Mit der Auswanderung kamen natürlich Sprachschwierigkeiten auf die Kolonisten zu. So wurde 1813 ein Wörterbuch mit russischen Redewendungen herausgegeben, um den Ansiedlern eine Hilfestellung im Alltag zu geben.
Die Sprache der Ansiedler mischte sich mit der einheimischen zu einem eigenen Dialekt.
bessarabisch
Bedeutung
A
älldritt
ständig
älleweil
andauernd
älrit
jeden Augenblick, immer wieder
a Grott
eine Kröte
a rotes Röckle verdiene
sich hervortun, auf sich aufmerksam machen, Anerkennung finden
a Wutzele
ein Schwein
a Hehle
kleines Huhn
Aauä
Augen
Abgascht
schlechter Mensch
abgeräd
abgesprochen
abgriss
abgerissen
abmaracht
geplagt, angestrengt
Abnemmer
Fotograf
Afogat
Anwalt
agärä
pflügen
Ahna und Ähne
Oma und Opa
ahnsä
wehklagen, jammern, stöhnen
Airoblan
Flugzeug
alle gebott
immer wieder
annaweg
trotzdem
Apl
Apfel
Arschien
Längenmaß, 1 Arschien = 0,7111 Meter
Arschkrazel
Hagebutte
Atzell
Elster
ausgschnipfelt
ausgeschnitten
ausnähen
sticken
austrucksa
jmd. hereinlegen, überlisten
austucka
überlisten
awer hordich
aber schnell
awwer
aber
awwerhoor
Augenbrauen
B
Babbrich
Paprika
Babuscha
Hausschuhe
Babuscha
leichte Lederschuhe
Bachel
Dummkopf
Bagasch
Gepäck
Bahm
Baum
Bahmolla
extrem empfindliche, verletzliche Person
Baklaschan
Auberginen
Balldo
Winter Mantel
Ballschannä
Tomaten
ballwerä
rasieren
Balwerä
Rasieren
Bangele
kleines Glas, Honigglas
Bankä
ein grössere Glas, Behälter
Baporololo
als Fluch gebraucht, heute etwa: „Mist“
barbarisch
schlechtes benehmen
Barchet
Inlett
Barich
kastrierter Eber
barotza
ringen, herumalbern
barotze
ringen
Barwoß
Lockomotiwe
Bas
Großtante, Urgroßtante
Baschtan
Melonen- und Gemüsefeld
Basilki
Paket
Basskä Brot
Süßbrot zu Ostern der Ortodoxen
Batledschana
Tomaten und Auberginen
Batleschanna
Tomaten
Battlschanne
Tomaten
batlischanne
gefülltes Maisfladenbrot
Baträ
Taschenlampe
Batza
Lehmziegel in der Luft getrocknet
Bawerosse
Zigaretten
Bärhee
Teigtaschen
Bäsle
Tante
bedlä
betteln
Beem oder Behm
Bäume
Behnä
Beine
Behne
Boden
Beigala
Kekse
Beikele
Keks
Beis-Zangä
Kneif-Zamge
Belzemerde
Weihnachtsmann
Bem
Bäume
Bendl
Band, Schleife
Bensinche
Feuerzeug
Benzinka
Feuerzeug
Bettziach – Ziach
Bettbezug
Bibanella
Knoblauch
Bideruschky
Petersilie
Biederuschky
Petersielie
Billet
Fahrkarte
Birogi
Teigtaschen Maultaschen
blättä
bügeln
Blätt-Eisä
Bügeleisen
Blacht
Decke
bladra
entblättern
Bladschindi
Kürbis Kicheln
Blasbolga
Ziehharmonika
Blädche
Untertasse
Blädle
Untertasse
Blätz
Wundschorf
Bleetche
Unter-Tasse
bletta
bügeln
Blettnick
Trimmer .
