Zur Erinnerung an unsere Vorfahren, die als Migranten aus Süddeutschland in die Welt zogen

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Hermann Wilhelm Seifert Teil 1

Am 7. Juni 1913 heiratete Uropa Wilhelm in Altlandsberg Anna Marie Luise Paul. Uroma wurde dort am 28. Februar 1893 geboren.

Von Beruf war sie in jungen Jahren Weißstickerin der Kaiserin Auguste Victoria.

Die Weißstickerei, beschränkt sich auf Verzierung der Wäsche und des Tischzeugs in Leinwand oder Baumwolle. In der so genannten französischen oder hugenottischen Weißstickerei herrscht mehr der Plattstich, in der englischen (der durchbrochenen Arbeit) der Bindlochstich vor; doch kommen bei beiden noch der Languettenstich und verschiedene Phantasiestiche zur Anwendung. Die venezianische Weißstickerei, bei der stellenweise der Grund nach der Arbeit entfernt wird, so dass die durchbrochenen Stellen durch feine Fadenverschlingungen gefüllt werden, streift schon nahe an die Spitzennäherei.

Sie beherrschte das Sticken und Nähen außerordentlich gut, was ihre Wäsche zu Hause bewies, dort gab es auch sehr schöne Gobelins, sie hatte unter anderem zahlreiche Kissenplatten mit diesen Millimeter großen Stichen bestickt, die Geduld dafür habe ich immer sehr bewundert.

Das junge Ehepaar zog in die Junkerstrasse 54 in Potsdam, hier kamen mein Opa Fritz und dessen Bruder Heinz zur Welt.

Leider war ihre Freude an der jungen Ehe schnell getrübt, da der Krieg über sie herein brach. Wie es meinen Urgroßmüttern und ihren Kindern erging, kann man sich vielleicht besser vorstellen, wenn man sich meine Ausführungen über den Steckrübenwinter 1916/1917 in Erinnerung ruft.

Zu dem Foto der beiden Söhne erzählte meine Mutter mir folgende Familiengeschichte:

„Sie sind im Sommer immer für 4-5 Wochen nach Kapsdorf in ihre schlesische Heimat gefahren. Ur-Opa hatte dort noch 4 oder 5 Geschwister, die dort ihr Land hatten und Bäcker oder auch Fleischer waren. Die Ur-Oma fuhr also mit den beiden Jungs, mit dem Zug vom Schlesischen Bahnhof ab. Sie mußten früh aufstehen, da war es noch dunkel und später im Zug, als es hell war, sah sie, dass Opa in seinem Anzug wie in einer Presswurst saß und Onkel Heinz in seinem fast ertrank. Im Dunkeln hatten sie die Anzüge vertauscht !

Ur-Oma, sie hatten damals auch nicht viel Geld, fuhr mit den Jungs von einer Verwandtschaft zur anderen, und nähte und flickte und besserte Wäsche und Kleidung bei ihnen aus. Die Kinder erholten sich, bekamen frische gute Sachen zu essen, denn alle hatten Landwirtschaft und Viehzeug. Sie lernten so ihre Cousins und Cousinen kennen, Onkel u. Tanten und lernten auch gleich, wo die Kälbchen, Ferkel und Küken her kommen. Sie hatten den Stadtkindern so Einiges voraus ! Wenn Ur-Oma in den 4 Wochen so fast alle besucht hatte, kam Ur-Opa für die letzten 14 Tage und holte sie ab. Im Gepäck dann schöne Dinge, wie frische Eier, Speck und Wurst, selbst gebackenes Brot und Geschlachtetes, das dann noch eine Weile an die schönen Ferien in Schlesien erinnerten. Noch eine Anekdote aus dieser Ferienzeit: Opa und Onkel Heinz liefen dort, wie die Dorfkinder, natürlich barfuß. Opa war in einen Kuhfladen getreten, die „Schiete“ quoll durch die Zehen und Opa sagte zu Onkel Ernst, dass er in „Muh-AA“getreten ist, der sagte: „Was, „Muh-AA“ ? Kuh-Scheiße ist das!!!“ Wir haben mit Opa alle gelacht, es war immer nett, wenn wir von „Alten Zeiten“ gesprochen haben.“

Kaum war der Krieg zu Ende, kehrte Uropa an seinen angestammten Arbeitsplatz zurück. Arbeit gab es genug, jedoch gelang es zunächst in keinster Weise, wirtschaftlich voran zu kommen. Deutschland hatte als Folge des Krieges Reparationen zu leisten, das Geld verlor von Tag zu Tag mehr an Wert, die Kaufkraft schwand dahin. Am 15. Juli 1920 erhielt man in Potsdam einen 50 Pfennig Gutschein als Notgeld. Eine neue Auflage vom 28. November 1921 war mit verschiedenen Soldatenmotiven sehr ansehnlich, aber faktisch wertlos.

Politisch gärt es gewaltig im Staat. Bereits am 13. März 1920 versuchten rechtsgerichtete Militärs durch einen Putsch in Berlin die Regierung zu übernehmen und die Weimarer Republik zu stürzen. Weitere Unruhen fanden 1921 statt, am 24. Juni 1922 wurde der Reichsaußenminister Walter Rathenau durch einen Attentäter im Grunewald erschossen. Schließlich marschierten am 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein, da sich die Reparationszahlung geringfügig verzögert hatte. Die Reichsregierung proklamierte den „passiven Widerstand“, der folgende Generalstreik lähmte die Wirtschaft. Nun geriet die Inflation völlig außer Kontrolle, im November 1923 zahlte man 4,2 Billionen Deutsche Papier-Reichsmark für einen US-Dollar. Im Dezember 1918 erhielt man diesen noch für 7 RM!!

Der 100 Millionen Schein wurde nicht einmal mehr auf der Rückseite bedruckt, da man mit der Gelddruckerei gar nicht mehr hinterher kam. Oma erzählte dazu immer, wie sie als Kind einen Millionenschein fand und dachte, nun sei sie reich. Voller Freude lief sie zum Krämer und war schwer enttäuscht, als es dafür nur einen Schokoladenmaikäfer gab.

Sie erzählte aber auch, wie die Frauen zum Fabriktor liefen, um freitags dem Wochenlohn ihrer Männer in Empfang zu nehmen und eiligst einzukaufen, da man am Montag für das Geld schon nichts mehr bekam. Ein 1000g Brot kostete zuletzt 428 Milliarden Mark in Berlin.

Die Inflation bedeutete für Uropa ebenfalls einen Verlust ganz anderer Art. Ihm sollte sein Erbteil ausgezahlt werden, er hatte die Wahl, ob er Geld möchte oder Immobilienbesitz in Schlesien. Seine Brüder hatten dort alle vom Vater ein Haus mit Grund und Boden erhalten, in dem sie ihr Handwerk ausübten. Uropa hatte sich dagegen entschieden und meinte, seine Entscheidung sollte uns eine Lehre sein, Land bleibt, Geld ist „futsch“, seines reichte noch, um sich einen Mantel dafür zu kaufen.

Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung Berlin2

Um der Verelendung Einhalt zu gebieten und eine erneute Hungersnot abzuwenden, wurde Ende 1923 eine Währungsreform durchgeführt. Eine Billion Mark wurde in eine Rentenmark getauscht und sorgte dafür, dass sich das Leben ab 1924 wieder normalisierte.

Eine neue Sorge bahnte sich für meine Urgroßeltern im Winter 1926/1927 an, als ein Hochwasser die Pegelstände von Nuthe und Havel bedrohlich steigen ließ. Die Wiesen zwischen Horstweg und Schlaatz standen ebenso unter Wasser, wie der Park von Sanssouci und die Bahnlinie im Wildpark. Da weite Teile Potsdams auf einem sumpfigen Untergrund erbaut wurden, stieg das Wasser in den Kellern und flutete das Heizmaterial ebenso, wie das Eingeweckte. Dazu erzählte meine Grundschullehrerin einst, wie sie als Kind in der Zinkwanne im Keller der Großeltern zum Regal mit dem Eingeweckten paddelte. So lustig es sich anhörte, so gefährlich war das für die Gesundheit der Stadtbewohner. Nässe und Kälte bringt Erkrankungen mit sich, Typhus war Potsdamern nicht unbekannt, doch nun brach mit dem Beginn des Jahres 1927 eine erneute Grippe-Epidemie aus.

Trotz allem, innerhalb kürzester Zeit änderte sich das Leben, man ging zu Sportveranstaltungen, saß am Rundfunkgerät, legte Schallplatten auf und ging tanzen. Die „Goldenen Zwanziger“ wurden für viele zum „Tanz auf dem Vulkan“, am 24. Oktober 1929 kam es zum Börsencrash in New York, dieser läutete die Weltwirtschaftskrise ein.

Die Folge war auch in Deutschland zu spüren, Anfang 1931 waren bereits fünf Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Der Deutsche war schon damals ein Protestwähler und machte bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 wutentbrannt sein Kreuz bei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), 37% der Stimmen entfielen auf einen wortgewaltigen Mann, der ein neuer „Heilsbringer“ sein sollte. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde nicht nur das Ende der Weimarer Republik am 30. Januar 1933 besiegelt, aber das ahnte noch keiner.

Uropa und Uroma wohnten inzwischen längst in der Junkerstrasse (Gutenbergstraße) 89. Zu ihrer Wohnung gehörten die beiden Fenster unten rechts vom Eingang des gelben Hauses. Hier lag ihr Wohnzimmer, nach hinten hinaus das Schlafzimmer. Über den Flur ging es in die Küche und ein kleines Zimmer, in dem Opa und sein Bruder schliefen. Auch Schlafgäste, wie man das damals nannte, wenn man Betten vermietete als kleine Nebeneinnahme.

Hinter dem Haus war ihr Garten und Uropa´s Schuppen. Dort hatte er eine kleine Werkstatt mit allerlei Sattlermaschinen. Im Garten wurde sogar Tabak angebaut und nach der Ernte getrocknet, um die Pfeife zu stopfen oder eine Zigarre zu drehen.

Mit in den Garten zu gehen, bedeutete, die Werkstatt zu besuchen, für mich immer etwas besonderes, vor allem, weil ich mir dann einen Ball aussuchen durfte. Davon stand ein ganzer Sack in der Ecke, über Jahre gesammelt im Garten von all den Kindern, welche ihm ihre Bälle über die Mauer schossen und sie nicht mehr abholten. Uropa hatte es aufgegeben, sie aus seinen Beeten zu sammeln und zurück zu werfen, sie lagen alsbald wieder da – zu meiner Freude.

Als Kind bewunderte ich Uroma´s mannshohe Staude. Die straffen grünen Pflanzen mit ihren wunderbaren satt gelben Blütenbällen, auf welchen sich viele Insekten nieder ließen, pflanzte ich als Ableger in meinen Garten, viele Teilungen und Umzüge hat sie inzwischen überlebt.

Doch zurück zur Geschichte, am 7. April 1933 wurde ein „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, Zweck war der Nachweis der „arischen“ Abstammung, Beamte und öffentliche Angestellte mussten, um weiterhin im Dienst bleiben zu können, ihre Eltern und Großeltern belegen. Hier war Sohn Fritz, mein Opa, betroffen, da er im Januar 1934 Schutzpolizist wurde.

