Das Schicksal hat manchmal einen feinen Sinn für Humor. Als ich vor über vier Jahrzehnten diese Porzellanschale von meinem Mann als Geschenk erhielt, war sie für mich zunächst ein schöner Gegenstand, ein ästhetisches Stück Thüringer Handwerkskunst. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bereits einen Schlüssel zu meiner eigenen Familiengeschichte in den Händen hielt.
Ohne jegliches Wissen um die Herkunft und eine Verbindung der Glasmacher- und Porzellandynastie Greiner zu kennen, begleitete mich dieses Stück. Erst die spätere Ahnenforschung verwandelte das Geschenk in ein Erbe.
Es stellte sich heraus, dass die Schale nicht nur aus irgendeiner Manufaktur stammte, sondern aus dem Lebenswerk der Greiner, die einst aus den badischen Glashütten in den Thüringer Wald gezogen waren, um dort Geschichte zu schreiben. So wurde aus einem Zufallsfund ein Beleg für die tiefe Verwurzelung meiner Familie in der deutschen Industriegeschichte.
Die Schale wurde gestaltet in einem der „Echt Kobald Blau und Gold“ Dekore, die in der ehemaligen Wallendorfer Porzellanmanufaktur produziert wurden.
Die Geschichte der Manufraktur begann mit ihrer Gründung am 30. März 1764 in Wallendorf in Thüringen, zum Zeitpunkt des Kaufes 1980 Volkseigener Betrieb Schaubach-Kunst Porzellanfabrik Wallendorf, und endet mit der Insolvenz des letzten deutschen Eigentümers 2019. Der Verkauf der Marke fand bereits im Jahre 2013 an Yihong Mao aus Ningbo/China, statt.
Diese kobaltblaue Unterglasurbemalung auf Hartporzellan wurde in China bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts hergestellt und ab dem 16. Jahrhundert nach Europa exportiert. Das Besondere ist der Herstellungsprozess, hartes Porzellan entsteht nur durch höhere Brenntemperaturen (1400 °C bis zu 1460 °C) und besteht aus 47–66 % Kaolin, bis zu 25 % Quarz und bis zu 25 % Feldspat. Die blaue Farbe entsteht ebenfalls erst nach dem Auftrag auf das ungebrannte Porzellan bei Temperaturen von 1260 °C oder mehr.
Chinesisches Porzellan war beim Adel begehrt, durch den Transportweg aber teuer. Deshalb versuchte man sich in ganz Europa an der Herstellung von Porzellan, den meisten dürfte dabei Johann Friedrich Böttcher (1682–1719) in den Sinn kommen, ein Alchimist, der behauptete, Gold herstellen zu können.
August der Starke (1670–1733) setzte ihn fest und stellte ihn unter die Aufsicht des Metallurgen Gottfried Pabst von Ohain, der den Vorgang der Goldherstellung beobachten sollte. Durch Ersuchen des Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708), den Fokus auf Porzellan zu lenken, experimentierte er mit verschiedenen Tonerden und entdeckte so eher zufällig im Jahre 1706 den Herstellungsprozess des chinesischen Porzellans, dabei wurde rotes Porzellan erzeugt. Ende 1707 gelang die Herstellung des ersten weißen europäischen Hartporzellans. Durch die Verwendung von Alabaster als Böttgerporzellan bekannt. Die Rezeptur des roten Porzellans wurde verfeinert und Jaspisporzellan genannt (Böttgersteinzeug), zudem wurde holländisches Porzellan entwickelt.
Kurz darauf, mit Dekret vom 23. Januar 1710, wurde die Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellanmanufaktur gegründet.
Ein Inbegriff für Design dieser Manufraktur bis heute, ist das Zwiebelmuster des Meissner Porzellans, entwickelt nach chinesischem Vorbild in kobaltblauer Unterglasur bereits 1730. Nach wie vor von Hand gemalt, sind die gekreuzten Schwerter der Manufraktur ein Symbol von Qualität und Beständigkeit und Markenschutz der Erfindung.
Auch andere Hersteller übernahmen dieses Motiv:
Meissner Ofen- und Porzellanfabrik vorm. C. Teichert; Villeroy & Boch – Dresden; Colditz, T. & H. – Steingutfabrik Thomsberger & Hermann
Das Interesse war groß, Johann Wolfgang Hammann (1713–1785) begann sich ebenfalls ab 1755 mit der Porzellanherstellung zu beschäftigen, Georg Heinrich Macheleid (1723–1801) entdeckte seine Brennmethode um 1757 und Gotthelf Greiner (1732–1797)1 gelang die Herstellung im August 1761. Jeder von ihnen nutzte eine andere chemische Zusammensetzung der Grundstoffe.
Sterbeeintrag 1797 KB Steinheid 1793-1850
Hammanns Versuch, eine Konzession zur Herstellung vom Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt zu erhalten, scheiterte im September 1760, da drei Tage zuvor eine Konzession exklusiv an Macheleid vergeben wurde. Trotz dieses Rückschlages experimentierte er weiter und brannte 1762 in Katzhütte erstmals erfolgreich Porzellan.
Im folgenden Jahr erwarb er das Freiherr von Hohenthalsche Rittergut in Wallendorf, damals zum Herzogtums zu Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörend. Gemeinsam mit Gotthelf Greiner erhielten beide am 30. März 1764 durch den Herzog von Sachsen-Coburg die Konzession zur Porzellanherstellung und gründeten gemeinsam mit Hammanns Sohn Ferdinand Friedrich (1739–1786), und Greiners Cousin Gottfried Greiner, einem Glasmaler, die Porzellan Manufaktur in Wallendorf.
Christiana Catharina Hammann (1749–1818) ehelichte 1774 den Wallendorfer Buntmaler Johann Heinrich Hutschenreuther (1751–1812) und mancher wird nun sagen – kenne ich, das ist doch auch ein Porzellanhersteller – richtig, der gemeinsame Sohn dieser Verbindung, Carolus Magnus Hutschenreuther (1794–1845) wurde Begründer der C. M. Hutschenreuther Porzellanfabrik in Hohenberg an der Eger.
Wie eingangs erwähnt, war Gotthelf Greiner ein Nachkomme des Hans Greiner genannt Schwabenhans (um 1550- vor 1609), der als Nachfolger seines Vaters Hans (um 1522–um 1575), Glas- und Hüttenmeister auf der Glashütte Langenbach wurde.
Nachdem der „Schwabenhans“ nach Lauscha im Herzogtum Sachsen-Coburg übersiedelte und dort Glashütten betrieb, wurde ihm und seinem Mitbetreiber, Glasmeister Christoph Müller (um 1545–um 1628), am 10. Januar 1597 ein erblicher Lehnsbrief ausgestellt, der ihnen die Hütte je zur Hälfte, drei Häuser, eine Schneidemühle, 30 Acker Rodeland, 42 Acker Wiesenrod zusicherte. Zu zahlen waren jährlich 12 Florentiner Erbzins.
Lauscha ist bis heute ein Inbegriff für Weihnachtsbaumschmuck aus Glas.
Die ersten Greiner, auch Grüner, Griener oder Grynner geschrieben, wanderten nachweislich aus Nassach in Baden-Württemberg nach Thüringen ein, sie gehörten zu der weit verzweigten Familie von Glasmachern, wie meine Vorfahren. Diese waren unter anderem in Kandern und in Blasiwald tätig, gründeten 1623 die Glashütte in Hasel.2 In diese Familie heirateten die Grässlin (Grässle) ein, ebenfalls Glasmacher in Hasel und meine anderen Vorfahren.
Doch kehren wir zu den Porzellanmachern zurück.
Am 30. März 1780 erwarben die Brüder Georg Wilhelm (1738 –1792) und Johann Andreas Greiner (1747 – 1799) die Porzellanmanufaktur in Untermhaus, auf dem Gries, mit nur einem Brennofen.3 Diese war als Fayencenmanufaktur 1740 durch Mathias Eichelroth (1708–1774) gegründet worden und konnte der stärker werdenden Konkurrenz durch die Porzellanproduktion nicht mehr standhalten. So versuchte man es 1779 mit der Porzellanproduktion und verkaufte erfolglos an die Greiner.4
Als 1782 zweimal nacheinander Feuer in der Fabrik ausbrach, wodurch beide Male der Ort in große Gefahr geriet, beschädigten die aufgebrachten Bewohner den Brennofen.5 Trotz dieser widrigen Umstände wurde die Manufaktur bald bekannt, schon um das Jahr 1785 herum war man im Kurfürstentum Sachsen darauf aufmerksam geworden, dass in Gera „auf Meissnische Art gefertigtes Porzellan zum Nachteil des Meissnischen Fabrikats eingeführt und verkauft wurde“.6
Die Qualität war jedoch nicht dieselbe des Meißner Porzellans, es gab noch einige weitere Porzellanfabriken, keine eine echte Konkurrenz.
Am 15. September 1800, beantragte auch Tobias Albert von Roschütz bei Gera eine Konzession zur Anlegung einer Porzellanfabrik in Pößneck, die ihm am 6. Dezember selbigen Jahres bewilligt wurde. Die Witwe Hammann der Wallendorfer Manufraktur erhob gegen diese Konkurrenz, wie gegen andere auch, eine erfolglose Klage. Vier Jahre später wurde Tobias Albert nach Zwangsversteigerung zudem Eigentümer der Fabrik in Untermhaus, die er modernisierte, er wohnte auch in Untermhaus. Die Fabrik wurde erst 1912 geschlossen.
Die Pössnecker Fabrik verkaufte Albert um 1804 an Wilhelm Ernst Conta und Christian Gotthelf Böhme, die Übertragung des Privilegs für Contra & Böhme erfolgte am 31. Januar 1815.7
Soweit unser Ausflug in die Geschichte der thüringischen Porzellanfabrikation. Begeben wir uns nun auf die Spuren einiger Arbeiter der Fabriken.
Johann Gottfried Heinecke, Porzellanbrenner, ehelichte am 9. November 1786 in Untermhaus Susanne Marie Rosine Hooper, sie lebte auf dem Gries, ihr Vater Johann Christoph war Tambour, seine Eltern: Meister Johann Georg Christian Heinecke, Hof-Ziegeldecker, zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits verstorben und Maria Rosina geb. Barth (1730–1811).
Eheschließung 1786 KB Untermhaus 1757-1793
Das Paar hatte acht Kinder: Johann Heinrich (*1786), Steingutdreher, Johann Christian Gottfried (*1790), Johann Gottfried (*1792), Johanna Rosina (*1793), Heinrich Christian Carl (1794–1796), ( Benjamin Carl (*1796), Porzellandreher, Ernestine Wilhelmine (*1801) und Tochter Johanna Christiana Magdalena, wie alle auf dem Gries geboren (*21.12.1788), heiratete am 2. Mai 1813 in Untermhaus den Porzellandreher und späteren Porzellanmaler Carl Friedrich Wilhelm Huth (*13.03.1785 Untermhaus)
Eheschließung 1813 KB Untermhaus 1794-1817
Sein Vater Johann Adam (um 1761–1802) war hochgräflicher Kellerschreiber und Trompeter, die Mutter, Johanna Sophia Umlauft kam aus Bischofswerda. Er war das dritte von 12 Kindern.
Das Ehepaar hatte neun Kinder, ehe sie ihren Lebensweg in Pößneck beendeten. Carl Friedrich Wilhelm starb am 16.02.1835 an Lungenverhärtung, seine Frau am 01.04.1847 an Abzehrung.
1.) Ihr erstgeborener Sohn, Carl Friedrich, wurde noch in Untermhaus geboren (25.11.1813) und starb am 02.10.1891 in Pößneck an einem Hirnschlag. Seine Ehefrau, Elisabeth Englert (*um 1810 Rentwertshausen – 04.04.1870 Pößneck), erlag Brustkrebs. Sie hatten am 16.04.1840 in Pößneck geheiratet und wurden Eltern eines berühmten Sohnes: Carl Wilhelm Louis (1842–1923)
Geburt und Taufe 1813 KB Pößneck Taufen 1821-1844
Louis besaß in Pößneck, zunächst in der Krautgasse 8, in seinem Geburtshaus, ein Kunstgewerbliches Atelier und war mit Marie Sophie Pauline Streitberger verheiratet. Während Sohn Hermann Albin August (1874–1953) Kaufmann wurde, hatte Sohn Otto Richard Franz (1876–1970) das künstlerische Talent des Vaters geerbt. So wurde er nicht nur Porzellan- und Glasmaler, sondern ein bekannter Pastellmaler, Professor und Ehrenbürger Pößnecks. Er war mit der Malerin Gertrud Karoline Helene Borchmann (1877–1959) seit 1904 verheiratet. Die gemeinsamen Kinder Elisabeth Pauline Gertrud (*1907), Franz Louis Gustav (*1910) und Dorothea Elise Helene (*1912) wurden in Neuenheim geboren. Den Grabstein von ihm und seiner Frau findet man noch heute in Weimar.
Heidelberger Zeitung Nr. 126-150 (1. Juni 1904 – 30. Juni 1904) Eheschließungen S. 13208
2.) Friedrich Wilhelm Louis Huth (1815-1890) wurde bereits in Pößneck geboren und war Posamentierer, 3.) Louise Emma (*1817), 4.) Carl Franz Huth, Seiler und Schullehrer (1819-1870) starb in Hoffental, Taurien, 5.) Friedericke Rosine Magdalena (*1821), 6.) Sophia Rosina Agnes (1822-1887), sie starb in Dresden, 7.) eine totgeborene Tochter (*/+1824), 8.) Friedrich Wilhelm Robert (*1825), Porzellanmaler, 9.) Karl Friedrich Bernhard (*1828 – vor 1901), war Lederhändler und starb in Schweidnitz.
Wenden wir uns dem vierten Kind, Carl Frantz, geboren am 11. April 1819 in Pößneck, zu.
Geburt und Taufe 1819 KB Pößneck Taufen 1809-1820
Es sind Briefe9 erhalten geblieben, die seine Auswanderung über Warschau nach Südrussland belegen und den engen Kontakt, den er auch nach der Auswanderung zu seiner Familie hielt. Während er als Seiler in Warschau arbeitete, überlegte er, nach Riga, Petersburg oder Stockholm zu reisen, Hafenstädte, die ihm Arbeit im Beruf boten.
Was ihn bewogen hat, sich nach Süden zu wenden und in Tokmak, Molotschna, zu siedeln, ist nicht überliefert. Von hier berichtet er erneut 1846, nun verheiratet mit Elisabeth Kitzler. Sein erstes Kind wurde geboren, Carl Robert. Es folgten weitere zehn, in Alt Nassau Maria Emilia (1848-1880), Alwine Florentine (*1850), Karl Otto (1852-1906), Emma Elisabeth (*1855), Marie Bertha (*1857) und Gustav Adolph (*1858), Mathilde (*1861) kam in Durlach an der Molotschna zur Welt. Karolina Amalia (1863-1929) in Weinau, Karl Ferdinand (*1865) und Amalie (*1868) in Hoffental. Dort starb Carl Frantz im Alter von 60 Jahren an einem Blutschwamm, Elisabeth blieb als Witwe zurück.
Sterbeeintrag 1879 KB Molotschna 1879
Seine zahlreichen Nachkommen blieben lange in Südrussland, kamen zum Teil als Spätaussiedler nach Deutschland, nur Tochter Karolina Amalia war mit ihrem Mann, Johann Friedrich Eifler aus Tiegenort, bereits in den 1920ern nach Berlin zurück gewandert und starb 1929 im Rudolf-Virchow-Krankenhaus.
Von mir erfasste Nachkommen des Ehepaares Huth – Umlauft:
Geschichtsseite Untermhaus von Andrè Lütge, Gera. Kapitel Porzellanfabrik am Gries auf Grundlage der Publikation des Historikers Wieland Führ: Zur Geschichte der Geraer Porzellanproduktion in Untermhaus, in: Beiträge zur Regionalgeschichte IV, Museum für Geschichte Gera, 1988, S. 18–41↩︎
Ferdinand Hahn: Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung, Band 2, Verlag des Verfassers, Gera 1855 p. 901↩︎
Eggert und Elisabeth , geb. Schmidt: Briefe von Franz Huth, der im 19. Jahrhundert von Pößneck, Thüringen, über Warschau, St. Petersburg nach Süd-Russland ausgewandert ist. Köln, 1994, Taurien e.V. ↩︎
Wer heute Neu Jamburg sucht, wird überrascht sein, wie oft ihm dieser Name eines Dorfes begegnen wird. Beginnen wir mit dem ersten Dorf Neu Jamburg.
Wie bereits beschrieben, verbesserte sich die Lage der nach 1793 verbliebenen Familien nicht, vollkommen verarmt, teilweise der Trunksucht verfallen, musste eine Entscheidung fallen, was mit ihnen geschehen solle.
Zar Nikolaus I. ordnete daher ihre Umsetzung an. Im Jahre 1847 zogen die verblieben 37 Familien der Kolonien von Jamburg ins Jekaterinoslawsche, dort befanden sich bereits eine Reihe neuer Kolonien bei Mariupol:
Man ging davon aus, dass sich die dichte Siedlungsstruktur und die zahlreichen katholischen Ansiedlungen positiv auf die Neuankömmlinge auswirken dürften, so gründeten sie die im Jahre 1848 die 27. Kolonie, die sie nach der alten Heimat Neu Jamburg nannten ( Nowokrassnowka; Novokrasnivka).
Der Zensus3 wurde am 10. Oktober 1850 aufgenommen, sortiert nach Herkunftskolonien lebten in Neu Jamburg nun:
Kolonie Porchow: BUTJAN, Georg 45 J., Ehefrau Barbara 39 J., Söhne Christian 17, Kaspar 12, Franz 4, Georg 2, Tochter Sophia 5 Jahre
SCHWEIGER, Johann 51 J., Ehefrau Maria 57 J, Tochter Eva 12 Jahre
GITTEL, Kaspar 34 1/2 J, Ehefrau Katharina 35 J., Söhne Christian 15, Johann 3 J., Töchter Elisabeth 10 J., Christina 5 J., Charlotta 3 Jahre
SCHWEIGER, Georg 49 J. Ehefrau Katharina 39 J., dessen Sohn Joseph 20 J., mit Ehefrau Margaretha 18 J., Vaters Söhne Pantaleon 16 J., Johannes 3 J., Töchter Helena 17 J., Maria 13 J., Juliana 6 Jahre
BUTJAN, Nikolaus 37 J., Ehefrau Katharina 35 J., Sohn August 12 J., Tochter Juliana 13 Jahre
WAGNER Kaspar Barbara Christian Johann Kaspar Hieronymus Juliana Katharina
GITTEL, Johann + 1849, Johann (Joseph) 24 J., dessen Ehefrau Amalia 21 J., Vaters Sohn Christian 21 J., dessen Ehefrau Katharina 19 J., Vaters Tochter Margaretha 6 Jahre
AUMANN, Anton 25 J., Ehefrau Katharina 22 J., Tochter Margaretha 2 Jahre
HENSLER, Franz 25 J., dessen Ehefrau Anna 22 J., Sohn Christian 5 J., Tochter Marianna 1 J., Schwiegermutter SCHWEIGER, Katharina 46 Jahre
SCHEFNER, Jakob 39 J., Ehefrau Alexandra 33 J., Söhne Christian 15 J., Friedrich 10 J., Töchter Anna 17 J., Karolina 1 J., Schwiegermutter LAMMERT, Anna Maria 75 Jahre
Kolonie Frankfurt: EICHSTER, Gottlieb 50., Ehefrau Luisa 31 J., Söhne Adam 12 J., Karl 9 J., Tochter Rosina 1 Jahr
GEIST, Kaspar 54 J., Sohn Michael 24 J., dessen Ehefrau Magdalena 18 Jahre
GEIST, Andreas 41 J., Ehefrau Elisabeth 32 J., Sohn Christian 14 J., Tochter Margaretha 9 Jahre
GEIST, Christian 43 J., Ehefrau Franziska 44 J., Söhne Joseph 20 J., Friedrich 17 J., Johann 14 J., Christian 10 J., Karl 7 Jahre
GEIST, Philipp 51 J., Ehefrau Karolina 41 J., Sohn Jakob 20 Jahre
HENSLER, Johann 51 J., Ehefrau Marianna 44 J., Sohn Karl 27 J., dessen Ehefrau Margaretha 20 J., Vaters Töchter Daria 20 J., Helena 12 J.
WANNSCHEID, Aloisius 24. J., Ehefrau Franziska 18 J., seine Brüder Kaspar 18 J., Johann 15 J., Christian 11 J., seine Schwester Anastasia 20 J., Aloisius Mutter Magdalena 54 Jahre
HESSEL, Jakob 35 J., Ehefrau Elisabeth 20 J., Töchter erster Ehe Anna 11 J., Agnes 6 J., sein Bruder Georg 25 J, dessen Ehefrau Marianna 28 J., deren Tochter Sophia 1/2 J., Cousin GEIST, Anton 16 Jahre
HESSEL, Kaspar 57 J., Tochter Julia 17 J., Kolonie Luzkaja: LAMMERT, Johann +1850, dessen Tochter Katharina 3 Jahre
Kolonie Luzkaja: LAMMERT, Peter +1848, Ehefrau Maria 51 J., Sohn Adolph 18 J., Töchter Anna 20 J., Katharina 10 J., Magdalena 8 J., sein Bruder Georg 36 J., dessen Ehefrau Anna 26 J., seine Tochter Dorothea 1 Jahr, seine Schwester Theresia 24 Jahre
SCHELLENBERG, Bernhard 30 J., Ehefrau Katharina 23 J., Bruder Johann 43 J., dessen Ehefrau Katharina 43 J., deren Sohn Georg 16 J., deren Tochter Charlotta 12 J., Bruder Georg 42 J., dessen Ehefrau Anna 25 J., Bruder Christian +1848
LAMMERT, Christian 43 J., Ehefrau Barbara 38 J., Söhne Christian 18 J., Georg 11 J., Adam 4 J., Anton +1848, Töchter Anna 22 J., Katharina 1/2 Jahr
WILHELM, Friedrich 42 J., Ehefrau Anna 39 J., Töchter Anna 12 J., Charlotta 7 Jahre
LAMMERT, Mathias,39 J., Ehefrau Luisa 36 J., Sohn Friedrich 8 J., Töchter Julia 12 J., Charlotta 7 Jahre
MENG, Christian +1848, Sohn August 26 J., dessen Ehefrau Margaretha 21 J., Vater Sohn Friedrich +1848, Vaters Töchter Charlotta 15 J., Barbara 14 J., Elisabeth 9 J., Sophia 5 Jahre
GITTEL, Philipp 48 J., Ehefrau Anna 39 J., Sohn Adolph 18 J., Töchter Barbara 13 J., Charlotta 13 J., Katharina 8 J., sein Schwiegervater BUTJAN, Johann +1849
WANNSCHEID, Kaspar 46 J., Ehefrau Sophia 44 J., Sohn Michael 22 J., dessen Ehefrau Franziska 18 J., Vaters Söhne Paul 17 J., Christian 9 J., Konstantin 5 J., Vaters Töchter Anna 15 J., Dorothea 13 J., Luisa 9 J., Charlotta 7 Jahre
HOFFMANN, Philipp 45 J., Söhne Gottlieb 23 J., Alexander 14 J., Georg 8 J., Tochter Elisabeth 13 Jahre
SCHELLENBERG, Nikolaus +1848, Sohn Christian 7 J., Tochter Christina 8 Jahre
SCHELLENBERG, Philipp 58 J., Ehefrau Margaretha 59 J., Sohn Georg 28 J., dessen Ehefrau Anna 23 J., dessen Tochter Katharina 1 Jahr
REGEL, Andreas +1848, Ehefrau Christina 20 J., seine Söhne Johann 19 J., Kaspar 16 Jahre
REGEL, Georg 59 J., Ehefrau Susanna 59 J., Sohn Nikolaus 25 J., seine Ehefrau Christina 20 J., dessen Tochter Charlotta 1/2 J., Vaters Sohn Konrad 18 Jahre
REGEL, Philipp 40 J., Sohn Nikolaus 1/2 J., Bruder Jakob 34 1/2 J., dessen Ehefrau Anna 30 J., ihre Mutter Katharina 71 Jahre
HOFFMANN, Kaspar 56 J., Ehefrau Elisabeth 50 J., Sohn Johann 32 J., dessen Ehefrau Christina 22 J., Vaters Sohn Georg 27 J., dessen Ehefrau Rosina 22 J., sein Sohn Georg 2 J., Vaters Söhne Christian 23 J., Vinzent 15 J., Adam 12 J., Nikolaus 6 Jahre
LAMMERT, Konrad +1850, Ehefrau Katharina 49 J., Sohn Georg 27 J., dessen Ehefrau Anna 26 J., sein Sohn Johann 5 J., seine Töchter Katharina 7 J., Christina 2 J., Vaters Sohn Johann 22 J., dessen Ehefrau Eva 22 J., Vaters Söhne Philipp 16 J., Konrad 16 J., Cousin Karl 25 J., dessen Ehefrau Elisabeth 17 Jahre
HOFFMANN, Johann 37 J., Ehefrau Anna 31 J., Söhne Johann 13 J., Lorenz 11 Jahre
REGEL, Georg Konrad 57 J., Ehefrau Katharina 40 Jahre
Kirchlich gehörten die Neu Jamburger zur katholischen Kirche Bergtal. Ihre Gottesdienste fanden im dortigen Bethaus statt. Neben den Katholiken von Bergtal und Neu Jamburg kamen auch Gläubigen aus Kaltschik und Ferme (Plantage), betreut wurden sie von Pfarrer Josef Röther. Erst im Jahre 1910 erbauten sich die Neu Jamburger eine eigene Kirche ohne Turm.4
Die katholischen Bewohner erhielten ihre Traditionen, so wurde am Netklos dem Tag des Heiligen Sankt Nikolaus, ein Fest gefeiert. Jedoch nicht am 6. Dezember, sondern erst am Abend des 24. Dezembers setzte sich ein Zug junger Burschen zum Schimmelgehen in Bewegung, sie waren verkleidet als Geister des Himmels und der Hölle. Unter ihnen wurde ein Führer, der Leper, gewählt. Er trug eine hohe Mütze von mindestens der Hälfte seiner Körperlänge und war mit Gold- und Silberschmuck behängt. Ihm folgte in der Regel der größte von ihnen, und trug ein aus Holz nachgebautes weißes Pferd und ritt zumeist neben ihm.
