Zur Erinnerung an unsere Vorfahren, die als Migranten aus Süddeutschland in die Welt zogen

Kategorie: Wolgakolonien (Seite 1 von 2)

Vorbote des Holomodor

Hunger in den deutschen Wolgakolonien

17.9.1921 Tiflis

Kaukasische Post, Nr. 24, 13. Jahrgang

Von zuverlässiger Seite wird uns hierzu geschrieben: „Die Hungersnot, die in diesem Jahre mehrere Gouvernements Rußlands betroffen hat, wütet am rasendsten im deutschen Gebiete an der Wolga. Im Herbst 1920 und im Frühjahr 1921 wurde ganz wenig ausgesät, wegen Mangel an Samen. Dazu gesellte sich in diesem Jahre noch die Dürre. Bis zum 15. Juni d. J. hat die Außerordentliche Kommission für Bekämpfung des Hungers festgestellt, daß 70 % der Aussaat verloren ist. Der andere Theil hätte bei günstiger Witterung noch 349 860 Pud geben können, was – auf eine 450 000 köpfige Bevölkerung verteilt 31 Pfund pro Seele im Jahr ausgemacht haben würde. Jedoch günstige Witterung ist nicht eingetreten, sodaß auch dieses Quantum nicht geerntet wurde. Bis zum 15.6. waren im deutschen Gebiete 30 000 (299 000) Hungernde, die Mehrzahl der Hungernden sind Bauern. Man lebt jetzt direkt vom Gemüse, wo solches vorhanden ist; die Mehrzahl nährt sich von Zieselmäusen, Pfiffern u.s.w. Hungernde Kinder laufen auf den Straßen umher und suchen verschiedene Abfälle auf, womit sie ihren Hunger stillen. In manchen Dörfern kommen täglich bis 20 Todesfälle durch Hunger vor, Zu diesem Uebel haben sich noch Cholera und Typhus eingestellt, die täglich reiche Ernte halten. Man verkauft alles, was sich verkaufen läßt, für Spottpreise, sogar ganze Gebäude mit Hof und allem möglichen werden für 15 Pud Korn verkauft, auch das alles, um nur irgendwie sein Leben zu fristen.



Голодомор „Tötung durch Hunger“

aus: Kaukasische Post, Nr. 24, 13. Jahrgang

Der doppelte Urgroßvater

Die Verführung, durch das Smart-Match-System den Stammbaum zu erweitern.

Wer lange Ahnenforschung betreibt, kennt die Irrwege und Sackgassen, Anfängerfehler, Fehlschlüsse durch mangelnde Faktenlage und die Änderungen, die man vornehmen muss, wenn doch ein Dokument zum Vorschein kommt.

Auch die Schreiber der Ortsfamilienbücher sind davon nicht befreit und manche Unstimmigkeit der Daten muss über einen Blick auf die alten Dokumente geklärt werden.

Im Zuge der modernen Plattformen zur Ahnenforschung ist es groß in Mode gekommen, die Papierforschung hintenan zu stellen und per Smart-Match den Stammbaum zu erweitern, Fotos und Quellen zu übernehmen. Selbstverständlich finden sich nach wie vor sehr akribisch aufgebaute Stammbäume, aber leider auch wild zusammen gewürfelte, die keinen Sinn ergeben.

Daher möchte ich eine kleine Anekdote dazu berichten, wie in mehreren Onlinestammbäumen ein falscher Urgroßvater und seine Nachkommen auftauchten, obwohl durch Geburtsorte der Kinder und Sterbeort bzw. Sterbedatum offensichtlich war, dass er es nicht sein konnte.

Doch beginnen wir am Anfang. Zunächst hatte meine Freundin erste Forschungsergebnisse zu ihrer Familie online gestellt, eher magere Daten, wie man das so macht, wenn man einen DNA-Test und ersten Stammbaum online einbindet. Ein paar Fotos dazu, mehr nicht.

Während sie nun intensiver begann, die Daten nach Kirchenbüchern zusammen zutragen, erfolgten in anderen Stammbäumen die Zusammenlegungen ihrer Daten. Ehe sie sich versah, prangten die bereit gestellten Fotos in der Plattform bei vielen anderen, ebenso verbreiteten sie sich in Windeseile in anderen Plattformen.

Jetzt fragt man sich – was ist dabei, dafür wurde das Ganze geschaffen – mag sein, aber hier zeigte sich Fluch und Segen.

Der Urgroßvater begann ein doppeltes Leben.

Am 9. Dezember 1880 wurde Gottfried Bernhard in Frank an der Wolga geboren, obwohl er sein gesamtes Leben den Kontinent nicht verlassen hatte, tauchte er als Auswanderer in den USA auf.

Ein reger Austausch entstand mit den Inhabern der Stammbäume. Diese legten ihre Dokumente vor, wonach sie keinen Zweifel hatten, ihr Gottfried ist identisch und damit stimmen die Daten. Es gab einen Grabstein, also muss der Großvater meiner Freundin ein anderer sein.

Es wurde in Foren angefragt, wie man an weitere Unterlagen gelangen kann, es gab viele eigene Unterlagen und Dokumente, Kirchbuchkopien wurden erworben, kein einfaches, dafür recht kostspieliges Unterfangen, ihren Urgroßvater und die Richtigkeit ihrer Daten nachzuweisen.

Mit den Unterlagen begann für uns eine umfängliche Überprüfung der verschiedenen Stammbaumdaten, die Linien wurden erfasst und im Laufe der Wochen kristallisierte sich der Fehler der Datenübernehmer erwartungsgemäß heraus.

Am 9. Dezember 1880 wurden sowohl in Frank, als auch in Galka, Kinder dieses Namens geboren. Es hatte bisher jedoch niemand diesen Zufall beachtet.

Gottfried Bernhardt, geb. 9. Dezember 1880 in Frank, Wolga1

Johann Gottfried Bernhardt, geb. 9. Dezember 1880 in Galka, Wolga2

Letzterer wanderte nach Amerika aus und starb dort. Seine bisherige Anbindung an Vorfahren in Frank erwies sich als falsch. Zudem lagen weitere Dokumente zur Eheschließung, Geburten der Kinder und zum Tod vor, die alle die Herkunft des Urgroßvaters in Frank belegten, was den Auswanderer aus Galka deutlich ausklammerte, während dessen familiären Beziehungen nachweislich in die USA führten.

Erst über diese Dokumentation konnten die Nutzer von ihrem Fehler überzeugt werden und korrigierten ihre Daten, ebenso die Nachkommen-Daten der AHSGR in den Wolgadeutschen Datenbanken. Ein sehr umfängliches Unternehmen, um die Weiterverbreitung dieses Missverständnisses zu verhindern.

Obwohl das Löschen wirklich lange dauert, ehe es auch aus Suchergebnissen im Internet verschwindet, es lohnt sich, Fehler zu korrigieren und hilft zukünftigen Stammbaumerstellern, ihre Zeit nicht mit falschen Daten zu verschwenden.

Dokumente und Literatur:

1Fond 278.1.4 Frank Taufen 1874–1886

2Fond 339.112.52 Galka Taufen 1863–1884

Rauschenbach: Deutsche Kolonisten auf dem Weg von St. Petersburg nach Saratow. Transportlisten von 1766-1767. Moskau, 2017

Rauschenbach: Auswanderung deutscher Kolonisten nach Russland im Jahre 1766, (2019)

Zensus mehrerer Jahre der Wolgakolonien, zusammen gestellt von Brent Mai, AHSGR

Kirchenbücher im Center for Volga German Studies at Concordia University

Plewe, Einwanderung in das Wolgagebiet 1764-1764 in 4 Bänden

Von den deutschen Kolonien an der Wolga I

(Aus der „Deutsch. Volkszeitung“ in Saratow)1

Herr Lehrer Chr. Schaab, ein unermüdlicher Sammler von Materialien zur Geschichte unserer Wolgakolonien, hat in der Kolonie Pfeiffer3 interessante Familienpapiere bei dem Kolonisten Michael Herrmann entdeckt, die der Urgrossvater seiner Frau Magdalena, Valentin Conradi, bei seiner Einwanderung nach Russland mithereingebracht hat und die bis zur jetzigen Stunde in der Familie wie ein Heiligtum aufbewahrt werden.
Wenn doch in allen unseren Kolonistenhäusern die von den Voreltern zurückgelassenen alten Papiere so teuer und so wert geachtet worden wären! Wieviel wertvolle Beiträge wären das für unsere Kolonial- und die Familiengeschichte jetzt, wo wir mit fragenden Blicken zurückschauen nach den vergangenen Zeiten, wo unsere alten Väter gelebt, gewirkt und gestrebt, geduldet und gelitten haben! Allein wie unverständig ist man oft mit solchen alten und oft gar kostbaren Familien- und Gemeindepapieren umgegangen. Wurde uns doch in einer Kolonie erzählt, wie man daselbst noch Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts im Kolonieamt um das Stammbuch der Kolonie herumgesessen und darin gelesen habe, woher die eingewanderten Väter gewesen seien, was sie an Vorschuss und Unterstützung in Russland bekommen, und dergl. mehr, dass man dann aber alle alten Papiere, auch das Stammbuch, verbrannt habe, um den neuen Aktenbündeln Platz in dem enggewordenen Gemeindeschrank zu machen. Aehnlich handelte man auch in einer anderen Kolonie: um ebenfalls im Gemeindeschrank Platz zu machen, warf man in den achtziger Jahren die alten Papiere heraus und papierarme Leute griffen rasch darnach, zerschnitten sie in lange Streifen und beklebten damit im Herbst ihre Fensterrahmen. Und wiederum in einer Familie wurde uns auf unsere Frage nach etwaigen alten Familienpapieren geantwortet, dass vom Grossvater wohl ein dickes, vollgeschriebenes Heft nachgeblieben wäre, dass es an ein Tagebuch erinnert und man auch früher noch als Schüler darin gelesen habe aber es sei, „allmählich so verrissen gange.“ Verbrannt, zerrissen, zerfetzt! Wie wehe tut’s einem so etwas hören zu müssen.
Doch nicht alle handeln so unvernünftig. So werden z. B. in der Familie Lippert in Katharinenstadt für die Geschichte unserer Kolonien gar wertvolle Aufzeichnungen alter Kolonistenväter aufbewahrt. Herr Pastor Kufeld hat einen Teil dieser sogenannten „Lippertschen Manuskripte“ im „Friedensboten“ 1900 Nr. 10-12 veröffentlicht. Ebenfalls hat Pastor Kufeld die Aufzeichnungen eines alten Schulmeisters Möhring im „Friedensboten“ 1901 Nr. 4 und 5 zur allgemeinen Kenntnis gebracht. Leider fehlen mehrere Blätter mit den Aufzeichnungen aus den Jahren 1709 -1774 (Diese sogenannte „Möhringsche Chronik“ wurde Herrn Pastor Kufeld von einem seiner Gemeindeglieder verehrt).

Auch das frühere Dumamitglied, Herr J. Dietz in Kamyschin, ist im Besitz von Aufzeichnungen des Schulmeisters Bath, die er im Titteler Kirchspiel aufgefunden, deren erster Teil bereits in der „Volkszeitung“ (1906 Nr. 7-9) veröffentlicht ist und deren zweiter Teil nun nächstens folgen wird. Ebenso sollen sich alte Dokumente im Besitz zweier Männer in Boaro und in Gnadenflur befinden. Und wie viele Dokumente werden doch hoffentlich sonst noch still auf bewahrt! Lasst sie uns doch veröffentlichen! Abgesehen davon, dass sie einen allgemeinen Wert für unsere Kolonialgeschichte haben, lässt sich aus ihnen gar oft auch noch eine kleine Familiengeschichte erschliessen, wie aus den eingangs erwähnten Conradi´schen Familienpapieren in Pfeiffer.

Wie bereits gesagt, werden diese Conradi´schen Familienpapiere von dem Kolonisten Herrmann aufbewahrt. Es sind sechs Dokumente:

1 und 2) die Taufscheine des Valentin Conradi7 und seiner Frau Anna Maria geb. Menger8, lateinisch und deutsch.
3) Der Trauschein der beiden Eheleute, ebenfalls lateinisch und deutsch.9
4) Bescheinigung des Amts- und Gerichts-Schultheissen des Fleckens Weissenau bei Mainz, vom 24. Dezember 1765, dass Anna Maria Menger keine Leibeigene, sondern ehrlicher Bürgerleute Kind sei.
5) Reisepass für Valentin Conradi zu seinem Bruder nach Prag, herausgegeben am 14. Dezember 1765 von der hochfürstlich Würzburgschen Regierung des Adam Friedrich, von Gottes Gnaden Bischof zu Lamberg und Würzburg usw., usw., usw.10
6) Ein deutsches Flugblatt, herausgegeben im Winter 1765 auf 1766 von dem russischen Kommissar in Frankfurt a. M, in welchem sowohl die grossen Vorteile, sich als Kolonist für Russland anwerben zu lassen, als auch die Saratowschen Steppen als ein wahres Paradies, fast so schön wie das südliche Frankreich, angepriesen werden: Ströme und Flüsse seien voll Fische, Vieh und Geflügel spottbillig, das Gartengewächs ebenso wohlfeil, Rettige und Zwiebel sehr gross, ein Rettig wiege bis 10 Pfund und koste 2 Pfg. Auch gebe es daselbst viele Weinberge, der Wein sei süss und das Viertel koste 10 Kreuzer Auch Rosinen und Feigen seien wohlfeil. Der Spargel aber wachse wild wie Unkraut auf dem Acker, und so fort in diesem Tone.

Ferner gehört zu diesen Familienpapieren auch noch eine silberne Denkmünze aus dem 17. Jahrhundert, in der Familie das „Schaustück“ genannt, 9 Lot schwer, auf der einen Seite ein Stadtwappen, auf der anderen eine Kirche darstellend. Die Inschriften sind lateinisch.

Und schliesslich soll unter diesem ganzen Familienschatz sich auch noch eine gedruckte Schrift über Einwanderung der Kolonisten, Gründung und erste Zeit der Kolonien befunden haben; doch im Jahre 1885 sei die Schrift entwendet worden.

Die aufbewahrten Conradi’schen Familienpapiere machen es uns möglich, unter Benutzung anderweitigen kolonialgeschichtlichen Materials eine kleine Familiengeschichte des einst in Pfeifer eingewanderten Valentin Conradi zusammenzustellen, die also lautet:

Randersacker in alter Ansicht5

Valentin Conradi, der Sohn des katholischen Bürgers Lorenz und seiner Ehefrau Margaretha aus dem Dorfe Randersacker in der Nähe der Stadt Würzburg im heutigen Bayern, war 1737 geboren. Als er herangewachsen war, erlernte er gleich seinem älteren Bruder das Bäckerhandwerk und begab sich nach damaliger Sitte nach beendigter Lehrzeit auf die Wanderschaft, um sich in der weiten Welt etwas umzusehen und im Dienste bei verschiedenen Bäckermeistern sich in seinem Handwerk zu vervollkommnen. In die Heimat scheint er erst im Alter von 28 Jahren, also 1765, wieder zurückgekehrt zu sein. Der Vater muss allem nach schon gestorben gewesen sein; der Bruder aber lebte im Oesterreichischen in der Stadt Prag als Proviantbäcker. Nun denkt auch unser Valentin daran, sich einen eigenen Herd zu gründen.

Christian Georg Schütz d. Ä. (1718-1791)
Ansicht der Kirche in Weisenau im Süden von Mainz, 17856

In Anna Maria Menger, einem elternlosen und vereinsamt dastehenden Bürgermädchen aus dem Marktflecken Weissenau bei der Stadt Mainz, findet er eine Lebensgefährtin. Am 10. Dezember 1765 lässt er sich mit seiner um 7 Jahre älteren Braut in Würzburg trauen. Wohl meldet uns eines der Familienpapiere von der Absicht, sich in Randersacker niederlassen zu wollen. Aber die anderen erzählen uns, wie er schon 4 Tage nach der Trauung am 14. Dezember sich einen Reisepass nach Prag zu seinem Bruder besorgt und am 24. Dezember desselben 1765. Jahres auch noch ein Attestat für seine junge Frau des Inhalts, dass sie eine freie Person, freier Bürgersleute Kind und keines Herrn Leibeigene sei. Nach 6 Monaten steht er schon auf russischem Boden als Kolonist. Dieses aber setzt voraus, dass er sich im Frühjahr 1766 als Kolonist gemeldet hatte. Wahrscheinlich war der junge Mann schon auf seiner Wanderschaft mit dem verlockenden Manifest der russischen Kaiserin Katharina II bekannt geworden, halte die alleinstehende Anna Maria Menger gewonnen, als seine Lebensgefährtin mit ihm das Glück im fernen Russland zu suchen und dort ein Heim zu gründen, war sodann mit derselben nach seinem Heimatsdorf Randersacker zurückgekommen, um sich mit ihr trauen zu lassen und die zu der fernen Reise nötigen Familienpapiere zu besorgen, machte möglicherweise auch einen Abschiedsbesuch bei seinem Bruder in Prag und meldete sich alsdann im Frühjahr 1766 bei dem russischen Kommissar in Frankfurt a. M., wo kürzlich erst eine Werbestation eröffnet worden war, für den russischen Kolonistenstand. Von hier wird er zusammen mit vielen anderen angeworbenen Kolonisten hinüber nach der Fulda gebracht, fährt auf diesem Flusse und der Weser stromabwärts und gelangt nach Durchquerung der Lüneburger Haide über Hamburg nach der Stadt Lübeck an der Elbemündung.