Blieraga
neidisch-boshafte Augen
Blindermaus
Schmetterling
Blitt
Herd
blo = Blee
blau
Blod
Matsch
Blooder
Blase
Blosbalga
Ziehharmonika
Blosbalke
Ziehharmonika
Blott
Lehm
Bluch
Pflug
Blutsuckler
Blutegel
Bobbel
Wollknäuel
Bobbele
Baby
Bobl
Knäuel
Bobschai
Mais
Bobsche blada
Maiskolben entblättern
Bobschoi
Mais
Bocksbeidl
Auberginen
Bockshörnle
Johannisbrot
Bodredle
Bild
Bohnaschäfa
Bohnenschalen
Bojas
Bauchgürtel
Bom
Baum
Bonbon
Bonbon
Borde
Behelfsheim aus Lehm
Borjan
Unkraut
Borjanputsche
Büschel Unkraut
Boslbalga
Ziehharmonika
Boslett
Ein Lump
Bosota
Gesindel
Botmanee
Geldbeutel-Brieftasche
Botta
Überziehschuhe
bralen
angeben
Braler
Angeber
Branduscha
Sommersprossen
Brandusche
Krokus
Brascht
Lauch
Brenzeich
Brennmaterial
Breschekter
Taschenlampe
Brijescht
Bahn-Übergang
Brimelsaier
Auberginen
Brimmel
Bule
Brimmels Ajer
Auberginen
Britschedor
Steuereintreiber, Steuerpfänder
Britschka
Kutschwagen
Britschke
Kutsche
Bronna
Brunnen
bronza
urinieren
Bronzhafa
Nachttopf
Brot- Daich
Brotteig
Brothange
Regal fürs Brot
Brudler
Nörgler
Bruns Depche
Nacht Topf
brunsä
urinieren
Bu
Junge
Bu, mei Bu
Mein Sohn
Buiche
Kleiner Junge
Bumäransä
Apfelsinen
Burga
Wintermantel
Burianbesen
Reiserbesen
Burjan
hohes Steppengras
Busijak
Basilikum
Butt
Gewichtseinheit 16 kg
Butter Blumä
Löwenzahn
Butterblumä
Löwenzahn
Butza
Strunk
Buwä
größere Jungs
Buxherner
Johannesbrot.
Buza
ausgedroschener Maiskolben
C
Conducter
Bahnhofsvorsteher
D
dabohrich
schwerhörig
dafä
taufen
Dampfnudel
Hefekloss
dappich
ungeschickt
Date
Vater, Papa
Döde
Patenonkel
Deihenger
Lausbub
deitsch rädä
deutsch sprechen
Deitschlänner
Deutschländer
derhemm
daheim
desch hen i do da na tah
das habe ich doch da rein getan
Diddla
Brüste
die Dodä
die Toten
Ditz genn
Kind stillen.
Dobbat
ein Spiel
Dochet
Petroleum
Dochi
Parfüm
Dode
Patentante
Domback
unechter Schmuck
Dorfbüttel
Gemeindediener
dorjennaner rädä
durcheinander
dormlich
schwindlig
Dorscha
Strunk des Kohlkopfes
Dorschich
Strunk vom Weiß- auch vom Rotkraut
dorscht
Durst
dorsick
Strunk des kohlkopfes
dortich
albern
Dretwenche
Fahrrad
driala
kleckern
drielen
kleckern
Drielschirzla
Lätzchen
drollich
ulkig,lustig
Dromwaj
Strassenbahn
drumslich
schwindlig
Druschelcher
Stachelbeeren
Druschelcher
Stachelberen
Druschnik
Hase, Kaninchen
Dschamber
Pullover
Dschammadann
Koffer
Du Abgascht.
schlechter Mensch
Dubak
Tabak gepresst
Duchi
Parfüm
Dudderwenche
Motorrad
dummle
beeilen
Duppel
Dummkopf
dupplich
dumm
Dupps
Hinterteil
dussa
draußen
Dutze
Beule
E
E Gauschel voll.
zwei Hände voll
E Tohp voll
klein wenig
ebbes
etwas
eckstoilig
kariert
Edehex
Eidechse
Eh
Egge
eine Gauschel voll Sand.
