Umsiedlung, Ansiedlung, Flucht, Vertreibung

„Genommen wurden mir Muttersprache und Vaterland, hier ist nur mein Zuhause.“

O-Ton unseres Schwiegersohnes auf die Frage, wie man mit dem Verlust der Heimat umgeht.


Am 28. Juni 1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien, Rumänien kapitulierte kampflos. Die Vorboten fanden sich schon 1939 in der Presse:

„Sonntagsblatt New Yorker Staatszeitung und Herold“ 19.3.1939

Mit der Besetzung erfolgte eine Kollektivierung der Landwirtschaft und die Teilung Bessarabiens, nur die deutsche Bevölkerung stand unter dem Schutz des Deutschen Reiches. Am 5. September 1940 wurde der Umsiedlungsvertrag für die ca. 93.500 Bessarabiendeutschen im Moskau unterzeichnet.

Er beinhaltete:

Allgemeines

  1. II. Die Umsiedlungskommission
    III. Die Organisation der Umsiedlung
    IV. Schlussbestimmung

Zu dem Vertrag gehört noch ein Zusatzprotokoll, das die einzelnen Paragraphen des Vertrags näher erläutert und genauere Bestimmungen trifft, ein Protokoll der Schlusssitzung, in welchem weitere Bestimmungen getroffen werden, eine Anweisung über den Eisenbahntransport sowie eine solche über die Durchführung sanitärer Maßnahmen.

Im Abschnitt Allgemeines wurde festgelegt, dass alle Deutschstämmigen bei freiwillig geäußertem Wunsch ins Reich umgesiedelt werden unter Mitnahme eines Teiles der persönlichen Habe (Bekleidung, Schuhwerk, Wäsche) und einiger nötiger Lebensmittel. Mit der Eisenbahn Reisende durften Handgepäck und persönliches Kleingepäck bis zu 50 kg pro Person mitnehmen, während sonst für Erwachsene 35 kg und für Kinder nur 15 kg Gepäck erlaubt war. Auf den Treckwagen dagegen durften einschließlich landwirtschaftlicher Produkte (Lebensmittel, Futter) bis zu 250 kg mitgenommen werden, dazu zwei Pferde oder zwei Ochsen, eine Kuh, ein Schwein, fünf Schafe oder Ziegen und zehn Stück Federvieh beliebiger Art. Urkunden und Ausweispapiere persönlicher Art durften mitgeführt werden.

Verboten mitzunehmen waren:
a) Bargeld (Papier, Gold, Silber) mit Ausnahme von 2 000 Lei je Person. Wer Belege für Erlöse aus verkauftem Besitz (außer nationalisiertem Vermögen) vorzeigen konnte, hatte das Recht diese Summen in Lei voll mitzunehmen.
b) Gold, Silber, Platin in Barren, Staub oder Bruch.
c) Gegenstände aus Silber über 500 g, goldene und silberne Uhren mit Ketten, Trauringe, silberne Zigarettenetuis mehr als ein Stück pro Person.
d) Gegenstände aus Edelsteinen oder Perlen über ein Karat je Person.
e) Edelsteine in unbearbeiteter Form.

Darüber hinaus durften nicht mitgenommen werden:

Kunstgegenstände, Waffen, Feldstecher, Brieftauben, Kirchenbücher, Pläne, Urkunden (außer denen persönlicher Art), Schuldverschreibungen, Wechsel, Kraftwagen, Motorräder usw.

Über das von den Umsiedlern zurückgelassene Vermögen waren Vermögenslisten zusammenzustellen, nach Menge und Güte verzeichnet und bewertet. (Mit Ausnahme der Vermögenswerte, die in der Sowjetunion nicht Eigentum von Privatpersonen sein konnten – unabhängig davon, ob man der rechtmäßige Besitzer war!)

Die Wertsumme der von den Umsiedlern zurückgelassenen Vermögenswerte wird in die gegenseitige Verrechnung zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich gemäß dem Abkommen über Waren- und Zahlungsverkehr vom 31. Dezember 1939 aufgenommen und in zehn Jahresraten transferiert.