Wanderwege von Frankfurt/Main bzw. Roßlau/Elbe über Lübeck, Häfen und Wanderweg nach Pfeifer/Wolga. Die Angaben der Entfernung sind gerundete Werte (google maps2)

Lübeck war damals der Hauptsammelort für alle in Westdeutschland angeworbenen Kolonisten, denn dort trafen auch die Kolonistenzüge aus Roslau an der Elbe ein, während die Kolonistenzüge aus dem östlichen Deutschland und aus Polen über die Stadt Danzig gingen. Dass nun Valentin Conradi sich einen Pass nach Prag ausstellen lässt und ein Attestat für sein junges Weib, dass sie ein freies Bürgerskind sei, wird uns verständlich, wenn wir beachten, was in dem eingangs erwähnten Artikel „Kolonistenzüge in Anhalt“ gesagt ist, nämlich, dass die deutschen Landesregierungen das Fortlocken ihrer Leute nach Russland keineswegs wohlwollenden Auges sahen und deren „Wegzug gerne Schwierigkeiten in den Weg legten: auch dass die russischen Kommissare sich hüten mussten, den Regierungen vor den Kopf zu stossen oder gar Leibeigene ohne Erlaubnis- oder Losschein ihrer Gutsherren als Kolonisten anzunehmen.*)

Grosse Scharen von Männern und Weibern, Burschen und Mädchen, Alten und Kindern strömten wohl damals in der freien Stadt Lübeck zusammen. Ein sorgloses Leben konnten sie hier führen: erhielten doch die Männer täglich zum Unterhalt 15 Kop. S., die Frauen und die erwachsene Jugend 10 K. S. und die Kinder je 6 Kop. S., ein für jene Zeit reichliches Tagegeld. Hat man es schon hier so gut, wie herrlich wird es erst in Russland sein, denkt da so mancher und die Flugblätter, die alles so paradiesisch schön an der Wolga ausmalten, werden die Armen nur noch mehr in ihrem Wahn bestärkt und immer neue Scharen angelockt haben. Endlich ging es auf die Schiffe. Valentin Conradi und sein Weib kamen auf ein Lastschiff, genannt „der Löwe.“ Ihre übrigen Reisegefährten waren alles Leute aus den Rheinländern: Katholiken, Lutheraner und Reformierte – eine grosse Schar von 414 Personen. Ein Schneider aus Laubach, Joh. Philipp Stiel mit Namen, war Vorsteher. Er führte die Aufsicht über die Leute, durch ihn liess der Führer dieses Transports oder Kolonistenzuges, der russische Leutnant Fedor Fedorow, auch die Tagegelder auszahlen.

Im Juli 1766 kam Conradi’s Schiff bei Oranienbaum, in der Nähe Petersburgs, an. Erst nach fast einem ganzen Jahre gelangte Conradi’s Trupp auch in Saratow an, nachdem man im innern Russland überwintert hatte. Hier in Saratow erhält Conradi mit den andern vom Kontor 25 Rbl. Vorschuss, 2 Pferde, 1 Zaum und 1 Seil von 5 Faden Länge.11 Alsdann ging es in eine endlose Steppe hinein.

Kartenausschnitt Wolgakolonien, Pfeifer (Gnilischka) hervorgehoben4

Der 15. Juni 1767 ist der Gründungstag der Kolonie Pfeifer, denn an diesem Tage kam Conradi mit vielen andern seiner Glaubensgenossen an der Stelle an, wo heute diese Kolonie liegt. Hier gründete er mit seinem Weibe sein neues Heim. Noch im selbigen Jahre riss er anderthalb Dessjatinen Steppenland mit seinen 2 Pferden um, um im nächsten Frühjahr den ersten Samen auszustreuen. Hier wartete er nun auf das Glück, von dem er in der alten deutschen Heimat geträumt. Doch es liess auf sich warten Ein schweres Leben war es, die ersten 30 Jahre. Die Alten haben es erzählt, Tränen schossen ihnen dabei in die Augen Und oft dachte man an die liebe alte deutsche Heimat. Man hatte sie so leichtsinnig verlassen. Um so teurer wurde einem das, was man noch aus derselben in dies Elend mitgebracht hatte. Für Valentin waren es seine Familienpapiere, war es seine silberne Gedächtnismünze, war es auch das Flugblatt, ein Wechsel an die russische Regierung, den sie nicht einzulösen vermochte.

*) Man kann also mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass der leibeigne Bauer Deutschlands von der Auswanderung nach Russland ausgeschlossen blieb und dass die grösste Anzahl der Kolonisten Handwerker gewesen sind, Ackersleute aber nur insofern, als sie freie Bürger kleiner Flecken und Dörfer gewesen sind.

1Frankfurter Blätter für Familien-Geschichte : süddeutsche genealogische Monatshefte / hrsg. von Karl Kiefer. Frankfurt, M. : Englert & Schlosser, 1908 – 1914, Jahrgang 2, September 1909, Heft 9, „Von den Deutschen Kolonien an der Wolga“ p.142-144

2Nutzungsbedingungen für Google Maps/Google Earth

3 Pfeifer = Gniluschka

4 Paul Langhans Deutscher Kolonialatlas Nr. 7, Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897. Deutsche Kolonisation im Osten, II Auf slavischem Boden

5 colorierter Ausschnitt einer Ansichtskarte, Nr. 384 A.D. vor 1906

6 Christian Georg Schütz d. Ä. (1718-1791), Ansicht der Kirche in Weisenau im Süden von Mainz, 1785; Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, Inventar. Nr. 6566, CC BY-SA 4.0

7 Pfarrtaufe: Taufschein vom 18.07.1737 Ioannes Valentin Conradi, Sohn der rechtmäßigen Ehegatten Laurentius und Margaretha Conradi. Als Paten fungierten die Ortsbewohner Valentin Reichert und Jacob York. Ausgestellt mit persönlicher Unterschrift und Siegel von Randersaker 22.12.1765

8 Pfarrtaufe am 7. Mai 1730 nach katholischem Ritus von Anna Maria, Tochter der rechtmäßigen Ehegatten Jakob und Maria Elisabeth Menger. Die Patin war Anna Maria Roth. Ausgestellt, signiert und gesiegelt in Weisenau am 9. Oktober 1764.

Abschrift des Dokuments AndI, Dokument im ГАСО, upload Elena Diesendorf, Forum zur Geschichte der Wolgadeutschen

9 Urkunde über die Hochzeit von Pater Emmert am 30.11.1765 von Johann Valentin Conradi mit Anna Maria Menger. Die Hochzeit fand in der Kirche St. Andreas in Herbipoli statt [Herbipoli lat. Würzburg]

Abschrift des Dokuments AndI, Dokument im ГАСО, upload Elena Diesendorf, Forum zur Geschichte der Wolgadeutschen

10 Reisepass ausgestellt für Valentin Conradi für eine Reise zu seinem Bruder nach Prag. Von Gottes Gnaden, wir Adam Friedrich Bischof zu Bamberg und Würzburg , des Heil. Röm. Reichs Fürst und Herzog zu Franken, etc. ersuchen hiermit männiglichen Stands-Würden nach respective freund-und gnädigst, den Untserigen aber ernstlich befehlend, Sie wollen Vorzeiger dieses Valentin Conradi Bürger und Bäckermeister zu Randersaker ohnweit Würzburg wohnhaft, welcher von hier (allwo Gott Lob! Noch reine und gesunde Luft ist) umher Eger, so dann umher Prag zu seinem Bruder einem Proviant Becker zu verreisen entschlossen, aller Orthen sicher, frei und ohngehindert nicht allein paß- und repassieren lassen-( последнее слово затерто )
Auch zu sicherer schleuniger Fortkommunalen guten beförderlichen Willen beweisen: Das seynd Wir um einen jeden nach Stands- zu erkennen erbithig, die Unserige aber vollziehen hieran Unsern gnädigst- befehlenden Wen. (слово переклеено печатью) in unserer Fürstlichen Regierungs-Stadt Würzburg den 14 Decembris 1765
HochFürstlich Würzburgische Regierung
Graf von Seinsheim 1755-1779

Abschrift des Dokuments AndI, Dokument im ГАСО, upload Elena Diesendorf, Forum zur Geschichte der Wolgadeutschen

11 Igor Pleve, Einwanderung in das Wolgagebiet 1764-1767; Band 3 Kolonien Laub – Preuss, p382, Nr. 20

Konrad Valentin, 28, kath., Bäcker aus Würzburg
Frau: Anna Maria, 37
in der Kolonie eingetroffen am 15.6.1767
erhalten vom Vormundschaftskontor inSaratov 25 Rbl., 2 Zäume, 5 Sazen` Seil, 2 Pfd.
1768 gab es in der Wirtschaft 2 Pfd., gepflügt: 1,5 Des.

Von den deutschen Kolonien an der Wolga

Nach Mitteilungen unseres Abonnenten Herrn Lehrer Schaab in Pfeifer.1

Auf Grund eines Manifestes der Kaiserin Katharina II., Schwester Friedrichs von Anhalt-Zerbst wurden in den Jahren 1764-67 durch Kommissare in Deutschland Kolonisten zur Ansiedlung an der Wolga geworben. Ein damals verbreitetes Flugblatt hat folgenden Wortlaut:

Avertissement. (1765)
Nachdeme es ohnehin schon offenkündig ist, dass alle und jede Ausländer, welche sich vermöge des Allerhöchsten Russisch-Kayserlichen Manifests de dato Peterhof den 22ten Julii 1763. in dem Russischen Reiche niederlassen, und insonderheit bey dem Anbau fruchtbarer, aber noch uncultivirter Ländereyen, eine gute und reichliche Nahrung suchen wollen, von den Russisch-Kayserlichen Gesandtschaften durchgängig die willfährigste Aufnahme und Förderung zu gewarten haben: So dienet hiermit weiter männiglich zur Nachricht, dass nunmehro auch die Anstalt ist getroffen worden, dass selbigen sofort nach ihrer Ankunft und Anmeldung in Franckfurt bey dem Russisch-Kaiserlichen Commissario, nachstehende Vortheile angedeyen sollen:
Erstlich, empfängt eine völlig erwachsene Manns – Person sechszehn Kreutzer, eine Weibs – Person zehn Kreutzer, ein herangewachsener Sohn oder Tochter, jedes gleichfalls zehn Kreutzer, und ein Kind, ohne Unterschied des Geschlechts, sechs Kreutzer Reichsmünze, zum täglichen Unterhalt, welches für eine gantze Familia etwas nahmhaftes ausmachet.
Zweitens, wird in Franckfurt für ihre gemächliche Einquartierung, bis zur Zeit ihrer Abreise von hier nach Lübeck Sorge getragen, und noch zur Erleichterung der Reise von Frankfurt bis Lübeck für die Weiber und Kinder samt denen bey sich habenden Sachen ein Fuhrwerk verschaffet.
Drittens, wird in Hamburg und Lübeck gleichergestall nach aller Möglichkeit für ihr Unterkommen gesorget, und zur Bestreitung des Quartiergeldes und ihrer übrigen Bedürfnisse, werden ihnen vorbemeldte Taggelder bis zu ihrer Einschiffung nach Russland, immer richtig abgereichet
Viertens, wird für die gehörige Verproviantierung der Colonisten auf der Reise zu Wasser, Sorge getragen, und ihnen der Proviant ins Schiff geliefert.
Fünftens, wann eine genügliche Anzahl solcher Colonisten in Lübeck beysammen ist, wird zu ihrer Ueberfahrt nach Russland ein eigenes Schiff, das sonst keine andere Ladung bekommt, bedungen; und da sich für eine jede Familie nicht gleich ein besonderes Schiff betrachten lasset, so dörfen die in Lübeck ankommende Colonisten daselbst nur so lang verziehen bis ihrer sich so viele gesammelt haben, dass sie ein eigenes Schiff besetzen können.
Schliesslich ist noch zur Nachricht anzufügen, dass die Transports von hier nach Lübeck gegen die Mitte des Monat Mertzen anfangen, und gegen den 15ten Septembris aufhören, in welcher Zeit die sich meldende Personnen angenommen werden, dahingegen vom löten Septembris bis Ende Februarii niemand aufgenommen wird.“

Im Jahre 1765 wurde ferner folgender „Brief aus Petersburg“ verbreitet.

Extract = Schreibens
aus St. Petersburg d, d. 2. Junii 1765.

„lc. Enthaltend eine zuverlässige Nachricht von dem Zustande der Kolonien bey Saratow im Astrachanischen Gouvernement.
Es ist bereits eine grosse Anzahl Deutsche und andere Ausländer dort etabliret. Fünf Dörfer sind würcklich neu angelegt.) Es wird nicht nur pünktlich alles gehalten, was im Manifest versprochen, sondern es geschieht noch mehr. Das Land selbst ist noch lange nicht so fruchtbar und angenehm beschrieben, als es würcklich ist, wie ich aus so vielen Zeugnüssen vormahliger und jetziger Augen-Zeugen weiss. Es ist ähnlich wie in den warmen Provinzen Franckreichs. Ströme und Flüsse sind voll Fische in so erstaunendem Ueborfluss, dass man es kaum glauben möchte. Auch ist bey gegenwärtiger Ruhe in Persien die schönste Aussicht vorhanden zur etablirung eines sehr vorteilhaften Handels. Die benachbarten Calmücken, Cosaken, Russen sind freundschaftliche Leutgen, die unschwer zu gewinnen sind, und ewig treue Freunde seyn werden, wenn man sie nur nicht hintergehet. Die Grone defraiiert*) die Hereinkommende bis Hamburg doch nur Vorschussweise, so dass sie einmahl in 10. Jahren in dreyen Terminen solchen nebst anderem Vorschuss wieder erstatten müssen. Von Hamburg hierher werden sie eben so transportieret. Von hier aber nach Saratow werden sie gantz auf Kosten der Crone ohne Wiedererstattung Geleitet. Man bauet ihnen gute Häuser, sie bekommen jede Familie 30. Decetinen, ohngefähr 25. Morgen Feld, Wiesen, Waldung, freye Fischerey und Jagd, wenige Artikel ausgenommen, Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, als Vorschuss, wie oben, und hinlängliches richtiges Kostgeld bis zu ihrer ersten Ernde. Dabey wird ihnen sonst Handwerkszeug, Materialien, kurtz, was sie nur immer wünschen können, mit ungemeiner Freygebigkeit fourniret Sie haben Freyheit im Lande und ausser Landes zu reisen, doch ausser Landes nicht anders als nach entrichteten Schulden. Verschiedene sind würcklich zurück gekommen, nachdem sie in einem Jahr so viel gewannen, dass sie nicht nur allen Vorschuss schon bezahlet, sondern auch noch einige hundert Rubel baar gehabt, um ihre ganze Familie herein zu holen. Die Religions-Uebung ist vollkommen frey und öffentlich. Die Monarchin hat angefangen, ihre eigenen Unterthanen, die in Servitudine gebohren waren, frey zu machen Es sind würcklich schon über 1500. Familien da, 800 neu angekommen in Oranienbaum und über 1000 unterweges. Dieses alles kan ich Ihnen foi d’honnete homme zuversichtlich melden, und schreibe es zur Ehre unserer Monarchin, des Herrn Grafen Orlows und der Tutel-Cantzley, ja der gantzen Nation, ohne dazu erkauft oder sonst incitiret zu seyn. Man kann also allen Armen, Nothleidenden aber arbeitsamen Leuten, die in ihrem Vatterland ihr Brod nicht haben, mit gutem Gewissen den Rat geben, nach Russland zu gehen, und versichert zu seyn, dass sie es dancken werden.“

*Diese 5 Dörfer scheinen gewesen zu sein: Anton (angelegt am Sept 1764). N-Dobrinka (20. Juni 1764). Galka (19. August 1764) Schilling und Beideck.
**Kost- und zehrungsfrei halten.

Jeder Kolonist hatte das Recht, bei seiner Einwanderung nach Russland Waaren bis zu 300 Rbl. an Wert zollfrei mit über die Grenze in seine neue Heimat zu nehmen. Diesen Umstand benutzten einige ausländische Geschäftsleute und schmuggelten auf den Namen einzelner Kolonisten Waren zollfrei über die russische Grenze, oder sie schickten einen Begleitmann mit, der sich als Kolonist bei den russischen Werbungskommissaren gemeldet halte; kleinere Geschäftemacher worden wohl auch selber mit ihren Waren unter dem Schein eines Kolonisten herein gekommen sein. In Russland verkauften sie ihre zollfreien Waren und kehrten alsdann wieder mit gutem Gewinn zurück. Die russische Regierung lässt nun in dem letzten Abschnitt eines Flugblattes sowohl die Kolonisten als auch die eigentlichen Besitzer der Waren vor solchem Unterschleif warnen, und um den ausländischen Spekulanten alle Lust zu weiteren derartigen Unternehmungen gründlich zu verderben, so bestimmt sie: wenn ein Kolonist mit fremden Waren herein nach Russland käme und bereuete und bekennete denselben, so sollen ihm die Waren als Eigentum zu fallen, der ausländische Spekulant aber solle derselben verlustig gehen und seiner Klage weiter auch gar kein Gehör mehr vor den Gerichten geschenkt werden.
Beachtet man, dass aus Petersburg 1765 gerade damit gelockt wird, das verschiedene Kolonisten in Russland in einem Jahr so viel gewonnen, dass sie nicht nur schon allen den Kolonisten gegebenen Geldvorschuss bezahlt, sondern auch noch einige hundert Rubel baar gehabt, so verstehen wir nun, was das für Kolonisten gewesen und auf welche Weise sie so schnell zu Geld gekommen waren. Auch die russischen Kommissare wussten das sicherlich nur zu gut. Aber dennoch lockten sie damit, wie ja überhaupt das ganze Flugblatt aus Russland ein wahres Schlaraffenland macht, sie betrogen die Menschen, da sie für jeden angeworbenen Kolonisten ein bestimmtes Kopfgeld bekamen, und so konnte es nicht fehlen, dass viele Elemente mit hereinkamen, die am besten draussen geblieben wären, Betrogene, durch die die russische Regierung sich später ebenfalls in ihren Erwartungen betrogen sah.
Zahlreich meldeten sich die Kolonisten und es konnten in den Jahren 1764 – 67 von der russischen Krone im Wolgagebiet (Berg- und Wiesenseite), welches damals zum Astrachanischen Gouvernement zählte, zirka 102 Deutsche Kolonien mit rund 800 Familien und nahezu 25000 Seelen angesiedelt werden.
Diese Siedlung verursachte der Regierung einen Kostenaufwand von 5199 813 Rubel, wovon auf jede lebende Seele 250 Rubel Kornschuld zu zahlen kam. Auf der Bergseite entstanden 39 Mutterkolonieen, davon waren 13 katholisch und auf der Wiesenseite 63, wovon 21 katholisch.
Die Kolonisten stammten aus Holstein, Wesphalen, Hessen. Pfalz, Baden, Württemberg, Tyrol, Bayern, Sachsen, Schlesien, Ostpreussen. Holland, Schweiz und Elsass. Die Ansiedlung geschah ohne Rücksicht auf ihr Heimatland, vielmehr wurden sie nach eigenem Ermessen des „Kontors“ angesiedelt. Nur die Katholiken machten in dieser Regel eine strenge Ausnahme: ihnen wurden sämmtlich abgesonderte Niederlassungen angewiesen. So entstanden auf der Bergseite 13 katholische Dörfer; mit Ausnahme von Kamenka und Semenowka wurden die Dörfer nach ihrem ersten Vorsteher: Goebel, Schuck, Leichtling, Kühler, Pfeifer, Hildmann, Vollmer, Husaren, Seewald, Rothhammel und Depoll benannt.
Die Kolonie Semenowka wurde am 24. Juli 1767 gegründet; jede Familie als solche, unbeschadet der Kopfzahl, erhielt 30 Dessätin*) Land und einen „Vorschuss“ von 15 Rubel, 2 Pferde, Gang, Räder, 2 Achsen, das Gabeldeichselband, Bogen, 1 Paar Sielen, 18 Faden Strick, 1 Schüppe, 1 Sense, 1 Pflugschar, 1 Sech. Hiervon machten einige Wohlhabendere, welche „Nichts“ erhielten, eine Ausnahme; es waren im Ganzen 46 Hauswirte und 144 Seelen.

