„Mamma, Mamma, stell dir mol vor, die Ur-Ur-Omma war ene Baronin, das hot die Babbe eäben verzählt!“ „Ach, Kindche, was de Eoldere fer Geschischte verzehle. Warum sollte en Hoaggeboorne en Schneider heirate un mit m ihm noch Molodschna ziehe?“
So, oder ählich klang es wohl im Hause Littich (Littig) und man schüttelte ungläubig den Kopf. Der Pfarrer selbst hatte doch den Sterbeeintrag der Urgroßmutter ins Kirchenbuch Molotschna eingetragen, da stand nichts von adlig, Baronesse oder „von“… es war einfach nur Henriette Littich, geborene Gottesheim aus der Stadt Straßburg, die 1844 an Auszehrung starb.1
So hielt sich das „Gerücht“ der adligen Herkunft in der Familie, welches sich im Zuge meiner Nachforschungen als echt bestätigt.
Beginnen wir ganz am Anfang, seit etwa 1300 findet sich die Familie Gottesheim im Elsaß, man vermutete eine Einwanderung aus Tirol oder der Schweiz. Kaiser Maximilian bestätigt im Jahre 1513 den Brüdern Friedrich und Philipp von Gottesheim ihren Adelstitel.
„Innerhalb breiter g. Bordur, in B. ein mit 3 g Sternen hintereinander belegter r. Schrägrechtsbalken. Auf dem Helme ein b. Schwanenrumpf mit dreizackigem r., mit g. Stern je bestetzten Rückenkamm. Decken b. g.“2
Aus der Geschichte wird berichtet, dass die Edlen von Gottesheim zunächst in Hagenau lebten, Philipp II. von Gottesheim war Ende des 16. Jahrhunderts einer der wichtigsten Bürger Hagenaus.
Im Jahr 1560 wurde er zum Schöffen gewählt, 1580 Salzbeseher, dann Verordneter zu St. Georgen, Armbrustversorger, Winterherr, und Pfleger zu Marienthal, in der Elendherberge, bei den Wilhelmitern, den Reuern und den Barfüssern. Michel, Philipps Sohn, war Rendherr in den Jahren 1610 und 1611.
In Strasbourg lebte der Neffe von Philipp II., Matthias II., ihm gehörte das Lehen Geudertheim, er war Mitglied des Rates seit 1581, so war es einfach, um 1625 nach Strasbourg überzusiedeln aus Gründen der Religion, man war nun protestantischen Glaubens.
Mathias von Gottesheim Dreüzehener der Zunfft, gestiftet 161114
Wie lange die Edlen von Gottesheim bereits Lehnsträger waren, zeigen alte Urkunden:
1586, ist ertheilt worden : “ … güter und zinse in Geudertheim und zehenten in etlichen Dörfern, wie 1471, und an der andern Seiten an den weg zum bach gelegen ; it. das halb dorf Geudertheim, den blutbann allda mit zwing und bann, und aller rechten und herrlichkeiten, zinsen, nutzen, gülten und zugehörungen …“3
An. 1680, den 29. Mai, erhalten die Edlen von Gottesheim nochmals von Kaiser Leopold, und am 27. jän.1681, von dem Könige Frankreichs ihr Lehen : „Wir Leopold, röm.kaiser, … bekennen und tun kunt… dass uns des richs lieber getreuer Johan Friedrich von Gottesheim , für sich als der älteste und Lehenträger, und für seine Brüder Eliam und Philipp Friedrich von G., unterthänigst angerufen und gebeten, dass wir ihn auf absterben ires vaters Johann Friedrich, gewesener Lehnträger, die hier nachgeschrieben stück und gilt mit namen : … wie 1586 … so von uns jüngst hiebevor unter dato 12. mai 1671 irem vater verliehen worden… wiederumb zu Lehen verleihen , … angesehen demüthige bitte und nützliche dienste… haben ihn dieselbe stück… gnadiglich zu Lehen gereichet. Prag, 29. mai 1680“3
Den 22. jän. 1726, zu Geudertheim, attestiren die Edlen von G., Phil . Friedrich , Joh . Philipp, und Joh . Friedrich, dass sie, zuvor von k. k. Majestät, jetzt von kön. Maj. in Frankreich, zu lehen tragen: „Das haus mit seiner zugehör in der burg zu hagenau , an der einen seit neben denen von Weitersheim, und uf der andern an dem weg zum bach gelegen. Nota: Peter Barbier als einwohner und besitzer dieses häusleins gibt järlich an lehnung zins 10 gl.; item Felix Bechtold gibt järlich von dem garten plätzlein zu bemeltem haus gehörig …. 1 gl . 5 f.„3
Wie aus diesen Urkunden ersichtlich, lebten die von Gottesheim nicht nur in und um Geudertheim, sie waren auch in hohen militärischen Rängen. Der urkundlich 1726 genannte Philipp Friedrich lebte in seinem Schloss in Geudertsheim, später Château du général baron de Schauenburg.4
Verehelicht seit dem 7. Oktober 1699 in Geudertsheim mit Marie Elisabeth Krusenmarch sind mir namentlich bekannt aus den Kirchenbüchern die Kinder Jeoan Philipp Görg (1703-1760), Friedrich Nicolay Emanuel (*1709), Catharina Louisa und Philipp Jacob (um 1714-vor 1779). Letzterer, verrehelicht mit Maria Magdalena Louise Kuder, wurde Vater von Friedrich Heinrich Freiherr von Gottesheim (1749-1808).
Jeoan Philipp Görg (1703-1760), verehelicht am 13. März 1637 in Strasbourg mit der Tochter des dortigen Juweliers Johann Georg Finx, Catharina Dorothea, wurde Vater von Philipp Georg (1738), Friederica Barbara (1739), Friedrich Carl Ludwig (1741), Ernst Friedrich Emmanuel (1742), Franciscus Ludwig (1744), Ludwig Samuel (1746) und Johann Gottlieb (1753). Am 17. Oktober 1760 ist er in der Schlacht bei Kloster Kamp im Siebenjährigen Krieg gefallen.5
Ludwig Samuel Baron von Gottesheim, hier im Gemälde mit weiblichen Familienmitgliedern zu sehen, wurde am 27. August 1746 in Geudertheim geboren.
Geburtseintrag des Barons von 17466
Wie sehr sich sein Leben wandeln würde, war ihm am 2. April 1782 sicher nicht bewußt, als er Catharina, Tochter des Georg Gruber aus Eckwersheim, heiratete. Eine Ehe, die schnell erfolgen musste, da Wilhelmina Henriette bereits am 2. Mai 1782 zur Welt kam, ihre Schwester Magdalena Catharina Louisa, wurde in den Wirren der Französischen Revolution am 13.11.1790 geboren und starb am 5. November 1851 in Wintzenheim.
Geburtseintrag von Wilhelmina Henrietta 17826.1
Der Vulkanausbruch vom 8. Juni 1783 auf Island verursachte erhebliche Veränderungen der klimatischen Bedingungen in Europa, infolge der Kleinen Eiszeit im Jahr 1788 erlitten die Bauern, also etwa vier Fünftel der Bevölkerung Frankreichs, eine massive Missernte, dann folgte ein äußerst harter Winter. Während überall Not herrschte, waren die Speicher vieler weltlichen und geistlichen Grundherren, denen sie Abgaben zu entrichten hatten, wohl gefüllt. Es kam zu Protesten und Forderungen nach Verkauf von Brot zu einem „gerechten Preis“, weil die Getreidepreise stark gestiegen waren. Auch in den Städten stiegen die Preises um das Dreifache des Üblichen. Im Frühjahr 1789 zogen organisierte Bettlerbanden von Hof zu Hof, um bei Tag und bei Nacht, oft unter heftigen Drohungen, Nahrungsmittel zu erzwingen. Zeitgleich brodelte es zwischen den Katholiken und Protestanten um die Rechte der Kirchen, der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 war daher nur der Beginn dessen, was Frankreich ein für allemal verändern sollte. Die Angst vor einem aristokratischen Komplott bei den anberaumten Wahlen zu den Generalständen führte zur „Großen Furcht“ (Grande Peur), ab Mitte Juli bis Anfang August 1789 gab es massiven bäuerlichen Angriffe auf Schlösser und Klöster, die vom 17./18. Juli an geplündert und in Brand gesteckt wurden mit dem Ziel, die Archive mit den Urkunden über die Herrenrechte zu vernichten und den Verzicht der Grundherren auf ihre feudalen Rechte zu erzwingen.7
Unter dem Eindruck dieses Geschehens und nach Angriffen der „Schreckenszeit“ 1793 flüchtete der Baron von Gottesheim, „mit nicht mehr als meinen armen Kindern entblößt von allen Mitteln“ zusammen mit der Familie seiner Schwester, eine verehelichte de Mauroy nach Ludwigswinkel.11 Ebenso floh die Ehefrau seines Bruders Ernst Friedrich Emanuel, Marie Anna, geborene Schillinger, mit Sohn Ferdinand Friedrich Ludwig Emanuel, der noch am 20. August 1793 in Geudertsheim geboren wurde.
Ludwigswinkel ist ein kleiner Ort, entstanden 1783 rund um den Reißlerhof, als der Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt einen Erholungsort für seine Soldaten gründete. Dieser Hof wurde von den Erben des Hanau-Lichtenbergischen Zollpächter Hans Georg Schlick aus Fischbach nach seinem Tod 1745 auf dem von ihm 1722 erworbenen Grund erbaut und diente als zunächst als Forsthaus.
Der örtliche Amtmann Namens Hopffenblatt wollte von dem Hof aus jedoch die Ludwigswinkler Siedlungsgeschäfte leiten und so wurde ein Teil des Hofhauses entsprechend umgebaut und ausgestattet. Als Hofmann berief man Peter Röckel von der Martinshöhe, leider starb dieser im August 1784, es folgten zwei weitere Pächter, Georg Süß aus Fröschweiler und der Wiedertäufer Daniel Steiner.9
Ebenso errichtete man in den Jahren 1785/86 an der Stelle der örtlichen Mahlmühle einen Blechhammer.
Wetterunbilden der kleinen Eiszeit trafen aber auch hier die Pächter, im Jahre 1790 vernichteten Hagelunwetter und mehrere Überschwemmungen alle Feldfrüchte, eine Viehseuche raffte einen großen Teil der Herde dahin, daher konnten die Pächter die bereits ermäßigten Abgaben nicht mehr entrichten und mussten den Hof verlassen.
Am 6. April 1790 verstarb Landgraf Ludwig, so wurden die Pachtverträge zwei Jahre später neu geordnet, das Gut für eine neunjährige Lehne ausgeschrieben.
Baron Ludwig Samuel von Gottesheim und sein Schwager, der Herr von Mauroy, bewarben sich um das Lehen9 , mussten jedoch schnell einsehen, dass das für zwei Familien zu klein war, daher übernahm der Baron das Anwesen 1793 allein und verlor so den Rest seines Vermögens.
Der Witwer ehelichte Maria Eva Nagel und zeugte mit ihr die mir bekannten Kinder Maria Anna Sophie (1798-1817), Jacob Christian Friedrich Ludwig (1802-1872) und Philipp Georg Heinrich Ludwig (1814).
Die Französischen Revolution erreichte bereits 1792 Ludwigswinkel, alle linksrheinischen Gebiete, auch das Amt Lemberg samt Ludwigswinkel fielen im Jahre 1794 bis 1804 an Frankreich und wurden nach 1804 Teil des Napoleonischen Kaiserreichs.
Der Baron führte das Hofgut „wie ein Taglöhner“ und war gezwungen, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, nach und nach 3000 fl. Schulden anzuhäufen. In Folge der politischen Entwicklungen wandte er sich 1804 nach Baden, und bat in einem Brief vom 23. Oktober 1804 um Unterstützung, da er ohne jedes Vermögen, welches er 1793 verlor, erhebliche Schulden machen musste und nun von seinen Gläubigern angegriffen wurde.11
Tochter Wilhelmina Henriette Baronesse von Gottesheim heiratet vor 1803 den Schneidermeister Philipp Heinrich Lüttig (1773-1830), Sohn des Philipp Heinrich Ludig (1736-1785), einem Dreher, und der Marie Eva Andreß (um *1738) aus Vinningen. Ihre Herkunft spielte nun keine Rolle mehr, die Familie war arm und musste wie Jedermann um ihr Auskommen kämpfen, Standesdünkel waren fehl am Platz, das Schneiderhandwerk sorgte für eine Mahlzeit auf dem Tisch.
Geburtseintrag von Philipp Heinrich Lüttig 177312
Wo die Eheschließung statt fand, entzieht sich noch meiner Kenntnis, die Familie wanderte stark, Peter kam 1803 in Weilerbach zur Welt, Mariana 1805 in Strasbourg, Sophia Margaretha 1807 in Langmühle, Katharina Magdalena 1809 in Pirmasens. Ob es am Beruf des Vaters lag oder an den Verhältnissen der damaligen Zeit, wir wissen es nicht.
Fakt ist, 1811 wird die Familie in Alt Montal, Taurien in der Revisionsliste erfasst:
Nr. 46 Littig, Phillip 37, aus Lemberg/Pirmasens-Pf, seine Frau Hendrietta 26, seine Töchter Mariana 8, Magaretha 5 und Catharina 2. Wirtschaft: 6 Pferde, 10 Rinder, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Wage und 1 Spinnrad.
Als die die französischen Revolutionsgarden 1815 den Wasgau einnahmen, verstaatlichten sie die Hofsiedlung. Die Familie von Gottesheim war wieder auf der Flucht, wo der Baron starb, ist mir nicht bekannt. Sein oben erwähnter Cousin Friedrich Heinrich (1749-1808) starb in Prag. Die Nachkommen unternahmen ab 1910 noch einmal den Versuch, den Titel eines Freiherren zu führen, was ihnen jedoch verwehrt wurde.13
Nachkommen der Auswanderer in die Molotschna leben heute in Deutschland, Russland und Canada.
„Do hot die Grommer awer rechd gehatt!“
Vorfahren von Wilhelmina Henriette Baronesse von Gottesheim (1782-1844), Spitzenahn Clauss Edler von Gottesberg (um 1300)
2 Gritzner, Maximilian [Bearb.]; Siebmacher, Johann [Begr.] J. Siebmacher’s großes und allgemeines Wappenbuch: in einer neuen, vollständig geordneten u. reich verm. Aufl. mit heraldischen und historisch-genealogischen Erläuterungen (Band 2,10): Der Adel des Elsass — Nürnberg, 1871, p 10., Tafel 12
3 Das Eigenthum in Hagenau im Elsass, von Franz Batt, Zweiter Theil: Die Burglehen und, beiläufig, das etichonische Besitzthum in der Umgegend. Colmar, Buchdruckerei und Lithographie von M. Hoffmann 1881, p. 579ff
4 Le château du général baron de Schauenburg à Geudertheim. M. Bertola 1799, Museum der Stadt Straßburg, Kupferstichkabinett, public domain
Im Vordergrund der Baron (mit dem Gesicht zum Betrachter stehend), die Frauen sind Mitglieder seiner Familie, der Zeichner Bertola (sitzend) auf dem Stuhl.
5 Geschichte der Fremd-Truppen im Dienste Frankreichs, von ihrer Entstehung bis auf unsere Tage, sowie aller jener Regimenter, welche in den eroberten Ländern unter der ersten Republik und dem Kaiserreiche ausgehoben wurden: (in zwei Bänden, mit Kupfern). Von Eugène Fieffé. Deutsch von F. Symon de Carneville, München Deschler 1857, Bd. 1, p.460
6 Archives d´ Alsace, Geudertheim, Registre de baptêmes 1736-1777 – 3 E 155/3
Um die Bestrebungen der Kolonien in Übersee zu unterdrücken, mietete die britische Krone reguläre Truppen, der größte Anteil von etwa 12.000 Mann kam aus der Landgrafschaft Hessen-Kassel, unter dem Regenten Friedrich II. von Hessen-Kassel, weshalb die Amerikaner bei den kämpfenden deutschen Truppen allgemein von den „Hessen“ sprach. Hessen-Kassel schloss einen Subsidienvertrag mit der britischen Krone und verpflichtete sich gegen Entgelt zur Entsendung von fünfzehn Regimentern, vier Grenadier-Bataillonen, zwei Jäger- (bestehend aus gutausgebildeten Gewehrschützen und Förstern) und drei Artillerie-Kompanien.1 Hessen-Kassel stellte somit das weitaus größte Kontingent an deutschen Soldaten für die britische Krone.