Bald darauf waren Ärzte und Rechtsanwälte genötigt, am 15. September 1935 wurden alle Bürger mit den Nürnberger Gesetzen gezwungen, einen Ariernachweis zu führen, daher wurde eine „Reichsstelle für Sippenforschung“ (Reichssippenamt) gegründet. So kam es zu einer regen Ahnenforschung, von der ich erheblich profitiert habe, da alle Verwandten angeschrieben wurden, um die Familiendaten zu erfassen. Viele dieser Dokumente sind uns erhalten geblieben.

Potsdam- Wilhelmsplatz, Synagoge ganz links3

Während beide Söhne inzwischen bei der Luftwaffe waren und der Arbeitsalltag seinen Lauf nahm, zog eine schwarze Gewitterfront über Deutschland auf, nicht nur die Verdrängung der jüdischen Bevölkerung per „Ahnenpass“ aus dem öffentlichen Laben wurde tatenlos mitangesehen, am 1. Oktober 1938 zog eine deutsche „Schutztruppe“ für die Deutsche Minderheit in die Tschechoslowakei ein und half bei der Errichtung des „Protektorats“. Am 9. November 1938, währen der „Reichskristallnacht„, wurde die Potsdamer Synagoge zerstört und geplündert, ebenso jüdische Geschäfte, der jüdischen Friedhof. Menschen wurden geschlagen, vertrieben, verhaftet – jüdische Menschen.

Später, als dieser Platz „Platz der Einheit“ hieß, stand ich öfter im Durchgang neben der Hauptpost. Man gelangte von hier zu den Häusern und einer Grasfläche, an der Wand zur Post war eine Tafel eingelassen – „An dieser Stelle stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde Potsdams. In der Nacht vom 9. zum 10. Nov. 1938 wurde sie von den Faschisten ausgeplündert und zerstört.“

Natürlich hörte man im Unterricht einiges, aber ich hatte beim Anblick dieser Tafel immer die Vorstellung von lauter bunten Glasbruchstücken, die auf dem Boden lagen, da ich mir vorstellte, die Fenster waren, wie in den anderen Kirchen, bunt verglast. Alleine diese Vorstellung erschien mir als ungeheurer Frevel. Die freie Grasfläche im Innenhof hatten die Potsdamer beim Wiederaufbau ihrer Stadt nach dem Krieg angelegt, um der jüdischen Gemeinde einen Platz für den Neuaufbau zu schaffen.

Nach diesem „Auftakt“ wurde im März 1939 die restliche Tschechoslowakei „kampflos“ besetzt, das Memelland per Vertrag wieder an Deutschland angegliedert und Hitlers 50. Geburtstag im Reich gefeiert. Nach Bekanntgabe eines Abkommens mit der Sowjetunion im August erklärt Hitler den Oberbefehlshabern der Wehrmacht, dass der Krieg gegen Polen unmittelbar bevorstehe, gleichzeitig unterzeichneten die Außenminister von Ribbentrop und Molotow in Moskau einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der in einem Geheimen Zusatzabkommen die Interessengebiete in Osteuropa aufteilte.

Uroma und Uropa hatten am 7. Juni 1938 Silberhochzeit feiern können, zwei Söhne in der Luftwaffe, Fritz hatte bereits seine Braut „Irmi“ ins Haus gebracht, doch mit dem Überfall auf Polen durch die Beschießung von polnischen Munitionslagern auf der Westerplatte bei Danzig begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Fortsetzung


Quellen: Privatarchiv
Wikipedia

2Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung Berlin vom 25. November 1923, S. 2
3Potsdamer Synagoge am Wilhelmplatz, ganz links, neben den Hauptpostgebäude, 1945; Wikimedia: Von Bundesarchiv, Bild 170-295 / Max Baur / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Hermann Wilhelm Seifert

Mein Urgroßvater Hermann Wilhelm Seifert kam am 9. September 1888 in Kapsdorf (Czernczyce), Kreis Schweidnitz zu Welt und erlernte den Beruf eines Sattlers. Seine Brüder wurden Metzger, Bäcker und Bauer.

Warum er sich im Jahre 1907 nach Berlin aufmachte, um dort eine Anstellung zu finden, ehe er in der Potsdamer des Gardes du Corps Kaserne ebenfalls als Sattler tätig war, ist nicht wirklich sicher. Vielleicht, weil er sich hier ein besseres Auskommen versprach, vielleicht hatte er auch ein bisschen Fernweh und wollte mehr von der Welt sehen. Möglicherweise hatten Erzählungen der Familie ihn für die Gegend interessiert, da bereits ein Bruder seines Großvaters mütterlicherseits in jungen Jahren nach Fürstenwalde an die Spree kam, um Brauer zu werden. Leider wurde er nur 19 Jahre alt, da er in den Braukessel stürzte und an den Folgen der Verbrühung starb.

Möglich ist aber auch, dass er durch den Militärdienst nach Berlin gelangte und daher in der Kaserne als Sattler blieb.

Kaiserpaar1

Seinen Militärdienst leistete er laut Familienerinnerungen als Kürrassier des Gardes du Corps, Inhaber des Regiments waren Seine Majestät der Kaiser und König Wilhelm II., Berlin, Garde-Kavallerie-Division Berlin, 1. Garde-Kavallerie-Brigade Berlin, Garnison Potsdam.

Parade am Stadtschloss, Potsdam 1910

Die Kürassiere trugen bei der Parade natürlich eine Uniform, die nicht im Felde zum Einsatz kam. Um 1894 sah ihre Uniformteile so aus, wie dargestellt. Als einziges Kürassierregiment hatte das GdC zwei Sätze von Kürassen. Neben den blank polierten, hatte jeder Kürassier noch einen zweiteiligen (Brust- und Rückenstück) schwarzen Kürass. Die schwarzen Kürasse, siehe Reiterbild, hatte der russische Zar dem Regiment 1814 als Zeichen der Freundschaft und Bündnistreue zum Geschenk gemacht.

Nach Familienerzählungen besaß dieser Kürass noch einen Kugelschuss, sichtbar als Vertiefung, um die Schussfestigkeit zu prüfen.

Bereits am 4. April 1911 nahm er seine Arbeit als selbständiger erster Sattler in der Wagenfabrik Kesslau auf und feierte hier am 4. April 1956 sein 45. Betriebsjubiläum.

Die Wagenfabrik des Gustav Kesslau wurde bereits 1860 gegründet und hatte ihren Sitz in der Elisabethstraße 20, später Charlottenstrasse 61 in Potsdam. Sie war weit über die Grenzen Deutschlands hinweg für ihre Pferdewagen, Kutschen, von Pferden gezogenen Omnibusse, Krankenwagen und Pferdeschlitten bekannt.

So inserierte man auch in der Ostafrikanischen Zeitung.

Menelik II.

Als Sattler hatte Uropa in einige Kundschaft, zu der auch echte Berühmtheiten zählten. So durfte er eine Kalesche bauen für Menelik II. Kaiser von Äthiopien.

Deutschland eng verbunden, fuhr Menelik II. übrigens auch einen Double-Phaeton 35 HP, den er 1908 von dem deutschen Geschäftsmann Arnold Holtz als Geschenk erhielt.

Zu dem Geschäftsfeld der Wagenfabrik gehörten natürlich auch Ausstattungen der Kraftfahrzeuge, u.a. der Phaeton, die als Karosserie geliefert, von ihnen aufgebaut wurden.

Einen kleinen Überblick bieten Kataloge der Firma aus unserem Familienarchiv. hier und hier

Die Jagdleidenschaft Hermann Görings, dessen Waldhof „Carinhall“ in der Schorfheide ganz in Potsdamer Nähe lag, fanden mit dem Jagdwagen, welcher von meinem Urgroßvater gebaut wurde, sogar Erwähnung in der Historie. Selbst in den Erinnerungen von Zeitzeugen, gesammelt vom Deutschen Museum für Geschichte in Berlin, findet er sich wieder, mit der Erinnerung an dessen Füchse, aber auch die Ponys der Kinder, welche vorgespannt wurden.

Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch die Kundschaft, so fertigte er für den russischen Stadtkommandanten von Potsdam, Oberst Andrej Werin eine Kalesche, welche mit rotem Leder ausgeschlagen war.

Als Kalesche wurde ein leichter, offener Wagen bezeichnet, welcher ursprünglich mit einem einzelnen Pferd bespannt, später auch zwei- und vierspännig gefahren wurde, wie man auf neben stehendem Bild sehen kann.

Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 102-17986
Schorfheide, Lord Edward Frederik Halifax, Hermann Göring2
Quelle: Wikipedia – © Janez Novak Kalesche3

Nach 1945 gelang der Wagenfabrik der Sprung in die Moderne durch ihre Karosseriebau-Tradition. Es wurden IFA-Karosserien repariert und Karosserien des  Schienentrabis gebaut. Der Schienentrabi Typ 1 war ein Gleiskraftrad (GKR ) und wurde Ende der fünziger Jahre als Kontrollfahrzeug entwickelt, das auf Schienen zum Einsatz kam. Die Verwendung war unter anderem bei den Bahnmeistereien. Der Name Schienentrabi kam durch die Verwendung des Trabant P50 als Basis des Antriebs, die technische Entwicklung wurde im VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ Babelsberg, Außenstelle Berlin-Adlershof vorgenommen. Die Karosserien eines etwas weiter entwickelte Typs wurden bei Kesslau zwischen 1962 und 1965 gefertigt.4

Fortsetzung


Quellen: Privatarchiv
Wikipedia
1Wikimedia: Kaiserpaar; Empress Auguste Viktoria (1858-1921) and emperor Wilhem II (1859-1941) of Germany. Postcard from circa 1910 in the collection of Fredrik Tersmeden (Lund, Sweden). Photographer: Th. Voigt, Homburg; public domain
2Wikimedia: Schorfheide, Lord Edward Frederik Halifax, Hermann Göring; 20. November 1937; Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl (Bild 102); Bundesarchiv Bild 102-17986; CC-BY-SA 3.0
3Wikimedia, Kalesche; Foto: Janez Novak; Castle Podstreda; CC BY-SA 3.0;Erstellt: 22. September 2007
4Geschichte des Gleiskraftrad Typ 1

Fritz Teil 2

Nach der Schließung der Grenze wurde Opa Fahrschullehrer beim Kraftverkehr, das hatte er bereits einmal während der Militärzeit gemacht. Und ausgerechnet mein Opa, als Fahrschullehrer mit der Straßenverkehrsordnung bestens vertraut, immer darauf achtend, dass der Fahrschüler keine Fehler macht, ließ alle Regeln außer acht, als ich mich auf den Weg ins Leben machte. Natürlich viel zu früh und ohne große Vorankündigung in die Geburtstagsfeier meines Vaters platzend, gab Opa Gas und schaffte es tatsächlich, meine Geburt auf dem Rücksitz seines Trabis zu verhindern. Auf dem Foto inspiziere ich ihn im Alter von 3 Monaten eingehend während eines Ausflugs an den Templiner See.