lockerer Sand (in zwei Händen)
Ele
Großvater
Elezich
ledig
Emer
Eimer
Endrich & Gänserich
Erpel & Ganter
Ene
Großvater
ennschiere
einheizen
Erdhas
Zieselmaus
es ewerschd
der oberste
Eselsfürz
Lebkuchengebäck
Ewert
Ebert
F
Fäschd
Fest
Federbritsch
Britsche, Kutsche, Federwagen
Feierdich
Feiertag
Feierwenche
Auto
Ferdrawisch
Gänseflügel – Federwisch
ferig gemacht
Aufgebot bestellt
Fiez
Füße
firsche
vorwärts
Fistatsche
Erdnüsse
fladerer
leicht durchspülen
flattieren
jdm. schmeicheln, zureden
Fleckerplächtle
Flickenteppich
Flederwisch
Gänse-, Entenflügel
Fleitsch
Flöte, Pfeife
Fletterle
Schmetterling
Flint
Gewehr
Fluier
leichtes Mädchen
Fontal
Wasserbrunnen
forrsuff
ertrunken
Frijor
Frühling
Frucht
Weizen
Furzer
Motorrad
G
Gäcksger
Schluckauf
gabsä
gähnen
gabse
gähnen
Gabuschnjak
Kirschlikör mit Früchten
Gallrei /Gallerei
Sülze
Galoschen
Überziehschuhe gegen Schmutz
Galuschken
Krautrouladen
gambert
schwimmen
Gatscha
Enten
Gautsch
Schaukel
gautschen
schaukeln
Gell-riwä
Mohrrüben
Gell-Viech
junge Rinder
gelle?
stimmts?
Gemeindeschulze
Bürgermeister
geschliwert voll
randvoll
Geschrai
Radau
Geschwisterkinner
Enkelkinder
gewehn
gewesen
Gieft Zucker
Süsstoff
Giggelchen
Hähnchen
gleichlich
gelenkig
Glischten
Gelüsten, Appetit
Gluf
Sicherheitsnadel, Brosche
Gluschda
Gelüste
Glutzker
Schluckauf
gnähtschich
schleckig
gnatschich
Kuchen oder Brot ist nicht durchbacken
Gnäpp
Teig-Spatzen
Gnepfla
Nudeln
Gnepfla
dicke Nudeln
gnierig
geizig
Gogommra
Gurken
Golan
Gauner
Golan
Halunke
gomp
Pumpe am Brunnen
gotziges
einziges
Grappaschichta
Vogelscheuche
greilich
unansebar
greischä oder schraje
weinen
Grend/td>
Kopf
Grichala
gelbe Pflaumen, Mirabellen
Griehr
Gerühr
Grillt
Juchzen, Jauchzen
Grischtla
Die braune Kruste an den angebratenen Kartoffeln
Großduach
Wolldecke
grollich
lockig
Grottaschenkel
Krickelkrackel, schlechte Schreibschrift
grubbla
aufkratzen
Grumbeerä
Kartoffeln
Gruschki
Birnen
Gschwistrige Kinder
Nichten und Neffen
Gsälz
Marmelade
Gugommer
Gurke
Gummärä
Gurken
Gummer, Gummere
Gurke, Gurken
gwergelt
herumdrehen, wälzen
H
Haber
Hafer
Habus
Melone
Hafa
Steintopf
Hafakäs
Irrtum
Haipfel
großes Kissen
Hallsterich
Sturköpfig
Haluschki
Kohlrolade in Sauerkraut
Handlomba
Handtuch
Harbi
beladener Getreidewagen
Harbusa
Wassermelonen
Harbusen
Wassermelone
Harman
eingezäunte Weide
Harmoschka
Ziehharmonika, auch Mundharmonika
haufich voll
gehäuft voll
Hägele
Häckelnadel
hälinga
heimlich
Händschich
Handschuhe
Hänschki
Handschuhe
Hebriwelche
an Stelle von Hefe
Hefelaible
Weinhefe
Hefelaible
Hefestückchen
Hefele
Kleiner Ton-oder emailierter Topf
heide
auf geht´s, voran
Heierles macha
eine gemütliche Runde einlegen
Heilandsvögele
Marienkäfer
Helf Gott
Tagesgruß
heling
heimlich
helinge
heimlich
helinger
heimlich
hendersche
rückwärts
Henkla
Gardine
Henschich
Handschuh
heser
heiser
Hetz
Elster
hinderschefiir
von hinten nach vorne
Hingl
Huhn
Hinnerholich
mildes Schimpfwort
Hinnerigs
rückwärts gehen
hircheln
brodeln
Hofluck
Hofgrundstück
Holobzie
Kohlroulade
Hor
Haare
Hornigel
plötzlicher Hagelschlag
hornigla
?
