Das Schicksal hat manchmal einen feinen Sinn für Humor. Als ich vor über vier Jahrzehnten diese Porzellanschale von meinem Mann als Geschenk erhielt, war sie für mich zunächst ein schöner Gegenstand, ein ästhetisches Stück Thüringer Handwerkskunst. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bereits einen Schlüssel zu meiner eigenen Familiengeschichte in den Händen hielt.
Ohne jegliches Wissen um die Herkunft und eine Verbindung der Glasmacher- und Porzellandynastie Greiner zu kennen, begleitete mich dieses Stück. Erst die spätere Ahnenforschung verwandelte das Geschenk in ein Erbe.
Es stellte sich heraus, dass die Schale nicht nur aus irgendeiner Manufaktur stammte, sondern aus dem Lebenswerk der Greiner, die einst aus den badischen Glashütten in den Thüringer Wald gezogen waren, um dort Geschichte zu schreiben. So wurde aus einem Zufallsfund ein Beleg für die tiefe Verwurzelung meiner Familie in der deutschen Industriegeschichte.
Die Schale wurde gestaltet in einem der „Echt Kobald Blau und Gold“ Dekore, die in der ehemaligen Wallendorfer Porzellanmanufaktur produziert wurden.


Die Geschichte der Manufraktur begann mit ihrer Gründung am 30. März 1764 in Wallendorf in Thüringen, zum Zeitpunkt des Kaufes 1980 Volkseigener Betrieb Schaubach-Kunst Porzellanfabrik Wallendorf, und endet mit der Insolvenz des letzten deutschen Eigentümers 2019. Der Verkauf der Marke fand bereits im Jahre 2013 an Yihong Mao aus Ningbo/China, statt.
Diese kobaltblaue Unterglasurbemalung auf Hartporzellan wurde in China bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts hergestellt und ab dem 16. Jahrhundert nach Europa exportiert. Das Besondere ist der Herstellungsprozess, hartes Porzellan entsteht nur durch höhere Brenntemperaturen (1400 °C bis zu 1460 °C) und besteht aus 47–66 % Kaolin, bis zu 25 % Quarz und bis zu 25 % Feldspat. Die blaue Farbe entsteht ebenfalls erst nach dem Auftrag auf das ungebrannte Porzellan bei Temperaturen von 1260 °C oder mehr.
Chinesisches Porzellan war beim Adel begehrt, durch den Transportweg aber teuer. Deshalb versuchte man sich in ganz Europa an der Herstellung von Porzellan, den meisten dürfte dabei Johann Friedrich Böttcher (1682–1719) in den Sinn kommen, ein Alchimist, der behauptete, Gold herstellen zu können.
August der Starke (1670–1733) setzte ihn fest und stellte ihn unter die Aufsicht des Metallurgen Gottfried Pabst von Ohain, der den Vorgang der Goldherstellung beobachten sollte. Durch Ersuchen des Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708), den Fokus auf Porzellan zu lenken, experimentierte er mit verschiedenen Tonerden und entdeckte so eher zufällig im Jahre 1706 den Herstellungsprozess des chinesischen Porzellans, dabei wurde rotes Porzellan erzeugt. Ende 1707 gelang die Herstellung des ersten weißen europäischen Hartporzellans. Durch die Verwendung von Alabaster als Böttgerporzellan bekannt. Die Rezeptur des roten Porzellans wurde verfeinert und Jaspisporzellan genannt (Böttgersteinzeug), zudem wurde holländisches Porzellan entwickelt.
Kurz darauf, mit Dekret vom 23. Januar 1710, wurde die Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellanmanufaktur gegründet.
Ein Inbegriff für Design dieser Manufraktur bis heute, ist das Zwiebelmuster des Meissner Porzellans, entwickelt nach chinesischem Vorbild in kobaltblauer Unterglasur bereits 1730. Nach wie vor von Hand gemalt, sind die gekreuzten Schwerter der Manufraktur ein Symbol von Qualität und Beständigkeit und Markenschutz der Erfindung.
Auch andere Hersteller übernahmen dieses Motiv:






Das Interesse war groß, Johann Wolfgang Hammann (1713–1785) begann sich ebenfalls ab 1755 mit der Porzellanherstellung zu beschäftigen, Georg Heinrich Macheleid (1723–1801) entdeckte seine Brennmethode um 1757 und Gotthelf Greiner (1732–1797)1 gelang die Herstellung im August 1761. Jeder von ihnen nutzte eine andere chemische Zusammensetzung der Grundstoffe.

