Zur Erinnerung an unsere Vorfahren, die als Migranten aus Süddeutschland in die Welt zogen

Kategorie: Dänemark

Lübeck

Wann immer man an Lübeck denkt, kommen einem das Holstentor und Marzipan in den Sinn. Doch die Geschichte der Hansestadt reicht viel weiter zurück und ist eng mit der Auswanderung von Kolonisten über Lübeck nach Dänemark, ins Baltikum und Russland verbunden.

Merian 1641, Lübeck, gemeinfrei

Lübeck wurde 1143 als erste deutsche Stadt an der Ostsee gegründet. Die an der Stadt liegenden Flüsse Wakenitz und Trave boten als Zuflüsse Richtung Ostsee eine ideale Ausgangslage für die Handelsschifffahrt. Es fanden sich bald zahlreiche Kaufleute ein, die ihre Waren verschifften.

Die Frühzeit der Stadt war jedoch von einer Reihe Bränden, Überfällen und Streitigkeiten überschattet, sodass sie erst unter Heinrich dem Löwen ab 1159 aufstieg. Es folgten recht schnell ausgeprägte Handelsbeziehungen nach Gotland, über das Baltikum, bis ins ferne Novgorod.

Die Hansestädte und der Deutsche Orden im 14. Jahrhundert und Anfang des 15. Jahrhunderts; 1905, Friedrich Wilhelm Putzger – Polnische Nationalbibliothek, gemeinfrei

Schnell entstanden weitere Hafenstädte: Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, Danzig, Elbing, Königsberg, Riga, Reval und Dorpat. Alle nach dem Vorbild Lübecks, mit Lübschem Recht ausgestattet, bilden sie die Hanse. Eine Vereinigung, die ihre Handelsbeziehungen steig weiter ausbaute, in den Orient, Mittelasien, gar nach China, ebenso in ganz Westeuropa.

In den wichtigsten Städten werden Hansekontore eingerichtet, wie der Peterhof in Novgorod, der Stalhof in London, oder die Deutsche Brücke (Tyskebryggen) in Bergen.

So verwundert es nicht, wenn auch der Kolonist über dieselben Seewege seine Heimat verließ, die sonst für Handelsgüter gewählt wurden.

Brück & Sohn, Kunstverlag Meißen, 1898, Lübeck, Partie am Hafen und Brücke, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Als der dänische König Friedrich V. im Jahre 1759 seine Werber vor allem in die Region Baden-Durlach, Hessen-Darmstadt, Württemberg und Kurpfalz entsenden ließ, um die unkultivierten Heiden- und Sumpflandschaften Jütlands und des Herzogtums Schleswig urbar machen zu lassen, folgten seinem Aufruf 1.200 deutsche Familien mit etwa 4.800 Kolonisten.

Vom Sammelort Frankfurt a. M. aus ging es in verschiedenen Abteilungen
über Hamburg durch Schleswig-Holstein, teils über Lübeck und
mit dänischen Schiffen über die Ostsee nach Fredericia. So auch einer meiner Verwandtenzweige aus Zaberfeld. Johann Conrad Gehweiler, der sich 1762 in Dänemark niederließ und dessen Nachkommen sich nach Russland aufmachten, später in Kolpino zu finden waren.

Als unter dem Einfluss der russischen Zarin Katharina der Großen, mit Ukas vom 22. Juli 1763, ein 200 km² großes Gebiet der ehemaligen Kronsländer Hirschenhof und Helfreichshof im Jahre 1764 zur Besiedlung durch Kolonisten freigegeben wurde, kamen 1766 über Oranienbaum 85 pfälzer (bayrische und württembergische) Familien mit 2621 Personen, welche auf dem Seeweg über Riga die Region Wenden in Livland erreichten und blieben.

Oranienbaum, ebenfalls Ort der Vereidigung der Kolonisten, die zur Ansiedlung ins Innere Russlands kamen, in die Kolonien nach Sankt Petersburg oder nach Saratow. In den bekannten Listen des Titularrates Johann Kuhlberg wurde die Ankunft von rund 20.000 Personen in 6.500 Familien dokumentiert, die hier von Lübeck aus eintrafen. Erfasst wurden Namen, Daten der Ankunft in Russland, Daten der Abfahrt in Lübeck, Namen der Schiffe und Namen der Schiffskapitäne.2

Organisiert wurde der Kolonistenstrom, der sich über Jahre in die Stadt Lübeck und umliegende Orte ergoss, durch den im Dienst der russischen Regierung stehenden Kaufmann Christoph Heinrich Schmidt. Nach seinem Tod, ab dem 30. Mai 1766, übernahm der Lübecker Jurist Gabriel Christian Lemke diese Aufgabe, bis am 9. November 1766 ein Auswanderungsverbot erlassen wurde.

