh, Nahrungsmittel und Landmaschinen abtransportiert hatte, nun sollte die Getreideernte u.a. im Kreis Luckenwalde noch vor der Landaufteilung im Rahmen der Bodenreform abgeschlossen werden. Man zwang ab dem 4. August die Bauern unter Androhung von Verhaftung, Enteignung und Erschießung, das Korn grün und nass zu dreschen, und es innerhalb von 3 Tagen abzuliefern. Mangels Trocknungsmöglichkeit verfaulte es, daraufhin erließ man am 30. August einen Befehl, welcher die „Sabotage“ an der Ernte unter Strafe stellte. Die Pflichtabgaben waren ohnehin schon auf 80% angehoben, wo dies nicht zu erbringen war, wurden andere Normen erhöht, erst wenn alle Normen erfüllt waren, durften die Bauern auf dem freien Markt verkaufen.8

Schwarzmarktpreise:

Zentralbild Repr. Vo-L 30.12.1958 Lebensmittelkarte (DDR) aus dem Jahre 1958 Quelle: Wikipedia – © Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-61120-0001

Sommer 1945: eine Zigarette ab 8 RM bis 15 RM, ein kleines Päckchen Tabak ab 150 RM, ein Päckchen Süßstofftabletten 50 RM.

Ab Oktober 1945 versuchte man die Lage mit Lebensmittelkarten unter Kontrolle zu bringen, aber meist gab es trotzdem nichts, ab November wollte man so auch Textilien und Seife verteilen. Die Produktion von Gebrauchsgütern kam jedoch sehr schleppend voran,da in den Wochen nach Kriegsende ohne Rücksicht auf künftige Reparationsforderungen demontiert wurde, was demontiert werden konnte, alles wurde verladen und in die Sowjetunion geschickt.

Außerdem begann man die Flüchtlingsströme umzulenken, da es der SBZ unmöglich war, wie zuerst vorgesehen, 12 Millionen Flüchtlinge aufzunehmen. Auch unsere Familie plante den Weiterzug nach Baden-Württemberg, das Land ihrer Ahnen, aber die Kühns wollten nicht noch einmal weiter ziehen, das mussten sie seit dem Aufbruch aus Paris immer aus Neue, nun sollte Schluss sein, die Kinder sollten endlich eine Heimat bekommen, zur Schule gehen, man wollte nach den vergangenen 5 Jahren endlich zur Ruhe kommen.

In dieser Zeit war das Einzige was Eduard angeboten werden konnte, Arbeit als Kutscher bei einem Bauern, dafür gab es 30,- RM und etwas freie Kost im Monat, damit sollte er seine 9-köpfige Familie versorgen, ein weiteres Kind bereits unterwegs.

Wahlplakat der SED. Köthen, um 1946, Lithographie, 61,5 x 86,0. Berlin, Deutsches Historisches Museum, P 94/1960

Um die Lage der Flüchtlinge zu verbessern, erließ die SMAD den Befehl Nr. 304 vom 15.10.1946: Vertriebene, die ihren ständigen Wohnsitz in der Sowjetischen Besatzungszone eingenommenhatten, sollte eine einmalige Unterstützung gewähren werden, das hieß im Einzelnen, den Vertriebenen, welche arbeitsunfähig waren und keine Erwerbsquellen besaßen, aus Haushaltsmitteln eine einmalige Unterstützung in Höhe von 300 Mark pro Person zu zahlen und wenn sie Kinder bis zum 14. Lebensjahr hatten, zusätzlich eine Unterstützung in Höhe von 100 Mark für jedes Kind auszuzahlen.

Schwarzmarktpreise 1946: ein Pfund Butter 150 bis 250 RM, eine englische Zigarette 7,50 RM bis 20 RM, eine deutsche Zigarette 2 bis 5 RM, ein Pfund Weizenmehl bis 25 RM, ein Paar neue Schuhe 500 RM, ein Zentner Kartoffeln 300 bis 800 RM, ein Pfund Zucker 40 bis 120 RM, ein Ei 5 RM. ein Pfund Schweinefleisch 50 RM., ein Pfund Speck 150 bis 200 RM, ein Roggenbrot 44 RM und ein Pfund Kaffee 500 RM

Die Deutsche Finanzverwaltung wurde verpflichtet, eine Anweisung über das Verfahren der Auszahlung einer einmaligen Unterstützung an die Vertriebenen herauszugeben. Den Klagen vieler Betroffener konnte man jedoch entnehmen, dass das Geld häufig nicht in dieser Höhe oder gar nicht ausbezahlt wurde. Unter fadenscheinigen Gründen versuchte man, das Geld in die ohnehin finanzschwachen Gemeindenkassen umzuleiten, vielerorts „berechnete“ man Flüchtlingen auch ihre bisherige Unterkunft, um ihnen das Geld abzunehmen.

