DNA Genealogie

Ersetzen DNA Analysen die klassische Ahnenforschung?


Es gibt immer wieder alle möglichen Werbespots diverser Hersteller von DNA-Tests, die suggerieren, man könne mittels DNA-Analyse in „Null-Komma-Nichts“ seinen Stammbaum erstellen. Dazu einmal meine Sichtweise – vielleicht für den einen oder anderen, der mit dem Gedanken spielt, einen Test durchführen zu lassen, eine kleine Entscheidungshilfe.

Einen DNA-Test machen zu lassen, kann viele Gründe habe, aber er ersetzt niemals Ihre eigene „Papier“-Forschung.

Es wäre ganz einfach, man macht den Test, wartet je nach Anbieter ein paar Wochen mehr oder weniger, dann schaut man nach seinen Treffern, bestätigt den Match und „peng“ man hat einen Ahnenbaum bis zu Karl dem Großen oder doch zumindest irgend einer anderen berühmten Persönlichkeit. – Leider ist das nicht die Realität. Man weiß gar nicht, ob der andere nicht ebenfalls alles, was Treffer war, einfach wild zugefügt hat, dann kann alles falsch sein.

Die meisten Menschen haben nur einen kleinen Baum und machen den Test aus Neugierde, viele geben gar nichts an, antworten Ihnen nicht, da ihr Interesse gering ist oder behalten ihre Forschungsergebnisse aus anderen Gründen für sich.

Machen Sie diesen Test erst, wenn Sie eine solide Basis in Ihren Nachforschungen geschaffen,  eine eigene Dokumentationslage aufgebaut haben. Dann kann der Test zu neuen Erkenntnissen verhelfen, vielleicht über einen toten Punkt der Ahnenforschung hinweg helfen, da keine Kirchenbücher mehr existieren oder neue Linien erschließen, die man bisher nicht kannte.

In der Regel bestätigen die Treffer nur, was Sie ohnehin schon wissen, die DNA unterlegt nun wissenschaftlich das Papier.

Aber – es können auch Ergebnisse erscheinen, die Ihnen nicht gefallen, nicht jede Familiengeschichte ist geradlinig, nicht immer ist der Geburtseintrag die Wahrheit. Man kann auch verschwiegene Familiengeheimnisse lüften.

Denken Sie vorher darüber nach, wie Sie mit einem solchen Ergebnis umgehen werden.


Zuvor aber ein paar Grundlagen:


Dazu machen wir einen Rücksprung in das Wissen aus unserem Biologieunterricht:

DNA-Helix in B-Konformation (Struktur­modell): Die Stickstoff (blau) enthaltenden Nukleinbasen liegen waagrecht zwischen zwei Rückgratsträngen, welche sehr reich an Sauerstoff (rot) sind. Kohlenstoff ist grün dargestellt.1

Die DNA (deoxyribonucleic acid) ist Träger aller Erbinformationen (Gene) und liegt in der Form einer Doppelhelix vor:

Ein Rückgrat aus Phosphat und dem namensgebenden Zucker, der Desoxyribose, reiht vier organischen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin, oft abgekürzt mit A, T, G und C) bestehen auf, denen komplementäre Basen gegenüber liegen, das heißt: A passt zu T und G passt zu C.

Somit erhält man zwei halbe strickleiterartige Polymerstränge, die zusammen eine helikalgewundene Spirale ergeben.

Die DNA in einer einzelnen menschlichen (eukaryotischen) Zelle hat eine Länge von etwa zwei Metern, würde man alle menschliche DNA aus den Zellen eines einzelnen Menschen aneinander reihen, ergäben sich etwa 150 Mrd. km, also etwa 1000 mal die Strecke von der Erde zur Sonne an DNA-Material.

Chemische Struktur der DNA mit farbigen Beschriftungen um die 4 Basen, die Phosphate und die Desoxyribose zu kennzeichnen.2

Seit April 2003 gilt das menschliche Erbgut als vollständig entschlüsselt. Man kennt also alle vorhandenen Gene, aber nicht, wozu sie dienen, das ist heute Forschungsinteresse.

Die Reihenfolge der Basenpaare (also der A-T bzw. G-C) auf jedem einzelnen Chromosomen wird durch Sequenzierung bestimmt.