Der Seeweg war in jener Zeit die kürzeste und kostengünstigste Verbindung, benötigte jedoch zahllose Schiffe, die im In- und Ausland angemietet wurden und nie für den Personentransport gedacht waren. Entsprechend einfach und unbequem war die Unterbringung und Überfahrt.

Aus Hessen erfolgte die Anreise über den Sammelplatz Büdingen bis zur Untersagung durch den Grafen von Isenburg. Die Massenauswanderung ist im Kirchenbuch durch Sammeltrauungen bekannt geworden. 375 Paare wurden „auf Verlangen des Russisch Kayserl. Commissariats copulirt3

Unter diesen Trauungen findet sich am 16. März 1766 auch Johannes Vogel (*1740), aus Mühlsachsen, der zusammen mit seinem Bruder Johann Henrich (1745–1816) den Weg nach Nizhnyaya Dobrinka antrat. Letzterer fuhr am 4. Juli 1766 aus Lübeck mit der englischen Fregatte „Love and Unit“ und dem Skiper Thomas Fairfax nach St. Petersburg, ehe es weiter ging in die zugewiesene Kolonie.

Massentrauung 1766 KB Büdingen Trauregister 1745-1829 p.70-71 vom 22. April – 30. April 1766

Selbes Phänomen erlebte auch Lübeck, die dort lagernden ledigen Kolonisten wurden ebenfalls in Massen getraut4 (rund 2505). So findet sich der später in Hirschenhof ansässige Philipp Julius Gustav Gagnus (1747–1818) aus Eichtersheim, ebenso wie viele weitere Kolonisten, die, wie er, nicht immer in den St. Petersburger Kolonien ihr Zuhause fanden.

Lübeck, St. Petri Kirche, Heiraten 1652-1805 p. 47

Aber auch Lübecker, wie der Schneider Johann Georg Dannicker, ergriffen die Gelegenheit zur Auswanderung. Er zog nach Bettinger, Saratow.

Lübeck, Dom Kirche Heiraten 1748-1808, fünf Trauungen gleichzeitig am 14.05.1766

Nicht jeder Lebensweg lässt sich verfolgen, doch finden sich in allen größeren Orten auf den Routen dieser Massenauswanderung die Hinweise in den Kirchenbüchern, darunter auch Roßlau an der Elbe. Von Mai 1765 bis August 1766 fanden insgesamt 205 Trauungen6 statt.

Bereits am 5. März 1766 schrieb der Erzbischof von Mainz besorgt an den Kurfürsten, dass „4000 dergleichen unglückliche Leute nach Russland eingeschifft worden sein“.7

Um einer drohenden Entvölkerung ganzer Landstriche entgegenzuwirken, erließ Churbayern am 18. Februar 17668 ein striktes Auswanderungsverbot, ihm folgte am 21. April 1766 der Rat der Stadt Frankfurt mit einer Verordnung gleichen Inhalts, welche vom „Churrheinischen Kreis ausgegangen und auch von der kurpfälzischen Regierung unterm 27. Mai 1766 allen unterstellten Behörden bekannt gegeben worden war“ 9

Preußen gestattete zwar den von Russland angeworbenen Kolonisten den ungehinderten Durchzug, verbot aber durch ein Edikt vom 1. Mai 1766 „dem authorisirten Commissar, auch sogenannten Seelenverkäufern“,strengstens,„preussische Landeskinder zur Auswanderung nach Russland zu überreden.“10

Trotz dieser Untersagungen im ersten Halbjahr 1766 gibt es Berechnungen, dass über Lübeck bis zu 40.000 Kolonisten in diesen Jahren ausgewandert sind.11

