Fritz

 

Der junge Mann, der hier so kräftig neben seinem Vater auf dem Trottoir in Potsdam ausschreitet, ist mein Opa Fritz, geboren am 6. Februar 1915 in Potsdam.

Mich faszinierten diese großen ausgetretenen Steine mit ihrem Moos in den Fugen als Kind. Das hier schon der „Alte Fritz“ entlang gegangen sein könnte, dann der „junge“, genau wie ich, wenn ich zur Schule lief, trotz zweier Weltkriege, erschien mir damals unfaßbar. Ebenso mochte ich das Wort „Trottoir“, niemand sagte Bürgersteig und am Rand lag ein Bordstein, der nicht aus Beton bestand, wie heute.

Potsdamer hatten eine Reihe von Wörtern in ihren Sprachschatz übernommen, der zeigte, wie stark der Einfluß der angesiedelten Hugenotten war. Allerdings vereinfachte mein Opa manches auf eine lustige und kindgerechte Weise. So auch die Herkunft der Wortes Trottoir, indem er meinte, das kommt davon, weil Kinder hier entlang „trotten“. Es gab so einige dieser Wortspielereien – der Löwe heißt Löwe, weil er durch die Wüste „löwt“ und mehr, was zu immer neuen Ideen reizte.

Das Foto dürfte gegen Ende seiner Schulzeit aufgenommen worden sein. Danach begann er eine Elektrikerlehre, sein Lehrbuch der Berufsschule besitze ich noch, auch einige seiner Schulbücher.

Nach kurzer Zeit merkte er jedoch, sein Talent lag nicht in diesem Bereich, da es ihm Fahrzeuge angetan hatten. So wurde er Maschinenschlosser bei August Schließmann Automobile G.m.b.H in Potsdam. Ein Umstand, der ihm im späteren Leben noch sehr nützlich sein würde.

Die Lehrzeit dauerte von 1. Juli 1929 bis zum 2. Juli 1932.

Da man in jungen Jahren zur Tanzschule ging, lernte er bereits in seiner Lehrzeit meine Oma Irmgard kennen, die zur höheren Handelsschule ging.

Nach seiner Ausbildung ging Opa im Januar 1934 zur Schutzpolizei, Omas damals bereits verstorbener Vater und ihre Onkel waren bei der Polizei, so hatte er sicher einen gute Vorstellung davon, welche beruflichen Möglichkeiten, und im Alter auch Pensionsansprüche, welche die Familienplanung beider sichern würden.

Zudem war er nicht nur geschickt, sondern auch sehr sportlich, was eine Reihe von Ehrungen aus dieser Zeit belegen. Eine davon ist der abgebildete 2 -Kilometer-Preis der Potsdamer Kanu-Gesellschaft (P.K.G.) der Jugend im Kajak von 1932.


Politisch entwickelte sich ganz abseits von Potsdam seit November 1918 in den Sudetengebieten eine brisante Lage. Man hatte im Vertrag von Saint-Germain die Tschechoslowakei als souveränen Staat bestätigt und ihr die Sudetengebiete, inklusive der von Deutschösterreich beanspruchten Gebiete gegen den Willen der Bevölkerung zuerkannt. Die rund 3,5 Millionen Sudetendeutschen begannen sich daraufhin zu organisieren und forderten die Autonomie. Ab 1933  massiv von der in den folgenden Jahren zunehmend nationalsozialistisch geprägten  Sudetendeutschen Partei (SdP), die sich in den Wahlen vom Mai 1935 als stärkste Partei des Landes durchsetzte.

Der Führer dieser Partei, Konrad Henlein, forderte bereits am 19. November 1937 Deutschland auf, die Sudetendeutschen zu unterstützen. Während Hitler erste Studien für ein künftiges Vorgehen gegen die Tschechoslowakei im April 1938 erarbeiten ließ, stellte Henlein sein Karlsbader Programm auf, welches von der Regierung der Tschechoslowakei abgelehnt wurde. Am 21. Mai 1938 wurde die Mobilmachung ausgerufen. Hitler fühlte sich durch dieses Vorgehen provoziert. Nach mehreren Unterredungen in England wurde am 30. September 1938 das Münchner Abkommen durch Vertreter der Entente und ihrer Verbündeten im Ersten Weltkrieg – unter Abwesenheit der nicht geladenen Vertreter der Tschechoslowakei – geschlossen. Der Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich wurden damit der Tschechoslowakei aufgezwungen. Am 1.  Oktober 1938 besetzten deutsche Truppen das Sudetenland, polnische Truppen besetzten zwischen dem 2. und dem 11. Oktober 1938 das Olsagebiet, Teile der südlichen Slowakei und Karpatenukraine mit überwiegend ungarischer Bevölkerung wurden Ungarn am 2. November 1938 zugesprochen. Durch diese Zerschlagung der Tschechoslowakei konnte der Ausbruch des zweiten Weltkrieges im Herbst 1938 verhindert werden.