Zu diesen Truppenverbänden gehörte das Regiment von Bose, (bis 1778 von Generalmajor von Trümbach), 1724 bis 1786 stand das Regiment in Diensten des Grafen von Hanau, ab 1778 befehligt von Generalmajor C. E. J. von Bose.
Die angeworbenen Soldaten waren in der Regel freiwillig in den Kriegsdienst eingetreten, da der Verdienst lockte, viele „Ausländer“ wurden jedoch zwangsrekrutiert, was jeder Mann ausserhalb der Einwohnerschaft der Landgrafschaft Hessen-Kassel war. So auch Johann Gottfried Seume (1763-1810), der schilderte: „Ich wurde nach Ziegenhayn verhaftet, wo ich viele Unglücksgefährten aus Land allen Teilen der Welt fand. Dort warteten wir darauf, im Frühjahr nach Amerika geschickt zu werden, nachdem Faucitt uns hätte inspizieren sollen. Ich habe mich meinem Schicksal hingegeben und versuchte, das Beste daraus zu machen, so schlimm es auch sein mochte. Wir blieben lange in Ziegenhayn (Ziegenhayn war ein ungesunder) Ort, an dem die meisten Männer an Skorbut oder Juckreiz erkrankten.“2
Der Büchsenmacher Johannes Konrad Hansen hingegen war bereits 1774 in Diensten, wie wir dem Hochfürstlichen Hessen-Casselischen Staats- und Adreß-Calender3 entnehmen können.
Für ihn war es ein Teil seines Millitärdienstes, keine Zwangsrekrutrierung. Er kümmerte sich u.a. um die Instandhaltung des verwendeten Musketenmodells Potzdam M17409
Die Hoffnung, den Krieg zu überstehen und mit finanziellem Gewinn der Familie danach ein besseres Leben bieten zu können, hatten viele der Soldaten. Entsprechen blieb ein Soldatenlied erhalten.
Juchheisa nach Amerika, Dir Deutschland gute Nacht! Ihr Hessen, präsentiert’s Gewehr, Der Landgraf kommt zur Wacht.
Ade, Herr Landgraf Friederich, Du zahlst uns Schnaps und Bier! Schießt Arme man und Bein‘ uns ab So zahlt sie England Dir.
Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Acht! Juchheisa nach Amerika, Dir Deutschland gute Nacht!
Ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, Anno 1775 am 19. Oktober zu Kassel auf der Parade von den abziehenden Militärs mit admirabler bonne humeur vor Ihrer Durchlaucht gesungen ward.
Eine zeitgenössische Darstellung der Uniformen zeigt auch das Bajonett, weitere Fotos zur Uniform und Ausrüstung findet man hier
Abbildung und Beschreibung des Fürstlich Hessen-Casselischen Militair-Staates unter der Regierung Landgraf Friedrich des zweiten, bis zum Jahre 1786, S. 328
Am 13. Februar 1776 verließ das Regiment Bose Hofgeismar und überquerte von Bremerlehe aus den Atlantik nach Staten Island (23. März – 15. August).
Verschiffung der Soldaten nach Amerika (Kupferstich eines unbekannten Künstlers), nachträglich von mir colorisiert
Die Überfahrt war hart, fast vier Monaten an Bord eines englischen Truppentransporters. Seume berichtete über seinen Transport: „… in den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe … Die Lager unter Deck waren übereinander geschichtet, so dass man nicht einmal aufrecht in ihnen zu sitzen vermochte. Je sechs Mann teilten sich eines. Es war so eng, dass sie sich auch nicht auf den Rücken drehen konnten. Alle mussten sich zugleich umwenden, wenn der seitliche Mann „umdrehen“ rief. Die Soldaten erhielten, wenn überhaupt, nur gesalzenes Fleisch.“2
Trotz aller Unbilligkeiten waren auch Familienangehörige der Soldaten mit dabei, so wurde über Ludwig Clausing, Gemeiner im Regiment von Loßberg, bekannt, das er, von seiner Ehefrau begleitet, laut einer Eintragung des Februars 1777, zusammen mit ihr in Gefangenschaft geriet.8
Wir müssen annehmen, auch unser Büchsenmacher Johann Konrad Hansen hatte seine Frau Elisabeth (um 1761-1814) dabei, denn errechnet im März 1783 wurde seine Tochter in New York geboren.
Elisabeth Lupp, geb. Hansen starb am 2. September 1841 in Neu Nassau, Molotschna, im Alter von 58 Jahren und 6 Monaten an der Ruhr, geboren in New York, Nordamerika
Mit der Ankunft in Amerika nahm das Regiment Bose an den Gefechten von Pell’s Point (Schlacht von Pelham, 18. Oktober 1776), Fort Clinton (6. Oktober 1777), Schlacht von Stono Ferry Rall (20. Juni 1779) sowie an der Belagerung von Charleston (29. März – 12. Mai 1780) teil.
Deutscher Holzschnitt der Belagerung von Charleston, South Carolina im Mai 1780. Die Darstellung von Charleston ist imaginär. Da Donnhaeuser eine Ansicht von Charleston fehlte, modifizierte er eine bereits vorhandene Ansicht einer unbekannten deutschen Stadt, um die Belagerung zu zeigen.5
Nachricht von der Belagerung und Einnahme der Stadt und Hafens Charlestown in America6
Es kämpfte unter dem Kommando des in Irland geborenen Majors von O’Reilly in Yorktown (28. September – 17. Oktober 1781) bis zur Kapitulation Cornwallis‘ am 19. Oktober 1781.
Die Kapitulation von Lord Cornwallis, 19. Oktober 1781 bei Yorktown7
Ab Januar 1783 lagerten die hessischen Truppen in New York, am 15. August 1783 schiffte sich das Regiment in New York ein und erreichte am 13. November desselben Jahres Hofgeismar.
Der Weg von Hofgeismar und zurück beträgt über 14650 km, da man hier nur Luftlinie sehen kann.
Rund 6.000 der „Hessen“ kehrten nicht zurück in die Heimat, sondern nahmen das Angebot an, als Siedler zu bleiben, davon gingen ca. 2.500 nach Kanada.
Einfache Soldaten konnten kaum lesen und schreiben. Wenn überhaupt Nachrichten die Heimat erreichten, so blieb sie, im Gegensatz zur offiziellen Offizierskorrespondenz, kaum erhalten oder erreichte nie die Archive. Um so interessanter ist das, was der Nachwelt erhalten blieb:
Die Erlebnisse eines hessischen Soldaten, Namens Valentin Asteroth, im nordamerikanischen Freiheitskriege, auf Grund des von demselben geführten Tagebuchs.
Asteroth, zu Treysa geboren, war 1776 in dem meist aus Schwälmern bestehenden hessischen Regimente v. Huym als Soldat eingestellt worden, als im Mai desselben Jahres der Befehl zum Ausmarsch erging. Nach Musterung auf dem Bowlingreen bei Kassel zog das Regiment durch das hannoversche und bremensische Gebiet nach Rizebüttel und langte nach einer mehr als 100tägigen, durch Stürme und ausbrechende Krankheiten gefährdeten Seefahrt am 7. October an der nordamerikanischen Küste an. Im November bewährte sich schon die hessische Tapferkeit in glänzender Weise, indem das hoch auf einer Klippe gelegene Fort Washington unter Führung des Generals Knipphausen durch einen in der Kriegsgeschichte ewig denkwürdigen Sturm genommen wurde. Dann wurde das Regiment Huym mit 8 englischen Regimentern nach der Küste von Rhode-Island übergesezt und blieb auf dieser Insel, welche die Amerikaner eiligst räumten, als Besagung, sich an den stattlichen Häusern und dem herrlichen Viehstand, sowie den eigenthümlichen Trachten der amerikanischen Bauern erfreuend, aber auch in manche Vorpostengefechte mit amerikanischen Truppen verwickelt. Im Juni 1779 schiffte sich das Regiment nach New-York ein und wurde von da aus wieder nach gefahrvoller Fahrt nach Süd-Carolina befördert, wo es am 31. Januar 1780 landete und nach einem Sturme auf das Fort Maltry die Stadt Charlestown besezte und in dieser längere Zeit als Garnison liegen mußte, welche Zeit Asteroth vorzugsweise zum Unterrichte der dortigen Kinder benußte. Erst im December 1782 wurde Charles town geräumt, worauf die Rückkehr nach New-York und im folgenden Jahre nach der Heimath erfolgte, in der die Hessen im November 1783 eintrafen. Asteroth hat dann als einfacher Bürger noch bis zum 16. October 1831 in seiner Vaterstadt Treysa gelebt.
Mitteilungen an die Mitglieder des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Jg. 1876 1. Viertelsjahssheft, p.2f
Nach der Rückkehr bezieht das Regiment am 29. Mai 1784 die Kaserne in Marburg, Konrad, noch immer beim Militär, ist 1805 im Kurfürstlichen Regiment Landgraf Carl, welches 1806 beurlaubt wird.
Tochter Elisabeth heiratet am 15. April 1805 Friedrich Karl Lupp (1778-1833), Sohn des örtlichen privilegierten Stadt- und Kanzleibuchbinders Daniel Ludwig Lupp.
Im Jahre 1806, mit der Auflösung des Regimentes, wandert die Familie in die Molotschna aus.
Auswanderungsort, über 1900 km entfernt
Mit dabei die Kinder Rosina und Friedrich Gottlieb, Elisabeth mit Schwiegersohn Friedrich Karl und Sohn Karl. Die Famile erfährt danach nichts mehr in Deutschland über den Verbleib und veranlaßt eine Suchanzeige im Jahre 1818.
Suchanzeige von 1818 der Geschwister Hansen zum Verbleib ihres Bruders Konrad10
Im ferner russischen Reich erfährt man davon nichts. Vermutlich wurde er dann für tot erklärt und man verteilte, was ihm hätte zugestanden, denn Akten der Jahre 1830-1834 melden eine Beschwerde der Kinder:
„Forderungen der Geschwister Hansen zu Molotchna in Neu-Russland an den Buchhändler J. F. Lupp in Hersfeld auf Auszahlung einer dem Büchsenmacher [C.] Hansen von der kurhessischen Kriegsbehörde für den Verlust von Gerätschaften während der Feldzüge 1793-1794 bewilligten, von ihm vereinnahmten Entschädigung“
Aus dieser Forderung müssen wir den Zeitpunkt seines Todes auf vor 1830 datieren, seine Frau war schon 1814 verstorben. Der Buchhändler Lupp, Neffe seines Schwiegersohnes Karl Friedrich Lupp, war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits Mittelpunkt eines anderen Skandals, als Beschuldigter eines „Meuchelmordes“.
Wer nun fragt – wie ging es weiter …. diese Geschichte war der Beginn einer langen Reise, Konrad´s Nachkommen schlossen den Kreis und leben heute als Spätaussiedler wieder in Deutschland.
1 Max von Eelking: Die deutschen Hülfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege, 1776 bis 1783 Bd.1 und 2, E.F. Kius´sche Buchdruckerei in Hannover 1863
2 Johann Gottfried Seume, Schreiben aus Amerika nach Deutschland in: Neue Literatur und Völkerkunde, zweiter Band Julis bis Dezember 1789, Hrsg. J.W von Archenholz, p 362-381
3 Hochfürstlicher Hessen-Casselischen Staats- und Adreß-Calender 1774 p20
5 Deutscher Holzschnitt der Belagerung von Charleston, South Carolina im Mai 1780. Die Darstellung von Charleston ist imaginär. Da Donnhaeuser eine Ansicht von Charleston fehlte, modifizierte er eine bereits vorhandene Ansicht einer unbekannten deutschen Stadt, um die Belagerung zu zeigen. 1780 (CC BY-NC-SA)
10 Allgemeiner Anzeiger der Deutschen, Der öffentlichen Unterhaltung über gemeinnützige Gegenstände aller Art gewidmet. Zugelich Allgemeines Intelligenz-Blatt zum Behuf der Justiz, der Polizey und der bürgerlichen gewerbe. Fünzundfünzigster Band. Jahrgang 1818 Erster Band. Gotha. p671
Manchmal ist es ein Zufall, ein Name, ein Ort, der Dinge zusammen fügt – Ahnenforschung ist oft wie ein Puzzlespiel, hat man ein Teil, fügt es andere plötzlich zu einem Bild zusammen. Was eben noch wirr aussah, ist nun ein Ganzes…
Eines dieser Puzzleteilchen ist auf dem Friedhof der Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges in Frankfurt/a.O. zu finden.
Hier liest man „Seel, Friedrich 1880-04.01.1917„1, eine nüchterne Zeile, die eines der vielen menschlichen Kriegsschicksale beinhaltet.
Die Initiativgruppe “Kriegsgefangenenfriedhof Erster Weltkrieg in Frankfurt (Oder)”2 hat einen Auszug aus den Sterbebüchern des Standesamtes Frankfurt (Oder) (1914 bis 1921) veröffentlicht, hier kann man auf Seite 72 lesen:
Seel Friedrich Russ. Kriegsgefangener Soldat seit Dezember 1914 Berufsschullehrer * 06. 09. 1878 evangelisch Wh. u. * Eugenfeld, Kreis Melitopol, Gebiet Saparoschje oo Berta Seel, geborene Springer Vater: Friedrich Wilhelmowitsch Seel Mutter: Anna Seel, geb. Strohm beide in Eugenfeld/Ukraine + 04. 01. 1917 Wo? Eine Recherche erbrachte noch kein Resultat. Im Sterbebuch des Standesamtes Frankfurt (Oder) bzw. in jenen der heutigen Ortsteile Frankfurts ist Friedrich Seel nicht verzeichnet. Es ist zu vermuten, dass er aufgrund seiner Deutschkenntnisse und Bildung in einem anderen Ort tätig war. Die Todesumstände sind nicht ganz geklärt. War es Mord oder Selbstmord durch Strangulation? Über die Beerdigung von Friedrich Seel auf dem Kriegsgefangenen-Friedhof Frankfurt gibt einen dokumentarischen Hinweis: Ein zeitgenössischen Foto von dem Grab mit Inschrift des Namens und der Lebensdaten auf dem Holzkreuz, zu erkennen ist das Umfeld, welches zwei orthodoxe Kreuze zeigt. Somit ist klar, dass Friedrich Seel auf dem Frankfurter Kriegsgefangenen-Friedhof seine letzte Ruhe gefunden hat.
Geboren wurde er als Friedrich Carl Seel am 23. August 18793 in Eugenfeld, sein Vater Wilhelm Seel (1845-vor 1915) war aus Neu Nassau, die Mutter Elisabeth Barbara Schill (1848-1915) aus Hochstädt. Diese Orte liegen im ehemaligen Gouvernement Taurien und gehören heute zur Ukraine. Außer Friedrich Carl sind mir noch 13 weitere Geschwister bekannt. Seine Mutter starb 1915 als Witwe, zu diesem Zeitpunkt waren bereits mindestens sieben ihrer Kinder verstorben, soweit ich das bisher ermitteln konnte. Die hohe Kindersterblichkeit war damals nicht ungewöhnlich, es gab viele Kinderkrankheiten, aber Medikamente zur Behandlung leider noch nicht.