hotsch
nur
Hubbl
kleiner Hügel
Hubl
Kleiner Hügel, Maulwurfhaufen
Hubub
Wiedehopf
huck dich
setz dich
Huding
Vieh-Weide
hudla
oberflächlich
Hulubzie
Kohlroulade
Hummet
Pferdegeschir
hurgla
rollen
Hutsch
Pfohlen
Hutscherle
Fohlen
I
iberseit macha
fertig machen, aufräumen
ieberwindig
windstill
Ikri
Rogen (Fischeier)
J
jommärä
jammern
jonge Kerle
junge Männer
K
Kärwä
Kirchweih Fest
Kabatschki
Speisekürbis
Kabatschki
Zucchini
Kaddrä
Katharina
Kadledda
Frikadellen
kafa ei’kafa
kaufen einkaufen
Kaladetz
Sülze, Tellersülze
Kallig
Krüppel
Kalupp
verkommenes Haus, Hof, Zimmer etc.
Kaluschke
Krautwickel
Kannschug
Hirten-Peitsche
Kantschuk
neunschwänzige Katze
Kap
Mütze
Kapp
Mütze
karacho
schnelles Tempo
Kareht
Zweispänner Kutschwagen
Karligä
Schäfer-Hacken Stock
karowa
Kuh
Karunselcher unn Schnäckeschwänz
? und Schneckenschwänze
Karutsele
Wägele
Karutz
Wagen mit einem Pferd
Kaschda
Aussteuertruhe
Kaschtroll
größerer Topf
Katschupp
Haarknoten
Kächele
kleiner Kochtopf
Kärwis
Kürbis
Kärwisplatschindä
Kürbispalatschinken
käschtlig
kariert
käsknöpfla
Teigtaschen mit Quarkfüllung
Käskrapfen
Käsknöpfle
kemma
kämmen
Kemmich
Dill
Kerbsä
Kürbis
Kerna kiefa
Körner knacken
Kerner knabbä
Sonnenblumenkerne essen
Kerner knaxsa
Sonnenblumen Körner mit den Zähnen knacken
kett
gehabt
kettrich
lose gestrickt
Kirbsa
Kürbis
Kirbsakiachle
Kürbisküchle
Klabott
Schwierigkeit
Klapott
Ärger
Klaunsch
Schaukel
Kleder
Kleider
Kliefle
Brosche,Anstecknadel
Klingel
Knäuel
Kneißle
Endstück vom Brotlaib
Knochahutscha
Spielzeug-Pferdegespann
Knodärä
meckern
Knofel
Knoblauch
Knowloch
Knoblauch
knuschtlä
interessenlos arbeiten
koarich
geizig
Kohrmaus
Feldhamster
Kolodez
Aspik oder Sulz
koltra
husten
Kondukter
Lockführer
Koormaus
Feldhamster
Kop
Kopf
Kopitza
Stroh- und Heuhocken
Korscht
Kruste
kräppsla
klettern
Krabba
Krähen
Krautstand
Sauerkrautfass
Krawall
Unruhe- Lärm
Kruschkie
Birnen
Kubsche
Einschreiben, Kaufvertrag
Kudlä
Gedärme
kumä
kommen
Kumetter
Pferdegeschir
Kuradell
Verhör
Kutter
Müll
L
„lang Kathre“
Durchfall
Lad
Sarg
lafä
laufen
Lafke
Kaufladen
lagomrich
raffgierig
langmogich
langärmelig
Latwerch
Marmelade
Lebkichla
Plätzchen
Lefz
Lippe
Leifla
Streifen in Bezug auf Textilien
lesä
lesen
letz
falsch, verkehrt
liadrich
gemein, schlitzohrig, kaputt
Liderich
faul
liderich do leije
faul da liegen
Liderlich
Faul
Limonä
Zitronen
Lodge
Boot
lohlich
lauwarm
lommelig
kraft-, saftlos, ohne Energie
Lottkä
Ruderbot
luck
locker, leicht, mürbe
Luder
Aas oder schlechter Mensch
Luftschiff
Flugzueg
Lumba
Lappen
M
mädänaner rädä
miteinander reden
Mädle
Mädchen
Maag
Mohn
magä
machen
Maiweche
kleine Mauer
Malaj
Maiskuchen