Hammanns Versuch, eine Konzession zur Herstellung vom Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt zu erhalten, scheiterte im September 1760, da drei Tage zuvor eine Konzession exklusiv an Macheleid vergeben wurde. Trotz dieses Rückschlages experimentierte er weiter und brannte 1762 in Katzhütte erstmals erfolgreich Porzellan.
Im folgenden Jahr erwarb er das Freiherr von Hohenthalsche Rittergut in Wallendorf, damals zum Herzogtums zu Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörend. Gemeinsam mit Gotthelf Greiner erhielten beide am 30. März 1764 durch den Herzog von Sachsen-Coburg die Konzession zur Porzellanherstellung und gründeten gemeinsam mit Hammanns Sohn Ferdinand Friedrich (1739–1786), und Greiners Cousin Gottfried Greiner, einem Glasmaler, die Porzellan Manufaktur in Wallendorf.
Christiana Catharina Hammann (1749–1818) ehelichte 1774 den Wallendorfer Buntmaler Johann Heinrich Hutschenreuther (1751–1812) und mancher wird nun sagen – kenne ich, das ist doch auch ein Porzellanhersteller – richtig, der gemeinsame Sohn dieser Verbindung, Carolus Magnus Hutschenreuther (1794–1845) wurde Begründer der C. M. Hutschenreuther Porzellanfabrik in Hohenberg an der Eger.

Wie eingangs erwähnt, war Gotthelf Greiner ein Nachkomme des Hans Greiner genannt Schwabenhans (um 1550- vor 1609), der als Nachfolger seines Vaters Hans (um 1522–um 1575), Glas- und Hüttenmeister auf der Glashütte Langenbach wurde.
Nachdem der „Schwabenhans“ nach Lauscha im Herzogtum Sachsen-Coburg übersiedelte und dort Glashütten betrieb, wurde ihm und seinem Mitbetreiber, Glasmeister Christoph Müller (um 1545–um 1628), am 10. Januar 1597 ein erblicher Lehnsbrief ausgestellt, der ihnen die Hütte je zur Hälfte, drei Häuser, eine Schneidemühle, 30 Acker Rodeland, 42 Acker Wiesenrod zusicherte. Zu zahlen waren jährlich 12 Florentiner Erbzins.
Lauscha ist bis heute ein Inbegriff für Weihnachtsbaumschmuck aus Glas.
Die ersten Greiner, auch Grüner, Griener oder Grynner geschrieben, wanderten nachweislich aus Nassach in Baden-Württemberg nach Thüringen ein, sie gehörten zu der weit verzweigten Familie von Glasmachern, wie meine Vorfahren. Diese waren unter anderem in Kandern und in Blasiwald tätig, gründeten 1623 die Glashütte in Hasel.2 In diese Familie heirateten die Grässlin (Grässle) ein, ebenfalls Glasmacher in Hasel und meine anderen Vorfahren.
Doch kehren wir zu den Porzellanmachern zurück.
Am 30. März 1780 erwarben die Brüder Georg Wilhelm (1738 –1792) und Johann Andreas Greiner (1747 – 1799) die Porzellanmanufaktur in Untermhaus, auf dem Gries, mit nur einem Brennofen.3 Diese war als Fayencenmanufaktur 1740 durch Mathias Eichelroth (1708–1774) gegründet worden und konnte der stärker werdenden Konkurrenz durch die Porzellanproduktion nicht mehr standhalten. So versuchte man es 1779 mit der Porzellanproduktion und verkaufte erfolglos an die Greiner.4
Als 1782 zweimal nacheinander Feuer in der Fabrik ausbrach, wodurch beide Male der Ort in große Gefahr geriet, beschädigten die aufgebrachten Bewohner den Brennofen.5 Trotz dieser widrigen Umstände wurde die Manufaktur bald bekannt, schon um das Jahr 1785 herum war man im Kurfürstentum Sachsen darauf aufmerksam geworden, dass in Gera „auf Meissnische Art gefertigtes Porzellan zum Nachteil des Meissnischen Fabrikats eingeführt und verkauft wurde“.6
Die Qualität war jedoch nicht dieselbe des Meißner Porzellans, es gab noch einige weitere Porzellanfabriken, keine eine echte Konkurrenz.
Am 15. September 1800, beantragte auch Tobias Albert von Roschütz bei Gera eine Konzession zur Anlegung einer Porzellanfabrik in Pößneck, die ihm am 6. Dezember selbigen Jahres bewilligt wurde. Die Witwe Hammann der Wallendorfer Manufraktur erhob gegen diese Konkurrenz, wie gegen andere auch, eine erfolglose Klage. Vier Jahre später wurde Tobias Albert nach Zwangsversteigerung zudem Eigentümer der Fabrik in Untermhaus, die er modernisierte, er wohnte auch in Untermhaus. Die Fabrik wurde erst 1912 geschlossen.
Die Pössnecker Fabrik verkaufte Albert um 1804 an Wilhelm Ernst Conta und Christian Gotthelf Böhme, die Übertragung des Privilegs für Contra & Böhme erfolgte am 31. Januar 1815.7
Soweit unser Ausflug in die Geschichte der thüringischen Porzellanfabrikation. Begeben wir uns nun auf die Spuren einiger Arbeiter der Fabriken.
Johann Gottfried Heinecke, Porzellanbrenner, ehelichte am 9. November 1786 in Untermhaus Susanne Marie Rosine Hooper, sie lebte auf dem Gries, ihr Vater Johann Christoph war Tambour, seine Eltern: Meister Johann Georg Christian Heinecke, Hof-Ziegeldecker, zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits verstorben und Maria Rosina geb. Barth (1730–1811).