Von den etwa drei Milliarden biochemische „Buchstaben“ des menschlichen Genoms sind es nur rund 20.000 Genen, die das „eigentliche“ menschliche Erbgut ausmachen.

Menschen sind zu mehr als 99 % genetisch identisch, daher muss der Unterschied zwischen uns allen in dem winzigen Rest gesucht werden.


Die Suche des genetischen Unterschieds


Etwa 90 % der genetischen Unterschiede manifestieren sich in Einzelnukleotid – Polymorphismen (SNPs = „Snips“).

DNA-Molekül 1 unterscheidet sich von DNA-Molekül 2 in einem einzigen Basenpaar.3

Das sind Abweichungen einzelner Basenpaare (Buchstaben), also winzige Mutationen.

Jeder 100. bis 300. „Buchstabe“ im Genom ist ein SNP, darin unterscheidet sich ein Mensch von einem anderen Menschen .

Diese SNPs wurden seit Oktober 2002 zur Grundlage des International HapMap-Projekts.

Genlocus 22q12.2 rot markiert4

Ziel ist die Kartographierung der Haplotypen des menschlichen Genoms, einem umfassenden Verzeichnis der Unterschiede im menschlichen Erbgut.

Diese HapMap soll die Muster genetischer Variation des Menschen beschreiben. Grundlage ist die Tatsache, dass das Genom nicht willkürlich und zufällig vererbt wird, sondern in mehr oder weniger großen Abschnitten, in denen etliche Gene enthalten sind. 

Werden immer die gleichen SPNs im gleichen Abschnitt eines Gens (Genlocus) vererbt – derartige Varianten eines Gens werden als Allele des Gens bezeichnet, und es treten bestimmte Erkrankungen auf, die die selben Mutationen im selben Abschnitt des Trägers haben, kann man z.B. eine Erbkrankheit identifizieren.

Aktuell versucht man auf diese Weise, Tumorerkrankungen besser kennen zu lernen und dann auch besser bekämpfen zu können, dazu gehören das Krebsgenom-Projekt des Sanger-Instituts und der Krebsgenom-Atlas des Nationalen Krebsinstituts der USA


DNA zur Ahnenforschung


Ähnlich wie bei der Suche nach Erkrankungen, werden bei DNA-Analysen zur Ahnenforschung mittels Sequenzierungen bestimmte Bereiche der DNA untersucht, um auch hier die SPNs zu finden, die Rückschlüsse auf Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen zulassen.

Das menschliche Erbgut (DNA) verteilt sich auf insgesamt 46 Chromosomen. Davon befinden sich im Zellkern 22 Chromosomenpaare (Autosomen) und zwei Geschlechtschromosomen (Gonosomen). Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, Männer je ein X- und ein Y-Chromosom.

Darüber hinaus findet man in den Mitochondrien, den „Kraftwerken“ der Zelle, ebenfalls eine geringe Menge DNA, diese wird ausschließlich von der Mutter an die Kinder weiter gegeben.

Um die Verwirrung noch etwas größer zu machen, ist nicht nur die Zahl der Anbieter von „Ahnenforschungs-Tests“ gewachsen, sondern es wird auch noch unterschieden in

Diese kann in der DNA-Genealogie auf verschiedene Weisen ausgewertet werden:

  • Autosomale DNA

Die atDNA enthält die Erbinformation der 22 Chromosomenpaare, nicht der Geschlechtschromosomen (X/ Y).

Man untersucht die DNA verschiedener Personen auf größere oder kleinere Gemeinsamkeiten hin. Wenn ein Abschnitt der DNA bei zwei Personen identisch ist, bedeutet dies, dass beide Personen einen gemeinsamen Vorfahren haben („Match“).

Außerdem wird nach charakteristischen Muster gesucht, die für Menschen bestimmter Volksgruppen und Regionen typisch sind.

Haben sich von bestimmten Regionen oder Volksgruppen viele Menschen einem DNA-Test unterzogen, es entsprechende viele Übereinstimmungen gibt, kann der Anbieter des Tests eine Hypothese zur vermutlichen Herkunft der getesteten Person erstellen.

Diese Tests gelten als sehr genau und etwa 10 Generationen zurück wirklich zuverlässig. Die vererbten Erbanlagen beider Elternlinien führen hier in die Vergangenheit.