mamälai
Kuchen aus Maismehl
Mamalig mit Dungade
Maisbrei mit Soße (Tunke)
Mamalika
Maisbrei
Mamlei
Maisbreiauflauf
Mamlik
Maisbrei
Mamme und Tadde
Mutter und Vater
Mammelick
Maisbrei
Marlä
Mulbinden Verband
Marodie
erschöpft, ausgelaugt
Maroschna
Speise Eis
Maschke
dicke, beleibte Frau
Maslinä
Oliven
Masslinna
Oliven
Maulharf
Mundharmonika
Märzaveigela
Veilchen
Memmele
Schnuller
merlä
Mullbinde (Verband)
met gebrug
mit gebracht
meuje gehn
besuchen gehen
Mickä
Stuben-Fliegen
mied
müde
Milich
Milch
Mit Dir han i bloß Glabott
Mit Dir hab ich nur Schererei
Modche
Mädchen
Moldauwaner
Moldawier
Mollt
Molle
Molodetz
Könner
moschderä
auftakeln
Murwolf
Maulwurf
Muschik
einfacher Mann, Bauer
musslinas
schwarze Oliven
N
Nachtgrapp
Eule
narch
angeberisch
nasaweis
neugierig
Nastüchle
Taschentuch
Nawell
Nabel
näbana
daneben
närricht
ein bisschen verrückt
nebadraußa
irrsinnig
neemä
holen
Negala
Nelken (Blume)
Nehtz
Nähgarn
neischierich
neugierig
Nema
Namen (Mehrzahl)
nemme
nicht mehr
newä dran
daneben
nimi
nicht mehr
noore
beiseite
nore machen
sich beeilen
Nuschnick
Aussentoilette
Nuschnik
Abort
Nuschnik
Toilette, stilles Örtchen
O
Oder
Ader
Okä Wein
Wein Porzion
Oschträ
Ostern
owä
oben
Owend
Abend
P
Pader
Pfarrer
Paldo
Mantel
Paldo
Mantel ?
Paprich
Paprika
Pastram
Rauchfleisch?
Patlitschana
Tomaten
Patlitschanä
Tomaten
Paudrakette
Perlenkette
päb
eng, dicht
Peif
Pfeife
Pfeffer
Paprika
Pfefferschote
Paprikaschote
Pfeffersoß
Paprika-Würzgemüse als Wintervorrat
Pflujer
Pfeife (Trillerpfeife)
pfuffern
neugierig
pfuffert
neugierig
Phol
Pfahl
Piroz
Regenwurm
pischpere
flüstern
Placht
Decke, Umhang
Platschenta
Palatschinken
Platschenta
süßes Kürbisgebäck
Plattschindi
Kichel mit Kürbis
Platzke
zu flach gewordenes Brot
Plazky
Hefefladen
Plättle
Untersetzteller, Kuchenteller
Pletche
Untertasse
Pletteise
Bügeleisen
Plettle
Untertasse
Plitte
Herd
Plodder
Blase
ploga
plagen
Plott
Matsch
Podderschnur
Perlenkette
podra
Perle
Popsche
Mais
Poschtar
Kutscher
Potrettle
Fotoaufnahme
Potz
unbeholfen, Dummer
Prietschki
Einspänner Kutsche
Prijest
Bahnübergang
Primmel
Bule
Pripas
herrenloser Hund
prost
dumm, einfältig, einfach
Protschektor
Taschenlampe
Pudelmütze
Mütze für den Winter
pudlich
zerzauste Haare
Pudlkapp
Pelzmütze
Q
R
rädä
reden
raicherä
räuchern
Raskaska
Witz, spaßige Erzählung
Rawä
Raben
Recha
Rechen, Harke
Reef
Reifen
Reff
Raufe, Heuraufe
Reff
Garderobe
Regglchä
Röckchen
Rehn
Regen auch rein & sauber
reidä
reiten
Retsch Weib
Klatsch Weib
Rewulwer
Pistole
Riasel
Rüssel
Riebala
Streusel
Rohr
Schilf
Rotzlerei
Schnupfen
rum gelschtern
rumgeistern
Ruseinä
Rosinen
Russische Zeitung lesa