  1. Werner Conze: Hirschenhof. Die Geschichte einer deutschen Sprachinsel in Livland (Dissertation), Junker & Dünnhaupt, Berlin 1934; Neue deutsche Forschungen. p.100 ↩︎
  2. siehe Veröffentlichungen von G. Rauschenbach: Deutsche Kolonisten auf dem Weg von St. Petersburg nach Saratow. Transportlisten von 1766-1767, Moskau 2017 und Auswanderung deutscher Kolonisten nach Russland im Jahre 1766; Moskau/St. Petersburg 2015 ↩︎
  3. Decker, Klaus-Peter, Büdingen als Sammelplatz der Auswanderung an die Wolga 1766, Büdingen 2009, p.61 ↩︎
  4. Lübecker Trauungen 1764-1766 mit Faksimile, Ersteller Jutta Rzadkowski ↩︎
  5. Liste der Paare im Artikel von Karl Stumpp, Lübeck, p.111 ff; in: Der Wanderweg der Russlanddeutschen. Institut für Auslandsbeziehungen (Stuttgart, Allemagne). W. Kohlhammer Verlag, 1939 ↩︎
  6. Dr. Wäschke, Traulisten Roslau, in: Deutsche Post aus dem Osten, Monatsschrift, begründet von Adolf Eichler, herausgegeben im Auftrage des Verbandes der Deutschen aus Rußland e. V. (VDR) von Dr. Joseph Geiger, Heft 10 p.23/25 ↩︎
  7. Dr. phil. nat. Daniel Häberle: Auswanderung und Koloniegründungen der Pfälzer im 18. Jahrhundert. Verlag der kgl. bayer. Hofbuchdruckerei H. Kayser, Kaiserslautern 1909. p. 147 ↩︎
  8. Einschärfung der erlassenen Emigrationsverbote, insbesondere in die russische Kolonien.
    1766 Februar18; Kurfürstliches Reskript zur Verhinderung der Emigration ohne landesherrliche Genehmigung (insbesondere in die russischen Kolonien); Verbot der Auswanderung von Untertanen in „Ausreichische“ Gebiete ohne landesherrliche Genehmigung.: StAWü, Mainzer Verordnungen ↩︎
  9. Faszikel 6744 ↩︎
  10. Häberle: ebenda. p.148 ↩︎
  11. erfasst in: Alexandra Kronberg, Lübeck als Sammelplatz deutscher Siedlerzüge nach Russland zu Ausgang des 18. Jahrhunderts. Nach den Lübecker Auswanderungsakten. [Masch.] Diss. phil. Wien 1944, nicht öffentlich, Dienstbibliothek des AHL und in der Bibliothek der Hansestadt Lübeck ↩︎

Dänemark

oder: wie Dänemark zur Kartoffel kam


Die Folge des des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) hatten zu einer großen wirtschaftlichen Not in Deutschland geführt. Die ständigen Truppendurchmärsche verlangten der Bevölkerung das Letzte ab, Felder waren verwüstet und es herrschte Hunger. In der Aussicht auf eine Besserung der eigenen Lage durch Auswanderung, folgten die Menschen nur zu gern den Versprechen der Werber, die der dänische König Friedrich V. im Jahre 1759 vor allem in die  Region Baden-Durlach, Hessen-Darmstadt, Württemberg und Kurpfalz entsenden ließ.

Sein Plan war es, die unkultivierte Heiden- und Sumpflandschaften Jütlands und des Herzogtums Schleswig  urbar machen zu lassen und so kamen etwa 1.200 deutsche Familien mit etwa 4.800 Kolonisten ins Land. Aus ihrer Heimat nahmen sie die für die Dänen bis dahin unbekannte Kartoffel mit, was ihnen den Beinamen Kartoffeltyskere (Kartoffeldeutsche) einbrachte.

Der in Frankfurt weilende Gesandte Johann Friedrich Moritz bekam den Auftrag, geeignete Kolonisten anzuwerben, für ihn ein gutes Geschäft, kassierte er doch vier dänische Reichstaler1 für jeden, der in den Norden auswandern wollte. So war ihm jeder willkommen, egal ob alt, schwach oder für die Landwirtschaft ungeeignet oder unerfahren.