*) = 109 1/4 Ar

Ueppiges Grün, Flüsse, Teiche, Sträucher, Laub- und Nadelwälder waren mit dem jungfräulichen Boden die Zierde und der Reichtum der zukünftigen Gemeinde. Aber auch an wilden Tieren, Horden und Räubern fehlte es nicht. Hasen, Füchse, Wölfe, Eber und Bären trieben ihr Wesen.
Die Regierung hatte für die Ansiedler, für jede Familie ein Häuslein errichten lassen, zwar äusserst bescheiden, aus Holz, mit Brettern gedeckt, darin Türe, ein Fenster und ein Russenofen: die ganze Breite betrug 3, die Höhe 1, die Länge 5 Faden (= 6:2:10 Meter circa!)
Noch heute erklingt manchmal das Lied der ersten Ansiedler:

Mit frohem Mut, doch leerer Hand,
Betreten wir das Russenland;
Ein Häuslein dient zum Unterschlupp,
Worin man backt und kocht die Supp. Ackerbau und Landkultur Lag in der Sache der Natur.
Die Wirte in dem neuen Heim Bildeten sich den Liederreim:
Gott im Himmel droben Wollen wir stets loben! —

Von dem gesamten Flächenraum der Kolonie (cca. 3900 Dessätin) waren nur etwa 330 Dessätin nutzbar, sodass kaum 6 Dessätin brauchbares Land auf jeden Hauswirt entfielen. Im Jahre 1786 wurde dieser Not durch einen Zuschnitt von 5400 Dessätin abgeholfen.
Die Namen und Herkunftsorte der 46 ersten Ansiedler sind auf nachstehender Liste angegeben. Da die russischen Beamten nur nach dem Gehör die Eintragungen machten, sind die unglaublichsten Wörter entstanden und es bedarf einer Menge Scharfsinns daraus die deutschen Dorfnamen wieder zu erkennen. Versuchsweise haben wir mutmassliche, passende Orte dazu gesetzt. Die eingeklammerte Zahl bedeutet die Kopfzahl der Familie.
Die Bewirtschaftung ging anfänglich sehr schwer und litt durch den Aufstand Pugatschofs (1773—1774). Bald folgten neue Einfälle von Seiten Kusolka’s und Pereschipnoe’s (1797— 98), doch gelang es dem Obervorsteher Christof Kühne in zweimaliger Audienz beim Hofe 1812 und 1824 den Bestand der Kolonie sicherzustellen.
Im Jahre 1871 besass die Gemeinde 13700 Dessätinen Land, 720 Dessätinen Wald, 780 Höfe mit 5860 Seelen. Eine Kirche (60000 Rubel) Volksschule (5000 Rubel) und Wasserleitung (25000 Rubel).
Laut Ukas vom 9. November 1906 wurde das Gemeindeland als Einzelbesitz auf immer bestätigt.
Ihre deutsche Sprache, Sitte und Art haben die Kolonisten bewahrt. So erscheint z. B. auch zweimal wöchentlich in Saratow eine „Deutsche Volkszeitung“, welche es sich angelegen sein lässt, die Familientraditionen der nun schon fast 150 Jahre angesessenen deutschen Ansiedler zu pflegen und deren familiengeschichtliches Material zu sammeln.

(Anmerkung: Scrollbalken am Ende der Tabelle)

Nach dem Russischen:Mutmasslich:
LandOrtLandOrt
1Mihm, Joachim (4)alt 36 JahreSchultifollDorfAltehausenFuldaAlthausen
2Rötling, Valentin (2)31Tiful ProbstangelStenzel
3Schalitz, Anton (2)31 TidiheimTigenheim
4Irle, Christof (6)36StafuldaStadtAmmolbuigFuldaHammelburg
5Röberlein, Heh. (4)52WützburgDorfWesniWürzburg
6Roth, Johannes (3)32StolbergStadBrusaStolberg
7Röberlein, Joh. (3)45SwezelburgischDorfWeistedSchwarzburg
8Rupp, Nicolaus (2)25PasenheimKreuzbergBassenheimKreuzberg
9Tihl, Joh. (4)38lvurmenzUpschKurmainz
10Ell, Joh. Eberh. (2)29FuldschiginKamerzalFuldaKammerzell
11Schlert, Peter (3)21SchwarzburgArbachSchwarzburgUrbach
12Schmalz, Josef (3)44ZesarienKapelOesterreichKapell
13Ellang, Balth. (3)34KurmenzLangenbretzKurzmainzLangenprozelten
14Rebart, Lorenz (4)45
15Rubrecht, Tobias (2)66MerwWeschwasser??
16Wanstenderer, W. (4)50KölnAdanoKölnAdenau
17König, Jacob (2)23KurmenzMichelbachKurmainzMichelbach
18Bensack, Joh. (3)27
19Siebert, Joh. (3)25SpifulschinUsenfeldFuldaHosenfeld ?
20Krau, Paul (3)27WüzenburgIrbachWürttemberg
21Gobert, Joh. (4)37MenzerkuLangabrozeljaKurniainzLangenprozelten
22Ritt, Joh. (6)40TrawünawhanaBartGrafsch. Hanau
23Flanz, Michael (3)28LuchsenburgSümerLuxemburg
24Renndorf, M. Wwe. (1)38KumenzEselbachKurmainzEsselbach
25Jerkop, Balth. (4)39StafoldüschinRobsteisalFulda
26Frank, Joh. Adam (2)23DaamstadtRudiseimDarmstadt
27Konrad, Jacob (4)38DarloschinBecherbachDurlachWöschbach
28Schwab, Mathias (3)24KurmenzarEschtädtKurmainz
29Breitinger, Peter (4)28ErbachSchinbachErbachSchönberg
30Schwab, Caspar (2)18KurmensterlandEschtädtKurmainz
31Elhart, Math. (2)28SchtjafuldischinaStadtSammstcrnFuldaSalmünster
32Frisch, Johann (3)36LuchsenburgDorfIschenLuxemburg
33Reis, Joh. Heh. (2)60SchtifuldischenBrunzweltFuldaBronzell
34Schwab, Bernh. Ww. (2)21SchtaluldischenStadtEis
35Baier, PhilippWwe. (5)45KurmeschtaDorfFröschhausenKurmainzFroschhausen
36Kloster, Joh. Adam (7)44OtowalschinZeulertOdenwaldZeilhard
37Rousch, Valentin (2)38FultauschenTedoFulda
38Siebert, Nicolaus (2)30GanauschenStadtAnoHanuuHanau
39Apfel, Johann (5)24DorfPidarBieber
40Neuhard, Joh. (2)24FultauschenSchmulnoFuldaSchmalnau
41Oberst, Joh. (1)29WürzburgKoponwünWürzburg
42Schaab, Elis. Wwe. (3)36MitgenfeldMitgenfeld
43Grein, Joh. Conr. (5)44DarmstadtLankDarmstadtLangen
44Fosbusche. Ign. Ww. (1)60??
45Matelheim, Georg (1)37KurmenzBariKurmainz
46Borger, Hermann (5)38WürzburgSentelbachWürzburg

1 Frankfurter Blätter für Familien-Geschichte : süddeutsche genealogische Monatshefte / hrsg. von Karl Kiefer. Frankfurt, M. : Englert & Schlosser, 1908 – 1914, Jahrgang 2, August 1909, Heft 8, Von den Deutschen Kolonien an der Wolga p.113-116

Hessen

„Bin ich der einzige Vogel, der seine Heimat nicht finden kann?“* Eine lange Suche nach den Wurzeln….


Vor der Auswanderung aus Hessen


Karte Großherzogtum Hessen – 11. Giessen 1

Wir schreiben das Jahr 1745, als auf dem Hof- und Mühlgut Mühlsachsen, etwa 1 km südlich von Nieder-Bessingen, direkt am Südufer der Wetter und dem Nordrand eines kleinen, bewaldeten Hügels,  am 1. Juli ein Söhnlein das Licht der Welt erblickt, welches seine Eltern ebenda am 4. Juli taufen ließen.

Dieses Kind: Johann Henrich Vogel, wird der Ausgangspunkt unserer Geschichte sein.

KB Münster 1745


Mühlsachsen gehörte zu diesem Zeitpunkt zur fürstlichen Standesherrschaft Solms-Lich und dem Fürsten Solms-Lich privat. Auf dem Hofgut befanden sich seit dem Mittelalter verschiedene Wirtschaftsgebäude, eine Mahlmühle mit Mahlzwang, später auch eine Ölmühle, umgeben von 158 Morgen Ackerland, sowie 69 Morgen Wiesen und Gärten. Das Gut wurde an einen Hofmann verpachtet, Johann Conrad Vogel, Vater des Johann Henrich. Der Pate des Kindes, Johann Henrich Stephan, war der Müller der Mühle. Nach dem Tod des Johann Conrad Vogel im Jahre 1750 übernahm Andreas Stephan dessen Pacht.


Hessen hatte bis zur Geburt Johann Henrich´s bereits schwere Lasten tragen müssen, ein Krieg folgte dem anderen.

Ausgelöst wurde dieser 80 Jahre dauernde Konflikt durch das Testament des letzten gesamt-hessischen Landgrafen Philipp I. im Jahre 1567. Unter seinen vier Söhnen wurde das Land aufgeteilt:

  1. Der älteste Sohn, Wilhelm, erhielt etwa die Hälfte des väterlichen Besitzes: das Niederfürstentum im Norden Hessens (Hessen-Kassel) mit der Stadt Kassel.
  2. Der zweitälteste Sohn, Ludwig, erhielt ein Viertel des väterlichen Besitzes, Oberhessen in der Mitte Hessens ( Hessen-Marburg), mit der Stadt Marburg und der Festung Gießen.
  3. Der drittälteste Sohn, Philipp (der Jüngere), erhielt etwas mehr als ein Achtel des väterlichen Erbes, die Niedergrafschaft Katzenelnbogen im Westen Hessens (Hessen-Rheinfels) mit Rheinfels und Katzenelnbogen.
  4. Der jüngste Sohn, Georg, erhielt den Rest, etwas weniger als ein Achtel, nämlich die Obergrafschaft Katzenelnbogen im Süden Hessens (Hessen-Darmstadt) mit der Stadt Darmstadt.

Leider starb Ludwig bereits 1604 kinderlos und verfügte, dass Hessen-Marburg zu gleichen Teilen zwischen den Söhnen seiner zuvor verstorbenen Brüder Wilhelm und Georg aufgeteilt wird. Bedingung des Erbes war, dass der lutherische Glaube einheitlich in ganz Hessen-Marburg erhalten bliebe. Hessen-Kassel war jedoch nach 1592 dem calvinistischen Glauben gefolgt, so erlosch der testamentarische Anspruch auf den Anteil des Onkels. Gerichtsurteile wurden nicht anerkannt, militärische Aktionen waren jedoch mangels eigener Stärke noch nicht nicht möglich, was sich mit dem beginnenden Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ändern sollte und die Bewohner in eine kriegerische Dauerfehde verstrickte.

Die Hessen litten nun sowohl unter ihrem jeweiligen Landesherren, also auch unter den durchziehenden Truppen, mal mehr, mal weniger stark wurde geplündert, gebrandschatzt und gemordet. Die eigenen Landesherren brauchten zudem neben Steuern vor allem Soldaten, Unterkünfte und Verpflegung, dazu kamen Seuchen, Ernteausfälle und Hungersnöte.

Das Amtsprotokoll der Stadt Hungen berichtete am 27. Oktober 1621, dass

80 Pferde unter Rittmeister Oppermont und 80 Musketiere von Kaptain Esch Compagnie zu Friedberg-Hungen vorbei nach Bessingen gezogen sind, um das Dorf in Grund zu plündern und große Beuten zu machen. Es wurde alles zertrümmert, zerschlagen, die Kirche aufgebrochen und alles zerrissen.

Dorfchronik Nieder-Bessingen 19792

Dauerhaft beigelegt wurde der Erbkrieg im April 1648 im Rahmen von Verhandlungen, die parallel zum Westfälischen Friedenskongresses unter Vermittlung von Herzog Ernst von Sachsen-Gotha geführt wurden und noch vor dem Westfälischen Friedensvertrag in einem Einigungs- und Friedensvertrag besiegelt wurden.

Oberhessen wurde aufgeteilt. Darmstadt musste dabei zugunsten von Kassel auf einen beträchtlichen Teil Oberhessens mit Marburg und weiteren besetzten Gebiete verzichten. Die Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit der Festung Rheinfels fiel an die hessen-kasselische Sekundogenitur Hessen-Rheinfels-Rotenburg.

In den folgenden Jahrzehnten gab es einige kleinere örtliche Grenzverschiebungen, so dass im Jahre 1744 Hessen politisch so aussah:

Le Flambeau de la Guerre Allumee au Rhin, Pieter Schenk, 1744 3


Was machte den Hessen das Leben noch schwer?

Leibeigenschaft

Viele Hessen waren Leibeigene, sie durften ihre Dörfer nur mit Erlaubnis verlassen, die Leibeigenschaft endete in Hessen rechtskräftig 1813. Hohe Lasten, wie Fron-, Hand- und Spanndienste, so dass man kaum Zeit fand für seinen eigenen Unterhalt zu sorgen.

Ein Johann Ludwig Vogel aus Sembd beantragte die Entlassung aus der Leibeigenschaft 1771.

Darmstadt, Aufnahmen von Bürgern und Beisassen 1716-1822 S-V (ST12-11-Nr117-123)

Wetterunbilden, die für Missernten sorgten:

Le lagon gelé en 1708, von Gabriele Bella: Die gefrorene Lagune in Venedig im Winter 1708 6

Bereits die Winter 1683/1684 und 1694/1695 waren extrem kalt und hatten die darauf folgenden Ernten beeinflusst, doch der Winter 1708/1709 war so eisig, selbst Länder mit in der Regel milden Wintern wie Portugal oder Italien waren betroffen, die Lagune von Venedig war gefroren, ebenso der Gardasee und auch Teile des Bodensees. Der Winter gilt als der kälteste der letzten 500 Jahre und ging als „Zeit der Wölfe“ in die Analen ein. Diese kamen vor Hunger in ganz Europa die Dörfer und trieben dort ihr Unwesen. Die Folge dieser Wetterextreme waren Missernten, Teuerungen und Hungersnot in weiten Teilen Europas, die Menschen starben zu hunderttausenden. Ein weiteres Mal trat ein solches extremes Wettergeschehen im Winter 1739/1740 auf, zudem gab es in diesen Wintern Tauwetterperioden mit Überschwemmungen, die anschließend gefroren. 4

Natürlich geb es weitere Wetterphänomene, Überflutungen, Dürren, in der Zeit vom 05.12.1703 bis 13.12.1703 tobte ein gewaltiger Sturm über Europa, er wies Windgeschwindigkeiten von mehr als 260 km/h auf und forderte ebenfalls tausende Opfer.5

Die so gebeutelte Bevölkerung suchte einen Sündenbock und Verantwortlichen für all die Katastrophen, was die bis dahin eher geringe Hexenverfolgung antrieb und einige Menschen in Verruf brachte.

Die letzte Hinrichtung wurde in Gambach (Grafschaft Solms-Braunfels) nach einer Anklage wegen Brandstiftung und Zauberei 1718 vollzogen.7 Der letzte Prozess – mit unbekanntem Ausgang – fand in dem zum Kurfürstentum Mainz gehörenden Nieder-Mörlen 1739.8

Räuberbanden

Als würde das nicht reichen, trieb sich seit 1718 eine Räuberbande in der Wetterau herum, die im Januar und Februar 1725 endlich dingfest gemacht werden konnte. Am 14. und 15. November 1725 waren die Hinrichtungen, der Anführer Johannes la Fortune „Hemperla“ wurde gerädert, 9 gehängt, 11, darunter 8 Frauen, denen man die Kinder weggenommen hatte, wurden enthauptet.

Hessische Chronik, Johann August Koch, Marburg 1855, p. 105


Auswanderung


In die Zeit von 1722-1726 fällt der erste große Schwabenzug – auch karolinischer Schwabenzug genannt. Der Kameralbeamte Franz Albert von Craußen war mit der Anwerbung von Siedlern für die Kolonisation im Banat beauftragt und bemühte sich persönlich um die Freilassung von Auswanderungswilligen in den Reichs-Kanzleien von Trier, Mainz, Darmstadt, Speyer und Fulda. Sein Werbebüro im Worms führte die Verhandlungen mit Behörden, er war bei der Passerteilungen behilflich und teilte auch Transporte ein.