Sonnenblumen Kerne knaksen
Rutscherle
kleiner flacher Handwagen
S
schneet
schneit
sachte
langsam
Saguski
Untersetzteller, Kuchenteller
Saich
Urin
saicha
urinieren
Samschdich
Samstag
Sandhas
Perlziesel
Saublaodr
Schweinsblase
Sauerrammel
Sauerampfer
Saukerle
schmutziger Junge
säll
jenes
schänä
schimpfen
Schäslo
Chaiselongue, spezifische Variante eines Sofas
Schabala
Bohnen
Schabbelschichter
Vogelscheuche (Bohnenscheuche)
Schank
Schrank
Schapf
Schöpflöffel
Scharf
Halstuch
scharwenzla
sich in der Nähe von jdn. aufhalten, um jdn.sein
schäbs
nicht gerade
schbanische (spanisch)Fefferle
Chilischote, scharf
Schdoin
Stein
Schechtstiefel
Schaftstiefel
scheel
blind
Scheine
Scheune
Schelki
Hosenträger
schempfa
schimpfen
schiera
schüren
schiira
heizen
Schipp
Schaufel
Schlägele
Hähnchenschenkel
Schleifä gehn
Schlittschuh laufen.
Schleifschuhe
Schlittschuhe
Schlempke
Drücker zum Öffnen einer Stalltür
Schliaßkluv
Sicherheitsnadel
schlichtig
sämig
Schliefer
Splitter
Schlieferle
dünne Scheibe
Schliesspingel
Sicherheits Nadel
Schlohsä
Hagel
Schlopp
Krawatte
schlorbsä
schlürfen
schlotza
schlürfen
Schlotzer
Art Schnuller
Schlupf
Krawatte
Schmagatz
Pfefferminzplanze
schmalitzich
dünn, mager
Schmand
Sahne
Schmeckertzla
riechender Blumenstrauß
schmeisä
werfen
schmotzig
schmierig, fettig
Schmutz
Kuss
schnägich
schleckich
schnägig
zickig, mäkelig
schnägisch
beim Essen wählerisch, schmeckt nicht alles
schnarksä
schnarchen
schnaufä
atmen
schnäken
im Essen herumstochern, appetitlos, wie ein Spatz essen
schnänza
Nase putzen/ausschnauben
Schnänztichle
Taschentuch
schnensa
Nase schneuzen
schnikra
vom Kuchenteig heimlich kleine Stückchen entnehmen
Schnogä
Schnacke
Schommadan
Koffer
schoora
umgraben
Schopfa
Schuppen
Schopfa
Hütte
Schopfa
Stall
Schpitzatiachle
Spitzentüchlein
Schpreisa
Splitter
schräla
kämmen
Schronna, schronnich
trockene, schuppige Haut
Schtaffel
Treppe
Schtepp
Ackerland
Schtierum
zerpflückter Pfannkuchen, ähnl.Kaiserschmarrn
Schtiewert
Schnee Treiben
Schtoi
Stein
schtoilich
kariert
Schtond
Gebetsversammlung, die Stunde
schträla
kämmen
schtrialig
wählerisch
Schtromf, Schtremf
Strumpf, Strümpfe
schtupfla
nach Getreidernte liegen gebliebene Ähre einsammeln
Schuburup
Schmetterling
schucken
werfen
schucken
wiegen, hin und her schaukeln
Schuckstoila
ein besonderes Spiel
schwämmä geen
schwimmen gehen
Schwalmcher
Schwalben
Schwäbale
Streichhölzer
Schwäfala
Streichhölzer, Zündhölzer
schwätzen
reden
Schwebala
Zündhölzer
Schwewälcher
Streichhölzer
Schwewellcher
Zündhölzer, Streichhölzer
Schwitz
Schweiß
schwuchdda
einen trinken
Seier
Sieb
sellamols
damals wars
sellemols
damals
siirfla
schlürfen
Sillscheit