Da, wo man den Schimmelreiter einließ, trat der Lepper in den Raum, nahm die Mütze ab und sprach einen langen Weihnachtswunsch, dann folgte mit „Eins, zwei, drei, Schimmel herein“ die ganze Prozession unter großem Getöse ins Haus.5
In späteren Jahre wurden aus Landmangel verschiedene Tochterkolonien gegründet, 1870 Katharinenhof (Neu-Jamburg, Jekaterinowka), 1873 Mariental (Woronoj, Mariewka), 1884 Kudaschewka (Hindenburg/Hindenburg), 1878 Klassen Chutor (Rosenfeld) Gründungsjahr 1878, 1980 Serafimowka, Kreis Charkow, 1908 Andreasfeld im Don-Gebiet, 1909 Jamburg (Prjamö/ Jambor) Kreis Barnaul und 1928 Neu-Jamburg (Rot-Jamburg, Krasnij Jamburg).6
Neu Jamburg (Krasnij Jamburg)
Ortslage Neu Jamburg Handzeichnung des Kommando Stumpp7
Die Anlage der neuen Kolonie erfolgte um 1925 etwa 14 km von Jamburg entfernt, am Mokra Sura, einen Nebenfluss des Dnjepr, die Abbildung ist nach einer Handzeichnung des Kommando Stumpp eingeordnet.8
Ausschnitt der Handzeichnung des Kommando Stump zur Gebäudelage des Dorfes Neu-Jamburg, gekennzeichnet wurden zwei ukrainische Höfe und der Kolchoshof9
Berichtet wurde im Jahre 1942, dass der Ort weiße Häuser aus Lehm und Stroh hatte, mit Stroh und Ried gedeckt, nur wenige hatten Ziegel. Die Häuser bestanden aus zwei Stuben mit Küche, im Winter wurde nur eine Stube aus Brennstoffmangel genutzt. Es gab einen ungenießbaren Viehbrunnen, qualitativ schlechtes Trinkwasser kam aus dem Fluß.
Es gab eine Schule, die jedoch schwach besucht wurde, mit drei Klassen. Bis 1938 gabe es Unterricht auf deutsch, dann auf russisch. Es mangelte an Unterrichtsmaterialien, die Lesefreude wurde als schwach bezeichnet, durch die ukrainischen und russischen Bücher, die Bevölkerung sprach ja nach wie vor ihren bayrischen Dialekt.
Sie betrieben ihre Landwirtschaft mit wenig Technik, dazu gehörten sechs Einschar -, fünf Vierscharpflüge, zwei Drillen, acht eiserne und zwei hölzerne Eggen, drei alte, verbrauchte Mähmaschinen und eine Dreschmaschinen mit Naphtamotor.
Kartenausschnitt aus dem Kartenmaterial von Dr. Karl Stumpp, Beilage zu Stumpp K. Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004 ↩︎
Die Planerkolonien am Asowschen Meere. Von Dr. Josef Alfons Malinowsky. Schriften des Deutschen Auslands-Instituts Stuttgart. Band 22, Stuttgart 1928, p-66 ↩︎
Die Deutschen Russlands. Siedlungen und Siedlungsgebiete. Lexikon, V. Diesendorf, Moskau 2006 ↩︎
Kommando Stumpp, Dorfberichte, BArch R 6/703/191 Neu Jamburg ↩︎
erstellt mit Google Earth, Kartenaufnahmen basieren auf Maxar Technologies, CNES, Airbus ab 1.9.2018. Nutzungsbedingungen↩︎
Kommando Stumpp, Dorfberichte, BArch R 6/703/191 Neu Jamburg ↩︎
Bilder der landwirtschaftlichen Geräte aus: Illustrierter Molotschnaer Volks-Kalender für die deutschen Ansiedler in Süd-Russland, Druck und Verlag Gottlieb Schad, Prischib, 1913
Nach Kommando Stumpp, Einwohnerlisten Russland und Ukraine1
Jamburg, südl. v. Dnjepropetrowsk, gegr. 1792 (kath.)
Die Familien kamen aus Bayern, aus der Gegend Velburg, Burglengenfeld, Hemau — also aus der Oberpfalz, von wo sie der franz. Werber Leroi schon 1765/66 nach Russland ausgeführt hat; sie gründeten die Kolonie Jamburg im Gouv. Petersburg Jamburg gründeten, bald aber nach Jamburg in der Ukraine umgesiedelten.
BArch R 57 R 57_11674 Einwohnerlisten Russland und Ukraine Bildausschnitt R_57_11674_0141.jpg
Lutz, Wolfgang 22, seine Frau Magdalena 22, seine Tochter Elisabetha 2, seine Schwestern Katharina 14,Karolina 11, Ewa 10, seine Mutter Magdalena 49.
Gaumann (Baumann), Georg 35, seine Frau Katharina 40, seine Kinder Kunigunda 11, Kaspar 8, Johann 5, seine Stieftochter Katharina Rock 17.
s. auch 23, 24, 32 Rock (Rok), Georg 43, seine Frau Barbara 51, seine Tochter Franziska 16, sein Stiefsohn Lorenz Klassen 22, dessen Frau Margaretha 23, dessen Sohn Johann 2.
s. auch 30, 48 Kalteis, Johann 33, seine Frau Barbara 50, seine Söhne Michael 10, Johann 7, seine Stiefkinder Ulrich Melzel 17, Maria M. 15. Ertrude M. 12.
s. auch 9, 46, 50 Launteschlager (Lautenschlager), Kaspar, 1812, 76, 1814 +, sein Sohn Anton 38, dessen Frau Barbara 33, dessen Kinder Ertrida 14, Joseph 4 1/2, Barbara 2.
s. auch 49 Odinger, Balthasar, 1812, 66, 1815 +, sein Sohn Johann 32, dessen Frau Anna 35, dessen Kinder Michael 10, Maria 9, Lorenz, 1812, 3, 1813 +.
s. auch 53 Neumeier (Neumaier), Mathias 39, seine Frau Ertruda 36, seine Kinder Ertruda 13, Barbara 10, Johann 5, Katharina 3, Anton 6 Mon.
Schnizer, Kaspar 26, seine Frau Marianna 27, seine Töchter Katharina 7 (spät. Eintrag: “Wurde 1832 ausgeschlossen”, Mariana 5, Lisa 3, Ewa 1, sein Bruder Nikolaus 24, dessen Frau Barbara 23, dessen Sohn Ulrich 3.
s. auch 5 Lautenschlager, Michael 35, seine Frau Elisabetha 32, seine Kinder Joseph 12, Anna 10, Martin 8, Johann 6,Michael 3, Johann 6 Monate.
s. auch 16, 54 Zeiger, (Zeiher), Henrich 39, seine Frau Karolina 24, seine Kinder erster Ehe Georg 12, Katharina 6 (Bleistifteintragungen: seine Kinder 2. Ehe Christina 17, Marianna 15, Iwan 18 Jahre alt).
s. auch 13 Eigenseer, Georg 40, seine Frau Susanna 27, seine Kinder erster Ehe Lorenz 19, Marianna 18, Georgij 15, Johann 12, Barbara 11, seine Kinder zweiter Ehe Anna 7, Georg 5, Susanna 5, Katharina 6 Mon.
s. auch 44 Schotter, Georg 45, seine Frau Katharina 49, seine Tochter Magdalena 16.
s. auch 11 Schilinger, Peter 70, seine Frau Maria 57, seine Stieftochter Marianna Becker 9, sein Neffe Georg Eigenseer 26, dessen Frau Katharina 34, dessen Kinder Wolfgang 6, Katharina 6.
Forster, Johann 25, seine Frau Maria 20.
Wirtel, Georg 40, seine Frau Susanna 40, sein Bruder Michael, 1812, 34, 1814 +
s. auch 10 Regel, Jacob, 1812, 34, 1814 +, seine Frau Margaretha 53, seine Töchter Anna 18, Maria 14, sein Stiefsohn Johann Zeiger 21, dessen Frau Maria 24, dessen Söhne Johann 2, Kirilo 1.
Beidler, Wolfgang 44, seine Frau Franziska 41, seine Kinder Ewwa 19, Georgij 17, Barbara 13, Johann 11, Katharina 9, Michael 6, Maria 3.
Schweidner, Joseph, 1812, 34, 1815 +, seine Frau Katharina 28, seine Tochter erster Ehe Katharina 16, seine Kinder zweiter Ehe Lorenz 3, Katharina 6 Mon.
Gruntentaler, Michael 34, seine Frau Maria 27, seine Kinder Barbara 9, Anna 7, Johann 3, Martha 2, sein Bruder Peter, 1812, 27, 1813+
s. auch 39, 52 Pfeiffer, Peter 34, seine Frau Anna 33, seine Kinder Georgij 17, Kunigunda 13, Marianna 9, seine Schwester Margaretha 21.
Bleicher, Lorenz 43, seine Frau Maria 44, seine Kinder Georgij 19, Marianna 17, Adam 14, Katharina 12, Michael 10, Susanna 7.
Schaffner, Ulrich 25, seine Frau Maria 26, seine Tochter Barbara 4, Marianna 1.
s. auch 24, 32 Klass, Thomas 38, seine Frau Katharina 36, seine Kinder Walburga 13, Michael 8, Barbara 3, Johann, 1812, 6 Mon., 1811+
Klass, Georgij 44, seine Frau Marianna 48, seine Kinder Johann 18, Susanna 13, Kasper 9, Ewwa 5, Georgij 20, dessen Frau Barbara 22.
s. auch 28, 51 Donhauser, Michael 35, seine Frau Christina 30, seine Kinder Johann 7, Margaretha 7, Michel 3, Jacob 6 Mon., sein Bruder Egor 34, dessen Frau Maria 30, dessen Kinder Walburga 11, Anna 6, Joseph 3, Thomas 2.
s. auch 37 Klein, Wolfgang 35, seine Frau Katharina 34, seine Söhne Henrich 8, Johann 6, Andrias 3, Georgij 1/2.
Meyer, Simon 40, seine Frau Ewwa 35, seine Kinder Maria 20, Georgi 17, Johann 8, Jakob 41/2, Josef 2.
s. auch 25, 51 Donhauser, Jakob 28, sein Bruder Josef 26, dessen Frau Barbara 24, dessen Kinder Barbara 6, Georgi 3, Marianna 1.
s. auch 43, 47 Illenseher, Johann 40, seine Frau Margaretha 38, seine Kinder Marianna 17, Thomas 14, Michael 11, Christina 5, Johann 1.
s. auch 4 Koldeis (Kalteis), Bartel 28, sein Bruder Georgij 21, seine Mutter Elisabetha 62.
Zimmer, Jakob 66, seine Kinder Marianna 22, Georgi, 1812, 28, 1813 +, dessen Frau Elisabetha 28, dessen Kinder Anna 11, Margaretha 9, Elisabeth 8, Jakob 6, Barbara 3, Henrich 24, dessen Frau Ertruda 25, dessen Tochter Susanna 2.
s. auch 23 Klas, Johann 24, seine Frau Anna 21, sein Sohn Georg 1, seine Schwester Kunigunda 24, deren Sohn Lorenz 2.
Zinn, Johann 42, seine Frau Barbara 38, seine Kinder Josef 17, Maria 17, Katharina 14, Georgi 10, Johann 7, Barbara 5.
Zinn, Georgi 45, seine Frau Walburga 37, seine Kinder Johann 15, Henrich 14, Anna 11, Johann 6, Maria 6, Katharina 1, seine Schwiegermutter Maria Suter 69
Sutter, Johann 57, seine Kinder Margaretha 17, Marianna 11, Michael 21, dessen Frau Marianna 26, dessen Kinder Georgi 5, Walburga 3, Anna 1.
Steiger, Georgij 58, seine Frau Katharina 54, sein Sohn Simon 15.
s. auch 26 Klein, Bartel 43, seine Frau Margaretha 46, seine Kinder Jacob 5, Barbara 4.
Blank, Georg 34, seine Frau Kunigunda 34, seine Kinder Marianna 10, Joseph 8, Katharina 6, Kaspar 3.
s. auch 20 Pfeifer, Jakob 36, seine Frau Katharina 36, sein Sohn Michael 18.
s. auch 26 Klein, Martin 38, seine Frau Maria 37, Tochter erster Ehe Katharina 23, Marianna 15, Kinder zweiter Ehe Lisa 12, Johann 11, Johann 8, Maria 2.
s. auch 56 Butjon, Lorenz 40, seine Frau Anna 24, seine Kinder erster Ehe Johann 14, Katharina 11.
s. auch 17 G(H)alamär (G(H)alameier?), Leonhard 1812, 61, 1815 +, sein Pflegesohn Joseph Beidler 34, dessen Frau Walburga 34, dessen Kinder Katharina 15, Elisabetha 12, Georgi, 1812, 6, 1814 t, Ewwa 3.
s. auch 29 Illenseer, Michael 28, seine Frau Eva 32, seine Kinder Johann 11, Katharina 9, Elisabetha 6, Barbara 4, Jegor 1.
s. auch 12 Schotter, Thomas 38, seine Frau Katharina 32, seine Kinder Margarita 14, Kasper 6, Mathias 2.
Walner, Wolfgang 60, seine Frau Ewwa 43, sein Sohn Georgi 34, dessen Frau Barbara 26.
s. auch 5 Lautenschlager, Mathias 44, seine Frau Barbara 39, seine Kinder Margarita 17, Barbara 14, Marianna 13, Thomas 3.
s. auch 29, 43 Illenseer, Ulrich 40, seine Frau Eva 46, seine Kinder Mathias 20, Barbara 20, Georg 16, Anna 14, Lorenz 10 Jahre alt
48, s. auch 4 Melzel, Michael 54, seine Frau Susanna 47, seine Kinder Anna 21, Johann 5, Wolfgang 25, dessen Frau Susanna 29, dessen Söhne Georgi 6, Henrich 2.
s. auch 6 Amann, Johann 59, seine Frau Barbara 22, sein Pflegesohn Bartel Odinger 24, dessen Frau Martha 26, dessen Sohn Michael 6 Mon.
s. auch 5 Lautenschlager, Johann 46, seine Frau Elisabetha 45, seine Kinder Bartel 24, Helena 20, Wolfgang 18, Johann 14, Elisabetha 12.
s. auch 25 Donhauser, Johann 40, seine Frau Elisabetha 24, seine Kinder Margarita 8, Maria 5, Lorenz 2.
s. auch 7 Neimeier (Neumaier), Johann 37, seine Frau Maria 31, sein Sohn erster Ehe, Thomas 10, seine Kinder zweiter Ehe, Johann 3, Maria 1, seine Mutter Helena 59, sein Bruder Jakob 30, dessen Frau Maria 26, dessen Tochter Katharina 5, Marianna 2.
1809 aus dem Ausland angekommen 1811 in die Kolonie eingeheiratet, die Wirtschaft eines alten Kolonisten übernommen
54. s. auch 10 Salatin, Jakob 31, seine Frau Barbara 47, sein Sohn Joseph 6, seine Nichte Katharina Zeiger 24, sein Neffe Johann Z. 15Jahre alt.
Ohne eigene Wirtschaft — Landlose:
55. Schilinberger, Adam 55, seine Frau Margaretha 41, seine Kinder Maria 7, Johann 5, Georg 2.
56. s. auch 41 Butjon, Georg 23.
57. Biller, Johann 32, seine Frau, eine Russin, Matrona, 30 Jahre alt.
1804 vom Ausland angekommen 1805 in der Kolonie angesiedelt, Freijahre seit 1815 vorbei
58. Branstater, Johann 70, (Nachtrag mit Bleistift ”unehelicher Sohn Georg, 17 Jahre alt”).
1809 vom Ausland angekommen 1811 in der Kolonie angesiedelt im Genuß der Freijahre bis 1820
59. Wagner, Johann 45, seine Frau Rosina 43, seine Kinder August 13, Wilhelmina 10.
BArch R 57 R 57_11674 Einwohnerlisten Russland und Ukraine, Jamburg ↩︎
G. Braun, F. Hogenberg, Grodno 1575, public domain
Historie
1128 Ersterwähnung als Burganlage unter dem Namen Goroden („befestigte Siedlung“) im Fürstentum Polozk im Verband der Rus.
1391 Stadtrecht auf Grundlage Magdeburger Rechts – innerhalb der Stadt wurde den Bürgern durch das Stadtrecht die persönliche Freiheit, das Eigentumsrecht, die Unversehrtheit von Leib und Leben und die geregelte wirtschaftliche Tätigkeit garantiert durch den litauischen Fürsten Vytautas.
1793 fand in der Stadt der letzte Sejm (Parlamentstagung Polen-Litauens) statt, auf dem die zweite Teilung Polens (1793–1795 ratifiziert wurde. Anmerkung: Der Sejm verabschiedete am 3. Mai 1791 die erste moderne Verfassung Europas: Polen wurde zu einer konstitutionellen Monarchie mit Gewaltenteilung und Volkssouveränität. Katharina II. und andere Herrscher aufgeklärt-absolutistischer Staaten bewerteten die sogenannte Mai-Verfassung als umstürzlerisch. Letztlich führte das zu einer weiteren Teilung Polens. Von 1795 bis 1918 existierte kein eigenständiger polnischer Staat und damit keine staatsbildende Nation.
1795 kam die Stadt Grodno unter russische Herrschaft.
1802 Sitz des russischen Gouverneurs für das Gouvernement Grodno, hier befand sich auch das Zollamt am Njemen (Memel).
Ende Juni 1812 Schlacht von Grodno, von napoleonischen Truppen besetzt, im Dezember wieder unter russische Kontrolle.
Im Frühling 1919 wurde Grodno dem wiedererrichteten Polen angeschlossen (Zweite Polnische Republik gegründet 11.11.1918).
16.8.1945 neue Grenzziehung, Grodno wird sowjetisch.
1991 Unabhängigkeit Weißrusslands, Grodno offiziell nun zu Belarus.
Station auf dem Kolonistenzug
Grodno war 1803 der erste Sammelplatz der Ansiedler auf russischem Boden. Hier war die Zollstelle, welche Steuern für ein- und ausgeführte Waren erhob. Die Zolleinnahmen beliefen sich 1802 auf 163.881 Rbl. 49 Kop. Im Jahre 1803, durch den Strom der Kolonisten, stiegen die Einnahmen auf 222.072 Rbl. 2 ¾ Kop.1
Zudem befand sich hier die Zahlstelle an die Kolonisten für Verpflegungsgelder und Futtergeld für ihre Pferde. Der russische Staat organisierte geführte Transporte aus Grodno nach Taurien in Gruppen, alle Einwanderer wurden in Listen2 erfasst.
Die Erreichbarkeit Grodnos war außerordentlich gut durch die alten Handelsstraßen, welche Europa seit dem Mittelalter als Verkehrsadern durchzogen.
1252 Ersterwähnung der Via Regia in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich von Meißen als Königsstraße (strata regia)3.
Im Mittelalter wichtige West-Ost-Route, Handels- und Militärstraße im Heiligen Römischen Reich, Pilgerweg.
Handelswege standen unter dem Schutz der königlichen Zentralgewalt und besonderem Friedensschutz. Der Begriff Via Regia bezeichnete im allgemeinen Sinn ursprünglich nicht eine bestimmte Straße, sondern eine Straßenart.
Teilabschnitte des Straßennetzes wurden später auch von den Kolonisten genutzt, um besonders schnell voranzukommen.
Via Imperii war eine von mehreren Reichsstraßen des heiligen oder römischen Reiches, verlief in Nord-Süd-Richtung von Stettin nach Rom. Im Mittelalter bereits durch Straßenzwang privilegiert – Handelswaren mussten auf vorgeschriebenen Straßen befördert werden, gut ausgebaut und mit Zöllen belegt. Auch Pilgerweg und unter demselben Schutz wie die Via Regia stehend.
Simon Moritz von Bethmann (1768–1826), Bankier, Diplomat, Abgeordneter.4
Das Haus Bethmann war und wurde neben dem Haus Rothschild zum wichtigsten Finanzier der deutschen und europäischen Fürstenhäuser.
Simon Moritz von Bethmann war 1800 Kaiserlich-Russischer Konsul, Zar Alexander I. ernannte ihn 1807 zum russischen Generalkonsul beim Rheinbund, 1810 Kaiserlich-Russischer Staatsrat, 1808 erhob Kaiser Franz I. Bethmann in den erblichen Adelsstand.
Ab 1803 begann eine große Welle der Auswanderung nach Taurien, nachdem die Allgemeine Reglements, die Aufnahme fremder Kolonisten in Neurußland betreffend! von Kaiser Alexander I. (1777–1825) erlassen wurden – für die Deutschen der „Engel des Vaterlandes, Friedensengel Europas“
„Einquartieren, durchmarschieren, rekrutieren, exkutieren, einkassieren, illuminieren disponieren, füssiilieren waren die schönen, hochklingenden Worte“, die dem Volk nur Lasten aufbürdeten. Die französische Freiheit für das Volk eine Befreiung von Hab und Gut, Leib und Leben. „Durch solche traurigen Folgen der uns vorgespiegelten Freiheit wurden viele Tausende in der Blüthe der Jahre dahingerafft, das stille, häusliche Glück der meisten Familien gestört oder auf immer zerstört.“. 5
Durch Bethmann wurden zahlreiche Reisepässe über die Zollstation Grodno ausgestellt, und die Auswanderer dankten es „dem guten Herrn Bethmann“, der Tag und Nacht die Pässe ausstellen ließ.
Keine Lockmittel, um die Leute zur Auswanderung zu bewegen.
Auswanderungswillige sollte sich bei den Ministern, Residenten, Geschäftsträgern oder Konsulen Seiner Majestät melden
Jeder musste ein gerichtliches Zeugnis aufweisen, dass er ein guter Landwirt sei und seine Schulden bereinigt habe.