Die deutsche Polizei wurde bereits ab 1933 zentralisiert und 1936 in die Ordnungs- und die Sicherheitspolizei aufgegliedert. Zuständig für die Neuorganisation war Heinrich Himmler, der als „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei im Reichsministerium“ dem Innenminister und als SS-Führer Hitler direkt unterstellt war.

Das Hauptamt Ordnungspolizei bestand aus der uniformierten Polizei (Schutzpolizei, Gendarmerie, Gemeindepolizei) und hatte seinen Sitz bis 1945 im Reichsministerium des Inneren, Berlin, Unter den Linden. Das betraf Oskar, den Onkel meiner Oma, der  nach der Flucht aus dem Elsass zunächst Gendarmeriemeister in Sputendorf und Philippstal war, später bis zur Pensionierung in Putlitz.

Mitglieder der nicht uniformierten Sicherheitspolizei waren Kriminalpolizei (Kripo) und Geheime Staatspolizei (Gestapo). Die Leitung des Hauptamt Sicherheitspolizei bekam 1936 SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich , der seit 1933 im Auftrag Himmlers aus den politischen Polizeien der Länder den Sicherheitsdienst (SD) aufgebaut hatte. 1939 wurde der Sicherheitsdienst (SD) „angeschlossen“ und das Hauptamt Sicherheitspolizei in Reichssicherheitshauptamt (RSHA) umbenannt. Unter diesem wurden zahllose Gräultaten in den besetzten Gebieten verübt.

Omas Onkel  Gustav Freitag, Bruder ihres Vaters, baute die Kriminalpolizei in Berlin mit auf, dort war er 1925 Kriminal-Assistent und 1933 Kriminal-Sekretär, den Anschluß ins RSHA mußte er zum Glück nicht mitmachen, da bereits in Pension.

Die Polizei war am 1. Oktober 1938 als „Schutztruppe“ für die Deutsche Minderheit beteiligt an der Errichtung des „Protektorats“ auf dem Gebiet der Tschechoslowakei.

Man verfügte in Deutschland zu diesem Zeitpunkt über 62. 000 Polizisten bei der Ordnungspolizei, von denen 9.000 in je 108 Mann starken Polizeihundertschaften zusammengefasst waren. Weil Polizisten vom Wehrdienst freigestellt waren, erreichte die Ordnungspolizei bis 1939 eine Stärke von 131.000 Mann, 16.000 wurden daher als Polizeidivision bei Kriegsausbruch der Wehrmacht überstellt (später 4. SS-Polizeigrenadierdivision).

1.162.617 Mal erreichte der Dank des Führers die Beteiligten in Form der Sudetenland-Medaille, die ab 1. Mai 1939 auch für „Verdienste um die Schaffung des Protektorates Böhmen und Mähren“ verliehen wurde. Opa wurde diese Medaille am 1. Oktober 1939 bei der Luftwaffe verliehen.


Fritz allerdings schied als Unterwachtmeister bereits am 30. April 1935 aus dem Landespolizeidienst aus und verpflichtete sich unter Anrechnung des Polizeidienstes zu 4 1/2 Jahren Dienstzeit bei der Luftwaffe. Die Dienstverpflichtung sollte am 9. April 1939 enden. Das es anders kommen würde, ahnte er damals noch nicht.

Diese Entscheidung fiel vermutlich, da sein Bruder bereits bei der Luftwaffe war, nun wurden Flugzeuge von ihm gewartet.

Zur Ausbildung ging 1935-1936 zum Flieger-Horst Cottbus und Jüterbog-Damm. Zunächst als Gefreiter,  1936 dann zum Truppenteil der Luftkriegsschule Wildpark-Werder. Hier wurde er Unteroffizier und Fahrlehrer. 1938 gehörte er der Fliegergruppe 10 als Geräteverwalter an, ebenso dem I. Sturzkampfgeschwader 160, das im folgenden Jahr als 2. Flughafenbetriebskompanie I. Sturzkampfgeschwader 1 in Insterburg aufgestellt wurde. Die Eingliederung dort erfolgte mit der Bestallung als Feldwebel am 1. April 1939, er war Geräteverwalter (K), wie zuvor, bis 1942. Die Bestallungsurkunde vom 24. Dezember 1940 beförderte ihn bei zum Oberfeldwebel der Luftwaffe.

 

 

 

 

 

 

Die Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieges führten ihn nach Frankreich, rund um das Mittelmeer, außer Spanien. Am 30. Juni 1941 kam der Marschbefehl mit Bitte um ungehinderte Geleit von Tripolis nach Kreta für ihn, 25 weitere Unteroffiziere und Mannschaften, dazu 7 Kraftfahrzeuge und Gerät. Im Afrika-Korps wurde ihm die Medaille „Deutsch-italienischer Feldzug Afrika“ verliehen, das Tragen jedoch am 29. März 1944 aufgrund des Seitenwechsels der Italiener zu den Allierten verboten. Eine weitere Verleihung war eine Goldkordel zum Ärmeltätigkeitszeichen des Kraftfahrpersonals am 17. Mai 1942 vom  Generalleutnant Fliegerführer Afrika. Zu diesem Zeitpunkt war er in der 2. Flughafenbetriebskompanie I. Sturzkampfgeschwader 3.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über diese Zeit erzählte er zunächst nur bruchstückhaft, erst in hohen Alter redete er sehr viel mehr, vor allem über Afrika. Dieser Kontinent hatte ihn stark beeindruckt. Nicht nur die Landschaft, auch die Menschen.