Der Mitteilung aus Frankfurt/a.O. können wir entnehmen, er war Berufsschullehrer – es gab viele landwirtschaftliche Schulen, so dass anzunehmen ist, Friedrich war an einer dieser tätig. In Eugenfeld gab es eine landwirtschaftliche Schule, in Odessa konnte man Landwirtschaft studieren, ebenso in Dorpat, aber auch in Deutschland fanden sich viele der Kolonistennachkommen zu einer Ausbildung ein, um ihr Wissen dann in die Heimat mitzunehmen.
Friedrich heiratete Berta Springer (*1881 Alt Nassau)4, die genannte Anna Strohm (*1851) war nicht seine Mutter, sondern seine Schwiegermutter, verehelicht mit Andreas Springer (*1847). Woher die falschen Angaben kommen, ist für mich nicht ermittelbar – falsche Übertragung von Dokumenten oder gar bewusst falsche Angaben seinerseits als Kriegsgefangener?
Der Auszug des Kirchenbuches belegt uns die Eltern von Berta.
Dem Paar werden drei mir bekannte Kinder geboren: Otto Friedebert (1906-1977), Ernst Jakob (1907-1915) und Olga Christine (*1910).
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges verändert alles, Friedrich wird ihn nicht überleben.
Wie er nach Deutschland kam, ist nicht bekannt, vermutlich, wie viele der Kolonistensöhne, als Dolmetscher, da sie nicht nur deutsch sprachen – sondern hervorragend russisch, oft auch weitere Sprachen örtlicher Volksgruppen – nahmen die deutschen Truppen sie als Dolmetscher mit und entließen sie nach Endes des Krieges in Deutschland, hier habe ich bereits einige ähnliche Personalien ermittelt.
Dieser entstand aus Notwendigkeit, da man in Frankfurt/a.O. 1915 ein Kriegsgefangenenlager geschaffen hatte, in dem bei Kriegsende 1918 noch 22.986 Männer interniert waren. Neben Briten, Franzosen, Belgiern, Rumänen, Serben und Italienern weit über 17.000 Soldaten der russischen Armee.
Die Bedingungen des Lagerlebens sorgten durch schlechte Ernährung und Krankheiten für zahlreiches Todesfälle, daher wurde im Sommer 1915 in Lagernähe ein gesonderter Friedhof angelegt, auf dem die Toten gemäß den Bestattungsritualen5 ihrer Religionen beigesetzt wurden.
Nur durch die Registrierung der Friedhofsverwaltung und ihrer Personenangaben, kann man heute auf ein Register2 mit 581 Namen zurück greifen.
Die Haager Landkriegsordnung von 1899/1907 gestattete Kriegsgefangenen die Ausübung ihrer Religion und Kultur, so entstand im nahegelegenen Eichenweg die Heilandskapelle.
Auf dem Foto das Richtfest 19156, ein einfacher Holzbau, im Volksmund „Russenkirche“, deren Gestaltung7 der Innenräume ebenfalls von den Kriegsgefangenen ausgeführt wurde.
Hier fanden Theateraufführungen, Konzerte, Gottesdienste und Lesungen für die Kriegsgefangenen aller Nationen und Religionen statt.
Nach Ende des Krieges verfiel die Kirche, ehe im Jahre 1923 der Heimkehrerbauverein gegründet wurde, der eine freie, zivile Siedlung aufbaute. Am 9. August 1925 gründete sich der „Verein zur Förderung des kirchlichen Lebens im Heimkehrlager“ und 1928 übergab der Magistrat der Stadt Frankfurt/a.O. die Kapelle der evangelischen Kirchengemeinde. Bei der feierlichen Einweihung am 2. September 1928 wurde ihr vom Generalsuperintendenten D. Vits der Name Heilandskapelle verliehen.8
Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser mehr über die Familie des Friedrich Seel bekannt, dann würde es mich freuen, davon zu erfahren.
Sein Gedenken wurde in Frankfurt/a.O. für die Nachfahren bewahrt.
Was ich Ihnen erzählen kann, ist die Herkunft seiner Vorfahren. Der Urgroßvater von Friedrich, Johann Friedrich Seel, wurde am 16. Juli 1788 in Burgschwalbach geboren und wanderte mit Familie nach Alt Nassau in Taurien aus. Sein Vater Johann Jacob Friedrich (*1751) starb kurz nach der Durchquerung der Passstelle Grodno im Mai 1804, denn seine Ehefrau, Friedrichs Mutter Anna Sophia Sänger (1752-1834), trifft ohne ihn im Dezember 1805 in Taurien ein.
Ganz unbekannt war der Familie Russland jedoch nicht, bereits 1767 hatten sich Verwandte auf den Weg gemacht und lebten mit Familien in Kaltschinowka und Rundewiese.
Was ich ebenfalls berichten kann, ist die Geschichte ihres gemeinsamen Vorfahren, Johann Philipp Seel (1618-1680), ehemals hochherrschaftlicher Schultheiß von Burgschwalbach, der sich plötzlich in die Hexenprozesse von Idstein im Jahre 1676 verstickt sah und in deren Verlauf seine Ehefrau Anna Elisabeth „die alte Schultheißin“ (um 1604-1676) zum Tode verurteilt und verbrannt wurde.
Die Umstände waren nicht vorhersehbar und erscheinen aus heutiger Sicht makaber, trotzdem möchte ich sie hier kurz anreißen, da Anna Elisabeth eine Erwähnung verdient hat.
Ihr gemeinsamer Sohn Johann Jakob (+1690) – Kirchensenior und Schultheiß in Burgschwalbach – ehelichte am 20. September 1666 die Tochter des örtlichen Pfarrers, Anna Veronica Heymann. Das junge Mädchen hatte am 20. November 1668 ein totes Söhnlein zur Welt gebracht unter schweren Geburtsumständen und starb Tags darauf.9
Ihr Vater, Pfarrer Johannes Heymann (um 1619-1690) zeigte daraufhin die anwesende Hebamme und die Schwiegermutter Anna Elisabeth Seel als Hexen an, da er glaubte, sie hätten seine Tochter mit Verzauberung und das tote Enkelkind durch teuflischen Segen (es erhielt einen Nottaufe unter der Geburt) umgebracht.
So nahm der Hexenprozess mit seinem gut dokumentierten Fragenkatalog seinen Lauf, die Frauen wurden angeklagt und beschuldigt. Die Liste der Vorwürfe erweiterte sich erheblich, es wurden Zeugen befragt, darunter die eigene Familie und Anna Elisabeth antwortete wahrheitsgemäß, was ihr letztlich als Hexerei ausgelegt wurde.
So wurde am 23. Oktober 1676 das Urteil gefällt: „….Zu wohl verdienter straf undt anderen zu einem abscheulichen Exempel mit dem Feuer vom Leben zum Todt hinzurichten undt zuverbrennen seye…“10
Wer meint, das Zeitalter der Hexenverfolgung wäre vorbei, der sei eines Besseren belehrt, am 10. August ist der Internationale Tag gegen Hexenwahn, der an die heutigen Opfer weltweit erinnert und unsere Aufmerksamkeit darauf lenken soll, wie man im Namen von Religionen und Ideologien Menschen ausgrenzt, ihrer Würde beraubt, sie verurteilt und um Leben, Gesundheit, Heimat, Familie, Hab und Gut bringt.
5 wikimedia, Frankfurt an der Oder, Kriegsgefangenenlager, Beerdigungszug eines russischen Gefangenen
6 wikimedia, Heilandskapelle Frankfurt (Oder). Richtfest 1915 aus: Monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. 28. Jahrgang, Nr. 5. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Oktober 2018, ISSN 0941-7125, S. 60
Zur Geschichte der deutschen Kolonien am Schwarzen Meer
Abschrift vom Original mit Ergänzungen von J. Rzadkowski
aus einem Brief von Jakob Großmann1
Neumontal.6 Diese Kolonie wurde im Jahre 1815 angesiedelt. Die Vorfahren der Bewohner von Neumontal ließen sich ebenfalls 1804 im Molotschnatale bei Altmontal nieder, brachen dann aber ihre Gebäude im oben genannten Jahr ab und siedelten auf der Steppe an, wo sie das Land bequem rings um das Dorf her haben. Dieses Dorf hat wie auch Grüntal und Andreburg bei der Bodenbearbeitung viel vor den Taldörfern voraus, weil das ganze Land keine Bodenerhöhungen aufweist. Das Dorf hat eine gerade Straße, die von Osten nach Westen führt. Höfe sind nur 40 mit ca. 242 Seelen (131 männl.,111 weibl.). Zur Kirche, Wolostamt und Doktor sind 12, zur Bahnstation Prischib 15 und zur Kreisstadt 58 Werst2. Die Schule ist ein älteres Gebäude. Die Fenster schmal, weshalb das Licht auch nur in ungenügendem Maße eindringen kann. In hygienischer Hinsicht lässt dasselbe überhaupt viel zu wünschen übrig. Die Bänke sind unpraktisch. Die Lehrerwohnung ist eng und klein, was übrigens auch im größten Teile der übrigen Dörfer dieser Wolost der Fall ist. Jeder Bauer beansprucht für sich und seine Familie 4 – 6 Zimmer – der Lehrer hat zwei, schreibe und sage zwei. Zu seiner Arbeit hätte er doch dringend ein besonderes Arbeitsstübchen nötig, aber – das muss er sich denken. Im Jahr 1912 waren 49 Schulkinder, die von einem Lehrer unterrichtet werden. Zeitweise hatte die Kolonie auch einen Hilfslehrer. Das Gehalt des Lehrers ist gering. Rechnet man die Belohnung für den Schreiberdienst, der mit Ausnahme Prischibs, Heidelbergs und einiger anderer Kolonien sonst leider überall noch mit dem Lehreramt verbunden ist, ab, so bleibt dem Lehrer höchstens – ein Knechtlohn. In Weinau und einigen anderen Orten hat man schon eingesehen, daß, da die Preise auf alle Lebensmittel und was man sonst zur Lebensnahrung und Notdurft gebraucht, so sehr gestiegen sind, der Lehrer mit einem Gehalt von 500 – 600 Rbl. nicht bestehen kann. – Hier sei noch ehrend eines Mannes – Jakob Bogdanowitsch Schwarz – gedacht, der, aus dieser Kolonie hervorgegangen, nach Absolvierung der Universität sich in Berdjansk niederließ, wo er zuerst гласный3 war, dann Präsident der Semstwouprawa4 wurde. In diesem Amt blieb er bis zu seinem Tode im Jahr 1909. Er tat viel für die Hebung der Bildung des Volkes. – Neumontal ist wie alle Dörfer auf der Steppe ein Ackerbau treibendes Dorf. Handel und Gewerbe sind schwach vertreten. Zum Dorf gehören 1.765,3 Deßjat.5 brauchbaren und 32,8 Deßj. unbrauchbaren Landes. Der Boden eignet sich vortrefflich zum Anbau aller Getreidearten. Da aber Ackerbau rationell betrieben wird, so sind die Ernten in den letzten zwei Jahrzehnten auch gute, selten mittelmäßige und unter mittel gewesen. Schöne Pferde sind der Stolz des Bauern, und für die Aufzucht schöner Tiere scheut er keine Kosten. Nach der letzten Statistik hatte das Dorf 285 Pferde, 195 Stück Rindvieh und 105 Schweine.
Foto Neumontal6, im Vordergrund die Schule [koloriert J. Rzadkowski]
Neumontal, gegründet 1816 (evang.)7, 21 Fam. kamen aus Altmontal
1 Baitinger, s. Friedrichsfeld Nr. 16
2 Bischler
3 Ebert, s. Alt-Montal Nr. 34: Ebert, Georg 41, aus Hochstetten/Karlsruhe-Ba. seine Frau Maria 36, seine Kinder Jacob 17, Elisabeth 17, Georg 16, Regina 12, Adelgunda 11, Christina 6, Mathias 5, Maria 4 und Frantz 1. Wi: 5 Rd. und 1 Wag.
4 Gilling
5 Grosse
6 Guggenheimer, s. Hochstaedt Nr. 28
7 Hoffmann
8 Jung
9 Kaefer, s. Alt-Montal Nr. 6: Kaefer, Jacob 30, aus Muenchweiler/Pirmasens-Pf, seine Frau Magdalene 30, sein Sohn Jacob 3, seine Brueder Valentin 25 und Adam 16. Wi: 3 Pfd., 4 Rd., 1 Pfl., 1 Wag., 1 Sprd.
10 Keck aus Nordheim/Heilbronn-Wue
11 Kirschmeier, s. Alt-Montal Nr. 44: Kirchmeyer, Michael 31, seine Frau Anna 25, seine Kinder: Johann 6, Michael 3, Ferdinand 2, Anna 1, „Wirths Mutter“ Anna 61, Sohn Gottlieb 25 und Tochter Maria 20. Wi: 5 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Wag. und 1 Sprd.
12 Koehler, s. Leutershausen Nr. 19
13 Kuebler, s. Alt-Montal Nr. 7: Kuebler, Michael 31, seine Frau Anna 45, seine Kinder Heinrich 17 und Anna 13. Wi: 7 Pfd., 11 Rd., 8 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., 1 Sprd. und 1 Wbst.
14 Leippi, aus Steinfurt/Sinsheim-Ba
15 Lutz, s. Hochstaedt Nr. 19
16 Mermann
17 Morast aus Schriesheim/Mannheim-Ba
18 Nasseide
19 Neuberger, s. Friedrichsfeld Nr. 19
20 Neusser
21 Olegaln?
22 Ott aus Ehrstaedt/Sinsheim-Ba
23 Palmtag, s. Weinau Nr. 17
24 Pfeffer, Jakob Ullrich siehe Alt-Montal Nr. 49, Pfeffer, Ulrich 39, seine Frau Catharina 27, seine Kinder Carolina 4 und Johann 3. Wi: 3 Pfd., 3 Rd., 1/2 Pfl. und 1 Wag.
1 Abdruck in der Eureka Rundschau, 24. Oktober 1917
2 1 Werst = 1,0668 Kilometer
3 гласный (glasnyy) im vorrevolutionären Russland: Mitglied der lokalen Regierung (z.B. Stadtduma)
4 Semstwo = eine Form der Selbstverwaltung der Kreise und Gouvernements in Russland 1864 – 1917, bestand aus Vertretern des Adels, der Bürger und der Bauern; der Wahlmodus sicherte die Vorherrschaft des Adels. Uprawa = Verwaltung
Zur Geschichte der deutschen Kolonien am Schwarzen Meer
Abschrift vom Original mit Ergänzungen von J. Rzadkowski
aus einem Brief von Jakob Großmann1
Altmontal hat bis zum Pfarrdorfe, Gebietsamt und Arzt 5, zur Bahnstation 23 und zur Kreisstadt 55 Werst2. Es wurde im Jahre 1805 von 21 Familien angesiedelt. Diesen steht heute eine Gesamtzahl von 215 Seelen (106 männliche und 109 weibliche) auf 45 Höfen entgegen. Das Dorf selbst dehnt sich von Nordosten nach Südwesten aus, während alles Acker- und Weideland nordwestlich von der Ansiedlung liegt. Der Rücken der Hügelkette ist hier leichter zu ersteigen als bei den vorher beschriebenen Taldörfern, da der Abhang derselben ganz sanft emporsteigt. Doch ist das Bewirtschaften der Felder auch hier nicht leicht. Die Ansiedler erhielten 1803 Deßj.3 brauchbaren und 318 Deßj. unbrauchbaren Landes zugeteilt. Von dem sogenannten Unlande ist jedoch schon manche Deßj. kultiviert worden. Haupterwerb ist Ackerbau und Viehzucht. Die Stückzahl des Viehs belief sich nach letzter Zählung (1912) auf 290 Pferde, 310 Stücke Rindvieh und 200 Schweine. Die Gärten und Plantagen sind – von wenigen abgesehen – in gutem Zustande. Handel und Gewerbe sind nur schwach vertreten: eine Wagenbaufabrik, Schmiederei, Tischlerei, Ziegelei. Die Bewohner des Dorfes sind sehr wirtschaftlich. Aus dieser Kolonie stammte auch der von allen geachtete Landrichter (er hatte seinen Wohnsitz in Michailowka) Th. Werner, der viele Jahre hindurch die verschiedensten Klagesachen der deutschen Kolonisten zu schlichten hatte und wie wohl kaum ein anderer die Charaktereigenschaften derselben kennenlernen konnte. Wenn er Aufzeichnungen darüber hinterlassen hat, dann müssten dieselben recht interessant sein und sollten kommenden Geschichtsschreibern nicht vorenthalten werden.