Seine Fahrlehrerkarriere fand ein Ende, als der Fahrschüler trotz aller Vorsicht und Umsicht in einen Unfall verwickelt wurde, bei dem sich Opa Wirbelbrüche zuzog. Bei seinem ehemaligen Kollegen habe ich noch den Autoführerschein gemacht, mit dem eigenen Trabi, man klemmte nur ein Fahrschulschild auf das Dach und ein paar zusätzliche Pedale für den Fahrlehrer an, das war alles. Mulmig war mir aber erst, als auf dem Leipziger Dreieck rechts und links neben mir zwei riesige russische LKWs standen und ich mir ausmalte, was passiert, wenn sie mich übersehen würden beim Abbiegen. Meinen Fahrschullehrer störte das weniger, er sang laut schallend neben mir die märkische Hymne „Steige hoch, du roter Adler“.

Doch zurück zu Opa Fritz. Inzwischen war er Meister der Kraftfahrzeuginstandhaltung, da er neben seinem Beruf ein Fernstudium absolviert hatte zwischen September 1960 und Juni 1962. Danach qualifizierte er sich 1964 in Lehnin zum nebenberuflichen BfN-Bearbeiter, BfN war das Büro für Neuererwesen. Viele Ideen hatte er ja immer, eine davon war ein Fahrschultrainer. Ich nehme an, der Unfall inspirierte ihn dazu, eine Lösung zu entwickeln, wie man den Schüler erst auf den Verkehr loslassen musste, wenn er die Grundprinzipien des Fahrzeuges verstanden hatte.

Wie es häufig bei Menschen mit Erfindungsgeist ist, ihr Name bleibt ungenannt, ein Patent wurde nie in Erwägung gezogen und so ernten andere den Ruhm.

Am 1. Mai 1965 zeichnete man in Karl-Marx-Stadt mit dem Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ eine überbetriebliche Arbeitsgemeinschaft für ihren Fahrtrainer aus, der dem Fahrschüler nun das Rüstzeug mitgeben sollte in Form von Trockenübungen, da der Leiter der Hauptverwaltung im Ministerium für Verkehrswesen, Ing. oec. Seeling, die städtische Fahrschule zur Musterfahrschule der Republik aufbauen wollte1. Interessanterweise hatten die praktischen Tests durch erste Fahrschüler in einem Wartburg-Torso stattgefunden, sie sahen, so wie Opa sich das überlegt hatte, einen Film mit Straßenverkehr, während sie das Auto steuerten.

Im September 1968 saßen in Berlin schon 30 Fahrschüler gleichzeitig in einem Raum im Fahrschultrabant und „fuhren“ entsprechend des ablaufenden Films ihre Strecke, dabei wurden alle Lenk-, Schalt-, Kupplungs-, Brems- und Gasbewegungen aufgezeichnet. Ebenso, ob man geblinkt hatte oder nicht2. Der Streifen Papier, der dabei entstand, wurde mir damals auch mitgegeben, als Beleg, die Fahrtrainerstunden bestanden zu haben. Das Kybexgerät zeichnete bereits 1968 auf, ob Fahrschüler richtige oder falsche Antworten in der Theorieprüfung gaben, entsprechend leuchteten rote oder grüne Lampen auf, die der Fahrschullehrer sah2.

Im April 1968 wurde Opa anlässlich seiner zehnjährigen Betriebszugehörigkeit im VEB Güterkraftverkehr und Spedition für seine vorbildliche Pflichterfüllung, großen Fleiß, einwandfreie Arbeitsausführung bei den umfangreichen Transportaufgaben und erfolgreichen Arbeit bei der Entwicklung des Betriebes zu einem sozialistischen Großbetrieb ausgezeichnet.

Bereits zu meiner Geburt besaßen Oma und Opa ein eigenes Auto. Der Verkauf der LKWs sorgte für die notwendigen Mittel und so wurde ein Trabant angeschafft. Einen solchen besaßen wir viele Jahre später ebenfalls, im Westen belächelt, im Osten ganzer Stolz der Besitzer. Vor allem war das Fassungsvermögen des Kofferraumes enorm und die gebogene Heckklappe öffnete sich entsprechend weit. So war die Ausführung des 500er sehr beliebt bei „Muckern“ (Bauern) und allen, die etwas zu transportieren hatten, egal ob Kartoffelsäcke oder Waschmaschine.

Oma, die als Sekretärin und Stenotypistin inzwischen ebenfalls beim Kraftverkehr arbeitete, lernte das Fassungsvermögen allerdings auf andere Weise kennen. Bei einer Urlaubsfahrt nach Thüringen sprang ihnen ein Hirsch durch die Frontscheibe ins Auto und rutschte bis zur Rückbank ins Auto. Sie hatten beide wirklich unglaublich viel Glück, da er wegen des Geweihs nicht mit dem Kopf hineingelangte und sie sich unverletzt unter dem Tier hervor graben konnte. Sie hatte sich auf der langen Fahrt auf der Rückbank zum Schlafen ausgestreckt und wurde auf diese Weise sehr unsanft geweckt.

Wir Kinder schliefen ebenfalls häufig auf der Rückbank, da dort das Bettzeug lag, welches für die Campingausflüge mitgenommen wurde. Dort eingekuschelt, zu Füßen die Kühltasche und alle möglichen anderen Dinge, war man ruckzug „weg“ und die Probleme des „Sind wir schon da?“, kamen gar nicht erst auf. Wir sind dann ausgeschlafen ausgestiegen, mitunter längst, von uns unbemerkt, am Ziel.

Beide besaßen einen Wohnwagen mit Vorzelt, auch hier war Opa aktiv und entwarf alles nach ihren eigenen Bedürfnissen, unter anderem bekam er eine Auflaufbremse. Später übernahm mein Onkel das Schmuckstück und hegte und pflegte es weiter. Wer ihn heute sehen möchte, kann das im Museum der Firma Hymer tun.

Dieser Wohnwagen ist mit seinem Zelt in meinen Erinnerungen natürlich viel größer, als er es tatsächlich war, es gab eine kleine Kochnische und der Tisch war versenkbar, damit alle Platz zum Schlafen hatten. Einmal waren beide unterwegs ins Dorf, wir waren auf ihrem Stammplatz am Plessower See, wo sie durch die vielen Campingjahre eine Menge Bekannte hatten. Es fing an zu regnen, so stark, es sah aus, als wäre der Wohnwagen unter Wasser, da der Regen keine Tropfen mehr bildete, sondern eine grüne Flut darstellte. Bald blitzte, donnerte und krachte um uns herum und wir machten uns große Sorgen, da beide unterwegs waren. Plötzlich tropfte es oben durch die Lucke. So gut die Dichtung war, diesen Guß hielt sie nicht aus. In unserer Not kamen wir auf die Idee, Kaugummi hineinzudrücken. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte es auf zu regnen und beide trafen mit den Einkäufen ein. Wir beichteten Opa, das nun Kaugummi an der Deckenöffnung klebte, das war das einzige Mal, dass er sich freute, dass wir welches hatten.

In den nun folgenden Jahren entwickelte sich der Betrieb zum VEB Kombinat Kraftverkehr Potsdam, Stammbetrieb Güterkraftverkehr und Spedition Babelsberg, Opa, der inzwischen als Justiziar arbeitete, wurde am 7. Oktober 1970 und am 6. Februar 1980 zum Aktivist der sozialistischen Arbeit ausgezeichnet.

Die Urlaubsfahrten änderten sich auch, es ging nicht mehr mit dem Wohnwagen auf die Campingplätze, sondern nach Kemnitz. Gegenüber des angestammten Campingplatzes hatte der Kraftverkehr am Seeufer eine Badestelle, zu der sein Ferienlager gehörte. Daneben konnten Oma und Opa sich ein idyllisches Grundstück schaffen, mit einem kleinen Wochenendhaus.

Hier werkelte Opa natürlich in seiner Freizeit und baute einen kleinen Erdkeller, um Getränke kühl zu halten, einen Schuppen für Werkzeug und Toilette, eine Ecke für den Kamin, um lange Abende draußen am Feuer sitzen zu können. Oma pflegte den Garten und wir Kinder verlebten hier schöne Stunden, lernten schwimmen und wanderten mit beiden um den See.

Eines Tages hatte Opa auf dem Grundstück eine Robinie fällen wollen. Als er merkte, der Stamm wollte nicht so wie er, überlegte er, ob er seinen Sohn um Hilfe bitten sollte und ging daher die Hände im Seewasser abspülen. Er, der uns immer gewarnt hatte, ohne Badelatschen an die Schilfkante zu gehen, damit wir uns nicht die Füße aufschneiden, machte genau das. Dieser Schnitt brachte ihn ins Krankenhaus zum Nähen. Als wir ihn dort besuchten, meinte er nur: „Ich sage Euch eines, alt werden ist Mist. Mein Kopf ist noch 18, aber dieser alte Körper schafft auch gar nichts mehr.“ Da war er bereits 80 Jahre !

Das Autofahren gab er kurz darauf auf. Er war sein ganzes Leben ein umsichtiger Fahrer, hatte nie einen Unfall verschuldet, aber er merkte, wie sehr ihn der immer stärker zunehmende Straßenverkehr belastete. So entschied er, seinen Führerschein abzugeben.

Die Zeiten und damit verbunden die Grundstücksverhältnisse änderten sich. So kam der Abschied von ihrem geliebten Wochenendhaus, ein wehmütiger letzter Gang, der Oma und Opa sehr geschmerzt hat.

Beide waren zwischenzeitlich aus ihrer alten Wohnung ausgezogen, da die Schlepperei mit Kohlen ein Ende haben musste. Nun genossen sie ihre Zeit auf „Balkonien“ mit weitem Blick über Potsdam.

Leider wurde Opa sehr krank und es stand daher ein letzter Umzug an, um vor allem Oma von der Pflege zu entlasten. Beide verbrachten ihre letzten gemeinsamen Jahre im Altersheim, wo Opa am 31. Januar 2006 sein erfülltes und erlebnisreiches Leben vollendete.

Er hatte einen Bogen aus dem Kaiserreich bis in die Bundesrepublik geschlagen, politische Systeme kommen und gehen gesehen.

Gewiss, er war manchmal dickköpfig, sehr streng mit sich und anderen, sicher kein einfacher Charakter, aber er war der beste Opa, den ich hätte haben können. Er erzählte auf die spannendste Weise bei Spaziergängen durch die Schlösser und Gärten von der Geschichte Brandenburgs. Wusste unglaublich viel, vermittelte mir den Drang, nach den Vorfahren und ihren Geschichten zu suchen und vor allem eines, ein tiefes Heimatbewusstsein. Seine Lebensweisheiten begleiten mich bis heute.

Danke für alles, was Du mir auf den Lebensweg mitgegeben hast.

Die Tränen alle die ich weine, Du siehst sie nicht, nicht meinen Schmerz. Was ich an Dir verloren habe, das allein weiß nur mein Herz.


Quellen: Familienarchiv
wikipedia
1Neue Zeit vom 25. Mai 1965 S. 7
2Neues Deutschland vom 28. September 1968 S.8

Fritz Teil 1

Am 1. April 1946 konnte sich Opa Fritz, frisch aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen, in Woltwiesche melden. Hier wurde ihm am 3. Mai 1946 ein vorläufiger Ausweis ausgestellt.

Die Möglichkeit, im Niedersachsen einen Neuanfang nach dem Krieg zu beginnen, stand ihm offen, er kam als Reichsbahn-Beamten-Anwärter und Schlosser zu Büssing-NAG Braunschweig und war nicht allein, da seine Schwägerin hier Verwandtschaft hatte.