Im Zelt sieht man ein Foto von Omi, die beiden hatten erst am 5. Oktober 1939 geheiratet.

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Abzug aus Afrika wurde er zur 1. Flak Abteilung Berlin-Tegel versetzt, dort blieb er bis 1943 als Oberwachtmeister und Geräteverwalter (K), ehe er zur Flakgruppe Ost Berlin als Oberwachtmeister und Beamtenstellvertreter (K) von 1943 – Oktober 1944 kam. Eine weitere  Ausbildung an der Luftwaffenschule erfolgte bei der Kraftfahrtechnischen Schule der Luftwaffe in Rudolstadt vom 23. August 1944 – 15. Oktober 1944.

Am 16. Oktober 1944 wurde Opa der 5. Fallschirm-Jäger Division Panzerjäger Abteilung unterstellt als Beamtenstellvertreter (K).

Die 5. Fallschirmjäger-Division wurde nach ihrer Zerschlagung im Juli 1944 ab Oktober 1944 in Den Haag und Amsterdam aus den verbliebenen Resten der alten Division und Neuzugängen neu aufgestellt. Im November 1944 wurde sie der der 7. Armee zugeführt und am rechten Flügel der 7. Armee am Ostufer der Our kurz vor der Mündung in die Sauer in die Front eingeschoben. Hier hatte die Division den Auftrag, den linken Flügel der deutschen Ardennen-Offensive zu sichern. Nach Beginn der deutschen Offensive konnte die Division bis zum 24. Dezember über Wiltz Martelange erreichen, ohne Martelange erobern zu können. Auf Grund des hartnäckigen alliierten Widerstandes mußte die Division zur Verteidigung übergehen. Es folgte der Rückzug der Division aus dem Gebiet südlich von Bastogne auf die Ausgangsstellung vor der Offensive. Im Januar 1945 stand die Division im Raum Wiltz und im Februar 1945 bei Prüm in der Eifel.

Allgemein fällt es Beteiligten oft schwer, über Kriegsgeschehen zu sprechen, wie man aus Befragungen von Zeitzeugen weiß, entsprechend dankbar waren wir für seine Erinnerungen, die er mit uns teilte. Natürlich versteht man vieles als Erwachsener ganz anders als ein Kind. Wenn ich auf meine Schulzeit zurück blicke, da war jeder Soldat natürlich ein „Nazi und Kriegsverbrecher“, man hätte ja in den Widerstand gehen können. Der Unterricht war, wie unter jeder politischen Stömung, entsprechend einseitig ausgerichtet. Heute ist einem viel bewußter, welcher Mut dazu gehört hatte, recht offen an seinen Bruder am 16. Februar 1945 zu schreiben:

„…Ich habe augenblicklich weniger Glück. Hatte zu erst die Geschäfte der Division geführt, für den abwesenden Inspektor. War dann überzählig nach seiner Ankunft und kam zur Panzerjäger – Abt. für einen gefallenen Kameraden. Die Einheit ist jetzt restlos zerschlagen, Kfz. habe ich nur noch wenige und da hat mich der Kommandeur als Infantrist in den Graben gesteckt. Unser Kommandeur ist ein noch sehr junger Oberleutnant, namens Sommer. Augenblicklich bin ich Gruppenführer in einer Panzer – Zerstör – Kompanie ( Ofenrohr und Panzerfaust ). Vor einigen Tagen hätte mich der Ammi bald gefangen genommen, er befand sich schon 200 m im Rücken meiner Gruppe. Wir konnten aber noch durch den Wald entwischen. Es drückt einem das Herz ab, wie die jungen unausgebildeten Leute ins Feuer gehen müssen, vier meiner Männer hatten nicht einmal Gewehre, so musste ich vorgehen. Auf meinen Hinweis verwies man mich nur auf den Befehl vorzugehen. Wenn mir mal was passieren sollte, dann weißt du wenigstens, unter welchen Umständen es geschah. …“

Zu diesem Zeitpunkt kamen Reste der Division noch bis an den Laacher-See und in den Ruhrkessel. Später stellte sich heraus, sein Vater, mein Urgroßvater, stand nur 30 km von ihm entfernt an der selben Front in Frankreich.

Und – Opa kam am 27. März 1945 in amerikanische Gefangenschaft, was er später als großes Glück im Unglück empfand.

 

Fortsetzung


Quellen:
alle Fotos stammen aus unserem Familienarchiv
Wikipedia