Jede Person sollte wenigstens 300 Tl. in barem Gelde oder in Waren bei der Auswanderung besitzen.
Jede ledige Person musste sich an eine Familie anschließen.
Jeder Kolonist mit seiner Familie durfte außer der zollfreien Einfuhr seiner Effekten noch Waren im Wert von 300 Rbl zum Wiederverkauf frei einbringen.
Rückkehrer musste außer den Geldern, die sie der Krone oder sonst jemandem schuldeten, eine dreijährige Abgabe ihrem Stande gemäß entrichten und ihr Land an jemanden verkaufen oder abtreten, der im Lande blieb.
Wegen Ungehorsams und sonstiger Vergehen sollten die Kolonisten nach Entrichtung ihrer Kronschulden über die Grenze zurückgebracht werden.
Badenern war der Abzug bis zum Erlaß vom 13.12.1803 untersagt, dann nur den „Übelhausern und faulen Arbeitern“ gestattet. Ab 4. Juni 1808 konnten Manumissionsanträge offiziell von allen Auswanderungswilligen gestellt werden (unter manumissio versteht man den juristischen Akt, durch den ein Sklave aus dem Zustand der Sklaverei entlassen wird – hier Leibeigenschaft, Untertanenschaft).
Beispiele von Kolonisten in den Grodno Listen
Nasseide, Grodno 26.3.1809, Blick auf die Via Regia7 und Kartenausschnitt Danzig8
Kam als Handwerker aus Danzig: Nasseide Gottfried 50J., mit Frau Elisabeth 34J. Gottfried 17J., Wilhelm 14J., Carl 12J., [wird in Neumontal ansässig] Anna 15J. Moscha ? 6J. Wilhelmina 4J. Rosa 1/2J. Schwiegermutter Anna Krieger/Krüger 58J. Schwester Gottfrieda 40 J. Schwester Florentina 22 J.
Grodno 26.3.1809, Johannes Huft9 aus Wössingen, Passtellen Radom, Lublin10, Reiseweg11
17 Johannes Huf(t) von Wössingen/Karlsruhe-Ba, 40 J. alt reist mit seiner Frau Christina, mit seinen fünf Kindern: Johann, Elisabeth, Willhelm, Christina und Salomea, über Berlin nach Bergdorf/Od. Markt-Steir(e), 19. 3. 1809. Sichtvermerke: Grodno, 26. 3. 1809. – Radom, 28. 3. 1809. – Lublin, 31. 3. 1809. – Wodawa, 3. 4. 1809. 12 Reiseroute über 2700 km.
Radom war 1795 mit Westgalizien an das Königreich Galizien und Lodomerien des habsburgischen Kaiserreichs angeschlossen. 1809 kam es ins Herzogtum Warschau und 1815 ins neu entstandene, russisch beherrschte, Kongresspolen.
Lublin gehörte 1795 zu Österreich, ab 14.10.1809 zum Herzogtum Warschau, ab1815 zu Kongresspolen (Russisch-Polen)
Grodno 29.9.1809, Ehe Walther aus Mössingen13, Lebenserinnerungen von Sohn Ernst Walter
15 Walther, Jacob 24, aus Steinfurt/Sinsheim-Ba, seine Frau Magdalena 20, sein Sohn Ernst 4. Wi: 15 Rd., 35 Schf., 1 Sprd.14
Sohn Ernst erzählte aus Erinnerungen der Eltern, die in Kostheim siedelten und aus Grötzingen stammten:
Wer kein Fuhrwerk hatte, lud seine Habe auf einen Schubkarren; die Mutter band ihren Säugling oben darauf und spannte sich selbst mit einer Zugleine vor den Karren, während ein kleiner 7- bis 8jähriger Knabe, sich am Rocke der Mutter haltend, nebenher trabte und dieselbe mit den Worten tröstete: „Mutter, muscht nit heule, kommer bald zum Russema, der hat viel Brot und Salz. Gelt Mutter, dort finde uns d´ Franzose nit, der Russema stot vor Thüre na und lasst se nit rei, derno dersemer unser eins selber esse.“15
Grodno 12.8.1809 Carl Lupp und Johann Conrad Hansen aus Hersfeld, Karte Molotschna16
Carl Lupp 30J., aus Hersfeld Hessen mit Frau Elisabeth geb. Hansen 26J., Kinder: Friedrich 5J., Carl 1,5J. Plischmachergeselle (verarbeitete Seide zu Sammet) Johann Conrad Hansen 50 J. in Grodno registriert am 29.09.1809, Frau Fr: Elisabeth 26 (48!); Kinder: Rosina 20, Gottfried 12, Wilhelm 8; Knecht Hofmann 20.17
Als die Siedler des Jahres 1809 im Herbst in Jekaterinoslaw eintrafen, wo das Vormundschaftskomtoir für ausländische Ansiedler seinen Sitz hatte, mussten sie vor dem Winter untergebracht werden.
Einquartierung erfolgte in den bereits bestehenden deutschen Kolonien Josefsthal, Rybalsk, Großweida, im Chortitzer und Molotschnaer Mennonitenbezirk und in den ersten Ansiedlungen der Molotschnaer Kolonisten, gegründet von etwa 250 aus Preußisch Polen und Pommern eingewanderte Familien, welche bereits im Jahre 1805 acht Kolonien anlegten: Monthal, Neudorf, Rosenthal, Molotschna, Hoffenthal, Nassau, Weinau und Wasserau.
Ihre zukünftige Heimat, die Steppe, war gänzlich unbewohnt und wurde nur von herumziehenden tatarischen Hirten (Nomaden) jährlich einige Male besucht.
Zur Ansiedlung wurde im Frühjahr 1810 geschritten. Jeder Familie wurden 60 Dessjatinen (rund 66 ha) Land zugeteilt und ein Vorschuß von 200 Rubel gezahlt zur Anschaffung zweier Pferde, eines Wagens, einer Kuh, und für Saatfrucht. Dazu Bauholz zu einem 8 Faden langen und 4 Faden breiten Wohngebäude (ca. 17 x 8,5 m) im Wert von etwa 105 Rbl.
Zolleinnahmen: Darstellung der Russischen Monarchie nach ihren wichtigsten statistisch-politischen Beziehungen zum Gebrauche akademischer Vorlesungen, Burchard Heinrich von Wichmann · 1813, p.176 ↩︎
Fond 383 op.29 delo 317 ab Herbst 1803 bis Frühjahr 1809, Abschrift Taurien e.V. ↩︎
Ausschnitt Danzig: Karte von Ost-Preussen nebst Preussisch Litthauen und West-Preussen nebst dem Netzdistrict aufgenommen unter Leitung des Konigl. Preuss. Staats Ministers Frey Herrn von Schroetteer in den Jahren von 1796 bis 1802. Jack Scripsit et Sculpsit. Haas, Meno 1803, publiziert 1810 Schropp & Co. ↩︎
) Carte von West-Gallizien : welche auf seiner allerhochsteri Befehl Kaiserlich Oesterreichischen. und Konigliche Apostolischen Majestat in den Jahren 1801 bis 1804 von unter der Direction des dermahhgen General Majors und General Quartiermeisters und Anton Mayer von Heldensfeld des militarischen Marien Theresien Ordens Ritter durch den Kaiserl. Konigl. Generalquartiermeisterstaab militarisch aufgenommen Worden. Mit allerhochster Bewilligung herausgegeben und seiner des Generalissimus Erzherzog Carl_ Kaiserlichen Hoheit unterthanigst gewidmet as Generalquartiermeisterstaab gezeichnet, gestochen von und Hieronimus Benedicti. 1808 ↩︎
Paul Langhans – Deutsche Kolonisation im Osten II. Auf slavischem (slawischem) Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonial-Atlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897. ↩︎
Lieber Leser!1 Wir befinden uns heute in Jamburg, einer auf der rechten Seite des Dnjeper gelegenen deutschen Kolonie, unweit der Stadt Jekaterinoslaw und ungefähr 17 Werst von dem berühmten Wasserfall, der infolge vieler Unglücksfällen, die dort vorkommen, der „unersättliche“ genannt wird (ненасытеикiй порогы). Jamburg liegt gleichsam auf einer ebenen Halbinsel, denn von einer Seite fließt die Sura, ein Nebenarm, in den Dnjeper, von der andern tritt das Land tief in den Dnjeper selbst hinein. Der hohe Berg, der von der Südwestseite seine kahle Stirne der Sonne entgegenhält, verbergt Jamburg so stark, daß der Wanderer des Dorfes erst dann ansichtig wird, wenn er in dessen nächster Nähe ist. Nur der Turm der Kirche sagt ihm, daß noch weiter unten um ihn herum Häuser sein müssen. Vier der schönsten Eilanden liegen vor uns unterhalb und oberhalb des Dorfes und dienen als erquickende Erholungsstätten, besonders im Mai und Juni. Die Einwohner des Dorfes sind meistens Auswanderer aus Tirol und Oberbayern. Im Jahre 1792 kamen sie aus der Kreisstadt Jamburg, Petersburger Gouv. nach dem Süden, wo sie sich zwei Jahre in dem Russendorfe Stary-Kaidak aufhalten mußten, bis das eigentliche Jamburg gegründet war mit 54 Hofstellen und je 32 Dessjatin auf die Stella. Die meisten von ihnen waren Fuhrleute, Handwerker und Abenteurer, denen es schließlich Wurst war, ob sie Land oder nur das Recht am Fluße zu wohnen bekämen. Eine holländische Familie mit 4 Töchtern hielt sich anfangs des vorigen Jahrhunderts unter den Jamburgern auf. Drei dieser Töchter, die nur noch unter den sonderbaren Namen Habka, Chimka und Troika bekannt sind, erhielten Männer aus Jamburg, Illenser, Neimeier und Donhauser. Daher kommt denn auch die übergroße Verwandtschaft unter unseren Leuten. Während einige Familien, wie Steger, Wegner, Lutz, Schwendner, Schnitzer fast ausgestorben, sind besonders Illenser, Neimeier und Donhauser zu wahren Jakobsfamilien emporgewachsen. Jamburg hatte wenig Verkehr mit Deutschen, aber um so mehr mit den sie von allen Seiten umgebenden Russen, deren Tugenden u. noch mehr Untugenden sie oft annahmen. Da Jamburg gegenwärtig zu einer wahren Wagenfabrik emporgewachsen ist – denn jährlich werden ca. 6.000 Wagen von hier abgeliefert – so läßt es sich leicht denken, daß beim Mokaritsch eines oder mehrere über den Durst getrunken werden. . Da unser Diözese damals noch nach Mohilew gezählt wurde, so kamen nach Jamburg ausschließlich polnische Priester, die meistens der deutschen Sprache nicht kundig waren. Der jamburgische Dialekt ist ohnehin der deutschen Sprache ganz unähnlich *2. Und so kam es, daß die Unwissenheit in der Religion sich stark fühlen ließ und naturgemäß Abwege zeitigte, die noch lange herschen werden, trotzdem schon manche eifrige Priesterhand ihre Kraft anwandte. Die erste hölzerne Kirche baute den Leuten die Kaiserin Katharina II. im Jahre 1794. Das Strohdach des Kirchleins wurde bald darauf durch lange, gerade Schindeln verdrängt. Aber auch dieses Dach bot nach kurzem mit seinen großen Öffnungen willkommene Wohnungen für Sperlinge. Im J. 1845 wurde das Kirchlein von P. Garz verbessert, und von Schilinsky manche Verschönerung im Innern vorgenommen. Die inneren Wände wurden mit kaum abgehobeltem Brettern benagelt und mit in rohe Farbe getauchten Riesenpinseln geebnet. Gegen das Jahr 1875. kam die Kirche beinahe zum Verfalle, was nun P. Sewald durch Pfosten zu verhindern suchte. Im J. 1885, erfuhr das Kirchlein dank dem Hoch. P. Hartmann eine Kapitalremonte und einen Anbau von ca. 3 Faden mit einem anständigen Turme. Da ohne vorher eingeholten Plan gebaut wurde, sagte der herbeigerufene Ingenieur, nachdem in seiner Tasche ein gut Stück Bakschisch verschwand: „Ich rate Ihnen, Hochwürden, sich einen Plan zu verschaffen, damit es Ihnen nicht ergehe, wie jenem russischen Popen, der nach Beendigung seiner ohne Plan gebauten Kirche die langen Haare los wurde.“ Diese Kirche, so remontiert und vergrößert, stand bis zum Jahre 1897 –15 September, wie wir’s weiter unten sehen werden. Jetzt aber wollen wir Einiges diesem merkwürdigen Tage voraussenden. – Den 11. Januar 1897 kam an Stelle unseres allgemein geachteten H. Dekans P. Valentin Hartmann ein junger neugeweihter Priester an. Die Seminarskleider boten zu wenig Schutz gegen den kalten Frostwind. Eine härtere Kälte blies dem vom jugendlichem Eifer beseelten Priester entgegen, als er das erste Mal in das hölzerne Kirchlein eintrat, das von innen einer niederen langen großen Stube glich. Die grobe Tischler- u. Färberarbeit war eine schwache Zierde der Wände und des eingeräucherten niederen Plafonds. Eine dunkle Vorahnung überkam sicher das Gemüt des Priesters, beim Anblicke dieser aller Zierde baren Kirche; denn später pflegte er oft zu sagen: „Schwere Zeiten habe ich hier höchstwahrscheinlich noch zu erleben.“ Diese kam auch mit der vollen Wucht über unserem schon liebgewonnenen P. Emmanuel Simon.
Die Kirchenkasse wies außer einigen Groschen nur eine Masse Schuldscheine auf. Der hochw. H. Bischof A. Zerr versprach im selben Jahre uns zu besuchen. Darum wurde beschlossen, zu diesem hohen Besuche die Kirche gründlich zu restaurieren; zumal doch Jamburg schon 43 Jahre darauf wartete. Als unser Ehrw. Pater davon dem Kirchenältesten meldete, sagte dieser ganz verlegen: „Herr Pfarrer, wir haben ja gar kein Kirchengeld.“ „Und,“ fügte Herr Pater bei ,,keinen Glauben.“ Kurzum die Arbeit wurde abgegeben, und nachdem der Altar, die Wände, die Decke gefärbt und die beiden Kreuze vergoldet waren, hatte die Kirchenkasse noch dreihundert Rubel gesammelten Geldes. Am 29. Juni traten wir freudig in das altneue Bethaus ein. Die Freude der Jamburger sollte jedoch von kurzer Dauer sein. Es kam jener zentnerschwere 15. September 1897, der die alte Kirche in ihrem Jubiläumskleide auf immer in den unbarmherzigen Flammen aufgehen sah. Da der „Klemens“ seiner Zeit sein Beileid diesbezüglich brachte, so wende ich auch meine Augen von jenem grausigen Orte, von Kohlenschutt u. verbranntem Holze weg, um den verlassenen Priester in einem ausgeräumten Zimmer des Pastorates vor einigen geretteten und meistens eingeräucherten Kirchensachen aufzusuchen: „Gott hats gegeben, Gott hat’s genommen“, kam es über die vor Schmerz gepreßten Lippen, „sein hl. Wille ist geschehen.“ Da tags darauf niemand von Jamburg sein Haus zur zeitweiligen Abhaltung des hl. Meßopfers abgeben wollte, so mußte die kleine Grabkapelle auf dem Kirchhofe bis tief in den Winter hinein herhalten. Darauf diente eine Stube des Pastorats als Stellvertreterin der Pfarrkirche bis zum Jahre 1898. Nach einem vorausgegangenen Lärm ohne Erfolg, bezüglich Erbaung eines Notbethauses, nahm unser Ehrw. Priester 300 RbI. und übergab es dem Ältesten, mit dem Bescheid, Holz zu holen und zu bauen. In 2 1/2 Wochen stand ein Notbethaus fertig da von 7 Faden Länge, 4=Breite. Die innere Einrichtung entsprach, so viel es die gegenwärtige Lage zuließ, seinem Zwecke ganz leidlich, da man außer den zwei Sakristeien, noch einen Chor für ca. 20 Mann unter dem Gewölbe anbrachte. Alles atmete munter auf. Wie geheimnisvoll ist doch Gott in seinen Ratschlüssen! Auch diesmal sollten die Jamburger in ihrem Troste gestört werden. Das erwähnte friedliche Heim des Gebetes mußte ebenfalls ein jäher Raub der unbändigsten Flammen werden. Am 4. August 1898 um 12 Uhr mittags loderte über dem leichten Holzdache desselben eine pyramidalförmige Flamme in die stille Höhe, um den bestürzten Leuten die totale Vernichtung des beliebt gewordenen Notbethauses anzuzeigen. Die nebenstehende Schule und noch drei Nachbarhäuser fanden gleichzeitig in den Flammen ihr jähes Grab. 19 Als man unserem von einer Pastorationsreise zurückkehrenden Hochw. Pater in Jekaterinoslaw die traurige Meldung davon brachte, bekam er eine so starke Konvulsion, daß er die hl. Meße nicht halten konnte, sondern, wie er nachher sagte, 3 Glas Wasser in einemfort austrank und sprach- und fast gefühllos den Berichterstatter anstarrte. Zu gleicher Zeit trat ein Priester ins Zimmer und tröstete unseren tief betrübten Pfarrer, so viel es in einer solchen Lage überhaupt möglich war. Kaum war der größte Schmerz etwas unterdrückt, als man die Meldung brachte, ein paralisierter Kranke, der große Furcht habe bald zu sterben, ungefähr 8 Stationen vor der Stadt, verlange die hl. Sterbsakramente. ,,Diese Meldung„, sagte mir der Priester oft– ,,dachte ich, kommt von Gott,“ und kurz besonnen fährt er, erst dem mehr Leidenden beizuspringen. Als am andern Tage im Hause des Kranken nach der hl. Messe die Litanei gesungen wurde, sang der Kranke, seine letzten Kräfte sammelnd, auch mit. Dieser Umstand war für das junge bedrängte Herz ein ausgesuchter Balsam. Von da an war er so ruhig gestimmt, daß er, nach Haus gekommen, den zweiten Kirchenkohlenhaufen ansah und seiner besorgten Mutter auf der Treppe von weitem zurief: „Mutter, ist die Schüssel zum Waschen nicht auch verbrannt?“ Er bat alle, sie mögen vom Brande keine Silbe mehr sprechen, sondern Gott inständig um die nötige Stärke und Geduld bitten, dieses Schicksal mit Ergebung tragen zu können. Was der erste Kirchenbrand verschonte, fiel dem zweiten noch zum Opfer.
Es wurde einem jeden von uns bange, wenn wir an den vor der Türe stehenden Winter und die schon durchlebte Unbequemlichkeit aller Art in den kleinen Räumen des Pastorates, der Grabkapelle und des alten Schulhauses dachten. Die Eltern des Pfarrers machten sich bald reisefertig und baten ihren Sohn unter heißesten Tränen, doch Jamburg schleunigst zu verlassen. Aber das Bitten der Eltern half nichts, er blieb, um mit uns den Kelch des Leidens ganz auszutrinken. Im selbigen Jahre wurde hier ein Fruchtmagazin gebaut, das, nachdem es am 1. November fertig war, alsbald für die Abhaltung des Gottesdienstes vorgeschlagen und von allen angenommen wurde. Bei der ersten hl. Messe erinnerte unser Pater uns an die ersten Christen, wie sie auch in so dunklen Räumen und sogar in unterirdischen Katakomben meistens ihrer Religionspflicht nachzukommen bestrebt waren, und wie wir auch einstens mit Gottes Hilfe gleich ihnen aus diesem feuchten, dunklen ungesunden Raume hervortreten werden in eine hellichte Kirche. Die oft zum Erbrechen schlechte Luft, das Auf- und Absteigen des Berges, auf dem das Magazin steht, preßte manch ergrautem Auge helle Tränen auf die Wangen. Von einigen Erkrankungen abgesehen, überlebten alle den Winter und das Frühjahr. Viele, ja sehr viele Pläne wurden geschmiedet. Die abgebrannten Häuser standen bald wieder in viel schönerem Ansehen auf; ein neues Schulgebäude trat an Stelle des alten. Das Fruchtmagazin wurde mit Frucht angefüllt und wir mußten in das neue Schulhaus ziehen. Auch hier gab es viel Unbehagliches durchzuleben. Nun ist es Zeit, das große Bild der trüben Wolken zu verlassen, um auch die Lichtseite desselben näher beschauen zu können. Die Sorge um den Bau einer neuen Kirche wurde um so größer, je drückender die Lage sich gestaltete. Der dem Pfarrer am 17. September 1898 versprochene Plan kam wegen verschiedener Gründe erst nach zwei Jahren unter dem grünen Tuche hervor. Am 5. Juli 1900 war alles vorbereitet und der Plan wanderte unter № 1114 nach St.-Petersburg ins Ministerium. Nachdem sich Seine Hochw. unser Pater dessen überzeugt hatte, säumte er nicht lange, sondern reiste schon nach 15 Tagen zuerst nach Saratow behufs Einholung der nötigen Erlaubnis und darauf nach Petersburg. In der Metropolstadt angekommen, fuhr er an die St. Katharinen-Kirche, wo sich noch einige Dominikaner aufhalten, von welchen er aufs freundlichste aufgenommen wurde. Dabei hatte er das Glück, während eines Seelenamtes für den damals so unglücklich umgekommenen König von Italien Humbert, Seine Majestät den Kaiser von ganz Rußland, Nikolaus II, zu sehen und dem Tronfolger und einigen anderen Großfürsten beim „Libera“ Kerzen zu überreichen. Im Kollegium fand unser Pater einen kathol. Beamten, der sich ihm mit ganzer Seele anschloß und alle noch zu tuenden Wege bereitwilligst mit ihm unternahm. In der großen Kanzlei des Departements für ausländische Konfessionen fragte er zuerst nach dem Plane unserer Kirche. Man fand ihn und gab dem Pater den Bescheid, daß der Turm zu hoch sei und daß er noch manche andere technische Fehler habe, man könne sich auch im Departement einen Plan bestellen und schloß:,,Morgen wird Sitzung sein und hernach können Sie erfahren, ob und wann der Plan zu bekommen sei.“ Da unser Pater ein großer Kinderfreund ist, so fand er auch in Petersburg diese kleine Schar. Diese sind es,“ sagte er später oft, die mir damals halfen, den Plan schneller zu erhalten.“ Am Nachmittage desselben Tages fuhr er nach Schuwalowo, 6 Werst von Petersburg ab, in das Kinderasyl des hl. Joseph, wo er sich vorher schon bekannt gemacht hatte. Den oben erwähnten Beamten bat er, in der Stadt zurück zu bleiben, um nötigenfalls ein Telegramm über den Ausgang der Sitzung zu geben. Als nun Seine Hochwürden den Kleinen seine Not klagte und sie bat den hl. Joseph zu bestürmen, um einen glücklichen Erfolg in seiner Angelegenheit, er werde dafür morgen eine hl. Messe für sie lesen, da riefen alle einstimmig, sie würden sehr beten, daß der hl. Joseph dem Pater bringe. was er so sehnlich wünscht. Das Gebet der Kleinen drang durch die Wolken. Um 2 Uhr Nachmittags erhielt er in der bangsten Erwartung ein Telegramm des Inhaltes: „Der Plan ist bestätigt, nach zwei Wochen bekommen wir ihn.“ Nach herzlichem Danke an die lieben Kinder und deren Oberinnen verabschiedete er sich unter Tränen der Freude und trat den Weg nach der weiten Heimat an. Mit fragenden Blicken erwarteten wir ihn alle, um das Resultat der Reise zu erfahren. Freudigen Mutes flößte er uns allen Trost ein. Zwar dauerte es länger als das Telegramm lautete, aber endlich bekamen wir ihn doch, den langersehnten Plan. Jetzt,“ hieß es, müssen wir auch Bauen, aber mit was und wie?“ Auf Verlangen des Pfarrers versammelte sich die Gemeinde, welcher er vor allem vorlegte, daß sie mit friedlich vereinten Kräften ans Werk gehen sollte, wobei er beteuerte, daß wir die Kirche bauen können, es hänge hauptsächlich vom starken Willen ab. Um mit gutem Beispiele voranzugehen, sagte er: „Alles, was ich bisher bei Euch erworben habe und noch weiter verdiene, opfere ich bereitwillig hier vor Allen zum Baue der Kirche. Es muß außerdem aus Eurer Mitte eine Kirchenbaukommission gewählt werden, ohne die zu bauen es eine Unmöglichkeit ist.“ Dieser Punkt, so klar er auch ist, ging erst durch, als der Pfarrer auf der 4-ten Versammlung fast mutlos den Plan, die Rechnungen, die Sammelbücher und die Bestätigungspapiere auf den Tisch legte und mit schwerem Herzen sagte: „Vielleicht bin ich nicht würdig. den Kirchenbau zu unternehmen, so will ich es lieber einem anderen überlassen, der so baut, wie ihr es wünscht; ich aber kann und darf nicht bauen ohne Kommission. Hier ist der Plan und die übrigen Papiere und ich gebe ein um baldige Versetzung. Wünsche Euch recht viel Glück zu diesem Unternehmen. ,,Was? Wie?“ riefen alle ,,Sie müssen unsere Kirche bauen, kein anderer, Sie müssen bleiben! Wo fehlts, wir tun, was Sie uns sagen.“ „Liebe Leute,“ erhob jetzt etwas mehr ermutigt der hochw. HE. Pater ,,ihr wollt ja keine Kirchenbaukommission und ohne die kann ich nicht bauen. Damit Ihr dabei nicht vergesset, daß ich nicht meine eigene Interessen verfolge, so wählet aus Euch gerade die heraus, die am ärgsten geschrieen haben.“ Die Wahl wurde vorgenommen und man wählte außer dem Pfarrer, der als Vorsitzer die meisten Stimmen erhielt, noch acht Mitglieder. Somit war des Guten fast zu viel getan. Nach Bestätigung der Kommission erhielt der Priester freiere Hand, was er denn sofort benützte. Auf seinen Vorschlag wurde ein Ausschlag von einem Rbl. auf die Seele veranstaltet, das Geld vom Fischfange, die sog. мiрскiл суммы (Friedenskapital) und noch andere Einnahmsquellen wurden zu diesem Zwecke, zum Baue der Kirche, bestimmt. Das waren damals nur Beschlüsse, Baargeld wies jedoch die Kasse fast gar nichts auf. Trotzdem mußte auf das Drängen des Paters angefangen werden, und wirklich am 10. Mai 1901 war schon die Einweihung des Fundamentes und Grundsteines. Diese Feierlichkeit zeigte so recht deutlich, daß auch auswärtige Pfarrkinder an dem Baue ihr reges Interesse haben, denn so viele Gäste hatte Jamburg noch nie auf einmal bei sich bewirtet.