Die Bewohner Altmontals sind wohl durchgängig recht wohlhabende Leute und ist mancher intelligente Mann unter ihnen zu finden, aber für die Schule wird hier eben auch zu wenig getan, es ist dieselbe ein älteres Gebäude, das den Anforderungen, die heute an ein gutes Schulgebäude gestellt werden, nicht gerecht werden kann. Anschauungsbilder sucht man vergebens. Der Lehrer, Herr Albert Krämer, ist schon lange Jahre am Ort tätig und stammt selbst aus einer alt eingebürgerten Familie dieses Dorfes. An ihm hat sich das Wort: „Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterlande“ nicht bewahrheitet. Die Schule besuchen 19 Kinder.
Foto Altmontal6 [koloriert J. Rzadkowski]
Kolonisten Altmontal Revisionsliste 18115
1, Hardwig, Phillip 39, Weber, seine Frau Catharina 33, seine Soehne Johann 13, Conrath 6 und August 4. Wi: 2 Pfd, 10 Rd., 1 Pfl, 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
2, Scheufele, Johann 43, Weber, seine Frau Regina 45, seine Kinder Johann 17, Magdalena 15, Regina 13, Michael 10 und Catharina 5. Wi: 10 Rd., 1 Schw., 1 Pfl., 1 Egg. und 1 Wag.
3, s. auch 28 Rueger, Jacob 30, Weber, seine Frau Magdalena 28, seine Kinder Christina 7 und Jacob 1. Wi: 2 Pfd., 3 Rd., 1 Wag. und 1 Sprd.
4, s. auch 15 Mann, Jonas 59 senior, Maurer, seine Frau Maria 54, seine Tochter Ester 15, ferner die Witwe Dorothea Schieneman, 20, „dessen“ (deren) Kinder August 4 und Dorothea 2. Nachtrag: Des Jonas Mann Sohn Jacob 30. Wi: 6 Pfd., 17 Rd., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., 1 Sprd. und 1 Wbst.
5, Billmann, Jacob 55, seine Frau Barbara 57, sein Sohn Johann 18. Wi: 2 Pfd., 5 Rd., 1 Pfl., 1 Wag. und 1 Sprd.
6, Kaefer, Jacob 30, aus Muenchweiler/Pirmasens-Pf, seine Frau Magdalene 30, sein Sohn Jacob 3, seine Brueder Valentin 25 und Adam 16. Wi: 3 Pfd., 4 Rd., 1 Pfl., 1 Wag., 1 Sprd.
7, Kuebler, Michael 31, seine Frau Anna 45, seine Kinder Heinrich 17 und Anna 13. Wi: 7 Pfd., 11 Rd., 8 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., 1 Sprd. und 1 Wbst.
8, Bueschler, Johann 58, Zimmermann seine Frau Maria 37, seine Kinder Gottlieb 23 und Lovisa 18. Wi: 2 Pfd., 8 Rd., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
9, Rohde, Johann 31, seine Frau Christina 35, seine Kinder Maria 16, Michael 13 und Martin 6. Wi: 2 Pfd., 9 Rd., 4 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. 1 Sprd. u. 1 Wbst.
10, Reschke, Martin 62, aus Schleswig-Holstein, seine Frau Eva 49, seine Soehne Johann 14 und Christian 11. wi: 10 Rd., 8 Schw., 1 Pfl., 1 Egg. und 1 Wag.
11, Fuehrus, Daniel 37, seine Frau Dorothea 27, seine Kinder Maria 9, Friedrich 7, Daniel 3, Carolina 4. Wi: 7 Rd., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., 1 Sprd.
12, s. auch 4 Schieneman, Friedrich 39, Tischler, seine Frau Sophia 37, sein Sohn Daniel 19. Wi: 20 Rd., 7 Schf., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 2 Wag., 1 Sprd.
13, Probst, Gottlieb 25, seine Frau Charlotte 21, seine Soehne Johann 3 und August 1/2. Zugeschrieben: Fried. Jeschow, 43, und dessen Sohn August 6. Wi: 7 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. u. 1 Sprd.
14, Waechter, Friedrich 30, aus Spechbach/Heidelberg-Ba (?), seine Frau Maria 28 und Tochter Maria 11. Wi: 5 Pfd., 12 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
15, s. auch 4 Mann, Jonas junior 23, aus Mueckenloch/Heidelberg-Ba (?), seine Frau Barbara 21, sein Sohn Jacob 2 und seine Magd Catharina X… 18. Wi: 1 Pfd., 12 Rd., 1 Pfl., 1 Egg. und 1 Wag.
16, s. auch 21 Martin, Martin 29, Schneider, seine Frau Barbara 20, seine Tochter Christina 1. Wi: 3 Pfd., 6 Rd., 1/2 Pfl., und 1 Wag.
17, Misch, Georg 38, seine Frau Margaretha 27, seine Toechter Eva 7 und Maria 5. Wi: 3 Pfd., 3 Rd., 1 Pfl., 1 Wag. und 1 Sprd.
18, Speyer, Carl 40, Weber, seine Frau Maria 26, seine Kinder Magaretha 8, Georg 5 und Catharina 2. Wi: 1 Pfd., 1 Rd. und 1 Pfl.
19, Bischof, Theodor 35, Weber, aus Helmsheim/Bruchsal-Ba, 1809, seine Frau Maria 33, seine Kinder Catharina 7 und Michael 5. Wi: 1 Pfd., 1 Rd. und 1 Egg.
20, Stein, Carl 36, aus Helmsheim/Bruchsal-Ba, 1809, seine Frau Dorothea 34, seine Kinder Friedrich 13, Catharina 9, Barbara 7 und Jacob 4. Wi: 2 Pfd., 6 Rd., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
21 s. auch 16 Martin, Frantz 37, Schumacher, seine Frau Christina 24 und Sohn Martin 1. Wi: 3 Pfd., 5 Rd., 1 Wag. und 1 Sprd.
22, Leibel, Adam 47, seine Frau Elisabeth 33, seine Kinder Johan 17, Michael 15, Catharina 11 und Adam 9. Wi: 4 Pfd., 6 Rd., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
23, s. auch 39, 32, 33 Bauer, Adam 52, aus Leutershausen/Mannheim-Ba oder Muenzesheim/Bruchsal-Ba, 1809, seine Frau Mariana 43, seine Toechter Susana 6 und Catharina 2. Wi: 2 Pfd., 1 Rd., 1 Egg., und 1 Wag.
24, Kirsch, Conrad 53,. aus Spechbach/Heidelberg-Ba, 1809, seine Frau Eva 40, seine Kinder Magaretha 16, Phillipina 14, Kilian 11, Catharina 6 und Andreas 4. Wi: 2 Pfd., 2 Rd., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
25, Schlee, Mathias 30, Weber, aus Tumlingen/Freudental-Wue (?), seine Frau Barbara 26 und Sohn Joseph 1, ferner sein Schwager Alois Nagel, 13, aus Ivesheim/Mannheim-Ba, 1809. Wi: 3 Rd., 1 Wag., 1 Sprd. und 1 Wbst.
26, Schulz, Friedrich 39, Tischler, aus Leutershausen/Weinheim-Ba (?), seine Frau Rosina 35, seine Kinder Maria 14, Johan 12, Heinrich 9 und Friedrich 5. Wi: 2 Pfd., 3 Rd., 5 Schw., 1 Pfl. 1 Egg., 1 Wag., 1 Sprd. und 1 Wbst.
27, Buehler, Jacob 30, seine Frau Carolina 37 und Tochter Catharina 6. Wi: 2 Pfd., 2 Rd., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
28, s. auch 3 Rueger, Johann 30, seine Frau Christina 24, sein Sohn Friedrich 2. Wi: 2 Pfd., 14 Rd., 1 Pfl., 1 Egg. und 1 Wag.
29, Elser, Christoph 49, aus Spoeck/Karlsruhe-Ba, 1809, seine Frau Willhelmina 34, seine Kinder Friedrich 12, Michael 10, Willhelmina 7 und Conrad 4. Wi: 2 Pfd., 2 Rd. und 1 Wag.
30, Witowsky, Jacob 37, Sattler, seine Frau Maria 40, seine Soehne Andreas 8 und Carl 5. Wi: 2 Pfd., 16 Rd., 5 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 2 Wag., 1 Sprd., 1 Wbst.
31, Fischer, Carl 49, seine Frau Anna 47, sein Schwiegersohn Ludwig Schmidt 20 und dessen Frau Carolina 20. Wi: 4 Pfd., 12 Rd., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
32, s. auch 23 Bauer, Michael 36, aus Zaisenhausen/Bretten-Ba, 1809, seine Frau Elisabetha 43, seine Soehne Michael 16 und Jacob 7. Wi: 4 Pfd., 5 Rd., 1 Pfl., 1 Wag. und 2 Sprd.
33, s. auch 23 Bauer, Georg 30, seine Frau Catharina 43, seine Kinder Catharina 12, Andreas 10, Georg 7, Regina 5 und Christina 1. Wi: 3 Pfd., 5 Rd., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
34, Ebert, Georg 41, aus Hochstetten/Karlsruhe-Ba. seine Frau Maria 36, seine Kinder Jacob 17, Elisabeth 17, Georg 16, Regina 12, Adelgunda 11, Christina 6, Mathias 5, Maria 4 und Frantz 1. Wi: 5 Rd. und 1 Wag.
35, Seifried, Anthon 43, aus Bruchhausen/Karlsruhe-Ba (?), seine Frau Magaretha 26, seine Kinder Catharina 12, Ignatz 7 und Maria 6. Wi: 11 Rd., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. u. 1 Sprd.
36, Schilke, Gottlieb 38, seine Frau Anna 27, seine Kinder Carolina 4, Ferdinand 3 und Johann 1, sein Bruder Christoph 55.
37, Klems, Johann 21, seine Frau Rosina 20, seine Kinder Rosa 1 1/2 und Jacob 1. Wi: 22 Rd., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., u. 1 Sprd.
38, Conrad, Michael 47, seine Frau Christina 37, seine Kinder Sophia 13, Friedrich 9, Willhelmina 7, Christina 4 und Michael 1. Wi: 3 Pfd., 6 Rd., 1 Schw., 1 Pfl., 1 Wag. und 1 Sprd.
39, s. auch 23 Bauer, Johann 56, aus Leutershausen/Mannheim-Ba, seine Frau Catharina 46, sein Knecht Johann Bekel 22 Wi: 2 Pfd., 2 Rd., 3 Schw., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
40, Albsteiger, Karl 35, Schmied, seine Frau Dorothea 32, seine Kinder Willhelmina 5, Carl 4 und Ludwig 3. Wi: 5 Pfd., 15 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag., 2 Sprd. und 1 Wbst.
41, s. auch 43, 47 Kraemer, Daniel 53, aus Menzingen/Bruchsal-Ba (?), seine Frau Eva 53, seine Kinder Ludwig 20, Christina 15 und Anna 13. Wi: 3 Pfd., 5 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
42, Runge, Joseph 50, seine Frau Anna 25, seine Kinder Wilhelm 20, Daniel 16 und Rosina 2. Wi: 4 Pfd., 11 Rd., 5 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
43, s. auch 41 Kraemer, Daniel 21, seine Frau Dorothea 31, seine Kinder Carolina 4 und Friedrich 1. Wi: 2 Pfd., 6 Rd., 4 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
44, Kirchmeyer, Michael 31, seine Frau Anna 25, seine Kinder: Johann 6, Michael 3, Ferdinand 2, Anna 1, „Wirths Mutter“ Anna 61, Sohn Gottlieb 25 und Tochter Maria 20. Wi: 5 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Wag. und 1 Sprd.
45, Walther, Adam 29, aus Kirchhardt/Sinsheim-Ba, seine Frau Catharina 30, seine Kinder Johan 3 und Jacobina 1. Wi: 2 Pfd., 4 Rd. und 1 Wag.
46, Littig, Phillip 37, aus Lemberg/Pirmasens-Pf, seine Frau Hendrietta 26, seine Toechter Mariana 8, Magaretha 5 und Catharina 2. Wi: 6 Pfd., 10 Rd., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
47, s. auch 41 Kraemer, Johann 30, seine Frau Regina 41, seine Kinder Beata 7, Regina 4 und Ferdinand 1. Wi: 2 Pfd., 8 Rd., 2 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
48, Beutelsbach, Jacob 41, Schneider, seine Frau Beata 24, seine Soehne Daniel 6, Michael 4 und Jacob 3. Wi: 1 Pfd., 8 Rd., 1 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
49, Pfeffer, Ulrich 39, seine Frau Catharina 27, seine Kinder Carolina 4 und Johann 3. Wi: 3 Pfd., 3 Rd., 1/2 Pfl. und 1 Wag.
50, Schwar(t)z, Paul 32, seine Frau Anna 33, seine Kinder Michael 10, Johann 6, Carolina 3 und Carl 2. Wi: 2 Pfd., 18 Rd., 3 Schw., 1 Pfl., 1 Egg., 1 Wag. und 1 Sprd.
Aus „1838 – 1913 Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Kaisertal, Gouvernement Taurien, Kreis Melitopol, Wolost Eugenfeld) in den ersten 75 Jahren ihres Bestehens.” Jubiläumsschrift, herausgegeben im Verein mit mehreren Gemeindegliedern von J. Stach, Pastor. Verlag Eugenfeld“, Ergänzungen und Anmerkungen Jutta Rzadkowski
Die Ansiedlung
Die Kolonie Kaisertal wurde im Frühling 1838 von folgenden 49 Wirten angesiedelt:
Nr.
Namen d. Ansiedler
Wo geboren
Aus welcher Kolonie anges.?
Wann gestorben?
1.
Jakob Keck
unbekannt
Kronsfeld
1885
2.
August Büschler
„
Hoffental
1889 zu Johannesruh
3.
Christian Fust
„
Walldorf
13.Sept. 1872, 61 J.
4.
Christoph Nagel
„
Tiefenbrunn
unbekannt
5.
Fredrich Linder
„
Leitershausen
„
6.
Karl Ullrich
„
Karlsruh
10.Okt. 1864, 75 J.
7.
Karl Wundersee
„
„
1. Juli 1868, 62 J.
8.
Michael Bloch
Polen
Tiefenbrunn
25. Juni 1878, 77 J.
9.
Gottlieb Büschler
unbekannt
Hoffental Vater v. Nr. 2.
1885
10.
Johann Maihöfer
„
Friedrichsfeld
10.Nov.1864, 51 J. 8 Monate
11.
Michael Kirchmeier
„
Neumontal
1855
12.
Philipp Meier
„
Leitershausen
gest. bei Kertsch
13.
Karl Kühne
„
Durlach
26. Sept.1864, 50 J. 9 M.
14.
Friedrich Leinich
„
Kronsfeld
d. erste, der v. d. Ansiedlern starb
15.
Friedrich Schatz
„
„
wand. n. Grusien aus
16.
Karl Märtins
„
Karlsruh
31. Juli 1876, 64 J. 8 M.
17.
Gottlieb Föll
Reichenberg i. Württ.
Reichenfeld
14. März 1880,70 J
18.
Johann Fischer
Deutschland
Neunassau
2. Juli 1877, 60 J. 10 M., als Landb. i. Ebenfeld.
19.
