Erinnerungen an meinen Vater Fritz Seifert – Teil 3

 

See 1

Als Mutti und Papa in den 60er Jahren noch regelmäßig mit dem Wohnwagen an die wilde Badestelle des Plessower See’s fuhren, kamen sie mit dem Bürgermeister von Werder/Havel ins Gespräch. Dieser bot ihnen ein Grundstück direkt an diesem See zur Pacht an. Sie besichtigten das Grundstück, es lag direkt am Wasser, aber reine Wildnis weit und breit, trotzdem sehr schön. Sie überlegten lange, ob sie sich die Arbeit aufbürden wollten, alles urbar zu machen.

Ein Wassergrundstück war doch zu verlockend, so wurden sie ab 1967 Pächter in der Wildnis am See.

Eisangler 2

Nach und nach kamen noch ein knappes Dutzend Interessenten dazu, so waren sie nicht mehr allein auf weiter Flur.

Das unverhoffte Angebot des Bürgermeisters war inoffiziell damit zu begründet, den Uferstreifen mit Pächtern zu besiedeln, um das unkontrollierte Angeln der Soldaten der Roten Armee zu unterbinden. Der Plessower See wurde von der Gemeinde als Fischaufzugsgewässer genutzt. In der Nähe lag ein großes Armeegelände der Sowjetarmee.

Papa war von Werder und seiner Umgebung schon immer sehr angetan, da er zeitweise als Soldat auf dem dortigem Fliegerhorst stationiert war und damals sogar am Rande des Flugfeldes eine Wohnung in Aussicht hatte. Das Heeresbauamt errichtete in den 30er Jahren Einfamilienhäusern für den Standort der Luftkriegsschule 3. Nach dem Krieg wurden die Häuser von Offizieren der Sowjetarmee genutzt und heute ist das ganze Areal des Flugfeldes eine Wohnsiedlung. Die Phöbener Landstraße ist die heutige Phöbener Chaussee.

Nicht weit entfernt, liegt im südwestlichen Teil der Stadt Werder/Havel der Plessower See. Der Kemnitzer Chaussee stadtauswärts folgend, zweigt an der Bus-Haltestelle „Dicke Eiche“ ein Sandweg ab, dieser führt direkt zum See und zum ehemaligen Pachtgrundstück von Mutti u. Papa.

 

Am Kleinen Plessower See 3

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus diesem ehemals verwildertem Grundstück machten Mutti und Papa eine kleine Oase, herrlich am Wasser gelegen. Papa baute eine Wohnlaube, ein kleines Toilettenhäuschen und sogar ein  Duschhaus mit warmem Wasser mittels einer Propangastherme.

Die Pächtergemeinschaft legte sich Strom und später eine Trinkwasserleitung zu den Grundstücken, bis dahin versorgte er die Dusche über eine Pumpe mit Wasser aus dem See.

Das kleine Häuschen war wohnlich mit allem ausgestattet, um die Wochenenden und den Jahresurlaub darin zu verbringen. Ein Kleiderschrank, ein Tisch, zwei Sessel, anfangs ein Doppelstockbett, welches Papa aber bald durch eine eigens konstruierte, ausklappbare Bettcouch ersetzte. Im Raum befand sich noch ein Wohnregal und eine Kochecke mit Spüle. Damit man es auch an kalten Tagen aushalten konnte, bekam das Haus einen Ofen, angeschlossen an einem außenliegenden, eisernen Kaminschornstein.

Beruflich änderte sich für Papa auch einiges. Nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall mit dem Fahrschulwagen und einer Verletzung seiner Wirbelsäule, gab er die Arbeit als Fahrlehrer auf. Er wechselte im Laufe der Jahre in verschiedene Bereiche des VEB Güterkraftverkehr. Dafür war es gut, dass er Anfang der 60er Jahren noch einmal die Schulbank drückte und seinen
Meisterbrief für die Volkseigene Industrie machte.

Nach seinem Unfall arbeitete er beim Kraftverkehr im „Büro für Neurerwesen“.