Doch letztlich entschied er sich, nach Potsdam heimzukehren, hier lebte doch die ganze Familie, Frau, zwei Kinder, die Eltern. Am 23. Mai 1946 gestattete ihm das Arbeitsamt Braunschweig die Kündigung unter der Auflage, tatsächlich in den russischen Sektor zurückzukehren. Am selben (!) Tag stempelt man in Potsdam einen vorläufigen Ausweis, da dem „Zuzug“nichts entgegenstand.

Er war zu Hause.

Das vor allem durch den Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 zerstörte Stadtzentrum mit St. Nikolai, im Vordergrund die Trümmer vom Palast Barberini (Foto 1.1.1947)1

Die Stadt seiner Kindheit lag in Trümmern, so begann zunächst eine Phase des Aufräumens, auch Oma war nun Trümmerfrau.


Anderthalb Jahre später, am 28. Januar 1948, nahm er bei Auto-Ebel eine Tätigkeit als Werkmeister auf und blieb dort bis zum 21. August 1951. Die Firma hatte einen guten Ruf in Potsdam. Die einstige Schmiede in der Potsdamer Luisenstraße hatte bereits 1898 den Hufbeschlag der Garnisonspferde durchgeführt, später den königlichen Fuhrpark mit seinen Kutschen und Equipagen betreut. Ab 1910 wurden Kraftfahrzeuge in den Service übernommen, ab 1937 offerierte man den Service für anspruchsvolle Automobile wie Opel, Steyr, Maybach, Adler oder DKW.

In der Zwischenzeit reifte der Plan, sich als Fuhrunternehmer selbstständig zu machen. Dazu war es nötig, einen LKW zu besitzen.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit als Kind, wenn es hieß, Opa geht zur Garage. Das war für uns ein geheimnisvoller Ort und es gab keine Sekunde des Zögerns, wenn er fragte, ob man mitkommen möchte. Die Garage war ein Erinnerungsort, auf dem Weg und dort erzählte er viel von „früher“.

Oben, an der sehr hohen Decke, gab es einen schwarzen Fleck vom Auspuff, verursacht beim Starten des Motors. Er erzählte vom Holzvergaser, der unterwegs mit Holzresten gefüllt werden konnte, damit der LKW fahren konnte, von der Kurbel zum Anlassen eines Motors, die auf keinen Fall losgelassen werden durfte wegen des Rückschlages und vieles mehr. Wir lernten hier eine Menge, das man Motoren mit der Öllampe vorwärmen konnte, was er sich alles ausgedacht hatte und wie er seine Ideen umsetzte. So sorgten seine beruflichen Kenntnisse und eine Menge Einfallsreichtum dafür, aus vorhandenen Wracks einen lauffähigen LKW zusammenzubauen. Ein vorhandener Renault-Rahmen bildete die Basis, Aufbauten, Bremsanlagen und weiteres montierte er selbst.

Zu transportieren gab es damals viel und so machte Oma ebenfalls einen LKW-Führerschein. Einerseits faszinierte uns das, andererseits amüsierte es uns, wenn sie erzählte, wie sie sich Holzklötze angebunden hatte, da die Füße nicht an die Pedalen reichten, um die Prüfung zu machen. Natürlich kümmerte sie sich um die Buchhaltung, Rechnungswesen war ein Teil ihrer Berufsausbildung gewesen und so ergänzten sich beide ganz vorzüglich.

Die Steuererklärung des Jahres 1952 ist uns erhalten geblieben und zeigt, was der Finanzexperte der CDU, Friedrich Merz, im Jahr 2003 für ein Konzept plante, als er erklärte, sie müsse auf einem Bierdeckel erklärbar sein. Ein Blatt mit allen Zahlen reichte damals dem Finanzamt.

Einnahmen von 20.756,24 M standen Ausgaben von 14.205,74 M gegenüber. Gewinn 6.550,20 M. Das waren monatlich 545,88 M, ein durchschnittlicher Arbeiter in Deutschland bekam etwa 147 M2 im Monat. Das sieht natürlich danach aus, als wären meine Großeltern nun reich geworden. Natürlich nicht, es lebte eine ganze Familie von dem Gewinn und Sparsamkeit blieb weiter an der Tagesordnung, da von Anfang an klar war, ewig würde der aufgebaute LKW den Anforderungen nicht genügen.

Die Auftragslage war gut und so wurde ein zweiter LKW angeschafft. Der Phänomen-Granit 27 war ein Zweitonner des VEB Kraftfahrzeugwerk Phänomen Zittau der ab 1951 gebaut wurde. Der Renault erhielt einen neuen Aufbau, der original für den Granit 27 hergestellt wurde.

Dieser Anhänger war nach eigenen Entwürfen gebaut, da man so auch komfortabler Urlaub machen konnte.

Wenn einer den Campinganhänger und das Reisen damit erfunden hat, so muss das mein Opa Fritz gewesen sein. Wir hörten oft als Kinder, wie Schrank, Bett und Gartenbank auf die LKW Pritsche kamen, meine Urgroßeltern saßen dort und es ging dann in den Urlaub. Natürlich war auch Peter, der Kater, dabei. Er wärmte sich gern auf dem Motor des LKW und einmal war er wohl so voll Schmiere, dass er nach dem Ablecken des Fells Durchfall bekam.

Die Bilder zeigen einige Ausschnitte dieser Urlaubsfahrten und bieten einen kleinen Einblick in das Innenleben der Pritsche.

So idyllisch diese Fotos erscheinen, so tief steckte doch der Krieg noch in ihnen. Es wurde immer wieder berichtet, dass es Momente gab, in denen es hieß: „Flieger, werft euch in den Graben!“ und alles lag wirklich flach auf dem Boden, obwohl beispielsweise nur die Sirene vor der Sprengung von Felsen warnte.

Ab dem 1. April 1958 wurde aus dem selbständigen Fuhrunternehmer der angestellte Spediteur des VEB Güterkraftverkehrs in Babelsberg, der mit seinen eigenen LKWs Ladungen fuhr.

Heute würde man das als Scheinunternehmer bezeichnen, der offiziell als Subunternehmer angefangen hatte, jedoch nur einen Auftraggeber hat und daher letztlich als Angestellter des Unternehmens anzusehen ist. Damals war es eher der „sanfte“ Zwang und die „schleichende“ Enteignung der privaten Unternehmer in Richtung Volkseigentum.

Diese mehr oder weniger freiwillige Zusammenarbeit mit dem VEB Güterkraftverkehr hatte seine Vorgeschichte im Sommer 1949, als eine Industrie-Vereinigung volkseigener Betriebe „Wirtschafts-Kraftverkehr“ für das Land Brandenburg in Potsdam gegründet wurde.

Die Verwaltungen Volkseigener Betriebe (VVB) Kraftverkehr wurde auf Anordnung des Ministers für Wirtschaft vom 5. August 1949 gebildet. Ihre Aufgaben bestanden in der Durchführung von Güter- und Personentransporten mit Kraftfahrzeugen (Bussen, LKW, Taxis), sowie in der Unterhaltung von Kraftfahrzeugreparaturbetrieben. Es existierten sowohl reine Einsatzstellen für den Personen- und Güterverkehr und reine Reparaturbetriebe, als auch beide in Kombination. Diese Vereinigung sollte durch eine Zusammenfassung der volkseigenen Fahrzeuge eine rationellere Ausnutzung des Transportraumes herbeiführen und in Zusammenarbeit mit dem privaten Kraftfahrzeugwesen der Versorgung der volkseigenen Schwerpunkt- und Kommunalbetriebe seine besondere Aufmerksamkeit widmen. Dazu sollten im Lande Brandenburg neun Bezirksstellen eingerichtet werden und zur reibungslosen Aufrechterhaltung des Verkehrs auch eine Anzahl von Reparaturwerkstätten in ihren Wirkungskreis einbezogen werden, unter anderem die Großreparaturwerkstatt Ludwigsfelde bei Berlin3.

Auf der Grundlage der Verordnung über Maßnahmen zur Einführung des Prinzips der wirtschaftlichen Rechnungsführung in den Betrieben der volkseigenen Wirtschaft vom 20. März 1952 wurde die VVB zum 1. Juli 1952 aufgelöst. Mit der Bildung der Bezirke Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) wurden drei Verwaltungen volkseigener Betriebe Kraftverkehr gebildet. Diese stellten ihre Tätigkeit zum 31. Mai 1954 mit der Bildung von Bezirksdirektionen für Kraftverkehr bei den Räten der Bezirke, Abteilung Kraftverkehr, ein.

Opa schaltete damals auch verschiedenen Anzeigen in der „Neuen Zeit“ zwischen 1956 und 1961, da er ein Auto erwerben wollte und Ersatzteile rar waren.

Das Ende seines nunmehrigen Fuhrgeschäftes kam durch den Bau der Mauer am 13. August 1961. Wie er erzählte, war er kreuz und quer durch Berlin und das Umland unterwegs. Für Lieferungen von Potsdam aus ein kurzer Weg, er kam immer über die Glienicker Brücke, die Berliner Straße entlang, auch, als die Grenzen geschlossen wurden, diesmal auf dem Weg nach Hause. Er konnte mit Mühe und Not den Grenzern klarmachen, dass er in Potsdam wohnt und dort seine Familie hatte, die Kontrolle seiner Papiere belegte das und daher ließen sie ihn durch, ansonsten hätte er in West-Berlin fest gesessen. Fortan war ein großer Umweg erforderlich, da jede Fuhre um Berlin herum gefahren wurde, was auf Dauer unwirtschaftlich war und daher andere Strukturen her mussten.

Wieder musste Opa Fritz sich beruflich neu orientieren.

Fortsetzung


Quellen: Familienarchiv
Wikipedia
1Wikimedia: Potsdam, Ruine der Nicolaikirche; von Bundesarchiv, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183) Bild 183-H26014 / CC BY-SA 3.0 de
2Tariflohnentwicklung
3Neues Deutschland, 2. Juli 1949, Jahrgang 4, Ausgabe 152, S. 7

weiterführend zu lesen: Das Kriegsende in Potsdam – Erinnerungen, Dokumente und Fotografien von Zeitzeugen

Fritz

Der junge Mann, der hier so kräftig neben seinem Vater auf dem Trottoir in Potsdam ausschreitet, ist mein Opa Fritz, geboren am 6. Februar 1915 in Potsdam.

Mich faszinierten diese großen ausgetretenen Steine mit ihrem Moos in den Fugen als Kind. Das hier schon der „Alte Fritz“ entlang gegangen sein könnte, dann der „junge“, genau wie ich, wenn ich zur Schule lief, trotz zweier Weltkriege, erschien mir damals unfaßbar. Ebenso mochte ich das Wort „Trottoir“, niemand sagte Bürgersteig und am Rand lag ein Bordstein, der nicht aus Beton bestand, wie heute.

Potsdamer hatten eine Reihe von Wörtern in ihren Sprachschatz übernommen, der zeigte, wie stark der Einfluß der angesiedelten Hugenotten war. Allerdings vereinfachte mein Opa manches auf eine lustige und kindgerechte Weise. So auch die Herkunft der Wortes Trottoir, indem er meinte, das kommt davon, weil Kinder hier entlang „trotten“. Es gab so einige dieser Wortspielereien – der Löwe heißt Löwe, weil er durch die Wüste „löwt“ und mehr, was zu immer neuen Ideen reizte.