  • Y-DNA

Die DNA des männlichen Geschlechtschromosoms (Y) wird nur vom Vater auf den Sohn vererbt und erlaubt daher nur Rückschlüsse auf die direkte rein männliche Verwandtschaftslinie.

Die Bestimmung der sogenannten Haplogruppe erlaubt Aussagen über die geographische Herkunft der rein männlichen Linie in den letzten Jahrtausenden.

Ein Test, der für eine zu testende weibliche Person keine Bedeutung hat.

  • X-DNA

Die X-DNA ist durch Besonderheiten im Erbgang des X Chromosomens gekennzeichnet, der Erbgang ist z.B. bei der Vererbung der Bluterkrankheit von Interesse, deren Konduktoren ich in meinem Stammbaum speziell gekennzeichnet habe.

Beispiel der Konduktoren unter meinen Ahnen

Anbieter werten bei der Analyse der atDNA auch die X-DNA mit aus. Die Auswertung der Treffer und die Vermutung der Herkunft erfolgt daher über die atDNA.

  • Mitochondrien-DNA

Die Analyse der mtDNA erlaubt nur Rückschlüsse auf die Verwandtschaft in der direkten rein weiblichen Linie, da sie nur von der Mutter vererbt werden kann, diese Linien sind jedoch weit zurück verfolgbar.

Die Bestimmung der Haplogruppe trifft zwar nur Aussagen über die geographische Herkunft der rein mütterlichen Vorfahrenlinie, dafür kann sich diese über die letzten Jahrtausende erstrecken.


Anbieter


Eine kleine Auswahl der bekanntesten:


  atDNA y-DNA x-DNA mtDNA
23andMe o   o  
AncestryDNA o   o  
FTDNA o o o o
Living DNA o   o  
MyHeritage o   o  
YSEQ o o o o
         
         

Eine Bestimmung der Haplogruppe erfolgt im Rahmen des atDNA-Tests von Living DNA und 23andMe.

Die Tests sind entweder über Wangenabstrich mittels Stäbchen oder Speichel (23andMe, AncestryDNA) zu realisieren.

Die Preise sind überaus variabel, in den letzten Jahren aber kontinuierlich gesunken. Es gibt immer Sonderangebote zu Feiertagen, man muss keine Abos abschließen, um einen Test bei einem Anbieter zu machen, auch wenn das suggeriert wird. Es reicht ein kostenloses Konto, man kann dann nur nicht alle Funktionen nutzen, die der Anbieter hat – z. B. bei Ancestry oder MyHeritage.

Ebenfalls zu überdenken ist die Kompatibilität der DNA-Rohdaten, die nach der Analyse entstehen. Kann man sie herunter laden und woanders wieder hochladen?

Ein Beispiel: ich kann einen Test bei Ancestry und myHeritage machen. Danach kann ich den Test von Ancestry bei MyHeritage, FTDNA oder GEDmatch hochladen und analysieren lassen. Jedoch kann ich den Test von Myheritage nicht zu Ancestry senden, da nicht kompatibel.

Stand 15. Januar 2019, Boris Clever

Zudem stellt sich die Frage, wie groß ist die Datenlage des Anbieters, damit wächst die Wahrscheinlichkeit, gemeinsame Treffer mit anderen zu haben. 

Hier ist Ancestry mit ca 14 Mill. Nutzern – vor allem, wenn Auswanderer nach Amerika vorhanden waren, eine enormer Datenpool, myHeritage ist für Nutzer mit deutschen Vorfahren und einem Matching-Pool von über 1 Mill. Nutzern (Stand Januar 2018) bereits deutlich kleiner, doch hier sind auch vorrangig deutsche Nutzer zu finden, FTDNA dürfte in der gleichen Größe sein. Bei 23andMe waren über 3 Mill. Nutzer im Matching-Pool (Nov. 2017), Tendenz jeweils steigend. Die anderen Anbieter sind kleiner, YSEQ bietet nur den Test an, fertigt die Daten nach Wunsch passend an, je nach dem, wohin sie geladen werden sollen.


Rechtliche Bedenken


Nachdem Sie sich nun mit allem ein wenig befasst haben, kommen immer noch Zweifel – auch durch Medien geschürt.

Eine heißt: wir haben ein Gendiagnostikgesetz, die Anbieter führen jedoch keine zwingend darin vorgeschriebene genetische Beratung durch.