Diese Werbung war so erfolgreich, dass man in Hessen-Kassel beispielsweise 1723 nicht nur ein Auswanderungsverbot erließ, sondern nach den heimlichen Auswanderern wie nach Verbrechern fahndete. Es wurden Steckbriefe verbreitet und um Ergreifung und Auslieferung ersucht, wer gefasst wurde, wurde zur Zwangsarbeit verurteilt. An den Sammelplätzen hatte man „Agenten“ untergebracht, die herausfinden sollten, wer sich heimlich davon machen wollte und sie dann den Behörden meldete. Das Auswanderungsverbot wurde 1725 erneuert. Ab 1736/1737 wurden Deserteure mit „Sippenhaft“ gestraft, man konfiszierte das Vermögen der Familie. Wer einen Deserteur unter brachte oder durchziehen ließ, musste eine Strafe zahlen, das Dorf einen Ersatz für einen neuen Rekruten leisten. 1748 gab es ein erneutes Auswanderungsverbot, als weitere Auswanderer nach Ungarn zogen. 1753 wurden Werber für Nordamerika verboten, 1765 und 1767 für Russland.

Den Handwerksburschen riet man, die Walz in heimischen Landen durchzuführen, jedoch hatten sie es nach wie vor am einfachsten, nicht von ihren Wanderungen in die Heimat zurück zu kehren, im Gegensatz zu jenen, die vor Ort erst verkaufen mussten, was heimlich kaum möglich war.

In Hessen-Kassel war das Fortgehen von zu Hause jedoch durch Zwang der Obrigkeit zur Normalität geworden, die Gesindeordnung von 1736  verpflichtete die Eltern zum Verdingen ihrer Kinder auswärts, wenn sie nicht nachweislich zu Hause im elterlichen Betrieb gebraucht wurden, Heimarbeit von Frauen wurde als Alternative zum Eingehen eines Dienstverhältnisses beim Bauern gestattet. Zumeist wurde Wolle gesponnen, gewebt oder Flachs angebaut und verarbeitet. Die Abwerbung innerhalb Hessen-Kassels, vor allem aber ins Ausland, wurde 1765 bei Zuchthausstrafe untersagt.

Gesinde-Ordnung 11

Um den Durchzug nicht hessischer Kolonisten zu verhindern, wurden die Beamten mit Strafzahlungen belegt und Fuhrwerksbesitzern 1767 Strafen auferlegt, sollten sie Russlandauswanderer fahren.

Letztlich wurde durch die Mehrheit der deutschen Fürsten beim Kaiser 1768 ein allgemeines Auswanderungsverbot aus dem Deutschen Reich erwirkt, um ein Ausbluten der Bevölkerung zu verhindern, da es an Untertanen mangle.

Die fürstlich-ysenburgische Verwaltung in Büdingen sah das jedoch anders. Den Vorwurf, 30 Hessen-Hanauer würden heimlich auswandern, beantworteten sie mit der Feststellung:

1. der russische Gesandte am Reichstag zu Regensburg von Simolin sei beim gesamten Reich accreditiert, dessen Tatigkeit daher legitim, und einer von ihm autorisierten Person (Facius) konne daher der Aufenthalt nicht versagt werden. 2. habe Facius keinen Platz zum Anwerben der Auswanderungswilligen gesucht – dies sei schon zuvor geschehen -, sondern einen Sammelplatz für den Abtransport. 3. habe man angenommen, die Russlandauswanderer hatten formell um ihre Entlassung aus dem Untertanenverband bei ihrer jeweiligen Obrigkeit nachgesucht, und sei sich schliesslich 4. eines Verstosses gegen die Reichsconstitution nicht bewusst.

Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Bd. 91-92, Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde Druckerei Neumeister, 1986, p.729

Da nur Ehepaare das Tagegeld für die Reise und in Russland ein Stück Land sowie die nötigen Materialien und Ausrüstungen erhielten, gaben sich viele der Auswanderwilligen das Ja-Wort. Manche, die zuvor keine Heiratsbewilligung erhielten, da sie kein Auskommen für eine Familie gehabt hätten, andere, die sich unterwegs trafen und beschlossen, diesen Schritt einfach zu gehen, ohne sich länger zu kennen.

KB Schlitz 1766

Entsprechend finden sich die Vermerke der Pfarrer in den Kirchenbüchern. Die bekannteste Massenhochzeit der Russlandkolonisten fand in Büdingen statt. 375 Paare wurden „auf Verlangen des Russisch Kayserl. Commissariats copulirt„. 10

KB Büdingen 1766

Unter diesen Trauungen findet sich am 16. März 1766 auch Johannes Vogel, der Bruder des Johann Henrich Vogel aus Mühlsachsen. Er wurde am 6. Januar 1740 in Mühlsachsen getauft. Seine Frau Anna Martha Kratzin stammte aus Ober-Bessingen, wurde dort am 8. Januar 1737 getauft.

KB Büdingen 1766

Aus ganz Hessen und anderen Regionen trafen immer mehr Menschen ein, die Büdinger Händler machten einige gute Geschäfte mit ihnen, ehe sie sich in Trecks von jeweils etwa 500 Menschen nach Lübeck aufmachten. Dort wurden sie verschifft nach Oranienbaum bei Petersburg, um hier den Treueeid auf die russische Krone abzulegen und anschließend auf dem Landweg oder per Schiff weiter zu reisen, in ihre neue Heimat rund um Saratow an der Wolga. Dafür waren sie viele Monate, teilweise ein Jahr unterwegs.

Zunächst musste jedoch vom Sammelplatz Büdingen aus der Weg nach Lübeck angetreten werden. Der Landweg benötigte Begleiter der Trecks, viele teure Fuhrwerke und barg die Gefahr, dass man durch die Behörden aufgegriffen und zurück geschickt wurde. Ein Fuhrwerk schafft höchstens 25 km am Tag, die Reise dauerte daher mindestens 5 Wochen.

Unterwegs gab es immer wieder Hochzeiten, so kann man in den Kirchenbüchern der Durchzugsorte weitere Auswanderer finden:

KB Wöhrd 1766

Schneller kam man auf dem Wasserweg voran, jedoch mussten auch hier weite Teile Hessens umrundet werden, so schiffte man ab Worms den Rhein hinauf und verließ Richtung Hannover die Gegend, um sich nach Lübeck auf zumachen.

Lübeck, eher sonst eher beschaulich, wurde seit 1765 von tausenden
Menschen belagert, die auf ihre Einschiffung warteten. Pro Schiff konnte man 280 Passagiere befördern, die Überfahrt dauerte bei günstigen Verhältnissen 9-11 Tage, aber es konnte bei Flaute auch Wochen dauern..

Mühlentor-Kurtinentor in Lübeck 1779 12

Der  Lübecker Jurist Gabriel Christian Lemke organisierte seit dem 30. Mai 1766 für die russischen Regierung die Abfahrt der Kolonisten. Zunächst brachte man  die etwas wohlhabenderen in einem der Bürgerhäuser, die anderen in Baracken in der Nähe des Hafens unter. Hier musste auf die Abfahrt gewartet werden, die Gebäude wurden streng bewacht, um Fluchtversuche zu unterbinden.

Während der Wartezeit erhielten die Männer acht, Frauen fünf, Kinder drei und Kleinkinder einen Schilling Tagegeld pro Tag, zudem wurden Nahrungsmittel ausgegeben.

„6.

Acht Schilling alle Tage
Bekam ich zu verzehren
Könnt gehen wo ich wollt
Hat mich an nichts zu kehren
So lebt ich 14 Tag
Ganz ruhig im Quartier
Allein da gings zu Schiff
Ein sehr betrübt Plamir.

7.

Da ward ein jeder Mann
Mit Brofiant versehen
Und so nach Petersburg
Ins Schiff hinein zu gehen
Allein condrerer Wind
Macht uns die Reise schwer
Das Brofiant ging auf
Die Taschen wurden leer.

8.

Sechs Wochen mußten wir
Die Wasserfahrt ausstehen
Angst, Elend, Hungersnoth
Täglich vor Augen sehen
Also daß wir zuletzt
Salz-Wasser, schimmlich Brod
Zur Lebens unterhalt
Erhielten kaum zur Noth.“

Bernhard Ludwig von Platen  „Reise-Beschreibungen der Kolonisten wie auch Lebensart der Rußen“, 1766/176713

Über den Wanderweg ab Lübeck wird hier berichtet: Ansiedlung an der Wolga

Von Johannes Vogel und Johann Henrich Vogel ist bekannt, das sie
in der Kolonie Dobrinka am 20. Juni 1767 registriert wurden, 15 Monate, nachdem Johannes in Büdingen getraut wurde.



* O-Ton A. Vogel während der Suche nach seinen Vorfahren

1 Karte von dem Großherzogthume Hessen : in das trigonometrische Netz der allgemeinen Landesvermessung aufgenommen von dem Grossherzoglich Hessischen Generalquartiermeisterstabe, Darmstadt 1823-1850 (Übersichtskarte mit handschriftlichen Ergänzungen), Blatt 11: Giessen [1 : 50000], Ludwig Lyncker

2 Nieder-Bessingen

3 Le Flambeau de la Guerre Allumee au Rhin, Pieter Schenk, 1744 , Moravská zemskánihovna v Brně

4 Klimaarchiv „als Europa fror“

5 Klimaarchiv „der grosse Sturm“

6 Le lagon gelé en 1708, von Gabriele Bella: Die gefrorene Lagune in Venedig im Winter 1708, wikimedia, gemeinfrei

7  Katharina Ratz „Ratzkatrein“, wurde zusammen mit Katharina Schöffer und Anna Regina Scheidt auf dem Galgenberg bei Griedel öffentlich verbrannt. Voraus gegangen waren mehrere Feuersbrünste (1703, 1715 und 1717), bei denen das Dorf Gambach jeweils erheblichen Schaden nahm (1703 = 81 % der Wohnhäuser abgebrannt) und die mit der Katharina Ratz in Verbindung gebracht wurden.  Sabine und Hagen Vetter, Heimatbuch Gambach, 1983/1984

8 Verhör des elfjährigen Josef Simmerock, der von Reisen seiner Stiefmutter durch die Luft berichtete; Dr. Joachim Hönack,  Vorsitzender des Nieder-Mörler Geschichtsvereins, 1997

9 Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Bd. 91-92, Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde Druckerei Neumeister, 1986, p.72

10  Decker, Klaus-Peter, Büdingen als Sammelplatz der Auswanderung an die Wolga 1766, Büdingen 2009, p.61

11 Gesinde-Ordnung, So Der Aller-Durchläuchtigste, Großmächtigste Fürst und Herr, Herr Friedrich, Von Gottes Gnaden der Schweden, Gothen und Wenden König, [et]c. [et]c. [et]c. Landgraff zu Hessen, Fürst zu Herßfeld, Graff zu Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhayn, Nidda und Schaumburg, [et]c. [et]c. Im Jahr M DCC XXXVI. publiciren lassen; Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

12 Mühlentor-Kurtinentor in Lübeck, Rainer Andresen: Lübeck – Geschichte, Kirchen, Befestigungen. Verlag Neue Rundschau, 1988. Wikimedia, gemeinfrei

13 Bernhard Ludwig von Platen  „Reise-Beschreibungen der Kolonisten wie auch Lebensart der Rußen“, 1766/1767

Jagodnaja Poljana (V)

Jagodnaja-Poljana, den 8 ./21. August 19o9.

Gespräch zwischen zwei guten Nachbarn und Gevattersleuten über eine schreckliche Begebenheit mit einem Wolfe, welche sich hier und in der Umgegend am 2. und 3. Juli a. c. in Wirklichkeit zugetragen. Beider Zwiegespräch wird mit A. und K. bezeichnet; damit man sich von der hiesigen Umgangs- und Volkssprache einigermaßen eine kleine Verteilung machen kann, will ich versuchen, so gut ich es vermag, sie im Volksdialekt der Hiesigen darzustellen, was aber nichts leichtes ist, da manche Worte, Ausdrücke und Sätze sehr schwer wiederzugeben sind. Da die dortige Umgangssprache der Schottener fast gleichkommt, werden sie unsere Leser sofort verstehen. Eigentümlich ist es, dass sich dieser Dialekt unverfälscht fast zwei Jahrhunderte erhalten hat.