Hausfreund, Kalender 1907, p.88
Des großen Feiertages wegen konnte nur ein auswärtiger Priester, P. Lewtschak zur besagten Einweihung kommen. Unser Pater hielt nach der Einweihung die Predigt, in der er, über das erlebte Schicksal hinwegschauend, die Aufmerksamkeit aller auf den Gott wohlgefälligen Bau lenkte, welcher mit der Einweihung beginnt und mit derselben beschließen wird. „Nicht nur für Euch,“ fuhr er fort, sondern auch für Eure Kinder und Kindeskinder wird sie ein Ort allgemeinen Trostes sein. Liebe, Friede und Eintracht werden vollbringen, was Eifer in den Grund gelegt.“ Auch HE. P. Lewtschak hielt in polnischer Sprache eine kurze Rede, worin er, so viel wir aus den herzlich gesprochenen Worten vernehmen konnten, seiner Freude über den Eifer der Leute zum Kirchbaue Ausdruck gab. Die Nachkommen werden sich stets mit Dank an die Bauenden erinnern und ihrer im Gebete gedenken. Sie mögen doch ihrem fast aller Hilfe baren Pfarrer beständig tätig beispringen. Wer hätte damals schon gedacht, daß dieses so still angefangene Werk am 20. September desselben Jahres schon im Rohbau fertig sein wird, und daß am 1. November die neuerbaute Kirche schon zum Abhalten des Gottesdienstes hergestellt werden konnte. Wind, Schnee und Regen drangen oft durch die Risse der an den Fensteröffnungen angebrachten Bretter und Notfenster; aber die leichten Gemüter deckten alles Unbequeme zu. Jetzt,“ hieß es, „haben wir auch eine eigene Kirche.“ Trotz der schnellen Beendigung des Baues, gab es doch viele Schwierigkeiten zu überwinden. War die Wahl der Kommission eine schwierige, so sollte die Uebergabe der verschiedenen Arbeiten eine noch weit schwerere werden.
Hier kann ich nicht stillschweigend die große Aufopferung und noch größere Energie unseres allgemein geehrten und geliebten Baumeisters HE. M. Zerches übergehen. Mit Wort und Tat stand er stets in den schwierigsten Fragen und Lagen dem ohnedies mit seiner himmelweiten Pfarrei beschäftigten Erw. HE. Pater hilfreich zur Seite. Deswegen haben wir auch nur allein diesen beiden Wohltätern es zu verdanken, daß unsere Kirche so schön und wieder so billig zu stehen kam. Der genannte HE. Baumeister, der die Aufsicht der Arbeit ganz unentgeltlich übernahm, erfüllte dieses verantwortliche Amt, so daß sich sowohl die besten Fachmänner im höchsten Grade verwunderten, als auch alle hier gewesenen Zuschauer und wir alle nicht genug Worte des Lobes und Dankes finden. Einen solchen Mann sollten Türe und Tor offen stehen, wo es sich um einen Kirchbau handelt. In Georgsburg und Petrokowsk Sawody hat derselbe Baumeister nach unserer Kirche ebenfalls gebaut, und sind die Leute höchst zufrieden. Tage und Nächte hindurch wurden von HE. Pater und Baumeister die verschiedensten Teile des Baues erwogen, besprochen, berechnet, angenommen oder verworfen. Fehlte der Baumeister an der Arbeit einige Zeit, so sah man es an, daß sie desselben harre. Die feinsten Teilchen der Karnise mußten aufs korrekteste ausgeführt werden, um nicht vor den scharfen Augen des Baumeisters einer Veränderung zu unterliegen. Da der Bau auf ökonomische Art unternommen wurde, so kam er auch uns einesteils durch entsprechende Verteilung der Arbeit, andernteils durch Aufsuchen des guten und wohlfeilen Materials verhältnismäßig billig zu stehen. Wie schwer sind oft die Folgen eines auf verfehlte Art und Weise abgegebenen Kirchbaues zu tragen, besonders dann, wenn sowohl die Arbeit, als auch die ausschließliche Aufsicht über Material, Arbeit und Arbeiter einem Arbeitnehmer (подрядчякь) samt und sonders überlassen wird, der nach einer oberflächlichen Inansichtnahme eines Ingenieurs die Schlüssel abgiebt und seinen fetten Teil mit sich nach Hause nimmt. Ich kann von der Kirche nicht scheiden, bevor ich nicht noch einmal dieselbe angesehen habe. Da steht sie, gleichsam wunderbar aus der Erde hervorgewachsen, 18 Faden hoch ragt der starke Turm in die Höhe mit dem christlichen hehren Siegeszeichen, vergoldet in die Lüfte sich über den mit Karnisen und Verzierungen versehen Turm emporschwingend. Die hohen Fenster, die schönen und soliden Wände fesseln das Auge. Unter der Türe stehend strahlt der Hochaltar in seiner ganzen Freundlichkeit entgegen. Die geschmückte Kanzel mit einer eisernen Aschurleiter, die eiserne Kommunikantenbank, das aus Beton auf eisernen Schienen und Balken verfertigte und mit einem schönen Eisengitter eingeschlossene Chor, der teils mit Bergenheimer Steinfliesen, teils mit Schönwalder Zementblatten belegte Boden, das von dem Frescomeister K. Fircho bemalte Plafond und die Wände bieten dem eintretenden Beter eine besondere Erhebung des Gemütes und Bewunderung. Wenn es als am Geld gebrach, hörte man Seine Hochwürden unsern HE. Pater nur sagen: „Gott ist mit uns, es wird schon wieder gehen.“ vertrauensvolles Wort, das vollständig in Erfüllung ging. Ueber 22.000 bl. einschließlich die Sammlung, die persönliche Beihilfe des uns über alles lieb gewordenen Priesters und unser eigenes Kapital, abgetragen und nur ca. 5½Tausend sind wir an Privatpersonen schuldig. Gott war und ist mit uns. Um dieses uns tief ins Gedächtnis einzuprägen, ließ unser HE. Pater das Auge über dem Hochaltare anbringen, das sich auch sofort dem Eintretenden repräsentiert. Dieses allsehende Auge sah unseren großen Schmerz beim zweimaligen Kirchenbrande. Dieses fürsorgende Auge wandte sich nicht von uns ab, als wir in den verschiedensten Winkelt Jamburgs das öffentliche Gebet verrichteten, dieses rettende Auge sah die Verlassenheit eines jungen Priesters, der mit den stärksten Gegengeistern allzeit zu kämpfen hatte. Am 17. Oktober 1902 wurde die neuerbaute Kirche vom Dekan J. Schamné im Beisein von noch sieben Priestern und einer großen Menschenmenge aus allen Teilen des Südrußlands eingeweiht, wobei P. Kuhn die Festrede hielt. Er erinnerte in der unvergeßlichen Rede an das Glück der Jamburger, die in ihrer Mitte ein so prächtiges Gotteshaus in so kurzer Zeit nach dem Brande befäßen. Aus dem Altar, Beichtstuhl und Taufstein der Kirche fließen ihm die größten Gnaden des Lebens zu. Er gedachte auch der vielen und fast übermenschlichen Sorgen des HE. Paters und der Energie des Baumeisters und forderte uns zum Danke auf, was wir nie unterlassen werden, so lange warmes Blut in unsern Adern fließt. Schließlich wünschte er dem Hause noch den letzten Schmuck, welchen es auch am 21. September 1905 durch die geweiten Hände des hochwür. HE. Bischof I. Kepler erhielt, bei Gelegenheit der Firmungsweise, wovon im „Klemens“ seiner Zeit behandelt wurde. Nach der Feierlichkeit folgte ein Mittagmahl, bei welchem auch drei russische Geistlichen erschienen, von denen einer einen Toast auf unseren Herrn Pfarrer hielt, der allgemein enthusiastisch mit Hurrah beantwortet wurde. Er sagte, daß es die mißliche Lage der hiesigen Kolonie zur Genüge kannte und nie dachte, daß hier eine Kirche gebaut werden könnte. Und doch machten die schwachen Hände eines katholischen Priesters es möglich, daß in so kurzer Zeit ein Prachtgebäude dasteht. . . Die liebenswürdige Aufnahme des Pfarrers und aller kath. Priester und ihr offenes Benehmen den orthodoxen Priestern gegenüber bringe ihm den Wunsch auf seine Lippen: „Es möge doch endlich ein Schafstall und ein Hirte werden!“
Nach einigen herzlichen Toasten von Priestern, Landvögten, Baumeistern und anderen – endete das Mal.
Wir alle konnten anfänglich uns nicht recht zu Hause dünken, wenn wir uns in der neuen Kirche versammelten; denn alles kam uns vor als wäre es immer noch nicht das Unsrige.
Danken müssen wir dem lieben Gott und unserem guten Priester, dessen Energie uns geholfen hat, so prüfungsvolle Wege zu gehen und durch den endlich unsere Leiden in unsägliche Freude verwandelt wurde. Ich meinesteils, trotzdem mir die Macht der Feder gebricht, und ich das erste Mal in die Oeffentlichkeit trete, konnte es nicht länger mehr in meiner Brust verbergen, meinen innigsten Dank öffentlich vor den Lesern des geschätzten Kalenders Hausfreund“ auszusprechen. Ich denke dabei, daß die vielen Bekannten, die mich schon so oft zu dem nun getanen Schritt angespornt, meine Meinung ganz teilen werden.
Eduard Schmidt, Redakteur
Hausfreund, Kalender 1907, p.90Barch R57 7329 p. 230 Pastor Simon
Artikel im Original entnommen dem: Hausfreund, Kalender für Neu-Rußland. Begründet 1892 von Kanonikus Rudolf Reichert. Herausgeber und Verleger: Edmund Schmidt; Druck von A. Schultze, Odessa. 1907 p. 82-90 ↩︎
Wenn man auf der Kursk-Charkow-Sewastopoler Eisenbahn sich von Alexandrosk oder Melitopol aus der Station Prishib (früher Michailowka) nähert, so kann man auf eine lange Strecke nach Osten zu einen weißen Turm mit grünem Blechdache beobachten, der manchmal auf kurze Zeit verschwindet, aber immer wieder auftaucht. Es ist der Turm der Kirche zu Hochstädt; die Kirche selbst aber wird verdeckt von den sie umgebenden Bäumen. Auch von Hochstädt sieht man aus der Ferne weiter nichts als die über die niedrigen einstöckigen Häuser hinausgewachsenen Bäume.
Kirche Hochstädt, Hausfreund, Kalender 1901, p.106
Wer den Ort nicht kennt und den Namen Hochstädt hört, der mag sich wohl ein Städtchen, das auf einer Anhöhe liegt, vorstellen. Allein es ist weder eine Stadt, noch liegt es auf der Höhe. Es ist ein Dorf, eine Kolonie von nicht ganz 500 Einwohnern, die zu vier Fünftel lutherischen Bekenntnisses sind, also nicht einmal ein großes Dorf, das in der Nogaischen Steppe im Kreise Melitopol des Gouvernements Taurien gelegen ist. Von den ehemaligen Bewohnern der Steppe, den Nogaiern ist jetzt wenig mehr zu sehen. Nur dann und wann trifft man auf Ueberreste des alten Nomadenvolkes, die als Zigeuner die Gegend durchziehen.
Aber woher kommt der Name Hochstädt? Als im Jahre 1808 die Kolonie angesiedelt wurde, waren es größtenteils Leute aus dem heutigen Großherzogtum Baden, die sich hier niederließen, unter ihnen fünf Familien aus dem Pfarrdorfe Hochstätten, das etwa 2 Meilen von der badischen Hauptstadt Karlsruhe entfernt liegt. Von diesen hat die Kolonie Hochstädt ihren Namen erhalten. Der erste Schulz von Hochstädt stammte auch aus Hochstätten. Von jenen fünf Familien aus dem badenschen Dorfe ist eine ausgestorben, die Nachkommen von drei andern wohnen nicht mehr in Hochstädt, nur eine, die Familie Guggenheimer hat sich bis heute hier erhalten und ist noch so reich vertreten, daß von den lutherischen Bewohnern der Kolonie jede neunte Person diesen Familiennamen führt. Gegen fünfzig Glieder dieser Familie zählt man in Hochstädt allein. Außer den Badensern sind auch andere Völkerstämme Deutschlands, namentlich des südwestlichen vertreten. Gegenwärtig sind es folgende:
Badenser, vertreten durch die Familien Diller, Dunder, Eva, Freiberger, Görich, Guggenheimer, Häring, Hoffmann, Köhler, Schill, Ullrich;
Würtemberger: die Familien Gruß, Lutscher, Wiedmann;
Pfälzer: die Familien Morrell, Preis, Schroth, Spangenberger:
Nach dieser Zusammensetzung könnte man meinen, daß in Hochstädt die verschiedensten Mundarten gesprochen werden, und in der ersten Zeit nach der Ansiedlung mag man wohl den schwäbischen, pfälzer, elsässer Dialekt genau haben unterscheiden können; aber jetzt wird weder pfälzisch noch schwäbisch, noch sonst ein Dialekt rein gesprochen, es ist ein Mischdialekt, der von jedem etwas hat.
Hochstädt gehört zu den sogenannten Molotschnaer Kolonien, die auf dem rechten Flüßchen Molotschna angesiedelt sind. Die Molotschnaer Mennonitenkolonien liegen auf dem linken Ufer des genannten Flüßchens im Berdjanischen Kreise. Die Kolonien, zu denen Hochstädt gehört, bilden einen Komplex von 27 Dörfern, die unter der Prischiber Wolost vereinigt sind und jetzt aus vier Kirchspielen, zwei lutherischen und zwei römisch-katholischen bestehen. Von diesen gehören zum Hochstädter Kirchspiele neun im Molotschnaer Bezirke gelegene Kolonien. Mit dem Jahre 1831 ist es als solches bestätigt. Bis dahin haben diese Kolonien zum Kirchspiele Molotschna (Prischib) gehört. Im Mittelpunkte des Kirchspiels steht die von jenen neun Kolonien vor dreißig Jahren erbaute und am Trinitatisfeste 1871 eingeweihte Kirche. Was Geräumigkeit anlangt, nimmt sie wohl die erste Stelle unter den Kirchen des zweiten Propstbezirks der lutherischen Kirche in Südrußland ein. Man sagt, sie sei nur einmal, am Tage ihrer Einweihung selbst, bis auf den letzten Platz besetzt gewesen. Kirchlichen Stil freilich läßt sie vermissen. In dieser Beziehung wird sie von der neuerdings in Eugenfeld erbauten Kirche weit übertroffen. Ein Kleinod besitzt die Hochstädter Kirche in ihrer Orgel, eine aus der berühmten Firma Walker in Ludwigslust hervorgegangenen Werke. Sie galt bisher als die schönste Orgel im ganzen Süden bis Moskau hinauf. Möglich, daß ihr dieser Ruhm durch die Orgel der neuerbauten lutherischen Kirche in Odessa streitig gemacht wird.
Man kann fragen, woher es komme, daß Hochstädt, das in wenigen Jahren das hundertjährige Jubiläum seines Bestehens feiern kann, keine größere Einwohnerschaft hat, zumal da sich, wie überall in den Ansiedlungen, auch hier die Familien eines reichen Kindersegens zu erfreuen gehabt haben. Wären alle Hochstädter Ansiedler in der Kolonie geblieben, so würde sie wohl zwei bis dreimal größer sein. Jetzt findet man Hochstädter außer in Taurien mit der Krim auch in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Cherson, Charkow, Poltawa, im donischen Gebiete, im Kaukasus entweder auf eigenem oder auf Pachtlande, sowie in den Kolonien, die auf den von der Wolost gekauften Lande angesiedelt sind.
Die Kolonie selbst macht einen recht freundlichen Eindruck. In Anlage und Bauart gleicht sie allen deutschen Kolonien in Südrußland. Es ist eine einzige gerade, breite Straße, an der zu beiden Seiten die Häuser liegen, die meistens mit dem Giebel nach der Straße sehen, mit Ausnahme von einigen wenigen, darunter das Schulgebäude in der Mitte des Dorfes. Nach Westen, etwas von den Häusern entfernt, steht die Kirche, gewissermaßen das ganze Dorf beherrschend. das östliche Ende schließt mit einem kleinen, etwa zwanzig Dessjatinen haltenden Wald ab. Aber auch sonst fehlt es an Bäumen nicht, so daß eigentlich die ganze Kolonie in und unter Bäumen versteckt ist. Wenn man im Sommer entweder von der Kirche oder vom Walde aus der Dorfstraße entlang sieht, so erblickt man fast weiter nichts als die grünen, dichtbelaubten Bäume und die aus Ziegelsteinen erbauten weißgetünchten Zäune und Thoreinfahrten zu beiden Seiten der Straße. Die etwas von den Zäunen zurückstehenden Häuser werden, aus der Ferne gesehen, von den Bäumen verdeckt.
Die Bewohner von Hochstädt sind zum größten Theile, einige Handwerker abgerechnet, Landwirthe. Die Gegend an der Molotschna ist von je als ein fruchtbarer Landstrich bekannt. Noch erzählen sich die Söhne und Enkel der alten Ansiedler von den reichen Ernten, die auf dem jungfräulichen Boden in den ersten Jahrzehnten nach der Ansiedlung gemacht worden sind. Und noch heute trägt der Boden bei rationeller Bewirthschaftung und günstiger Witterung reichliche Frucht. Neben dem Landbau wird aber auch der Obstbau nicht vernachlässigt. Gerade in den letzten Jahren sind neue Obstanpflanzungen gemacht worden, und man hat es nicht zu bereuen gehabt. Auch Weingärten sind angelegt, und wer billigen Tabak rauchen will, baut das edle Kraut, um es hernach aus seiner Pfeife in Rauch und Asche aufgehen zu lassen. Einige Wenige beschäftigen sich auch mit Bienenzucht, die freilich in dürren Jahren, wo es an honigreichen Blüten fehlt, nicht immer lohnend ist. Für die häuslichen Bedürfnisse sorgt eine größere Kolonial- und Schnittwaarenhandlung neben einigen kleineren, von Juden gehaltenen Buden. Auch für die gesundheitlichen Bedürfnisse ist gesorgt; Hochstädt ist der Sitz eines Kolonialarztes, der einen fünf Kolonien umfassenden Bezirk versorgt. Auch eine Apotheke fehlt nicht.
In letzier Zeit ist Hochstädt auch mit einer Kronsbranntweinhandlung bedacht worden, nicht gerade zum Vorteile für die Kolonie. Wenn an Sonn- und Feiertagen die Arbeiter in der Kolonie, die Ziegelbrenner von dem einen Ende und von der andern Seite die Fabrikarbeiter aus dem nahegelegenen Neunassau sich reichlich mit Brantwein versehen haben, da gibts viel wüstes Geschrei, auch manchmal blutige Köpfe, so daß die Polizei Mühe genug hat, um die Ordnung nur einigermaßen aufrecht zu erhalten. Auch wird durch den Branntweinhandel eine Menge Bettler und Vagabunden herbeigelockt, deren erster Gang gewöhnlich in die Schnapshandlung ist, und die, nachdem sie sich im nahen Walde angetrunken haben, im Dorfe von Haus zu Haus gehen und oft in recht unverschämter Weise brachern. Hochstädt liegt an der großen Straße, die vom Bahnhofe Prischib nach Halbstadt und Groß-Tokmak führt. Alle Passagiere, die aus jenen Orten zu den Eisenbahnzügen fahren oder von den Zügen kommen, müssen durch Hochstädt fahren; dazu kommen die Lastfuhren, die mit Waaren aller Art, mit Kohlen und Bauholz beladen, Tag und Nacht das Dorf passiren, so daß die sonst ruhige und stille Kolonie einen recht belebten Eindruck macht. Freilich wenn im Spätjahre Regenwetter oder im Frühjahre Tauwetter eintritt, dann wird die Straße durch das viele und schwere Fuhrwerk oft bodenlos, und mancher Fuhrmann, der matte und altersschwache Gäule vor seinem Wagen hat, bleibt stecken. Wenn die Bemühungen der Halbstädter und Tokmaker Industriellen, eine Eisenbahn von der Station Prischib über Halbstadt und Tokmak nach Berdjansk zu bekommen, von Erfolg gekrönt sein werden, dann wird die Eisenbahn für den Transport der Waaren und Passagiere sorgen, und die Hochstädter werden den Vortheil haben, daß ihre Straße auch bei schmutzigem Wetter in fahrbarem Zustande bleibt.
Artikel im Original entnommen dem: Hausfreund, Kalender für Neu-Rußland. Begründet 1892 von Kanonikus Rudolf Reichert. Herausgeber und Verleger: Edmund Schmidt; Druck von A. Schultze, Odessa. 1901 p. 106–109, ↩︎
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) lebten in Pirmasens 59 Familien mit rund 235 Einwohnern. Als im Jahre 1622 Spanier und kroatische Reiter der kaiserlichen Truppen durch die Pfalz zogen, litt die Bevölkerung unter den Lasten der erzwungenen Einquartierungen. Die Truppen nahmen alles mit, was in irgendeiner Weise brauchbar war, von den wenigen Nahrungsmitteln in den Vorratskammern, über Vieh, Pferde, Wagen. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, die Männer malträtiert, und wenn es nichts mehr zu holen gab, folgten Brandschatzung.
Daher setzten sich die Pirmasenser Bürger Hanß Seegmüller, Johannes Krämer, Hans Krämer und Jacob Jost gegen die einfallenden Soldaten zur Wehr und töten vier von ihnen, weshalb das Dorf aus Rache von den Soldaten in Brand gesetzt wurde.
