Alt Prerau: Lagerleiter Johann Groß, 36 Bewohner aus Josefsdorf
Asparn an der Zaya: Lagerleiter Heinrich Eberlein, 166 Bewohner aus Lunga
Bernhardsthal: Lagerleiter Leo Reichl, 120 Bewohner aus Tarutino, Josefsdorf
SA-Heim, Burg Laa an der Thaya: Lagerleiter Rudolf Gsonek, 116 Neu-Tarutino
Gaubitsch: Lagerleiter Johann Lahner, 58 Bewohner aus Neu-Tarutino
Kirchstetten: Lagerleiter Georg Ehrenreich, 152 Bewohner aus Konstanta, Karamurat
Kronberg: Lagerleiter Franz Haindl, 78 Bewohner aus Neu-Tarutino
Ladendorf: Lagerleiter Eduard Riedl, 275 Bewohner aus Mathildendorf, Neu-Mathildendorf, Petrowka, Borodino
Mistelbach an der Zaya: Lagerleiter Johann Schuch, 177 Bewohner aus Josefsdorf
Pellendorf: Lagerleiter Franz Stelzer, 133 Bewohner aus Josefsdorf
Schloß Poysbrunn: Lagerleiter Rudolf Fluchy, 81 Bewohner aus Neu-Tarutino
Walterskirchen
Pfarrhof in Walterskirchen, Gemeinde Poysdorf, Niederösterreich, Österreich 4
Lagerleiter Johann Kaufmann, es gab hier am 1. März 1941 gelistete 81 Bewohner aus Tarutino, Neu Tarutino und Josefsdorf5:
Familie Friedrich Göhner und Frau Magdalena geb. Wahl; 10 Kinder; aus der Ehe mit Schneider Adam (†) 4 Kinder (22 Kinder und 18 verstorbene!), Johann Göhner und Magdalena Motz, 2 Kinder (eins verstorben)
Familie Wilhelm Trautwein, Frau Anna geb Ertmann, 2 Kinder; Johann Trautwein, Frau Rosina geb. Günter, 9 Kinder (davon 4 †) und Martin Trautwein mit Frau Rosina geb. Knodel, 10 Kinder (davon 4 †)
Familie Eduard Bogner mit Frau Elise geb. Fandrich, 1 Kind; Johannes Pohl (†) mit Frau Helene geb. Döhring, 4 Kinder (davon 3 †); Gottfried Bogner mit Helene geb Döhring 12 Kinder (davon 8 †).
Familie Reinhold Rath mit Frau Elsa geb. Stoik, 4 Kinder (davon eins verstorben) und Wilhelm Rath mit Frau Christine geb. Wahler, 9 Kinder (davon 3 †)
Familie Rudolf Tetzlaff mit Frau Maria Fandrich, 1 Kind und Samuel Tezlaff mit Frau Pauline Milbrat, 12 Kinder (davon 4 †)
Familie Alfred Bich mit Frau Adele Wanke, 3 Kinder (davon 2 †); Johann Bich mit Frau Salomena geb. Bunk, 11 Kinder (davon 7 †) und Gottfried Bich mit Frau Magdalena geb. Seize, 4 Kinder (davon 2 †)
Familie Michael Böttcher mit Frau Alfine geb. Schöffelmeier, 7 Kinder (davon eins †) und Daniel Böttcher mit Frau Juliane Butau, 11 Kinder (davon 3 †)
Familie Johann Pohl und Frau Katharina geb. Pohl, 9 Kinder (davon 3 †) und Christian Pohl mit Frau Anna geb. Ruff, 8 Kinder
Familie Johann Schrank mit Frau Karoline geb. Fälscher, 3 Kinder und Toternschke, Jorips (?) (ein Russe) mit Karoline Fälscher 3 Kinder
Familie Gottfried Brißke mit Frau Hulda geb. Sept 14 Kinder (davon 3 †), Ferdinand Brißke mit Frau Katharina geb. Frank 6 Kinder (davon 2 †) und Reinhold Kling mit Frau Hulda geb. Sept, 1 Kind
Šumperk (deutsch Mährisch Schönberg) ist eine Stadt in der Region Olmütz in Tschechien.
Die deutsche Geschichte reicht viele Jahrhunderte zurück, daher gab es eine Sudetendeutsche Partei (SdP), die offen das „Dritte Reich“ unterstützte und bei den Wahlen 1935 auch 64 % der Stimmen erhielt.
Im Jahre 1938, nach dem Münchner Abkommen wurde die Stadt dem Deutschen Reich zugeschlagen und war bis 1945 Sitz des Landkreises Mährisch Schönberg und gehörte zum Reichsgau Sudetenland. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 1945 wurde Mährisch Schönberg an die Tschechoslowakei zurückgegeben und erhielt den tschechischen Stadtnamen Šumperk zurück. In der Folge begannen großflächige Enteignungen und Vertreibungen der verbliebenen deutschmährischen Bevölkerung.
Hier befanden sich die der Stadt unterstellten Umsiedlerlager:
Mährisch-Altstadt mit 121 Personen
Mährisch-Schönberg Nr. 42 mit 52 Personen
Ullersdorf Nr. 43
Zöptau mit verantwortlichem Lagerleiter Johann Huft
Im Umsiedlerlager Nr. 42 waren im Februar 1941 folgende Bessarabier gemeldet (Liste liegt mir vor5):
Friedrich Alber mit Frau Olga geb. Funk, 3 Kinder
Olga Banek geb. Winkler, 2 Kinder
Gottfried Funk mit Frau Lilli geb. Lehmann, 2 Kinder
Witwe Eleonore Georgiu, geb. Wezlaff, 3 Kinder
Johannes Haller, Witwer der Karoline geb. Lehr, 6 Kindern
Emil Rall und Emilie geb. Leitz, 4 Kinder
Friedrich Riethmüller und Ottilie geb. Bossert, 5 Kinder
Eduard Ölke und Magdalena geb. Gabert, 6 Kinder
Gotthilf Sawall und Pauline geb. Hermann, 3 Kinder
Witwe Mathilda Sawall geb Huber, 8 Kinder
Gotthilf Schlauch und Mathilde geb. Buchfink, 6 Kinder
Otto Schulz und Marie geb. Beck, 4 Kinder
In der Region Aussig (Ústecký kraj) lag der Bezirk Tetschen (Okres Děčín) mit der Stadt Rumburg (Rumburk) . Untergeordnet waren der Stadt Romburg die Lager:
Georgswalde mit 114 Personen
Nixdorf, Deutsches Haus mit 129 Personen (Lager 108)
Nixdorf, Krankenhaus mit 133 Personen (Lager 109)
Philippsdorf, mit 139 Personen
Rumburg, verantwortlicher Leiter Franz Schmid, mit 137 Personen
Schönlinde, mit 95 Personen
Schluckenau, verantwortlicher Leiter Metzner, mit 265 Personen
Teichstatt, mit 104 Personen
Warnsdorf, mit 182 Personen
Wölmsdorf, mit 55 Personen
Zeidler, mit 98 Personen
Nixdorf (Mikulášovice)
Vlak tažený lokomotivou 434.2186 u Mikulášovic na trati Rumburk–Sebnitz 6Tanzsaal „Deutsches Haus“ 7
In Nixdorf (Mikulášovice) stand das Hotel „Deutsches Haus“, in der Nachkriegszeit wurde das Gebäude Nixdorf Nr. 19 umgenutzt und diente ab September 1953 als Kompanie der Grenzschutzabteilung, bevor es 1966 an die zivile Verwaltung übergeben wurde.
In den Jahren 1940 bis 1942 beschlagnahmte die NSDAP zahlreiche Klöster zur Unterbringung deutscher Umsiedler aus Südosteuropa. Im allgemeinen Sprachgebrauch nannte man diese Phase der Beschlagnahme und Enteignung von rund 300 katholische Klöster und kirchliche Einrichtungen „Klostersturm“1. Die Klosterbewohner mussten das Kloster verlassen, der Betrieb wurde eingestellt.
In Bayern waren die betroffenen Klöster 1940 zumeist im Betrieb nur stark eingeschränkt, bis man 1941 versuchte, wegen angeblich „volks- und staatsfeindlicher“ Betätigung der Ordensgeistlichen, mindestens acht Klöster zu schließen. Der Protest der katholischen Bevölkerung konnte dieses letztlich verhindern.
Unter Berufung auf das Reichsleistungsgesetz vom 1. September 1939 wurde die Grundlage für die Beschlagnahme von Gebäuden „für kriegswichtige Zwecke“ geschaffen. Man forderte daher gezielt die kirchlichen Gebäude, um dort Umsiedler unterzubringen und illegal (Rückgabe war nicht geplant), der Grundstücke habhaft zu werden.
Aus Erzählungen der Umsiedler und Eintragungen in Dokumenten kennt man die Lagerstandorte, einige davon:
1941 Umsiedler aus Neu Elft, Bessarabien, bekannt sind Unterbringungen im Gasthaus zur Post, verantwortlicher Leiter Schrankenmüller; im Kloster verantwortlicher Leiter A. Sillib.
Die Familien waren jeweils in einem oder zwei Zimmern untergebracht, auch die Versorgung war besser als in anderen Lagern, wie die Familien teilweise in Sälen untergebracht waren, nur getrennt von Decken. Die arbeitsfähigen Männer und Jugendlichen waren mit Arbeitseinsätzen im Ort und der Umgebung beschäftigt, währen die Frauen in der Lagerküche halfen oder bei Reinigungsarbeiten.5
Im Jahre 1852 gründete Pfarrer Joseph Probst in einigen verfallenen Gebäuden die erste Anstalt für geistig Behinderte in Bayern mit 14 Kindern. Bereits 1884 lebten hier 190 Pfleglinge mit 50 Schwestern in einer klosterähnlichen Gemeinschaft. Bis 1902 wurden neue Gebäude für insgesamt 229 Bewohner geschaffen. Zwischen 1921 und 1934 entstanden die Filialen Bachham/ Heldenstein und Berg bei Schnaitsee.7
Die Kretinenanstalt Ecksberg beherbergte vom 8. Oktober 1940 bis 13. September 1941 rund 350 Bessarabiendeutsche, in der Filiale Bachham 100.
Um diesen Platz zu schaffen, wurden von den 342 Pfleglingen in Ecksberg am 26. September 1940 sechzig in die Anstalt Gabersee überstellt, am 30. September weitere 228 in die Anstalt Haar bei München „verbracht“. Von dort aus ging es für 245 in die Gaskammern der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz8. Es überlebten nur 45 in Ecksberg, elf in Berg und neun in Bachham, zusammen 65 Pfleglinge9.
In Berg waren in der „Lüderitz-Villa“ (Villa „Alte Eichen“) in Kempfenhausen unter der Leitung von C. Laux Umsiedler aus Alexanderfeld, Balaban, Netusche und Tarutino untergebracht.
1941 Umsiedler aus Neu Elft und Dennewitz, Bessarabien
Unterbringung der Neu Elfter im Gasthof Prinz Ludwig, verantwortlicher Leiter H. Baur, Gasthof Grauer Bär, verantwortlicher Leiter Lanzl. Da der Graue Bär bereits als Unterkunft für die Kinderlandverschickung diente, resümierten der Kreisleiter und der Bürgermeister bei der Besichtigung vor der Ankunft der Neu Elfter, dass das Haus „einen grauenhaften baulichen Zustand“ besaß, trotzdem wurde einquartiert. Im Erholungsheim Seehof, unter dem Leiter H. Baur, wurden Dennewitzer untergebracht.
Das Benediktiner-Kloster wurde ab 22. November 1940 mit rund 350 Personen aus Bessarabien und der Dobrudscha belegt. Die Umsiedler aus Ciucurova berichten, ihre Ankunft war am 25. November 1940. Johann Adam (*1913 Ciucurova) berichtet dazu:
„Es folgt nun die Lagerzeit und die ist hart. Die Lagerführer sind dazu da, die dobrudschadeutschen Bauern umzuerziehen. Es gibt dabei viel Not und Elend“.
in: Jahrbuch der Dobrudschadeutschen 1956 p.46, Otto Klett, Eugenverlag
Das Lagerleben war ihnen ein Gräuel, aber sie mussten auch das zweite Weihnachtsfest dort feiern, ehe man 1942 in einem Lager im Warthegau auf die Ansiedlung wartete.
Percha bei Starnberg
Altenheim St. Josef mit der integrierten Kirche St. Bonaventura 12
Das St. Josefsheim beherbergte 1941 Umsiedler aus Alexanderfeld, Balaban und Ismail, Bessarabien. Die Leitung hatte C. Laux.
Heute erinnert sich kaum jemand an ein Umsiedlerlager für Bessarabiendeutsche im Jahre 1941 in Assenhausen, Ortsteil von Berg am Starnberger See.
An diesem Ort befindet sich ein Gebäude mit langer Tradition, das einstige Hotel „Rottmanns-Höhe“, welches 1874 auf dem Berggipfel errichtet wurde und eine wunderbare Sicht auf den Starnberger See bietet. Den Namen erhielt es in Erinnerung an den Landschaftsmaler Carl Rottmann, der vor dem Bau des Hotels von hier aus die Landschaft malte.
Ansichtskarte von Ferdinand Finsterlin (1843–1917)14
Als besondere Attraktion für Ausflügler gab es von 1901 bis 1919 an der Schiffsanlegestelle „Leoni“ eine Standseilbahn, um die 85 Höhenmeter zum Hotel zu überwinden. Seither führt der Seilbahnweg auf der ehemaligen Trasse entlang.
Mit der Einstellung des Hotelbetriebes wurde das Gebäude ab 1908 als Sanatorium genutzt, ehe es 1920 von den Jesuiten angekauft und zum Exerzitien-Gebäude15 wurde. Sie passten es optisch an ihre Klostergebäude an, indem ein Dachstuhl aufgesetzt, der dort vorhandene Aussichtsturm und Teile des Seilbahnmaschinenhauses entfernt wurden.
Nachweislich ab April 1941 waren dort 95 Bessarabiendeutsche untergebracht und Kinder konfirmiert (Denning, Kienzle, Lichtenthal16).
Als Lagerstandort der Dennewitzer wurde die Rottmannshöher SS-Bräuteschule eingetragen, verantwortlicher Leiter Georg Entres. Dieser blieb der Leiter, als Volksdeutsche aus Slowenien nach den Bessarabiern im Lager untergebracht wurden. Endres war dafür dienstverpflichtet und unabkömmlich gestellt (vom Kriegsdienst befreit).18
1941 Umsiedler aus Neu Elft und Alt Posttal, Bessarabien im Kloster unter der Leitung von A. Keller
Urfeld am Walchensee
Urfeld um 1900 vom Kesselberg mit Walchensee und Herzogstand 21
1941 Umsiedler aus Neu Elft und Dennewitz, Bessarabien
Die Unterbringung der Dennewitzer erfolgte im Hotel Post, verantwortlicher Leiter M. Recum und im Hotel Einsiedel, verantwortlicher Leiter E. Macco. Die Neu Elfter kamen ins Hotel Fischer am See, verantwortlicher Leiter J. Heiss und ins Hotel Jager am See, verantwortlicher Leiter E. Holthaus.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising Die Kriegs- und Einmarschberichte im Archiv des Erzbistums München und Freising / Peter Pfister (Hrsg.). (Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising ; Bd. 8) ISBN 3-7954-1761-9 Verlag Schnell und Steiner GmbH, Regensburg 2005; p.861f ↩︎
Exerzitien (von lateinisch: exercere = üben) sind mehrtägige, meist schweigend begangene geistliche Übungen im christlichen Glauben ↩︎
mein Dank an Frau M. Kienzle, welche mir das Dokument dazu zur Verfügung stellte ↩︎
mein Dank gilt Heinz Rothenfußer, Archivar der Gemeinde Berg am Starnberger See, der mit freundlicherweise Material zur Verfügung stellte: „Namentliches Verzeichnis der ausgegebenen Umsiedlerausweise 12.04.1941“ (Staatsarchiv München) ↩︎
Institut für Zeitgeschichet München-Berlin, München 17.5.2013 Gutachten über Max und Maria Wutz p.31 Zitat 243: Bundesarchiv Berlin, ehem. BDC, PK C 66 (Schreiben betr. UK-Stellung des Georg Endres vom 7.1.1941 wegen seiner Dienstverpflichtung als Lagerführer; Staatsarchiv München, SpkA K 3733: Wutz, Max (Vernehmung Kreszenz Endres vom 30.9.1946). ↩︎
Hotel „Schützenhaus“ Asch
Ansichtskarte von 1938, Kunstverlag Georg Philipp, Nr. 26
Asch ist eine Stadt in Nordwestböhmen im heutigen Tschechien, im 11. Jahrhundert kamen Kolonisten aus Bayern, so erhielt sich bis ins 20. Jahrhundert, ebenso wie im südlich angrenzenden Egerland, der nordbayerische Dialekt. Auch im nördlich angrenzenden Vogtland wurde diese Mundart in etlichen Ortschaften nahe der tschechischen Grenze gesprochen.
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 gehörte Asch zur Tschechoslowakei, eine Angliederung an Bayern wurde abgelehnt. Nach dem Münchner Abkommen gehörte die Stadt von 1938 bis 1945 zum Landkreis Asch im Reichsgau Sudetenland, weshalb zahlreiche Umsiedler hier in Umsiedlerlagern untergebracht wurden.
Am 14.10.1940 wurden die Bewohner Kisils zum Donauhafen Kilia gebracht und fuhren mit dem Donaudampfer „Schönbrunn“ am Abend des 15.10.1940 Donau aufwärts durch das „Eiserne Tor“ bis Semlin bei Belgrad, wo sie am 18.10.1940 vormittags von einer Musikkapelle empfangen wurden.
Nach kurzer Rast in einem Zeltlager ging es am 20.10.1940 abends, mit Bussen zum Bahnhof Belgrad und per Zug über Graz, Wien, Prag und Eger nach Asch.
Alle, die mit dem Treck fuhren, Väter gemeinsam mit ihren ledigen Söhnen oder auch kinderlose jüngere Ehepaare, lenkten ihre Gespanne am 17.10.1940 von Kisil bis Galatz. Bei Ankunft wurde das Gepäck auf die Schiffe verladen und die Pferde für das Militär gemustert. Von Galatz ging an Bord der Schiffe bis Prahowo in Jugoslawien und von dort mit der Bahn bis Asch, wo sie am 10. November 1940 eintrafen.
In Asch wurden die Kisiler mit den eintreffenden Umsiedlern aus Manscha (Annowka) und Raskajetz auf drei Lager verteilt.
Das Hauptlager war das Schützenhaus, hier waren unter anderem Renate Manske (1922–1945, sie starb zusammen mit ihren Eltern auf der Flucht beim Überqueren der Weichsel), Ida (*1924) und Anna Maria (*1921) Heller, Elfriede Winter (*1924), Gertrud Härter(*1924), Harald Mantz (*1937) und Klara Klaudt (*1921) untergebracht.
Neue Turnhalle des Turnvereins Jahn in Aš (Asch) aus dem Jahr 19331.
In der Jahnhalle waren die Familien Artur Flöther (*1908), Eduard Haas (*1914), Gotthilf Kehrer (1900–1945), Rudolf Kehrer (*1899), Rudolf Böpple (1909–1984), Oskar Schoon (1899–1946) und Oskar Witt (*1902, Cousin des Großvaters von Katharina Witt) untergebracht. Mütter mit Säuglingen bekamen einen eigenen Schlafsaal.
Weitere bekannte Namen der Umsiedler in der Jahnhalle waren Adolf, Gerber, Merz, Rauch, Schneck und Wirth. Außerdem gab es noch das Jägerhaus.
Für die Speisezubereitung in der Lagergroßküche waren die bessarabische Frauen zuständig, schulpflichtige Kinder hatten das Glück, in die Bürgerschule gehen zu können, das war nicht immer möglich, vor allem im Warthegau war es mit dem Schulunterricht nicht so gut bestellt. Die Kinder ab 10 Jahren kamen zum Jungvolk, ab 14 Jahren zur Hitlerjugend bzw. zum Bund deutscher Mädel (BDM).
Den Schulunterricht erteilten die bessarabischen Lehrer Robert Deiß und Oskar Mantz (*1910) aus Kisil, Robert Brenner aus Manscha und Heinrich Sonderegger aus Raskajetz.
Zudem wurden die Umsiedler zur Arbeit in Fabriken und Betrieben herangezogen, Asch war ein Zentrum der Textilindustrie, das war nicht in allen Lagern so und führte dort durch Herumsitzen und Langeweile zu Frust. Junge Männer wurden direkt eingezogen zum Wehrdienst.
Am 17.10.1941 ging es per Zug über Eger, Karlsbad, Dresden, Görlitz und Breslau in den Warthegau, in Freihaus (Stunska Wola) wartete auf die Umsiedler noch einmal ein Durchgangslager vor der Ansiedlung im Warthegau.
Asch wurde am 20. April 1945 durch US-amerikanische Truppen besetzt. Im November 1945 kam Asch nach der Übergabe an sowjetische Besatzungstruppen unter sowjetische Militärverwaltung und wurde danach tschechisch.
Quelle: 1 Overview of the development of various streams of German physical education in the Czech lands – Scientific Figure on ResearchGate. Available from: https://www.researchgate.net/figure/Abbildung-6-Neue-Turnhalle-des-Turnvereins-Jahn-in-As-Asch-aus-dem-Jahr-1933-Figure_fig4_354658790 [accessed 6 Jul, 2023] Creative Commons Attribution 4.0 International
2 Kisil, ein Schwabendorf in Bessarabien, Schriften des Heimatmuseums der Deutschen aus Bessarabien Nr. 36, herausgegeben von Ingo Rüdiger Isert, Stuttgart 1999
Für die Umsiedler wurde in Löbau die Kaserne genutzt. Ob noch andere Gebäude belegt wurden, ist nicht bekannt.
Etwa 1915: Jäger-Kaserne Löbau, erbaut 1912-14. In der DDR Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“. Kasernen-Außenansicht von SSW (GMP: 51.105785,14.681745)1
Das Umsiedlerlager Löbau in Sachsen wurde von Borodinoer Umsiedlern zwischen dem 30. Oktober 1940 und dem 3. Dezember 1940 belegt. Diese Daten kann man dem noch vorhandenen Lagerpass der Familie Scheurer2 entnehmen.
Bessarabiendeutsche im Lager Löbau, Foto: Privatarchiv M. Scheuer, welcher das Bild freundlicherweise zur Verfügung stellte.
1) Wikimedia: Etwa 1915: Jäger Kaserne Löbau, erbaut 1912-14. In der DDR Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“. Kasernen-Außenansicht von SSW (GMP: 51.105785,14.681745). Fotograf unbekannt – 19770427050AR.JPG/Repro Blobelt CC BY-SA 4.0
Mein herzlicher Dank für die Dokumententexte, Zeitungsartikel und das Lagerlied geht an Herrn Friedrich Wimmer, Waxenberg. Ohne ihn hätte ich diesen Artikel in dieser Form nicht realisieren können.
Das Schloss Waxenberg liegt im Ortszentrum von Waxenberg in der Gemeinde Oberneukirchen im oberösterreichischen Mühlviertel.
Bereits im17. Jahrhundert unterhalb der Burgruine Waxenberg errichtet, diente es zwischen 1756 und 1848 als Sitz der Herrschaft Waxenberg und ist heute in Privatbesitz der Familie Starhemberg.
Neues Schloss Waxenberg 1)
Das heutige „Neue Schloß“, erbaut 1908 bis 1914, diente seit 1938 der Volksfürsorge, nachdem es durch die Nationalsozialisten enteignet wurde.
Mietvertrag 1938 3)
Im September 1940 richtete man nach Beschlagnahme der Gebäude ein Umsiedlerlager ein.
Beschlagnahme 1940 3)
Beschäftigte im Umsiedlerlager und Mietangebot Saal als Schulzimmer 1940 3)
Der „Heimatbrief für die Soldaten aus dem Kreis Freistadt, O. D.“3
berichtete im Brief Nr. 6 September/Oktober 19403 :
Als Neuigkeit muss ich euch noch sagen, dass wir dieser Tage 370 Bessarabien Deutsche erwarten. Wir wollen sie alle in den Waxenberger Schlösser unterbringen, da gibt es natürlich noch viel vorzubereiten, damit wir diesen braven Menschen wenigstens vorübergehend eine Heimat ersetzen können. Schon durch ihr Kommen zeigen sie uns ja, welche Liebe sie zu unserem Volk und zu unserem Führer haben. Sie, die ihre Heimat und ihren schwer erkämpften Boden verlassen, um Seite an Seite mit uns am Kampf und am Neuaufbau unseres Vaterlandes mitzuarbeiten, zeigen uns so recht, wie wir heute an der Geburt eines Reiches stehen, dessen Größe und innere Geschlossenheit das erste Mal in der Geschichte alles in seinen Bannkreis zieht, was bluts- und willensmäßig zu unserem Volke gehört. So entsteht Stein auf Stein das herrliche soziale deutsche Volksreich von dem zu allen Zeiten die Besten unseres Volkes geträumt haben und das Jahr jetzt durch Euren höchsten Einsatz für immer begründen helft.
Zeitgleich erhielten die Marienfelder ihren Umsiedlerpass, Mitte September 1940 wurden alle Frauen und Kinder, ebenso die arbeitsunfähigen und älteren Männer auf LKW verladen und nach Galatz ins Sammellager gebracht. Nach etwa einer Woche Lageraufenthalt setzten sie ihre Reise mit dem Schiff Donau aufwärts in das Sammellager Semlin in Jugoslawien fort. Wieder erwartete sie rund eine Woche Lageraufenthalt, ehe die Weiterreise mit der Bahn angetreten wurde. Nach der Ankunft in Wien wurden alle verteilt auf die Umsiedlungslager Eschelberg, Waxenberg und Schloß Riedegg bei Gailneukirchen (Linz/Oberdonau).
Näheres über die Vorbereitungen zur Aufnahme der Marienfelder in Waxenberg erfahren wir aus dem 7. Brief November 19403 :
Oberneukirchen empfing die Bessarabien Deutschen.
Wie wir im letzten Heimatbrief angekündigt haben, sind nun die Bessarabien-Umsiedler mit Kind und Kegel hier eingetroffen. Die Ortsgruppe Oberneukirchen hat das Möglichste getan, um ihnen schon von Anfang an zu zeigen, wie sehr wir bemüht sind, ihre Lage nach Möglichkeit zu erleichtern. Tage vorher schon wurde Jung und Alt mobilisiert, welche Tag und Nacht arbeiten mussten, um das Lager Waxenberg in einen Zustand zu setzen, der den gestellten Anforderungen gerecht wird. Es galt bei 400 Strohsäcke zu stopfen, Zimmer und Betten in Ordnung zu bringen und verschiedene andere kleine Arbeiten zu verrichten, die zur wohnlichen Ausgestaltung notwendig sind. Besonders in den letzten Tagen wurde oft bis 11 und 12 Uhr nachts mit Liebe und Fleiß gearbeitet, und als schließlich der Tag kam, wo das Eintreffen der Umsiedler gemeldet wurde, da konnten ihnen alle Beteiligten mit dem Bewusstsein entgegen blicken, ihre Pflicht als Volksgenossen den tapferen Heimwanderern gegenüber restlos nachgekommen zu sein.
Schnell wurde noch alles Notwendige zur Verpflegung heran geholt, Kartoffel und Kraut eingelagert, Brennmaterial besorgt und dann die Vorbereitung zum Empfang getroffen.
Um 4 Uhr nachmittags kam dann unser umsichtiger Kreisleiter, um noch alles zu überprüfen und die Umsiedler persönlich in ihrer vorübergehenden Heimat zu begrüßen. Inzwischen hatten die Gliederungen der Partei und der Reichskriegerbund Aufstellung genommen, auch die Ortsmusik von Oberneukirchen fehlte nicht, um den Empfang durch schneidige Märsche zu verschönern. Als dann um halb 8 Uhr abends die lange Autokolonne einfuhr und nach und nach die Familien, insgesamt 310 Personen, in das Schloss geleitet wurden, da ist wohl jedem von uns die Größe des Vaterlandes klar geworden, die diese Familien für Deutschland und für unseren geliebten Führer darbringen. Alte Leute, rüstige Männer, brave Mütter und viele, viele Kinder gingen an uns vorüber. Eine gute Organisation der Lagerführung sorgte dafür. Dass schon eine Stunde später alles in den zu geteilten Räumen untergebracht war. Die rührige Frauenschaft von Oberneukirchen und Warenberg verteilte sich sodann in den Räumen und hatte für jedes Kind und für jede Mutter ein besonderes Päckchen guter Sachen. Dankbare Blicke und Worte der bescheidenen Menschen belohnten reichlich die aufgewendeten Mühen.
So wurde auch diese Arbeit in gemeinschaftlichem Zusammenwirken geschaffen. Für Arbeit und Beschäftigung der Rückgeführten muss natürlich auch Sorge getragen werden. Um Arbeit sind wir ja in Oberneukirchen nicht verlegen. Es wurde deshalb sofort ein neuer Güterweg nach der Ortschaft Reindlsödt projektiert und sind die Vorbereitungen bereits so weit gediehen, dass wir hoffen, alle arbeitsfähigen Männer in Kürze beschäftigen zu können. Ein schöner Herbst wäre natürlich wie bei allen anderen Arbeiten auch hier dringend notwendig.
Die zurückgebliebenen Marienfelder Männer mussten ihr Vieh versorgen und das Getreide auf den Bahnhöfen Comrad oder Skinosse abliefern. Die meisten hatten seit der Abfahrt der Familien ihre Schweine geschlachtet, das Fleisch gebraten und mit Schmalz übergossen in verschlossenen Gefäßen verpackt.
Diese Art der Haltbarkeitsmachung kannte ich noch von den Schlachtetagen meiner Schwiegereltern – „Gselchtes“.
Das Schweinefleisch wurde nach dem Schlachten zunächst gepöckelt. Während die Spitz- und Eisbeine in einer Salzlake im Steintopf zogen, wurden die besseren Stücken mit einer Mischung aus Salz und Gewürzen eingerieben und in einem Steintopf gestapelt, dann kühl im Keller gelagert. Der austretende Saft wurde so zur Lake, nach einiger Zeit wurde umgestapelt. So zog die Salz-Gewürzmischung etwa 3 Wochen durch das Fleisch. Anschließend wurde alles abgespült, das Fleisch etwas gewässert, dann zum Trocknen aufgehängt. Das dauerte etwa einen Tag. Danach kam es in die Räucherkammer und wurde heiß geräuchert, meist nur 2-3 Stunden. Kalt geräuchertes, wie Schinken oder Salami dauerte deutlich länger und wurde zumeist mehrfach geräuchert und blieb hängen in der Räucherkammer.
Im nächsten Schritt wurden die gepöckelten und geräucherten Fleischstücken gekocht und angebraten. Das abfließende Fett wurde als Schmalz aufgefangen.
Wieder kamen Steintöpfe zum Einsatz. Alle waren peinlich sauber geschrubbt und wurden mit Schmalz ausgegossen, es befand sich also im Topf ein 1-2 cm dicke Schicht an den Wänden und dem Boden. Das Fleisch wurde Schicht um Schicht in den Topf gelegt und mit flüssigem Schmalz bedeckt. Es durfte nirgends Luft eingeschlossen werden, da hier das Fleisch zu schimmeln beginnt. Obenauf ein dicker Abschluss aus Schmalz, dann wurde der Topf mit Deckel zugebunden und kam in den Keller. So konnte das Fleisch durchaus bis zu einem halben Jahr stehen.
Wenn Gehacktes verarbeitet wurde, haben sie es ebenfalls für ein paar Tage roh in Schmalz eingegossen und in den Keller gestellt, so konnte es nach und nach verarbeitet werden. In der Regel wurde es eingeweckt.
Uns mag das heute abenteuerlich erscheinen, aber man hatte früher wenig Möglichkeiten, seine Nahrung zu konservieren und für den Transport war diese Methode sehr geeignet, zudem waren die Winter in Bessarabien ungleich kälter als in Deutschland, so war der Keller der beste Kühl- gar Gefrierschrank.
Anfang bis Mitte Oktober 1940 hatten auch die zurückgebliebenen Männer in Marienfeld ihre Pferdegespanne beladen und machten sich mit zwei Stopps in Jekaterinovka und Albota auf den Weg nach Galatz.
Dort nahm man ihnen allerdings die Pferdegespanne, einschließlich aller aufgeladener Güter, ab. Ihre ganze Mühe war umsonst.
Nach einer Woche Lageraufenthalt nahmen sie den Reiseweg ihrer Familien und kamen von Wien aus in das Auffanglager Kremsmünster in Österreich. Erst von dort wurden sie auf die Lager verteilt, in denen ihre Familien untergebracht waren.
Unter den im Schloss Waxenberg befindlichen Marienfeldern waren auch die Familie Samuel Grieb, denen ein Kind hier geboren und getauft wurde und die Familie Jacob Beierle, die später nach Amerika auswanderte..
Der 8. Brief Weihnachten 19403 berichtete erneut aus Waxenberg an die Front:
Es ist nicht immer leicht, von der engsten Heimat Neuigkeiten zu berichten, doch einiges gibt es auch diesmal wieder zu erzählen. Wie Euch bekannt ist, sind im Schloss Warenberg zirka 450 Volksdeutsche aus Bessarabien vorläufig über den Winter einquartiert. Es gelang der Gemeinde bereits, einem Teil der Männer entsprechende Arbeitsstellen zuzuweisen, so dass sie nun zum Unterhalt ihrer Familien schon selbst zum Teil beitragen können. Es sind meist recht kinderreiche Familien, durchwegs willige und fleißige Arbeitskräfte, die überall zupacken. Und Arbeit gibt es trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit bei uns immer noch genug. So wird zum Beispiel derzeit die Wasserzuleitung zu unserem Marktbrunnen repariert. Eine Steinquetsche steht ferner zum Gaudium unserer Schuljugend hinter dem Schulhaus in Betrieb. Auch unsere Schuljugend zeigt wieder ihren bewährten Sinn für Arbeitseinsatz in jeder Form. So werden derzeit für die Kinder der Bessarabien Deutschen zirka 150 Stück Spielwaren als Weihnachtsgeschenk in gar vielen Bastelstunden hergestellt. Da geht’s oft recht lustig zu. Autos, Puppenküchen, Bettchen, Wiegen, Hampelmänner, Schlachtschiffe, Flieger, und vor allem Puppen entstehen in Serienerzeugung.
Aus dem Umsiedlerlager Waxenberg
Aus dem Umsiedlerlager Waxenberg
9. Brief – Jänner Februar 19413
Für die Bessaraber, die auf ihrer Zwischenstation in Wagenberg das Weihnachtsfest im Lager feiern mussten, wurde alles getan, was in unseren Kräften stand. Die Schulkinder von Oberneukirchen haben in mühseliger Arbeit einen vollen Monat gebastelt, so dass mit Hilfe der NSV ein reicher Gabentisch gedeckt werden konnte.
10. Brief – März 19413
Liebe Soldaten- Für diesmal gibt es in unserem Ort fast keine Neuigkeiten. Trotzdem sich die Sonne nach Kräften bemüht, uns zu helfen, umgeben uns noch unwahrscheinlich große Schneemassen nur mit dem Unterschied, dass das blendende Weiß der Gegend einem unfreundlichen, schmutzigen Grau gewichen ist. Wir sind dabei, die Straße Oberneukirchen-Waxenberg-Traberg frei zu legen, und wenn auch noch Schneepflüge mit Raupen helfen, hoffen wir doch, den Frühling auch in unserem Land mit Gewalt auf die Beine zu bringen.
Eine besondere Belebung erfährt Oberneukirchen durch den ständigen Besuch aus dem Umsiedlerlager in Waxenberg, dessen 450 Einwohner sowohl der Gemeinde, als auch dem Standesamt ständig zu tun geben.
11. Brief – April 19413
Liebe Soldaten! Die Heimat grüßt Euch. Endlich ist der harte Winter, der heuer besonders grimmig sich zeigte, gewichen, und sonnige Tage lassen uns den Frühling ahnen. Noch verunzieren allerdings schmutzige, oft meterhohe Schneehaufen den lieben Markt, doch Straßen und Wege sind schneefrei. Ab 9. März verkehrt endlich das Helfenberger Auto wieder nach langer Winterpause.
Fleischhauer Dunzendorfer hat zum Leidwesen der „Sonntag=Bürgertag=Besucher“ das Gastgewerbe aufgeben. Das Gasthaus Kafka hat einen neuen Pächter aus Enns bekommen.
12. Brief – Mai Juni 19413
An Ortsneuigkeiten gibt es diesmal nicht viel zu berichten.
Am 1. Mai setzte die Jugend den üblichen Maibaum an der Stelle, wo früher das »Park-Bründel« stand; dieses und der Park sind verschwunden Letzterer harrt einer neuen, schöneren Wiederanlage.
Im Bessarabienlager in Waxenberg erweckte das „Eierlesen“ viel Heiterkeit
Für die Marienfelder sollte sich die Zeit des Lagerlebens in Waxenberg nach etwa eineinhalb Jahren dem Ende zuneigen. Nachdem sie ihre Einbürgerungsunterlagen erhielte und nun offiziell „Deutsche“ waren, wurde ihre Ansiedlung auf Bauernhöfe in Polen vorbereitet.
Marienfelder Senioren 1941, links mit der Knickerbockerhose Lagerleiter Führlinger, ganz rechts Andreas Schaal (1879-1966), 5. von rechts Andreas Kraft (1873-1967)2)
Herr H. Grieb, im Lager Waxenberg geboren, hat 2006 den Ort und Herrn Wimmer besucht und einiges aus Familienerzählungen berichtet, Herr Wimmer schreibt am Heimatbuch Waxenberg und betreut zudem das Online-Archiv Waxenberg. Wer zu Waxenberg noch weitere Informationen und Familienerinnerungen teilen kann, den bitte ich, sich an Herrn Wimmer zu wenden.
Im Jahre 1942 zogen neue Bewohner in das Lager ein.
14. Brief – September Oktober 19413
Eine Schar Holländer-Kinder, welche zu einem sechswöchigen Aufenthalt teils bei Eckerstorfer in Oberneukirchen, teils bei Rader in Waxenberg lagermäßig untergebracht waren, wurden dieser Tage vom Ortsgruppenleiter in ihre Heimat zurückgebracht.
19. Brief – Juli August 19423
Die Erdäpfel, Kraut und Rüben sind auch recht schön. Obst zeigt sich auch so halbwegs eins. Und die Froschau hat Menschenzustrom wie ein kleiner Wallfahrtsort, da es ja heuer mehr Kirsche dort gibt als in vergangenen Jahren. Nur bei manchem Haus werden die ,,Kerschenbrocker vermisst. Sie stehen als Soldaten im Osten.
Denkt Euch; die ersten Ukrainer Landarbeiter sind eingetroffen. Es sind lauter Ehepaare, die wir haben. Wie sie bei der Arbeit sind, kann ich Euch noch nicht sagen, da sie erst ein paar Tage hier sind.
Leihvertrag Kindergarten und Schulgebäude 1943 3)
25. Brief – Juli August 19433
…das Land zu gehen und die Haferfelder anzusehen. Trotz des Leutemangels ist die Heuernte eigentlich sehr rasch eingebracht worden. Es hat alles, ob klein-, groß, Jung und Alt, fleißig mitgeholfen. Die Frauen aus den Westgebieten haben zum Teil sehr stramm mitgeholfen und werden uns auch bei weiteren Ernten sicherlich gern mithelfen.
In unsere Ortsgruppe sind schon über 130 Volksgenossen aus Westdeutschland gekommen Obwohl sie sehr viel mitgemacht haben, haben sie eine stolze Haltung an den Tag gelegt Mancher kann sich da ein Beispiel nehmen.
26. Brief September/ Oktober 19433
Am 31. Juli fand im Umsiedlerlager in Warenberg eine Namensgebung statt. Außer der Sippe nahmen auch Vertreter der volksdeutschen Mittelstelle und Ehrengäste der Partei und Gemeinde teil. Der Obersturmbannführer.
Die Arbeit beim Güterwegbau in Oberneukirchen (Mitterfeld) geht unentwegt vorwärts
29. Brief – März April 19443
Liebe Soldaten! Die herzlichsten Grüße sendet Euch die Heimat. Der Winter hat zwar kalendermäßig sein Ende genommen, aber in Wirklichkeit denkt er noch an dein Gehen. Diese Schneemassen hat Oberneukirchen mehrere Jahrzehnte nicht gesehen. Seit drei Wochen verkehrt bei uns kein Auto (Die Post wird wieder wie zu Zeiten des alten Vrenner von ZwettI geholt).
Seit einigen Tagen können doch die Fuhrwerke wieder fahren. Zwettl ist seit Wochen der Umschlagplatz von Waren, Lebensmittel und Kohlen. Der Postkraftwagen wird kaum vor Mitte April verkehren können. Nun könnt Ihr Euch ein Bild von diesem Winterende machen. hoffen wir, dass ein gutes Jahr für die Feldfrüchte folgen wird, an Feuchtigkeit für die Wiesen und Felder fehlt es nicht, nur die liebe Sonne muss ums viele warme Tage bescheren, dann ist auch in diesem Jahr für Ernährung wieder gesorgt Die Arbeiten werden durch den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte geschafft werden.
32. Brief – September Oktober 19443
Die Gauwehrmannschaften hielten am Sonntag den 17. September auf der Schießstätte in Waxenberg ein Schießen ab.
Aber in diesem Jahre denkt nicht nur ihr Söhne unserer Heimat unser liebes Oberneukichen. Mit euch gehen die Gedanken vieler Kameraden aus den Städten der Ostmark und der des Altreichs, die ihre Frauen und Kinder zu uns in Sicherheit brachten. Mit Euch gehen jetzt auch die Herzen der Siebenbürger SS-Kameraden, deren Familien in Gedanken sich bei einem Muehlviertler Fichtenbäumchen kreuzen. Ihnen allen aber, die Haus und Hof verloren haben, wollen wir zeigen, dass sie nie heimatlos sein können, solange es ein Deutschland gibt. Unsere Herzen aber sind immer bei Euch. Ihr kämpft für uns, wir arbeiten für Euch, damit wir uns am Ende den Sieg des Vaterlandes verdienen.
33. Brief – November Dezember 19443
Der Volkssturm unserer Ortsgruppe zählt 256 Mann, welche in den Wintermonaten ihre militärische Ausbildung erhalten. Am Montag den 13. November kam hier der erste Treck Siebenbürger Deutschen mit Pferd und Wagen an und wurden vorläufig in die Auffanglagern bei Eckerstorfer und in zwei Klassen der Volksschule gegeben. Diese Woche werden sie in die Quartiere eingeführt. Es sind durchwegs Bauern, große stattliche Menschen heute, Sonntag-, konnten sich die Frauen in ihrer malerischen Tracht sehen lassen. Die meisten Männer müssen in nächster Zeit zur SS einrücken.
2 Foto (p. 111) aus: Marienfeld, Kreis Bender – Bessarabien 1910-1940 Zusammengestellt von Artur Schaible, Kreisamtsrat a. D. Herausgeber: Christian Fiess, Vorsitzender des Heimatmuseums der Deutschen aus Bessarabien e. V., 1990
3 von mir nachbearbeitete Dokumententexte und Zeitungsartikel mit freundlicher Überlassung durch Herrn Friedrich Wimmer, Waxenberg. Autor von „Waxenberg hat Geschichte – hat Kultur“, Waxenberg 2008, 104 S. (Gem. Oberneukirchen)
Mein Dank gilt Frau A. Relin, durch welche dieser Bericht an mich mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung übergeben wurden. In Erinnerung an alle Einwohner von Blumendorf, vor allem derer, die zum Kriegsende durch Willkür ihr Leben lassen mussten.
In tiefer Dankbarkeit dem Autoren W. Frischling gegenüber, veröffentlicht jedoch aus Datenschutzgründen nur mit Namenskürzeln.
Kriegsende und Vertreibung – eine Blumendorfer Chronik
Seit Februar 1945 verlief die Frontlinie durch unseren Heimatkreis Löwenberg. Der Niederkreis war von den Russen besetzt. Die Stadt Löwenberg fiel am 16. 2. Die Trecks der bei uns einquartierten Flüchtlinge zogen zum größten Teil weiter nach Westen. Auch viele der Evakuierten verließen unseren Ort. Die eingesessene Bevölkerung blieb geschlossen zurück. Im Wald wurden Holzhäuser und Unterstände gebaut, auch von den Kunzendorfern und Antoniwäldern. Als Verstecke vor der Roten Armee waren sie von zweifelhaftem Wert, da auch Ostarbeiter beim Bau mithalfen und somit die Verstecke kannten. Nach den erfolgreichen Abwehrkämpfen bei Lauban – das mehrmals den Besitzer wechselte – vom 26. Februar bis 5. März, stabilisierte sich die Frontlinie. Die den Rotarmisten durch Armeebefehl freigegebene Willkür im Rauben, Brennen, Morden, Plündern und Schänden, sowie übermäßiger Alkoholgenuß, lähmten die Schlagkraft der Roten Armee. Erst Mitte April trat sie wieder zu Großangriffen an und erzwang den Übergang über die Lausitzer Neiße.
Karte Kampf von Bautzen, Phase vom 21.-22. April 1945.1
Ihr nördlicher Angriffskeil war nicht zu stoppen und erreichte am 24.4. südlich von Torgau die Elbe. Der südliche Keil wurde jedoch in erfolgreichen Gegenstößen vom 19. bis 26. 4. schwer angeschlagen und Bautzen, Weißenburg und Niesky zurückerobert. Dadurch wurde den schlesischen Flüchtlingen bis kurz vor der Kapitulation der Treckweg nach Westen offen gehalten.
Am 8. Mai, dem Waffenstillstandstag, kamen die Russen bis Rabishau und Querbach. Uns Blumendorfer traf die Kriegsfurie nicht mehr mit voller Wucht.
8.5. Viele Blumendorfer – vor allem junge Mädchen – fliehen den Weinberg hoch nach Antoniwald bzw. Richtung Wald zu den gebauten Blockhäusern. Auf dem Weinberg erreicht sie die Nachricht, daß der Krieg aus sei. Sie kehren um. Am Nachmittag fährt ein Russe mit seinem Motorrad bis Steinhäuser und wendet dort.
9.5. Erstmals russische Soldaten im Ort. Sie übernachten bei B. Sie ordnen auch den Abzug der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen an.
10.5. Unser Bürgermeister Paul Neumann (1884-1945) fährt die Ostarbeiter nach Bunzlau und wird seitdem vermißt.
11.5. O. T. und F. S. fahren die polnischen Arbeiter nach Bunzlau. Beide sind am nächsten Tag wieder zurück.
12.5. Die in Kunzendorf beschäftigten Polen werden nach Bunzlau gefahren. R. D.´s Pole bringt das Gespann heil zurück. Förster R. – mit O. W.´s Pferden – wird das Gespann abgenommen. Er selbst kann sich durch Flucht retten. Die französischen Gefangenen werden in Schreiberhau gesammelt. Albert, der kriegsgefangene Belgier bei I. G. in Gotthardsberg, will L. G. im Transport mitnehmen, was ihm von den Russen nicht gestattet wird. So machen sich die beiden Brautleute zu Fuß auf den Weg nach Belgien.
10. – 20.5. Durchziehende Russen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch marodierende Gruppen. Geraubt werden vor allem Uhren, Schmuck, Stiefel, Pferde, Schweine, Eßwaren und Kleider. Die in geschlossenen Einheiten abziehenden Russen sind wieder diszipliniert, nehmen nur Eßwaren und leisten sich keine Übergriffe. Mongolische Kampftruppen werden fast wie Gefangene zurückgeführt. Sie übernachten bei D. in Kunzendorf auf einer Viehweide. Als Verpflegung holen sie eine Kuh von O. K. Die im Dorf verbliebenen Flüchtlinge – z.B. aus Weißenfels, Krs. Neumarkt – packen wieder ihre Habe auf Fuhrwerke und fahren heimwärts. Andere, die schon weiter nach Westen geflüchtet waren, kommen auf dem Heimweg durch unseren Ort. Die aus dem Sudetenland kommen, sind von den Tschechen ausgeplündert worden. Besonders in Gotthardsberg haben wir bis in den Juni hinein Übernachtungen von Landsern, die der Gefangenschaft entgehen wollen und am Waldrand entlang nach Westen ziehen.
Am 14. 5. z.B. übernachten bei uns (Frischling) 16 Mann, darunter eine Gruppe aus Recklinghausen. Diese lehnen Quartier im Haus ab und schlafen in der Scheune, die ein Schlupfloch nach hinten raus hat. Sie stellen die ganze Nacht über Wachen aus. Drei andere: „Wir sind schon zweimal getürmt; ein drittes Mal kriegen sie uns nicht!“
18.5. Freitag vor Pfingsten werden in Kunzendorf grfl. etwa 20 Männer unter 50 Jahren und etwa ebenso viele Landser angeblich zum Arbeitseinsatz mitgenommen. Nach langen Verhören wird O. W. – unser Ortsgruppenleiter – aussortiert. Er kommt mit Lehrer H. und dem Direktor der Spinnerei aus Friedeberg, sowie P. und D. aus Giehren in das Zuchthaus Bautzen, Mitte Juli in das Lager Tost bei Gleiwitz O/S. Etwa 8000 Deutsche kommen in den fünf Monaten bis Dezember 1945 in dem Lager durch Erschießen, Mißhandlung, Hungerruhr, Hungertyphus und andere Krankheiten ums Leben. Außer kleinen Parteifunktionären hatten die Russen Kapitalisten wie Gutsbesitzer und Fabrikanten, Polizisten, Kriminalbeamte, aber auch willkürlich Förster , Ärzte u.a. verhaftet und im Lager dezimiert. Die restlichen etwa 800 werden im Dezember entlassen: darunter auch O. W.. Aus Ludwigsdorf / Rsgb, sterben im Lager Oskar Felsmann und der Bäcker Laschtowitz. Förster Harbig stirbt auf dem Heimweg in Breslau.
Pfingsten: Razzia auf arbeitsfähige Männer in Blumendorf. F. R. , unser Stellmacher, versteckt sich den ganzen Tag unter dem Holz in der Werkstatt. Die mitgenommenen Männer kommen nach Tagen wieder. Plünderungen und Mißhandlungen der Bevölkerung durch polnische Banden.
21.5. Ablieferung von Motorrädern, Fahrrädern, Radios und Waffen (Jagdgewehre von Förster D. und R. E.) bei R. E.. Er und O. J. fahren das Beutegut mit Ackerwagen nach Birngrütz oder Rabishau.
26.5. K. E. – ein ausgebombter Sachse, der bei K. wohnt, wird Bürgermeister. Die für uns zuständige Kommandantur ist in Ludwigsdorf /Rsgb. Dorthin sind auch Ablieferungen zu leisten. Zum Schutz gegen die Überfälle und Plünderungen durch die Polen wird eine deutsche Polizei eingerichtet. Mit weißen Armbinden und Trompeten gehen sie abends auf Streife. In einer Mainacht treffen die Gotthardsberger auf zehn voll bewaffnete Soldaten der Wlassow – Armee, die Lebensmittel wollen. In der nächsten Nacht einigt man sich darauf, die Russen – darunter ein Volksdeutscher – als Arbeitskräfte bei den Landwirten im Dorf zu verteilen. So kommt einer zu I. M. und einer zum T. – Bauer. Kommen Rotarmisten, verstecken sie sich.
Juni 45: Auf den Straßen weiterhin durchziehende Kolonnen von Polen und Russen. Weißrussen, die in ihrer Heimat plötzlich zum Arbeitseinsatz verpflichtet wurden, bauen die Oberleitung und ein Gleis der Bahnstrecke Berlin – Breslau ab. Es sind Männer von 40 bis 50 Jahren, z.T. mit bunten gestickten Mützen bekleidet. Sie werden schlecht verpflegt. In Rabishau gehen sie oft in die Häuser und bitten um Essen. Sie bedanken sich mit russischen Liedern. Flüchtlinge und jetzt auch aus der Gefangenschaft entlassene Soldaten sind auf dem Weg nach Hause.
Am 15. 6. kommt auch mein Vater, G. F. der in 14 Tagen von Bayern zu Fuß nach Hause gelaufen war. Bürgermeister E., der am 2.6. von P. R. die Gemeindekasse und den Standesamtsposten übernimmt, gibt Quartierscheine aus. Wir bekommen oft Quartiergäste, die auch mit verpflegt werden.
1.7. Polen übernimmt die Verwaltung der deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie.
10.7. Es liegt etwas in der Luft! Viele Landser und die zehn Wlassow- Russen ziehen ab. Diese bekommen – wohl von E. – Pässe als Ostarbeiter. So haben sie eine Überlebenschance. Auch einige Dorfbewohner verschwinden am nächsten Morgen in den Wäldern.
11.7. Erste wilde Austreibung der Blumendorfer durch Militärpolen. Die Polen nennen diese Aktion den „Hitler-Marsch“. Unter wildem Geschieße werden die Leute aus ihren Häusern geholt und wie Vieh fortgetrieben. Einige Familien dürfen bleiben zum Kühe melken und Vieh versorgen. Es sind bisher kaum Polen im Ort. Der Marsch geht über Neusorge nach Rabishau. Dort gelingt einigen Familien die Flucht, z.B. K. E., R., M. und F. Die anderen übernachten beim S. – Bauer in Rabishau in der Scheune. Am nächsten Tag geht der Marsch weiter über Giehren, Krobsdorf und Bad Schwarzbach zum tschechischen Schlagbaum. (Das Sudetenland haben die Tschechen nach Kriegsende wieder vereinnahmt.) Die Tschechen lassen jedoch keinen mehr durch. So wird in in einer Fabrik in Bad Schwarzbach übernachtet und am 13. 7. geht es „ohne Begleitschutz“ zurück nach Blumendorf. Die „Waldgänger“ und die „Ausreißer“ waren schon einen Tag früher wieder im Dorf, nachdem die Polen abgezogen waren. Diese hatten an dem einen Tag fleißig gearbeitet: Die leerstehenden Häuser waren durchwühlt; in manchen Gärten fanden sich Grabespuren. Oft waren sie fündig geworden; sie hatten wohl einen Blick dafür.
30. 7. Unser ehemaliger Lehrer Paul Jaster – schwer an Bronchialasthma leidend – wählt in Rabishau den Freitod. Er hatte 1920 seine westpreußische Heimat verlassen müssen, weil er nicht für Polen optieren wollte. Nun sah er auch für die Deutschen in Schlesien keine Zukunft mehr und beschwor seine Familie, in den westlichen Teil Deutschlands zu fliehen. Bürgermeister K. E. und der Lehrer A. S. werde von den Polen eingesperrt. Herr S. wird in Steinhäuser sehr verprügelt. Der Kaufmann E. S. – der polnisch spricht – wird als polnischer Bürgermeister eingesetzt. Büro ist in der Schule.
3. 8. Ablieferung von Getreide (je 4 Ztr.) nach Kunzendorf. Haussuchungen sind an der Tagesordnung. Einweisungen polnischer „Verwalter“. Die ersten Polen im Ort sind „Ernst“ (so wurde der ehem. Kutscher von L. genannt), B.´s Pole und der berüchtigte Pr. bei R. E.. Pr. nimmt die Einweisungen vor. Von E.´s verlangt er alle Schlüssel und schließt alles ab. Brauchen sie Lebensmittel oder ein Kleidungsstück, müssen sie ihn darum bitten. Die polnische Verwaltung wird jetzt fühlbar. Alle Deutschen müssen weiße Armbinden tragen. Die Männer werden in die Schule bestellt und verhört. Parteigenossen – auch Mitglieder der NSV (Volkswohlfahrt) werden aussortiert. Es wird ihnen eröffnet, daß sie bei irgendwelchen Vorkommnissen als Geisel haften.
7. 8. Scheinhinrichtungen der Gotthardsberger Jungen am Waldrand unterhalb des Schmiedelsberges. Die Jungen werden einzeln in den Wald geführt. „Pistoliette jest?“ (Hast Du Pistole?) Dann pfeifen einem einige Pistolenkugeln um die Ohren. Schlimmer erwischt es W. G. bei einer anderen Aktion. Er wird brutal verprügelt und an einem Strick hochgezogen. Er flieht in der folgenden Nacht. Etwa um diese Zeit werden die Kunzendorfer Jungen vier Wochen im Lager Lauban inhaftiert und mißhandelt. Die Blumendorfer Jungen müssen sich gegenseitig verprügeln. Dann werden sie an der Böschung aufgestellt und die Polen feuern über ihre Köpfe hinweg.
Oktober 45: Ständig kommen neue Polen ins Dorf. Kartoffeln müssen abgeliefert werden und auch Vieh. Die Ställe sind bei uns noch voll und die Abgabe von ein oder zwei Kühen geht nicht an die Substanz. Manche hatten noch Kühe aus dem Kampfgebiet aufgenommen, die im März 1945 hier ankamen.
5. 11. A. N., (unser Schlosser und Mechaniker), A. B. (Müller) und E. S. (Kaufmann u. z.Z. Bürgermeister), verlassen mit ihren Familien heimlich unser Dorf. Ihr Ziel ist Obercunnersdorf / Lausitz, wo N.´s Vater eine Landwirtschaft betreibt. S. zieht weiter nach Berlin. Bei ihm (ehem. Lebensmittelgeschäft) werden große Vorräte an Lebensmitteln gefunden.
6. 11. „Ernst“ macht sich zum Bürgermeister und zieht in das Haus von Kaufmann S.
21.11. Großer Viehabtrieb: Vieh wird aus den Ställen geholt und zum Schulhof getrieben. I. N., H. T., G. K., E. G. und H., sowie zwei Landser, werden als Treiber mitgenommen. Am Abend des zweiten Tages setzen sie sich in Liebenthal oder Langwasser ab und laufen nach Hause.
5. 12. Eine Kommission zählt sämtliches Inventar.
9. 12. Hermann Zölfel verunglückt tödlich. Er mußte für die Polen Stroh nach Krobsdorf fahren. Am Abend findet er auf seinem Wagen ein Gefäß „wie eine Ölkanne“. Er nimmt es mit in die Stube und betätigt dabei den Zünder der Handgranate. Er will noch das ihm unheimlich werdende Ding nach draußen bringen, da explodiert es und reißt ihm den Bauch auf.
20.12. Das Büro des Bürgermeisters und der Miliz wird bei S. eingerichtet.
26. 1. 46 Ausgabe der polnischen Kennkarte. Die ehemals selbständigen Landwirte werden darin als „robotnik rolny“ (Landarbeiter) geführt. Der Fingerabdruck ergibt nur einen blauen Fleck. Das Stempelkissen war wohl reichlich mit Tinte gefüllt worden.
April 46 Der Landwirt und Waldarbeiter Albert Hase, Blumendorf Nr. 33, wird bei einem nächtlichen Raubüberfall von Polen ermordet. T. K. findet ihren allein wohnenden Großvater am nächsten Morgen. Schon zweimal war er in den Wochen vorher heimgesucht worden. Einmal hatten die Räuber ihn im Bett gefesselt und geknebelt.
30. 4. In Rabishau wird P. J.´s Schwiegervater, der Kantor Max Engwicht, von der polnischen Miliz zu Tode geprügelt. Auch H. und I. J. werden schwer mißhandelt. Nach diesem Mord greifen die Russen ein. Es kommt zur Verhandlung in Löwenberg, wo die Täter verurteilt werden. J.´s erhalten Warnungen, daß sich die Polen dafür an ihnen rächen wollen. So fliehen sie mit Frl. F. und Frau B. nach Kohlfurt, wo die Engländer alle Vertriebenentransporte entlausen und in den Westen weiter leiten. Eie Restfamilie J. kommt mit ihren Gefährtinnen in den Südharz.
22. 5. Eine Kommission prüft die Getreidevorräte. Dabei werden auch – wohl in Absprache mit dem jeweiligen polnischen Verwalter – Haussuchungen größeren Stils vorgenommen. Bei uns müssen sechs deutsche Männer unter Aufsicht Heu, Stroh und Holz systematisch umpacken. Pr. – für solche Sachen berüchtigt – verprügelt meinen Vater G. F. und schlägt ihm einen Zahn aus. Ich darf mir in T. – Bauers Busch ein Grab schaufeln. Zum Antreiben gibt es Kolbenstoße und das übliche Geschieße.
Pfingsten 46: Während in der Gastwirtschaft „Urban“ die Tanzmusik spielt, dringen zwei Polen bei R. ein und plündern. Weder die Trauringe an der Hand, noch die 15- und 17-jährigen Töchter, werden verschont. Mit dem Messer bedroht, müssen sie sich fügen. P. R. meldet das Verbrechen bei der Kommandantur, aber außer endlosen Verhören der Opfer kommt nichts dabei raus, obwohl die Täter bekannt sind: Polen aus Gotthardsberg. Die Bewohner von Häusern ohne polnischen Verwalter sind Freiwild für rabiate Polen, siehe Hase, R., H. Allerdings ist das Zusammenleben mit den Polen in manchen Häusern ein Martyrium ohne Ende, siehe R. E. und B. G. Wenn sie besoffen sind, wird es ganz schlimm: J. zerschlägt einmal einen eichenen Spazierstock auf B. G.´s Rücken. Oft behalten die Deutschen nur eine Stube und die persönliche Habe wechselt zum größten Teil den Besitzer. Manche Polen suchen mehr nach versteckten Sachen, andere betätigen sich als Wegelagerer. Rühmliche Ausnahmen sind die meisten „Galizierpolen“, die sich den Deutschen gegenüber menschlich verhalten. In manchen Dörfern – wie Johnsdorf, wo viele Galizier hingekommen sind – ist das Zusammenleben von Deutschen und Polen viel besser. In Blumendorf geben die radikalen Elemente den Ton an.
11. 7. Ein uniformierter Pole auf einem Motorrad bringt die Nachricht der Ausweisung. Unser „Chef“ reduziert unser Fluchtgepäck beträchtlich.
12.7. Vertreibung der Deutschen aus Blumendorf, Kunzendorf und Antoniwald. Als wir am Morgen in Gotthardsberg aufwachen, werden schon die Antoniwälder durchgetrieben, die man schon um 3 Uhr aus den Betten geholt hat. In Blumendorf werden Leute z.T. aus den Häusern herausgeprügelt und die letzte Habe wird noch weggenommen. (N.´s Beschwerde in Plagwitz hat Erfolg: Ihr Pole muß für jeden ein Federbett herausgeben). Der Abschied von der Heimat wird uns von den Polen leicht gemacht! Die Hunde bereiten Probleme: Sie wollen mit. An der Blumendorfer Schule sammeln sich die Ausgewiesenen. Zurück bleiben nur die Familien des Stellmachers F. R., des Schmiedes F. B., sowie von O. E., J. L., P. F., R. K. und E. N. Die Familie B. bekommt wegen der durch Schlaganfall gelähmten Mutter L. eine Woche Aufschub. In Gotthardsberg bleiben neben G. T., (Maurer), O. W., (Zimmermann), A. F. (Straßenwärter), auch ältere Leute wie F. S., H. W., G. K. und O. mit Familien zurück, sowie F. D.
Während die Polen von Meißners Garagendach den Auszug filmen, setzt sich der Zug der Vertriebenen in Bewegung. Auf Schubkarren, Handwagen, Kinderwagen, Reisekörben auf Rädern u.ä. fahren sie mit dem Rest ihrer Habe – die kleinen Kinder oben drauf – ins Ungewisse. Manche tragen nur ihren Rucksack. Nur wenige Fuhrwerke sind dabei für alte Leute und Gepäck, so N.´s und L.’s , welches F. R. lenkt. O. J.´s Pole holt – als er die Misere sieht – J.´s Ochsengespann und fährt damit einiges Gepäck bis Plagwitz, obwohl die Ochsen eigentlich nicht mehr können. Der Marsch geht über Birngrütz, Rabishau, Hayne, Langwasser, Hennersdorf, Liebenthal, Schmottseifen und Löwenberg, ca. 35 km. Auch die Menschen sind am Ende, als sie gegen Abend das Lager (Schloß Plagwitz, ehem. Irrenanstalt) erreichen.
13.7. Ausfüllen der Wagenlisten (ca. 35 Personen für einen Güterwagen) Fast alle Blumendorfer werden durch die Kontrolle geschleust (noch einmal gefilzt) und verladen. Nach einer Woche erreichen sie Troisdorf / Siegkreis im Rheinland.
15.7. Mit dem nächsten Transport verlassen die restlichen fünf Familien, zusammen mit den Nachbardörfern, die schlesische Heimat. Über Kohlfurt, Ülzen und Siegen geht es ins Sauerland. Die Antoniwälder kommen nach Lüdenscheid, die Kunzendorfer in die Nähe von Meschede bzw. nach Schmallenberg und Finnentrop.
27. 11. Eine Serie von Morden versetzt die wenigen verbliebenen Deutschen in Angst und Schrecken. Schon im Hochsommer war ein Arztehepaar (Bombenflüchtlinge aus Berlin) an der Reichsstraße 6 zwischen Berthelsdorf und Reibnitz erschossen worden. Wochen später ein Lustmord an der stellv. Organistin von Reibnitz und ihrer Mutter. Nun, am 1. Advent, begehen in Berthelsdorf „zwei in Uniform und zwei in Zivil“ (Polen) einen Raubüberfall auf das Haus des Deutsch – Amerikaners Hopf. Dabei werden seine Schwägerin und zwei Besucher (ein Facharbeiter aus Fliegels Fabrik und die Rote-Kreuz-Schwester Maria Brüggmann) ermordet. Herr Hopf stirbt nach fünf Tagen an seinen Wunden. Die Verbrecher werden später gefaßt und die Haupttäter zum Tode verurteilt.
27.11.46 Der Mord an Schwester Maria hat Folgen für die Rote-Kreuz-Schwestern M. S. (Alt-Kemnitz) und C. O. (Berthelsdorf, fr. Kunzendorf grfl.). Sie, die schon auf der Ausweisungsliste stehen, müssen bis 1950 bleiben. Schw. M. übernimmt die ev. Seelsorge in den umliegenden Pfarreien. Schw. C. spielt die Orgel.
8.12.46 Ausweisung der Gotthardsberger Familien T., W., S., W., G. und O. K.. Sie müssen bei tiefem Schnee und starker Kälte die 20 km nach Hirschberg laufen. Nur die alten Leute werden auf Fuhrwerke gesetzt. Am Hirschberger Bahnhof wird bei der Kontrolle der W. – Fleischer aus Ludwigsdorf/ Rsgb. noch kräftig ausgeplündert. Die Polen gießen ihm aus Schikane Sirup in die Federbetten. Ida Tietze stirbt, noch auf „polnischen“ Gebiet, auf dem Transport. Sie wird von Polen mit Fußtritten aus dem Güterwagen gekippt und bleibt dort liegen. Der Transport geht nach Riesa/Elbe, wo W.´s bleiben. Die anderen werden nach eigenen Wünschen über ganz Sachsen verteilt, (nach Sayda, Döbeln, Freyburg , Chemnitz und Calbe .
2.7.47 Eine neue Ausweisungswelle erfaßt die Familien E., B., F., K.und F.. A. F. arbeitete bis zum 1.7. als Straßenwärter, der Sohn H. betrieb für B. G.´s Polen die Landwirtschaft, die Tochter A. führte B. K.´s Polen den Haushalt. Die Ausgewiesenen werden in Greiffenberg in Güterwagen verladen. Vom Lager Görlitz-Moys geht es über Lauban, Kohlfurt, Sagan nach Bitterfeld in die damalige Ostzone. Die Familien F. und K.kommen nach Halle/Saale, E. und F. nach Bernburg/Saale und B. nach Aken/Elbe. Die Familie des Stellmachers F. R. muß in Blumendorf zurückbleiben, da M. R. hochschwanger ist. Ende September werden sie von Greiffenberg wieder zurückgeschickt, weil Frau R. nach der Geburt ihrer Tochter B. schwer erkrankt ist.
Nov. 47 Deutsche aus Greiffenberg, Friedeberg, Bad Flinsberg, Blumendorf, Giehren und Birngrütz werden nach Löwenberg umgesiedelt, weil sie „zu nahe an der tschechischen Grenze wohnten“. Elend untergebracht, müssen sie für den Hungerlohn von 17 Zloty bei der Stadt arbeiten. (1 l. Milch kostet 40 Zl.) Sie wechseln auf ein Staatsgut in Nieder-Görisseifen, wo F. R. wieder als Stellmacher arbeitet. Die Ernährung ist wenigstens gesichert! Dort sterben die Eltern Heinrich und Anna R.
20.2.49 Frau N., Blumendorf, die Mutter des kriegsbeschädigSchuhmachers E. N. aus Brieg, O/S, wird in Kunzendorf von Schw. M. beerdigt. Der 78-jährige J. L. aus Bldf. trägt das Kreuz voran. (J. L. und der beinamputierte E. N. erhalten in den 50er Jahren noch die Ausreise.)
22.2.50 Die Rote-Kreuz-Schwestern M. S. und C. O. dürfen Schlesien verlassen. Nun endet auch die kirchliche Betreuung der letzten ev. Deutschen in unserer näheren Heimat.“Vergessen Sie die fünf Jahre in Polen!“, sagte der polnische Lagerleiter von Breslau-Hundsfeld zum Abschied.
1950 – 1955 Offiziell gibt es jetzt keine Deutschen mehr in Schlesien. Als die Deutschen den polnischen Personalausweis ablehnen – der sie automatisch zu Polen gemacht hätte – werden die eingereichten Dokumente nicht zurückgegeben. Sie erhalten von der Gemeinde nur einen Meldezettel. Bei Staatsangehörigkeit ist „nicht feststellbar“ eingetragen. Die jungen Männer werden gemustert und sollen zum polnischen Militär gezwungen werden. H. R.und sein Freund entgehen dem polnischen Wehrdienst nur durch fremde Hilfe und Bestechung. Viele Wehrpflichtige wenden sich an die Botschaft der DDR in Warschau, um evtl. ihren Wehrdienst bei der NVA ableisten zu dürfen. Sie werden abgewiesen: „Die Aussiedlung ist beendet. Sie müssen sich polnischen Gesetzen fügen.“
1955 Unruhen in Ungarn und Posen. Gomulka sieht in den tausenden von staatenlosen Deutschen eine Gefahr. Ausreise kann jetzt als Familienzusammenführung beantragt werden. R.´s erhalten nach vielen Mühen und unter hohen Kosten die Ausreise in die BRD. Über Stettin, Hamburg und Friedland kommen sie als Spätaussiedler nach Rheinland-Pfalz. Wohnungs- und Arbeitsnachweis sind erforderlich, um in die Nähe der anderen Blumendorfer zu kommen. In Rauschendorf/ Siegkreis endet die Odyssee der letzten Blumendorfer Familie.
v. Ahlfen, Hans: Der Kampf um Schlesien: Ein authentischer Dokumentarbericht; Motorbuch, Stuttgart 1998
Scholz, Martha: Fünf Jahre im polnisch verwalteten Schlesien. Uelzen 1951
Bergmann, Reinh.: Aufzeichnungen
Wiesner, Oswald: Erinnerungen
Auskünfte der Fam. Neumann, Jaster, Enge R., Rädisch, Rehnert, Bühn, Wiesner O., Fischer, Günther, u. Knobloch W.
1wikipedia: Lonio17 / Orionist – Own work based on: File:Budziszyn 1945 a.png, in turn based on: Praca zbiorowa Boje Polskie 1939-1945 Przewodnik Encyklopedyczny, Bellona, Warszawa 2009; Map of the Battle of Bautzen, phase of 21-22 April 1945.; Created: 10 February 2012, CC BY-SA 4.0
Währen des ersten Weltkrieges wurden die Hirschenhofer Kolonisten in das Gouvernement Perm, und einige wenige nach Moskau, deportiert. Die Anordnung zur „Evakuierung“ wurde im März 19161 erteilt. Pastor Adolf Oswald Plamsch (1866 – 1939) bereiste die Kolonien, in denen die Flüchtlinge nun lebten, dazu ein Bericht2:
Aus dem Gouvernement Perm.
Im Folgenden gebe ich einen Bericht nach den Worten des Pastors Plamsch , der in seiner Eigenschaft als Flüchtlingspastor das Gouvernement Perm mehrfach bereist hat. Er selbst ist ja auch ein Flüchtling. Unter dem Donner der deutschen Kanonen verließ er Grodno mit seiner Familie. Einen Teil seiner Habe konnte er noch mitnehmen, aber Vieles von dem, was er gerettet, ist ihm auf dem Wege abhanden gekommen und gehört zu den Dingen, die ihn nie erreichten.
Wie schwierig war es von den Gouvernementsbehörden zu erfahren, wo sich in den weiten wegelosen Gebieten die Flüchtlinge befinden. Der Permsche Gouverneur übermittelte dem Pastor eine Liste von 13 Orten mit über 4000 Flüchtlingen in den Städten und Kreisen Solikamsk, Schadrinsk, Jekaterinburg, Werchotursk, Kamyschlow, Krasnousimsk, Kungur, Ossa, Ochansk, Tschardyn. Zuerst wandte sich der Pastor von Perm aus nach dem Kreis und der Stadt Kungur, wo Flüchtlinge aus dem Wolhynischen, Polnischen und solche aus Livland leben. Die Flüchtlinge aus Livland sind die Aussiedler aus der deutschen Kolonie Hirschenhof. Mit den Hirschenhöfern hat es so seine eigene Bewandtnis: Sie wurden aus ihren Heimstätten teilweise unter Anwendung roher Gewalt weggeschleppt, und zwar weil sie dem an sie ergangenen Ausweisungsbefehl nicht sofort Folge leisteten. Eine hochgestellte Militärperson wollte sich nämlich für sie verwenden und hatte ihnen geraten, den endgültigen Bescheid aus Petrograd abzuwarten. Auf die örtlichen Behörden aber hatte das einen üblen Eindruck gemacht und wurde als trotziger Widerstand gegen die Militärobrigkeit ausgelegt. Nun wurden sie zwangsweise über Hals und Kopf von Haus und Hof verjagt und in das weite Permsche Gouvernement verbannt und diese Verfügung traf nicht blos die Hirschenhöfer, die in Hirschenhof selbst wohnten, sondern auch alle die, die dort nur angeschrieben waren, von dort ihren Paß bezogen, sonst aber keine Verbindungen mit ihrem Heimatorte besaßen — sie alle mußten gleicherweise in die wilde Fremde, Leute, die jahrelang in Riga lebten, dort in guten Stellungen standen und nun als „Verbannte“ hinaus mußten; denn als solche empfing sie die Kungursche Behörde, nicht als kriegsgeschädigte Flüchtlinge, sondern als zwangsweise administrativ verbannte und unter Polizeiaufsicht stehende Verbrecher, nicht als быженцы, sondern als выселенцы. Demgemäß war auch ihre Behandlung: eine Regierungsunterstützung wurde ihnen rundweg verweigert und erst später einem Teil der Nachzügler bewilligt. Mit schwerem Herzen fuhr der Pastor die zwei Stunden Eisenbahn von Perm nach der Kreisstadt Kungur. Es ist ein wohlhabendes Städtchen von über 12.000 Einwohnern, am Zusammenfluß der beiden Ural-Flüsse Iren und Silwa gelegen, mit nicht unbedeutender Industrie, Talgsiedereien, Gerbereien, Schuhfabrikation, Eisengießereien, dazu kommt ein schwungvoller Handel mit Getreide, Eisenwaren und Schuhwerk. Die Bewohner bilden Russen und Permjaken. Die meisten Häuser sind aus Stein erbaut und überhaupt macht die Stadt einen wohlhabenden Eindruck. Die Straßen freilich sind ungepflastert und verwandeln sich unter den Herbstregen in eine dünn-
breiige asphaltfarbene Masse, die fußtief den Straßenzug bedeckt. — Sonnabend Mitternacht war es, als der Pastor unter großer Verspätung endlich in Kungur anlangte. Trotzdem war es wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen: der Pastor ist angekommen! und schon am frühen Morgen umstanden die Flüchtlinge, Hirschenhöfer, Polnische und Wolhynier, das Gasthaus. Nachdem den vielen Fragen der Erschienenen einigermaßen Genüge getan war, ging es zu den Flüchtlingsbaracken außerhalb der Stadt, wo der Gottesdienst stattfinden sollte.
Es mußte der weite Weg zu Fuß zurückgelegt werden, da um die Zeit ein Fahren förmlich nicht möglich war. Unter unaufhörlichem Ausgleiten und Herabrutschen auf der bergauf, bergab führenden Straße gelangte man endlich bei strömenden Regen zu den Baracken, die die Semstwo für die „anständigen“ Flüchtlinge, die polnischen und wolhynischen, erbaut hatte.
In Ermangelung eines geeigneteren Raumes mußte der erste evangelische Gottesdienst unter dem überhängenden Dache eines Stalles abgehalten werden. Das Brüllen des Viehs nebenan hat die Andacht nicht weiter gestört. Alles, was Flüchtling war, war natürlich erschienen und nahm die Trostverkündigung des Evangeliums mit großer Dankbarkeit hin. Nach dem Gottesdienst erfolgte eine Besprechung über der Flüchtlinge Wohl und Wehe; dabei erwies es sich, daß dis Wolhynier verhältnismäßig besser dran waren als die Hirschenhöfer, denn sie galten als ehrliche Flüchtlinge und erhielten als solche ziemlich regelmäßig ihre Kronsunterstützung und Herberge in den Semstwobaracken, was immerhin besser ist als Wohnungslosigkeit, Holzmangel und teures Brot in fremder Umgebung, dazu die Polizeibehelligungen als politisch Unzuverlässige. Gelegentlich des Gottesdienstes konnte der Pastor den Hirschenhöfern aber eine angenehme Botschaft ausrichten: er konnte ihnen mitteilen, daß die Regierung es nunmehr für möglich befunden, sie auch als „Flüchtlinge“ anzuerkennen und daß sie als unbescholtene Untertanen das Recht wiedererhalten im ganzen Reiche zu leben; nur nach Hause dürften sie nicht. Ihre Rückreise ins Reich müsse aber auf eigene Rechnung unter Verzicht auf jede weitere Regierungsunterstützung geschehen. Daraufhin sind gleich viele der Hirschenhöfer aus Kungur weggereist, manche trotz der Warnung direkt nach der alten Heimat; diese erlebten die schwere Enttäuschung, alsbald wieder nach Kungur zurückgeschickt zu werden, und zwar auf dem Etappenwege durch alle die schmutzigen Gefängnisse von Livland bis Perm ! Trotz mancher namhafter Zuwendung aus dem baltischen Heimatlande haben die Hirschenhöfer einen sehr schweren Winter überstehen müssen; auch dort hörte in vielen Betrieben die Arbeit infolge von Materialmangel fast ganz auf. Unzulänglichkeit von Nahrung, Kälte, feuchte Wohnräume, Mangel an ärztlicher Hilfe, ansteckende Krankheiten haben unter den Flüchtlingen unerbittlich aufgeräumt. Das Nämliche gilt und wohl in noch erhöhtem Maße von den wolhynischen Flüchtlingen, da diese noch weniger eigene Mittel besaßen. Diesem Bericht des Pastors Plamsch über die Lage der Flüchtlinge im Kungurschen seien noch einige allgemeine Betrachtungen hinzugefügt: Immer wieder erhebt man gegen die Flüchtlinge den herben Vorwurf der Unwilligkeit zur Arbeit und in der Tat trifft das bei nicht Wenigen zu. Besonders zu Anfang fanden sich so manche, die
die Forderung aufstellten, die Regierung, die sie wider Recht und Billigkeit aus Haus und Hof gewiesen, müsse und solle sie nun auch ganz versorgen. So gerecht dieser Satz auch ist, so führt es doch zu nichts, sich auf sein gutes Recht zu steifen, wo allen Leuten deutscher Herkunft jedes Recht abgesprochen ward.
Andererseits aber fanden sich viele Flüchtlinge, die nur zu gerne passende Arbeiten verrichtet hätten, wären nur solche zu haben gewesen. Wie oft aber wurde Landarbeitern Fabrikarbeit und Fabrikleuten Feldarbeit angeboten. Dazu kam die große Not an passenden Kleidungsstücken, besonders der Schuhmangel, der viele von der Arbeit zurückhielt. Ferner war es den Müttern, Soldatenfrauen und Witwen, völlig unmöglich sich von Hause zu entfernen. Wer sollte ihnen den Hausstand versehen und die kleineren Kinder beaufsichtigen und verpflegen? Schließlich war die Zahl der wirklich Arbeitsfähigen unter den Flüchtigen nur gering. Daß die Flüchtlinge aber nach Möglichkeit sich selbst durchgeschafft haben, das bezeugen die doch nur ganz winzigen Unterstützungssummen, die den einzelnen zugewandt wurden, denn wenn eine Frau mit 3 Kindern monatlich 5 Rbl. erhielt, so ist das doch eine ganze Kleinigkeit gegenüber den großen Ausgaben, die die teure Zeit auch den Aermsten auferlegte. Ein trauriges Kapitel bilden diese Gaben der Liebe. Geben ist seliger denn nehmen, aber das Verteilen des Gegebenen ist ein gar unselig Geschäft. Jedesmal löst es die widerlichsten Szenen aus und bewirkt gespanntere gegenseitige Beziehungen. In Kungur wurde es schließlich so arg, daß die drei Bevollmächtigten des Pastors sich weigerten, weiterhin die Gaben zu verteilen, und alle weiteren Bemühungen des Pastors, eine geregelte Fürsorge unter den dortigen Flüchtlingen in die Wege zu leiten, scheiterten am Mißtrauen und der Mißgunst einzelner Schreier, die die gewählten Vorsteher mit gröbsten Reden überschütteten — eine Herde ohne Hirten. Rechtes, echtes Flüchtlingselend!
aus: Wspomnienie o pastorze z Michałowa i Grodna from Michałowo on youtube.
18.8.1886 Beginn des Studiums der Theologie in Dorpat4
13. November 1888 Ordination
1892 Pfarrer in Marienburg, Livland. Er wurde wegen der verbotenen Aufnahme griechisch-orthodoxer Christen in die evangelische Kirche seines Amtes enthoben (dreijähriges Disziplinarverfahren).3
1905-1939 Pfarrer in Grodno, mit dreijähriger Unterbrechung im Ersten Weltkrieg, als er in der Verbannung als Flüchtlingspfarrer in den Gouvernements Kasan, Wiatka und Perm tätig war
5. Februar 1894 in Dorpat Eheschließung mit „Tilla“ Mathilde Sophie Christiani (* 2. Februar 1866 in Quellenhof), Tochter von Arnold Robert Ferdinand Rudolph Christiani und Emilie Margarethe geb. Rosenberg . Kinder Gustav Adolph * 1897, Ruth *1897 und Friedrich *1903.
Plamsch war ein bekannter Rosenzüchter und Philatelist, Spezialgebiet litauische Briefmarken
1Die deutsche Kolonie Hirschenhof in Lettland von Pastor F. Hollmann in Hirschenhof in: Zeitschrift für Deutschkunde 1923, Jahrgang 37, Verlag B.G. Teubner, Leipzig-Berlin p.117ff 2Pastor W. Ferhmann, Petrograd: „Bei den Flüchtlingen“ in: Kalender für die deutschen Kolonisten in Rußland auf das Jahr 1918, Petrograd, 1917, S. 56-58 3Eduard Kneifel: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen; Selbstverlag des Verfassers, 9359 Eging, Niederbayern; Freimund-Druckerei in Neuendettelsau bei Ansbach, Bayern; S. 149 4„13126 Plamsch (Plämšs), Adolph Oswald. 14.12.66. S2 Lvm kub Cêsis, Bêrzaine MaaG, teol 86……92. Surn 39. /402-2-18986,18987/ 11/12/20″, Richard Kleis, Valdek Putsep: TARTU ÜLIKOOLI ÜLIÕPILASKONNA TEATMIK ALBUM ACADEMICUM UNIVERSITAT1S TARTUENSIS III 1889-1918; Tartu 1988 S. 753
Das barocke Schloss Werneck, zwischen Würzburg und Schweinfurth gelegen, wurde ab 1853 nach Plänen des Königlichen Regierungs- und Kreismedizinalrats Dr. Schmidt und des Königlichen Bauinspektors Mack zu einer Heil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke umgebaut. Am 1. Oktober 1855 konnte die Heil- und Pflegeanstalt Werneck unter ihrem ersten Direktor, Dr. Bernhard von Gudden ihre Arbeit aufnehmen. Werneck ist damit Sitz einer der ältesten psychiatrischen Kliniken Deutschlands.
Als von Januar 1940 bis August 1941 die deutschlandweite Aktion „T 4“ der Nationalsozialisten durchgeführt wurde, war auch Werneck betroffen.
Die Volksdeutsche Mittelstelle benötigte für die Unterbringung der „Volksdeutschen“ dringend Platz, so plante man, aus den vorhandenen 850 Pflegebetten eine Belegung für 1.750 Bessarabiendeutschen zu schaffen.3
Betraut mit der Aktion wurde der Gauleiter Otto Hellmuth, welcher am 23. September 1940 die Örtlichkeiten besichtigte, beschlagnahmte und die sofortige Räumung verfügte.
Otto Hellmuth (1896-1968)2
Zwischen dem 3. und 6. Oktober 1940 wurden insgesamt 777 Patienten aus Werneck mittels der „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH Berlin“, einer Tarnorganisation, in die Heil- und Pflegeanstalt Lohr am Main bzw. über Zwischenstationen wie die Pflegeanstalt Reichenbach und Anstalt Karthaus-Prüll/Regensburg in die Tötungsanstalten Schloss Sonnenstein bei Pirna und Schloss Hartheim bei Linz verbracht, wo sie vergast wurden.4
Beim Abtransport sicherte Otto Hellmuth zu, dass die Patienten nach Abschluss der Umsiedlungsaktion der Volksdeutschen wieder nach Werneck zurückverlegt würden, eine eiskalte Lüge, rund zwei Monate nach ihrem Abtransport waren alle Patienten, die die Region Mainfranken verlassen hatten, tot.
Am 24. Oktober 1940 wurde die Heil- und Pflegeanstalt Werneck mit bessarabischen Volksdeutschen belegt, die von hier aus im Reich angesiedelt werden sollten.
Im Januar 1941 war das Schoss mit etwa 2.000 Personen belegt. Da der landeskirchliche Pfarrer nicht tätig werden durfte, beauftragte der Landeskirchenrat am 8. Januar 1941 unter Kostenübernahme den aus Tarutino stammenden Pfarrer Albert Kern (1899–1985) mit der Seelsorge der Umsiedler. Leider war er nur kurz vor Ort, da er bald darauf in den Warthegau versetzt wurde.5
Otto Hellmuth wurde für den Mord an den fast 800 Patienten während der Aktion „T4“ nie angeklagt.
E. Kienast (Hg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode, R. v. Decker´s Verlag, G. Schenck, Berlin 1938
Maria Fiebrand: Auslese für die Siedlergesellschaft: Die Einbeziehung Volksdeutscher in die NS-Erbgesundheitspolitik im Kontext der Umsiedlungen 1939-1945 (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung); Vandenhoeck & Ruprecht; Oktober 2014
Schmelter, Thomas: Nationalsozialistische Psychiatrie in Bayern. Die Räumung der Heil- und Pflegeanstalten. (DWV-Schriften zur Geschichte des Nationalsozialismus 1).Verlag Baden-Baden: Deutscher Wissenschaftsverlag 1999
Baier, Helmut : Kirche in Not: die bayerische Landeskirche im Zweiten Weltkrieg, Degener [in Komm.], 1979, S. 124
Im Januar 1940 kamen 10.000 Wolhyniendeutsche nach Sachsen, zwei Sonderzüge fuhren nach Pirna, um diese auf dem Sonnenstein unterzubringen, zwei Tage später war von rund 1000 deutschen „Rückwanderern“ aus Galizien die Rede, die in Pirna angekommen wären, wobei für den nächsten Tag ein neuer Transport angekündigt war. Am 11.1.1940 waren 1683 Personen im Lager registriert, davon 679 Kinder, diese blieben bis Anfang April 1940.1
Anfang Oktober 1940 kamen rund 800 Bessarabiendeutschen auf den Sonnenstein, ein weiteres Lager in Bad Schandau wurde mit 778 Personen belegt. Insgesamt gab es im Kreis Pirna 10 Lager mit etwa 5.000 Bessarabiendeutschen (Ostrau, Postelwitz, Rosenthal-Schweizermühle, Liebstadt, Bad Gottleuba-Hartmannsbach, Stolpen).1