Denkmal auf dem Frederiks Kirchhof SW von Viborg, Denmark10

Auszug der allerhöchsten Verordnungen von Ihro Königlichen Majestät in Dänemark, wegen der allergnädigst aecordirten Freyheiten fürdiejenige, welche die öde Gegenden in Jütland anbauen, und sich daselbst häuslich niederlassen wollen

Demnach Ihro Königl. Majestät in Dänemark und Norwegen etc. etc. in einer deßfalls erlassenen allerhöchsten Königl. Verordnung, denjenigen Personen, welche sich auf den ödliegenden Districten in der an das Herzogthum Schleswig angränzenden Provinz Jütland anzubauen und häuslich niederzulassen entschliessen wollen, dermassen wichtige Freyheiten allergnädigst zu aecordiren geruhet, daß bereits verschiedene Familien sich dieser allerhöchsten Königl. Milde durch Aufschlagung ihrer Wohnungen allda glücklich zu Nutz machen gewußt; sothane allergnädigst zugestandene grosse Vortheile aber an denen wenigsten Orten hiesiger Gegenden Deutschlands bekannt seyn dürften: Als werden solche ihrem essentiellen Inhalt nach, zum Besten derjenigen insonderheit hierdurch mitgetheilet, welche sich ebenwol einer dergestalt profitablen Gelegenheit, zu ihrer und der Ihrigen Wohlfahrt, zu bedienen rathsam finden, und zum Theil schon vor mehreren Jahren eine dergleichen allerhöchste Königl. Entschliessung sehnlichst zu wünschen geäussert haben. Die allergnädigst aecordirte Freyheiten bestehen aber hauptsächlich in nachfolgenden Punkten:

1) Solle ein des Landes kündiger Königl. Beamter denen anlangenden Colonisten die vortheilhaftesten Lagen zum Anbau anweisen, und einem jeden über das angewiesene einen Veste-Brief ertheilen.
Demnächst sollen.

2) diese neue Bewohner derer anzubauenden Gegenden, nebst ihren Nachkommen, nun und künftighin von allen Frucht-und Vieh-Zehenden befreyet bleiben.

3) Eben dieselben 20 Jahre hindurch von allen und jeden Königlichen Schätzung und Contributionen, was Namen sie auch haben mögen, ausgenommen seyn; welches sich

4) auf alle Ausschreibungen, wie auch

5) auf Königs- und andere Fuhren, desgleichen
6) auf Einquartierungen bei Durchmärschen, erstrecken solle. Sodann sollen
7) Kinder, Verwandte etc. welche denen mir Tod abgehenden fuccediren, ein gleiches gegen einen erhaltenden Veste-Brief zu geniessen haben; und Falls sie
8) nach Verlauf der 20 Jahren einiger weheren Freyheiten benöthiget wären, können sie anhoffen, nach Befinden damit begnadiget zu werden. Sollte man nun über diese und noch andere mündlich zu entdeckenden Vortheile von denen Colonisten die nähere Erläuterung und Nachricht anbegehtet werden; so haben sich dieselben sowol deswegen, als sonstiger vor der Abreise nöthiger Stücke halben, bei Endes Unterzeichnetem in der freyen Reichsstadt Frankfurt am Main anzumelden, um allda von so ein- als andern hinlänglich belehrt und zu seiner Zeit mit denen nöthigen Pässen versehen zu werden. Zur allergnädigst accordirren Vergütung derer Reise-Kosten, sollte bey Anlangung an Ort und Stelle, ein Mann 30. Dänische Rrhlr., eine Frauens-Person 20. Rthlr., und ein Kind von 12. bis 16. Jahren 10. Rthrl. erhalten: Ein Dänischer Rthlr. aber macher nach dermaligem Current Geld in Frankfurt am Mayn und der Orten, etwas über 2. Gulden aus.

Frankfurt am Mayn, den 28. May 1759.
Johann Friedrich Moritz,Königl Dänischer Legations-Rath.

