Wann immer man an Lübeck denkt, kommen einem das Holstentor und Marzipan in den Sinn. Doch die Geschichte der Hansestadt reicht viel weiter zurück und ist eng mit der Auswanderung von Kolonisten über Lübeck nach Dänemark, ins Baltikum und Russland verbunden.

Merian 1641, Lübeck, gemeinfrei

Lübeck wurde 1143 als erste deutsche Stadt an der Ostsee gegründet. Die an der Stadt liegenden Flüsse Wakenitz und Trave boten als Zuflüsse Richtung Ostsee eine ideale Ausgangslage für die Handelsschifffahrt. Es fanden sich bald zahlreiche Kaufleute ein, die ihre Waren verschifften.

Die Frühzeit der Stadt war jedoch von einer Reihe Bränden, Überfällen und Streitigkeiten überschattet, sodass sie erst unter Heinrich dem Löwen ab 1159 aufstieg. Es folgten recht schnell ausgeprägte Handelsbeziehungen nach Gotland, über das Baltikum, bis ins ferne Novgorod.

Die Hansestädte und der Deutsche Orden im 14. Jahrhundert und Anfang des 15. Jahrhunderts; 1905, Friedrich Wilhelm Putzger – Polnische Nationalbibliothek, gemeinfrei

Schnell entstanden weitere Hafenstädte: Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, Danzig, Elbing, Königsberg, Riga, Reval und Dorpat. Alle nach dem Vorbild Lübecks, mit Lübschem Recht ausgestattet, bilden sie die Hanse. Eine Vereinigung, die ihre Handelsbeziehungen steig weiter ausbaute, in den Orient, Mittelasien, gar nach China, ebenso in ganz Westeuropa.

In den wichtigsten Städten werden Hansekontore eingerichtet, wie der Peterhof in Novgorod, der Stalhof in London, oder die Deutsche Brücke (Tyskebryggen) in Bergen.

So verwundert es nicht, wenn auch der Kolonist über dieselben Seewege seine Heimat verließ, die sonst für Handelsgüter gewählt wurden.

Brück & Sohn, Kunstverlag Meißen, 1898, Lübeck, Partie am Hafen und Brücke, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Als der dänische König Friedrich V. im Jahre 1759 seine Werber vor allem in die Region Baden-Durlach, Hessen-Darmstadt, Württemberg und Kurpfalz entsenden ließ, um die unkultivierten Heiden- und Sumpflandschaften Jütlands und des Herzogtums Schleswig urbar machen zu lassen, folgten seinem Aufruf 1.200 deutsche Familien mit etwa 4.800 Kolonisten.

Vom Sammelort Frankfurt a. M. aus ging es in verschiedenen Abteilungen
über Hamburg durch Schleswig-Holstein, teils über Lübeck und
mit dänischen Schiffen über die Ostsee nach Fredericia. So auch einer meiner Verwandtenzweige aus Zaberfeld. Johann Conrad Gehweiler, der sich 1762 in Dänemark niederließ und dessen Nachkommen sich nach Russland aufmachten, später in Kolpino zu finden waren.

Als unter dem Einfluss der russischen Zarin Katharina der Großen, mit Ukas vom 22. Juli 1763, ein 200 km² großes Gebiet der ehemaligen Kronsländer Hirschenhof und Helfreichshof im Jahre 1764 zur Besiedlung durch Kolonisten freigegeben wurde, kamen 1766 über Oranienbaum 85 pfälzer (bayrische und württembergische) Familien mit 2621 Personen, welche auf dem Seeweg über Riga die Region Wenden in Livland erreichten und blieben.

Oranienbaum, ebenfalls Ort der Vereidigung der Kolonisten, die zur Ansiedlung ins Innere Russlands kamen, in die Kolonien nach Sankt Petersburg oder nach Saratow. In den bekannten Listen des Titularrates Johann Kuhlberg wurde die Ankunft von rund 20.000 Personen in 6.500 Familien dokumentiert, die hier von Lübeck aus eintrafen. Erfasst wurden Namen, Daten der Ankunft in Russland, Daten der Abfahrt in Lübeck, Namen der Schiffe und Namen der Schiffskapitäne.2

Organisiert wurde der Kolonistenstrom, der sich über Jahre in die Stadt Lübeck und umliegende Orte ergoss, durch den im Dienst der russischen Regierung stehenden Kaufmann Christoph Heinrich Schmidt. Nach seinem Tod, ab dem 30. Mai 1766, übernahm der Lübecker Jurist Gabriel Christian Lemke diese Aufgabe, bis am 9. November 1766 ein Auswanderungsverbot erlassen wurde.

Der Seeweg war in jener Zeit die kürzeste und kostengünstigste Verbindung, benötigte jedoch zahllose Schiffe, die im In- und Ausland angemietet wurden und nie für den Personentransport gedacht waren. Entsprechend einfach und unbequem war die Unterbringung und Überfahrt.

Aus Hessen erfolgte die Anreise über den Sammelplatz Büdingen bis zur Untersagung durch den Grafen von Isenburg. Die Massenauswanderung ist im Kirchenbuch durch Sammeltrauungen bekannt geworden. 375 Paare wurden „auf Verlangen des Russisch Kayserl. Commissariats copulirt3

Unter diesen Trauungen findet sich am 16. März 1766 auch Johannes Vogel (*1740), aus Mühlsachsen, der zusammen mit seinem Bruder Johann Henrich (1745–1816) den Weg nach Nizhnyaya Dobrinka antrat. Letzterer fuhr am 4. Juli 1766 aus Lübeck mit der englischen Fregatte „Love and Unit“ und dem Skiper Thomas Fairfax nach St. Petersburg, ehe es weiter ging in die zugewiesene Kolonie.