Heinrich Bürkel: „Brand in einem Dorf“, 1826, Öl auf Holz, Münchner Kunstverein. Q.: Stadt Pirmasens, Museum für zuhause
Die vier wurden gefangen genommen und nach Buchsweiler geschafft, um sie der Gerichtsbarkeit zu überstellen. Üblicherweise war eine öffentliche Hinrichtung ein Volksspektakel, häufig in Verbindung mit Jahrmärkten, um eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit zu erzielen.
Grausamkeiten sorgten bei Hinrichtungen für ein Exempel und waren an der Tagesordnung, so wurden die vier Delinquenten nach Verhör und Geständnis zum Rad und Verbrennen verurteilt.
Holzschnitt aus der Schweizer Chronik des Johann Stumpf (Ausgabe Augsburg 1586) Wolfgang Schild –- Die Geschichte der Gerichtsbarkeit. Vom Gottesurteil bis zum Beginn der modernen Rechtsprechung, München: Verlag Georg D. W. Callwey, 1980. Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbh, Hamburg 1997 S. 202 (Scan), gemeinfrei
Dieser Tod war wenig ehrenvoll, mit gebrochenen Gliedern auf dem Rad den Flammen übergeben zu werden. Daher baten die vier Pirmasenser um Gnade und Ehre für ihre Familien, das Schwert galt als ehrenvoll, würde ihren Namen nicht beschmutzen, weshalb die Art ihres Todes äußerst wichtig war. Dieser Bitte wurde nachgegeben und so traten sie am 8. Oktober 1622 den Weg zum östlichen Gipfel des Bastberges, dem Galgenberg, an.
Man brachte die Gefangen meist mit dem Wagen von Buchsweiler in das Dorf Imbsheim, dort wurden sie mit Ketten gebunden und vor dem Rathaus an den Pranger gestellt. Anschließen führte man sie zur Richtstätte. Der Weg auf den Galgenberg hieß der Urteilsweg. Nach der Hinrichtung versammelten sich die Richter in einem Hause nahe bei der Ratsstube und nahmen einen Imbiss ein. Daher soll nach alter Überlieferung der Name Imbsheim kommen.1
Der Scharfrichter waltete seines Amtes und beförderte die Männer vom Leben zum Tode. Der Pfarrer, welcher offensichtlich ein Verständnis für die Tat hatte, beerdigte alle auf dem Kirchfriedhof in Buchsweiler, nicht, wie es zumeist geschah, außerhalb der Friedhofsmauern, oder, was häufiger geschah, auf dem Galgenberg.
Bouxwiller – Registres Paroissiaux (Avant 1793) – Paroisse protestante (Avant 1793) – Registre de baptêmes mariages sépultures 1614-1638 – Original en mairie ad67_ec_061001600181
freitags d 4. 8tbris, Wurd alhir vff d kirchoff begrab, Hanß Segmüller, Johann Krämer, Krämer Hanß, Vnd Jacobs Jost, alle 4. Burger Zu Pirmensensß, Lemburger Ampts, so mit dee Schwerd gricht Word, weil sie in Ihrem Dorff, 4. Keyserliche Soltat erschoß Vnd Vmbgebracht.
Bouxwiller – Registres Paroissiaux (Avant 1793) – Paroisse protestante (Avant 1793) – Registre de baptêmes mariages sépultures 1614-1638 – Original en mairie ad 67_ec_061001600219
Freitags d. 4. 8tbris, 1622. Wurd nachfolgende Vier Perßonas, Hanß Seegmüller, Johannes Krämer, Krämer Hanß, Vnd Jacobs Jost, alle Bürger von Pirmensenß, Lemburger Ampts, weil sie in Ihre Dorff, 4. kayserliche Soldat wehrlos gemacht, erschoß vnd erschlagen. Vnd nachgehends darauf, ds Dorff, Von der kayserlichen Armada teils in Brandt gestecket word, mit Vrtheil Vnd recht, Zum rad Vnd feuer erkandt, nachgehends aber, vff Ihr Demütige Bitt mit dem Schwerdt gericht, Vnd vff d Kirchoff alhir begrab, sind alle Christlich Vnd standhaft gestorb. Gott Verleihe Ihnen ein fröhliche Aufferstehung. Amen.
Der Krieg unterdessen brachte weiteren Plünderungen und Brandschatzungen, so lebten 1657 noch 40 Einwohner in Pirmasens.
Hanß Seegmüller starb, jedoch wissen wir von drei Kindern, Arbogast (um 1603-9.3.1683), Georg (* um 1608) und Eva (* um 1610).
Auf der linken Seite ist die Nachkommenschaft des Arbogast, diese geht in die Littig über und zur Baroness von Gottesheim. Auf der rechten Seite die Nachkommenschaft von Eva, welche in der Linie der Käfer mündet. Beide Familien werden wir als Einwanderer in Taurien wiederfinden.
Sterbeeintrag Arbogast 1683 im Mischbuch Pirmasens 1640-1721
Schwester Eva war verehelicht mit Nicolaus Claß (um 1601-19.12.1666), beide lebten ebenfalls noch in Pirmasens, hier war er 15 Jahre der Glöckner der Kirche.
Sterbeeintrag Nicolaus 1666 im Mischbuch Pirmasens 1640-1721
Die Nachkommen verteilten sich bereits in die umliegenden Dörfer, hier hell markiert:
Herder, Benjamin: Das Koenigreich Wuerttemberg Das Grossherzogthum Baden und die Fuurstenthuumer Hohenzollern : entworfen und bearbeitet im Maasstabe 1:200 000 in 12 Blaettern von I.E. Woerl. 1838
Die Zeiten werden nicht leichter, als sich am 23. Juni 1783 ein acht Monate anhaltender Ausbruch von Vulkanen auf Island mit extremen Frostperioden in Europa ereignete. Infolgedessen trafen extreme Schneeschmelzen, massive Hochwasser und Zerstörungen im Februar 1784 ganz Europa.
Kälte und wechselhaftes Wetter hielten an und gipfelten, bedingt durch Missernten 1788, in einer extremen Teuerungskrise und Hungersnot, in deren Folge die Französische Revolution (1789–1799) ausbrach und sich ausbreitete, auch alle linksrheinischen Gebiete erreichte.
Für die leidgeprüfte Bevölkerung gab es erhebliche Umwälzungen. Aufgrund der Einführung des französischen Kalenders entfielen die Sonn- und Feiertage, ebenso alle kirchlichen Feste. Jede Art von Gottesdienst außerhalb der Kirchen wurde bei einer Geldstrafe von 500 Lire und einer Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren verboten. Kein Geistlicher durfte bei Beerdigungen im Talar oder priesterlichen Gewand erscheinen, sondern musste bürgerliche Kleidung tragen. Die Toten mussten ohne Glockengeläut und ohne Segen der Erde übergeben werden.2 Die Bevölkerung, komplett ausgeplündert von Steuern, musste den verpflichtend eingeführten Militärdienst leisten, Französische wurde Amtssprache.
Wenngleich die bisherige Leibeigenschaft aufgehoben wurde, freier wurden die Menschen unter der französischen Regierung nicht, weshalb sich viele zur Auswanderung entschieden, in der Hoffnung, im Ausland ein besseres Leben zu finden.
Als Johann Jacob Käfer (1755–1810) sein kleines Dorf Einöd, heute als Höheinöd bekannt, in den Wirren der Napoleonischen Zeit verließ und mit seiner Familie nach Südrussland auswanderte, war die Hoffnung auf eine große Zukunft seiner Familie mit im Gepäck. Wie sehr sich diese erfüllen würde, hatte er vermutlich nicht geahnt.
Bei Stumpp stößt man auf diesen Eintrag:
38) Jakob Käfer von Münchweiler/Pirmasens-Pfalz, mit Frau und Kind, seinem Vater und Mutter, nebst seinen zwei Brüdern und zwei Schwestern, nach Alt-Montal/Taurien. Frankfurt a. M., 9./21. 4. 1810. gez. v. Bethmann. Sichtvermerke: Würzburg, 26. 4. 1810. — Bayreuth, 5. 1810. — Plauen, 5. 5. 1810. — Hof, 12. 5. 1810 — Breslau, 17. 5. 1810.— Bunzlau, 15. 5; 1810. — Radom, 25.05.18101
So läßt sich seine Reiseroute bis nach Polen gut verfolgen, die Einwanderer nahmen verschiedenen Reisewege, es trafen eine ganze Reihe neuer Kolonisten innerhalb weniger Wochen des Jahres 1810 in Taurien ein.
Reiseroute von mindestens 2300 km, Karte erstellt mit googlemaps2
Tatsächlich traf die ganze Familie ein, Vater Johann Jacob und Mutter Anna Barbara, geborene Kiefer (1760–1810), welche in Altmontal versterben, die Söhne Johann Jacob (1781–1853), Johann Valentin (1784–1862) und Johann Adam (1795–1868), von Tochter Anna Elisabeth (*1787) verliert sich die Spur, Anna Catharina (*1790) verstirbt jung verheiratet zwischen 1816 und 1822 in Kostheim. Zwei weitere Kinder der Familie verstarben jung noch in der alten Heimat.
Geburtseintrag von Johann Jacob Käfer 1755 in Thaleischweiler3
Johann Jacob der Jüngere gründet in Altmontal eine Familie, wir erfahren aus erhalten gebliebenen Listen, dass er den Arzt mit seinem Sohn am 27.06.18114 aufsuchte. Es handelte sich offenbar um Jakob, der laut Zensus etwa 1808 geboren sein muss. Die Angabe der Familienerinnerungen, er wäre bei Einwanderung bereits acht Jahre alt gewesen, kann nur unscharf sein, leider fand sich bisher keine Aufzeichnung der Familie rund um Pirmasens.
6) Käfer, Jacob 30, aus Münchweiler/Pirmasens-Pfalz, seine Frau Magdalene 30, sein Sohn Jacob 3, seine Brüder Valentin 25 und Adam 16. Wirtschaft: 3 Pferde, 4 Rinder, 1 Pflug, 1 Wagen, 1 Spinnrad.5
Johann Jacob war ein guter Wirt, war anerkannt und wurde von der Kolonistengemeinde bereits 1816 zum Oberschulz gewählt6.
1813 DADO 134-1-346, Archiv Dnipro, Taurien e.V.
In den Jugenderinnerungen des Enkels Nikolai7 war er der „Oberschulze Käfer“, dessen Name auch nach seinem Tod noch etwas galt.
Über seine Frau Magdalena erfährt man kaum etwas aus alten Aufzeichnungen, so haben wir nur Kenntnis von den Kindern, dem obigen Jacob, der in den 1890ern verstarb, einer kleinen Katharina (1813–1813) und Johann Käfer, dessen Familie wir nun begleiten werden.
Akte 134-1-267 Dnepro. Taurien e.V.
Johann kam, wenn man der Altersangabe der erhaltenen Listen glauben darf, etwa um August 1814 zur Welt, wird als halbjährig Anfang 1815 erwähnt. Die Familie war nach Neumontal übergesiedelt und baute sich eine Wirtschaft auf. Hier heiratete er sehr jung Christine Steininger (1816–1858) und nach ihrem Tod, im selben Jahr, Christine Goll (um 1820–1900).
Johann Käfer war sehr angesehen in der Gemeinde, ebenfalls Oberschulz, baute eine Windmühle, später eine Seifenfabrik, und begann Weizen, Wolle und andere Waren zu kaufen, um damit in Berdjansk und Simferopol zu handeln. Während einer Geschäftsreise im Jahre 1856 wurde er von zwei Landstreichern überfallen, schwer geschlagen, ausgeraubt und sterbend in der Steppe zurückgelassen. Trotz der schweren Verletzungen schleppte er sich zu Hirten, die ihn in das Dorf Avuman brachten. Dort verbrachte er mehrere Wochen zwischen Leben und Tod, seine Gesundheit wurde jedoch stark beeinträchtigt8, was vermutlich zu seinem frühen Tod 1866 führte.
Sterbeeintrag Johann Käfer in Neumontal, Kirchenbuch Molotschna 1866
Die Ehe mit Christine Goll, einer Witwe, war nicht nur sehr harmonisch, Christine war städtisch, elegant, gebildet, sprach feinstes Hochdeutsch und war sehr darauf bedacht, ihren Kindern Bildung angedeihen zu lassen. Aus ihrer ersten Ehe mit Joseph Sudek brachte sie fünf Kinder mit, sodass ihre älteste Tochter Katharina später den ältesten Sohn Jakob aus der ersten Ehe von Jacob Käfer heiratete.
Christine Goll, Fotoausschnitt aus : КК Васильев · 2007 · К. ПРОФЕССОР Н.И.КЕФЕР (1864–1944). И ЕГО ВОСПОМИНАНИЯ, p.82
Ihr erster Mann, Joseph Sudek, war ein Schafzüchter und arbeitete auf den Schaffarmen der Familie Falz-Fein und anderer Schafzüchter. Eines Tages kam er von der Arbeit in der Steppe nicht mehr nach Hause, seine Leiche wurde viel später gefunden und man identifizierte ihn anhand seiner Kleidung, vermutlich starb er einen gewaltsamen Tod.
Nikolaus Käfer, Fotoausschnitt aus : КК Васильев · 2007 · К. ПРОФЕССОР Н.И.КЕФЕР (1864–1944). И ЕГО ВОСПОМИНАНИЯ, p.82
Nikolaus Käfer (24.1.1864, Neumontal – 28.12.1944, Odessa), Sohn aus der zweiten Ehe von Christine, vermutete die Herkunft seiner mütterlichen Großeltern in Schorndorf, Württemberg, was jedoch nicht belegbar ist. Anhand seiner Berichte, die Familie wäre nach Hoffnungstal, Bessarabien gezogen und seine Mutter wäre in Odessa aufgewachsen, findet man tatsächlich eine Familie, die hier infrage kommt.
Kirchenbuch Molotschna 1864 Geburt Nikolaus Käfer
Johann Andreas Goll (1769–1841) und Frau Maria Salome Steimle (*1768) wurden offiziell 1817 eingetragen in Neulautern als nach Amerika ausgewandert. Ihre Reisepläne änderten sich allerdings und sie finden sich in Carlstal bei Odessa wieder. Ihre Kinder lebten in Hoffnungstal, Neuhoffnungstal und Odessa.
Daher ist anzunehmen, Christine war ein Kind des Tuchscherers Christian Andreas Goll (1797–1835) und seiner Ehefrau Agnes Barbara Gscheidle (1802–1858).
Dessen Sohn Johann (1826–1889) war mit einer Tochter des Johann Grosse, Hofmeister auf der herzoglich Anhalt-Köthenschen Besitzung in Askania Nova, verheiratet. Laut Erinnerungen von Nikolaus Goll heiratete sein Kindermädchen „Mascha“ Maria Brink den Bruder seiner Tante, Leberecht Grosse (1842–1915), dieser war tatsächlich Sohn des Johann Grosse und ebenfalls ein Schafmeister und Anhalt-Köthenscher Untertan.
Soweit schließt sich hier ein Kreis und erklärt, warum seine Mutter so städtisch war, Leberecht wurde sogar als „bourgeois“ bezeichnet. Nikolaus erinnerte sich:
Meine Mutter wuchs unter anderen Bedingungen auf und lebte nicht in Kolonien. Sie verkehrte ausschließlich mit den Vermietern und ihren Verwaltern, kleidete sich anders, mehr oder weniger städtisch, hatte andere Gewohnheiten und weitergehende Bedürfnisse. Mit ihrer Ankunft im Haus meines Vaters hat sich viel verändert, angefangen beim Erscheinungsbild …
… Das Wohnzimmer war mit Polstermöbeln, Holzteilen in rotbrauner Farbe (Mahagoni? Nussbaum?), Polsterung in grünem Stoff ausgestattet
… Ich weiß, dass es nur im Haus meiner Eltern einen Samowar gab, eine Tischuhr auf dem Esstisch, silberne Löffel usw. Sie trug zum Beispiel Krinoline, die in dieser Gegend völlig unbekannt waren, Seidenkleider mit Spitze, Hüte, goldene Broschen, goldene Uhren und eine Kette mit einem Medaillon. Vielleicht war es einfach und provinziell, zumindest weit hinter der Mode zurückgeblieben, aber in ihrem Umfeld muss es sehr auffällig gewesen sein. …
Die Literatur war sehr vielfältig, da Bücher zu dieser Zeit schwer zu bekommen waren. Sie las nur auf Deutsch. Obwohl sie in einem religiösen Geist erzogen wurde, sah ich sie relativ selten religiöse Bücher lesen. Sie las sehr gerne Romane, Reisebeschreibungen und historische Literatur. Das Haus meiner Eltern war das einzige, in dem es Zeitungen und Zeitschriften gab. Viele Jahre lang war es der „St. Petersburger Herold“, der immer sehnsüchtig erwartet wurde, und später, etwa ab Mitte der 1870er Jahre, wurde dieser Platz von der „Odessaer Zeitung“ eingenommen, die begann, sich für die Zustände in den südrussischen Kolonien zu interessieren. Daneben gab es auch abonnierte (?) „Gartenlaube“ und teilweise „Das Buch für alle“.9
Nachdem ihr Mann so plötzlich verstorben war, heiratete Christine den Witwer Johann Riecker (1837–1899). Eine Vernunftehe, die schwierige Zeiten überstehen musste. Er war Kutschenmacher, wie fast alle in seiner Familie, die Männer waren groß, blond, gutaussehend, gebildet. Nikolaus vermutete wegen des Dialekts eine norddeutsche Herkunft.
Allerdings stand Johann Riecker immer im Schatten seines Vorgängers, was er lange Zeit mit Trunksucht, großer Härte gegenüber seinen Kindern aus erster Ehe und Übergriffen auf seine Frau zu kompensieren versuchte. Als dann eine Feuersbrunst durch Brandstiftung mitten in der Weizenernte durch Neumontal raste, alle Häuser in Schutt und Asche legte, zwei Wochen darauf eine zweite Feuersbrunst das einzig unversehrte Gehöft ergriff – Käfer – inklusive der Ställe in denen Pferde standen, wurden die Spannungen so stark, Christine holte sich Beratung zu einer Scheidung. Zudem strengte sie in der Kreisstadt Melitopol mithilfe eines Anwalts einen Prozess an, welcher zwei Jahre dauerte, um dem Vormund ihrer Kinder Entscheidungsrechte zu entziehen, die er über das Vermögen und die Erziehung der Käferschen Kinder hatte.
Die damalige Zeit brachte leider gesetzliche Regelungen mit sich, die einer Witwe einen männlichen Vormund beiordneten, alleine durften Frauen damals keine Entscheidungen treffen, ebensowenig, wie minderjährige Kinder.
Das Gericht gab ihr letztlich Recht, über Erziehung und Bildung frei zu entscheiden, so konnte sie den Plan umsetzen, Nikolaus ab August 1875 auf das Gymnasium in Berdjansk zu schicken. Weil seine Lernerfolge nicht so waren, wie erhofft, wurde er im Folgejahr von der Familie des Gymnasiallehrers für französische Sprache, Ernst Franzewitsch Jakovčić, aufgenommen, gemeinsam mit drei anderen Jungen, was deutliche Verbesserung brachte.
Als sich 1882 die Augenkrankheit (Trachom) einstellte, Nikolaus monatelang nicht lesen konnte, wurde er im Winter 1882 nach Charkow zu dem berühmten Augenarzt Professor Hirschmann, geschickt, bei dem er etwa 6–8 Wochen in Behandlung war. Diese Zeit war so prägend, das er den Wunsch entwickelte, ebenfalls Arzt zu werden. Kurz vor den Abschlussprüfungen des Gymnasiums erkrankte er auch noch Typhus und bestand die Prüfungen mit großer Mühe.
Blick auf das Hauptgebäude der Medizinischen Fakultät zu Beginn des 20. Jahrhunderts10
Im August 1883 schrieb sich Nikolaus an der Kaiserlichen Noworossijsker Universität in Odessa in der Naturabteilung der Physikalisch-Mathematischen Fakultät ein.
Hier lernte er Karl Härter kennen, der sein Studium wegen einer chronischen Augenkrankheit in Dorpat nicht beenden konnte und zu diesem Zeitpunkt als Angestellter in einer Landmaschinenfabrik arbeitete und sich auf seine Prüfung als Gymnasiallehrer vorbereitete. Dieser weckte das Interesse, nach Dorpat zu gehen, wo sich Nikolaus am 17. August 1885 in der Kaiserlichen Fakultät für Medizin einschrieb.
Sein zweiter wichtiger Freund wurde Heinrich Höger (1854–1934) aus Schabo, dessen Bildung ihn sehr beeindruckte.
Käfer, Nikolai; SAGA, EAA.402.2.11453; 17.08.1885
Nikolaus interessierte sich in Dorpat besonders für die Vorlesungen des Professor Thoma zur Pathologische Anatomie und promovierte nach bestandenem Examen 1890 im Jahre 1891 zum Doktor der Medizin.
Käfer, Nikolai; SAGA, EAA.402.2.11454; 1886
Da am Ende desselben Jahres der Bau des Evangelischen Krankenhauses von Odessa beendet und in diesem Zusammenhang medizinisches Personal rekrutiert wurde, begab sich Nikolaus nach Odessa und wurde als Assistent unter der Leitung des Oberarztes, des Chirurgen Eugen Fricker (1846–1906)11, angestellt.
Naturärztliche Sprechstunden, Band 6, Herm. Rudolf, Nürnberg 1897, p141
Zugleich arbeitet Nikolaus rund 20 Jahre in der Privatklinik des jüdischen Orthopäden Joseph Arnold Waltuch (1861–1914) als orthopädischer Chirurg. So entwickelte er sich vom praktischen Arzt, Wissenschaftler und allgemeinen Chirurgen, zum Spezialisten in der Orthopädie und Traumatologie.
Im Jahre 1896 wechselte er an das Krankenhaus der Kasperowsker Gemeinde der Barmherzigen Schwestern des Russischen Roten Kreuzes, welches er ab 1898 als Oberarzt leitete. Im selben Jahr wurde er zum Chefarzt des Rotkreuzkrankenhauses für Fabrikarbeiter der Stadtverwaltung von Odessa gewählt, das sich zu dieser Zeit noch im Bau befand. Er beaufsichtigte den Bau der Gebäude des Krankenhauses, welches am 30. Dezember 1899 eingeweiht wurde, und organisierte 20 Jahre die ambulante medizinische Versorgung in den Fabriken und Werken von Odessa.
Mit Beginn der 1920er Jahre wandte er sich der wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeit zu und wurde im Juli 1920 zum Professor für Chirurgie an das Klinischen Institut Odessa berufen. Gleichzeitig begann er am Medizinischen Institut der Stadt zu arbeiten, wo er 1921 die Abteilung für Orthopädische Chirurgie einrichtete und eine orthopädische Klinik mit 25 Betten aufbaute, die dann unter seiner Leitung auf über 120 Betten erweitert wurde. Darüber hinaus war er ab 1932 Leiter der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie des Fortbildungsinstitutes für Mediziner, welche 1927 anstelle des Klinischen Instituts gegründet wurde.
Während des Zweiten Weltkrieges, der die Stadt 1941 erreichte, wurde die Klinik in ein Militärkrankenhaus umgewandelt, und musste am 3. Oktober 1941 evakuiert werden. Viele der verwundeten Soldaten und Offiziere konnten in der Kürze nicht aus dem Krankenhaus gebracht werden, daher sorgte Professor Käfer für Zivilkleidung und ließ falsche Unterlagen ausstellen, um die sowjetischen Militärangehörigen zu retten.
Am 13. Oktober des Jahres wurde er per Befehl zum Chefarzt des 2. Stadtkrankenhauses ernannt (in diesem Krankenhaus befand sich die orthopädische Klinik) und wirkte als Leiter der Abteilung für Orthopädische Chirurgie bis zum April 1944, obwohl er im März 1942 einen schweren Schlaganfall erlitt, der mit einer rechtsseitigen Hemiparese endete.