Gottlieb Hein
unbekannt
Tiefenbrunn
unbekannt
20.
David Renner
„
Weinau
1863
21.
Friedrich. Dreher
„
Prischib
1846
22.
Johann Hessel
„
Reichenfeld
1857
25.
Christoph Freund
Reichenfeld
„
1. März 1868, 50 J.
24.
Alex. Burghardt
Jekaterinosl.
Prischib
29. Dez. 1889,77 J. 8. M.
25.
Michael Lörke
unbekannt
Rosental
1887
26. .
Karl Seel
„
Neunassau
26. Juni 1864, 55 J.
27.
Jakob Schlecht
St.Petersh.
Kronsfeld
7. Febr. 1875, 64 J.
28.
Gottlieb Jekel
unbekannt
Rosental
1891
29.
Adam Ebinger
„
Hochstädt
1855 in Okretsch
30.
Friedrich Sanne
„
Altmontal
12. Sept. 1888, 78 J. 7 M.
31.
Christian Balle
„
Kronsfeld
unbekannt
52.
Nikolaus Eva
„
Karlsruh
1861
33.
Michael Breit
„
Prischib
1854
34.
Sebastian Föll
Steinheim a. d. Murr in Wü.
Karlsruh
1. Aug. 1897, 91 J. 5 M.
55.
Johann Ruff
unbekannt
Weinau
unbekannt
36.
August Probst
„
Altmontal
31. Mai 1882,72 J. 4 M.
37.
Christian Konrad
„
Rosental
1885
38.
Friedrich Galster
Polen
Durlach
17. Apr. 1866, 65 J.
39.
Karl Märtins
unbekannt
Karlsruh
31. Juli 1876, 64 J. 8 M.
40.
Gottlieb Erstein
„
Prischib
unbekannt
41.
Georg Morgenstern
„
Altnassau
„
42.
Johann Ziebarth
Polen
Hochstädt
30. Okt. 1892, 87 J.
45.
Johann Fust
unbekannt
Walldorf
18. Dez. 1866, 59 J.
4
Christian Harwardt
„
Weinau
17. März 1891, 84 J. 7 M.
45.
Johann Polle
Stockholm
Kronsfeld
14. Apr. 1884, 83 J. 3 M.
46.
Gottlieb Ruf
unbekannt
Weinau
29. Apr. 1872, 55 J.
47.
Jakob Ullrich
„
Durlach
12. Nov. 1877, 57 J.
48.
Johann Wolf
unbekannt
Friedrichsfeld
1855
49.
Jakob Weber
„
Neunassau
1898
Freiwirte:
1.
Joh. Andreas Beek
Gouv. St. Petersburg
Karlsruh
6.Aug.1867, 45 J. 3 M.
2.
Georg Morgenstern
unbekannt
Altnassau
unbekannt
3.
Friedrich Seel
„
Neunassau
„
Abschrift DAI, Kommando Stumpp 1941
Alle Siedler aus den alten Mutterkolonien an der Molotschna waren junge Leute, die ohne Hof blieben und daher beschlossen, neues Land zu besiedeln. Nach langen Verhandlungen gab es Land von der Krone, jedoch keine weitere Unterstützung. Ein großes Problem war die Bedingung, dass die Siedler nicht ohne Kühe zur Ansiedlung aufbrechen durften, was Nachverhandlungen erforderte.
Die ersten Siedlungsjahre waren sehr schwer, zunächst wurden die Parzellen zu je 60 Dessjatinen (etwa 65 1/2 Hektar) festgelegt, man brach nach Ankunft 1838 das Land um, bestellte den Acker, grub einen Brunnen und baute sich einfachste Lehmhütten zur Unterkunft.
Das Land befand sich im Tal einer Hügelkette, die in späteren Jahren als „die alte Wertschaft“ bezeichnet wurde, hier befand sich zur Ansiedlung bereits ein altes Gebäude. Im zeitigen Frühjahr wurde dieses Gebiet aufgegeben und an seiner Stelle der heutige Siedlungsstandort gewählt.
Ein Teil der Siedler war gegen diesen Ort, weil ihnen eine Überschwemmung im Frühjahr durch den kleinen Utljuk-Fluss wahrscheinlich schien. So entschied der Dorfschulz, die Befürworter des Ortes sollen rechts siedeln, die anderen nach links, wobei sich die rechte Seite durchsetzte. So entstand das neue Dorf mit breiter Hauptstraße, rechts und links davon die Gehöfte mit ihren Gärten.
Warum das Dorf den Namen Kaisertal trägt, ist allerdings ungeklärt, sein russischer Name Золота Долина bedeutet „Goldenes Tal“.
Die Kolonie befand sich etwa 24 Werst südöstlich der Kreisstadt Melitopol, wobei 1 Werst = 1,0668 Kilometer entspricht. Um Bauholz zu beschaffen, musste man mit dem Ochsenkarren nach Iwanenko und Kamenka, eine Entfernung von 70 bis 100 Werst, Zimmermannsbretter mussten aus Jekaterinoslaw beschafft werden, über 200 Werst entfernt. Ebenso schwierig war der Weg zur Mühle in Schönwiese, in der Nähe der Stadt Alexandrowsk am Dnjepr, die rund 130 Werst entfernt lag, Getreidehandel fand in Berdjansk statt, ebenfalls rund 120 Werst entfernt. Daher gründeten die Siedler bereits im Jahr ihrer Ankunft ein Transportunternehmen.
Kleine Gemeindechronik
1838 war sehr verregnet, so verfaulte ein Teil der geringen Getreideernte, die Schilfdächer der Lehmhäuser stürzten ein. Nur mit größter Anstrengung gelang es den Siedlern, sich notdürftig auf den ersten Winter vorzubereiten, trotzdem wurden die Kinder unterrichtet, Carl Märtins (1811-1875), genannt „Krim-Märtins“, unterrichtete die Kinder gegen eine bescheidene Entschädigung der Gemeinde in seinem eigenen Haus, wo er Sonntags-, Fest- und auch Lesegottesdienste abhielt, da der Pfarrer die Gemeinde nur zweimal im Jahr besuchte, weshalb die zu konfirmierenden Kinder jedes Frühjahr nach Molotschna fuhren.
Da es zunächst weder eine Kirche noch eine Kirchenglocke gab, wurde ein hölzernes „Kirchenbüchel“ eingeführt, welches jeden Sonntagmorgen vor Beginn des Gottesdienstes von Haus zu Haus zirkulierte. Wenn das „Kirchenbüchel“ nicht ausgegeben wurde, fiel der Gottesdienst aus. Wer dem Gottesdienst fernblieb, zahlte 10 Kopeken Strafe. Um sich vor Raubüberfällen, wilden Tieren und Feuern zu schützen, gab es einen Nachtwächter- und Gerichtsvollzieherdienst, den jeder Wirt abwechselnd wahrnahm. Dazu übergab der diensthabenden Nachtwächter die eiserne „Gemeinschaftslanze“ und der Gerichtsvollzieher den hölzernen „Bürgermeisterhammer“ an den jeweils Beauftragten.
Der Gerichtsvollzieher ließ Bestrafungen durchführen, Männer wurden mit der Rute geschlagen, bei Diebstählen musste man mit den gestohlenen Gegenständen durch das ganze Dorf ziehen und die Männer riefen die Namen der gestohlenen Gegenstände. Für verbotenes Tanzen oder Streiche wurden die Jugendlichen mit gemeinschaftlicher Arbeit bestraft, wie dem Ausheben von Gräbern, dem Ausheben von Löchern für Zaunpfähle und so weiter.
Bereits 1839 kam der Lehrer Schill nach Kaisertal und 1840 wurde das erste Bet- und Schulhaus mit Lehrerwohnung gebaut, dringend notwendig, da es über 100 Schulkinder gab. Im gleichen Jahr wurde auf behördliche Anordnung die Anpflanzung von Obstbäumen vorgeschrieben. Bei einer Zählung 1864 hatte Kaisertal auf den 49 Höfen 6.300 Obstbäume und 86.522 in Waldstücken und Baumschulen gepflanzte Bäume und Setzlinge, eine enorme Leistung, wenn man bedenkt, nach dem Regenjahr folgten Dürren. Eine Missernte wechselte sich mit der nächsten ab, immer wieder musste um Hilfeleistung aus der Mutterkolonie Molotschna gebeten werden. Alles war vonnöten, Brot, Saatgetreide, Viehfutter und alles musste per Ochsenkarren herangeschafft werden, die Fuhrleute auf den langen Wegen hungerten ebenfalls, da in der Steppe keine Unterkunft zu finden war.
Die Enttäuschung der Siedler war groß und mancher entschloss sich, Kaisertal zu verlassen, die Abwanderung wurde jedoch 1843 behördlich untersagt, da mancher nach Grusien aufbrach, wo es seit 1818 deutsche Kolonien gab, die recht erfolgreich wirtschafteten.
Der Ackerbau erlitt weiterhin teilweise völlige Ernteausfälle (1848, 1855 nach Heuschreckenplage, 1863, 1864, 1871, 1873, 1887), man verfütterte die Strohdächer an das Vieh als Futter, nur die Schafzucht half über die Zeiten der bitteren Not. Trotz allem war der Fortschritt nicht aufzuhalten,
Um 1850 errichtete der Siedler Galster die erste Ziegelei und bald wichen die Lehmhütten massiven Gebäude aus gebrannten Ziegeln, zudem errichtete er die erste Putzmühle für das Getreide. Im Haus des Siedlers Maihöfer wurde ein Laden von einem Kondakower eröffnet.
Der Krimkrieg verlangte den Kaisertalern einiges ab, da vom 26. März bis 17. November 1855 in 54 Transporten 10.711 Kranken in ein eigens geschaffenes Lager gebracht wurden. Für den Krankentransport waren jeweils ein Beamter, ein Chirurg, ein Arzt oder Assistenzarzt und weiteres Hilfspersonal zuständig. Die Beerdigung verstorbener Soldaten erfolgte meist im Beisein von Offizieren.
Die durchreisenden Soldaten litten häufig an Typhus und Ruhr. Durch Infektionen verbreiteten sich die Krankheiten im gesamten Kaisertal und dadurch wurden etwa 10 Familien ihres Hausherrn und Versorgers beraubt.
Die Gemeinde spendete drei Waggons mit Kartoffeln und Hafer und beteiligte sich aktiv, oft unter Lebensgefahr, am Transport von Heu und Hafer von Sewastopol zum Einsatzgebiet. Auf einem solchen Transport kam der Kaisertaler Siedler Ebinger auf der Krim ums Leben.
Am 6. Oktober 1857 wurde die junge Frau Margaretha Föll abends auf dem Heimweg von einem Tanz am elterlichen Gartenzaun ermordet aufgefunden, der Täter nie ermittelt.4
Ein weiteres, besonders tragisches Unglück folgte am 1. März 1862. An diesem Tag sollte die Hochzeit von Christian Schatz und Katharina Wundersee stattfinden. Am frühen Morgen fuhren Braut und Bräutigam in Begleitung von 6 Personen zur Trauung in den etwa 60 Werst entfernten Pfarrort Hochstädt. Plötzlich kam von weit oben im Flusstal von Nowonikolajewka durch warmes Tauwetter und Schneeschmelze ein Hochwasser und der Wagenkasten wurde mit Wasser gefüllt. Es ertrank die ganze Gruppe zusammen mit den Pferden. Das Wasser, welches erst nach drei Tagen zurück ging, bedeckte sogar die Pferde so weit, ihre Köpfe wären auch dann bedeckt gewesen, wenn man sie hoch gehalten hätte. Die Namen der Unglücklichen lauten: Bräutigam Christian Schatz (*1840), Braut Katharina Wundersee (*1841), Daniel Föll, Katharine Galster (*1845), Bruder Jakob (*1844) und Schwester Rosina Schatz (*1842), darunter die beiden Fuhrleute Bruder der Braut Christian Wundersee (*1836) und Johann Gerbershagen (*1825).
Vorstehendes Brautpaar Christian Schatz und Katharina Wundersee ist mit den diesselbe begleitenden sechs Personen am 28 Februar 9 Uhr Vormittags in einem bedekten Wagen von Kaiserthal nach Hochstädt abgefahren um sich am 1 März in der hiesigen Kirche trauen zu lassen, allein sie kamen nur 20 Werst weit wo sie nahe bei dem Dorfe Schilowky in einem Thal zwischen zwei Dämmen in den, durch den schnellen Abgang der grossen Schneewasser des Gewässer schnell und hoch angeschwollen und gespannt war, sämtliche acht Personen ertrunken gefunden wurden. Vorstehende drei ertrunkene Personen sub. No. 55, 56 und 57 sind nach gerichtlicher Untersuchung und Erlaubnis zur Beerdigung, von dem Schullehrer Ludwig Dieno ohne die Ankunft oder einen Auftrag des Orts Predigers abzuwarten, eigenmächtig auf dem Gottes Aker zu Kaiserthal zur Erde bestattet worden. Beerdigt am 09.03.1862 Vorstehende fünf Personen sub. 58 bis No. 62 inclusive sind in Folge gerichtlicher Untersuchung und Erlaubniss zur Beerdigung eingesegnet und beerdigt worden auf dem Gottes Aker zu Marienfeld von dem Pastor Föll. Beerdigt am 10.03.18624
So kam es, dass dieser Tag zu einem jährlichen Bußtag innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland wurde, an dem niemand eine Hochzeit feiern durfte. Dieses Unglück war ein weiterer Grund für die Gründung der Eugenfelder Pfarrei.
Bereits in den Jahren 1858 und 1859 wurden wegen der Ernteausfälle der vergangenen Jahre zur Notversorgung ein Gemeindegetreidelager gebaut mit Vorrat an Brotgetreide zum Backen und Saatgut. Dieser Vorrat war auch deshalb notwendig, da die Gemeinde jährlich 60 % des geernteten Getreides zur Zahlung von Sachsteuern abgeben musste. So erhielt der Pferdeinspektor 7 ½, derSchullehrer 18 ½, die Hirten 30 und die Nachtwächter 4 Tschetwert (1 Tschetwert enthält rund 210 Liter Getreide). Aus Steuern und Pachten der Gemeinde erhielt der Lehrer 140 Rubel und 3 Dessj. Land, der Pfarrer 100 Rubel, der Bürgermeister 50 Rubel, der Arzt 25 Rubel und die Hirten 150 Rubel für ihre Arbeit.
Gegen Ende der 1850er und zu Beginn der 1860er Jahre begann das Handwerk zu blühen, ging jedoch kurze Zeit später wieder zurück, da die Handwerker nicht mit den Anforderungen der damaligen Zeit durch die Gründung von Fabriken Schritt halten konnten, so blieb ihnen überwiegend der Wagenbau und andere einfache Arbeiten. Im Allgemeinen fehlten den Handwerkern zudem die Kenntnisse über den Bau und die Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte. Jeder, egal wie unfähig, hatte das Recht, sich Meister zu nennen und mit dem beruflich fähigen Arbeiter zu konkurrieren, die bestehenden Gesetze waren für die Handwerker damals insgesamt sehr ungünstig. Entsprechend dominierten die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte und Maschinen der Mennonitengemeinde den Markt.
Zu dieser Zeit wurde auch der Maisanbau eingeführt, da er das Land für den Getreideanbau verbesserte und Ernteausfälle kompensierte. Seit Mitte der 1860er Jahre wurde zudem der Weizen nicht mehr nach Berdjansk gebracht, sondern nach Genitschesk.
Es erfolgte die Gründung eines Männergesangsvereines 1864, der 1914 sein 50. Jubiläum feierte.
Der Grundstein für den Neubau eines Schul- und Bethauses aus gebrannten Ziegeln wurde 1866 mit der Einweihung während des Reformationsfestes am 23. Oktober gelegt. Dieses Schulhaus war lange Zeit das größte der Pfarrei, so dass fortan Konfirmationen und große Pfarrgottesdienste in Kaisertal abgehalten wurden.