A. G’morga, G’vottermann!A. Guten Morgen, Gevattermann!
K. Schenn‘ Dank, G’votterman!K. Schönen Dank, Gevattermann!
A. Host d‘ aach schund was Naues g’hiert?A. Hast du auch schon was Neues gehört?
K. Bis alleweil waas aich noch nix Naues.K. Bis alleweil weiß ich noch nichts Neues.
A. Haut‘ d‘ Morga, ön aller Froi genga etliche Waiwer ön Marrichen – u’g’föhr sechs bis acht – ön’n Wald im Aeben z‘ blecka, ower Schwemm‘ (Grusdi) z’sucha. Dä’ntwega mancha aach Aamer metg’nomma harra.A. Heute, am Morgen, in aller Frühe gingen etliche Frauen (Weiber) und Mädchen, – ungefähr sechs bis acht – in den Wald um Erdbeeren zu pflücken oder Pilze zu suchen, weshalb (derentwegen) manche auch Eimer mitgenommen hatten.
K. G’vottermann! Dou wollt’st m‘r doch was Naues v’rzehla ön no‘ brengst Dou m’r do lauter Dinga für, däi alla Doog poormol fürkomma, wo blait dann ower Dai Nauigkeit? Aich sei sihr nauscherig, däi s’a hiir’n.K. Gevattermann, du wolltest mir doch was Neues erzählen, und nun bringst du mir da lauter Dinge vor, die alle Tage ein paarmal vorkommen; wo bleibt denn aber deine Neuigkeit? Ich bin sehr neugierig, diese zu hören
A. Wott‘ no a‘ mol noch ä Bessi, G’vottermann! Aich muß d’r doch erscht d’r O’fang v’rzehla, domet dou d’rnoch doch waaßt, wäi Alles zougeng, ön wos sich so fihr Größliches zoug’traat, wos näit bassiert ös, diweil Jagoda stiht.A. Warte nur einmal noch ein bisschen, Gevattermann! Ich muss dir zuerst den Anfang erzählen, damit du danach doch weißt, wie alles zuging, und was sich so sehr Grausliches zugetragen (hat), was nicht passiert ist, solange (die-weil) Jagoda (Jagodnaja) steht.
K. Nu mächst d‘ maich ower noch neuscheriger, als wäi aich fürher wor, drim mach m’r di Zeit näit zou lang ön komm baal o’s Ziel.K. Nun machst du mich aber noch neugieriger, als (wie) ich vorher war; drum mache mir die Zeit nicht zu lang und komme bald an’s Ziel.
A. Gleich, Gleich kimmts. Dou waaßt doch d’r Schmeergrowa u’g’fehr zwa bis drei Wöscht vo‘ d’r Kolonie. Sält hott sich wos obschoilich Grißliches mer’m fofzehajehrige Maadche zoug’traat!A. Gleich, gleich kommt’s. Du kennst doch den Schmeergraben, ungefähr zwei bis drei Werst (Werst = 1 km) von der Kolonie. Dort hat sich etwas abscheulich Grausliches mit einem fünfzehnjährigen Mädchen zugetragen.
K. Ei, so saa’s doch gleich’a raus, wos’s ös met dem Maadcha; dann aich setza wäi uf haaßa Kohla!K. Ei, so sage es doch gleich heraus, was ist es mit dem Mädchen? Denn ich sitze wie auf heißen Kohlen!
A. Mir geng’s aach so wäi Dir, als m’r däi u’erhiiet G’schichta v’rzehlt wonn woor, weil so wos näit alla Doog bassiert, ower denk d’r aach d’r Schräcka der junge Weiwer ön Marrichen, däi wu d’bei worn ön den Grissil met zouseha mußta, ön näit recht hälfa konnta; ower ganz faul sei sa doch d’bei näit g’wäst.A. Mir ging’s auch so wie dir, als mir die unerhörte Geschichte erzählt worden ist, weil so was nicht alle Tage passiert, aber denke dir auch den Schrecken der jungen Frauen (Weiber) und Mädchen, die (wo) dabei waren und das Grässliche mit ansehen mussten und nicht recht helfen konnten; aber ganz untätig (faul) sind sie dabei doch nicht gewesen.
K. G’vottermann! Aich saa D’r, wann dou näit baal’ a’raus sähst wos’s aigentlich ös met dem Maadcha, dann mächst dou maich grindlich biis. Dou häst läwer Däi ganz G’schichta met allem, wos drim ön dro ös, für daich b’haale konna ön mir go‘ nix davo g’saat.K. Gevattermann! Ich sage dir, wenn du nicht bald heraussagst, was es eigentlich ist mit dem Mädchen, dann tust du mich gründlich böse machen. Du hättest lieber die ganze Geschichte mit allem, was drum und dran ist, für dich behalten können und mir gar nichts davon gesagt.
A. No, no, läwer G’vottermann! Hu nor noch a wink G’dold, ön wänn m’r zou gourerletzt näit noch biis; Dänn mit dir, mei läwer Gumm (Gumm russisch= G´vottermann) maan´ aich’s inner alla meina G’votterschleut ön Nochbern om Allerbesta, sost wör aich näit d’r öscht zou Dir g’komma, im Dir di grißlich G’schichta met dem Maadcha z‘ v’rzehla.A. Nein, nein, lieber Gevattermann, habe nur noch ein wenig Geduld, und werde mir zu guter Letzt nicht noch böse! Denn mit dir, mein lieber Gevattermann, meine ich’s unter allen meinen Gevatterleuten und Nachbarn am allerbesten, sonst wäre ich nicht zuerst zu dir gekommen, um dir die grässliche Geschichte mit dem Mädchen zu erzählen.
K. Mach nor dei‘ schricklich G’schichta met dem Maadcha zoum Enn, dann ös d’r alles v’rzöcha. Dou böst m’r dos mol ’n goor zou langweiliga V’rzehler; dänn dou hast vo O’fang bis jetzt nor imm’r vo ‘s rer schrecklicha, schauerlicha, grausama ön grißlicha G’schichta mer ’m ’a Maadcha v’erzählt, wäh’end aich doch met Schmätza ön grißter Neuscherigkeit watta ön watta, ön wos dann wirklich däi G’schicht b’stiht? Dorim birr ich daich, machs ko’tz ön saa‘s a´raus, sost stei aich uf ön gih´ ´a ´naus, weil aich´s näit mi‘ länger aushaala kann, ön Alles – außer m Lebgoitt – ‘n O’fang ön a Enn hott.K. Mache nur deine schreckliche Geschichte mit dem Mädchen zum Ende, dann ist dir alles verziehen. Du bist mir diesmal ein gar zu langweiliger Erzähler; denn du hast vom Anfang bis jetzt nur immer von so einer schrecklichen, schauerlichen, grausamen und grässlichen Geschichte mit einem Mädchen erzählt, während ich doch mit Schmerzen und größter Neugierigkeit warte und warte, in was denn wirklich die Geschichte besteht. Darum bitte ich dich, mach’s kurz und sag’s heraus, sonst stehe ich auf und gehe hinaus, weil ich’s nicht mehr länger aushalten kann, und alles außer dem lieben Gott einen Anfang und ein Ende hat.
A. Aich seha äwwa, daß Dou ganz aus ‘m Hoisi g’komma böst, wäiwuhl aich’s fihr gout met D’r g’maant, drim nix für u’gout, hat D’r die ganza G’schichta ausführlich v’rzehla wolla.A. Ich sehe eben, dass du ganz aus dem Häus’chen gekommen bist, wiewohl ich’s sehr gut mit dir gemeint (habe), darum nicht’s für ungut, hatte dir die ganze Geschichte ausführlich erzählen wollen.
K. Dou kimmst jo schund wirra ön dei aalt´ G’leier ´anönn, so komm´ doch endlich ´a mol zourr Sacha sälbst, ön faa met ko’tza Wotta, wos hott sich dann eigentlich met dem Maadcha zoug’traat? Aich roora ön roora däi ganza Zeit ön stella m’r allerlei Dinga für, also faa ’s ko’tz a´raus, ön dann ös aach die G’schichta aus, näit wohr? K. Du kommst ja schon wieder in dein altes Geleier hinein, nun komm doch endlich einmal zur Sache selbst, und sage mit kurzen Worten, was hat sich denn eigentlich mit dem Mädchen zugetragen? Ich rate und rate die ganze Zeit und stelle mir allerlei Dinge vor, also sage es kurz heraus, und dann ist auch die Geschichte aus, nicht wahr?
A. Könnt´st aach wirklich Räächt hu‘, was aich sälwer önseha. Wu woor ich dann g’blöwa? Do muß aich mich öscht b’sönna.A. Könntest auch wirklich recht haben, was ich selber einsehe. Wo war ich denn stehen geblieben? Da muss ich mich erst besinnen.
K. Doß die junga Weiwer ön Marrichen aach näit faul d’bei zoug’seha harra. No, ´raus domet! Wos worr dann da?K. Dass die jungen Weiber und Mädchen auch nicht faul (nicht untätig) dabei zugesehen hatten. Nun heraus damit! Was war denn da?
A. Räächt so! Däi woarn ön ‘n Waald g’ganga, im Ae’ben z’blecka, ower Schwemm (Grusdi) z’sucha, wos sa fönna dera, däsentwega harra sa´ daals Krugg´, ön daals Aamer metg’nomma.A. Recht so! Die waren in den Wald gegangen, um Erdbeeren zu pflücken, oder Pilze (Grusdi) zu suchen, was sie finden täten, deswegen hatten sie teils Krüge und teils Eimer mitgenommen.
K. Dou böst jo wirra zoum O´fang z’reckg’komma. Wann Dou so fo’t mächst, wäscht d’haut näit föttig wänn met derr G’schichta.K. Du bist ja wieder zum Anfang zurückgekommen. Wenn du so weitermachst, wirst du heute nicht fertig werden mit der (dieser) Geschichte.
A. Oendem däi Weiwer ön Marrichen o‘ ihr G’schäft gange, springt uf´ a´Mol ’n Wolf mötta inner sa‘ ön ‘rhascht a fofzehnjöhrig Maadcha, böß ‘m täf ön a´ Baa ön röß‘s zoum Aeärdburram, wehr’nd die Uewriga aus Leiweskräfta im Helf´ kröscha. Das Maadcha konnt für Schräcka kaan´ Laut vo‘ sich gäwwa. Viermol v’rsucht dos u’glecklich Maadcha, saich vom Erdburram zou ’rhewa owwer jedes Mol röß ‘s d’r Wollaf uf die Aera ön harr ‘m väil tät Bößwonna o´am ganza Körper beig’brocht; owwer‘s G’sicht woor grood z’rflaascht, so daß ‘s nor noch a’ma blourige Steck Flaasch glöch! Däi Weiwer ön Marrichen blöwa owwer doch kaa blußa Metzougucker; säi ihr’a Aamer ’rwescht ön soft Wääsa zoum Schmeißa, was sa‘ öm Aageblöck g’fonna geng’s uff’n Drach, wehr’nddemcha säi immer aus Leiweskräfta kröscha; owwer dos Mißg’burt hatt vo’dem b’dauerliche Maadcha näit lusg’lossa, ön wann näit dorch des G’resch noch ’n Mann zour Helf bei’gkomma wör, der den Wollaf ön die Flucht g’jaat hätt, so wör das u’glecklich Maadcha vo‘ dem Wollaf ufm Platz v’rrössa wo´nn´! Wonnerboor woor vo‘ dena üwrige Weiwer ön Marrichen ka‘ aa’s vo´dem Wollaf o‘ g’rihrt wonn. Nu hat d’s Aebenblecka ön Schwemmsucha a´ Enn, indemcha sie sich All´ met dem üwilzoug’richteta Maadcha zwu bis drei Wöscht vo´ d’r Kolonie ob uf´n Hammweg machta. D’r Aellärn Schräcka woor u’b’schreiblich beim O’blöck ihr (g´liebta) läwa, ältesta ön a’ziga Tochter, däi ön ihre allaweiliga Zoustand‘ ganz v’rstellt on‘ näit wirra zu ‘rkenna woor! Uff´ d’r Stell woor d’r Feldscher g’langt der die Wonna ausg’wäscha, v’rneht ön v’rbonna, ön da woor d’r Herr Pastor g’langt, im am d’s Heilige Noodmahl z’raacha ön baal d’nooch broocht m’rsch sich zom Doktr nach Asorka, siwwa Wöscht vo‘ häi, vo‘ wo ‘s weirer (noch 3-4 Doog) zou d’r Doktor ön Sartu g’bracht woor wonn, domet‘s gründlich g’haalt det wänn. Bei allem ‘a Rimhandtiern o‘ dem orama Maadcha hatt m’r vo‘ dem zoum V’rwonnern kaa’n Ach ön kaa‘ Wih bei all seine sihr groußa Schmätza g’hiert, ‘s woor immer d’bei stell!A. Indem die Weiber und Mädchen an ihr Geschäft gingen (an ihre Arbeit), springt auf einmal ein Wolf mitten unter sie und erhascht ein fünfzehnjähriges Mädchen, biss ihm tief in ein Bein und riss es zum Erdboden, während die übrigen aus Leibeskräften um Hilfe schrien. Das Mädchen konnte vor Schrecken keinen Laut von sich geben. Viermal versuchte das unglückliche Mädchen sich vom Erdboden sich erheben, aber jedes Mal riss es der Wolf auf die Erde und hatte ihm viele tiefe Bisswunden am ganzen Körper beigebracht; aber das Gesicht war ganz zerfleischt, so dass es nur noch einem blutigen Stück Fleisch glich! Die Weiber und Mädchen blieben aber doch keine bloßen Mitzuschauer; sie ihre Eimer erwischten und noch sonst Werkzeuge zum Schmeißen, was sie im Augenblick gefunden, ging’s auf den Drachen, während dem sie immer aus Leibeskräften schrien; aber das Missgeburt hat von dem bedauerlichen Mädchen nicht losgelassen, und wenn nicht durch das Geschrei noch ein Mann zu Hilfe gekommen wäre, der den Wolf in die Flucht gejagt hätte, so wäre das unglückliche Mädchen von dem Wolf auf dem Platz zerrissen worden. Wunderbar war von den übrigen Weibern und Mädchen keines von dem Wolf angerührt worden. – Nun hatte das Erdbeerenpflücken und Pilzesuchen ein Ende, indem sie sich alle mit dem übel zugerichteten Mädchen zwei bis drei Kilometer von dem Ort ab auf den Heimweg machten. Der Eltern Schrecken war unbeschreiblich beim Anblick ihrer lieben ältesten und einzigen Tochter, die in ihrem jetzigen (alleweiligen) Zustand ganz entstellt und nicht wieder zu erkennen war. Auf der Stelle wurde der Feldscher geholt, der die Wunde ausgewaschen, vernäht und verbunden hat, und dann wurde der Herr Pfarrer geholt, um ihm das heilige Abendmahl zu reichen, und bald danach brachte man es nach Asorka, sieben Kilometer von hier, von wo es weiter noch drei bis vier Tage zu den Doktoren (Ärzten) in Saratow gebracht worden ist, damit es gründlich geheilt würde. Bei allem Herumhantieren an dem armen Mädchen hatte man von dem zum Verwundern kein Ach und kein Weh bei all seinen sehr großen Schmerzen gehört, war immer stille dabei.
K. Danke D’r, mei läwer G’vottermann! Dos Mol host D‘ m’r sihr g’falla, weill D‘ m’r däi ganza schrecklicha B’gäwaheit ön am Zug gv’rzehlt host, ohna aach nor a’mol önz’haala. Dou host Räächt g’hott, däi B’gäwaheit is a‘ schrecklich G’schichta z nenna; dänn so was Grißliches hott m’r häi ön d’r Daat noch näit g’hiert, dieweil Jagoda stiht! Maich fröstilt’s alleweil noch ön all‘ meina Glirrer, als ob aich’s Fiewer hätt‘.K. Danke dir, mein lieber Gevattermann! Diesmal hast du mir sehr gefallen, weil du mir die ganze schreckliche Begebenheit in einem Zuge erzählt hast, ohne auch nur einmal einzuhalten. Du hast recht gehabt, diese Begebenheit eine schreckliche Geschichte zu nennen; denn so was Grässliches hat man hier in der Tat noch nicht gehört, dieweil (solange) Jagoda steht! Mich fröstelt es alleweil (eben) noch in all meinen Gliedern, als ob ich Fieber hätte.
A. Goitt, d’r Herr, b’hoira ön b’wohr’n jeden Menscha für so a’ma grausama u’glecklicha Schicksal! Etzt muß aich owwer aach gih, dänn für maich ös’s schund längst Zeit, weil alleweil di Aale aach öfter nierig sei bei mancher Aerwet, däi m’r noch v’rrichta kann, ön somet saa‘ ich für haut: Adjees!A. Gott, der Herr, behüte und bewahre einen jeden Menschen vor so einem unglücklichen grausamen Schicksal! Jetzt muss ich aber auch gehen, denn für mich ist es schon längst Zeit, weil alleweil die Alten noch öfter nötig sind für manche Arbeit, die man noch verrichten kann, und somit sage ich für heute Adieu!
K. Adjees! Mei Läwer! V’rgäß d’s Wirrakomma nor näit ön breng m’r baal wirra a läiblichera Nauigkeit wäi däi woor.K. Adjees, mein Lieber, vergiss das Wiederkommen nur nicht und bringe mir bald wieder eine lieblichere Neuigkeit, als diese war.
Schon am folgenden Tage, den 3 Juli vormittags kam der Nachbar und Gevatter A. wieder zu seinem Nachbar:
A. G‘ morga, G’votter K.!A. Guten Morgen, Gevatter K.!
K. G’morga, G’votter A.! Aich sehe D’rsch o, ohna z’freha, daß D‘ m’r wirra wichtiga Nauigkeira brengst, näit wohr?K. Guten Morgen, Gevatter A.! Ich sehe dir’s an, ohne zu fragen, dass du mir wieder wichtige Neuigkeiten bringst, nicht wahr?
A. Jo! Do host’s richtig getroffa; owwer aich möchte‘ Dich birra, maich wehr’nd meira V’rzehling näit so oft z‘ innerbrächa, wäi D‘ gäst‘ g’tu, sost v’rliert m’r sihr leicht d’r Forram ön wädd irr. Dou mußt ewwa Gedold met m’r hu‘ ön m’r mein freia Laaf lossa, bis zoum Enn‘ dann solst D‘ seha, doß aich met meira V’rzehling vail schnäller zum Enn komma, weil aich haut aach näit so väil Zeit hu, wäi gäst‘.A. Ja, du hast’s richtig getroffen; aber ich möchte dich bitten, mich während meiner Erzählung (Vrzehling) nicht so oft zu unterbrechen, wie du gestern getan, sonst verliert man sehr leicht den Faden und wird irre. Du mußt eben Geduld mit mir haben und mir meinen freien Lauf lassen bis zum Ende, dann sollst du sehen, dass ich mit meiner Erzählung viel schneller zum Ende komme, weil ich heute auch nicht so viel Zeit habe wie gestern.
K. Aich v’rsprächa D’r, so väil wäi miglich, maich stell z’v’haala, wann Dou nor näit so grußa Imschweisa dn Weitlästigreira, u’niriga, mächst, wäi gäft. Eßt kannst D‘ gleich Die V’rzehling owwer Erläbnis vo‘ Jemand o’fanga.K. Ich verspreche dir, so viel wie möglich, mich still zu verhalten, wenn du nur nicht so große Umschweife und Weitläufigkeiten, unnötige, machst wie gestern. Jetzt kannst du gleich deine Erzählung oder Erlebnis von jemand anfangen.
A. Di‘ Morget genga ön aller Froi 6 lerriga Boscha ön’n Waald, im ihra om fürhergegangene Qwed uf di Waad g’broochte Goil z’langa. Weil owwer om Doog d’für dos schrecklich Eragnis met dem Wollaf ön dem u’glecklicha Maadcha sich zoug’traat, genga sa als zwie ön zwie ihra obbordiga Waaldwegilche, wehr’nd sost nor aner geng; doch dos Mol brauchta sa Fürsicht, weil der nämlicha, owwer aach ‘n annerer Wollaf aach ihna ufftußa konnt. Zour Sicherheit woorsch wirklich besser, daß däi Bouwa (Boscha) als zwie ön zwie genga ihr Goil z‘ sucha. Wehr’nd nu a vo‘ dere Partie b’stännig Imguck noch Ihra na Goil gehaala, woor plötzlich an’r vo dena vo‘ hönna ön a Baa‘ g’bössa, do druff harra sich schäll, wäi d’r Blitz, ‘rrimgedreht ön zou sei’m Schräcka ‘n Wollaf erbleckt; owwer doch worra v’rstennig g’bläwa, ön äwwa so schnäll harra den Wollaf beim Maul g’packt, ön ‘n recht fest immklammert, doß a näit beißa konnt‘, wehr’nd sein Kamerod öm selwa Agebleck dem Wollaf vo hönn auf’n Reck sprung ön ‘n bei de Uhr’n pakt. Uf däi Weis‘ konnt dä Woolaf nix macha, owwer aach däi zwi Bouwa konnta weirer nix tu‘; dänn sobaal säi ‘n lusg’lossa härra, wär’sch vielleicht noch schlämmer für sie wonn; owwer sie mochta spür’n, doß ihra Kräfta nochg’lossa, doher kröscha sa aus Leiweskräfta noch ihr ana Komerada im Helf. Noch ihrer V’robreding koma däisälwa aach baal ön schmössa met ihrana Zeem ön Goilsschlösser aus alla Kräfta so lang uff’n luus, bis sie ‘m d’r Goraus g’moocht härre. Om sälwige Doog woor aach ön Pobotschna ‘n Hirt vo ‘ma Wollaf zimmlich üwwll zougericht. Der tutg’schmössana Wollaf woar häiher für uuf‘ Kol’nieamt gebroocht, wo der, der dos häi schreibt, den Wollaf aach b’tracht hat. Für jeden tuura owwer läwiga, öngelieferta Wollaf b’kimmt m’r a B’luhning vo‘ d’r G’maa‘ ausb’zohlt. Do druff woor dä tuut‘ Wollaf zoum Dokter nooch Sooker g’foh’n wo’nn‘ im ‘n vo‘ dem innersucha g‘ lossa, ob a‘ näit vielleicht doll g’wäst wer‘. Häi woor dä Wollaf uff Oordning vom Dokter uffgemoocht ön wos m’r g’sächt, hat sich äwwer ’rrausg’stellt, do d’r Dokter O’zaacha vo d’r Dollwut bei’m fürgefonna hott. Dann woor der Wollaf v’rbrannt ön v’rgrowa wonn. Do druff waar’n alla drei g’bössena Personen – inner dennen aach der Pobotschner Hirt – am fünnafta ön sechsta Juli zum Oeproffa gega die Dollwut nach Sartu g’broocht, wo sa 3-4 Wocha v’rweila mussa. Aach Goil, Koi, Kälwer ön Soi sei g’bessa wonn‘, ön wer waas, wäi väit anner Vieh, als Honn, Wollaf ön so weirer, vo ‘m g’bössa sei mochta. Daraus kann noch griißeres U’glück ön U’heil folga, wäi’s schund ös. Alla O’zaacha sprecha d’für, dass das immer an ön d’rsälwa Wollaf gewäst ös, wu all dos U’heil og’richt hott, weil m’r seitdem nix weirer g’hiirt ön g’seha hott. A zeitlang hott sich kaan Mensch alaa ön ohna wos ön d’r Haand z‘ huu getraut, öu ‘n Waald z‘ gih. Weils o Schißgewehara fehlt ön m’r däi näit traa‘ däff, nimmt m’r tüchtige Kneppil, Möstgowil, Dreschflegil, Hacke ön Beiler met, im ön d’r Rut saich wehr’n z‘ konna.A. Diesen Morgen gingen in aller Frühe sechs ledige Burschen in den Wald, um ihre am vorhergegangenen Abend auf die Weide gebrachten Gaul zu holen. Weil aber am Tag davor das schreckliche Ereignis mit dem Wolf und dem unglücklichen Mädchen sich zugetragen (hatte), gingen sie immer zwei und zwei ihre besonderen Waldpfädchen, während sonst nur einer ging; doch diesmal brauchten sie Vorsicht, weil der selbe oder auch ein anderer Wolf auch ihnen aufstoßen konnte. Zur Sicherheit war’s wirklich besser, dass diese Burschen immer zwei und zwei gingen, ihre Gäule zu suchen. Während nun einer von dieser Partie beständig Umschau nach ihren Gäulen gehalten (hatte), war plötzlich einer von denen von hinten in ein Bein gebissen (worden), darauf hatte er sich schnell wie der Blitz herumgedreht, und zu seinem Schrecken einen Wolf erblickt; aber doch war er verständig geblieben, und ebenso schnell hatte er den Wolf beim Maul gepackt und ihn recht fest umklammert, dass er nicht beißen konnte, während sein Kamerad im selben Augenblick dem Wolf von hinten auf den Rücken sprang und ihn bei den Ohren packte. Auf diese Weise konnte der Wolf nichts machen, aber auch die zwei Burschen konnten weiter nichts tun; denn sobald sie ihn losgelassen hätten, wäre es vielleicht noch schlimmer für sie geworden; aber sie mochten spüren, dass ihre Kräfte nachgelassen, daher schrien sie aus Leibeskräften nach ihren Kameraden um Hilfe. Nach ihrer Verabredung kamen dieselben auch bald und hauten (schmissen) mit ihren Zäumen und Pferdeschlössern (Goilsschlösser)aus allen Kräften so lange auf ihn los, bis sie ihm den Garaus gemacht hatten. Am selbigen Tag war auch in Pobotschnaja ein Hirte von einem Wolf ziemlich übel zugerichtet (worden). Der totgeschmissene Wolf war hierher vor unser Kolonieamt gebracht (worden), wo der, der das hinschreibt, den Wolf auch betrachtet hat. Für jeden tot oder lebendig eingelieferten Wolf bekommt man eine Belohnung von der Gemeinde ausbezahlt. Darauf war der tote Wolf zum Tierarzt (Dokter) nach Sokur gefahren worden, um ihn von dem untersuchen zu lassen, ob er nicht vielleicht toll gewesen wäre. Hier war der Wolf auf Anordnung vom Tierarzt (Dokter) aufgemacht (worden), und was man befürchtet (hatte), hat sich eben herausgestellt, als der Tierarzt Anzeichen von (der) Tollwut bei ihm vorgefunden hatte. Dann war der Wolf verbrannt und vergraben worden. Darauf waren alle drei gebissene Personen, unter denen auch der Pobotschnajaer Hirte, am fünften und sechsten Juli zum Einimpfen gegen die Tollwut nach Saratow gebracht (worden), wo sie drei bis vier Wochen bleiben müssen. Auch Pferde, Kühe, Kälber und Schweine sind gebissen worden, und wer weiß, wie viel anderes Vieh als Hunde, Wölfe und so weiter, von ihm gebissen sein mochten. Daraus kann noch größeres Unglück und Unheil folgen, als es jetzt schon ist. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass es immer ein und derselbe Wolf gewesen ist, der all das Unheil angerichtet hat, weil man seitdem nichts weiter gehört und gesehen hat. Eine Zeitlang hat sich kein Mensch allein und ohne etwas in der Hand zu haben, getraut in den Wald zu gehen. Weil’s an Schießgewehren fehlt und man die nicht tragen darf, nimmt man tüchtige Knüppel, Mistgabeln, Dreschflegel, Hacken und Beile mit, um in der Not sich wehren zu können.
K. Das sei doch sihr schrecklicha Dinga, daä häi noch niemols fürg’komma sei! Wohrscheinlich wänn m’r noch Obber o Mensch ön Vieh ’rläwa, dou sollst seha!K. Das sind doch sehr schreckliche Dinge, die hier noch niemals vorgekommen sind. Wahrscheinlich werden wir noch Opfer an Menschen und Vieh erleben, du sollst sehen!
A. Derselwa Maaning sei aach aich. Gäb Goitt, daß w’r alla zwie uus g’irrt härra! Somet saa‘ aich adies!A. Der selben Meinung bin auch ich. Gäbe Gott, dass wir alle zwei uns geirrt hätten! Nun muss ich aber gehen! Somit sage ich Adje!
K. Adiees! Dank d’r für die spannend V’rzehling.K. Adiees! Danke dir für deine spannende Erzählung.
Über drei Wochen, gegen Ausgang Juli, fast am Abend, etwa um sieben Uhr, kommt A. endlich wieder mal zu K. es entspinnt sich folgendes Zweigespräch
A. G’noved, G’vottermann!A. Guten Abend, Gevattermann!
K. Schenn Dank, mein läwa G’vottermann! Sei m´r herzlich wellkomma. Dou böst jo sihr lang´näit häi g´wäst. Host D‘ näit wirra äbbes Naues z‘ v’rzähla?K. Schönen Dank, mein lieber Gevattermann! Sei herzlich willkommen! Hast du nicht wieder etwas Neues zu erzählen?
A. Jo! Wär ih‘ g’komma, hatt kaa‘ Zeit.A. Ja! Wäre eher gekommen, hatte keine Zeit.
K. Schii! Nu lossa mol gleich hiir’n, wos D‘ waaßt.K. Schön! Nun lasse mal gleich hören, was du weißt.
A. Dos ooram, u’glecklich Maadcha, dos vo dem dolla Wollauf so obschoilich üwwil zoug’richt woor on zour Haaling noch Sartu g´broocht wonn, ös sält 3 Wocha nooch’m Wolfsböß gega alles Oenspretza gega di Dollwut, doch doll wonn. Am 24 Juli, Nahts 12 Auer, woor das d’r Dollwut zoum Obber g’fallena jung Maadcha vo‘ 15 Johr 5 Miind on 23 Doog g’stoarwa: Katrillis Ruhl, Tochter vom Hanjerg Ruhl ön seira Fraa Marie-Kathrina geborene Scheuermann. Däi u’f so grausamme ön‘ u’glecklich Weis‘ dohi‘ gestoarwana, sihr g’läbt, ältesta ön‘ aazig Tochter, der sihr nirrerg’schloana ön‘ taifb’troibta Aeltern woor dorch d’n Herrn Propst Thomson in Sartu b’growa woann. Di‘ trauriga Aeltern hu‘ nor noch 1 Suh vo‘ 10 Jahr ön 1 Sihcha vo‘ 7 Miind. D’r Jommer d’r Aeltern is u’b’schreiblich. Dä häsig Bosch en dä Pobotschner Hirt sei aus d’r Proff=O’stalt gega di Dollwut kötzlich als g’haalt aus d’rsälwa obg’lossa woann. Weil das Maadcha d’r Dollwut erlega es, so hu‘ aach däi immer haamlicha Focht ön sich, wehr’nd sa b’denka missa, doß dos Maadcha fechterlich om Kopp, also sihr noch beim Hönn Wonna hatt ön säid‘ gega o’d’rinnerschta Daler ön leichter Oart Wonna harra. Zoum Bedauern hot dis schlömm Ohning vom Dollwänn d’r g’bössana Goil ön Koi aach schund mihfach b’stätigt! Den Nau-Straub (Neu-Skatowka) sai schund vier dolla Goil ön häi vier dolla Koi ’rschossa woann. Amol ös der, wu dos schreibt, aach d’bei g’wäst. Aach näit noor ön d’r drei Kolonie a´laa, aach ön d’r nächste Russadörfer gett´s fast täglich doll Vieh. Häi g’nießt kaan Mensch mih Melch aus Focht, däi Kou könnt vielleicht monn doll sei, kotz Alles, wos nor vo´ra Kou obstammt wädd alleweil nix g’nossa. Aewwa so sei aach Goil ön Koi doll g’wäst ön krepiert, ohna doß a’g’saagt woor wonn. Zour Ausrottung, ower zoum Wingsta, die Wöllaf vo’ häi weg z’treiwa, müßta a´ allg‘maana Wollafstreibjochd v’ro’stalt wann.A. Das arme unglückliche Mädchen, das von dem tollen Wolf so abscheulich übel zugerichtet war und zur Heilung nach Saratow gebracht worden war, ist dort drei Wochen nach dem Wolfsbiss trotz aller Spritzen gegen die Tollwut doch toll geworden. Am 24. Juli, nachts zwölf Uhr, war das der Tollwut zum Opfer gefallene junge Mädchen von 15 Jahren, 5 Monaten und 23 Tagen gestorben, Katrillis (Katharina Elisabeth) Ruhl, Tochter von Hansjerg (Johann Georg) Ruhl und seiner Frau Maria Katharina Scheuermann. Die auf so grausame und unglückliche Weise dahingestorbene älteste und einzige Tochter der sehr niedergeschlagenen und tiefbetrübten Eltern war durch den Herrn Propst Thomson in Saratow begraben worden. Die traurigen Eltern haben nur noch einen Sohn von zehn Jahren und ein Söhnchen von sieben Monaten. Der Jammer der Eltern ist unbeschreiblich. Die hiesigen Burschen und der Pobotschner Hirte sind aus der Impfanstalt gegen die Tollwut kürzlich als geheilt aus derselben entlassen (abgelassen) worden. Weil das Mädchen der Tollwut erlegen ist, so haben die auch immer heimliche‘ Furcht in sich, während sie bedenken müssen, dass das Mädchen fürchterlich am Kopf, also sehr nahe beim Gehirn, Wunden hatte, und sie dagegen an den untersten Körperteilen und leichter Art Wunden hatten. Zum Bedauern hat die schlimme Ahnung vom Tollwerden der gebissenen Pferde und Kühe sich auch schon mehrfach bestätigt. In Neu-Straub (Neu-Skatowka) sind schon vier tolle Pferde und hier vier tolle Kühe erschossen worden. Einmal ist der, der das schreibt, auch dabei gewesen. Auch nicht nur in den drei Kolonien allein, auch in den nächsten Russendörfern gibt’s fast täglich tolles Vieh. Hier genießt kein Mensch mehr Milch, aus Angst, die Kuh könnte vielleicht morgen toll sein; kurz, alles, was nur von einer Kuh stammt, wird zur Zeit (alleweil) nicht(s) genossen. Ebenso sind auch Pferde und Kühe toll gewesen und krepiert, ohne angezeigt worden zu sein. Zur Ausrottung, oder wenigstens die Wölfe von hier wegzutreiben, müsste eine allgemeine Wolfstreibjagd veranstaltet werden.
K. M’r läwa ön a’ra trauriga Zeit, ön Goitt waaß wäi alles noch endiga wädd?! Er möchte Alles zoum Besta wenna!K. Wir leben in einer traurigen Zeit, und Gott weiß,wie alles noch endigen wird! Es möge alles zum besten wenden!
A. Dos walt Goitt ön Gnada! Goura Noocht!A. Das walte Gott in Gnaden! Gute Nacht!
K. Goura Noocht! Goitt führ alles herrlich a’naus! G´noocht!K. Gute Nacht! Gott führe alles herrlich hinaus! Gute Nacht!