Als im Oktober 1759 die ersten Kolonisten in Viborg, Dänemark, eintrafen, waren Ärger und Probleme bereits vorprogrammiert. In Notunterkünfte einquartiert, warteten die Siedler auf die versprochene Hofstelle, die einheimische Bevölkerung war aufgebracht, da die Rechte der Deutschen nicht mit ihnen abgeklärt waren. So entschloss man sich, die künftigen Siedler nach Schleswig zu schicken. Bauern und Amtmänner dort waren weniger erfreut, sie hielten die Ödlandflächen für nicht kultivierbar. Da die Verantwortlichen in Kopenhagen an solchen Aussagen zweifelten, wurde der Arzt und Unternehmer Dr. Johann Gottfried Erichsen als Gutachter entsendet. Dieser hatte bereits für die Ansiedlung in Jütland ein völlig unrealistische Gutachten  erstellt, da er der Ansicht war, fast jede brachliegende Heide- oder Moorfläche sei kultivierbar und kleine Hofstellen von 9 bzw. 12 Hektar Fläche würde die Bauern zwingen, intensiv zu wirtschaften, was die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen würde.

So warb man weiter um künftige Kolonisten:

Diejenigen, die es im Sinn haben, sich nach dem Hertzogthum Schleswig zu begeben, erhalten:
1. So viel Land, als jeder anbauen kann.
2. Auf 20 Jahre Freyheit von allen und jeden Ausgaben.
3. Auf Mann und Frau 100 gülden Reisegeld, und auf ein Kind von 1 2 Jahr 20 gülden.
4. An Tage-Geld der Mann 6s‘, eine Frau 4, und ein Kind 2. und daß so lange, bis sie auf ihrem Lande ihre eigene Früchte ziehen können.
5. Wird ihnen fertiges Haus, Scheune und Stallung erbaut.
6. Wird ihnen Zug und anderes Viehe angeschaft.

Frankfurt am Mayn, den 2 Feb.l76l
Moritz Königl. dänischer Legat. Rath

Etwa Ende Mai 1761 wurde das Werbeplakat für Grabenarbeiter herausgebracht, die ersten 57 Kolonisten trafen am 27. März 1761 in Schleswig ein. Dr. Erichsen begann, die Kolonisten in den Ämtern Gottorf und Flensburg anzusiedeln. Da wieder niemand auf die Neuankömmlinge vorbereitet war, nahmen sie Notquartier bei der Bevölkerung und am 3. Juni 1761 wurde auf dem Gottorfer Amtshaus in Schleswig die Erstellung der Moorgräben an 23 Personen aus dem Gesamtbereich Mittel- und Westschleswigs vergeben, diese beschäftigten rund 600 Grabenarbeiter, welche im Sommer 1761 und Frühjahr 1762 damit beschäftigt waren, das Hohner Moor trocken zulegen. Nach vielen Schwierigkeiten wurden in dem nassen Sommer für 8 Moorkolonien rund 2773 Hektar „aus dem Wasser gewonnen“2.

Bereits am 24. Juli 1761 wurden vor dem Schloß Gottorf 388 Kolonisten feierlich auf den dänischen König und Staat vereidigt.

„Wir schweren zu Gott und dem heiligen Evangelio:
Dem Allerdurchlauchtigsten, unserem jetzo mit Herz und Mund angenommenen Allergnädigsten Erbkönig und Herrn, Herrn Friderich dem Fünften, von Gottes Gnaden König zu Dänemark, Norwegen, der Wenden und Gothen, Herzoge zu Schleswig-Holstein, Storman und der Dithmarschen, Grafen zu Oldenburg und Delmenhorst, Und Seinem Allerhöchsten Königl. Erbhause als christliche und redliche Unterthanen treu und hold zu seyn und bleiben, dero Allerhöchstes Interesse auf alle Weise vorzüglich und nach allen Kräften zu suchen, Schaden und nachtheil hingegen zu verhindern, insbesonderheit aber durch unser Betragen in Worten und Werken dahin zu streben, dass Sr. Königl. May. Absolutum, Dominium, Souveraineitet, und Erbrecht auf Allerhöchst deroselben Reiche und Lande unveränderlich beybehalten und auf dero rechtmäßige Erb-Succeßores fortgepflanzet werde.
Darüber wollen wir halten, und desfals Guht, Blut, ja selbst Leib und Leben wagen
Wir wollen weder heimlich noch offenbar, weder directe noch indirecte verstatten, dass jemand, es sey, wer es wolle, dagegen auf einige Weise etwas unterfangen, sondern insoferne ein solches wieder Verhoffen geschehen sollte, und wir das geringste davon erfahren, wollen wir, ohne Ansehender Person solches unverzüglich Sr. Königl. May. Alleruntterthänigst vorbringen, und uns überhaupt in unserem Stande und Berufe so aufführen, wie es getreuen Unterthanen gebühret und wohl anstehet.
So wahr uns Gott helfe, und Sein Seliges Wort!“

Mit der Vereidigung wurden die Kolonisten offiziell dänische Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten. Diese Pflichten beinhalteten auch, dass sie ohne behördliche Genehmigung das Land nicht wieder verlassen durften. Wer sich daran nicht hielt, wurde als Deserteure angesehen, mit entsprechend drastischer Bestrafung.

Nach der Zeremonie losten 250 von ihnen, auch die Moorkolonisten, deren Land erst gewonnen werden sollte, ihre Plätze in den Kolonien Nr. 1 bis 16 des Amtes Gottorf aus2.

Nach seiner Auswanderung aus Zaberfeld führte auch der Weg von Johann Conrad Gehweiler nach Flensburg3, dann auf die Kolonistenstelle Holsteinshof [Holsteiner = Einheimischer] in der Kolonie G 1 „Friderichsau“ im Amt Gottorf. Am 24. Juli 1761 wurden für diese Kolonie insgesamt 24 Stellen unter den deutschen Kolonistenfamilien (18 ev.-luth.; 4 ref.; 2 kath.) verlost.

12

Während der Wartezeit zur Hofübernahme heiratete Johann Conrad am 29. Juni 1762 in Quern seine vierte Frau.

In den Ämtern Gottorf, Flensburg und Tondern warteten im Oktober 1762 insgesamt 3.725 Personen auf die etwa 900 versprochenen Stellen.  Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, da viele der Meinung waren, der Moorboden würde nichts taugen und verweigerten die Besetzung der Stellen. Die Obrigkeit verhängte daraufhin Gefängnisstrafen und begann Parzellen an Einheimische zu vergeben. Um nicht leer auszugehen, gaben die Kolonisten nach, die Einheimischen, in Sorge um die vermeintliche Konkurrenz durch die Deutschen, zerstörten ihnen die Torfstiche  und frisch angelegten Gärten.

Die Übergabe der Stellen der Kolonie G 1 „Friderichsau“ mit Vieh und Ackergeräten fand am 1. Mai 1763 statt3. Die Höfe für die Kolonisten wurden nur mit dem Nötigsten ausgestattet, um bis zur ersten Ernte überleben zu könnten. Zu jedem Stück Land gehörte ein Haus und ein Garten (Kohlhof), jede Familie erhielt ein Ochsengespann, eine Kuh, zwei Schafe und Futter bis zur ersten Ernte. Außerdem gab es eine Egge, einen Spaten und eine Hacke sowie Saatgut. Zur Grundausstattung aller Heidestellen gehörte ein Pflug, die Moorkolonisten bekamen ihn jedoch erst, nachdem sie das Land mit der Hacke „ackerreif“ gemacht hatten. Daher lebten einige von ihnen in Erdhütten, um auf den ihnen zugelosten Stellen mit der Bearbeitung des Bodens beginnen zu können, obwohl die Häuser noch nicht fertig gestellt waren.

Da die Staatskassen leer waren, wurden den Kolonisten die Mittel gekürzt, dazu  gab die Rentenkammer am 3. Mai 1763 die Einzelheiten der Kürzung bekannt:

Weil unter den Colonisten viele unnütze und unbrauchbare Leute vorhanden, als bloße Advokaten, Notarien, Perüquen-Macher, Müller, Wollkämmerer p. p., ferner betagte Witwen oder dergleichen ledige Weibs-Personen, gebrechliche, weiter und vornehmlich ihrer erwiesenen Faulheit oder Unruhe und Aufsätzigkeit halber berechtigte, kurz alle der Landwirtschaft ganz unkundige oder dazu, allem vernünftigen Ansehen nach, nicht geschickte, samt Ruhestörer, bey welchen und durch welche Ihr. Königl. Maystt. Allerhöchste Absicht bey dem Colonienwesen nur vereitelt wird.4

Von 288 Familien im Amt Gottorf wurden daraufhin 54 als kolonisationsunwürdig eingestuft, als Ersatz wurden 135 Reservekolonistenfamilien, welche auf ihre Ansiedlung bereits in den Notquartieren gewartet hatten, heran geholt. Am 5. August 1763 fand die Einsetzung feierlich im Schloss Gottorf statt, fünf freie Höfe der Kolonie G1 „Friderichsau“ wurden neu besetzt.

Während in Dänemark in den Augen der Kolonisten das Chaos herrschte und die Bedingungen von Tag zu Tag unannehmbarer erschienen, wurden die Manifeste Katharina II. von 1762 und 1763 durch einen in Kiel ansässigen Werber veröffentlicht. Das Angebot, die Reise auf Kosten der Zarin machen zu können, war verlockend. So desertierten immer mehr Kolonisten in den Jahren 1764 und 1765 aus Dänemark.

Ihre Hochgebohrnen Excelentz u Geheim rats Camer Herr und Amtmann

dass wir gesonnen sein, wieder nach unseren Vatterland zu ziehen, weil wir kein Brod nicht erwerben können, so bedanken wir uns für die große Gnade die wir genossen haben, der allerhöchste gebe Ihro Königlichen Mäyestet ein langes Leben.
den 10 ten Juny Anno 1765


Johann Georg Lechner
Johannes Beck
Andreas Dreher
Johann Michel Kiebe
Johann Georg Dammer
Engelhard Dederer12

Nachdem die Regierung einen Entscheidung zu den Unruhen getroffen hatte, wurde am 20. April 17655  zunächst den etablierten Kolonisten, am 7. Mai 1765 auch den Reservekolonisten der Freiabzug genehmigt.6 Angesichts dieses Beschlusses erhob sich Ende April-Anfang Mai 1765 eine Welle der Desertation und Abwanderung aus den Kolonien.

Zu den württembergischen Familien, welche ihr Glück in der Ansiedlung bei St. Petersburg suchten, gehörte auch die Familie Gehweiler, die sich in Kolpino an der Ischora ansiedelte.

Johann Georg Lechner, Andreas Dreher, Johann Michael Kiebe und Engelhard Dammerer gingen nicht zurück in die Heimat, sondern zogen nach Riebensdorf am Don.


Grønhøj = Frederikshøj

Hans Smidth, gemalt um 1880: Ansicht von Grønhøj mit Brunnen in der Ortsmitte 8
Høje målebordsblade 1842 – 1899, Preussiske målebordsblade 1877-19207

1760 werden auf dem Besitz von Fløjgård gegen eine Entschädigung von 200 Rigsdaler 30 Höfe für 60 Familien an zwei Straßen angelegt. Ursprünglich sollte jede Familie einen eigenen Hof erhalten, jedoch überschritt die Zahl der Kolonisten die örtlichen Möglichkeiten. Am 22. Juli 1760 trafen die ersten Kolonisten in der Kolonie JI Grønhøj ein, bis zum Ende des Jahres waren es 34 Familien mit 136 Personen. Bereits im Herbst wurde über Unruhen unter den neuen Kolonisten berichtet, Grønhøj besaß nur 11 bewohnbare und 7 unbewohnbare Höfe, statt der zugesagten 30, die restlichen Familien, die nicht untergebrachten werden konnten, mussten für den Winter bei den ortsanässigen Bauern leben. Von den 137 Personen war die Hälfte unter 20 Jahren, die Erwachsenen zwischen 20 und 50 Jahre alt und nur sehr wenig ältere. Fast alle Lutheraner, die Reformierten lebten in Havredal, es gab kaum Katholiken. Das größte Problem war jedoch, nur die Häfte der Neuankömmlinge waren Bauern, es gab viele ehemalige Soldaten und Handwerker unter ihnen.

Im Frühjahr  1761 kamen die nächsten 25 Familien an. Als Forderungen nach einer deutschsprachigen Schule aufkamen, wurde eine Schule eingerichtet. Über die Kolonisten kam das Gerücht in Umlauf, sie wären wenig arbeitssam, dafür um so roher und trinkfreudiger. Trotzdem wurden die Höfe inklusive der Nebengebäude bis Ende 1762 fertig gestellt. Alle Höfe waren in Nord-Süd-Richtung, die Gebäude parallel ausgerichtet, alle Höfe jeweils im Abstand von ​ 10-12 Metern.