Mit öffentlichem Rundschreiben vom 21. Mai 1869 unter Nr. 5393 teilte man den den Dorfämtern mit, das sie es sich zur Aufgabe zu machen haben, den Unterricht in den Dorfschulen zu verbessern und die jungen Leute mit zeitgemäßem Wissen für das zukünftige Leben auszustatten; durch den Einsatz von Lehrkräften, die ausschließlich in diesem Bereich kompetent sind und keinem anderen Nebenziel nachgehen dürfen. Es gab gut gemeinte Anregungen an Geistliche und Lehrkräfte zur freiwilligen Umsetzung und vor allem eine Verlängerung des Schuljahres, bisher war nur im Winter Unterricht, nun sollte am Ende der Frühjahrssaat bis Ende Mai und dann Mitte oder Ende August erneut der Unterricht beginnen. In den 1870er Jahren wurden Heinrich Fust, Friedrich und Gottlieb Polle an die Prischiber Zentralschule geschickt.
Zu Beginn der 1870er und frühen 1880er Jahre konnten erstmals größere Flächen mit Winterweizen eingesät werden, da man nun den sächsische Pflug und den Spindelmäher verwendete. Jedoch verlief der Beginn der 1870er recht unerfreulich, 1871 wurden die Kolonien der Gemeinden Prischib und Hochstädt von verheerenden Bränden heimgesucht, die Ernte war nicht nur sehr schlecht, die Getreidepreise auch extrem niedrig.
Spindelmäher (Haspelmähmaschine)
Im September 1871 waren Wahlen, am 20. September wurde Friedrich Leinich, ursprünglich Kaisertaler Kolonist, vom Pfarrer als erster Oberbürgermeister (Oberschulz) des Regierungsbezirks Darmstadt vereidigt.
Dann wütete 1872 in Mordwinowka und Umgebung die Cholera, der Herr Cornies vom Gut Taschtschenak und der Kaisertaler Kolonist Christian Fust zum Opfer fielen und 1873 kam es zu einem erneuten totalen Ernteausfall.
Die Unglücke wollten nicht abreißen, am 27. Februar 1875 verfing sich der sechzehnjährige Christian Renner beim Schmieren der Mühle mit seiner Kleidung im Zahnrad und kam ums Leben. Ein Jahr später kam in derselben Mühle ein russischer Mühlenarbeiter auf ähnliche Weise ums Leben. Masern und Diphtherie traten 1877 auf. Am 15. Januar 1877 wurden drei Kinder begraben, am nächsten Tag zwei weitere. Die Diphtherie-Epidemie endete erst 1879, in vielen Familien starben alle Kinder.
Am 3. Dezember 1875 wurden die Militärrekruten in Melitopol vereidigt und am 12. Dezember nahmen sie an der Heiligen Kommunion im Eugenfelder Schulhaus teil. Christian Freund, Johann Keck, Daniel Märtins, Christian Probst, Karl Seel, Johann Renner, Jakob Ruf und Karl Weber. Johann Renner traf es doppelt schwer, da er mit Magdalena geb. Burghardt bereits verheiratet war.
Diese erste Rekrutierungsaktion hinterließ bei allen deutschen Kolonisten einen tiefen Eindruck, da sie nun ihre Söhne für sechs lange Jahre als Soldaten abgeben mussten, die schrecklichen Erinnerungen an den Krimkrieg waren noch allzu präsent.
Im Jahr 1878 brach die Rinderpest aus, sodass im ganzen Dorf nur noch 13 Rinder überlebten, die arg gebeutelten Bauern wurden erneut 1882 durch auftretende Rinderpest schwer getroffen.
Pastor Stach schreibt, am 22. Mai 1883 wurde das Schulhaus Kaisertal zur Krönung Seiner Majestät Kaiser Alexander III. und Ihrer Majestät Kaiserin Maria Fjodorowna genutzt.8 Tatsächlich fand die Krönungsfeierlichkeiten des Kaiserpaares am 27. Mai 1883 in der MoskauerMariä-Entschlafens-Kathedrale statt. Daher ist anzunehmen, es handelt sich um eine Feier der Gemeinde anläßlich der Krönung. Am 29. Oktober desselben Jahres fand die Feierlichkeit zum 400. Geburtstag von Dr. Martin Luthers statt.
Der 1886 gegründete Waisenfond zur Unterstützung der Waisenkinder erhielt im Zuge der besseren Jahre mit guten Ernten beträchtliche Mittel zur Versorgung. Natürlich gab es nach und nach auch einen verfeinerten Lebensstil, vor allem in Bezug auf Kleidung und Dinge des Hauses, aber auch in der Bildung, es stieg die Zahl der Abonennten des St. Petersburger Sonntagsblattes, der Odessaer Zeitung und vieler anderer Blätter.
Im Jahre 1886 wurde zudem eine neue Talsperre errichtet, leider ertrank hier am 11. Juni 1891 der Familienvater Daniel Freund beim Schwimmen. Bereits im alten Damm ertranken einige Kaisertaler (Friedrich Kirchmeier, Linder und andere). Nikolai Föll ertrank 1905 im Alter von neun Jahren, im selben Jahr, in dem sein Bruder von einem Dreschstein erschlagen wurde. Eine Tochter Ludwig Märtins, Rosine, ertrank zweijährig 1880 in einem Fass. Ein Sohn von Karl Beck, Johann, fiel 1874 einjährig in einen Brunnen und ertrank. Die Jungfrau Margaretha Beck wurde aus Unachtsamkeit von einem Jugendlichen erschossen (Mischlinsky). Beim Holztransport aus Akimowka kam Heinrich Fröscher, Sohn von Martin Fröscher, ums Leben. Frau Schwitzgäbel starb an Tollwut.
Im Jahr 1887 gab es eine derart schlechte Ernte, die Hungersnot groß, allein in der Gemeinde Eugenfeld wurden 167 Menschen bestattet, was etwa 50 % über der Norm lag, in Kaisertal starben 14 Kinder, als Folge der Schwäche, an Diphtherie, in einigen anderen Gemeinden sogar noch mehr. Daher wurde die Grünbrache1 eingeführt, um den Boden in der Fruchtfolge zu entlasten und zu verbessern, 1888 konnte man erstmals eine überdurchschnittliche Ernte von 12-16 Tschetw. pro Dessjatine einfahren, in den 1890er Jahren folgte der Einsatz von Schwarzbrachen2. Als die Dreschmaschine, der Bündelbinder (Garbenbinder), Naphta-Motoren und Federzugwagen in den Dienst des Bauern gestellt wurden, stiegen nicht nur die Erträge, leider auch die Preise für Ackerflächen, weshalb man begann, außerhalb der örtlichen Gemeinschaft Land anzukaufen. Johann Fischer war der erste Kaisertaler Siedler, der bereits 1859 Außengrundstücke erwarb in Ebenfeld, nahe des Bahnhofs Rykowe im Kreis Melitopol. So wurde er ein Mann von beträchtlichem Vermögen und seine Söhne und Enkel Großgrundbesitzer.
Im Spätherbst 1893 erhielt die Kirchengemeinde die Genehmigung zum Bau einer Pfarrkirche, die Einweihungsfeier der Kirche fand am 12. April 1895 statt.
Wie in den Anfängen der Errichtung der Gemeinde befürchtet, kam es in Kaisertal zu zahlreichen Überschwemmungen. Die größte ereignete sich am 24. Mai 1897, verursacht durch einen Wolkenbruch. Dadurch stürzten acht Häuser völlig ein und elf weitere wurden baulich so beschädigt, dass sie durch neue ersetzt werden mussten. Für die Geschädigten wurde am 13. Juni im Rahmen der Einweihung der neu erbauten Pfarrkirche auf Betreiben des damaligen Bezirksarztes eine Kollekte in Höhe von 90 Rubel gesammelt.
Am 27. September 1898 wurde der Kaisertaler Leseverein mit 20 Mitgliedern gegründet, wodurch eine kleine Bibliothek mit 521 gebundenen Exemplaren entstand und es wurden neue Lehrer angestellt, daher unterrichteten 1899 drei Lehrer.
Im Jahr 1900 wurde die örtliche Konsumgenossenschaft „Soglasstje“ gegründet, sie eröffnete den Bau des großen Lagers und Wohnhauses für die Mitarbeiter am 4. August 1910. Den größten Verlust erlitt die Genossenschaft durch den Tod des Mitarbeiters Friedrich Mann, bei dem die Genossenschaft aus Kulanzverpflichtung seiner Familie 1.500 Rubel zahlte. Alle Mitarbeiter waren deutsche Staatsangehörige, das heißt die drei Geschäftsführer, fünf Buchhalter, 12 Verkäufer und Auszubildende, drei Hilfskräfte. Zwei Personen starben bis 1913 während ihrer Arbeit in der Genossenschaft.
1903 entstand ein Jugendverein, aus dem 1906 die Blaskapelle mit 16 Blechblasinstrumenten hervorging mit über 1.000 Rubel Vereinskapital.
Im November 1904 wurden für den Russisch-Japanischen Krieg die Heeresreserven einberufen und natürlich auch die Unteroffiziere der Infanterie. Jedes Dorf musste zulassen, dass einige seiner Bewohner eingezogen wurden, von denen die meisten verheiratete und unabhängige Bauern waren. Aus Kaisertal: Karl Burghardt, Friedrich Lörke, Jakob Ullrich, Friedrich Föll, Friedrich Breit, Christian Ullrich, Johann Polle, Heinrich Lörke, Friedrich Propst, Friedrich Beck, Jakob A. Propst, Philipp Propst, Jakob F. Propst . Außer den beiden Jakob Propst sah niemand einen aktiven Kampf. Einige von ihnen erlebten jedoch in verschiedenen Städten den ganzen Schrecken der Revolution.
1905 wurde das bestehende Schulhaus in ein geeignetes Gebäude mit drei Räumen umgewandelt: das Klassenzimmer, ein Zimmer für den Lehrer und ein Korridor für die Schüler, nun gab es Platz für 160 Schüler. Im selben Jahr wurden einstimmig 100 Rubel für Unterrichtsmaterialien bereitgestellt und eine deutsche Schulbibliothek gegründet
Bald darauf wurde ein extra Wohnhaus für den Lehrer mit Studentenwohnheim gebaut. Verantwortlich für den Bau dieses Gebäudes waren die Kaisertaler Siedler Philipp Kirchmeier, Johann Fust und Johann Lutscher. Viele Mitglieder der Kaisertalgemeinde waren Mitglieder der Eugenfelder Schulgesellschaft. Aus diesem Verein entstand 1907 eine Landwirtschaftsschule, an der Kaisertal maßgeblich beteiligt war, so spendeten etwa 15 Personen an die 20 Dessj. Grundstücke, Ehren- und Lebensmitgliedschaften wurden gezeichnet, über 800 Wagenladungen Baumaterial wurden unentgeltlich zur Verfügung gestellt und darüber hinaus wurde mit Hilfsgütern aller Art und Weise unterstützt, Mitglieder übernahmen die Führung beim Materialtransport, bei der Bauleitung, der Ressourcenbeschaffung usw.
Eine Reihe von sehr armen Familien wanderten 1906 und 1907 nach Sibirien aus. Sie erlebten auch dort viele Misserfolge, daher gab es zahlreiche private und kirchliche Spendensammlungen, um sie zu unterstützen.
Zum 75. Jahr der Gründung der Gemeinde wurde 1907 eine kostenlose, beheizten Unterkunft mit Stall für Reisende geschaffen. Es besuchen drei Jugendliche die Hochschule, zwei in Theologie: J. Föll in Dorpat und G. Breit in Basel; G. Weber am Riga Polytech. In der Mittelschule und speziell in den oberen Klassen gab es sechs junge Männer; in Zentral- und Landwirtschaftsschulen 10 Schüler. Der erste Kaisertaler Kolonist und zugleich der erste aus dem Kreis Eugenfeld, der das Gymnasium abschloss, war Jakob Jak. Bischler. Augustine Renner war die erste weibliche Schülerin, die in der Mädchenschule eingeschrieben wurde, da die Bildung von Frauen im Allgemeinen wenig Interesse fand.
1913 lebten in Kaisertal in 66 Häusern 100 Familien mit insgesamt 585 Seelen. 55 Familien waren in der Landwirtschaft tätig, 13 Familien waren Handwerker. Die Gemeinde hatte einen Viehbestand von 535 Pferden, 220 Kühen, 28 Hornrindern und 290 Schweinen.
Ein Kaisertaler: Pfarrer Johann Christian Föll
Pfarrer Johann Christian Föll 5
Pfarrer Johann Christian Föll (*30.10.1891 Kaisertal † 24.1.1976 Altenheim Faberschloss, Schwarzenbruck, Bayern, BRD) wurde im August 1918 zum Pastorengehilfen für Eigenfeld ordiniert, betreute dann ein Jahr lang die Gemeinde zu Kronau, war 1919-1930 Pfarrer im Kirchenspiel Grunau und wurde im Oktober 1930 verhaftet, sein Leidensweg wurde in einem Buch veröffentlicht6.
Pastor Johann Föll hatte sich noch 1928 auf der Generalsynode in Moskau eines merkwürdigen Gefühls nicht erwehren können, als er feststellte, daß er der einzige Pastor unter den Synodalen war, der bis dahin noch nicht zu einem Verhör bei der GPU vorgeladen gewesen war. Im Oktober 1930 wurde er verhaftet und brachte drei Monate im Gefängnis seines Heimatortes zu. Wenn er zum Verhör geführt wurde, gingen Polizisten mit gezogenen Pistolen vor und hinter ihm, um seinen Gemeindegliedern Furcht und Schrecken einzujagen. Die weiteren Leidensstationen — wir schildern sie stellvertretend für viele andere Schicksale — waren: drei Monate schwere Verhöre mit schlaflosen Nächten in Stalino, zweieinhalb Monate in einer Todeszelle im Gefängnis von Artjemowsk, anderthalb Monate Transportgefängnis in Charkow und ein halbes Jahr im Sowjos der GPU bei Charkow, dann drei Monate schwere Waldarbeit im Besserungslager in Potjma. Im Februar 1932 wurde Föll – nach einer 16tägigen Fahrt in einem Transport mit 500 Geistlichen und Mönchen – in Mariinsk im Gefängnis und auf einer Gemüsefarm zur Arbeit eingesetzt. Schon einige Wochen später setzte sich die unfreiwillige Wanderschaft fort: zum Bau des Weißmeerkanals bei Murmansk, schwere Arbeit bei ständig gefrorenem Boden. Nach einigen Monaten leichterer Arbeit wurde er in ein Moskauer Gefängnis gebracht und wiederum anderthalb Monate später, im Januar 1933, nach Deutschland ausgewiesen. Er war einer der wenigen, die der Hölle der Lager und Gefängnisse entkommen konnten.
Und siehe, wir leben! : Der Weg d. evang.-luther. Kirche Russlands in 4 Jh. Johannes Schleuning ; Heinrich Roemmich ; Eugen Bachmann. Mit e. Geleitw. von Ernst Eberhard;Martin-Luther-Verlag 1977
Es gelang Pfarrer Föll, gemeinsam mit seiner Frau Hildegard Margarethe Lindenberg, im Februar 1933 nach Pfersdorf bei Hildburghausen,Thüringen zu kommen, dort war er Pfarrer bis 1949, (1940 – 1945 Kriegsdienst)7, danach bis 1956 Pfarrer in Waldbach (Baden-Württemberg).
Was vermutlich weniger bekannt sein dürfte , ist seine nicht minder gebildete Familie mütterlicherseits.
Bischler Nachkommen
Christiane Bischler (1865-1933) ehelichte Johann Christians Vater Daniel (1863-1937) im Jahre 1886. Bekannt sind noch neun Geschwister von Johann Christian.