Das Foto dürfte gegen Ende seiner Schulzeit aufgenommen worden sein. Danach begann er eine Elektrikerlehre, sein Lehrbuch der Berufsschule besitze ich noch, auch einige seiner Schulbücher.

Nach kurzer Zeit merkte er jedoch, sein Talent lag nicht in diesem Bereich, da es ihm Fahrzeuge angetan hatten. So wurde er Maschinenschlosser bei August Schließmann Automobile G.m.b.H in Potsdam. Ein Umstand, der ihm im späteren Leben noch sehr nützlich sein würde.

Die Lehrzeit dauerte von 1. Juli 1929 bis zum 2. Juli 1932.

Da man in jungen Jahren zur Tanzschule ging, lernte er bereits in seiner Lehrzeit meine Oma Irmgard kennen, die zur höheren Handelsschule ging.

Nach seiner Ausbildung ging Opa im Januar 1934 zur Schutzpolizei, Omas damals bereits verstorbener Vater und ihre Onkel waren bei der Polizei, so hatte er sicher einen gute Vorstellung davon, welche beruflichen Möglichkeiten, und im Alter auch Pensionsansprüche, welche die Familienplanung beider sichern würden.

Zudem war er nicht nur geschickt, sondern auch sehr sportlich, was eine Reihe von Ehrungen aus dieser Zeit belegen. Eine davon ist der abgebildete 2 -Kilometer-Preis der Potsdamer Kanu-Gesellschaft (P.K.G.) der Jugend im Kajak von 1932.


Politisch entwickelte sich ganz abseits von Potsdam seit November 1918 in den Sudetengebieten eine brisante Lage. Man hatte im Vertrag von Saint-Germain die Tschechoslowakei als souveränen Staat bestätigt und ihr die Sudetengebiete, inklusive der von Deutschösterreich beanspruchten Gebiete gegen den Willen der Bevölkerung zuerkannt. Die rund 3,5 Millionen Sudetendeutschen begannen sich daraufhin zu organisieren und forderten die Autonomie. Ab 1933  massiv von der in den folgenden Jahren zunehmend nationalsozialistisch geprägten  Sudetendeutschen Partei (SdP), die sich in den Wahlen vom Mai 1935 als stärkste Partei des Landes durchsetzte.

Der Führer dieser Partei, Konrad Henlein, forderte bereits am 19. November 1937 Deutschland auf, die Sudetendeutschen zu unterstützen. Während Hitler erste Studien für ein künftiges Vorgehen gegen die Tschechoslowakei im April 1938 erarbeiten ließ, stellte Henlein sein Karlsbader Programm auf, welches von der Regierung der Tschechoslowakei abgelehnt wurde. Am 21. Mai 1938 wurde die Mobilmachung ausgerufen. Hitler fühlte sich durch dieses Vorgehen provoziert. Nach mehreren Unterredungen in England wurde am 30. September 1938 das Münchner Abkommen durch Vertreter der Entente und ihrer Verbündeten im Ersten Weltkrieg – unter Abwesenheit der nicht geladenen Vertreter der Tschechoslowakei – geschlossen. Der Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich wurden damit der Tschechoslowakei aufgezwungen. Am 1.  Oktober 1938 besetzten deutsche Truppen das Sudetenland, polnische Truppen besetzten zwischen dem 2. und dem 11. Oktober 1938 das Olsagebiet, Teile der südlichen Slowakei und Karpatenukraine mit überwiegend ungarischer Bevölkerung wurden Ungarn am 2. November 1938 zugesprochen. Durch diese Zerschlagung der Tschechoslowakei konnte der Ausbruch des zweiten Weltkrieges im Herbst 1938 verhindert werden.

Die deutsche Polizei wurde bereits ab 1933 zentralisiert und 1936 in die Ordnungs- und die Sicherheitspolizei aufgegliedert. Zuständig für die Neuorganisation war Heinrich Himmler, der als „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei im Reichsministerium“ dem Innenminister und als SS-Führer Hitler direkt unterstellt war.

Das Hauptamt Ordnungspolizei bestand aus der uniformierten Polizei (Schutzpolizei, Gendarmerie, Gemeindepolizei) und hatte seinen Sitz bis 1945 im Reichsministerium des Inneren, Berlin, Unter den Linden. Das betraf Oskar, den Onkel meiner Oma, der  nach der Flucht aus dem Elsass zunächst Gendarmeriemeister in Sputendorf und Philippstal war, später bis zur Pensionierung in Putlitz.

Mitglieder der nicht uniformierten Sicherheitspolizei waren Kriminalpolizei (Kripo) und Geheime Staatspolizei (Gestapo). Die Leitung des Hauptamt Sicherheitspolizei bekam 1936 SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich , der seit 1933 im Auftrag Himmlers aus den politischen Polizeien der Länder den Sicherheitsdienst (SD) aufgebaut hatte. 1939 wurde der Sicherheitsdienst (SD) „angeschlossen“ und das Hauptamt Sicherheitspolizei in Reichssicherheitshauptamt (RSHA) umbenannt. Unter diesem wurden zahllose Gräultaten in den besetzten Gebieten verübt.

Omas Onkel  Gustav Freitag, Bruder ihres Vaters, baute die Kriminalpolizei in Berlin mit auf, dort war er 1925 Kriminal-Assistent und 1933 Kriminal-Sekretär, den Anschluß ins RSHA mußte er zum Glück nicht mitmachen, da bereits in Pension.

Die Polizei war am 1. Oktober 1938 als „Schutztruppe“ für die Deutsche Minderheit beteiligt an der Errichtung des „Protektorats“ auf dem Gebiet der Tschechoslowakei.

Man verfügte in Deutschland zu diesem Zeitpunkt über 62. 000 Polizisten bei der Ordnungspolizei, von denen 9.000 in je 108 Mann starken Polizeihundertschaften zusammengefasst waren. Weil Polizisten vom Wehrdienst freigestellt waren, erreichte die Ordnungspolizei bis 1939 eine Stärke von 131.000 Mann, 16.000 wurden daher als Polizeidivision bei Kriegsausbruch der Wehrmacht überstellt (später 4. SS-Polizeigrenadierdivision).

1.162.617 mal erreichte der Dank des Führers die Beteiligten in Form der Sudetenland-Medaille, die ab 1. Mai 1939 auch für „Verdienste um die Schaffung des Protektorates Böhmen und Mähren“ verliehen wurde. Opa wurde diese Medaille am 1. Oktober 1939 bei der Luftwaffe verliehen.


Fritz allerdings schied als Unterwachtmeister bereits am 30. April 1935 aus dem Landespolizeidienst aus und verpflichtete sich unter Anrechnung des Polizeidienstes zu 4 1/2 Jahren Dienstzeit bei der Luftwaffe. Die Dienstverpflichtung sollte am 9. April 1939 enden. Das es anders kommen würde, ahnte er damals noch nicht.

Diese Entscheidung fiel vermutlich, da sein Bruder bereits bei der Luftwaffe war, nun wurden Flugzeuge von ihm gewartet.

Zur Ausbildung ging 1935-1936 zum Flieger-Horst Cottbus und Jüterbog-Damm. Zunächst als Gefreiter,  1936 dann zum Truppenteil der Luftkriegsschule Wildpark-Werder. Hier wurde er Unteroffizier und Fahrlehrer. 1938 gehörte er der Fliegergruppe 10 als Geräteverwalter an, ebenso dem I. Sturzkampfgeschwader 160, das im folgenden Jahr als 2. Flughafenbetriebskompanie I. Sturzkampfgeschwader 1 in Insterburg aufgestellt wurde. Die Eingliederung dort erfolgte mit der Bestallung als Feldwebel am 1. April 1939, er war Geräteverwalter (K), wie zuvor, bis 1942. Die Bestallungsurkunde vom 24. Dezember 1940 beförderte ihn zum Oberfeldwebel der Luftwaffe.

Die Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieges führten ihn nach Frankreich, rund um das Mittelmeer, außer Spanien. Am 30. Juni 1941 kam der Marschbefehl1 mit Bitte um ungehindertes Geleit von Tripolis nach Kreta für ihn, 25 weitere Unteroffiziere und Mannschaften, dazu 7 Kraftfahrzeuge und Gerät. Im Afrika-Korps wurde ihm die Medaille „Deutsch-italienischer Feldzug Afrika“ verliehen, das Tragen jedoch am 29. März 1944 aufgrund des Seitenwechsels der Italiener zu den Alliierten verboten. Eine weitere Verleihung war eine Goldkordel zum Ärmeltätigkeitszeichen des Kraftfahrpersonals am 17. Mai 1942 vom  Generalleutnant Fliegerführer Afrika. Zu diesem Zeitpunkt war er in der 2. Flughafenbetriebskompanie I. Sturzkampfgeschwader 3.

Über diese Zeit erzählte er zunächst nur bruchstückhaft, erst in hohen Alter redete er sehr viel mehr, vor allem über Afrika. Dieser Kontinent hatte ihn stark beeindruckt. Nicht nur die Landschaft, auch die Menschen.

Im Zelt sieht man ein Foto von Omi, die beiden hatten erst am 5. Oktober 1939 geheiratet.

Nach dem Abzug aus Afrika wurde er zur 1. Flak Abteilung Berlin-Tegel versetzt, dort blieb er bis 1943 als Oberwachtmeister und Geräteverwalter (K), ehe er zur Flakgruppe Ost Berlin als Oberwachtmeister und Beamtenstellvertreter (K) von 1943 – Oktober 1944 kam. Eine weitere  Ausbildung an der Luftwaffenschule erfolgte bei der Kraftfahrtechnischen Schule der Luftwaffe in Rudolstadt vom 23. August 1944 – 15. Oktober 1944.

Am 16. Oktober 1944 wurde Opa der 5. Fallschirm-Jäger Division Panzerjäger Abteilung unterstellt als Beamtenstellvertreter (K).

Die 5. Fallschirmjäger-Division wurde nach ihrer Zerschlagung im Juli 1944 ab Oktober 1944 in Den Haag und Amsterdam aus den verbliebenen Resten der alten Division und Neuzugängen neu aufgestellt. Im November 1944 wurde sie der der 7. Armee zugeführt und am rechten Flügel der 7. Armee am Ostufer der Our kurz vor der Mündung in die Sauer in die Front eingeschoben. Hier hatte die Division den Auftrag, den linken Flügel der deutschen Ardennen-Offensive zu sichern. Nach Beginn der deutschen Offensive konnte die Division bis zum 24. Dezember über Wiltz Martelange erreichen, ohne Martelange erobern zu können. Auf Grund des hartnäckigen alliierten Widerstandes musste die Division zur Verteidigung übergehen. Es folgte der Rückzug der Division aus dem Gebiet südlich von Bastogne auf die Ausgangsstellung vor der Offensive. Im Januar 1945 stand die Division im Raum Wiltz und im Februar 1945 bei Prüm in der Eifel.

