Friedland Teil 2

 

Da war sie also, die Hausnummer 4. Es hatte sich niemand um sie gekümmert, seit sie ihre Heimat verlassen mussten. Die Lampe verlor sie bereits im Krieg, es gab keine neue damals und es hatte scheinbar niemand einen Sinn darin gesehen, in all den Jahrzehnten danach eine neue einzusetzen.

Es ist schon merkwürdig, dachte sie, an was man so denkt, dabei ist es doch vollkommen belanglos…

Viel wichtiger war die Frage, was sie nun tun sollte – einfach klingeln – und dann? Ihr Herz raste, die Beine wollten versagen, doch dann fasste sie den Mut und ging auf die Tür zu, sie stand offen, also ging sie hinein und sog den Geruch des alten Gemäuers in sich auf.

An ihrer Wohnungstür machte sie halt, das Glas der Scheibe war lange zerborsten und mit einem Stück „Karnickeldraht“ ersetzt worden. So konnte sie in den Flur sehen. Dort stand, wie damals, in ihrer Kindheit, der Brotschrank, in dem die Großmutter Lebensmittel lagerte. Eine Flut von Gefühlen überwältigte sie, was, wenn das Eingeweckte der Großmutter ebenso unberührt die Zeiten im Keller überdauert hätte? Sie hatte im Sommer noch die reichlich gesammelten Blaubeeren eingeweckt. In diesem Moment wusste sie, sie konnte an dieser Tür nicht klingeln, sie hätte den Anblick des Vertrauten nicht ertragen.

Sie verließ das Haus und wollte nur noch eines, in den Garten.

Hinter dem Haus erwartete sie der gleiche verwahrloste Anblick, der sie nun nicht mehr enttäuschen konnte. Das vernagelte Fenster war schon im Krieg vernagelt, scheinbar war nur das Holz erneuert worden, offenbar war das billiger als ein neues Fenster gewesen. Der ausgetretene Weg führte zum Garten, seine Mauer war seit dem Krieg eingestürzt, nun vollkommen überwuchert, niemand mochte sich die Mühe machen, daran etwas zu ändern.

So sah er also aus, der Spielplatz ihrer Kindheit. Sie holte tief Luft. Zumindest die Schuhmacherwerkstatt war saniert und erstrahlte in frischem Kaminrot. Auch der kleine Garten war noch vorhanden, ein Lichtblick in all dem Grau.

street view1

Hier machte sie ihre ersten Schritte, traf sich mit ihrer Freundin aus dem Kindergarten. Reinhold krähte fröhlich, wenn sei mit ihm fangen spielten und verstecken. Hier wurde ihre Einschulung gefeiert und man genoss die Sonne nach einem langen Arbeitstag.

Und wieder fühlte sie, wie die langsam verblassenden Erinnerungen Farbe annahmen, die Zeit schien verflogen und sie war wieder als Kind im Garten vor ihrem Elternhaus.​

Sie erinnerte sich noch genau, das Kleid zur Einschulung hatte die Mutter selbst genäht, die Schuhe ordentlich geputzt, so wie es sich für die Tochter eine Schuhmachermeisters gebührt.

 

 

 

 

 

 

Aber adrett waren sie immer gekleidet – sie und Reinhold. Waren sie doch der ganze Stolz der Familie.

 

 

 

 

 

 

Nun wusste sie, einen Weg würde sie noch einmal gehen  – den zur Schule. Weit war es ja nicht, nur wenige Minuten von hier.  Und auch ihn würde sie gleich finden, da war sie sich sicher. An der alten Färberei und Reinigung vorbei, den Weg entlang über die kleine Brücke. Dann Augen auf, so wie es ihr Mutter und Großmutter immer mit auf den Weg gegeben hatten und schnell über die breite Straße, dann wäre die Schule erreicht.

 

 

 

Fortsetzung

 

 


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