Professor Nikolai Iwanowitsch Käfer. Vignette der Abschlussfeier der Ärzte der Universität Odessa. 1937–1943. Produziert vom Berliner Fotostudio 194314 Das Fotostudio „Berlin“ wurde während der rumänischen Besatzung in der ul. Rishelievskaya 48 eröffnet. Studiobesitzer und Fotograf – A. Merfort.
Wie wenig ihm doch diese Bemühungen nach der Befreiung Odessas am 10. April 1944 anerkannt wurden. Man ließ den betagten Professor und seine Ehefrau Helene verhafteten und überstellte beide in das örtliche Gefängnis. Unter den extremen Haftbedingungen waren seine Tage gezählt, so wurde er zum Sterben entlassen, sein Leben fand am 28. Dezember 1944 sein Ende. Er wurde auf dem 2. christlichen Friedhofs von Odessa, Abteilung 22, beigesetzt.
Als besonderen Akt der Grausamkeit musste seine Frau im Gefängnis bleiben und wurde erst nach seinem Tod am 3. Februar 1945 unter Auflagen freigelassen. Sie verstarb am 28. Oktober 1961 in Odessa.
Stumpp K.; Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004, p.982 ↩︎
„Krankenlisten“, zusammengestellt vom Taurien e. V. aus den Akten 266, 267 und 297 (Fonds 134, Opis (Inventar) 1, Staatsarchiv des Gebietes Dnjepropetrowsk ↩︎
Stumpp K.; Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004, p. 881 ↩︎
Minerva: Jahrbuch der gelehrten Welt, 28. Jahrgang BD II M-Z mit Nachtrag, Dr. R. Kukula, Dr. K. Tübner, redakt. Leitung Dr. Fritz Epstein, Hrsg. Dr. Gerhard Lüdtke. Berlin, Leipzig 1926, Walter De Gryter & Co ↩︎
Министерство культуры и туризма Украины Одесская государственная научная библиотека имени М.Горького Ученые Одессы Серия основана в 1957 году Выпуск 39 НИКОЛАЙ ИВАНОВИЧ КЕФЕР Биобиблиографический указатель Составители: К.К.Васильев, О.Г.Кушнир Одесса 2008
Vom Schwert zum Skalpell – Vorfahren der Familie Käfer und von Gottesheim /Littig (Präsentation im Taurien e.V. 20.10.2024 als PDF)
Verfallener Friedhof, am einsamen Ort, Nun geht der Pflug bald über dich fort. Noch hüllen mit traulichem Dämmerschein Die alten Linden dich friedlich ein. Verwitterte Steine nur ragen auf, Wo die Hügel versanken im Zeitenlauf. Und alles umwuchert Gras und Strauch, Und drüber weht des Vergessens Hauch. Ein einziges Grab ist an diesem Ort, Drauf blühen die Veilchen und Rosen noch fort. Wenn Lenzluft weht um dieses Grab, Wankt her ein Mütterlein am Stab. Sie trauert noch dem Einen nach, Der einst das junge Herz ihr brach.
Paul Barsch (1860 – 1931), schlesischer Mundartdichter
Kostiantyn Antonets beschäftigt sich schon länger mit der Entdeckung der Geschichte der ehemaligen deutschen Dörfer und stellte mir daher freundlicherweise seine Fotos zur Verfügung. Der Fund dieser alten Grabsteine erzählt uns die Geschichte des Missionars Wilhelm Heine (1833–1897), seines Sohnes Pastor Wilhelm Heine (1866–1938) und aller mit ihnen verbundenen Familien. Der Friedhof befindet sich auf dem ehemaligen Familienbesitz Federowka (Wesselyj Haj, Novomykolayivka, Zaporiz’ka, UKR).
Kostiantyn Antonets mit BegleiterinAndreas Müller 1858-1911Andreas Müller 1858-1911Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Therese Wilhelmine Barner verh. Heine 1842-1909Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Pastor Carl Wilhelm Heine 1833-1897Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Peterseen 1867-1905Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Peterseen 1867-1905Elisabeth Müller geb. Blank 1845-1907Michael Müller 1877-1899Olga Müller 1904-1911Fritz Müller 1907-1911
Missionar Wilhelm Heine
Foto aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Mitunter sind die Lebenswege eines Menschen ungewöhnlich, so auch im Falle des Carl Wilhelm Heine. Geboren am 12. Februar 1833 als Sohn des Schuhmachers Wilhelm Hein(e) (†1849) und seiner Frau Maria Schmidt (um 1805–1865) stammte er aus recht einfachen Verhältnissen. Seine väterlichen Vorfahren sollen aus Sachsen ausgewandert sein, vermutlich aus der Meißen, wie uns die Angabe im Sterbeeintrag des Schneiders Ludwig Hein(e) verrät, der als Pate wohl Bruder des Vaters war. Der Sterbeeintrag der Mutter Maria vermutete Bayern als ihre Herkunftsregion.
Geburt und Taufe im Kirchenbuch Molotschna 1833
Unter dem Einfluss des Pfarrers Eduard Wüst (1818–1859), der als Prediger der pietistischen Brüdergemeinde in Berdjansk wirkte, fühlte auch Wilhelm Heine eine religiöse Erweckung.
Pfarrer Eduard Wüst10
Wüst und seine Anhänger, darunter auch viele Mennoniten, verfolgten das Ziel, die Disziplin in den Kirchengemeinden und ihre eigene Frömmigkeit zu stärken, Wüst bekämpfte zudem sehr aktiv den weit verbreiteten Alkoholismus und Hexenglauben unter seinen Gemeindemitgliedern. Als Prediger der Ideen der pietistischen Erweckungsbewegung nahm er Kontakt zum Begründer der Bewegung der Jerusalemsfreunde, Christoph Hoffmann, auf.
Die strenge Bibelauslegung der Pietisten hatte allerdings zur Folge, dass aus der pietistischen Brüdergemeinde heraus durch unterschiedliche Auffassungen nicht nur die neue Separatistengemeinde, sondern auch die Hüpfer- und Springersekte („die Munteren“) entstand. 1857 musste Wüst sich auf Betreiben des Evangelisch‑Lutherischen Generalkonsistoriums verpflichten, nicht mehr außerhalb seiner Gemeinde zu predigen und keine geistlichen Handlungen an Lutheranern zu vollziehen.
Zu den Gleichgesinnten, bei denen die Gemeindeversammlungen unter Wüst stattfanden, gehörten die Familien Schaad, Heinrich, Blank, Brühler, Dillmann, Schwarz und viele andere, mit denen sich Heine auch in späteren Jahren noch stark verbunden fühlte.
Der Missionsgedanke war ein fester Bestandteil der pietistischen Gesellschaft, Pfarrer Wüst bemerkte die Gelehrsamkeit und tiefe Religiosität Heines alsbald und überzeugte ihn, in die Ausbildung der Inneren Mission zu gehen.
In Vorbereitung einer Ausbildung, zunächst als Lehrer in Reval, beantragte er die Übertragung des väterlichen Hofes an Johann Sperlich, der bis dahin ohne eigenen Hof war. Dieser war ein sehr zuverlässiger Landwirt, die Auszahlung des Verkaufspreises war zudem eine Absicherung des Unterhalts seiner Mutter und seiner Schwestern, die sich nun nicht mehr von der Landwirtschaft ernähren konnten, da sein Vater bereits wenige Jahre zuvor verstorben war.
Ausschnitt der Akte 5532/6034 No. 4853 vom 29.09.1854 an das Fürsorgekomitee zur Wirtschaftsübergabe von Wilhelm Heine an Johann Sperlich; Fotokopie Taurien e. V .
Bald darauf führte ihn sein Weg, gemeinsam mit Jakob Knauer (Neuhoffnungstal), Hermann Sudermann (Berdjansk), Heinrich Bartel (Gnadenfeld) und Johann Klassen (Liebenau) nach Reval zur Bauer’schen Rettungsanstalt. In diese wurden arme Kinder und Jugendliche aufgenommen, um sie vor der Verwahrlosung zu bewahren.
Die Reise erfolgte mit einem Dreispänner 1854 über Liebenau (20. September), Orechow, Charkow (28. September), Kursk, Fatesch (4. Oktober), Moskau (12. Oktober). Von dort nach einwöchigem Aufenthalt mit dem Zug am 19. Oktober nach Sankt Petersburg, diese Fahrt dauerte 48 Stunden. Am 6. November, sieben Wochen nach ihrer Abreise, trafen sie in Reval ein, um ein Jahr zu bleiben.
Unter dem Eindruck der Predigten und Berichte des Missionars Carl Hugo Hahn (1818–1895), welcher über viele Jahre in Afrika tätig war, entwickelte sich bei Heine und Knauer das Bedürfnis, ebenfalls in die Äußere Mission der Rheinische Missionsgesellschaft (RMG) zu wechseln. Dazu war eine drei- bis vierjährige Ausbildung in Barmen notwendig.
Am 2. Januar 1856 war es so weit, mit neuen Pässen und einem Pferdeschlitten sollte die Reise von Reval über Pernau, Riga, Königsberg, durch die Niederung bei Marienburg, Berlin und Hamburg nach Barmen gehen. Mit einem Zwischenaufenthalt von 3 Tagen in Berlin, trafen sie am 15. Februar ein. Jakob Knauer wurde für seine Missionarstätigkeit in Afrika ausgebildet, Wilhelm Heine für Sumatra.
Während Heine an Pocken erkrankte Anfang 1858, war es für Jakob Knauer so weit, er reiste nach Afrika ab. Heines Abschied kam am 29. Oktober 1860. Seine Ordination galt nur für das Missionieren, er unterlag der absoluten Gehorsamsverpflichtung gegenüber der Rheinischen Missionsgesellschaft, musste in allen wichtigen Missionsfragen eine Erlaubnis einholen und durfte fünf Jahre nicht heiraten.
Am 12. November 1860 machte er sich auf den Weg zur Einschiffung in Holland. Die Seereise sollte 3 Monate dauern und um das Kap der Guten Hoffnung nach Sumatra führen. Nach schlimmen Stürmen, die das Schiff fast sinken ließen, erreichten sie Batavia auf der Insel Java, reisten weiter nach Padang/Sumatra. Nach neun Wochen Aufenthalt ging es am 7. August 1861 nach Siboga, wo er am 17. August ankam. Am 20. August reiste er weiter, Djagodjago, Batangtoru (23. August), Paggerutan, dann Sipirok. Es ging zu Fuß und auf dem Pferderücken durch Kampferbaumwälder, Flüsse ohne Brücken, über Berghänge, durch Kaffeeplantagen. Am 20. Oktober erreichte Heine den Ort seiner Mission, Sigompulan. Hier musste alles erst geschaffen werden, am 1. Januar 1862 war Einzug und Einweihung der neuen Missionsstation.
Bild aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Die Missionarstätigkeit, die nun vor Wilhelm Heine lag, ist heute unter dem Begriff Batak-Mission bekannt und war im christlichen Sinne sehr erfolgreich.
Grund für diese Mission war der antikolonialen Aufstand in Borneo 1859, bei dem neun Missionsangehörige ums Leben kamen, die niederländischen Kolonialregierung daher die Missionsarbeit in dem Gebiet untersagte. So wandte man sich dem Inneren von Sumatra zu, hier lebte das indigene Volk der Batak, welches aus mehreren Volksgruppen bestand, welche auch eigene Stammessprachen besaßen. Die Batak waren keineswegs unzivilisiert im heutigen Sinne, sondern besaßen eine hochkomplexe Zivilgesellschaft, die sich von den Küstenbewohnern abschottete.
Karte aus „Mission, Kolonialismus und Missionierte; Über die deutsche Batakmission in Sumatra“ 2
Schon Marco Polo brachte 1292 Gerüchten über menschenfressende Bergvölker, die er „Batta“ nannte, mit nach Europa, weshalb bis etwa 1824 kaum Kontakt mit Europäern bestand, da diese die Bergvölker mieden. Heine befragte dazu einen Radja, der ihm erklärte, Verbrechen wie Ehebruch, Landesverrat usw., wurden mit Gefressenwerden bestraft. Auch Kriegsgefangene und Spione wurden verzehrt, an diesen Bestrafungsmahlzeiten nahmen nur Männer teil.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die islamischen padri-Krieger aus Westsumatra Silindung mit Krieg überzogen und waren sogar bis an den Tobasee vorgedrungen, wo sie den Priesterkönig Singamangaraja X. töteten. Seit den 1840ern war die niederländische Regierung in kriegerischen Auseinandersetzungen mit den padri verwickelt, einer militanten, über Mekkapilger wahhabitisch beeinflussten islamischen Bewegung aus Westsumatra. So sollte das Gebiet der Batak zur Befriedung und Stabilität in der Region beitragen, die Christianisierung Verbündete schaffen.
Die Missionare brachten nicht nur die Bibel und öffentliches Bildungswesen mit, sie hatten die Sprache der Einheimischen erlernt und beachteten ihre Traditionen, sodass die Batak ihre kulturellen Eigenheiten bewahren und mit christlicher Tradition verbinden konnten. Die so entstandene Huria Kristen Batak Protestan ist heute die größte evangelische Kirche Indonesiens.
Zunächst galt es, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was nicht so einfach war, da man Heine unterstellte, ein Spion der holländischen Regierung zu sein, der die Battas dazu bringen solle, für das Gouvernement Kaffee anzubauen und Wege anzulegen. Dann hieß es, er würde die Kinder behexen, mit seinem Fernrohr die edlen Metalle im Innern der Erde erspähen, in seiner Uhr einen Geist bei sich führen u.a.m.
Weil die RMG die Idee hatte, auch Fotografien anzufertigen zu lassen, waren die Missionare mit Apparaten und Fotochemikalien ausgestattet. Nachdem Heine ein Landschaftsfoto entwickelte, hieß es: „Seht, der fremde Mann bringt mit Hilfe der Geister, die in dem Kasten stecken, unser Land aufs Papier und trägt’s davon.“ Kein Einheimischer war daher bereit, sich fotografieren zu lassen. Als kurz darauf das tropischen Klima die mitgebrachten Chemikalien zersetze und für eine gewaltige Explosion derselbigen sorgte, riefen die Battas: „Haben wir’s nicht gesagt, dass der Mann ein großer Zauberer ist und viele Geister ihm zu Diensten stehen? Seht ihr, jetzt sind alle Teufel los.“8
Nachdem die 1864 für eine Reise nach Indien vorgesehene Lehrerin Therese Wilhelmine Barner (1842–1909)6, jüngsten Tochter des Hausvaters und Schulmeisters der Rettungsanstalt in Korntal/Württemberg, Andreas Barner (1773–1859) und seiner Ehefrau Maria Regina geborene Metzger (1806–1848), nach Sigompulan entsendet wurde11, fand sich auch für Wilhelm Heine eine Gefährtin.
Eintrag der Therese Wilhelmine Barner im Familienregister Blatt 7 Korntal17
Im Dezember 1865 reiste Heine der ihm aus Europa gesandten Braut nach Padang entgegen. Die Ehe wurde im Februar 1866 geschlossen unter den Gewehrschüssen der Volksmenge , er mußte dann einen Stier schlachten und mit den Vornehmen verzehren. Hatten bisher nur Männer die Station besucht, so bestürmten nun die Frauen und Mädchen das Haus um die njonnja (europäischen Frau) zu sehen und ein kleines Geschenk zu erhalten.
Die eigentliche Aufgabe der Missionarsfrauen bestand vorrangig darin, den einheimischen Frauen und Mädchen das Nähen und Singen christlicher Lieder beizubringen. Sie kümmerten sich um die Haushaltsführung und ihre Kinder. Sobald diese schulpflichtig wurden, mussten sie nach Deutschland in die Obhut der Rheinischen Missionsgesellschaft zur Ausbildung gegeben werden.
Heines Ehefrau fand sich ziemlich schnell zurecht. Sie wurde eine wichtige Person in Sigompulan. Befreundete Battas brachten Hühner und Reis zum Gruß, und aus verschiedenen Dörfern kamen Einladungen zu einer Mahlzeit, denen Heine sich nicht entziehen konnte und wollte, weil er darin eine Gelegenheit sah, den Leuten näher zu kommen. Besonders feierlich wurden die Neuvermählten im Dorfe Lumbandolok empfangen. Selbst der datu (Gelehrte des Dorfes) ehrte das Paar mit Reis, Siri, inländischem Brot und Segensgebeten.14
Es gab zwar zahllose Rückschläge, da den ersten getauften Einheimischen der traditionelle Familienrückhalt entzogen wurde und diesen eigene Dörfer und Felder für die Lebensgrundlage geschaffen werden mussten, damit sie von der Familie unabhängig leben konnten, aber die Schar der christlichen Gemeinde wuchs beständig.
Als es 1866 über mehrere Monate eine Pockenepidemie in Silindung gab, sich einer der Einheimischen infizierte und die Erkrankung nach Sigompulan brachte, zeigte sich der Vorteil, entweder gegen diese geimpft oder die Pockenerkrankung überstanden zu haben, um den isolierten Erkrankten betreuen zu können. Leider wurde Heine zu seinem Totengräber, als dieser letztlich starb.
Am 25. November 1866 kam Sohn Wilhelm Heine, zur Welt, er sollte später ebenfalls Pastor werden. Insgesamt wurden 4 Kinder in der Missionsstation geboren, Therese (*1868), die später den Gutsbesitzer Andreas Müller (1858-1911) ehelichte, Hugo (1870–1899), Chemieingenieur, nach kurzer Ehe heiratete seine Witwe Pauline Müller (*1873) im Jahre 1913 seinen Bruder Wilhelm, und Friedrich (*1872), der ebenfalls jung, ledig, in Russland verstarb.
Geburt und Taufe von Wilhelm und Therese Heine 1877 im KB NeustuttgartGeburt und Taufe von Hugo und FriedrichHeine 1877 im KB Neustuttgart
Im März 1868 erlaubte der Radja Wilhelm Heine und einigen Begleitern, den bis dahin mit einem Tabu für Nichteinheimische belegten Tobasee zu besuchen. Dieser Besuch war hochgefährlich, weil die hier lebenden Bergstämme vermuteten, es handle sich um padri und wollten sich an den Eindringlingen rächen für die 1831–1832 ermordeten Bewohner ihrer Dörfer. Als sich herausstellte, dass es sich um Missionare handelte, welche große Unterstützung unter den Einheimischen fanden, wendete sich das Blatt nach Verhandlungen zum Guten.
Tobasee, größter Kratersee der Erde, 87 km lang und 27 km breit3
Im Jahre 1868 ging über Pfarrer Jakob Heinrich Staudt (1808–1884) aus Korntal das Gesuch des Missionars Heine und seiner Ehefrau im O.A. Kirchheim ein, Therese Wilhelmine aus dem Württembergischen Untertanenverhältnis zu entlassen unter Verzicht des Bürgerrechtes, da er von dem Angebot, das dortige Bürgerrecht zu erhalten, keinen Gebrauch machen wolle. Er war bereits russischer Untertan und wollte das auch bleiben. Das Amt bestätigte daher ihren Bürgerrechtsverzicht am 9. Juni 1868 und entließ Therese Wilhelmine als ausgewandert nach Russland.
1873 nahm die Familie Heine ihren Abschied und schiffte sich ein, die Reise ging durch den am 17. November 1869 eröffneten Suezkanal, über den Indischen Ozean, das Rote Meer und durch den Kanal ins Mittelmeer nach Jaffa. Von dort aus landeinwärts nach Jerusalem. Es folgten Besuche von Bethanien, Bethlehem, dem Jordan und des Toten Meeres, alles Orte, die in der christlichen Welt von hoher Bedeutung sind. Nach einem Monat Aufenthalt bestieg die Familie erneut ein Schiff und reiste über Konstantinopel nach Südrußland.
In Folge des für die Kinder ungewohnten Klimas und des extrem strengen Winters 1873/1874 in Russland bekamen sie alle eine Lungenkrankheit, welche Tochter Therese nur mithilfe eines Luftkurortes in Deutschland überwand, ihre beiden Brüder starben daran jung.
Im Mai 1874 trafen alle in Korntal/Württemberg ein, hier war Heine für die Mission unterwegs, ehe er im Herbst 1874 gänzlich nach Russland zurück kehrte und im Chutor Andrejewsk überwinterte, weil seine Frau hochschwanger war, Tochter Maria wurde am 3. Dezember geboren.
Marias Geburt und Taufe im KB Neustuttgart 1877
Im Frühjahr 1875 nahm er seine Tätigkeit als Pastor des Kirchspiels Neustuttgart-Berdjansk7 auf und bezog das Pfarrhaus in Neustuttgart.
Bild aus: Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
Hier traf er auf eine recht zersplitterte Gemeinschaft, die sich unter Pastor Wüst trennte und über die Jahre getrennt blieb. Die Bewohner des Kirchspiels lebten in Neustuttgart, Neuhoffnungstal und Rosenfeld und gehörten entweder der lutherischen Kirche oder der schwäbischen Brüdergemeinde (Separatisten) an. Die Neustuttgarter waren im Verhältnis 1:1 geteilt, in Neuhoffnungstal und Rosenfeld waren es überwiegend Mitglieder der Brüdergemeinde, Berdjansk dagegen hatte keine Anhänger der Brüdergemeinde.
In Neustuttgart entstanden aus dieser Glaubensverschiedenheit zwei Bethäuser, Pastor Zeller, der 1867 das Kirchspiel übernahm, gelang es nicht, eine Einigung der zerstittenen Parteien zu erzielen, weshalb er sich letztlich von seinem Amt entbinden ließ. In Neuhoffnungstal und Rosenfeld besuchten man zu diesem Zeitpunkt abwechselnd den Gottesdienst der Glaubensgemeinschaften im selben Bethaus gegenseitig.
Diese Kluft zu überbrücken, gelang Heine auf Grund seiner großen Erfahrungen aus Sumatra, er entschärfte die Glaubenszwistigkeiten, näherte die verstrittenen Kirchengemeinden einander an, um im Januar 1876 eine öffentliche Einigung der Separierten und Lutheraner zu erzielen.
Die Bedingungen sind folgende: „Vereinigungspackt der freien evangelischen Gemeinde und der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Neustuttgart. Die freie evangelische Gemeinde in Neustuttgart hat nach eingehender Beratung in ihrer Mitte den Beschluß gefaßt, mit Beginn des Jahres 1876 sich mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Neustuttgart auf die unten genannten Bedingungen hin zu vereinigen. Es kann dies Ereignis nur mit Freuden begrüßt werden – denn so nur kann für Zucht und Ordnung in der Gemeinde, für die Erziehung der Jugend, für Kirche und Schule zum Segen des Ganzen gewirkt werden. Welches von den beiden am Ort befindlichen Bethäusern zur Kirche erweitert und welches zur Schule eingerichtet werden wird, das bleibt einer späteren Beratung Vorbehalten.
Die kirchliche Gemeinde kommt den Gliedern der freien Gemeinde entgegen, ihnen die Mitbenutzung ihres Bethauses bereitwillig zu gestatten.
Das heilige Abendmahl soll gemeinschaftlich gefeiert werden.
Bei Taufen und Trauungen bedient der Pastor die Glieder der freien Gemeinde nach der alten württembergischen Agende.
Die Konfirmation soll bei den Kindern der freien Gemeinde im 14. Jahr stattfinden dürfen.
Der Pastor übernimmt die Führung der Kirchenbücher der freien Gemeinde.
Im Fall eines Sterbefalles bei Abwesenheit des Pastors soll dem Kirchenvorsteher der freien Gemeinde gestattet sein dem Sterbenskranken das heilige Abendmahl reichen zu dürfen – freilich nur im dringendsten Fall.
Die Vereinigung soll für die ganze Zeit, die Pastor Heine in Neustuttgart im Amte steht, als bleibend und unlöslich betrachtet werden: im Fall eines Pfarrwechsels soll jedoch unter Umstanden der freien Gemeinde die Freiheit gewahrt bleiben, sich wieder loszulösen – was Gott verhüten wird.
Die freie Gemeinde tritt beim Zahlen des Pfarrgehalts und bei der Übernahme anderer Verpflichtungen mit der kirchlichen Gemeinde von: 1. Januar 1876 ab in gleiche Reihe.