Allgemein fällt es Beteiligten oft schwer, über Kriegsgeschehen zu sprechen, wie man aus Befragungen von Zeitzeugen weiß, entsprechend dankbar waren wir für seine Erinnerungen, die er mit uns teilte. Natürlich versteht man vieles als Erwachsener ganz anders als ein Kind. Wenn ich auf meine Schulzeit zurück blicke, da war jeder Soldat natürlich ein „Nazi und Kriegsverbrecher“, man hätte ja in den Widerstand gehen können. Der Unterricht war, wie unter jeder politischen Strömung, entsprechend einseitig ausgerichtet. Heute ist einem viel bewusster, welcher Mut dazu gehört hatte, recht offen an seinen Bruder am 16. Februar 1945 zu schreiben:

„…Ich habe augenblicklich weniger Glück. Hatte zu erst die Geschäfte der Division geführt, für den abwesenden Inspektor. War dann überzählig nach seiner Ankunft und kam zur Panzerjäger – Abt. für einen gefallenen Kameraden. Die Einheit ist jetzt restlos zerschlagen, Kfz. habe ich nur noch wenige und da hat mich der Kommandeur als Infantrist in den Graben gesteckt. Unser Kommandeur ist ein noch sehr junger Oberleutnant, namens Sommer. Augenblicklich bin ich Gruppenführer in einer Panzer – Zerstör – Kompanie ( Ofenrohr und Panzerfaust ). Vor einigen Tagen hätte mich der Ammi bald gefangen genommen, er befand sich schon 200 m im Rücken meiner Gruppe. Wir konnten aber noch durch den Wald entwischen. Es drückt einem das Herz ab, wie die jungen unausgebildeten Leute ins Feuer gehen müssen, vier meiner Männer hatten nicht einmal Gewehre, so musste ich vorgehen. Auf meinen Hinweis verwies man mich nur auf den Befehl vorzugehen. Wenn mir mal was passieren sollte, dann weißt du wenigstens, unter welchen Umständen es geschah. …“

Zu diesem Zeitpunkt kamen Reste der Division noch bis an den Laacher-See und in den Ruhrkessel. Später stellte sich heraus, sein Vater, mein Urgroßvater, stand nur 30 km von ihm entfernt an der selben Front in Frankreich.

Und – Opa kam am 27. März 1945 in amerikanische Gefangenschaft, was er später als großes Glück im Unglück empfand.

Fortsetzung


Quellen:
alle Fotos + Dokumente stammen aus unserem Familienarchiv
Wikipedia

  1. alle Fotos + Dokumente stammen aus unserem Familienarchiv ↩︎

Seifert – von Schlesien nach Potsdam

I. Die derzeit erste mir bekannte Generation meiner Seifert-Vorfahren waren der Schäfer Ernst Gottlieb Seifert, gestorben 1872 in Poselwitz (Postolice), Legnica, Polen und seine Ehefrau Marie Rosine Berendtin, sie starb 1875.

Poselwitz1

Heute gehört Poselwitz zur Landgemeinde Groß Wandriß (Wądroże Wielkie) in Polen. Die St.-Martins-Kirche aus dem 15. Jahrhundert, ein kleiner Bau aus Stein und Ziegelstein mit einem sehr reich verzierten, für den Barockstil charakteristen Haupt- und Nebenaltar erhalten, beachtenswert ist die schöne Skulptur der gotischen Madonna. Die Skulptur stammt entweder aus dem nicht mehr bestehenden Kastenaltar oder einer anderen der Gemeinde, sie findet sich hier erst nach 1945. Die Kirche wird von seinem Friedhof umgeben, der aus dem 14. Jahrhundert stammt.

II. Ihr Sohn Johann Ernst Gottlieb Seifert wurde am 19. November 1815 in Poselwitz (Postolice) geboren und starb am 30. Oktober 1886 in Schönau (Ogrodnica).

Von Beruf war er Pachtschmiedemeister mit einer Wirterei im Unterdorf von Schönau.

Johann Ernst Gottlieb Seifert heiratete Marie Rosine Langer. Sie wurde 1819 in Dromsdorf (Drogomilowice), Legnica geboren und starb am 28. Januar 1875 in Schönau (Ogrodnica).

Schönau1

Schönau hatte um 1895 rund 125,4 ha Fläche, bestehend aus einem Wohnplatz, 41 Gebäuden, mit etwa 200 Einwohnern, zur Hälfte evangelischen, zur Hälfte katholischen Glaubens.

III. Sohn der beiden war der Kaufmann und Stellenbesitzer Karl Heinrich Seifert, geboren am 12. Oktober 1851 in Mönchhof (Gadków) , Legnica und  getauft am 19. Oktober 1851 in Groß Baudiß (Budziszów Wielki), Legnica. Er starb am 24. Oktober 1927 in Kniegnitz (Ksieginice),  Legnicki  im Alter von 76 Jahren.

Er heiratete am 25. Januar 1876  Pauline Auguste Süßmann. Sie wurde am 5 Aug. 1852 in Mittel-Faulbrück (Moscisko), Walbrzych geboren und am  8. August 1852 in Königlich Gräditz (Grodziszcze), Walbrzych getauft. Im Alter von 80 Jahren starb sie in Kapsdorf (Czernczyce), Kreis Schweidnitz am 12. Mai 1933.


Mönchhof und Groß Baudiß1

Zur Zet des Mittelalters befand sich das Dorf Groß Baudiß auf dem Handelsweg von Leipzig nach Breslau, welcher „Hohe Straße“ genannt wurde. Im 12. Jahrhundert gehörte Groß Baudiß den Neisser Kreuzherren vom Orden der regulierten Chorherren und Wächter des Heiligen Grabes zu Jerusalem, mit dem doppelten roten Kreuz in Breslau (Wrocław), 1221 fand eine Ortsbestimmung, die dem deutschen Recht unterlag, statt. In Groß Baudiß befindet sich die Guter-Hirte-Kirche, die wahrscheinlich im Jahre 1250 entstand. An der Kirche befindet sich ein Friedhof aus dem 13. Jahrhundert. Das Gebäude blieb bis in unsere Zeit erhalten. Der spätere Hofbesitzer war Paul Müller-Baudiss, der die Umgebung der Residenz für Erholungsziele bestimmte.

Kapsdorf1

Kapsdorf (Czernczyce), Kreis Schweidnitz war ihr Wohnort, dort kamen ihre 7 Kinder zur Welt.

IV. Mein Urgroßvater Hermann Wilhelm Seifert kam am 9. September 1888 in Kapsdorf (Czernczyce), Kreis Schweidnitz zu Welt und starb am 28. Oktober 1975 in Potsdam. Am 7. Juni 1913 heiratete er in Altlandsberg Anna Marie Luise Paul. Uroma wurde dort am 28. Februar 1893 geboren und starb am 2. August 1983 in Potsdam.

Hier werde ich ein wenig mehr über Uropa erzählen.

 

V. Mein Opa Fritz Seifert kam am 6. Februar 1915 in Potsdam zur Welt. Damit war er der erste „Brandenburger“ Seifert unserer Familie.

Über sein Leben werde ich hier ein wenig mehr erzählen.


Am 21. Juli 1969 blieb ich eine ganze Nacht lang mit meinem Großvater auf. Wir standen im feuchten Gras, den Kopf gespannt im Nacken, vom See zog Dunst über das Grundstück und wir atmeten die Gerüche der Nacht ein. Er erklärte mir den Sternenhimmel und meinte, diese Nacht solle ich niemals vergessen, sie wäre ein historischer Moment – der erste Mensch auf dem Mond. Vorher hatte wir im Fernsehen die Berichterstattung gesehen, nun warteten wir gespannt auf die Meldung „Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed!

Er meinte zu mir, „schau hin, man kann den Lichtreflex der Basis auch hier unten sehen“, und mir erschien es, als hätte ich es gesehen. Ich weiß nicht, ob meine Fantasie mir einen Streich spielte, oder ob er wirklich da war, aber die Tatsache, mit meinem Opa diesen großartigen Augenblick erlebt zu haben, machte diesen Moment für mich noch einzigartiger, zumal ich in dieser Nacht aufbleiben durfte, wo es doch sonst zeitig für uns Kinder ins Bett ging.



1google 2009
Mondlandung auf youtube, geladen von thenatman

100 Jahre Steckrübenwinter

Vielleicht eine Antwort auf die Frage, warum in meiner Familie niemand Kohlrübeneintopf mag.

Potsdam war der Schnittpunkt unserer Familien, hier trafen sich meine Großeltern Fritz und Irmgard, deren Vorfahren aus Schlesien, Brandenburg, Ostpreußen und dem Schwarzwald kamen. Meine Urgroßeltern Wilhelm und Luise Seifert heiratetet 1913 in Altlandsberg und wohnten in Potsdam. Heinrich und Marie Freitag hatten 1909 in Bischweiler geheiratet und lebten im Elsaß, da Heinrich, wie sein Schwager Oskar, Polizeiwachtmeister der berittenen Polizei in Bischweiler war. Heinrichs Vater Christian kam als Invalide aus dem Krieg 1871, war Kasernenwärter in der „Garde du Corps“ Kaserne, Potsdam, Berliner Straße und unterstütze seine Frau Auguste, die eine Kantine in der Kaserne betrieb. Dort war Wilhelm als Sattlermeister tätig und in den Jahren des Ersten Weltkrieges Kürassier. Luise war von Beruf Weißstickerin der Kaiserin Auguste Viktoria

Kriegstaumel in Berlin. Anfang August 1914. Das Bild zeigt den Kavalleristen Ludwig Börnstein, der sich von Fritz und Emma Schlesinger verabschiedet. Alle drei gehörten zur jüdischen Minderheit in Deutschland.5

Am 31. Juli 1914 wurde im Neuen Palais in Potsdam der Kriegszustand ausgerufen, die Mobilmachung wurde am 2. August in Tageszeitungen öffentlich bekannt gemacht.  Zu diesem Zeitpunkt waren der Landsturm des Armeekorps 3 (Berlin, Provinz Brandenburg) und Armeekorps 4 (Provinz Sachsen) noch ausgenommen. Neben Freiwilligen waren nun alle Wehrdienstpflichtigen zwischen 17 und 45 Jahren einberufen, ebenfalls Gendarmerie und natürlich die Pferde der berittenen Polizei, wie im Falle von Heinrich und Oskar.  Frauen, ehelichen Kindern und unterhaltenen Eltern wurde bei Bedürftigkeit eine Familienunterstützung gewährt. Man zahlte von Mai bis Oktober der Ehefrau monatlich 6 Mark, in den restlichen Monaten 9 Mark. Alle anderen Angehörigen und Kinder unter 15 Jahre erhielten 4 Mark pro Monat. Das Geld wurde halbjährlich ausgezahlt und konnte durch Naturalien wie Getreide, Brot oder Brennmaterial ersetzt werden. Private Unterstützung wurde nicht angerechnet. Auch Kriegerwitwen und ihre Kinder wurden versorgt. Diese Versorgungsleistung galt für die Zeit des Krieges und ein Ableben binnen 10 Jahre nach Friedensschluss durch Folgen einer Verwundung. Da Heinrich Sergeant/Feldwebel war, hätte sich bei „allgemeiner Versorgung“ die jährliche Zahlung auf 300 Mark belaufen, für Kinder 108 Mark, Elternteile 250 Mark.

Für ihr Leben in Bischweiler bedeutete der Kriegszustand die nahezu vollständige Entmachtung der elsässisch-lothringischen Landesregierung zugunsten einer oft willkürlich agierenden deutschen Militärdiktatur. Trotz des Verlaufs der Westfront durch das Oberelsass wurde die Region jedoch nicht zu einem Hauptkriegsschauplatz.