Im Abschnitt Umsiedlungskommission wurden nur allgemeine Vereinbarungen getroffen, während im III. Abschnitt, „Die Organisation der Umsiedlung“, peinlichst genaue Bestimmungen abgehandelt wurden.

Dazu sei zu vermerken, Steuern für das Jahr 1940 waren noch einmal in voller Höhe zu zahlen! Von der Ernte musste für das Jahr ebenfalls in willkürlicher Höhe festgelegt abgeliefert werden, dann kamen die sowjetischen Taxatoren, um die Güter zu schätzen, was die Deutschen mit 10.000 Lei bewerteten, das schätzten die Russen mit 500 (z.B. ein Bauernhaus), wo Deutsche schätzten, das Getreide wiegt 3 t, gaben die Russen ½ t an. Die Streitigkeiten waren entsprechend und die Deutschen Taxatoren machten schließlich Angaben in Reichsmark.

Mit Pferden am Wagen durfte nur ziehen, wer vorher mit Pferden auf dem Hof gearbeitet hat und nicht nach dem 20.7.1940 geheiratet hatte.

In den deutschen Dörfern Bessarabiens erfolgten ab 15. September 1940 Aufrufe in deutscher und russischer Sprache, dass innerhalb von zwei Monaten die deutschstämmige Bevölkerung frei und ungehindert auf deutschen Boden ausreisen kann, dazu musste jede Person, welche das 14. Lebensjahr erreicht hatte, eine Einverständniserklärung unterschreiben.

Am 6. Oktober 1940 begann unter Glockengeläut der Treck der Pariser – am Erntedanksonntag verließen sie ihre Heimat, um sich in Kilia einzuschiffen.

„Thorner Freiheit“ 7./8.09.1940

Als wäre dies nicht schlimm genug, gab es noch ein Erdbeben mit starken Zerstörungen im Dorf.

Die Neu Pariser waren schon am 2. Oktober mit ihren Wagen nach Galatz aufgebrochen, von dort ging es donauaufwärts bis nach Semlin bei Belgrad, was rund vier Tage dauerte.

Kölnische Zeitung 28.9.1940

 

Wochenschau vom 16.10.1940 Nr 528 Vorbereitung der Umsiedlung
Wochenschau vom 16.10.1940 Nr 528 Vorbereitung der Umsiedlung
nach dem Erdbeben
Wochenschau vom 28.11.1940 Nr. 534 Planmäßige Fortsetzung der Umsiedlung von Bessarabiendeutschen, Ankunft und Aufenthalt im Auffanglager von Galatz.

Der weitere Weg erfolgte per Zug über Wien und Prag,angekommen Mitte Oktober, wurden alle Pariser und Neu Pariser in acht Umsiedlungslager in Dresden und Umgebung, aufgeteilt.

Quelle: Wikipedia – © Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild Bild 137-065360

Die Umsiedlungslager:

Viele junge Männer, mussten bis Ende 1940 in Galatz bleiben, um beim Sortieren und Verschicken des Großgepäcks zu helfen, und um Aufräumungsarbeiten nach dem Erdbeben zu erledigen, danach mussten sie zur Musterung nach Berlin und viele von ihnen wurden sofort eingezogen.

Im Lager herrschte dichtes Gedränge, man lebte ohne persönliche Rückzugsmöglichkeit, ein normales Familien- und Arbeitsleben war völlig unmöglich. Zu Beginn kein Ausgang, keine Versammlung, kein Kirchengang, dafür politische Schulungen. Die Tatenlosigkeit und das Warten auf die Ansiedlung war für viele, vor allem die Männer, nicht gut. Nach einiger Zeit wurden Handwerker, aber auch andere Männer zur Arbeit herangezogen, teils in Kolonnen, bewacht wie Sträflinge. Der Lohn – Taschengeldzahlung und Anrechnungen, welche nie ausbezahlt wurden.

Trotz der Strapazen der langen Reise und der Umstände im Lager, kam das Kind von Eduard und Emma Kühn gesund zur Welt.

Vor der Umsiedlung erfasste man alle Umsiedler, um sie regelrecht zu sortieren. EWZ – die Einwandererzentralstelle war eine Reichsbehörde, welche für die „Durchschleusung“ der Umsiedler zuständig war. In Lodz, Sanok und Petrikau war ein Standort des Führungsstabes der EWZ für die Bessarabier.

Zuerst erfolgte eine meldepolizeiliche Erfassung, die Personalien der Umsiedler wurden auf Karteikarten erfasst, dann wurden in der Ausweisstelle die Ausweise vorbereitet, in der Lichtbildstelle von jedem Fotos angefertigt für den Rückkehrerausweis, die Karteikarten der Gesundheitsstelle, der Rasse- und Siedlungsstelle sowie der Berufseinsatzstelle. Der Leiter der Meldestelle „empfahl“ auch Namensänderungen, um unerwünschte russische oder gar jüdisch klingende Vornamen in „deutsche“ zu ändern oder zumindest „einzudeutschen“

Litzmannstädter Zeitung vom 22.6.1941

Man ermittelte in der Vermögensstelle das mitgebrachte und zurückgelassene Vermögen, in der Gesundheitsstelle folgt die gesundheitliche, erbbiologische und rassische Begutachtung! Ärzte, meist SS-Ärzte und Eignungsprüfer der Rasse- und Siedlungsstelle durchforsteten die gesundheitlichen Verhältnisse in der gesamten Familie und erfragten die Gesundheit der Vorfahren. Es gab umfangreiche ärztliche Untersuchungen, eine Röntgenaufnahme des Oberkörpers und eine Eignungswertung, das Ergebnis war für die Einbürgerung und den Berufseinsatz mitbestimmend.

Tatsächlicher Hintergrund der medizinischen Untersuchung war die Idee, ein Kataster über die Erbbiologie der Bevölkerung zu erstellen, dazu kam die Gelegenheit, exotische Erkrankungen zu untersuchen, welche man damals als Mediziner des Tropeninstitutes Hamburg eher selten zu sehen bekam, wie Trachom und Malaria. So sollen nach Ansicht der Mediziner 70 – 80% der Dobrudscha – Umsiedler unter Malaria gelitten haben, welche man nun regelmäßigen Blutuntersuchungen unterzog.

Erbbiologische Untersuchungen sollten über Sippenschemata stattfinden. Man erfasste die Anzahl nicht erbkranker Geschwister von Vater und Mutter und zu Untersuchendem, lebende und verstorbene Kinder, aber auch Mutmaßungen über den Geisteszustand des Umsiedlers. Es gab Blutuntersuchungen und bei Verdacht auf Herz-Kreislauferkrankungen oder Tbc erfolgten weitere Untersuchungen. Die Blutproben wurden routinemäßig auf Syphilis untersucht, dazu kam eine Bestimmung der Blutgruppe, angeblich, um Blutspendereignung festzustellen. Die Schlussfolgerungen dieser Untersuchungen sollten vor den Umsiedlern geheim gehalten werden, da diese tatsächlich durch diese Untersuchungen rassisch und erbbiologisch selektiert wurden. Die bestimmte Blutgruppe wurde den Umsiedlern unter den Arm tätowiert1, entsprechend misstrauisch wurden diese.

Die „Wichtigkeit“ der Rasseprüfung zeigte sich in der Häufigkeit der Berichte und Statistiken über die Umsiedler, stets mit „aussagekräftigen“ Fotos unterlegt, die laufenden Rückfragen an die Rasse- und Siedlungsstelle (RuS) verzögerten die Umsiedlung erheblich und verlängerten somit zwangsläufig den Lageraufenthalt.

Dem Umsiedler selbst blieben diese Vorgänge verborgen, in den mehrstündigen Untersuchungen war nicht zu erkennen, wer im weißen Kittel vor ihm stand – Arzt oder RuS-Prüfer, dies sollte auch geheim bleiben.