  • Schottener Kreisblatt, Nr. 15.-58. Jahrgang 1910.
  • DAI, Abschrift Kommando Stumpp, 1941

Jagodnaja Poljana (IV)

Sämtliche zu Jagodnaja Poljana nach dem alphabetischen Register bestehenden und bestandenen Familiennamen aus dem Personalbuche, mit Angabe der Ortsabstammung aus Deutschland nebst anderen Ländern und Ortschaften:

  1. Appel, aus Ober- und Unterlais, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  2. Arnd, aus Klausthal, Hannover.
  3. Aßmus, aus Wallernhausen, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  4. Baum, aus Mohnbach, Grafschaft Hanau.
  5. Befus, aus Storndorf zu Münzenberg, Darmstadt.
  6. Benner, aus Bobenhausen zu Lißberg, Darmstadt.
  7. Beutel, aus Wallernhausen, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  8. Block, aus Streithain zu Oberlais, Großherzogtum Hessen-Darmstadt. 
  9. Blumenschein, aus Reichelsheim, Grafschaft Erbach, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  10. Bräuning, aus dem Dorfe Bomarä in Lothringen, 1812 als Kriegsgefangener hier her gekommen.
  11. Brunn, aus Norka, 90 Werst von hier, also von dort hier her gesiedelt.
  12. Daubert, aus Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  13. Diehl, aus Krasnojar, von jenseits der Wolga hier her gekommen. Alle nach Nordamerika, also ist diese Familie erloschen.
  14. Diesing, Ortsabstammung nicht gefunden.
  15. Dippel,
  16. Fischer, aus Eichelsachsen, Burkhard, Nidda, Oberlais, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  17. Fuchs, aus Weiler an der Nah zu Ober-Lais, Großherzogtum Hessen-Darmstadt und Steinfurt.
  18. Geier, aus Büdingen, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  19. Görlitz, aus Wallernhausen, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  20. Gorr, aus Lißberg, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  21. Götz, aus Eichelsdorf, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  22. Hahnemann, aus Schenkendorf (Saalfeld).
  23. Hallstein, aus Heßbach, Grafschaft Brauberg, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  24. Hartmann, aus Bobenhausen, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  25. Hannemann, aus Schotten, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  26. Holstein, Hetzbach
  27. Jungmann, aus Wallernhausen, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  28. Kaiser, aus Burghard, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  29. Kämmerer, aus Ober-Olm bei Mainz, 1812 als Kriegsgefangener hier hergekommen.
  30. Kleiono, aus Schwedisch-Pommern, zur Stadt Truppsee.
  31. Kniß, Ortsabstammung nicht gefunden.
  32. Koch, aus Eicheldorf, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  33. Konschuh, aus Ortenberg, Stollberger Herrschaft, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  34. Kreibil, aus Schwetzingen bei Mannheim in Baden, später hergekommen.
  35. Kromm, aus Schotten, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  36. Langlitz, aus Ober-Seemen, Stolberg, Gedernischer Jurisdiction, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  37. Lahnert, aus Offenbach am Klan. Main.
  38. Lautenschläger
  39. Leinweber
  40. Litzenberger
  41. Luft, aus Hetzbach-Breuberg, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  42. Luft, aus Höchst, in der Herrschaft Breuberg und Ulf, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  43. Malbeer, Ortsabstammung nicht gefunden.
  44. Macheleit, aus Schwarz-Rudolstädtischer Linie, Rohrbach.
  45. Merkel, aus Pobenhausen, Hanau’scher Jurisdiction, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  46. Mohr, aus der Fürstlich Braufels’schen Stadt Münzenberg, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  47. Morasch, aus Höchst, in der Grafschaft Breuberg, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  48. Müller, aus Schwickertshausen, Nidda, Großherzogtum Hessen¬Darmstadt.
  49. Nagler, aus der Stadt Zeueuroda im Fürstentum Reuß, älterer Linie, später hergekommen.
  50. Nebert, aus Berlin.
  51. Pfaffenroth, Ortschaftsabstammung nicht gefunden.
  52. Rausch, aus Helpershain, Ulrichstein, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  53. Reich, Ortsabstammung nicht gefunden.
  54. Repp, aus Schotten, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  55. Ruhl, aus Ober-Lais, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  56. Schaadt, aus Rohnstadt, Stolberg, Großherzogtum Hessen¬Darmstadt.
  57. Schäfer, aus Ober-Lais, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  58. Scheuermann, aus Ober-Lais, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  59.  Schleibor, Schwalmtal, Amt Romrod Amt, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  60. Schneider, aus Schwickertshausen, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  61. Schneidmüller aus Simroth, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  62. Schreiner, aus Nidda zur Hütten, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  63. Schuchart, aus dem Dorfe Usenhain im Grimmbach, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  64. Schumacher, aus Tromskreis bei Langenfalz Hamburg.
  65. Schweizer, aus dem Kanton Urau, 1812 als Kriegsgefangener hergekommen.
  66. Schwindt, aus Norka, 90 Werst von hier.
  67. Spangeberger, aus Eichelsdorf, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  68. Stang, aus Wallernhausen, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  69. Stapper, aus Holbach, jedoch nicht ganz sicher, sehr undeutlich geschrieben.
  70. Streif, aus Holbach, Departament Mosel in Loth… 1812 als
    Kriegsgefangener hier hergekommen.
  71. Stuckart, aus Stuttgart, Württemberg.
  72. Völker, aus Eschan, Grafschaft Erbach, im … und Rohnstadt, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  73. Walte aus Dauram.
  74. Weigandt, Ortsabstimmung nicht gefunden.
  75. Weiß,
  76. Würz, aus Büdingen, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
  77. Zürgiebel, aus Heichelheim, Grafschaft Erbach, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Folgende Familien, die noch vor fast 142 Jahren und in noch viel späteren Jahren – wo ich mich. erinnere – hier existierten, sind teils ausgestorben, teils nach den Ober-Jeruslan, Gouv. Samara, übergesiedelt.

  1. Barth, Ortsabstammung nicht gefunden… übergesiedelt nach dem Ober- Jeruslan.
  2. Becher, oder Böcher, Ortsabstammung nicht gefunden … übersiedelt nach Ober-Jeruslan
  3.  Boländer, Ortsabstammung nicht gefunden.
  4. Bolinger aus Neu-Skatowka, hier ausgestorben, in Neu-Skatowka ist kein Mangel
  5. Brecht, aus dem Dorfe Redmar, Herzogtum. schweig, 1812 als Kriegsgefangene hierhergekommen.
  6. Dietz, aus Eichelsdorf, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt. ausgestorben.
  7. Feller, aus Streithain, Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt. ausgestorben.
  8. Groß, auf dem Transport nach Russland geboren.
  9. Nix, aus Nidda, Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Am 24 Juni 1767, als am Tage Johannes des Täufers, langten die ersten Züge an dem Flecken an, wo heutzutage Catharinenstadt liegt. Sie fanden daselbst nichts vor, als Himmel und Steppe, Bäume und Wasser. Dennoch machten sie sich unverzüglich an’s Werk, errichteten die für das Erste unumgänglichen Erdhütten und Zelte und begannen dann teils als Catharinenstadt selbst, das der großen Kaiserin Katharina II. zu Ehren also genannt wurde, teils in der Umgegend, an besonders dazu geeigneten Stellen, ihre kleinen Häuschen zu bauen. Die Übrigen, zu gleicher Zeit Angekommenen, fuhren den Wolgastrom hinab, bis nach Saratow, von wo aus sie ebenfalls sofort zur Gründung ihrer Kolonien auf Berg- und Wiesenseite, von der Obrigkeit angewiesen wurden.