Neurerwesen war ein staatlich gelenktes Verfahren, mit Hilfe von Verbesserungsvorschlägen der Werktätigen, die Produktivität in den Betrieben zu steigern.

Papa hatte in diesem Rahmen einen Fahrtrainer für die Fahrschule konstruiert, um die ersten Schritte der Fahrschüler frei von den jeweiligen Straßenverhältnissen zu starten.

Es war ein Rollenstand, auf dem man das Fahrzeug, wie im normalen Fahrbetrieb, händeln konnte.

So entstand ein fester und ein mobiler Fahrtrainer. Für die Fahrschüler war es sehr angenehm, erst dann auf die Straße zu kommen, nachdem man das Auto in seiner Funktion beherrschten konnte.

Nach einiger Zeit im Neurerwesen, wechselte Papa beim Güterkraftverkehr in die Bauabteilung. Hier war er maßgeblich an der Vermittlung, Planung und dem Bau eines Ferienobjektes in Werder/Havel betraut.

Die Ferienhäuschen entstanden auf einem Areal in der Nähe des Plessower See, der Badestrand zur Siedlung befand unmittelbar auf einer Brache neben Mutti und Papas Parzelle.

Ausgleich zur täglichen Büroarbeit suchte Papa in seiner Garage, dort wurde immer etwas gebaut und geschraubt. So entstand, natürlich aus den obligatorischen alten Metallbetten, Sperrholz und Leinwand, ein zerlegbarer Strandkorb für den Urlaub an der Ostsee. Der Korb war bespannt mit einer weiß/gelben Plane, als Polster dienten die Schaumstoffauflagen des Wohnwagens. Bei den Ostseeaufenthalten wurde er regelmäßig im Wohnwagen zerlegt mitgenommen. Es war jetzt wie ein Hauch Luxus.

Durch das Grundstück in Kemnitz kam es manchmal zu Transportproblemen, der PKW Trabant reichte oftmals in seiner Kapazität nicht mehr aus. Also mußte ein Anhänger her. So wurde in der Garage wieder getüftelt und gebaut.

Es entstand 1976 ein Lastenanhänger in Metallbauweise, natürlich mit einer Auflaufbremse. Papa hatte ihn optisch den gängigen, fabrikmäßigen Modellen angepasst. Durch die innen laufenden Räder stand genug Ladefläche zur Verfügung.

Phönix-Nähmaschine4

Das war gut so, denn Anfang der 80er Jahre bauten wir diesen Anhänger zu einem Zeltanhänger um. Dazu bekam der Hänger einen Lattenrost, über die Zuggabel ausgeklappt, entstand eine Liegefläche von 2m. 4 Stützen erhöhten das Dach und mit der gleichen Dachhaut wurden die Seitenwände bespannt. Das orangefarbende Material stammte von einer LKW-Plane. Schaumstoffmatten rein, fertig war die Schlafkoje.
Um alles zu komplettieren, nähte ich noch ein Vorzelt auf unserer alten, antiken Phönix-Nähmaschine, diese eignete sich gut für feste, derbe Stoffe. Eigentlich war es für Papa der 4. gefertigte Wohnwagen. Die Näh-und Lackierarbeiten übernahm ich jetzt.
Als Grundlage für das Vorzelt diente unser bisheriges Zelt, welches ich vollkommen zerschnitt und den Maßen des Zeltanhängers anpaßte. Eine große Überplane schützte zusätzlich vor Regen und Wind.

 

Fortsetzung


Fotos und Grafiken ohne Benennung: Privatbesitz Gerd Seifert; admin

1 Foto See pixabay; Creative Commons CC0

2 Bildausschnitt Eisangler in Graustufen aus:  Ukraine, Kiev. Rusanivka channel and Hidropark. Ice fishing; AutorАимаина хикари ; aufgenommen 9.2.1014 wikimedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

3 Foto wikimedia Am Kleinen Plessower See, von zenmoench, 23.7.2010 Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0

4 Phönix-Nähmaschine, wikimedia. Ausschnitt aus dem Foto von Alf van Beem vom 7.4.2012,  Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication