Die Verführung, durch das Smart-Match-System den Stammbaum zu erweitern.

Wer lange Ahnenforschung betreibt, kennt die Irrwege und Sackgassen, Anfängerfehler, Fehlschlüsse durch mangelnde Faktenlage und die Änderungen, die man vornehmen muss, wenn doch ein Dokument zum Vorschein kommt.

Auch die Schreiber der Ortsfamilienbücher sind davon nicht befreit und manche Unstimmigkeit der Daten muss über einen Blick auf die alten Dokumente geklärt werden.

Im Zuge der modernen Plattformen zur Ahnenforschung ist es groß in Mode gekommen, die Papierforschung hintenan zu stellen und per Smart-Match den Stammbaum zu erweitern, Fotos und Quellen zu übernehmen. Selbstverständlich finden sich nach wie vor sehr akribisch aufgebaute Stammbäume, aber leider auch wild zusammen gewürfelte, die keinen Sinn ergeben.

Daher möchte ich eine kleine Anekdote dazu berichten, wie in mehreren Onlinestammbäumen ein falscher Urgroßvater und seine Nachkommen auftauchten, obwohl durch Geburtsorte der Kinder und Sterbeort bzw. Sterbedatum offensichtlich war, dass er es nicht sein konnte.

Doch beginnen wir am Anfang. Zunächst hatte meine Freundin erste Forschungsergebnisse zu ihrer Familie online gestellt, eher magere Daten, wie man das so macht, wenn man einen DNA-Test und ersten Stammbaum online einbindet. Ein paar Fotos dazu, mehr nicht.

Während sie nun intensiver begann, die Daten nach Kirchenbüchern zusammen zutragen, erfolgten in anderen Stammbäumen die Zusammenlegungen ihrer Daten. Ehe sie sich versah, prangten die bereit gestellten Fotos in der Plattform bei vielen anderen, ebenso verbreiteten sie sich in Windeseile in anderen Plattformen.

Jetzt fragt man sich – was ist dabei, dafür wurde das Ganze geschaffen – mag sein, aber hier zeigte sich Fluch und Segen.

Der Urgroßvater begann ein doppeltes Leben.

Am 9. Dezember 1880 wurde Gottfried Bernhard in Frank an der Wolga geboren, obwohl er sein gesamtes Leben den Kontinent nicht verlassen hatte, tauchte er als Auswanderer in den USA auf.

Ein reger Austausch entstand mit den Inhabern der Stammbäume. Diese legten ihre Dokumente vor, wonach sie keinen Zweifel hatten, ihr Gottfried ist identisch und damit stimmen die Daten. Es gab einen Grabstein, also muss der Großvater meiner Freundin ein anderer sein.

Es wurde in Foren angefragt, wie man an weitere Unterlagen gelangen kann, es gab viele eigene Unterlagen und Dokumente, Kirchbuchkopien wurden erworben, kein einfaches, dafür recht kostspieliges Unterfangen, ihren Urgroßvater und die Richtigkeit ihrer Daten nachzuweisen.

Mit den Unterlagen begann für uns eine umfängliche Überprüfung der verschiedenen Stammbaumdaten, die Linien wurden erfasst und im Laufe der Wochen kristallisierte sich der Fehler der Datenübernehmer erwartungsgemäß heraus.

Am 9. Dezember 1880 wurden sowohl in Frank, als auch in Galka, Kinder dieses Namens geboren. Es hatte bisher jedoch niemand diesen Zufall beachtet.

Gottfried Bernhardt, geb. 9. Dezember 1880 in Frank, Wolga1

Johann Gottfried Bernhardt, geb. 9. Dezember 1880 in Galka, Wolga2

Letzterer wanderte nach Amerika aus und starb dort. Seine bisherige Anbindung an Vorfahren in Frank erwies sich als falsch. Zudem lagen weitere Dokumente zur Eheschließung, Geburten der Kinder und zum Tod vor, die alle die Herkunft des Urgroßvaters in Frank belegten, was den Auswanderer aus Galka deutlich ausklammerte, während dessen familiären Beziehungen nachweislich in die USA führten.

Erst über diese Dokumentation konnten die Nutzer von ihrem Fehler überzeugt werden und korrigierten ihre Daten, ebenso die Nachkommen-Daten der AHSGR in den Wolgadeutschen Datenbanken. Ein sehr umfängliches Unternehmen, um die Weiterverbreitung dieses Missverständnisses zu verhindern.

Obwohl das Löschen wirklich lange dauert, ehe es auch aus Suchergebnissen im Internet verschwindet, es lohnt sich, Fehler zu korrigieren und hilft zukünftigen Stammbaumerstellern, ihre Zeit nicht mit falschen Daten zu verschwenden.

Dokumente und Literatur:

1Fond 278.1.4 Frank Taufen 1874–1886

2Fond 339.112.52 Galka Taufen 1863–1884

Rauschenbach: Deutsche Kolonisten auf dem Weg von St. Petersburg nach Saratow. Transportlisten von 1766-1767. Moskau, 2017

Rauschenbach: Auswanderung deutscher Kolonisten nach Russland im Jahre 1766, (2019)

Zensus mehrerer Jahre der Wolgakolonien, zusammen gestellt von Brent Mai, AHSGR

Kirchenbücher im Center for Volga German Studies at Concordia University

Plewe, Einwanderung in das Wolgagebiet 1764-1764 in 4 Bänden