Jagodnaja Poljana (III)

Nun folgen zunächst einige wörtliche und buchstäbliche Auszüge aus unseren allerältesten Kirchenbüchern von allen denjenigen, welche mit uns verwandt sind sowie auch Auszüge aus späteren, d.h. schon neueren oder jüngeren Büchern bis zur Gegenwart 19o9.


Aus unserm mangelhaften Stammbuche von 1794

Anna Margaretha Krommin, geboren den 2. Februar 1724 in der Amtsstadt Schotten, so unter Hessen-Darmstadt gehöret. Ihr Vater war weilend Johannes Ilges, Bürger und Leinweber daselbst. Die Mutter war eine geborene Rühlin. Ihr Pate war Johann Göbels Eheweib in Schotten. Im Jahre 1738 ist sie konfirmiert worden und 1743 verheiratet sie sich mit dem ledigen Johann Konrad Kromm, Bürger und Wollweber im gedachten Schotten. In dieser Ehe hatte sie 4 Kinder als 2 Söhne und 2 Töchter geboren, wovon 1 Sohn und 1 Tochter gestorben sind.
Aus dem Verzeichnis der Verstorbenen.

Anno 1813.
Anna Margaretha Krommin, ist gestorben den 21. November und begraben worden den 23ten. Geboren war sie den 2. Februar 1724 in der Amtsstadt Schotten, Hessen-Darmstädtischen Gebiets. Ihr Vater war Johann Ilges, Bürger und Leinweber daselbst. Die Mutter war eine geborene Rühlin. Sie Starb alterswegen im 89 Jahre 9 Monaten 19 Tagen ihres Alters.

Aus dem Verzeichnis der Verstorbenen.

Anno 1809.
Deren Kinder: Christian Kromm, starb den 9. August und wurde den
elften darauf begraben. Er traf in der Stadt Schotten im Hessen-Darmstädtischen Gebiet an’s Licht der Welt anno 1749 den 29. September, all wo sein Vater Johann Konrad Kromm Bürger und Tuchmacher war. Die Mutter Anna Margaretha geborene Ilges. Starb an der Schwäche seines Magens, der keine Speise bei sich behielt, in einem Alter von 58 Jahren 1o Monaten 11 Tagen.

Aus dem Verzeichnis der Verstorbenen.

Anno 1828
Anna Katharina Jungmann, geborene Kromm, gestorben den 14. Februar 1828, alt und lebenssatt, ihre Krankheit sehr heftige Schmerzen im Leibe, alt 72 Jahre, geboren 1756.

Aus dem Verzeichnis der Verstorbenen

Anno 1823
Deren Ehemann: Johann Heinrich Jungmann, gestorben den 5. April 1823, an Gliederschmerzen, alt 7o Jahre 11 Tage und den siebten 7ten begraben worden. Er war den 25. März 1753 in Wallernhausen im Hessen-Darmstädtischen geboren und als Jüngling mit seinen Eltern nach
Russland gekommen, hat sich 1771 verheiratet und 7 Kinder, 14 Enkel und 1o Urenkel erlebt, wovon aber schon vor ihm in die Ewigkeit vorangegangen.

Der Vater soll draußen schon längst gedienter Schullehrer gewesen sein und hier sei er der erste Schullehrer gewesen. Ein Jungmann habe auch als Pastor studiert und ist irgendwo im Inneren Russlands Pastor gewesen. Gegenwärtig ist ein Jungmann von 3o Jahren – fast gleichaltrig mit meinem Sohne Theophil, – Lehrer am Progymnasium zu Katharinenstadt, er machte vor 2 Jahren das Hauslehrer Examen und soeben ist er in Kasan, um noch ein höheres Examen daselbst auf der Universität zu machen.

Aus dem Verzeichnis der Geborenen von 1792.

Deren Tochter: Katharina Louise Jungmann, ward den 12. April 1792 geboren und wurde den 16ten getauft. Die Patin war Heinrich Kromm’s Eheweib. Der Vater ist Heinrich Jungmann. Die Mutter Anna Katharina geborene Kromm.

Die obengenannte Katharina Louise Jungmann wurde die Ehefrau des hiesigen Schullehrers Philipp Batz, sie ist also die Schwesterstochter meines Urgroßvaters Christian Kromm. Bei dem Sohne des genannten Batz, Namens Alexander Batz, habe ich meine praktische Ausbildung zum Schulmeister erhalten, während ich vorher sehr guten Unterricht vom emeritierten Pastor Thomas erhielt. Mein obengenannter Lehrer Alexander Batz war als Jüngling nach Altkaraman (Enders) zum Schulmeister genommen worden, wo er 61 Jahre im Dienste gewesen ist. Er ist erst in diesem Jahre als emeritierter Schulmeister im Alter von 85 Jahren gestorben. Seine Mutter, die Tochter meiner Urgroßtante, war damals schon tot, als ich am 6. Januar 1862 zu ihrem Sohne, meinem Lehrer Alexander Batz zum Unterricht gebracht wurde. Die Kolonie Altkaraman (Enders) liegt am großen Karaman auf der Wiesenseite, unweit der Wolga; man hört die Dampfschiffe gehen und pfeifen und sieht den Rauch.

Sein Vater Johann Philipp Batz war hier 28 Jahre Schulmeister gewesen, von 1809-1837. Er starb den 11. März 1837 Nachmittags 2 Uhr, an Nierenstein im Alter von 61 Jahren 2 Monaten und 29 Tagen. Er stammte aus Lesnoj Karamysch (Grimm), ließ sich aber in Neu-Skatowka einschreiben, somit gehörte er nun dorthin. Er war auch einmal 7 Jahre im selbigen Orte Schulmeister gewesen, wo sein Sohn später 61 Jahre wirkte und Freud und Leid erfuhr.

Hier folgen meine Urgroßeltern:
Christian Kromm und Hanette Christine geborene Hart

Deren beide Söhne:
I. Johann Heinrich Kromm, geboren am 26. Januar 178o; dessen Frau Elisabeth Margarethe geborene Lahnert, geboren am 23. September 1781 kopuliert 1798. Er starb den 26. Dezember 1857 in Schönthal, Gouv. Samara, sie starb den 7 April 1853 hierselbst.

Deren Kinder: 1. Elisa Margaretha, meine Großmutter
mütterlicherseits, geboren 15. März 18o2, 2. Katharina, 3. Katharina
Elisabeth, 4. Anna Elisabeth, 5. Marie Katharina, 6. Johann Adam, seine Frau Marie Katharina, geborene Braun. Deren Kinder: a. Elisabet Margaretha, b. Peter. 7. Christian.

II. Konrad Kromm, mein Großvater, geboren 9. Dezember 1782,
kopuliert 18oo mit Marie Katharina geborene Scheuermann, geboren am 5. Mai 1783. Er starb den 9. August 1855 in Priwalnaja (Warenburg) plötzlich am Schlagflusse.

Hier folgen die Kinder meiner Großeltern der Reihe nach: 1. Konrad, Landwirt; 2. Peter, Landwirt und Fischer; 3. Heinrich, Landwirt; 4. Johannes, Schlosser und Schmied; 5. Martin, Landwirt; 6. Georg Philipp Kromm, mein Vater, Baumwollenweber und Händler mit Kleinwaren; 7. Johann Adam, Landwirt und Wagenmacher; 8. Christian, Schlosser und Schmied, sowie auch Landwirt; 9. Eva Marie; 1o. Katharina Elisabeth; 11. Anna Margaretha; 12. Elisa Amalia.

8. Christian Kromm, geboren am 9. November 1829, kopuliert mit der Anna Elisabeth Scheuermann, geboren 13. Februar 1831, sie lebt noch; er starb am 2. Januar 1878.

Deren Kinder: 1) Johann Adam, Schlosser, Schmied und Landwirt +1878, zweimal verheiratet.

2) Elisabeth, verheiratet an einen Konrad Hollstein. 3) Heinrich Kromm, Schlosser und Schmied, ist in Nordamerika (Canada) in der Stadt Calgary am 9. Januar 1864 geboren. 4) Anna Elisabeth. 5) Christian Kromm, derzeit Schulmeister in der Kreisstadt Kamyschin, kopuliert den 11. Februar 1887 mit Sabine Elisabeth Schneider. Deren Kinder: 1) Viktor Emanuel, geboren 1889; 2) Rosalie, geboren 1895; 3) Otto Leberecht, geboren 1899.

6. Georg Philipp Kromm, mein Vater. Baumwollweber, geboren 13. Juli 1818, konfirmiert 1836, kopuliert 15. Januar 1842 mit Katharina Schaadt, geboren 9. September 1821, konfirmiert 1838. Er starb am 6. August 1883
Von 1872-1875 und endlich drittens in Jagodnaja Poljana von 1875 bis zur Gegenwart. Fast 34 1/2 Jahre und überhaupt: von 1865-19o9 macht jetzt 44 1/2 Jahre. Ein kleines Menschenalter allein im Amte, in welcher Zeit viele, schwere Kämpfe und Strapazen durchzumachen gewesen, sodass, ich es der Gnade Gottes nur allein verdanke, auch jetzt noch kräftig und mit steter Gesundheit ausgerüstet, meinem Amte in dieser sehr großen Gemeinde von ca. 1o ooo Seelen vorstehen zu können. Bis heute habe ich noch nie eine Brille gebraucht, trotzdem ich gegenwärtig 64 1/2 Jahre zähle, während meine Altersgenossen schon längst fast alle Brillen tragen und ohne dieselben gar nichts mehr machen können.

Meine Eltern sind Georg Philipp und Katharina, geborene Schaadt. Ich bin geboren den 6. November 1844, und kopuliert wurde ich den 3. Januar 1866 mit Marie Henriette Nagler, geboren den 21. Mai 1847. Diese Ehe ist reichlich mit Kindern gesegnet. Nun folgen unsere Kinder: 1. Julius Kromm, geboren in Neu-Skatowka am 13. November 1866 und daselbst gestorben am 9. Dezember 1866. 2. Eugenie, geboren in Neu-Skatowka 2o. August 1868, konfirmiert 1o. April 1883 und kopuliert mit dem Schulmeister Karl Koch in Alexandersthal, unweit Kamyschin, früher war er mein Gehilfe, dann wurde er Schulmeister in Weizenfeld, an der Nachoi; Gouv. Samara; danach kam er nach Uralsk und von dort nach Alexandersthal, wo er soeben ist. Sie ist gestorben den 3. Februar 19o7 und hat ihrem Manne 2 Söhne hinterlassen: a) Emanuel Koch, 14 Jahre alt; b) Gothold, 5 Jahre alt. 3. Mathilde, geboren in Neu- Skatowka, kopuliert 189o mit Konrad Schmück; 4. Karl Alexander Kromm, gestorben hier 1875; 5. Emilie Dorothea, geboren 24. August 1876, gestorben 12. August 1879; 6. Theophil Kromm, Hauptlehrer an der hiesigen russischen Landamtsschule, absolvierte die 4klassige Stadtschule und machte dann nach gründlicher, guter Vorbereitung in Wolsk, daselbst auch sein Lehrer Examen im russischen Seminar. Er war anfänglich an der hiesigen Kirchenschule Lehrersgehilfe, dann Lehrer an der hiesigen Landamtsschule. Darauf Lehrer in Talowka (Beideck), alsdann Lehrer zuerst in Tarlyk (Laub) und dann in Tarlykowka (Dinkel) und endlich kam er wieder hierher als Hilfslehrer an unsere Kirchenschule und erhielt er die jetzige Stelle. Voriges Jahr (19o8) reiste er mit noch anderen Kursisten nach Deutschland, nach Witzenhausen, wo er mehrere Wochen daselbst die Kurse besuchte, um sich noch weiter zu vervollkommnen und bei seiner ihm kurz zugemessenen Zeit besuchte er doch die allerwichtigsten Ortschaften Deutschlands bei welcher Gelegenheit er auch einen Abstecher in Schotten machen konnte, wo er freundlich und liebenswürdig empfangen und auf’s Beste verpflegt und bewirtet wurde, was ihm zeitlebens in schöner und lieblichster Erinnerung bleiben wird. Er kann nicht genug danken für all ihre Güte und Zuvorkommenheit bis an sein Ende. Er ist kopuliert mit der Johanna Schmidt. 7. Emanuel Kromm, am hiesigen Orte Kreisschreibergehilfe, später Lehrer; 8. Georg Kromm, geboren 5. April 1885, getauft 14. April, konfirmiert 6. August 19oo, hat ebenfalls die 4klassen Schule zu Petrowsk absolviert, nach dem wurde er Lehrer Gehilfe und darauf ist er Soldat geworden, als ist er bald 3 Jahre in Kars steht. Wir erwarten ihn zum Herbst zurück. Er ist noch ledig, desto bedauerlich ist es für ihn und ebenso für uns. Hier heiraten die meisten Männer früh. 9. Marie Rosalie, geboren 3o. Juli 1887, getauft … konfirmiert 2. Juni 19o2 ledig.

II. Katharina Elisabeth, geboren 14. gestorben 18. März 1861. Alter 12 Jahre 9 Monaten 4 Tagen II. Marie Katharina, geboren 22. Januar, gestorben 14. März 1852, alter: 1 Jahr, 1 Monat, 11 Tage

IV. Heinrich, geboren 26. Januar 1853, gestorben 1854, Alter: 1
Jahr, 1 Monat, 24 Tage.

V. Johannes Kromm, Schulmeister in Usmoria (Bangert).

VI. Katharina Kromm.

VII. Elisabeth, geboren 186o, verheiratet mit früheren Gehilfen aus Pobotschnaja, Heinrich W. nach Amerika ausgewandert.

VIII. Marie Elisabeth Kromm. November 1863, verheiratet an einen Tischler aus Skatowka, Georg Wilhelm Rothermel, wandert vor 18 Jahren nach Amerika aus.

Jagodnaja Poljana (II)

Im Jahre 183o wurde hier von dem Kolonisten Johannes Koch der letzte Bär erlegt. Ein sehr tiefer, in allerlei Steinformationen zerklüfteter Graben wird noch heutzutage „Bärengraben“ genannt, auch hat man in demselben fossile Knochen und Hirschgeweihe gefunden.

Im Jahre 1785 wurde hier die erste Kirche gebaut, an welche ich mich noch sehr gut erinnern kann. Dieselbe hätte ja noch viele Jahre stehen können, da das Holz noch recht gut und fest war, aber sie war schon viel zu klein geworden, also musste sie bloss wegen Raummangel abgebrochen werden.

Im Jahre 1857 wurde hier die zweite Kirche gebaut, welche gegenwärtig nicht nur, sondern schon längst viel zu klein ist. 1873 wurde eine Orgel mit 8 Registern und einer Koppel darin aufgestellt. Wann das erste Pastorat erbaut, weiss man nicht; wahrscheinlich 18o4, weil das Kirchspiel von da an seinen eigenen selbständigen Pastor hatte, nämlich Rambach von 18o4 – 182o, während in den früheren Jahre von 1767 – 18o4 die Gemeinden durch verschiedene Vicare bedient wurden. Das jetzige Pastorat scheint das dritte zu sein, da ein früheres Pastorat abbrannte, wodurch wahrscheinlich unsere ältesten Bücher und Urkunden fehlen, indem sie gerade mitverbrannt sind, da gerade die ältesten und wichtigsten Urkunden garnicht mehr vorhanden sind. Auch dieses Pastorat brannte 1873 den 21. Mai ab; jedoch blieb der Rumpf desselben zum grössten Teil noch ziemlich gut erhalten, weshalb das Kirchspiel sich entschloss, aus dem halbverkohlten Rumpfe ein erneuertes Pastorat zu errichten und dasselbe rundherum mit Ziegel steinen zu belegen, damit es gewiss gut werden sollte; leider aber hat sichs erwiesen, dass das Kirchspiel damals nicht klug gehandelt hatte, dass jetzt allmählich mehr an Remonte gezahlt werden muss, weil es beständig irgendwo fehlt; auch jetzt ist wieder eine grossartige Remonte, welche mehrere Hunderte kostet. Dieses Pastorat wurde 1874 erneuert. Bei diesem Brande sind jedenfalls auch manche wichtige Bücher und Urkunden vernichtet worden, da auch so Manches von viel späteren Jahren fehlt.

Das Kirchspiel Jagodnaja-Poljana hat von Anfang bis heute folgende selbständige eigene Pastoren, mit Ausnahme der Vikare, gehabt: Rambach, Hermann, Aliendorf, Flittner, Hellmann, David, Holm, Hegele, Dsirne, Kahn, Schilling, Coulin, Woitkus. Zwischen jedem Pastor ist ein Vicar gewesen, je nach dem, kürzere oder längere Zeit. Die beiden Letzteren waren auch Vikare gewesen, und dann wurden sie gewählt und später bestätigt.

Im Jahre 1869 wurde das 1. Kreisamtsgebäude mit allen erforderlichen Nebengebäuden erbaut, während früher die besten Gebäude in der Kolonie fürs Kreisamt gemietet wurden.

Wann unsere ältesten Schulgebäude mit den erforderlichen Nebengebäuden erbaut wurden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit angeben; aber doch jedenfalls nicht sehr lange nach ihrer Niederlassung; denn auf die Schule hielten sie damals viel mehr als jetzt. Da es ja hier an Holz nicht fehlte, so werden sie auf jeden Fall bald ans Werk gegangen sein, zumal die Schule auch zugleich ein Bethaus war, wo der Gottesdienst gehalten werden musste. Dass ein altes Schulhaus im Winter 1852 abbrannte, erinnere ich mich noch gut. Dann wurde 1852 ein Schulhaus gebaut, das 1888 abgebrochen worden, und in demselben Jahre baute man das jetzige zweistöckige Schulhaus, welches mit Ziegelsteinen belegt ist.