Seine mütterlichen Großeltern Jakob Pischler (1840-1884) und Elisabeth geb. Lutz (1843-1903) – die Schreibweise variierte in den Jahren nach der Einwanderung zu Büschler und Bischler – hatten elf bekannte Kinder.
Der Bruder seiner Mutter, Jakob (*1866), verehelicht mit Sophie Kübler (*1873, uneheliche Tochter des Michael Luessi), war Vater von Dr. med. Robert Bischler (1895-nach 1952). Dieser studierte zunächst in Dorpat (1914–1918) und promovierte an der Universität Breslau im Jahre 193112. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges hatte er in der Waldenburger Freiburger Str. 15a eine Arztpraxis (Schlesien). Im Adressbuch irrtümlich als Norbert Bischler ausgewiesen.13
Nach Kriegsende war er in Baden-Württemberg, seine Spur verliert sich 1952.
Foto aus der Studentenakte der Kaiserlichen Universität Tartu EAA.402.1.2485
Eine weitere interessante Persönlichkeit war Elsa Amalie Rosenstein (1907-1987). Elsa wurde als Tochter des u.a. in Odessa tätigen estnischen Arztes Dr. med. Waldemar Engelhard Rosenstein (1865-1946) und der Kaisertalerin Eugenie Bischler (1881-nach 1956) in Kronau geboren.
Elsa war eine der bekanntesten estnischen Silur-Fossilienwissenschaftler der 1930er Jahre und verfasste neben Artikeln zu Fosslilienfunden mehrere Werke im Bereich Geografie und Geologie. Es gibt Fossilien, die ihr zu Ehren benannt wurden.
Um Juni 1944 verließ sie Tartu und ging auf der Flucht vor der Roten Armee nach Freising in Bayern, studierte dort Medizin und eröffnete eine Privatpraxis. Ihre Mutter lebte zuletzt bei ihr, sie starb ledig.14
Elsa Amalie Rosenstein 194815
Ein weitere Verwandter ist Dr. phil. August Bischler (1865-1957), mit Pfarrer Johann Christian Föll über beide Eltern verwandt, da dessen Vater August WiIhelm Pischler (*1844) mit Christine Föll (*1845) verehelicht war.
Die Familie lebte in Karlsruhe (Taurien), er studierte zunächst in Charkow, dann in Genf in der Schweiz. Hier promovierte er mit der Schrift“Condensationsproducte aus Basen der Papareihe mit Paranitround Metanitrobittermandelöl“ (VZU 1451), war 1893-1899 PD für Chemie in Zürich, später in Basel und wurde 1924 in Genf eingebürgert.16 In späteren Lebensjahren war er in der Industrie tätig.
Nachruf aus der La Tribune de Genéve vom 27.5.1957 Nr. 123
Dessen Sohn Prof. Dr. Wladimir Bischler (1899-1962) wurde ein bekannter Arzt und Psychologe, der neben eigenen Werken auch Arbeiten anderer Wissenschaftler und Mediziner aus dem Französischen ins Deutsche übersetze.
Nachruf aus der La Tribune de Genéve vom 29.3.1962 Nr. 75
Die Tochter Dr. med. Vera Bischler (1902-nach August 1974) war eine bekannte Schweizer Augenärztin.
Ebenso unvergessen ist Dr. med. Wilhelm Vogel (1894-1965). Er verbindet nicht nur über seine Mutter Catharina Pischler/Bischler (1855-1904) die gemeinsamen Bischler Vorfahren, sondern ist durch Eheschließung mit Else Melitta Vohrer (1900-1951) ein Mitglied der Vohrer-Familie aus Helenendorf geworden.
Dr. med. Wilhelm Vogel wurde in Johannistal geboren, verließ durch Eintritt in das Deutsche Heer 1918 seine Heimat und begann 1919 an der Universität Tübingen Medizin zu studieren, mit der Absicht, Zahnarzt zu werden. Die Lage war für den von der Heimat abgeschnittenen Studenten ausserodentlich schwer, auch das DAI konnte ihn zuletzt aus dem erschöpften Studienfond nicht mehr unterstützen. Trotz der widrigen Umstände gelang ihm der Abschluss, er praktizierte in Berlin. Nach dem Tod seiner Ehefrau gab es 1957 eine weitere kurze Ehe, welche geschieden wurde.
Immatrikulation 1919/1920 der Universität Tübingen17
Sein Sohn Dr. med. Heinz Gerhard Vogel (1926-2016) wurde ein bekannter und beliebter Psychiater in Madison, USA. Er hinterließ vier Kinder und drei Enkelkinder.18
Ruf – Ruff
Zwei weitere studierte Kaisertaler waren die Brüder Eduard Ruff (1891-1938), der Philologie studierte, eine Vorraussetzung, um als Lehrer im höheren Schuldienst arbeiten zu können, und Dr. med. Heinrich Ruff (1895-1981). Er studierte in Tartu, Tübingen und Halle19, und war Chefarzt in Braunschweig, in der heute noch bestehende Frauenarztpraxis am Steintorwall 21. Ein Sohn wurden ebenfalls Arzt in der Praxis am Steintorwall, einer Architekt, zudem hatte er noch eine Tochter.20
Akte des Heinrich Ruff, UAT 258/15629 1918-192119
Eduard Ruff, Foto aus der Studentenakte der Kaiserlichen Universität Tartu EAA.402.1.2337021
Einigen der folgenden weggezogenen Kaisertalsiedler gelang es, erheblichen Wohlstand zu erreichen:
Daniel und Johann Keck; Johann, Friedrich und August Fust; Friedrich Banns und Söhne; Christoph Nagel; Jakob und Karl Wundersee; August Bischler mit seinen Söhnen Gottlieb, Christian, August, Friedrich, Karl und Jacob; Friedrich Bischler und seine Söhne August, Jakob, Friedrich und Johann; Jakob Bischler und sein Sohn Jakob; Philipp Kirchmeier mit seinen 6 Söhnen; Friedrich und Karl Kühne; Friedrich Leinich; Andreas und Lorenz Meier; die Brüder Friedrich, Gottlieb, Jakob, Johann und Ludwig Märtins; Philipp Dreher mit seinen Söhnen Friedrich, Jakob und Philipp; Christian Renner; Friedrich Hessel und seine 5 Söhne; die Brüder Christoph, Johannes und Christian Freund; die Brüder Karl und August Burghardt; die Brüder Karl, Christian, Johann, Daniel, Heinrich und Wilhelm Lörke; Wilhelm Lörke und Christian Lörke; die Brüder Johann, Friedrich, Jakob und Karl Seel; Johann, Karl und Samuel Hessel; die Brüder Friedrich und Christian Schlecht; die Brüder August, Daniel und Friedrich Jäckel; Karl, Friedrich, Joseph und Jakob Galster; Friedrich Sanne und sein Sohn Johann; die Brüder Johann, Gottlieb und Heinrich Renner; Wilhelm Polle mit seinen 5 Söhnen; die Familie Eva; Johann Breit; Johann Föll; Christian Fust; die Familie Propst; die Familie Konrad; die Brüder Christian und Heinrich Fust; die Familie Erstein; Johann Ebinger; die Familie Morgenstern; Friedrich und Johann Ziebarth; die Brüder Christian, Johann, Jakob, Friedrich, Gottfried und August Harwardt; die Brüder Martin, Gottlieb und Johann Ruf; die Brüder Jakob und Friedrich Ullrich; Gottlieb Burghardt.
bekannte Namen ehemaliger Lehrer mit Jahr der Anstellung in Kaisertal:
Karl Märtins (1838-1839)
Schill (1839-1840)
Ruhmann (Ausländer) (1840-1841)
Dino (1841-?)
Kneib (?)
Wild (?)
Rheinländer (Ausländer) (1855-1856)
Dino (1856-1863)
Karl Hoffmann (1863-1868)
Pade (1868-1869)
Mahnsey (1869-1878)
Eduard Beck (1878-1883)
Immanuel Fröscher (1883-1887)
Julius Mensch (1887-1890)
August Hoffmann (1890-1894)
Gottlieb Gellert (1894-1898)
Johann Jedig (1898-1907)
Wilhelm Nass (ab 1907)
Bürgermeister mit Amtsjahr waren:
Karl Märtins (nicht dieselbe Person wie der erste Lehrer Karl Märtins),
Philipp Meier,
Johann Fischer,
K. Märtins,
Christian Fust, während dessen Amtszeit eine Zahlung für das Amt von 19 Rubel und 28 ½ Kopeken eingeführt wurde
Gottlieb Föll (1855),
Christian Konrad (1857-58),
Johann Fust (1859-60),
Alexander Burghardt,
Jakob Weber,
Jakob Renner, Sr.,
Daniel Breit (1867-68),
Jakob Leinich (1869-70),
Karl Föll (1871-72),
Jakob Bischler Sr ., (1873-74),
Wilhelm Polle (1875-76),
Jakob Hartwig (1877-78),
Johann Föll (1879-81),
Friedrich D. Breit (1882-84),
Friedrich Burghardt (1885-87),
Johann Ullrich (1888-90),
Jakob Renner (1891-93),
Philipp Kirchmeier (1894-96),
Jakob Bischler Jr., (1897-99),
Christian Polle (1900-02),
Johann Renner,
Daniel Föll,
Christian Seel,
Johann Kühne,
Christian Föll,
Heinrich Renner ,
Karl Burghardt.
Älteste der Kirche mit Amtsjahr waren:
Johann Fischer,
Johann Fust,
Sebastian Föll,
Gottlieb Föll,
Alexander Burghardt (1869-?),
Daniel Breit ?-1877 (langjähriger Kirchenvorstand, dessen Amt einst vom Amt des Kirchenältesten getrennt war, später ein einziges Amt),
Jakob Renner 1878-80 und 1887 bis 1889,
Karl Föll 1881-1883 und 1890-18892,
Wilhelm Polle 1884-86,
Johann Ullrich 1893-1902,
Jakob Renner Jr. 1903,
Friedrich Breit 1904-1905,
Daniel Föll 1906-1908,
Christian Polle (1909 bis 1909)
Pfarrer10/11 mit Amtsjahr waren:
Hugo Rudolf Woldemar Plohmann, *29. November 1833 in Ponjewesch † (August 1863 – 21. Juli 1874)
Jojakim Tschachmachsjanz, *17. August 1841 Baku † 1913 Orenburg (28. September 1875 – 10. Februar 1882)
Karl Christian Marian Schott, *19. April 1937 Sachsgrün/Sachsen † 6. August 1919 in Reval/Estland (14. November 1882 – 22. Juni 1906) . Pfarrer Schott war bereits seit dem 13. November 1881 als Vikar für die Gemeinde tätig.
Wilhelm Konrad Johann Hörschelmann, *3. Mai 1871 Fellin/Livonia † 4 April 1936 Arnstad (11. Juli 1899 – 12. Juli 1906)
Jakob K. Stach, *23. September 1865 Grunau † 23. November 1944 Katzenelnbogen/Taunus (18. Oktober 1906 -1916)
Carl Eduard Ney, *2. Februar 1879 Reval/Estland † 5. März 1964 Seggenbruch bei Stadthagen/Lippe, Deutschland (1916-1919)
Eduard Friedrich Heinrich Steinwand, *9. Juli 1890 Odessa †17. Februar 1960 Erlangen/ Deutschland
Albert Maier, *16. April 1892 Totanai/Krim † nach 1937 (1919-1933)
Grünbrache – Brache mit Vegetation die meist gesät wird aber auch von selbst entstehen kann. Nach einiger Zeit wird der Bewuchs in den Boden eingearbeitet oder auch geschnitten. Grünbrache kann die Stickstoffversorgung verbessern Unkraut unterdrücken und ist gut für die Entstehung von Humus und die Bodenstruktur.
Schwarzbrache – Durch Pflügen oder andere Maßnahmen vegetationsfrei gehaltene Brache. Sie wird z.B. dazu eingesetzt eine Fläche unkrautfrei zu bekommen. Eine schwarzbrache Fläche ist anfällig für Wind- und Wassererosion.
Ortsplan Heimatbuch der Russlanddeutschen 1957
Kirchenbuch Hochstädt
Arhivaal EAA.402.1.27313
Carlo von Kügelgen: Das übertünchte Grab: Erinnerungen eines evangelischen Pfarrers aus der Sowjet-Union, Nibelungen-Verlag, 1934
Thüringer Pfarrerbuch Band 10: Thüringer evangelische Kirche 1921 ‐ 1948 und Evangelisch‐Lutherische Kirche in Thüringen 1948 ‐ 2008; Zusammengestellt von Friedrich Meinhof, 2015, Heilbad Heiligenstadt
„1838 – 1913 Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Kaisertal, Gouvernement Taurien, Kreis Melitopol, Wolost Eugenfeld) in den ersten 75 Jahren ihres Bestehens.” Jubiläumsschrift, herausgegeben im Verein mit mehreren Gemeindegliedern von J. Stach, Pastor. Verlag Eugenfeld“
Wikipedia
Erik Amburger: Die Pastoren der evangelischen Kirchen Rußlands vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1937″. Ein biographisches Lexikon. Institut Nordostdeutsches Kulturwerk. Martin-Luther-Verlag 1998.
R 57/1281 [DAI 1278] Handakte Eduard Krause, enthält u.a. 1838 – 1913 Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Kaisertal, Gouvernement Taurien, Kreis Melitopol, Wolost Eugenfeld) in den ersten 75 Jahren ihres Bestehens.” Jubiläumsschrift, herausgegeben im Verein mit mehreren Gemeindegliedern von J. Stach, Pastor. Verlag Eugenfeld
Bischler , R. * Stieldrehung beim Myom . Breslau , 1931. 44p
Verzeichnis der Haushaltungen von Waldenburg im Adressbuch der Stadt Waldenburg (Schlesien) 1937
Carte du Gouvernement de Tauride, Comprenant la Krimee et les Pays Voisins. Dezauche, Jean Claude. Paris, 17881
Taurien, einstiges Gouvernement, welches die Halbinsel Taurien (Krim), die nördlich liegende nogaische (krimsche) Steppe, das Land der tschernomorskischen Kosacken und die zwischen der Kubanmündungen gelegene Halbinsel Taman umfaßte. Mit dem Festland ist die Halbinsel durch die Landenge von Perekop verbunden.
Es findet sich im Norden der Halbinsel eine baumlose Steppe mit einigen Salzseen, im Süden längs der Küste ein Kalkgebirge, durchzogen von waldige Höhen und fruchtbaren, wasserreichen Tälern. Das milde Klima ist ideal für den Anbau von Wein, Obst und Südfrüchten. Die Halbinsel Taman besitzt zudem einige Bergteerquellen, ein natürliches Vorkommen von Asphalt.
Zur Zeit des antiken Griechenlands Sitz der Skythen und Amazonen, gab es auch griechische Kolonien. Phanagoria, auf der Halbinsel Taman, Pantikapaion und Theodosia im Osten der Krim. Chersonesos (Heraklea) auf dem Steppenplateau, oder etwa Olbia an der Mündung des Bug.3 Die Geschichte Tauriens war wechselhaft, wie ich unter Krim geschrieben habe, zogen im Laufe der Jahrhunderte viele Völkerschaften in diesen Gegend, eroberten und zogen wieder von dannen. Am Ende des 12. Jahrhunderts waren die Genueser Herren der Krim und gründeten Caffa. Hier war der Sitz einer Administration im Netzwerk von Handelsstützpunkten im Schwarzen Meer. Im 13. Jahrhundert eroberten Tataren die Krim und im 15. Jahrhundert Türken. 1771 von den Russen erobert, wurde 1774 die Unabhängigkeit der Krim anerkannt. 1783 wurde die Krim zu russischem Eigentum erklärt und als solches 1784 von der Türkei förmlich anerkannt. Unter dem Namen Taurischer Chersones, kurz Taurien, wurde die Krim 1784 dem russischen Reich angegliedert.