Sowohl die deutschen, als auch die französischen Armeen, zeigten gegenüber den Elsässern großes Misstrauen, das sich von beiden Seiten in zahlreichen Repressionen äußerte.

Im August 1914 war Mülhausen zweimal kurzzeitig von französischen Truppen eingenommen worden, dabei wurden zahlreiche Zivilisten in Internierungslager nach Frankreich verschleppt. Nach dem Vorwurf, auf deutsche Soldaten geschossen zu haben, wurden im Mülhauser Vorort Burzweiler sechs Elsässer hingerichtet und 60 Häuser zerstört. Die anschließende Untersuchung zeigte jedoch, dass deutsche Truppen aufeinander geschossen hatten.

Die bald starre Westfront mit ihren Stellungskämpfen verlief von der Schweizer Grenze westlich an Mülhausen vorbei durch den Sundgau und quer durch die südöstlichen Vogesen, durch das Münstertal zum Col du Bonhomme. Etwas weiter nördlich verließ die Front den Vogesenkamm Richtung Lothringen und Belgien. Massive Kampfhandlungen fanden nur 1914 und 1915 statt, unter anderem im Münstertal und am Hartmannsweiler Kopf. Viele Orte wurden zerstört, unter anderem die Stadt Münster.

In Potsdam wurden zunächst wenige Veränderungen wahrgenommen. Man sah nun feldgraue Uniformen und Kanonen am Alten Markt, der Kaiser versorgte zunächst Handwerker mit öffentlichen Aufträgen, um die privaten Auftragsausfälle auszugleichen. Auf einen langen Krieg war 1914 niemand vorbereitet.

Während der Weltkrieg in Europa tobte, kamen am 6. Februar 1915 mein Opa Fritz und am 15. Juni 1916 sein Bruder „Heinz“ in Potsdam zur Welt.

Luise mit Fritz und Heinz 1916

Meine Urgroßmutter Marie, in frohen Erwartungen, verbrachte die letzten Wochen vor der Entbindung im Frühjahr 1916 ebenfalls in Potsdam. Hier war sie in der Nähe ihrer Schwiegereltern, Christian und Auguste.

„Trudchen“ 1916

Bei ihr war „Trudchen“, die Erstgeborene, die dem Fotografen auf dem Foto unschuldig entgegenblickte, inzwischen fast sechs Jahre alt.

Rückblickend grenzt es fast an ein Wunder, dass auch meine Oma Irmgard am 28. März 1916 gesund auf die Welt kam, trotz knapper Nahrungsmittelversorgung, unter der vor allem die Stadtbevölkerung bitter zu leiden hatte.

Fleischverordnung in „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 28. März 1916, p.42

Der Arzt Alfred Grotjahn notierte dazu bereits am 17. März 1916 über die Folge der Unterernährung in sein Tagebuch: „Die Berliner Bevölkerung bekommt Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen treten hervor, und die entfettete Haut legt sich in Falten.“1

Ursache dafür war neben der unzureichenden Bevorratung von Lebensmittelrationen bei Kriegsbeginn auch die von den Entente-Staaten durchgesetzte Seeblockade, welche im Herbst 1915 zu einer spürbaren Verschlechterung der Lebensmittelversorgung führte.

Zuvor kam es zu einer Reihe von Fehlentscheidungen durch das Kaiserliche Statistische Amt, welches unter anderem eine Analyse zur Vorratslage bei den Bauern durchführte und annahm, die Futtermittel würden nicht ausreichen, die rund 25 Millionen vorhandenen Schweine zu ernähren.

Der Bauernstand hatte nun die Anweisung, die vermeintlich 5 Millionen überflüssigen Schweine im März 1915 der Schlachtung zukommen zu lassen. Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste, war die Tatsache, dass diese Annahme auf falschen Angaben der Bauern beruhte, welche nicht vorhatten, ihre Reserven der Kriegsmaschinerie zu opfern.

Da man alles Metall in der Rüstungsindustrie benötigte, wurden minderwertige Konservendosen hergestellt, das Fleisch verdarb und mit dem Verlust dieser Vorräte explodierten die Preise auf dem Lebensmittelmarkt. Kartoffeln und Weizen unterlagen einer Preisbindung, qualitativ gute Ware kam kaum zu den Händlern, man musste vermuten, die Bauern hielten diese bewusst zurück. Die Bevölkerung sollte nun mit einer Brot- und Mehlration von 1,5 kg/Person und Woche auskommen, Fett wurde auf 100 g/Person und Woche reduziert.  Bäckereien lieferten ein „Kriegsbrot“ aus 30 % Kartoffelmehl und minderwertigen Mehlsorten, Milch wurde mit Wasser gestreckt, Ersatzprodukte (Surrogate) waren jetzt an der Tagesordnung.

Als es zu einer weiteren angeordneten Massenschlachtung kam, fehlte in der Folge auch Dünger auf den Feldern, Kunstdünger in Form von Salpeter wurde zur Munitionsherstellung beschlagnahmt, entsprechend niedrig fielen die Erträge aus. Im Herbst 1916 brachen die Erträge um weitere 50 % durch Kartoffelfäule ein, da es Unmengen geregnet hatte.

„Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 30. Sept. 1916, p.82

Wie dramatisch die Lage für die Bevölkerung war, zeigt sich auch im Betrug durch Geschäftemacherei, wie der Bäcker Brion aus Bornim bewies, der der Brotfälschung angeklagt wurde. Das Wenige, was es auf Zuteilung gab und nicht an die Front ging, wurde gestreckt und mit gesundheitsschädigenden Zusätzen vermengt.

Da es keine Kartoffeln mehr gab, kamen als Ersatz die Kohlrüben (Steckrüben), oder wie sie bei uns heißen: „Wrunken“, auf die Zuteilungsliste. Vorräte mussten gemeldet werden und wurden beschlagnahmt.

Der Nährwert dieser Rüben ist sehr gering, etwa 1/3 der Kartoffeln, die Rationen wurden auf 1000 Kalorien pro Tag für Erwachsene reduziert, die Zuteilung versprach wöchentlich für einen Erwachsenen 1,7 kg Brot, 100 g Mehl, 350 g Fleisch inkl. Knochen, 2,5 kg Kohlrüben, 500 g Kartoffeln, 500 g Sauerkraut, 250 g Zucker, 50 g Grütze, 50 g weiße Bohnen, 50 g Butter, 30 g Margarine, 100 g Marmelade und alle 14 Tage ein Ei.4

Dr. Grotjahn notierte dazu am 20. Februar 1917: „Die Allgemeinsterblichkeit steigt jetzt stark. […] Langsam aber sicher gleiten wir in eine zurzeit allerdings noch wohlorganisierte Hungersnot hinein.“1

Um die Katastrophe vollständig zu machen, gab es einen besonders harten Winter, im Februar wurden – 22 °C gemessen. Brennmaterial war kaum vorhanden. Der Chef des sächsischen Landeslebensmittelamtes Dresden, Walter Koch3, erinnert sich: „Aber schlimmer als der Hunger erschien mir die Kälte. Die Zentralheizung des Hauses durfte infolge der Knappheit nachts nicht durchgefeuert werden, sodass meine beste Arbeitszeit, abends von 10 bis 2 Uhr, kalte Zimmer fand. Mit einem kleinen Kanonenöfchen suchten wir den Übelstand zu mildern; doch war es schwer, Heizmaterial zu bekommen. […] 5 oder 6 Zentner Kohlrüben haben wir in jenem schlimmen Winter gegessen. Früh Kohlrübensuppe, mittags Koteletts von Kohlrüben, abends Kuchen von Kohlrüben.“

Am 1. April 1917 wurden die offiziellen Brotrationen auf 170 g/Tag, die angeblich vorhandenen Kartoffelrationen auf 2,5 kg/Woche gekürzt. Im Mai wurde eine Verfügung der Reichsbekleidungsstelle erlassen, dass zur Bekleidung der Toten Bezugsscheine auf neue Kleidung, Wäsche und Schuhwaren nicht mehr ausgefertigt werden dürfen. Für Totenhemd, Decke und Kissenbezug wird Papierstoff empfohlen, weil die Notwendigkeit, die Vorräte zu strecken, den alten Brauch der Totenbekleidung nicht mehr zulasse.

Meine Urgroßmutter Luise versorgte sich und die Kinder wie die meisten, in dem sie in den umliegenden Wäldern Potsdams Pilze und Beeren sammelte und natürlich Kienäpfeln, da es Kohlen nur auf Bezugsscheine gab, wenn überhaupt. Ihr eigentliches Glück waren die Eltern in Altlandsberg. Damals noch ein richtiges Dorf. Dort hatten sie ein kleines Dorfhaus mit schönem Garten und Kleinvieh. Die Hühner und Enten waren ganz zahm und liefen hinter ihnen her, wenn sie durchs Dorf gingen.

Ab Juni kam kaum noch Obst und Gemüse in den Handel, die Ernte wurde abseits der Märkte zu Höchstpreisen verkauft, da staatliche Ankaufstellen einer Preisbindung unterlagen. Heimlich auf „Hamsterfahrt“ zu gehen, wäre vielleicht möglich gewesen, jedoch kostet die Bahnfahrkarte inzwischen doppelt so viel Geld und viele Bauern bewachten sogar nachts die Felder. Manche bauten Holztürme und beleuchteten diese, um Diebstähle zu verhindern. So musste man sehen, wie man mit dem Wenigen, das man hatte, zurecht kam.

Mit Bekanntmachung vom 31. Juli 1917 wurde das Beschädigen und Nachernten von Feldfrüchten durch das unbefugte Betreten der Äcker und Wiesen unter Strafe gestellt. Der Sommer war in diesem Jahr heiß und trocken, so fiel die Ernte an Kartoffeln erneut schlecht aus. Auch Milch gab es immer seltener, selbst der Kaffeeersatz aus Zichorie, Gerste und Rüben war nicht zu erhalten, da die Gerste für die Brotherstellung verwendet wurde. Im Spätsommer 1917 kosteten 500 g Butter offiziell 3 Mark, auf dem Schwarzmarkt 14 – 15 Mark. Für die Durchschnittsbevölkerung unerschwinglich, da man bereits alles, was Wert hatte, vor allem Edelmetalle, abgegeben hatte. Alles wurde eingeschmolzen für den Krieg.

Immer häufiger nun hörte man von Hungeraufständen, überall bettelten verlumpte Kinder um etwas Brot. In den Zeitungen gab es Vorschläge zur Verwertung von Steckrüben und Empfehlungen zu deren Trocknung. So verlief auch dieses Kriegsjahr mit weiteren Entbehrungen und dem Anstehen an den Ausgabestellen für Waren der Bezugsscheine. Immerhin wurde Potsdam von Kriegseinwirkungen verschont.