Das Paar hatte acht Kinder: Johann Heinrich (*1786), Steingutdreher, Johann Christian Gottfried (*1790), Johann Gottfried (*1792), Johanna Rosina (*1793), Heinrich Christian Carl (1794–1796), ( Benjamin Carl (*1796), Porzellandreher, Ernestine Wilhelmine (*1801) und Tochter Johanna Christiana Magdalena, wie alle auf dem Gries geboren (*21.12.1788), heiratete am 2. Mai 1813 in Untermhaus den Porzellandreher und späteren Porzellanmaler Carl Friedrich Wilhelm Huth (*13.03.1785 Untermhaus)

Sein Vater Johann Adam (um 1761–1802) war hochgräflicher Kellerschreiber und Trompeter, die Mutter, Johanna Sophia Umlauft kam aus Bischofswerda. Er war das dritte von 12 Kindern.
Das Ehepaar hatte neun Kinder, ehe sie ihren Lebensweg in Pößneck beendeten. Carl Friedrich Wilhelm starb am 16.02.1835 an Lungenverhärtung, seine Frau am 01.04.1847 an Abzehrung.
1.) Ihr erstgeborener Sohn, Carl Friedrich, wurde noch in Untermhaus geboren (25.11.1813) und starb am 02.10.1891 in Pößneck an einem Hirnschlag. Seine Ehefrau, Elisabeth Englert (*um 1810 Rentwertshausen – 04.04.1870 Pößneck), erlag Brustkrebs. Sie hatten am 16.04.1840 in Pößneck geheiratet und wurden Eltern eines berühmten Sohnes: Carl Wilhelm Louis (1842–1923)

Louis besaß in Pößneck, zunächst in der Krautgasse 8, in seinem Geburtshaus, ein Kunstgewerbliches Atelier und war mit Marie Sophie Pauline Streitberger verheiratet. Während Sohn Hermann Albin August (1874–1953) Kaufmann wurde, hatte Sohn Otto Richard Franz (1876–1970) das künstlerische Talent des Vaters geerbt. So wurde er nicht nur Porzellan- und Glasmaler, sondern ein bekannter Pastellmaler, Professor und Ehrenbürger Pößnecks. Er war mit der Malerin Gertrud Karoline Helene Borchmann (1877–1959) seit 1904 verheiratet. Die gemeinsamen Kinder Elisabeth Pauline Gertrud (*1907), Franz Louis Gustav (*1910) und Dorothea Elise Helene (*1912) wurden in Neuenheim geboren. Den Grabstein von ihm und seiner Frau findet man noch heute in Weimar.