Es folgte ein extrem harter Winter, welcher mit akutem Brennstoffmangel einher ging, in dessen Folge wurde das gesamte Wirtschaftsleben lahm gelegt.

1947: 1 kg Fleisch kostete offiziell 2,20 RM, auf dem Schwarzmarkt 60 – 80 RM, 1 kg Brot: 0,37 RM, auf dem Schwarzmarkt 20 – 30 RM; 1 kg Kartoffeln 0,12 RM, auf dem Schwarzmarkt. 4 RM. 1 amerikanische Zigarette konnte in 1 kg Kartoffeln getauscht werden, 6 amerikanische oder 9 französische Zigaretten tauschte man in ein 1 kg Brot

Der geplante Tagesnährwert von 1400 kcal pro Tag für einen Arbeiter konnte nur noch zur Hälfte realisiert werden! Brandenburg kämpfte mit Kahlfrösten , Hochwasser und Dürre, und als hätte die Natur den Bauern nicht genug Sorgen bereitet, die immer neuen Vorgaben, Lieferbestimmungen, Rückzahlungen von „Leihsaatgut“ u. s. w., sorgten dafür, das sich die Ernährungslage nicht besserte. Da in Brandenburg in Schnitt 5 ha Land an die Neubauern abgegeben wurden, reichte das Land „nicht zum Leben und nicht zum Sterben“, zumal man bei den Abgabenormen nicht nach Betriebsgrößen unterschied und viele Nichtlandwirte auf einmal auf einer Neubauernstelle saßen, entsprechend niedrig waren ihre Ernten.

Im Frühjahr 1948 erhielt Walter Ulbricht den Befehl, alle „Umsiedlerbehörden“ aufzulösen, Teile der Umsiedlerpolitik wurden unter Ressorts der Innen- und Wirtschaftsministerien weitergeführt.

Quelle: Wikipedia – © Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-M0425-325 , Juni 1948(1948-06)m Donath, Herbert

Vom 24. bis zum 28. Juni 1948 fand in der SBZ und Ost-Berlin eine Währungsreform statt, auf alte Reichsmarknoten wurden neue Wertzeichen geklebt (Coupon-Mark). Kredite im Rahmen der Bodenreform wurden 5:1 umgewertet, Privatvermögen 10:1. Alle Einkommen wurden geprüft und konnten konfisziert werden (Kriegsgewinnler z.B.), es gab eine Anzahl von Ausnahmen bei der Umwertung, welche politische und wirtschaftliche Gründe hatten.

Am 7. Oktober 1949 trat die Verfassung der DDR in Kraft, womit die Staatsgründung vollzogen war.

1950 beschloss man das „Gesetz zur weiteren Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik mit Hilfen für vertriebene Landwirte, Handwerker, Schüler und Auszubildende sowie einem Kreditprogramm für den Erwerb dringenden Hausrats“ durch die DDR-Volkskammer, erst 1952 endeten alle Maßnahmen für die Umsiedler.

Unterstützungen, welche dem Lastenausgleichsgesetz oder dem Vertriebenengesetz der Bundesrepublik entsprachen, gab es nicht. Die Bodenreform brachte bei weitem nicht die Reform, die sich viele der Flüchtlinge gewünscht hätten.

Meist wurden die Einheimischen bei der Verteilung bevorzugt und wo dieses nicht der Fall war, währte die Freude über das neu gewonnene Land nur kurz, da die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft ab 1952 dafür sorgte, das viele ihre Flächen nun in die LPG zur gemeinsamen Nutzung einbringen mussten.

Mitte der 50er Jahre galt die Integration der Vertriebenen in der DDR offiziell als abgeschlossen


7)Mehlhase,Torsten: Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen-Anhalt, Münster 1999
8)Wirtschaftsordnung im Übergang, Politik, Organisation und Funktion der KPD/SED im Land Brandenburg bei der Etablierung der zentralen Planwirtschaft in der SBZ/DDR 1945-52 (2 Bde.), Friederike Sattler in Reihe: Diktatur und Widerstand Bd. 5, 2002, 1048 S., Lit-Verlag (September 2002)
9) Wille, Manfred (Hrsg.); Meinicke, Wolfgang; Hoffmann, Johannes: Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Wiesbaden 1993, S. 34