Die Kirchenvorsteher der freien Gemeinde und die Kirchenvormünder der kirchlichen Gemeinde treten unter Vorsitz des Pastors und unter Hinzuziehung des Schulzenamts zusammen, um die Ordnung in der Gemeinde, der Kirche und Schule aufrecht zu halten.
Der dreieinige Gott gebe seinen Segen zu dieser Vereinigung, ihm zur Ehre, zum Wohl der Gemeinde!
Zur Bekräftigung und zu gegenseitiger Beobachtung dieses Bereiniguugsvertrages unterzeichnen heute: Neustuttgart, den 12. Januar 1876. seitens der freien Gemeinde: seitens der Kirchengemeinde: Andreas Bihlmeier Adam Erlenbusch Jakob Klotz Immanuel Bauer.“
Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909, p. 157f
Wie wohlwollend die Kirche das Wirken von Pastor Heine aufnahm, zeigte sich im folgenden Schreiben:
Schreiben des St. Petersburger Konsistoriums an Propst Behning vom 27. Februar 1876, wo diese Behörde sich folgendermaßen über die Bereinigung der Separierten und Kirchlichen äußert. „…….. Ein anderes aber ist es, wenn man den in Rede stehenden Antrag aus Neustuttgart in dem Sinne auffaßt, daß die freie evangelische Gemeinde daselbst gar nicht gesonnen ist zu der evang.-lutherischen Kirche in Rußland über- und in unsern Konsistorialbezirk einzutreten, sondern daß sie nur das Zugeständnis begehre, sich unter Beibehaltung ihrer bisherigen bürgerlichen wie kirchlichen Stellung und ihres bisherigen inneren Glaubensstandes der Person und des Amtes des Herrn Pastor Heine bedienen zu dürfen, so daß also die ganze Vereinigung mit der evang.-luth. Gemeinde in Neustuttgart nichts als ein Akt persönlichen Vertrauens zu Herrn Pastor Heine wäre. Ja dies scheint auch in der Tat die Meinung und der Wille der Petenten zu sein, die ja die „Bedingungen der Vereinigung“ klar und deutlich in Punkt 7 aussprechen, daß die Bereinigung „nur für die Zeit, da Pastor Heine in Neustuttgart im Amte steht, als bleibend und unumstößlich betrachtet wird, im Fall eines Pfarrwechsels jedoch – der freien Gemeinde die Freiheit gewahrt werden soll, sich wieder loszulösen.“ In diesen! Sinn den Antrag verstanden trägt das Konsistorium kein Bedenken, die vorgestellten Bedingungen zur Vereinigung der Gemeinde in Neustuttgart zu genehmigen und dem Herrn Pastor Heine die Autorisation zu erteilen, auch an den Gliedern der freien Gemeinde seines Amtes, aber in soweit, zu warten, als er bei aller Treue in Ausübung seines geistlichenHirtenamts mit seinem Gewissen wird verantworten können. Das Konsistorium erteilt diese Genehmigung um so lieber, als es sich aufrichtig der Annäherung zwischen beiden Gemeindeteilen in Neustuttgart freut, welche durch den Beschluß ihrer Vereinigung bezeugt ist, und in derselben eine starke Bürgschaft künftigen dauernden Friedens und gottgefälliger Einigkeit sieht. Von den Gliedern der sogenannten freien Gemeinde aber erwartet das Konsistorium, daß sie ihrem nunmehr selbsterbetenen Seelsorger fortwährend alle Liebe und Ehrfurcht beweisen, und allem, was er in geistlichen Dingen zu ihrem eigenen Heil vorschreiben oder anordnen wird, pünktlich Gehorsam leisten werden. Nur so wird sich die Gemeinde des göttlichen Segens trösten dürfen, den wir von dieser Vereinigung hoffen.
Präsident: Frommann. Sekretär: Fabricius.“
Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909, p. 158f
Diese Einigung wurde bei einigen Mitgliedern der Brüdergemeinde jedoch alles andere als positiv aufgenommen. So unterstellte man ihm, nur auf Betreiben Zellers die Stelle bekommen ,und die Separatisten in eine Falle gelockt zu haben mit seinem Einigungsvertrag, aus der sie nun nicht mehr entkommen könnten, zumal es einigen egal wäre, ob im Gottesdienst ein Bruder oder Pastor auf der Kanzel steht.4
So schreibt Kröker:
Als Jüngling kam er von seinem Heimatdorfe Prischib an der Molotschna oft nach Neuhoffnung, wurde hier bekehrt, und weil er Lust und Begabung zur Missionsarbeit zeigte, schickte Wüst ihn nach Barmen ins Missionshaus, wo er auf Kosten der Separatisten ausgebildet wurde. Nach seiner Rückkehr wurde er als Bruder und Gesinnungsgenosse mit offenen Armen aufgenommen. Gleichzeitig wurde ihm die vakante Predigerstelle der Separatisten, wie auch vom Konsistorium das Pastorat in Neustuttgart angetragen. Er entschied sich für letzteres. Das Vertrauen der Separatisten hat er schnöde mißbraucht, und für die genossene Liebe und Wohltaten hat er sich sehr undankbar erwiesen. Durch Anwendung von Mitteln, die eines gläubigen Christen unwürdig sind, ist es ihm gelungen, den größten Teil der vier Dörfer, halb gegen ihren Willen, zur lutherischen Kirche und unter das Konsistoriums zu bringen
Kröker, Abraham: Pfarrer Eduard Wüst, der grosse Erweckungsprediger in den deutschen Kolonien Südrusslands, Spat bei Simferopol, Selbstverlag, H.G. Wallmann Leipzig, Central Publ. C,. Hillsboro Kansas, 1903, p. 107
Heine sah sich als Bindeglied und Vermittler zwischen den Lutheranern und Mennoniten, zumal er mit dem Mennoniten Ältesten Dirks von Gnadenfeld, ebenfalls ehemaliger Missionar in Sumatra, eng befreundet war.
Für das Schulwesen war seine einstige Tätigkeit ebenfalls von Vorteil, da er dafür sorgte, das in Neustuttgart das separierte Bethaus zum Schulhaus wurde, Neuhoffnungstal ein neues, zweistöckiges Schulgebäude errichtete, diese und die Lehrerwohnungen nun beheizbar waren. Es wurden Lehrer angestellt und besoldet, Schulbücher angeschafft.
Mit dem Ende seine Tätigkeit als Pfarrer im Frühjahr 1894 gab Heine öffentlich bekannt, wie im Vertrag geregelt, daß jeder Separierte, der sich der Kirche angeschlossen hatte, sich nun zu entscheiden habe, ob er bei der Kirche bleiben oder wieder zum Separatismus zurücktreten wolle.
Er zog dann mit seiner Frau zur Tochter Therese nach Michailowsk, um noch einmal im Auftrag der Mission zu reisen. Am 5. Juli 1895 traf er in New York/USA ein. Am 15. Juli reiste er nach Buffalo und zu den Niagarafällen, dann Erie (19. Juli), Brooklyn/Ohio (23. Juli), Sandwich (29. Juli), Amboy/Minnesota (13. August), Mountain Lake – hier lebten ehemalige Berdjansker, weiter nach Canada – Gretna/Manitoba (27. August). Es folgten Junkton/Dakota (9. September), Sutton/Nebraska (24. September), Scotland (29. September). In Scotland besuchte er die Witwe von Pastor Karl Bonekemper (1827-1903). In Menno traf er auf den 1887 ausgewanderten Gebietsschreiber Münch aus Zürichtal und besuchte auf dem Weg nach Sutton (1. Oktober) weitere Auswanderer. Traf in Ferberg auf Mennoniten der Molotschna und kam in Denver/Colorado an (14. Oktober). Besuchte den Pikes Peak, Colorado Springs, Newton und St. Louis/Illinois. Hier traf er seinen alten Freund Hermann Sudermann wieder, mit dem er in Reval war. Weiter ging es nach Chicago (18. November), Sandwich (27. Oktober) und 8 Monate nach Beginn dieser Reise traf er am 31. Dezember 1895 zu Hause ein. Pünktlich zum Jahreswechsel.
Das viele Reise begünstigte sein Steinleiden, am 25. Januar 1897 starb Missionar Wilhelm Heine an den Folgen einer Steinoperation in Michailowsk, seine Frau folgte ihm am 13. November 1909.
Mennonitische Rundschau9
Orte, die Wilhelm Heine in seinem Leben bereiste15
Sohn Wilhelm, als erstes Kind in Sigompulan 1866 geboren, trat in die Fußstapfen seines Vaters und nahm am 17. August 1884 ein Theologiestudium in Dorpat auf.5
Am 1. Mai 1891 in Tiflis/Kaukasus ordoniert, wurde er von 1892-1893 Pastor-Adjunkt in Batum-Kutais/Kaukasus, ab1893-1895 Adjunkt bei seinem Vater in Neu-Stuttgart, der im Frühjahr 1894 nach 19 Jahren im Amt in den Ruhestand ging.
1895 legte er das Gymnasiallehrerexamen ab und nahm eine Hauslehrerstelle in Sankt Petersburg an. Von dort kehrte er als Konsistorialvikar für die Kreise Bachmut und Slawjanoserbsk, Gouv. Jekaterinoslaw (1898–1899) zurück, wurde dann Pastor in Schidlowo (1899-1907) und scheidet aus dem geistlichen Amt aus.
Erneut im Dienst in Schidlowo (1914–1928), anschließend Pastor in Katharinenfeld/Kaukasus (1928–1930). In Katharinenfeld wurde er am 14. August 1931 wegen der angeblichen Bildung eines „antisowjetischen Agitationsnetzes16 verhaftet und bis 1934 nach Tymsk am Ob, Gebiet Tomsk (Westsibirien) verbannt.
Nach der Rückkehr lebte er in Feodosia/Krim und wurde am 4. Juli 1937 wurde er erneut verhaftet.12 Nach kurzem Aufenthalt im Simferopoler im Gefängnis wurde er nach Verurteilung zur Hinrichtung am 2. Januar 1938 erschossen. Offiziell wurde Wilhelm Heine am 9. Oktober 1989 rehabilitiert.13
Die Familienmitglieder, die auf dem kleinen Friedhof ruhen:
Andreas Müller, geboren am 17. Juli 1858 als Sohn des Kaufmannes und Gutsbesitzers Friedrich Michael Müller (1837-1860) und der Dorothea Heine (1835-1860). Dorothea Heine war eine Schwester des Missionars Wilhelm Heine.
Geburt und Taufe KB Hochstädt 1858Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Verstorben ist Andreas Müller am 28. August 1911 in Charkow, beigesetzt am 31 August.
Johanne Elisabeth Blank wurde am 8. Juli 1845 in Molotschna als Tochter des Schullehrers Friedrich Blank (1820-1878) und seiner Ehefrau Margaretha Brühler (1824-1850) geboren.
Geburt und Taufe KB Molotschna 1845
Ihr Ehemann, der Gutsbesitzer Friedrich Müller (*1841), war der Neffe des Andreas Müller (1858-1911). Hier treffen wir auf die Verbindung zu Ludwig Hein(e) (1789-1854). Dessen Tochter Maria Magdalena Heine (1844-1929) war verheiratet mit dem Cousin von Johanne – Lehrer Friedrich Blank (1841-1889)
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1907
Verstorben ist sie am 16. Mai 1907 auf dem Gut Federowka und wurde am 19. Mai beigesetzt.
Michael Müller, beider Sohn, geboren am 29. November 1877 auf dem Gut Federowka
Geburt und Taufe KB Molotschna 1878Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1899
Er starb am 30. April 1899 auf dem Gut Federowka an einer Entzündung des Abdomens und wurde dort am 2. Mai des Jahres beigesetzt.
Olga Müller war die Tochter von Friedrich Müller (*1870), ebenfalls ein Sohn des Gutsbesitzers Friedrich Müller (*1841), Olgas Mutter war Bertha Mathilde Ottilie Petersenn (*1874). Olga wurde auf dem Gut Federowka am 23. November 1904 geboren.
Geburt und Taufe KB Friedenfeld 1905Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Ihr kurzes Leben endete durch Scharlach und Diphterie auf dem Gut am 12. November 1911, beigesetzt am 14. November.
Friedrich Müller, genannt Fritz, ihr Bruder, wurde am 28. Juli 1907 auf dem Gut geboren.
Geburt und Taufe KB Friedenfeld 1907Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Auch sein Leben wurde von der Erkrankung dahin gerafft, er starb am 24. November und wurde am 26. November beigesetzt.
Vielleicht gehören die Bruchstücken auf dem Friedhof zu den Resten des Grabsteines der Schwester Margarethe Müller, sie starb bereits am 19. November im Alter von 10 Jahren ebenfalls an der Kinderkrankheit und wurde am 21 November beigesetzt. So entstanden innerhalb einer Woche drei Kidnergräber der selben Familie.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1911
Dr. med. Alexander Friedrich Gustav Petersenn, Arzt, war der Bruder der Bertha Mathilde Ottilie Petersenn (*1874) und verehelicht seit dem 12.11.1896 mit Johanne Heine (*1878), Tochter des Missionars Wilhelm Heine (1833-1897)
Geboren und getauft wurde er in Riga19, sein Vater Karl Johann Georg (1832-1892) war ebenfalls Arzt, seine Mutter Karoline Wilhelmine geborene von Erbe (1846-1907) ist ebenfalls auf dem Gut Federowka versotben und beigestezt worden.
Dr. med. Petersen verstarb am 5. Januar 1905 auf dem Gut an einer Auszehrung, beigesetzt wurde er am 8. Januar.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1905
Der Stein seiner Mutter ist nicht aufgefunden worden. Jedoch belegt ihr Sterbeintrag vom 21. Januar 1907 die Beisetzung am 24. Januar daselbst.
Sterbeeintrag KB Friedenfeld 1907
1Missionar Wilhelm Heine: ein Lebensbild aus Briefen und Berichten zusammengestellt von seinem Sohn; Wilhelm Heine, Druckerei Schaad, Prischib 1909
2Hans Angerler: Mission, Kolonialismus und Missionierte; Über die deutsche Batakmission in Sumatra in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 2/93, 23. Jahrgang Nr. 2, April bis Juni 1993, p53-61
4Prinz, Jakob; Die Kolonien der Brüdergemeinde: ein Beitrag zur Geschichte der deutschen KolonienSüdrusslands. Prinz, Pjatigorsk, 1898, p.163f
5National Archives of Estonia Heine Wilhelm; EAA.402.2.9133; 17.08.1884
6Dorothee Rempfer: Biografisches Verzeichnis von Missionaren, Missionarsfrauen, Missionsschwestern und lokalen Mitarbeiter*innen der RheinischenMissionsgesellschaft (RMG ) in der Herero- und Batakmission. Stand Juli 2021 p.5
7Mittheilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland begründet von Bischof Dr. E. E. Ulmann, gegenwärtig redigiert von J-Th. Helmsing, Oberlehrer in Riga, unter Mitwirkung der Pastoren: E. Kaehlbradnt in Neu-Pebalg, R. Räder in Goldingen, A.H. Haller in Reval u. A. 32. Band Neue Folge. Neunter Band. Jahrgang 1876. Riga 1876. Verlag von Brutzer & Comp., p.281
8Allgemeine Missions-Zeitschrift. Monatshefte für geschichtliche und theorethische Missionskunde. In Verbindung mit einer Reihe Fachmänner unter specieller Mitwirkung von D. Th. Christlieb, Professor d. Theologie zu Bonn und Dr. R. Gundemann, Pastor zu Mörz. herausgegeben von Dr. G. Warneck, Pfarrer in Rothenschirmbach bei Eisleben. Vierter Band. Gütersloh 1877. Druck und Verlag von C. Bertelsmann. p.12
9Mennonitische Rundschau. herausgegeben von der Mennonite Publishing Company, Elkhart, Ind. 21. Jahrgang 7, Februar 1900 No. 6, p.2
10Kröker, Abraham: Pfarrer Eduard Wüst, der grosse Erweckungsprediger in den deutschen Kolonien Südrusslands, Spat bei Simferopol, Selbstverlag, H.G. Wallmann Leipzig, Central Publ. C,. Hillsboro Kansas, 1903
11Dorothee Rempfer: Gender und christliche Mission; Interkulturelle Aushandlungsprozesse in Namibia und Indonesien. Global- und Kolonialgeschichte Band 11.Dissertation am Institut für Geschichte der FernUniversität Hagen. transcript Verlag, Bielefeld 2022. p.54
13Dr. Viktor Krieger: Verzeichnis der deutschen Siedler–Kolonisten, die an der Universität. Dorpat 1802-1918 studiert haben
14Evangelisches Missions-Magazin, Neue Folge. Herausgegeben im Auftrag der evangelischen Missionsgesellschaft von Dr. Hermann Gundert. Dreizehnter Jahrgang. 1869. Basel im Verlag des Missions-Comptoirs. In Commission bei J.F. Steinkopf in Stuttgart udn Bahnmaiser Verlag (E. Detloss) in Basel. Druck vomn E. Schulze. p.70ff
16Litsenberger, Olga, Evangelical Lutheran Church in the USSR in the 1930s (2007). Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1914-1941. Alfred Eisfeld, Victor Herdt, Boris Meissner (Hg.). Lit. Verlag Dr. W. Hopf. Berlin, 2007 p. 424
17Familienregister Blatt 7 der Gemeinde Korntal/Württemberg, Kopie freundlicher Weise überlassen von B. Arnold, Korntal
18Verzichtserklärung und Entlassung aus dem Württembergisschen Untertanenverband 9.6.1868, O.A. Kirchheim, Auswanderergesuche Bd. 69-71 1855-1890
19Kirchenbuch der St. Petris Kirche Riga 1867
5.5.2024 J. Rzadkowski
Powerpoint zum Vortrag im Taurien e.V. (Februar 2026) zum Leben Wilhelm Heines:
Sparwasser – aus Hessen über Schlesien nach Russland
Sparwasser – viele werden sagen: „Da klingelt doch was?“ Der bekannte Namensvertreter und Fußballer Jürgen Sparwasser ist jedoch nicht gemeint, sondern die Büdesheimer BrüderJohann Jacob1 (1.12.1745-24.3.1819) und Johannes1 (17.11.1752-19.5.1790) Sparwasser, welche dem Aufruf des Werbers Johann Hartmann Schuch, Verwaltungsbeauftragter der neuen Kolonien in Schlesien, folgten.
Schuch war ursprünglich selbst Kolonist, als Richter für eine neue Kolonie im Kreise Brieg vorgesehen, machte er eine Eingabe mit dem Verweis auf seine besondere Eignung als Werber an den Grafen Karl Georg von Hoym im September 1771, in der er erklärte, über 800 Familien geworben zu haben. Hoym, davon überzeugt, wendete ihn im Spätherbst und Winter 1771 in die Ämtern Nidda und Schotten, die Grafschaft Solms-Laubach, ins Hanauische und auch ins burgfriedbergische Territorium.
Seine Abwerbung blieb dort nicht unbeachtet, der Amtmann des Karbener Amtes meldete im Dezember die unerwünschte Tätigkeit Schuch’s, worauf das Burgregiment Friedberg am 20. Dezember 1771 eine Untersagung aussprach. Am 9. Januar 1772 wies die Burg den Amtmann an, Schuch, „falls er sich nicht fügen und den Ort räumen wolle, in Arrest zu ziehen und nach Burg Friedberg gefänglich einzuführen.“
Am 27. Januar 1772 teilt die Burg dem Amtmann zu Büdesheim mit, man sei wegen Schuch mit dem königlich preußischen Minister von Hochstetten in Korrespondenz getreten und am 3. Februar 1772 war ein Gesinnungswechsel eingetreten, Schuch konnte werben und den als Kolonisten angeworbenen wurde der Abzug gestattet, sofern sie Zehnt-Pfennig, Auszugs- und Ledigungsgeld bezahlt hätten.6
Wenn man sich nun fragt, warum Schuch überhaupt so erfolgreich war, und warum der Amtmann so harsch reagierte, muss man in diese Zeit zurückblicken:
Einerseits waren die Lebensbedingungen der Landbevölkerung durch Leibeigenschaft geprägt, Leibeigene gehörten dem Grundherrn, sie bewirtschafteten seine Ländereien und waren zu Frondiensten verpflichtet, durften ohne seine Genehmigung weder wegziehen noch heiraten und unterlagen seiner Gerichtsbarkeit, im Gegensatz dazu waren Bürger einer Stadt freie Menschen. Während Frankreich diesen Zustand 1789 beendete, war man auf den deutschen Territorien in dieser Frage uneins, im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel seit 1433 aufgehoben, behielt man sie in Mecklenburg bis 1822 bei und erst 1832 wurden die Frondienste in Sachsen abgeschafft. Im Großherzogtum Hessen wurde die Aufhebung der Leibeigenschaft per Gesetz am 25. Mai 1811 verordnet und zum 13. Juli 1813 rechtskräftig. Es wurde eine Entschädigungsleistung der ehemaligen Leibeigenen an die vormaligen Leibherren vorgesehen, was im Grunde die Abhängigkeit mangels Kapital aufrechterhielt.
Der zweite, viel wichtigere Aspekt war jedoch der Bevölkerungsmangel und damit verbundene Arbeitskräftemangel, der die Herrschaft aufhorchen ließ. Diese geht auf die erheblichen Hungerjahre zurück, die in Europa eine Ursache in der kleinen Eiszeit nahmen und durch kriegerische Auseinandersetzungen verstärkt wurden.
Die Verringerung der Sonnenaktivität, auch Vulkanismus mit erheblichem Ausstoß in die Atmosphäre und veränderten Meeresströmungen bestimmten bis ins frühe 19. Jahrhundert das Klima in Europa. Die Temperaturen gingen seit etwa 1570 deutlich zurück, bis 1610 reihten sich Missernten, Orkane und harte Winter aneinander und bildeten den Nährboden für Missgunst, Neid, Auseinandersetzungen und letztlich Kriege.
1636-1637. Schreckliche Hungersnoth in Deutschland und zum Theil in der Schweiz als Folge des 30-jährigen Krieges, ganz besonders in Sachsen, Hessen und Elsaß. Die Menschen verthierten infolge der entseglichen Zustände derart, daß sie nicht blos Gras, Baumblätter, Eicheln, Wurzeln, Baumrinden, Erde, Thierfelle und krepirte Thiere verschlangen, sondern sogar menschliche Leichname verzehrten, indem sie das Fleisch auf dem Schindanger holten, Leichen vom Galgen herabstahlen, die Gräber nach Menschenfleisch durchwühlten und lebende Kinder schlachteten. Blutsverwandte mordeten und fraßen sich auf und nahmen sich dann, über die entsehliche Sättigung in Wahnsinn verfallend, selbst das Leben. Es bildeten sich Banden, die auf Menschenfleisch behufs Verzehrens förmlich Jagd machten; so wurde z. B. zu Worms eine Menschenfresserbande vertrieben. Die Chroniken berichten so gräßliche Details und haarsträubende Episoden, daß man sich mit Eckel davon abwendet.
Unglücks-Chronik oder die denkwürdigsten elementaren Verheerungen und Zerstörungen in Natur- und Kulturleben aller Zeiten. Wenger, J.:Verlag: Bern Verlag von Rudolf Jenni’s Buchhandlung (H. Köhler). (Ca. 1889)., 1889 p.49
Hongersnood in Duitsland, 1637, Caspar Luyken2
Unsere Sparwasser waren in Büdesheim lange ansässig, Daniel, hochadlige schützischer Jäger und Waldförster, aus Florstadt stammend, heiratete 1666 in Büdesheim, der Pfarrer schätze sein Alter auf 31 oder 32 Jahre, nach dem Sterbealter war er schon 34. Er war der Vater von Georg Wilhelm, Daniels Schwiegervater Henrich Volz stammt aus der Zeit um 1600, Enkel Georg Philipp, Vater unserer Auswanderer kam im Jahre 1717 zur Welt, sie erlebten die Zeiten, mit Sommern, so kurz, dass Korn und Früchte nicht mehr reiften.