In der Staatsangehörigkeitsstelle nahm man die Einbürgerungsanträge der Umsiedler entgegen, klärte die Staatsangehörigkeit und zog die Abstammungsurkunden heran, um eine Entscheidung über die Einbürgerung zu treffen, oder an andere Behörden zu verweisen.

In der Berufseinsatzstelle erfolgte die Prüfung der beruflichen und wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Fähigkeiten der Umsiedler, um sie entsprechend einzusetzen.
Ihre Beurteilung wurde ebenfalls auf einer Karteikarte festgehalten, dazu Personalangaben der im Haushalt lebenden Familienmitglieder und Arbeitskräfte – da man häufig Mägde und Knechte hatte, so auch in unserer Familie. Angaben über das mitgebrachte und zurückgelassene Vermögen, bisherige Betriebsgröße und -art sowie die Ergebnisse der Untersuchung der Gesundheitsstelle und der Staatsangehörigkeitsstelle und das Urteil des Sachverständigen des Reichsnährstandes. Die Karteikarte der Berufseinsatzstelle enthält somit alle Merkmale für den Einsatz des Umsiedlers und bildet eine Zusammenfassung aller durch die Einwandererzentralstelle getroffenen Feststellungen.

Alles ging anschließend in Statistiken ein. Wer untauglich, „unwürdig“ war für den „arischen Osten“, wurde ein A-Fall, d.h. Altreich. Sie wurden später in ein Sammellager nach Leipzig gebracht, in den „Felsenkeller„, einige wurden dann doch noch angesiedelt, da sie vermutlich einen Widerspruch eingelegt hatten und erneut überprüft wurden. Als A-Fall eingestuft zu werden, bedeutete den Verlust der Entschädigung für den zurück gelassenen Besitz! Abänderungen gab es jedoch nur bei denjenigen, die einen landwirtschaftlichen oder gewerblichen Betrieb besessen hatten.

So wurde in einem Tagesbericht1 vom 26. März 1941 festgestellt: 65.011 Bessarabier „geschleust“, davon 8.938 A-Fälle, 47.215 O-Fälle, 101 Abschub ins Generalgouvernement, 288 Abschub nach Rumänien, 4 Abschub nach Ungarn.

Man muss davon ausgehen, das die gesamte EWZ unter dem Deckmantel “ wissenschaftlicher“ Untersuchungen häufig recht willkürlich entschied und mit Sicherheit diejenigen negativ beurteilte, welche ohnehin schon sozial benachteiligt waren.

Es gab auch Bessarabier, welche einen Antrag auf Rückkehr in die Heimat stellten, wer mehr als 25% „deutschen Bluteinschlag“ hatte, dem wurde die Rückkehr untersagt. Da einige sich nicht „mundtot“ machen ließen und offen darüber sprachen, das sie sich von der Ansiedlungskommission betrogen fühlten und komme, was wolle, zurück kehren würden, wurde eine abschreckende Maßnahme von Seiten der NSDAP gefordert. Diese gab an, die Rädelsführer erkannt zu haben und forderte die Überstellung ins „Rote Loch“1.

Im Frühjahr 1941 war es soweit, die Einbürgerung war abgeschlossen und unsere Familie bestand nun aus „richtigen“ Deutschen.

Die Pflichten beinhalteten natürlich eine Einberufung zum Militär oder die Ausbildung als „Frontbauer“ – wenn die „Deutsche Ostmark“ erst erobert ist, sollten die jungen Männer in die Ukraine zurück kehren. Anfang August 1941 wurden eine größere Anzahl jüngerer und älterer Männer aus den Lagern einberufen und nach Wien-Lobau gebracht. Dort sollten sie an landwirtschaftlichen Maschinen unterwiesen werden, um dann zum landwirtschaftlichen Einsatz in die Ukraine zu kommen, anschließend kamen die einberufenen Männer nach Kiew. Von dort aus ging es in die Kolchosen, viele wurden jedoch zur SS verpflichtet, manche in die Wehrmacht eingezogen. Die Zahl der gefallenen und in Gefangenschaft geratenen Pariser und Neu-Pariser war hoch.