Hans Smidth, gemalt um 1880: Ansicht von Grønhøj9

Im Juli 1763 mussten 24 Familien aus Grønhøj, die sich als ungeeignet erwiesen, die Kolonie verlassen und wurden ausgewiesen. Zur gleichen Zeit wurden die staatlichen Gelder gekürzt, die Grønhøjer Kolonisten drohten, alle die Kolonie zu verlassen. Um diesen Abzug zu verhindern, wurden die alten Zusagen erneuert, trotzdem verließen 33 Familien die Ansiedlung. Dadurch wurde Platz für die verbliebenen, so daß nun auf jedem Hof nur eine Familie verblieb.

Entgegen aller Ankündigungen hob die Regierung Ende des Jahres 1765 die Ausgaben für Verpflegung und alle anderen Lieferungen auf, das sorgte für die Ausreise von 13 Familien nach Russland, weil ihnen dort wesentlich bessere Bedingungen versprochen wurden.

Unter diesen Auswanderern befand sich Johannes/ Hans Pretzer/Bretzer (* 1729), Müller aus Crumstadt, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Ehefrau: Anna Catharina, (*um 1736). Kinder: Johann Philip, (*um 1761); Johann Peter, (*um 1762); Johann Conrad, (*1764) aus der Kolonie Jl „Friderichshoi“, Amt Haid. Nach dem 7. Januar 1765 nach Beideck.

Johannes Eberhart Bretzer, Crumstadt, Taufregister 1729


  1. Chronik Christiansholm
  2. Heimatkundliches Jahrbuch Rendsburgs von 1984 (Seite 131-147)
  3. Die Einwanderung deutscher Kolonisten nach Dänemark und deren weitere Auswanderung nach Russland in den Jahren 1759-1766, Dr. Alexander Eichhorn, Dr. Jacob und Mary Eichhorn, Bonn, Germany – Midland, Michigan, USA, 2012 (p. 417):

    „Geweiler, Johann Conrad, 53 (Aug. 1763), Einw., ev.-luth., Ackersmann und Leinweber aus Sachsen oder Württemberg. Ehefrau: Christina 27. j Kinder: Stiefsohn Johann Georg (Carl), 19; Stieftochter Anna Dorothea, 13. Ankunft in Flensburg (Herzogtum Schleswig/DK) am 22. Mai 1762. Vereidigt am 4. Juni 1762. Reservekolonist im Ann Flensburg. Am 5. Aug. 1763: Wohnstelle Nr. 17 . Ahlefelds Hof in der Kolonie G 1 „Friderichsau“, Amt Gottorf. Letztes Verzeichnis in Dänemark am 2. April 1765. Nach Russland ausgewandert. Verzeichnet im Kirchenbuch von Neu-Saratowka bei St. Petersburg.


  4. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 168, Nr. 164, S. 191-196
  5. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 168, Nr. 165, S. 452-456
  6. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 66, Nr. 9245
  7. erstellt mit Hilfe der Internetseite Stednave, VisKort des Nordisk Forskningsinstitut, Københavns Universitet, Center for Navneforskning Institut for Nordiske Studier og Sprogvidenskab, unter Nutzung von: Høje målebordsblade 1842 – 1899, Preussiske målebordsblade 1877-1920, Kortmaterialet tilhører geodatastyrelsen
  8. Foreningen DIS-Danmark, Bild aus: Slægten Breiner in: Slægtsarkivet, Aug 1884/86
  9. Danske Slægtsforskere Bild aus: Slægt & Data December 2004

weiterführend:

Herbert Schmidt; Kolonistenatlas der Heide-und Moorkolonisation im Herzogtum Schleswig 1760-1765, Wachholtz Verlag 2011
Otto Clausen; Chronik der Heide und Moorkolonisation im Herzogtum Schleswig (1760–1765), Husum Verlag 1981


10 Bild des Denkmals wikimedia, Calvin, 11.04.2005, public domain

11 Aussschnitt aus dem Meßtischblatt Nr.1422 Jübek – GERMANY 1:25.000 Reichsamt für Landesaufnahme (Deutschland / Army Map Service, Corps of Engineers (USA) / War Office (Großbritannien) / Service Géographique des F.F.A. (Frankreich)

12 Bittbrief zu Entlassung, Dänemark – vielen Dank an Anatol Gehweiler (1952-2015), der mir dieses Dokument zur Verfügung stellte

 

Deutsche Kolonisten

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