Massentrauung 1766 KB Büdingen Trauregister 1745-1829 p.70-71 vom 22. April – 30. April 1766

Selbes Phänomen erlebte auch Lübeck, die dort lagernden ledigen Kolonisten wurden ebenfalls in Massen getraut4 (rund 2505). So findet sich der später in Hirschenhof ansässige Philipp Julius Gustav Gagnus (1747–1818) aus Eichtersheim, ebenso wie viele weitere Kolonisten, die, wie er, nicht immer in den St. Petersburger Kolonien ihr Zuhause fanden.

Lübeck, St. Petri Kirche, Heiraten 1652-1805 p. 47

Aber auch Lübecker, wie der Schneider Johann Georg Dannicker, ergriffen die Gelegenheit zur Auswanderung. Er zog nach Bettinger, Saratow.

Lübeck, Dom Kirche Heiraten 1748-1808, fünf Trauungen gleichzeitig am 14.05.1766

Nicht jeder Lebensweg lässt sich verfolgen, doch finden sich in allen größeren Orten auf den Routen dieser Massenauswanderung die Hinweise in den Kirchenbüchern, darunter auch Roßlau an der Elbe. Von Mai 1765 bis August 1766 fanden insgesamt 205 Trauungen6 statt.

Bereits am 5. März 1766 schrieb der Erzbischof von Mainz besorgt an den Kurfürsten, dass „4000 dergleichen unglückliche Leute nach Russland eingeschifft worden sein“.7

Um einer drohenden Entvölkerung ganzer Landstriche entgegenzuwirken, erließ Churbayern am 18. Februar 17668 ein striktes Auswanderungsverbot, ihm folgte am 21. April 1766 der Rat der Stadt Frankfurt mit einer Verordnung gleichen Inhalts, welche vom „Churrheinischen Kreis ausgegangen und auch von der kurpfälzischen Regierung unterm 27. Mai 1766 allen unterstellten Behörden bekannt gegeben worden war“ 9

Preußen gestattete zwar den von Russland angeworbenen Kolonisten den ungehinderten Durchzug, verbot aber durch ein Edikt vom 1. Mai 1766 „dem authorisirten Commissar, auch sogenannten Seelenverkäufern“,strengstens,„preussische Landeskinder zur Auswanderung nach Russland zu überreden.“10

Trotz dieser Untersagungen im ersten Halbjahr 1766 gibt es Berechnungen, dass über Lübeck bis zu 40.000 Kolonisten in diesen Jahren ausgewandert sind.11

  1. Werner Conze: Hirschenhof. Die Geschichte einer deutschen Sprachinsel in Livland (Dissertation), Junker & Dünnhaupt, Berlin 1934; Neue deutsche Forschungen. p.100 ↩︎
  2. siehe Veröffentlichungen von G. Rauschenbach: Deutsche Kolonisten auf dem Weg von St. Petersburg nach Saratow. Transportlisten von 1766-1767, Moskau 2017 und Auswanderung deutscher Kolonisten nach Russland im Jahre 1766; Moskau/St. Petersburg 2015 ↩︎
  3. Decker, Klaus-Peter, Büdingen als Sammelplatz der Auswanderung an die Wolga 1766, Büdingen 2009, p.61 ↩︎
  4. Lübecker Trauungen 1764-1766 mit Faksimile, Ersteller Jutta Rzadkowski ↩︎
  5. Liste der Paare im Artikel von Karl Stumpp, Lübeck, p.111 ff; in: Der Wanderweg der Russlanddeutschen. Institut für Auslandsbeziehungen (Stuttgart, Allemagne). W. Kohlhammer Verlag, 1939 ↩︎
  6. Dr. Wäschke, Traulisten Roslau, in: Deutsche Post aus dem Osten, Monatsschrift, begründet von Adolf Eichler, herausgegeben im Auftrage des Verbandes der Deutschen aus Rußland e. V. (VDR) von Dr. Joseph Geiger, Heft 10 p.23/25 ↩︎
  7. Dr. phil. nat. Daniel Häberle: Auswanderung und Koloniegründungen der Pfälzer im 18. Jahrhundert. Verlag der kgl. bayer. Hofbuchdruckerei H. Kayser, Kaiserslautern 1909. p. 147 ↩︎
  8. Einschärfung der erlassenen Emigrationsverbote, insbesondere in die russische Kolonien.
    1766 Februar18; Kurfürstliches Reskript zur Verhinderung der Emigration ohne landesherrliche Genehmigung (insbesondere in die russischen Kolonien); Verbot der Auswanderung von Untertanen in „Ausreichische“ Gebiete ohne landesherrliche Genehmigung.: StAWü, Mainzer Verordnungen ↩︎
  9. Faszikel 6744 ↩︎
  10. Häberle: ebenda. p.148 ↩︎
  11. erfasst in: Alexandra Kronberg, Lübeck als Sammelplatz deutscher Siedlerzüge nach Russland zu Ausgang des 18. Jahrhunderts. Nach den Lübecker Auswanderungsakten. [Masch.] Diss. phil. Wien 1944, nicht öffentlich, Dienstbibliothek des AHL und in der Bibliothek der Hansestadt Lübeck ↩︎