Dieses Gesetz bezieht sich jedoch auf medizinisch diagnostische Tests, die bei der Analyse der SPNs zu genealogischen Zwecken gar nicht zum Einsatz kommen, zumal Forschungszwecke vom Gesetz ausgenommen wurden.

Man findet Hinweise auf die Möglichkeit, ein entfernt verwandter Straftäter könnte so überführt werden, da in den USA dies tatsächlich geschehen ist.

Nun, ich frage Sie, wenn Sie bei Gedmatch entscheiden, Ihre Daten vielleicht der Polizeifandung zur Verfügung zu stellen – den Haken müssen Sie schon selbst setzen – wären Sie stolz, einen Mord aufgeklärt zu haben oder würden Sie den Täter decken?

Man fand den „Golden State Killer“, da die US-Behörden die DNA des Verdächtigen, die sie an den Tatorten fanden, auf  GEDmatch hoch geladen hatten, und dann auf Treffer hofften. Da sich über 20 Verwandte von ihm ebenfalls mit ihren Daten auf der Plattform registriert hatten, mussten die Ermittler nur die Treffer anschreiben und um ihre Mithilfe bitten, so konnte der Verdächtige eingekreist und schließlich gefunden werden.

Die Daten werden angeblich weiter gegeben, verkauft, auf jeden Fall weiß man nicht, was damit geschieht….

Bedenken dieser Art sind nachvollziehbar, jedoch hat jeder Anbieter eine ziemlich lange Liste von Datenschutzerklärungen, AGB und weiteren Hinweisen. Sie sollten das alles lesen und nicht  wie gewöhnlich einfach auf „weiter“ klicken.

Wenn Sie Ihr DNA-Kit registrieren, werden Sie durch viele Seiten geleitet, die von Ihnen eine Menge Entscheidungen erwarten – die auch später revidiert werden können – alle dienen dazu, so wenig oder viel von Ihnen Preis zu geben, wie Sie das selber möchten.

Jederzeit können alle Daten gelöscht werden.

Das Labor weiß von Ihnen nichts, auf dem Karton ist kein Absender, Sie sind eine anonyme Nummer. Diese Nummer ist von Ihnen bei Ihrem Anbieter hinterlegt, Ihr Anbieter kennt diese Nummer beim Versand nicht, da sie erst beim Öffnen des Test-Kits zu sehen ist. Daher weiß niemand, wer was bekommen hat und welche Person der tatsächliche DNA-Spender ist.

Ob Sie Ihren realen Namen für die Matchs hinterlegen oder lieber als „Max Mustermann“ oder „Osterhase“ auftauchen, entscheiden Sie allein. Die Treffer nutzen ein Kontaktformular, bei Gedmatch sieht man die E-Mailadresse gleich, also überlegen Sie bei Anmeldung sorgfältig, wie man Sie sehen soll.

Meine Meinung – wir werden täglich „durchleuchtet“, ohne gefragt zu werden, niemand fragt nach einer Einwilligung, wenn Nummernschilder auf der Autobahn gefilmt werden, das Konto eines Antragsstellers auf Grundsicherung geprüft wird, obwohl er alles ehrlich angegeben hat. Wenn Einwohnermeldeämter Adressen verkaufen, man sich über den ganzen Werbemüll ärgert, der ins Haus flattert, obwohl man doch nie seine Adresse frei gegeben hat…

Da werden Daten auf „Vorrat“ gespeichert, E-Scooter-Nutzer geben ihre Daten und Bewegungsprofile für das nächste Jahrzehnt nach 5 Minuten Fahrt frei, Wohnungssuchende privateste Daten an Vermieter, die diese zur Bonitätsschätzung nicht benötigen. Bürgerdaten landen samt PC in Afrika auf der Müllkippe, Röntgenbilder und medizinische Akten wurden im Internet für jeden offen einsehbar. Die Liste ist unendlich, gefragt wurde man nie, ob das in Ordnung wäre.

Bei Ihrem DNA-Test haben Sie die Gelegenheit, mit jedem Häkchen eine eigene Entscheidung zu treffen.

Wenn Sie nach all diesem „Grundwissen“ bereit sind, sich in das Abenteuer der DNA – Forschung zu stürzen, dann folgen Sie mir bitte auf die nächste Seite, dort erkläre ich Ihnen, wie meine Schritte dazu ausgesehen haben.

 

 



 

 

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