Dieses Schulhaus ist der Kirchenschule gewidmet. Bald darauf wurde eine grosse ganz aus bestehende, in drei Klassen geteilte Schule für den Unterricht in der russischen Sprache erbaut, in welcher mein ältester Sohn Theophil Oberlehrer ist, während ich und mein zweiter Sohn Emanuel in der Kirchenschule Religions- und deutsche Lehrer sind, d.h. auch in der deutschen Sprache unterrichten. In der letzten Zeit wird in der russischen Landamtsschule ebenfalls deutsch unterrichtet, während daselbst die russische Sprache die Hauptsache ist. Also obligatorischer Unterricht in der russischen Sprache, während die deutschen Fächer daselbst Nebensache sind. In unserer Kirchenschule ists umgekehrt, in welcher der Unterricht in deutscher Sprache obligatorisch ist. Ein besonderer russischer Lehrer unterrichtet in der Kirchenschule in seinen Stunden nur russisch.

Seit 1878 existiert hier eine für die ganze Bevölkerung dieses deutschen aus unseren drei Gemeinden bestehenden Kreises unschätzbare Postabteilung, welche in letzterer Zeit täglich kommt und geht.

Jagodnaja-Poljana ist ein zusammengesetztes russisches Wort und heisst im Deutschen Beerenfeld, weil hier damals ganz besonders und manche Jahre auch jetzt noch eine erstaunlich grosse Menge verschiedener Beeren wuchsen, als: 1. Erdbeeren, welche diesen Sommer über reichlich vorhanden sind, weil wir den Mai hindurch und auch jetzt täglich Regen hatten, also bis zum 2o. Juni. 2. Steinbeeren, 3. Brombeeren, 4. Himbeeren, 5. Johannisbeeren, 6. Stachelbeeren usw.

Die vierterstgenannten Beeren wachsen jetzt noch draussen in der Wildnis; schmecken jedoch besser, als die in den Gärten gepflanzten.

Die beiden letzten Sorten fünf und sechs hat man jetzt hauptsächlich nur in Gärten, während man diese draussen im Walde jetzt selten oder garnicht mehr antrifft. In meinen Knabenjahren war es meine grösste Lust und Freude, wenn es hiess: „Komm, wir wollen im Walde Beeren suchen und pflücken“. Es dauerte nicht lange, wir brachten jeder einen mit verschiedenen Beeren gefüllten Krug nach Hause. Oder: man ging das eine Mal, um nur Erdbeeren zu pflücken, das andere Mal nur Steinbeeren, das dritte Mal nur Brombeeren, das vierte Mal nur Himbeeren undsofort. Damals war alles noch viel besser als jetzt, da man wartete, bis die Beeren reif waren, während jetzt die Zeit nicht abgewartet wird, sondern alles schon zerwühlt, zertreten und zerstampft ist, ehe die Reifezeit da ist und, wenn man zur rechten Zeit hinausgeht, so findet man noch nicht so viel, um sich allein satt essen zu können.

In alten Zeiten gingen ganze Familien teils mit grossen Krügen oder auch mit Eimern hinaus, ja sogar sind Familien mit Wagen hinausgefahren. Überdies bildet der Wald die Hauptviehweide. Wie kann unter solchen schlechten Verhältnissen und Umständen etwas gedeihen oder Zustandekommen. Auch wird viel zu viel Waldfrevel getrieben. Es gibt hier wohl wenige, oder garkeine, welche noch frei sind von Wald- und Holzdiebstahl. Die Erwischten werden ja auch bestraft, aber es hilft alles nichts. Die aus der Gemeinde erwählten „Waldwächter“ – wie sie hier genannt werden – tragen wohl die Hauptschuld davon, da sie fürchten, es könnte ihnen was Schlimmes widerfahren von denjenigen, welche sie erwischen. Es müsste überhaupt eine andere bessere Ordnung eingeführt werden, wenn die Nachkommen nicht ohne Wald bleiben sollen. Es ist beklagenswert, wenn die schönen Wälder so grausam nach und nach vernichtet, ja vernichtet werden. Das ist das richtige Wort. So wirds in Zukunft kommen. Die Wald- und Holzfrevlerei ist hier sozusagen gang und gäbe geworden. Jagodnaja-Poljana hiess ursprünglich: „Reinhard“ nach dem ersten Vorsteher (Schulze genannt). Jedoch währte dieser Name nicht lange; denn bald wurde der heutige Name bleibend beigelegt. Pobotschnaja ist auch ein russisches Wort und heisst auf Deutsch so viel als: Nebendorf, und ebenso ist auch Neu-Skatowka (auch Neu-Straub genannt), (die ja schon früher in Skatowka auf der Wiesenseite ansässig waren und dann hierher übersiedelten). Ein russisches Wort und heisst zu deutsch ebenfalls soviel als: Neben- oder Abhangsdorf, weil bei der Kolonie eine Reihe abhängige Berge sind.

Alle Benennungen haben ihre wahre Ursache, da die Namen so passend sind, welche die Namengeber so treffend ausgedacht haben.

Jagodnaja-Poljana liegt am Flusse – eigentlich nur ein Flüsschen – Tschardyn, welches westlich von hier, oberhalb der Kolonie ca. 4 Werst entfernt, entspringt, wozu sich noch ein Nebenflüsschen gesellt und auch ca. 4 Werst von hier, nördlich und am Zentrum der Kolonie, in das erstgenannte Flüsschen Tschardyn mündet. Das Wort „Tschardyn“ soll tartarischen Ursprungs sein. Biese beide nun vereinigten Flüsschen werden bis Sokur 12 Werst nordöstlich von hier noch mit einer Menge Nebenflüssen gespeist, namentlich auch mit dem Flüsschen von Pobotschnaja und Neu-Skatowka, sodass unsere Tschardyn in Sokur schon wirklich ein Fluss genannt werden kann; jedoch ca. 6o West östlich von hier, wo unsere Tschardyn in die Wolga mündet, ist sie ein gewaltiger Fluss.

Jagodnaja Poljana (I)

Unter den ersten Ansiedlern gab es Handwerker aller Art, Kaufleute, Künstler, Gelehrte, Standespersonen, sogar einen Graf Dönhof aus Berlin, welcher bereits schon früher nach Russland kam und sich nun in Oranienbaum den Ansiedlern angeschlossen hatte und in der heutigen Kolonie Dönhof – nach seinem Namen benannt – niederliess. Dönhof wird im Russischen Golobowka genannt. Graf Dönhof war der einzige Kolonist, welcher die russische Sprache einigermassen verstand u. Von einem tüchtigen Pastor Dönhof in Dönhof wird noch heute viel gesprochen, welcher vielleicht ein Nachkomme des Grafen gewesen ist. Pastor Dönhof starb etwa 1864.

Nur der bei weitem kleinere Teil der Einwanderer bestand aus eigentlichen Ackerbauern, welche in der neuen Heimat die Stelle der Lehrmeister vertreten mussten. Wohl wird man auch zugeben müssen, dass die Mehrzahl der Einwandere arm war und viele sogar sogar (sic!) gänzlich mittellos waren; doch sind auch Beispiele vorhanden, dass manche derselben bei ihrer Ankunft in Russland über namhafte Kapitalien verfügten, andere aber in der Folge noch bedeutende Erbschaften aus dem Auslande erhielten.

Da mein ältester Sohn Theophil Kromm die „Geschichte der deutschen Ansiedler an der Wolga“ seit ihrer Einwanderung nach Russland, bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1766-1874) von „Gottlieb Bauer“ an unseren lieben Verwandten (Herrn Heinrich Arcularius) in Schotten gesandt hat, so werde ich mich von nun an hauptsächlich nur mit den diesbezüglichen Daten aus Jagodnaja-Poljana und Umgegend, sowie mit unserer der lieben und hochgeschätzten Verwandtschaft in Schotten als auch mit der dortigen, sehr ausgedehnten Umgebung befassen, da die meisten der hiesigen Einwohner doch nicht aus Schotten selbst, – wie ich früher wähnte – sondern meist aus dem Gebiete Niddas und überhaupt aus der Nähe von Schotten und der ganzen dortigen Umgegend, aus dem Hessen-Darmstädtischen Gebiet – herstammen. Ein gegen Ende dieser genealogischen Zusammenstellung beigefügtes Familienregister aller hiesigen Einwohner, welche einst waren und jetzt sind, wird alles Nähere klarer und deutlicher ergeben.

Aber auch. unserer hier wohnenden und von Jeruslan, Gouvernement Samara und in Nord-Amerika sich aufhaltenden Verwandten, wird soviel als möglich pünktlich in dieser Genealogie Erwähnung getan werden und noch darüber, was nicht eigentlich zu einer genealogischen Zusammenstellung  gehört.

Offenbar sind unsere Jagodna-Poljaner damals mit der ersten Partie den direkten Weg über Nowgorod, Twer, Moskau, Rjäsan und Pensa bis in die Kreisstadt Petrowsk – nach Peter dem Grossen also genannt – gereist, wo sie überwinterten; jedoch ist damit Petrowsk nicht allein gemeint, sondern irgend eine von den mehrfach obengenannten Städten: es ist sogar als sicher anzunehmen, dass die Hiesigen in einer der ferner entlegeneren, nördlichen Städte überwintert haben müssen, da sie erst am 28. August 1767 hier anlangten, während Petrowsk doch nur 4o Werst von hier nördlich entfernt liegt, wenn auch die damalige Fahrt recht langsam, Schritt vor Schritt, mag gegangen sein, so hätten sie doch in einem Tag hier sein müssen.

Von Moskau, Pensa, Petrowsk, bis nach Saratow, führt eine bequeme, breite Landstrasse. Nachdem die Hiesigen von Petrowsk aus, das 7 Werst westlich von hier entlegene Dorf Osecka an der Landstrasse erreicht, hätten sie in höchstens – wenn auch sehr langsam,- 3-4 Stunden hier sein müssen; aber wahrscheinlich war der damalige Urwald auf dieser Strecke für sie ein unüberwindliches Hindernis. Folglich mussten sie die nach Süden sich hinziehende Landstrasse weiter verfolgen, bis sie, etwa 7 Werst von hier südlich, eine ziemlich weit ausgedehnte mit grünem Rasen bedeckte, baumlose Steppe erreichten, von wo sie sich nördlich wenden mussten, um hierher zu gelangen, wozu Wege hierher führten. Dem Hauptwege folgend gelangten sie etwa 2-3 Werst von hier südlich, in eine schöne, mit Urwald umgebene breite Schlucht, durch welche ein gut gefahrener Weg führte. An einer in dieser Schlucht befindlichen Quelle machten sie Rast. Im ganzen waren´s 8o Familien; jedoch zum bleibenden Niederlassen an dieser Stelle schien es ihnen doch nicht recht geeignet zu sein, da die Quelle – wiewohl frisch und klar, doch für 8o Familien nicht genug Wasser spenden dürfte, weshalb man sich entschloss, auf die Suche nach einer ergiebigeren Quelle und nach einem noch besseren Platze – wo möglich, zu gehen. Daher machten sich mehrere mit allerlei Waffen versehene, mutige Männer in der Richtung nach Norden auf und, nachdem sie 2-3 Werst gegangen, hörten sie in einer tiefen fast undurchdringlichen Schlucht ein ziemlich starkes Wasser rauschen, einem kleinen Wasserfalle ähnelnd. Mutvoll arbeiteten sich die Männer durch unzählige Hindernisse hinunter, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Es war keine Kleinigkeit, dieses Wagnis unternommen zu haben, da sie jeden Augenblick gewärtig sein mussten, wilden Tieren oder Räubern zum Opfer zu fallen; jedoch schwand alle Besorgnis, nachdem sie eine nie gesehene grosse, frische, kristallklare Quelle mit vielen bedeutenden Nebenquellen gefunden hatten.

Nun stand bei allen der Entschluss fest, hier eine Kolonie zu gründen. Noch vor wenigen Jahren stand hier von dieser Quelle nur wenige Faden entfernt eine Wassermühle, mit zwei Gängen, sie wurde darum vernichtet, weil diese Quelle schon viele Jahre hindurch immer weniger Wasser spendete und die Müller ihre Wasserräder mehr und mehr vergrösserten, wodurch das Wasserbett im Laufe von 6o Jahren um mindestens 2 Faden gehoben wurde, so dass um ebensoviel Faden die Quelle verschlammt ist. Vor drei Jahren wurde die Quelle nach neuster Art verbessert, wobei unter anderem eine Menge Zement verwendet wurde. Die Gesamtkosten beliefen sich auf ca. 3ooo Rubel.

In alten Zeiten war die Quelle mitten im Urwalde und auch in späteren Jahren noch war sie mit allerlei Bäumen, Sträuchern und Gestrüpp umgeben. Ich kann mich noch gut erinnern, dass unser Haushof voller sehr dicker Stümpfe war, welche noch vom Urwald herrührten. Für unsere Vorfahren mags anfänglich doch nichts Leichtes gewesen sein, mitten im Urwalde beständig der Gefahr von Räubern und wilden Tieren ausgesetzt zu sein. Unsere ganze Bevölkerung steht mit allen Völkerschaften in jeder Beziehung auf freundschaftlichem, guten Fusse, als sei es eine grosse Familie, und es existieren auch schon einige Mischehen; jedoch sind das nur solche Familien, welche schon sehr lange Jahre garnicht hier wohnhaft sind.

Zum 28. August 19o9 wurden es 142 Jahre, dass die hiesige Kolonie Jagodnaja Poljana 1767 gegründet wurde. Noch heutzutage wird der 28. August „Herkommenstag“ genannt. Lange Zeit hindurch wurde dieser Tag alljährlich  kirchlich und gottesdienstlich gefeiert, jedoch nach und nach unterliess man die Feier; auch wurde an diesem Tage keine Arbeit getan. Dass man diesen Tag ohne Gottesdienst feierte, indem man sich aller Arbeit enthielt, kann ich mich noch aus meiner Knabenzeit erinnern, aber es war ohne Gottesdienst ein Tag des Bummelgehens.

Damals warens im Ganzen 8o Familien, während es jetzt fast 13oo Familien sind mit annähernd 1o ooo Seelen beiderlei Geschlechts ohne die vielen Übergesiedelten und Ausgewanderten. In den Jahren 1857 und 1858 fand eine grosse Übersiedlung ins Samarische Gouvernement, nach dem Flusse Ober-Jeruslann staat (sic!), wo von den hiesigen Übersiedlern zwei Kolonien gebildet wurden, nämlich Schönthal, jetzt aus 2945 Seelen bestehend und Neu-Jagodnaja, jetzt aus 2113 Seelen bestehend und seit 17 Jahren mit ersteren Ausgewanderten nach Nordamerika können gut 2o und mehr Jahre gerechnet werden, was auch 152o Seelen gibt. Hier folgen die hauptsächlichsten Staaten in Nordamerika, in welchen von unseren Leuten mehr oder weniger zu finden sind, z.B. Cansas, Colorado, Pine Island bei New-York, Baltimore, Oklahama, Wisconsin, in der Stadt Oshkosh, Washington, im fernen Westen und Canada, in der Stadt Culgary, also im Nordwesten. In Washington und Calgary im Staate Canada, haben es einige schon zu sehr grossem Reichtum gebracht, 3o, 4o, 5o und 7o ooo Dollars und höher. Von diesen Krösusen sind einige schon etliche Monate hier zum Besuche gewesen und wenn sie sich nach dem längeren Nichtstun langweilen, gehts wieder retour zum Eldorado. Man hat bei aller Armut und teuren Zeiten dennoch auch hier Wirte, welche dieses Krösusen womöglich noch weit überlegend sind, die also nicht 5o ooo, sondern 15o ooo Rubel an Vermögen mindestens besitzen und, diese Leute besitzen fast garkeine Bildung, aber sie sind dennoch geriebene Geschäftsleute. Die hiesige Kolonie ist im Vergleiche zu Schotten, Nidda, Büdingen und mit vielen anderen dortigen Städten, je einzeln genommen, bedeutend grösser, so dass also die Tochter-Landgemeinde grösser ist, als alle obengenannten Mutter- Stadtgemeinden. Wenn alle Übergesiedelten und Ausgewanderten noch hier wären, so würde sich eine Seelenzahl von 16 578 ergeben, also eine grössere Seelenzahl als unser gesamtes aus drei Kolonien bestehendes Kirchspiel hat. Die Vermehrung ist trotz grosser Sterblichkeit durch mehrfache Epidemien unter Erwachsenen und namentlich unter den Kindern, dennoch in 142 Jahren kolossal gewesen! Das Klima ist hier im allgemeinen sehr gesund, so dass viele im Winter Erkrankte sich im Sommer erholen.

In den letzten Jahren und auch gegenwärtig sind viele nach Sibirien übergesidelt, und zwar in die Gegend von Imsk und Akmolinsk, deren Anzahl auch schon mehrere Hundert beträgt, von denen auch schon einzelne Familien zurückgekommen sind, weil es ihnen daselbst wegen gänzlichem Wassermangel (Quellen) nicht gefallen hatte, und auch so manches andere daselbst vermissen, was sie hier umsonst und in Fülle haben. Mit dem Übersiedeln und Auswandern in andere Länder und Gegenden  scheint es, als ob sich die Menschen untereinander ansteckten, was man mit einem Fieber vergleichen könnte, als Übersiedlungs- und Auswanderungsfieber, weil bei solchen Perioden die Menschen wie toll hineinrennen ohne jegliche Überlegung, wo auch jeder wohlgemeinte Rat zu Schanden ist. Sie stürzen sich blindlings mit grosser Hast ins Verderben.

Im Jahre 1774 am 5. August wurden die Hiesigen von dem gefürchteten Pugatschew mit seiner Räuberbande überfallen, welcher mit seinen Raubgenossen von Petrowsk nach Saratow eilte, und hierbei auch unsere Kolonie heimsuchte, jedoch hier weiter keine besonderen Übeltaten verübte, ausser dass er drei Mann mitschleppte, welche später zu Tode gepeitscht worden sein sollen. Einen Berg und eine Schlucht zeigt man heute noch, wo er sein Lager hatte. Sonst ist gesagt, dass dieser Aufwiegler Pugatschew vom 9. – 13. August 1774 sein Unwesen in den deutschen Kolonien an der Wolga, auf der Berg- und Wiesenseite getrieben habe. Er soll grosse Ähnlichkeit mit Peter III. gehabt haben, weshalb er sich für denselben ausgab.

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Deutsche Kolonisten

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