Grigori Alexandrowitsch Potjomkin erhielt als Dank für die Eroberung den Beinamen „der Taurier“, der kaiserliche Titel erweitert als dem „Zaren des taurischen Chersones“.
Als Teil des Kolonisationsgebietes Neurussland wurde eine Oblast Taurien eingerichtet. Dabei wurde der antike Name Taurien wiederbelebt, als Name für die Krim setzte sich Taurien außerhalb von offiziellen Dokumenten allerdings nicht durch. 1796 von Zar Paul I. aufgelöst, wurde es 1802 von Alexander I. als Gouvernement wiedererrichtet. In dieser Form bestand es bis Oktober 1921.
Potjomkins Ansiedlungsversuche brachten nicht den gewünschten Erfolg, erst unter Alexander I. begann um 1803/1804 eine gezielte Ansiedlung von Deutschen und rund 60 Schweizer Familien.
Carte generale du gouvernement de la Tauride, Piadyshev, Vasilii Petrovich, 18222
Die Gründungen der deutschen Kolonien erfolgte rasch (am unteren Ende der Tabelle ist ein Schieberegler für die volle Breite):
Kolonie
heutiger Name
Gründung
Herkunft der Kolonisten
Hoffental
heute im nördlichen Teil von Wynohradne
1804
ev.
einige Familien sind 1802 – 1807 aus Baden und Württemberg nach Preußisch Polen ausgewandert; 1810 kamen noch zwei Familien aus Württemberg und 17 Familien aus Westpreußen
Rosental
Nowe Pole, Нове Поле
1804
ev.
Zu den ursprünglichen Familien kamen 1810 drei Familien aus Preußisch Polen und 3drei aus Baden. 1823 kamen noch zwei Familien und 1833 acht Familien aus der aufgelösten Kolonie Neudorf. Insgesamt waren es 28 Familien.
großteils zerstört, der größte Teil der Einwanderer kam aus Württemberg und Baden. Später weitere Einwohner aus den verschiedenen Teilen Deutschlands und den umliegenden deutschen Kolonien
Wasserau
Wodne, Водне
1805
ev.
1802 kamen Einwanderer aus Württemberg, Kreis Rottenburg nach Preußisch Polen, dann 1804 mit einigen anderen dortigen Familien (insgesamt 38 Familien) nach Südrussland. 1810 kamen 4 Familien aus Baden-Durlach dazu. 1823 übersiedelte die ganze Gemeinde an einen günstigeren Ort, da das Land im ursprünglichen Ort sich über 12 km ausdehnte und daher die Bearbeitung umständlich war..
Weinau
Tschapajewka, Чапаєвка
1805
ev.
1802 aus der Stuttgarter Gegend, lebten die Kolonisten einige Jahre in Preußisch Polen. 1810 kamen noch 12 Familien aus Baden. 1815 zogen 15 Familien nach Wasserau und 1840 drei Wirte nach Kronsfeld.
Waldorf
Schowtnewe, Жовтневе
1809
kath.
Durlach
1810
ev.
zerstört, südlich von Tschapajewka, Чапаєвка
Grüntal
1810
ev.
zerstört, bei Tschornosemne, Чорноземне
Heidelberg
Nowohoriwka, Новогорівка
1810
kath.
die meisten Familien kamen aus Baden: Mannheimer, Heidelberger und Rastatter Umgebung; 1822 kamen zu den 82 Familien noch weitere 10 hinzu
Hochstädt
Wyssoke, Високе
1810
ev.
Kostheim
Pokasne, Показне
1810
kath.
Badener Familien aus dem Raum Bruchsal, Elsässer, Pfälzer aus der Gegend um Landau und Speyer
Leiterhausen
Traktorne, Тракторне
1810
kath.
Familien aus der Gegend von Mannheim, Heidelberg und dem Elsaß
Reichenfeld
Plodorodne, Плодородне
1810
ev., kath.
30 evangelische und eine katholische Familie aus der Gegend um Mannheim und Heidelberg. Dazu einige Württemberger aus dem Raum Stuttgart und einige Pfälzer aus dem Bistum Speyer. 1823 kamen noch 6 evangelische und 4 katholische Familien aus Zarskoje Selo bei Petersburg, wohin sie 1807 – 1809 eingewandert waren.
Friedrichsfeld
Rosdol, Роздол
1812
ev.
Familien stammen aus dem Raum Mannheim und Heidelberg; dazu 4 Familien aus der Stuttgarter Gegend; 1811 kamen weitere Familien, die 1804 aus Preußisch Polen nach Neudorf eingewandert sind und dann nach Friedrichfeld umsiedelten.
Neu Nassau
Suwore, Суворе
1814
ev.
12 Familien stammen aus dem Schwarzwald (Württemberg) und 20 aus Hessen-Nassau.
Karlsruhe
Sraskowe, Зразкове
1815
ev.
15 Familien kamen aus Weinau und 16 aus Wasserau; 1821 zogen weitere 5 Familien aus dem Durlacher und Eppinger Raum in Badens zu; einige aus dem Elsaß
21 Familien kamen aus Altmontal, 1823 kamen weitere 7 hinzu
Hochheim
Komsomolske, Комсомольське
1818
ev.
Tiefenbrunn
Tschystopillja, Чистопілля
1820
ev.
Blumental
Riwne, Рівне
1822
kath.
Nachkommen der Kolonien Kostheim, Leiterhausen, Heidelberg und Waldorf
Kronsfeld
Marjaniwka, Мар’янівка
1825
ev.
Die Kolonie wurde von Familien, die aus der Gegend von Heidelberg und Tübingen auswanderten und zunächst bei Petersburg (Zarskoje selo) siedelten, gegründet. Es waren 19 Familien, die unter ihrem Schulzen Adam Schatz Kronsfeld gründeten. 1833 musste die Kolonie 12 weitere Familien aus dem aufgelösten Neudorf aufnehmen. 1839 kamen weitere 3 Familien aus Weinau hinzu.
3Skizzen aus der Geschichte der Krim Vortrag, gehalten im Stadthaus zu Weimar den 20. März 1855 Autor: Sauppe, Hermann (1809-1893) Professor, deutscher klassischer Philologe, Pädagoge und Epigraphiker, 1855
Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897.
Bereits 1789, nachdem die Siedlung Chortitza gegründet wurde, kamen Mennoniten aus Westpreußen in die Siedlung, da ihnen der preußische König Friedrich Wilhelm III. den Landerwerb erschwerte, weil sie keinen Wehrdienst leisten wollten. Trotz aller Schwierigkeiten mit den vorgefundenen Bedingungen, siedelten bald immer mehr von ihnen. Da die Mennoniten als Musterlandwirte galten, förderten die Zaren ihre Ansiedlung. Zar Paul I. erließ im Jahre 1800 ein Privileg, welches die Mennoniten „auf ewige Zeiten“ vom Wehrdienst befreien sollte.
1803 überwinterten Siedler, die zur Ansiedlung im Prischib bestimmt waren in Chortitza. Das Gebiet nahe des Asowschen Meeres bot auf ungefähr 6.500 Dessjatinen Platz für Kolonisten am Fluß Molotschna. Gutsbesitzers Dubinsky hatte etwa 45 Werst von der Kreisstadt Melitopol, 320 Werst von der Gouvernementsstadt Simferopol und 150 Werst von Jekaterinoslaw entfernt, sein Gut gegen Entschädigung abgetreten.
Jeder Siedler erhielt 65 Desjatinen Land, in den Jahren 1803–1805 wanderten 342 westpreußischen Mennoniten-Familien ein und gründeten 57 Dörfer. Viele von ihnen waren vermögend, da sie zuvor ihre Höfe in Westpreußen verkauft hatten und daher einen wesentlich leichteren Start hatte, als beispielsweise viele Kolonisten später in Bessarabien
Mykolajiwka/Миколаївка, Nikolajewka/Николаевка (heute eingemeindet nach Seljony Jar/Зелёный Яр)
Paulsheim
1852
Pawliwka/Павлівка, Pawlowka/Павловка (heute eingemeindet nach Seljony Jar/Зелёный Яр)
Kleefeld
1854
Mohutneje/Могутнє, Mogutneje/Могутнее
Alexanderkrone
1857
Molotschne/Молочне, Molotschnoje/Молочное
Mariawohl
1857
Selenyj Jar/Зелений Яр, Seljony Jar/Зелёный Яр
Friedensruh
1857
Myrnyj/Мирний, Mirny/Мирный
Steinfeld
1857
Sadowyj/Садовий (existiert nicht mehr; bei Makiwka/Маківка), Sadowy/Садовый
Gnadental
1862
Blahodatne/Благодатне, Blagodatnoje/Благодатное
Hamberg
1863
Kamjanka/Кам’янка, Kamenka/Каменка
Klippenfeld
1863
Mohotschnyj/Могочний (heute eingemeindet nach Stulnewe/Стульневе), Mogotschny/Могочный (heute eingemeindet nach Stulnewo/Стульнево)
Fabrikerwiese
1863
Fabrytschne/Фабричне, Fabritschnoje/Фабричное
Bis etwa 1819 verhinderten die napoleonischen Kriege weitere Auswanderungen, bis 1820 wanderten dann 254 Familien ein. Danach verlief die Auswanderung deutlich langsamer, bis 1835 hatten sich insgesamt 1.200 Familien mit etwa 6.000 Personen nieder gelassen. Die Siedlung besaß etwa 120.000 Desjatinen Land, ein Teil davon Gemeindelandum für künftige Generationen und die damit verbundende Zahl der Menschen die Versorgung zu garantieren.
Die Einwohner von Molotschna wurden, wie die der Chortitzaer Ansiedlungen, 1943 in den Warthegau evakuiert und später von der Roten Armee bei ihrem Einmarsch nach Deutschland zurück in Verbannungsorte der Sowjetunion deportiert. Viele ihrer Nachkommen leben heute in Deutschland, Kanada, den Vereinigten Staaten und Südamerika.
Die ehemaligen Molotschnaer Kolonien sind heute die kleine Stadt Tokmak in der Oblast Saporischschja in der südlichen Zentralukraine.
Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897.
Ein Beispiel für die Repressalien, denen die Bevölkerung der Ukraine durch die Zwangskollektivierung ausgesetzt war, möge dieser Bericht sein:
Deutsche Ukraine-Zeitung 5.5.1942 S. 3
Wie die Bauern der Ukraine von den ausgeplündert wurden ein Kolchosnik aus Pesotschka erzählt. Wir hatten, Gelegenheit, einen ehemaligen Kolchosbauer aus dem Dorfs Pesotschka über die schlimme Zeit, da der Bauer vom Kolchossystem geknechtet wurde, zu sprechen. Das Dorf Pesotschka hat 22 Höfe, da von waren 16 in einen Kolchos zusammen gefaßt, während die übrigen Hofbesitzer ein noch kümmerlicheres Dasein als Jedinelitschnik, d. h. als Einzelbauern führten. An den Erträgnissen der Kolchoswirtschaft war der Bauer nur in einem sehr geringen Maß beteiligt. Für seine Arbeit im Kolchos erhielt er für den Arbeitstag 830 Gramm Brotgetreide, 1 Kilo Kartoffeln, 2 kg. Heu oder Stroh für seine Kuh und für den Fall, daß die Ernte ausreichend war, noch 80 Kopeken in Geld. Für Kinder und sonstige arbeitsunfähige Angehörige gab es keinerlei Zuschüsse. Der Kolchosbauer durfte eine Kuh halten. So gab es im ganzen Dorf Pesotschka auch nur 22 Kühe. Denn auch der Einzelbauer durfte nur eine Kuh halten. Den Kolchosangehörigen war ferner gestattet, ein Kalb sowie bis zu 10 Schafen und 20 Hühner zu besitzen. Sie durften auch ein Schwein aufziehen, doch hatten die wenigsten der Bauern ein Schwein, da ihnen das Futter fehlte. Im Winter kamen nur, unzureichende Abfälle in Frage, im Sommer Gras und Kraut. An Schweinemast war unter diesen Umständen gar nicht zu denken. So kam es, daß Schweinefleisch vielen Bauernfamilien nahezu unbekannt war. Die Pferde, waren mit der Bildung des Kolchos dessen Eigentum geworden. Wenn der Kolchosnik für private Zwecke, so z. B. für die Bearbeitung seines Gartenlandes (0,3 bis 0,6 ha) ein Pferd brauchte, so mußte er eine Gebühr von 2 Rubel je Arbeitsstunde an den Kolchos zahlen. Der Einzelbauer, der in Bezug auf die sonstige Viehhaltung derselben Beschränkung unterworfen war wie der Kolchosbauer, durfte ein Pferd haben. Allerdings mußte er dann jährlich eine Pferdesteuer von 500 Rubel zahlen. An der Heu- oder Strohernte hatte er keinen Anteil. Hier mußte er sich selber helfen und sich die nötigen Futtermittel entweder kaufen oder sonstwie „besorgen“. Dem Kolchosbauer und dem Einzelbauer waren „Naturalleistungen“ an den Staat auferlegt, die oft ihr Leistungsvermögen überschritten. Von der Kuh, die sie besaßen, mußte der Kolchosnik 240 Liter, der Einzelbauer 320 Liter im Jahr abliefern. Der Fettgehalt der Milch war mit 3,9 Prozent sehr hoch festgelegt (in Deutschland nur 3 Prozent). Reichte der Fettgehalt der Milch nicht aus, so wurde die Milchlieferung um eine entsprechende Menge erhöht. Ging die Kuh während des Lieferungsjahres ein, so blieb das auferlegte Kontingent bestehen. Der Bauer mußte dann die Milch kaufen, um sie überhaupt liefern zu, können. Hierbei ergab sich dann die volle Niedertracht des Sowjetsystems. Während der Kolchosbauer vom Staat nur 12 Kopeken je Liter bekam, mußte er die Milch jetzt selbst zum üblichen Ladenpreis von 1,50 Rubel je Liter kaufen. Der Einzelbauer hatte neben der Milchablieferung auch noch 40 kg Fleisch im Jahr an den Staat zu liefern. Konnte er diese Menge nicht aufbringen, so mußte er ebenfalls das fehlende zukaufen. Für ein Kilo Rindfleisch zahlte der Staat 21 Kopeken, während der Ladenpreis 10 bis 12 Rubel betrug: für Hammelfleisch 27 Kopeken (Ladenpreis 12 bis 15 Rubel), für Schweinefleisch 30 Kopeken (Ladenpreis 22 bis 30 Rubel). An Eiern mußten je Huhn und Jahr 60 Stück geliefert werden. Hier zahlte der Staat für zehn Eier 12 Kopeken, während, der Ladenpreis ein Rubel betrug. Zu den Naturalleistungen kamen noch eine Reihe von Steuern hinzu, die eben falls in keinem Verhältnis zu den wirklichen Möglichkeiten der Bauern standen. Je Hof und Jahr mußte der Kolchosbauer 80 Rubel, der Einzelbauer 300 Rubel zahlen. Ferner war eine Kulturabgabe von 80 Rubel Zu entrichten. Die Selbstbesteuerung (für Schule, Wege, Krankenhaus) war auf 40 Rubel festgesetzt, an Pflichtversicherung für totes und lebendes Inventar waren ebenfalls 40 Rubel zu zahlen. Außerdem mußte jedes Jahr Staatsanleihe gezeichnet werden, und zwar mit, 75 Rubel, wo die Frau arbeitete, weitere 75 Rubel. Sie waren in dieser Beziehung aber noch besser gestellt als die Angestellten in den Städten, die jährlich ein Monatseinkommen als Staatsanleihe zeichnen mußten. Die Naturalleistungen und die Steuer wurden mit äußerster Strenge eingetrieben und strengste Strafen schnell verhängt. Im Dorf Pesotschka gab es kaum einen Hof, indem nicht die männlichen Mitglieder im Gefängnis gesessen hatten. in.