Anfang 1918 kam es zu erheblichen Ausschreitungen, der Hunger nahm deutlich zu, mit ihm die Zahl der Toten, da die geschwächten und in der Winterkälte an Tuberkulose erkrankten Menschen keinerlei Widerstandskraft mehr hatten. Die Fleischrationen enthielten immer mehr Knochen, Wurst kam kaum auf den Markt, im Juni wurden die allgemeine Wochenration Mehl von 200 auf 160 g abgesenkt, im Juli die Kartoffeln von 3,5 kg auf 1,5 kg, dann nur noch 500 g pro Person und Woche. Die Rationen sahen nur noch 2 Eier im halben Jahr vor. Die Politik diskutierte und kam auf absurde Ideen, so das Abschlachten der Rinder, da man vermutete, diese würden mit den Kartoffeln gefüttert, letztlich kam eine neue Ernte und die Bezugsscheine wurden auf 3,5 kg herauf gesetzt.7

Vor allem die Berliner Bevölkerung, die zumeist vergeblich nach Kohlen angestanden hatte, machte sich mit Handwagen nach Blankenfelde zum Torfstich auf, in der Hoffnung, dort Heizmaterial zu erhalten.7

Da es im Herbst 1918 kein Fleisch mehr gab, wurden die Brotrationen angehoben. Das Berliner Tagesblatt meldete für die Woche ab dem 1. Oktober 1918 eine Anhebung auf 1,9 kg pro Person und Woche, als Ersatz für das Fleisch sollten Erwachsene 250 g, Kinder 125 g Weizenmehl erhalten. Dazu wurden 125 g Käse, 40 g Butter und 30 g Margarine als Rationen berechnet.

Marie, die als Zimmermädchen im Hotel von Verwandten arbeitete, bevor sie ihren Mann kennen gelernt hatte, schlug sich ebenfalls so gut durch, wie es ging. Unterstützung durch ihre Eltern konnte sie nicht erhalten, diese waren in Bernbach längst verstorben. Nur ihre kinderlose Schwester Frieda, die mit Oskar Heinemeyer verheiratet war, stand ihr als Stütze zur Seite.

Politisch bahnten sich ernsthafte Veränderungen an, der elsass-lothringische Abgeordnete Haegy sprach in seiner Rede vor dem Reichstag in Berlin am 25. Oktober 1918 im Zusammenhang mit der preußisch-deutschen Zeit von einer „Fremdherrschaft“, und bezüglich der politischen Behandlung Elsass-Lothringens von „verbissener Zähigkeit“ und „giftiger Selbstsicherheit“.6

Im November 1918 bildeten sich im Deutschen Reich Arbeiter- und Soldatenräte, so auch in Straßburg. Die ausgerufene Republik Elsass-Lothringen hatte allerdings angesichts des kurz bevorstehenden Einmarsches der französischen Truppen weder großen Rückhalt noch historische Perspektive. Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 räumten die deutschen Truppen das Elsass.

Am 15 Nov. 1918 kam es in Straßburg zu einem Befehl, welcher die Gendarmen und Oberwachtmeister anwies, auf ihrem Posten zu bleiben, da sie Teile der Landespolizei seien und weiterhin ihren Dienst unter dem Schutz des Nationalrates zu leisten haben.

Ungeachtet dieser Tatsache wurden sie bei Einmarsch der französischen Truppen entwaffnet und ihres Dienstes enthoben. Sie verloren bei der Ausweisung nach Deutschland nicht nur ihre Pensionsansprüche, sondern auch ihre Habe. Mein Urgroßvater Heinrich mit Familie, sowie Oskar und Frieda, flohen aus dem Elsass, erlaubt wurde ihnen dabei jeweils nur 15 Pfund Gepäck! Heinrichs Bruder Gustav, bereits seit 1911 in Berlin als Schutzmann tätig, hatte als Polizeibeamter beiden die Anstellung bei der Polizei in Aussicht stellen können, sodass für die Familien gesorgt war.

Oma, die immer stolz erzählte, dass sie noch im Elsass laufen lernte, war inzwischen knapp zweieinhalb Jahre alt, als sie mit ihrer Schwester in Potsdam ankam. Die junge Familie zog zu Heinrichs Eltern in die Zimmerstrasse in Potsdam.

Seit Juli traten bereits Grippewellen auf, verstärkt in der zweiten Septemberhälfte. Mitte Oktober war klar, es herrscht eine Epidemie. In einigen Teilen Deutschlands waren bereits die Hälfte der Einwohner der Städte erkrankt. Die Pressezensur hatte verhindert, das die Bevölkerung erfahren konnte, das in Madrid im Mai 1918 bereits jeder dritte Einwohner erkrankt war, einschließlich des Königs und seines Kabinetts. Die Erkrankungswelle bekam daher den Namen „Spanische Grippe“.

Das vorrangig Menschen zwischen 20 und 40 betroffen waren, die teilweise auf offener Straße zusammen brachen und starben, war damals nicht zu erklären. Es gab jedoch Vermutungen, das eine Erkrankung, die 1889 grassierte, für eine gewisse Immunität bei der älteren Bevölkerung gesorgt haben könnte.8

Eine dritte Erkrankungswelle gab es zum Jahreswechsel 1918/19 und hielt bis etwa April 1919 an. Meist setzte ein plötzliches hohes Fieber mit Schüttelfrost ein, begleitet von starken Kopf- und Gliederschmerzen sowie Husten, auch Nasenbluten kam vor. Das Virus war sehr aggressiv und schädigte binnen kürzester Zeit das Lungengewebe, die Lungenentzündungen gingen mit Blutungen der Lunge einher.8

Heinrich war damals mit anderen auf einem offenen Lastwagen zum Dienst unterwegs, es wurde erzählt, er hatte Symptome einer „Kopfgrippe“, nachdem er sich dort erkältet hatte. Er starb am 8. Januar 1919 im Alter von nur 40 Jahren in Potsdam.


1 Der „Kohlrübenwinter“ 1916/17; LeMo; Autor Arnulf Scriba für: Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2014
2 Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“; Nachweis: Zeitschriftenarchiv Staatsbibliothek Berlin
3 Walter Koch: Kohlrübenwinter; LeMo; Deutsches Historisches Museum, Berlin
4 Im Interesse der hungernden Bevölkerung – die Gründung des Landkreistages im Ersten Weltkrieg.
5Fotos Kriegstaumel, Dragoner aus: Berliner Illustrirte Zeitung; Ullstein & Co Berlin, 1914; original Jahrgang in meinem Privatbesitz
6Reichstagsprotokolle 196. Sitzung, 25. Oktober 1918
7Dieter Baudis: Auswirkungen des Krieges auf die Lage der Volksmassen in Berlin1917/18; p.9-27; in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987; Akademieverlag Berlin, DDR
58wikipedia Spanische Grippe

Martha Teil 3

Im Alter von 50 Jahren wechselte sie 1958 als Arbeiterin, später Platzarbeiterin, in den Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Luckenwalde und blieb diesem treu, bis sie 1968 in Rente ging.

Brigade, Martha 2. von links

Brigade, Martha 2. von links

Eine weitere Dokumentation ihres Berufslebens ist der Marsch am 1. Mai der Dümder und Schönefelder Bevölkerung. Unter ihnen Verwandte und Bekannte, die einst als Umsiedler aus Bessarabien nach Schönefeld und Dümde kamen.

1. Mai in Schönefeld

1. Mai in Schönefeld

1. Mai in Schönefeld

Schönefeld am 10.4.2011, das graue Gebäude in der Kurve ist das auf dem vorherigen Bild

Martha Teil 2

Die Mechanisierung des Grabenbaues erfolgte Ende der fünfziger Jahre mit neuer Technik. Neben dem russischen S-100 Kettentraktor, der auf den nassen Flächen zum Einsatz kam, wurde in einer Gemeinschaftsarbeit der Betriebe VEB Traktorenwerk Schönebeck und BBG Leipzig das Seilzugaggregat SZ-24 entwickelt und getestet, ehe es als  „Agronom“ ab Ende 1960 in Serie im VEB Mähdrescherwerk Weimar gebaut wurde.

Martha, die bereits in Friedland viel fotografierte, hielt alles im Bild fest:

Kettentraktor S-100

Kettentraktor S-100

Kettentraktor S-100

Kettentraktor S-100

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Seilzugaggregat SZ-24 „Agronom“ Weimar

Martha

Mir ist, als würde ich gleich aus einem Traum erwachen und alles wäre gut.



Schreiend und weinend fand sie sich, nur mit einer Kittelschürze bekleidet, auf der Straße wieder, die Haare zerzaust, ihre nackten Füße spürten die Kälte des Dezembertages nicht ….

…. eben war sie noch mit der Wäsche beschäftigt, es war Mittagszeit. Ihr Mann war seit Wochen beim Ausbau des Hauses, heute fühlte er sich nicht wohl und wollte nur fünf Minuten ruhen bis sie zusammen Mittag essen würden. Da drang ein Seufzer an ihr Ohr – diesen Atemzug kannte sie noch von ihrer Mutter Martha. Sie ließ alles fallen und lief ins Nebenzimmer – er konnte sie doch nicht einfach allein gelassen haben …

… und nun stand sie mitten auf der Dorfstraße, laut um Hilfe rufend und doch wissend, es gab keine mehr.

Hatte denn keiner ein Telefon ? Ein Krankenwagen musste doch kommen …

Schon einmal hatte sie dieses tiefe Gefühl des Verlassenseins gefühlt, damals, als ihr Vater nicht mehr heim kehrte.

Die Mutter lief, so wie sie jetzt, hinaus in die Nacht, als man ihr mitteilte, man hätte ihren Mann am Bahnübergang gefunden.

Gott – wo hatte er seine Gedanken? Wie konnte er den Zug nur übersehen?

Sie lief die 300 m zum Bahndamm hinunter, als könnte sie mit ihrem Erscheinen alle Worte Lügen strafen….

Lange zermarterte sie ihren Kopf, was in jener Nacht geschehen war. Als dann im Sommer des Jahres darauf wieder jemanden an der Bahn gefunden wurde und es hieß, man habe ihm den Schädel eingeschlagen, ließ sie der Gedanke, ihm könnte noch Schlimmeres zugestoßen sein, nicht mehr los….

Doch Martha hatte keine Zeit, sich mit diesem Geschehenen auseinander zu setzen. Vier Kinder hatte sie nun allein zu ernähren.

Bisher hatte sie ihrem Mann in der Schusterwerkstatt geholfen, doch nun musste eine Anstellung her. Sie versuchte sich in dem, was sie einst gelernt hatte. Doch wer benötigte eine Weberin? Oder Aushilfe in der Landwirtschaft? Es gelang ihr nur ein Jahr der Selbständigkeit, dann wurde ihr klar, eine Lösung auf Dauer musste her.

Als es hieß, die Melioration benötigt Arbeitskräfte, meldete sie sich im Tiefbau. Hart war die Arbeit, aber das war sie gewohnt, sie konnte zupacken wie ein Mann.

Am 23. November 1951 begann sie als Arbeiterin für den Wasser- und Bodenverband Baruther Urstomtal zu arbeiten. Im April 1953 für den VEB Wasserwirtschaft Plane-Nuthe im Betriebsteil Trebbin, ab Januar 1954 bis August 1958 im Betriebsteil Luckenwalde.

Zunächst war harte Handarbeit erforderlich, um die Kanäle zur Entwässerung zu bauen. Diese Meliorationsmaßnahmen sollten landwirtschaftliche Flächen entstehen lassen, die nach dem Ende des Krieges dringend zur Ernährung der Bevölkerung benötigt wurden.

Baubrigade

Baubrigade

Bau des Hermenau Kanals, Paplitz (Baruth), Juli 1956

Martha beim Bau des Hermenau Kanals, Paplitz (Baruth), Juli 1956

Fortsetzung

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