2.) Friedrich Wilhelm Louis Huth (1815-1890) wurde bereits in Pößneck geboren und war Posamentierer, 3.) Louise Emma (*1817), 4.) Carl Franz Huth, Seiler und Schullehrer (1819-1870) starb in Hoffental, Taurien, 5.) Friedericke Rosine Magdalena (*1821), 6.) Sophia Rosina Agnes (1822-1887), sie starb in Dresden, 7.) eine totgeborene Tochter (*/+1824), 8.) Friedrich Wilhelm Robert (*1825), Porzellanmaler, 9.) Karl Friedrich Bernhard (*1828 – vor 1901), war Lederhändler und starb in Schweidnitz.
Wenden wir uns dem vierten Kind, Carl Frantz, geboren am 11. April 1819 in Pößneck, zu.

Es sind Briefe9 erhalten geblieben, die seine Auswanderung über Warschau nach Südrussland belegen und den engen Kontakt, den er auch nach der Auswanderung zu seiner Familie hielt. Während er als Seiler in Warschau arbeitete, überlegte er, nach Riga, Petersburg oder Stockholm zu reisen, Hafenstädte, die ihm Arbeit im Beruf boten.
Was ihn bewogen hat, sich nach Süden zu wenden und in Tokmak, Molotschna, zu siedeln, ist nicht überliefert. Von hier berichtet er erneut 1846, nun verheiratet mit Elisabeth Kitzler. Sein erstes Kind wurde geboren, Carl Robert. Es folgten weitere zehn, in Alt Nassau Maria Emilia (1848-1880), Alwine Florentine (*1850), Karl Otto (1852-1906), Emma Elisabeth (*1855), Marie Bertha (*1857) und Gustav Adolph (*1858), Mathilde (*1861) kam in Durlach an der Molotschna zur Welt. Karolina Amalia (1863-1929) in Weinau, Karl Ferdinand (*1865) und Amalie (*1868) in Hoffental. Dort starb Carl Frantz im Alter von 60 Jahren an einem Blutschwamm, Elisabeth blieb als Witwe zurück.

Seine zahlreichen Nachkommen blieben lange in Südrussland, kamen zum Teil als Spätaussiedler nach Deutschland, nur Tochter Karolina Amalia war mit ihrem Mann, Johann Friedrich Eifler aus Tiegenort, bereits in den 1920ern nach Berlin zurück gewandert und starb 1929 im Rudolf-Virchow-Krankenhaus.
Von mir erfasste Nachkommen des Ehepaares Huth – Umlauft:

- Greiner, Gotthelf: Lebensbeschreibung des Gotthelf Greiner zu Limbach, Erfinder des Thüringer Porzellans: 1732-1797, Hildburghausen: Kesselring 1876 ↩︎
- Albrecht Schlageter, Lörrach: Die Glashütten im Markgräflerland und den angrenzenden Gebieten vom 15. bis 17. Jh. in: Badische Heimat 68 (1988) S. 257 – 283 ↩︎
- Prof. Wilhelm Stieda: Die Anfänge der Porzellanfabrikation auf dem Thüringerwalde Verlag Gustav Fischer, Jena 1902, Kapitel III. Die Fabrik in Gera p. 24ff ↩︎
- Geschichtsseite Untermhaus von Andrè Lütge, Gera. Kapitel Porzellanfabrik am Gries auf Grundlage der Publikation des Historikers Wieland Führ: Zur Geschichte der Geraer Porzellanproduktion in Untermhaus, in: Beiträge zur Regionalgeschichte IV, Museum für Geschichte Gera, 1988, S. 18–41 ↩︎
- Ferdinand Hahn: Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung, Band 2, Verlag des Verfassers, Gera 1855 p. 901 ↩︎
- Stieda ebenda, Kapitel III. p.26 ↩︎
- Stieda ebenda, Kapitel XIV. Die Fabrik in Pössneck p379ff ↩︎
- https://doi.org/10.11588/diglit.14240#1320 ↩︎
- Eggert und Elisabeth , geb. Schmidt: Briefe von Franz Huth, der im 19. Jahrhundert von Pößneck, Thüringen, über Warschau, St. Petersburg nach Süd-Russland ausgewandert ist. Köln, 1994, Taurien e.V. ↩︎