Ende Oktober 1941 trafen die Pariser und Neu-Pariser in der Nähe von Lodz ein. Pariser kamen alle in das Lager Waldhorst (Kolumna), Lask, Pabianice (dort war das Zwangsarbeitslager für Juden im „Reichsgau Wartheland“ Nr.: 3538 Kolumna, ab 18.05.1943 Waldhorst Schließung: letzte Erwähnung 30.08.1942)

Die meisten wurden von hier aus angesiedelt, Sonderfälle kamen in ein Sonderlager in Opalenitza bei Posen, bis man 1942 ein entsprechendes Gut für sie gefunden hatte. Neu-Pariser wurden fast alle im Kreis Konin an der Warthe angesiedelt.

„Thorner Freiheit“ 4.09.1941

„Thorner Freiheit“ 22.07.1944

Wochenschau vom 22.04.1941 Nr 552 Ankunft volksdeutscher Umsiedler aus Bessarabien, Besichtigung des neuen Hofs.

Ankunft der Umsiedler auf dem Bahnhof
Ankunft auf dem neuen Hof

Unsere Angehörigen wurden angesiedelt in Sonnenhofen und Gostingen (Zwangsarbeitslager für Juden Nr.: 3508 Gostingen (Gostyn), Männer, Einsatz der Häftlinge: Gutsverwaltung Dunische Stiftung, Landwirtschaftliche Arbeiten). Sie erhielten Höfe, welche den verlassenen in der Heimat entsprachen.

Da die Kühns erfahrene Bauern waren, führten sie auch hier mit ihren Mägden und Knechten ihre Wirtschaft so gut, das sie zusätzlich Anteile an einer Molkerei und einer Bauernwirtschaft erwarben, um den ältesten Sohn bei Volljährigkeit einen eigenen Hof übergeben zu können, so wie sie schon in Bessarabien stets darauf geachtet haben, den Hof nicht zu teilen, sondern zuzukaufen.

Man wies den Bauernwirtschaften „Fremdarbeiter“ zu, welche bei der Bewirtschaftung helfen mussten. Den Bauern war es unter Strafe verboten, mit ihnen gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen. Als die Familie doch mit ihnen zusammen in der Sommerküche aß, so wie sie es schon in der Heimat mit ihren Beschäftigten taten, wurden sie offenbar angezeigt. Eduard wurde verhaftet und durch Mitglieder der NSDAP gefoltert. Über die lange Zeit nicht heilen wollenden Wunder gab er zwar Auskunft, aber was man ihm wirklich angetan hatte, das behielt er für sich. Ein Deutscher von Deutschen gefoltert, weil er sich in einer unmenschlichen Zeit menschlich verhalten hatte. Er, der selbst seine Heimat verlassen musste, wurde bestraft, weil er mit einem aus der Heimat verschleppten das Brot brach – wie sollte der Verstand das fassen?

Sonnenhofen (Saczkowo, Leszno) – Gostingen (Gostyn, Leszno)- Lodz (Lager)

Die Schulbildung war sehr dürftig. Nach Erzählen der Mutter wurden die Kinder von einem Advokaten in Deutsch unterrichtet Der älteste Sohn, inzwischen 14 Jahre alt, kam 1944 auf eine Landwirtschaftsschule mit vormilitärischer Ausbildung, nach einiger Zeit bekam er Typhus, nach Wochen der Genesung war das Jahr 1945 angebrochen. Die Eltern und die Geschwister mussten aus dem Warthegau flüchten.

Wieder wurde ein Pferdewagen voll geladen, 4 Pferde vorgespannt und Pferdegeschirre zusätzlich mitgenommen. Die Mutter erlebte einen weiteren Flüchtlingstreck mit einem Kind unter dem Herzen.