Die Not war extrem, man kannte zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kartoffelanbau, nur Hackfrüchte, die ebenfalls kaum wuchsen, die Preise explodierten für das Wenige, was vorhanden war, Fleisch war rar, da auch das Vieh nicht mehr versorgt werden konnte, das Wild zurückging, Seuchenzüge waren die Folge, sie trafen sowohl die geschwächten Menschen, als auch das Vieh.
Es folgten weitere Jahre mit extremen Teuerungen, auch verursacht durch Ankauf von guten Ernten und Preiswucher, die ebenfalls Hungersnöte ausbrechen ließen.
In den Jahren 1770 und 1771 fielen zudem nicht nur die Kornernten schlecht aus, weshalb es erneut zu einer erheblichen Verteuerung kam (europäische Hungerkrise 1770–1773), Ursache waren extremen globale Klimaanomalien – während es in Zentralamerika, Indien und Teilen Afrikas zu schweren Dürren kam, versank Europa im Schlamm verheerender Regenfälle, die überwiegend die Sommermonate betrafen. Die Ernteausfälle breiteten sich über den Kontinent von Frankreich bis in die Ukraine und von Skandinavien bis in die Schweiz. In Folge des sich ausbreitenden Hungers und der Nässe, die alles faulen ließ, grassierten Ruhr, Typhus und die Pest, die zu einer drastischen Sterblichkeit führten, die Preise explodierten um 300 bis 1000 Prozent.
So findet sich in der Chronik der Stadt Ellrich4 folgender Bericht:
Man kennt Zahlen aus Kur-Sachsen, wo 150.000 Menschen 1772 am Hunger und seinen Folgen starben, in Böhmen etwa 180.000 und das ebenso in allen anderen Teilen des damals noch zersplitterten Deutschlands.3
So versteht sich die Erklärung der künftigen Kolonisten, die 1772 die Auswanderung nach Schlesien wünschen, von selbst, da sie ,,bei diesen theuren und nahrungslosen Zeiten sich das benöthigte Brod zu ihrem Lebensunterhalte nicht zu schaffen vermögten und daher gesonnen seien, nach Schlesien zu ziehen, in Hoffnung, es daselbsten besser zu treffen“
Der weitaus größere Teil wanderte bis Ungarn, da diese Region von den Wetterunbilden verschont geblieben war.
Johann Jacob war zum Zeitpunkt der Auswanderung verwitwet, vermutlich hatte seine Frau den Hunger nicht überstanden, daher wanderte er mit den Kindern Johann Georg (1768 – nach 1814) und Anna Elisabeth (1770-1804) in die neu zu gründende Kolonie Süssenrode aus. Sein Bruder Johannes und dessen Frau waren noch kinderlos. Zuvor zahlte Johann Jacob Sparwasser 5 Guldenb, 15 Albusb, Bruder Johannes 3 Gulden Ledigung (Loslösung aus Leibeigenschaft)1.
Geburtseintrag Johann Jacob Sparwasser 1745 im Büdesheimer Taufregister 1701-1756 (Archion)
Geburtseintrag Johannes Sparwasser 1752 im Büdesheimer Taufregister 1701-1756 (Archion)
Für unsere kleine Sparwassersippe war es verlockend, Schuch versprach in Schlesien geschenkt ein Haus und Grundbesitz von 40 rheinischen Morgena, es sollte freies Bau- und Brennholz geben, eine Steuerfreiheit der nächsten acht Jahre, danach lediglich eine Abgabe von sechs Albus je Morgen, das klang gut. Zudem zahlte die preußische Regierung 2 Thalerc pro Kopf Reisekosten.6 So machte man sich Anfang März 1772 mit den anderen Kolonisten auf den rund 740 km langen Weg in die neue Heimat, für Süssenrode sollten 14 andere Familien die neuen Nachbarn sein. Der Zeitpunkt war so gewählt, dass die Ankömmlinge bei Ankunft noch die Saat einbringen konnten.
Strecke Büdesheim – Süssenrode (Mlodnik) (google maps9)
Die Strapazen der Reise waren unsäglich, Nahrung knapp und teuer, zehrte daher das wenige Habe auf, viele der Kolonisten wurden krank, wie schlimm es stand, berichtete Schuch dem schlesischen Provinzialminister Graf von Hoym, in den elf neuen Kolonien waren im Mai 1772 insgesamt 266 Männer, 195 Frauen und 449 Kinder, davon 113 krank, 31 Personen verstorben.7
In Süssenrode fand Schuch bei seiner Kontrolle am 21. Mai 1772 insgesamt 15 Männer, 14 Frauen und 22 Kinder vor, 6 davon inzwischen Waisen, 10 Erkranke, zwei Männer und zwei Frauen gestorben. Doch lesen wir selbst:
Nummero 10. d. 21. May 1772. Sussenrothen. Diese Colonie stehet unter der aufsicht des Herrn Oberfürsters Büttner; soll bestehen auß 16 wohnungen; sind aufgeschlagen vom Zimmerman und sind in voller arbeit. Die Colonisten von dieser Colonie sind nach folgender Liste: No 1) Casper Jost, ein Bauer und Schumacher von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 33; Fr.: 40; To.: 20; So.: 8 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 2) Jacob Sparwaßer ; ein Bauer von Biedesheim, kaiserl. Burg Frieb. Hoheit. alt: 27; So.: 4; To.: 2 Jahr; 3 Köpf. R.: Evangelisch. No 3) Joh. Schäfer ; ein Bauer von Biedesheim Friebbergischer Hoheit. alt: 56; Fr.: 58; So.: 18; So.: 12 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 4) Joh. Jacob Sparwaßer ; ein Bauer von Biedesheim Friebbergischer Hoheit, alt: 25; Fr.: 30 Jahr; 2 Köpf. R.: Evangelisch. No 5) Joh. Cun ; ein Bauer von Biches, Biedingischer Hoheit, alt: 30; Fr.: 35; So.: 8; To.:10; To.: l Jahr; 5 Köpf. R.: Reverwirtd. No 6) Daniel Sefftel; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 25; Fr.: 24; So.: 2 Jahr; 3 Köpf. R.: Reverwirth. No 7) Stofel Lipp ; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 29; Fr.: 30; So.: 7; To.: 2 Jahr; 4 Köpf. R.: Reverwirth. No 8) Hein. Meister ; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 25; Fr.: 20 Jahr; 2 Köpf. R.: Reverwirth. No 9) Anderas Nickelaus; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 24; Fr.: 22 Jahr; 2 Köpf. R.: Reverwirth. No 10) Martin Holtzheimer; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 30; Fr.: 25 Jahr; 2 Köpf. R.: Reverwirth. No 11) Peter Mehrling ; ein Bauer von Ostheim aus der Grafschaft Hanau. alt: 25; Fr.: 22 Jahr; 2 Köpf; R.: Reverwirt. No 12) Casper Jost; ein Bauer von Ostheim aus ; der Grafschaft Hanau. alt: 30; Fr.: 40; So.: 8 Jahr; 3 Köpf. R.: Reverwirth. No 13) Joh. Lick ; ein Bauer von Ostheim auß der ; Grafschaft Hanau. alt: 25; Fr.: 22 Jahr; 2 Köpf. R.: (fehlt) No 14) Conrath Meßer ; ein Bauer von Biches, Biedingischer Hoheit. alt: 30; Fr.: 22 Jahr; So.: 4 Tage; Schwie.: 20 Jahr; 4 Köpf. R.: Reverwirth. No 15) Conrath Buhsch ; ein Bauer von Kroßen Karben Kayserl. Burg Frieb. Hoheit, alt: 46; Fr.: 45; So.: 20; To.: 12 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 16) Diese Nummero ist vagant;
Auf dieser Colonie befinden sich 15 Mann, 14 Frauen, 16 Kindern, die 6 weisen dazu gerechnet macht 22; Summa: 51 Seelen. Kranck: 10 Personen. Gestorben von dieser Colonie: 2 Mann, 2 Frauen; Summa: 4 Seelen. Auf dieser Colonie ist noch nichts von sommerfrüchten hinaußgesäet, weil diese Colonisten mehrst alle kranck gewesen sind; sie liegen noch alle in Butgewitz, weilen ihre Häuser noch nicht alle vom Zimmerman aufgeschlagen sind. Der Grund und Boden ist sehr gut; es stehet aber ein gar starcker wald drauf, daß es also hier zeit erfodern wird, biß er urbar gemacht wird, indem er naß liegt und ein starcker graben geschrodt werden muß. Diese Colonisten haben noch kein Vieh.
Monatsschrift für Sippenkunde und Sippenpflege, Heft 6 und 7, 1939, Berlin
Ortsplan Süssenrode6
Was den Kolonisten nicht bewusst war, man suchte in Schlesien vor allem Holzfäller, die den Wald roden sollten und die Hochöfen der Eisenproduktion mit Holzkohle versorgen. Daher waren die Landflächen nur als „Gartenwirtschaft“ ausgelegt, reichten daher einem Bauern nicht zur Vollversorgung seiner Familie, zumal nur ein kleines Stück gerodeter Acker zur Ansaat des Nötigsten übergeben wurde, den Rest mussten die Kolonisten selbst roden. Dafür erhielten sie pro Morgen 4-20 Taler, je nach Schwierigkeit des Geländes. Da ihre Kolonien noch nicht fertiggestellt waren, zog der Oberforstmeister Süßenbach, der diese Arbeiten überwachte, die Kolonisten zur Handlangerdiensten heran, dafür zahlte er 4 Groschen täglich. Zudem wurden die Kolonisten mit Brotgetreide und jeweils 2 Kühen unterstützt.
Süssenrode hatte einen nassen Wald, die Kolonisten waren die ungewohnt schweren Waldarbeiten nicht gewohnt und kränkelten und waren trotz aller Bemühungen und allen Fleißes in einem so erbärmlichen Zustand, dass der Oberförster Büttner 1774 nach Breslau schrieb:13
Die Hungersnot unter den Kolonisten ist nunmehr aufs höchste gestiegen und deren Jammern und klägliches Lamentieren mit Worten nicht zu beschreiben. Ich selbst muss bekennen, daß ungeachtet sich sämtliche das Roden mit besonderem Fleiß angelegen sein lassen, in Sonderheit bei dem harten Winter sie nicht im Stande sind, sich das Brot zu verdienen.
Oppelner Heimat-Kalender für Stadt und Land, 1934, Jg. 9 p77
Johann Jacob ehelichte 1773 in Tauenzinow (ehemals Ostenbrug) Anna Elisabeth Rohn (Rahn), sie war aus Gonterskirchen mit ihrem Vater Heinrich ausgewandert und findet sich ebenfalls in Schuch’s Bericht7.
Geburtseintrag Anna Elisabeth Rohn 1749 im Gonterskirchener Taufregister 1665-1767 (LDS)
Nummero 9. d. 21. May 1772. Ostenbrug. Diese Colonie stehet unter der aufsicht des Herrn oberforstmeister Büttner; soll bestehen aus 20 wohn Häuser, sind alle fertig vom Zimmermann und Mäuren biß zur folgender aufebauung der Scheuern. Diese Colonisten, die auf der Colonie wohnen sollen, sind nach folgender Liste:
No 1) Philippus Lenhing ; ein Bauer und Schmidt aus dem Fürstenthum Gedern. alt: 48; Fr.: 35; So.: 15; To.: 10; To.: 7; So.: 5; So.: 3 Jahr; 9 Köpf. R.: Evangelisch. No 2) Peter Weißbecker; ein Bauer und Zimmerman aus Käichen, Friebbergischen Hoheit. alt: 34; Fr.: 33; So.: 8; So.: 3 Jahr; 4 Köpf. R.: Catolisch. No 3) Thomas Görtler ; ein Bauer und Zimmerman aus Käichen, Friebbergischer hoheit. alt: 36; Fr.: 38; To.: 13; So.: 7; So.: 5; To.: l Jahr; 5 Köpf. R.: Revermirt. No 4) Joh. Georg Schmeißer ; ein Bauer aus dem Heilbrunnischen. alt: 48: To.: 22; To.: 18; To.: 15; So.: 11; S.: 8 Jahr; 6 Köpf. R.: Evangelisch. No 5) Andereas Marthin ; ein Bauer und Zimmerman auß dem Dorf Käichen, Frieb. hoheit. alt: 32; Fr.: 35; So.: 5 Jahr; 3 Köpf. R.: Catolisch. No 6) Georg Reinhart Dorß ; ein Bauer auß dem Württbergischen. alt: 28; Mut.: 55; Schw.: 20; Br.: 17; Br.: 15; Schw.: 8; Schw.: 6 Jahr; 7 Köpf. R.: Evangelisch. No 7) Joh. Conrath Fickel; ein Bauer aus Gonterskirchen aus dem Laubachischen. alt: 34; Schw.: 28; To.: l Jahr; 3 Köpf. R.: Evangelisch. No 8) Nickelaus Schneidmüller; auß Gedern ein Bauer. alt: 25; Fr.: 44; So.: 18; So.: 13 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 9) Conrath Weifert; ein Bauer von Kaichen Burg Frieb. Hoheit, alt: 32; Fr.: 36; So.: 4 Jahr; 3 Köpf. R.: Catolisch. No 10) Joh. Adam Geiger; aus der Pfaltz ampt Bocksberg. alt: 36; Fr.: 34; To.: 14; So.: 8 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 11) August Crach; ein Bauer, Burg Frieb. Hoheit. alt: 36; Fr.: 35; So.: 9; So.: 3 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 12) Johannes Löß; ein Bauer und Schuhmacher aus Gedern. alt: 32; Fr.: 24 Jahr; 2 Köpf. R.: Evangelisch. No 13) Heinrich Rahn ; aus Gonderskirchen ein Bauer.alt: 62; To.: 23 Jahr; 2 Köpf. R.: Evangelisch. No 14) Johannes Landmann ; ein Bauer aus dem Dorf Gedern. alt: 45; Fr.: 33; So.: 20; So.: 18 Jahr; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 15) Jacob Hiltebrand ; ein Bauer und Steindecker auß Gedern. alt: 43; Fr.: 22 Jahr; 2 Köpf. R.: Evangelisch. No 16) Peter Hartman ; ein Bauer aus dem Dorf Freiesehe. alt: 26; Fr.: 36; So.: 3 Jahr; To.: 6 Wochen; 4 Köpf. R.: Evangelisch. No 17) Michel Bopp ; ein Bauer von Frohnhaußen, Grafschaft Biedingen. alt: 36; Fr.: 36 Jahr; 2 Köpf. R.: Reverwirth. No 18) Joh. Georg Mänttler ; ein Bauer aus dem Württbergischen. alt: 32; Fr.: 34; So.: 2; So.: l Jahr; 4Köpf. R.: Evangelisch. No 19) Joh. Nieckel aus Maul; auß dem Anspaischen. alt: 32; Fr.: 21; 2 Köpf. R.: Evangelisch. No 20) Johannes Dörr; ein Bauer von Erbstadt, Fürstl. Heßischer Hoheit. alt: 44; Fr.: 49; To.: 12; To.: 7; So.: 4 Jahr; 5 Köpf.
Diese Colonie bestehet auß 20 wirthe, 17 Frauens, 41 Kindern; Summa: 78 Seelen. Kranck sind auf dieser Colonie: 8 Personen. Diese Colonisten haben fleißig gearbeitet; sie haben mit der Hand gerothet zu 10 Schefel erdoffeln, 12 morgen zu hirsche, welches sath ihnen gereichet worden von Herrn oberfürster Büttner; hat auch ein jeder Colonist eine Kuh bekommen; haben auch ihr Land mehrentheils geräumt vom Holtz, daß sie können eine gute winder ernde hinauß stellen. Diese Colonie ist die beste, vor allem, indem der erdboden allhier sehr gut ist.
Monatsschrift für Sippenkunde und Sippenpflege, Heft 6 und 7, 1939, Berlin
Ortsplan Tauentzinow (Ostenbrug)8
Johann Georg Sparwasser, geboren am 21. Mai 1768 in Büdesheim heiratet am 23. Dezember 1793 in Tauenzinow, wie Ostenbrug später genannt wurde, Maria Magdalena Copp (um 1773 -1813), aus dieser Ehe sind vier Kinder bekannt, Johannes (1794-1876), Katharine (1796-1872), Johann Peter (1798-1805) und Gottlieb (1805-1809).
Geburt Johann Georg Sparwasser 1768 im Büdesheimer Taufregister 1757-1807 (Archion)
Eheschließung von Johann Georg Sparwasser mit Maria Magdalena Copp 1793 in Carlsruhe (Pokoj) (LDS)
aus: Oppelner Heimat-Kalender für Stadt und Land, 1934, Jg. 9, p73, (von mir colorisiert)
Warum nun wanderte Johann Georg aus?
Die Erklärung ist tatsächlich das Wetter, Schlesien erlebte seit der Ansiedlung mehrere Jahre mit Missernten, bereits 1784/1785,1789, 1795, 1800 und 1803/1804 waren Hungerjahre12, da es teilweise extrem nass war, sodass wieder alles Getreide faulte, die Krankheits- und Sterberate durch den Hunger war in den Kolonien erheblich. Entsprechend suchte man sein Heil in der Flucht nach Süden, in der Hoffnung, hier nicht nur die versprochenen Siedlungsbedingungen zu finden, von denen die Werber für Russlands Kolonien sprachen, sondern vor allem endlich bessere Witterungsbedingungen, um keinen Hunger mehr zu leiden.
Geburtseintrag Johannes Sparwasser 5. März 1794 in Tauenzinow (Okoly), KB Carlsruhe (Pokoj) (LDS) – Vermerk bei Johannes und Vater Johann Georg „nach Russland“
So zogen man erneut in die Fremde, diesmal auf einem Weg von etwa 1.960 km, die Reise dauerte mindestens 5 Monate, eher mehr, da man mit dem Wagen, meist von Ochsen gezogen, selten Pferdefuhrwerke, mit Zwischenlagern und je nach Wetter nicht so schnell wie heute unterwegs war. Es gab keine gut ausgebauten Straßen, sondern unbefestigte Wege. Die 900 km aus Hessen nach Schlesien hatten bereits gute 2 Monate gedauert.
Wanderweg von Tauenzinow über Grodno Richtung Molotschna (google maps9)
Am 27. Februar 1804 passieren sechs Kolonistenfamilien, fünf hatten sich unterwegs angeschlossen, unter der Führung von Johann Georg Sparwasser den Kontrollpunkt Grodno (Hrodna). Die Sparwasser bekamen für den Zeitraum vom 26. Februar bis 10. März 1804, also 13 Tage, 9 Silberrubel und 10 Kopeken Verpflegungsgeld, und für die nächsten 40 Tage 28 Silberrubel, dazu in Banknoten und Kupfermünzen 50 Rubel Futtergeld für Pferde. Außer ihnen war nur noch eine Familie mit Pferden unterwegs.10
Nach kurzem Lager zogen sie innerhalb eines Monats nach Schitomir und erhielten auch dort ein Verpflegungsgeld von 21 Rubel zur Weiterreise, wie wir der erhalten gebliebenen Akte entnehmen können:14
Etwa Mitte Mai 1804 trafen sie in Jekaterinoslaw (Dnipro) ein, wo sie zusammen mit 209 anderen Familien für ein Jahr im Quartier lagen, ehe sie ihre Kolonistenstellen übernehmen konnten.
1805 finden wir im Zensus von Wasserau den Vermerk: Sparwasser, Georg 40, seine Frau Magdalena 37, seine Kinder Johann 16 und Catharina 14. Wirtschaft: 12 Rinder, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Wagen.11
Johann Georg wird noch einmal heiraten, eine Witwe, seine Frau hat die Strapazen der Auswanderung ebenso wenig verkraftet, wie seine jüngsten Söhne. Die beiden ältesten Kinder bekommen noch ein kleines Geschwisterchen, ehe sie eigene Familien gründen.
Die zahlreichen Nachkommen finden sich heute nicht nur wieder in der alten Heimat Deutschland, sondern auch in den USA und Kanada.
Anmerkungen:
a1 rheinischer Morgen = 3176 m²
b1 Reichstaler = 1 ½ Gulden = 22 ½ Batzen = 30 Groschen = 45 Albus = 90 Kreuzer = 360 Pfennige = 384 Heller
c1 Reichsthaler in Preußen = 90 neuen Groschen zu je 18 Pfennig
dReverwirth – Ansiedler der ein Revers (Dokument) unterschreiben musste
Sachakte HStAD, R 21 B, NACHWEIS Sparwasser, Johann Jakob, Herkunft: Büdesheim / Ziel: Schlesien. – Alter/geb.: 25 Jahre. Bemerkungen: Mit Frau. Zahlt 5 Gulden, 15 Albus für Loslösung von Leibeigenschaft
verz227144 Signatur: HStAD, R 21 B, NACHWEIS Beschreibungsmodell: Sachakte Titel: Sparwasser, Johann Jakob, Herkunft: Büdesheim / Ziel:
2Hongersnood in Duitsland, 1637, Caspar Luyken (print maker), Johann David Zunnern (publisher) Kupferstich, Rijks Museum, Amsterdam, Objektnr. RP-P-1896-A-19368-1952, public domain
3Unglücks-Chronik oder die denkwürdigsten elementaren Verheerungen und Zerstörungen in Natur- und Kulturleben aller Zeiten. Wenger, J.:Verlag: Bern Verlag von Rudolf Jenni’s Buchhandlung (H. Köhler). (Ca. 1889)., 1889 p.49
4Chronik Stadt Ellrich von K. Heine, Rektor in Ellrich Ellrich. verlag der G Krause´schen Buchhandlung 1899, p20
5Abbildung Hungergedenkmünze aus: Die Auswirkungen der Hungerjahre 1770-1772 auf die letzte Großepidemie der Mutterkornseuche und die damals und in der Folgezeit veranlaßten Gegenmaßnahmen Von Karl Böning, München [Nachrichtenbl. Deutsch. Pilanzenschutzd. (Braunschweig) 24. 1972, 122-127] p.123
6Schlesienwanderer aus dem Freigericht Kaichen Fritz H. Herrmann Sonderdruck aus Band 9 der „Wetterauer Geschichtsblätter“ Friedberg L H., 1960 inkl. Karte Süssenrode
7Schuch’s Siedlerlisten von 1772 Friderizianische Kolonistenverzeichnisse aus Schlesien von Staatsarchivrat Dr. Karl G. Bruchmann 1939
10Litauer Grodnoer Schatzkammer Oktober 1803 bis 16. März 1809. RGIA Akte 347 Nr. 38 Akte freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Taurien e.V.
11Stumpp K. Die Auswanderung aus Deutschland nach Rußland in den Jahren 1763 bis 1862. – Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. 8. Auflage, 2004
12Joachim Poppe: Podewils in Oberschlesien: Zur Geschichte des Dorfes im Kreis Oppeln. 250 Jahre Friderizianische Kolonisation Books on Demand 2022 9232
13Oppelner Heimat-Kalender für Stadt und Land, 1934, Jg. 9, p77 Hrsg. Stumpe, Friedrich. , Obmann der „Vereinigung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft im Kreise Oppeln“ Verlag: Heimatkreisstelle Oppeln
14Listen des Gouverneurs von Schitomir. RGIA Akte 215 Nr. 1. Akte freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Taurien e.V.
Geschichtliche Ortsnachrichten von Brieg und seinen Umgebungen herausgegeben von Karl Friedrich Schönwälder, Professor am Königl. Gymnasium Erster Theil Einleitung, Vorstädte, Umgebung In Commission bei I. U. Kern in Breslau, Druck von G. Falck in Brieg 1845/1846
Dominik Collet: Die doppelte Katastrophe Klima und Kultur in der europäischen Hungerkrise 1770–1772 in: Umwelt und Gesellschaft Bd. 18 Herausgegeben von Christof Mauch und Helmuth Trischler 2018 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 9783525355923 — ISBN E-Book: 9783647355924
Thore Lassen Hungerkrisen Genese und Bewältigung von Hunger in ausgewählten Territorien Nordwestdeutschlands 1690-1750 2016 Universitätsverlag Göttingen
Wikipedia
genealogische Recherche, Bildbearbeitung, inklusive Karten, und Text: Jutta Rzadkowski