Als der Älteste von der Landwirtschaftsschule flüchte, wusste er nicht, wo seine Familie war, zusammen mit 3 Kameraden ging es deshalb Richtung Deutschland und dann Richtung Berlin. Streckenweise zu Fuß oder der Bahn und das mitten im Winter, nur die Hitlerjugenduniform als Kleidung. Sie waren ohne Vorräte unterwegs und wenn sie auf der Straße ein Stück gefrorenes Brot fanden, welches von einem Flüchtlingstreck verloren wurde und liegen blieb, wurde es in der Hosentasche solange aufbewahrt bis es aufgetaut war. In einer Scheune entdeckten sie unterwegs Tauben, ihr Hunger war so groß, das sie sie in ihrer Not fingen und schlachteten, da sie jedoch kein Feuer entzünden konnten, tranken sie das Blut, um Hunger und Durst zu stillen.

Als sie die Kampflinie erreichten, versteckten sie sich in einem leeren Haus, im Keller fühlten sie sich sicher. Der Kühn – Junge sah aus dem Kellerfenster und bemerkte etwas hinter einem Strauch, dies erzählte es seinem besten Freund, der ging ebenfalls zu dem Kellerfenster und sah zum Strauch – im selben Moment knallte es und er sank tot zusammen. Ein Heckenschütze hatte sich hinter dem Strauch verschanzt…

So furchtbar der Verlust des Freundes war, bleiben konnten sie auf keinen Fall, sie mussten die Kampflinie überqueren und waren somit im Schussfeld, dabei wurde der Kühn – Junge von einem Splitter im Oberschenkel getroffen, welcher bei vollem Bewusstsein entfernt werden musste – eine andere medizinische Versorgung gab es nicht.

von Sonnenhofen lag der Zielort der Flucht etwa in Pfeilrichtung Karten von Tieke 2 und Baumgart 3 kombiniert und nachbearbeitet

Die Kampflinien vom April 45, bekannt geworden als Kessel von Halbe – die Truppen zogen sich bereits Wochen vorher in der Region zusammen, vor allem Waffen SS und ihre Panzerdivisionen, jeder, der eine Waffe halten konnte, wurde eingezogen, es hielten sich in der Region tausende Flüchtlinge, Frauen, Kinder und Alte, die ortsansässige Zivilbevölkerung und zahllose Militärangehörige auf. Die Zahl der Soldaten im Kessel wird zwischen 150.000 und 200.000 geschätzt, darunter Angehörige der Wehrmacht, der Waffen-SS, des Volkssturms, der Polizeitruppen, des Reichsarbeitsdienstes, der Hitlerjugend und „Wlassow-Armee„. Durch dieses Geschehen hindurch bahnte der Kühn – Junge sich seinen Weg, die Kesselschlacht mag zu trauriger Berühmtheit gelangt sein, die Kampfhandlungen seit Jahresbeginn 1945 waren nicht minder intensiv, da die russische Armee bereits im Februar an der Oder stand, die Schanzarbeiten der zum Arbeitsdienst verpflichteten Frauen bis 50 begannen um Briesen (Mark) z.B. schon im November 1944! Zu diesem Zeitpunkt war der Volkssturm schon aktiv, ein sicheres Zeichen dafür, das man sich des Zusammenbruchs bereits bewusst war, nur noch Menschen „verheizt“ wurden.

bei Seelow April 19454

Gleichzeitig standen im Frühjahr 1945 im Oderbruch und auf den Seelower Höhen, nördlich von Frankfurt (O) hunderttausende Soldaten, 14.000 Geschütze, 5.000 gepanzerte Fahrzeuge und 5.000 Flugzeuge. Am 16. April 1945 begann die letzte sowjetische Großoffensive auf europäischem Territorium. Die „Berliner Operation“ hatte das Ziel den deutschen Widerstand endgültig zu brechen und den Krieg in Berlin zu beenden. Im Winter und Frühjahr starben mehr als 100.000 Soldaten, die Zivilbevölkerung begann man schon Anfang Februar aus einem Streifen von 15 km Breite westlich der Oder zu evakuieren. Dazu kamen laufend neue Flüchtlinge über die Oder.

Um sich eine Vorstellung machen zu können, am ersten Tag der „Berliner Operation“ gingen auf deutsche Stellungen fast 1,3 Millionen Granaten und 1.000 Tonnen Bomben nieder! In Brandenburg sind etwa 400.000 ha Boden mit Munition aus den 2. Weltkrieg noch immer belastet! Auf den 60 Kilometern von Märkisch Buchholz bis Beelitz starben etwa 30.000 deutsche Soldaten, 10.000 Zivilisten, 20.000 Rotarmisten. Würde man jedem dieser Toten ein Kreuz setzen, stünde jeden Meter eines.

Überreste eines Trecks Richtung Beelitz im April 19454

Mitten in diesen Wahnsinn schlug sich der knapp 15 jährige Kühn – Junge mit seinen verbliebenen Kameraden zu einem Bahnhof durch, von welchem noch Züge der Deutschen Reichsbahn fuhren, um wenigstens streckenweise mit der Bahn zu fahren. Es war ihnen klar, dass sie nicht zu dritt in einem Ort unterkommen konnten, überall waren zu viele Flüchtlinge, die untergebracht werden mussten. So beschlossen sie, dass jeder einzeln in einem anderen Ort unterzukommen versucht . Sie fuhren im Personenzug von Jüterbog nach Zossen, und entschieden sich für Stationen im Kreis Jüterbog – Luckenwalde. Sie legten Wert darauf, dass es Orte waren, in welchen Landwirtschaft betrieben wurde, denn landwirtschaftliche Arbeiten waren ihnen nicht fremd.

Der Kühn – Junge suchte sogleich den Ortsbauernführer auf, die Ortsbauernführer hatten meist Listen von den im Ort untergebrachten Flüchtlingen, dieser sagte ihm, er solle bis zum nächsten Tag warten, dann könne er in die neuesten Listen schauen, da die Hoffnung, eine Spur der Familie zu finden, den Jungen stets begleitete.

Er bekam Unterkunft und Verpflegung, gern hätte der Bauer den Jungen behalten, denn er hatte eine mittlere Bauernwirtschaft, der älteste Sohn war im Krieg gefallen und der einzig verbliebene Sohn war damals 11 Jahre alt. So bot er ihm an, einige Zeit bei ihm zu bleiben, außerdem kam die Kriegsfront immer näher.

Am anderen Tag wurden die Pferde angespannt und er wollte dem Jungen die Feldmark zeigen. Sie kamen nicht sehr weit, als sie von der Dorfstraße auf den Feldweg abbogen, kamen sie an dem Seitengebäude der ehemaligen Gastwirtschaft vorbei. In diesem Gebäude waren oben drei Logierzimmer, an dem leicht geöffneten Fenster kämmten sich Mädchen die Haare. Doch als das Gespann vorbei kam, gab es ein Geschrei, die Schwestern entdeckten ihren Bruder und nur wenige Augenblicke später fielen die Schwestern und seine Mutter dem Bruder und Sohn um den Hals.

So hatte er seine Familie gefunden, bzw. die Familie hatte ihn gefunden.



1) Markus Leniger: Nationalsozialistische ‚Volkstumsarbeit‘ und Umsiedlungspolitik 1933-1945 Von der Minderheitenbetreuung zur Siedlerauslese. Diss. 2006, Frank & Timme
2) Tieke: Im Feuersturm letzter Kriegsjahre, Pour Le Merite 2006
3) Eberhard Baumgart: Jenseits von Halbe: Der Todesmarsch der 9. Armee in den „Morgenthau“ Ende April /Anfang Mai 1945 Fragmente von Zeitzeugen, Druffel & Vowinckel 2006
4) Fotoausschnitte Wochenschauen, ausgestrahlt 1983, ARD in der Dokumentation „Durchbruch an der Oder 1945“