Schwengel
Sonndigshäs
Sonntagskleider
Sonnrosa
Sonnenblume
Spingelche
Stecknadel
Spingelcher
Stecknageln
Spinnhudäle
Spinnweben
Staatsstub
Staatsstube
Stacheta /Stachetazaun
Latte /Lattenzaun
Stacksä
Stottern
staffel fega, zibeba, peterling, dampf ket
Treppe abfegen, Rosinen, Petersilie, betrunken
Stampfer
Kartoffelpüree
Staniolpapier
Zinnfolie die Pralinen etc. ummantelte, für Aluminiumfolie später ebenfalls verwendet
Stecka
Stock
Stehn
Stein
Stier
Bulle
Stieram
Schmarrn
Stollfus
Beinprotese
Stoppert
Flaschenkorken
Storesch
Hausmeister
storköpich
sturköpfig
strabla
strampeln, zucken
Strembälä
abgeerntete Maisstengel
Stremmbellä
abgeertete Maisstengelen
stripfen
abblättern/abziehen
Stroh Nischer
Erdnüsse
Strohnissla
Erdnüsse
strubblich
zerzauste Kopfhaare
Stucki
Bruchsteine (Kalk Muschel)
Stupfla
stoppeln, Feldfrüchte Nachlese nach der Ernte
Suchare
Zwieback
Sud
Gericht
sudda
vor Gericht gehen
Suggale
Lämmchen
Sunäschein
Sonnenschein
T
tappich
tollpatschig
tappohrig, tappohrich ausgesprochen
schwerhörig, nicht hören wollen
Tawunn
eine Herde Pferde
Terkischer Peffer
Gewürz Paprika
termlich
schwindlich (benommen)
Tiachle
Tüchlein
Tindäzieher
Füllfederhalter
torkelt wie besuff
läuft wie besoffen
Torwä
Gepäck im Beutel
Traubazeddel
Weintraube
Trettwägele
Fahrrad
Trialär/ Trüller
Schlafmütze / langsamer Mensch
Troikä Pferd
Drittes Pferd im Gespann
Trupka
scherzhaft für große Nase
Tschainig
Teekessel, Wasserkessel kannenförmig
Tschainik – Tschainikle
Teekanne – Teekännchen
Tschamadam
Koffer
Tschapka
gebundenes Kopftuch
Tschochotka
Schwindsucht
Tschoinik
Teekessel
Tschorba
Sauerkrautsuppe
Tschubann
Schafhirt
Tschugaster
Elster
Tuchie
Parfüm
Tulipana
Tulpen
Turak
Kartenspiel, Dummer
Turmel
Dummkopf
turmlich
schwindlig, düselig
U
überzwerch
nicht giebelständig
überzwerch
nicht in der richigen Richtung
überzwerch
verdreht
Überhirnt
Irres tun oder machen
uffmagä
aufmachen
ufmagä
Operation
unä
unten
Utschnik
Trinker
V
vergelschtert
eingeschüchtert, erschrocken
vergelstert
erschrocken
vergrutzt
verschnitten
verscherbla
hergeben/ verkaufen
versport
schimmelig
versprocha
verlobt
verzwazla
ungeduldig auf etwas warten
Vetter
Onkel
Vetter
Großonkel, Urgroßonkel, etc.
Vidaschge
Erdnüsse
vorgellstert
iritiert
vorgrozt
verschimmelt
vorkafä
verkaufen
vorknotscht
zerknittert
vorretscht
tratschen
vorrstoppelt
versteckt.
vorsuff
ertrunken
W
Wagsall
Bahnhof
Wagulebronna
Brunnen in Lichtental
Walach
kastriertes Pferd
Warenegla
Quarktaschen
Wees
Tante
weißlä
tünchen, anstreichen
weifelt
sehr krank sein
Welschkorn
Mais (Zuckermais)
Welschkorn
Mais
wennsälä
unruhig schlafen
Wergele
ein kleines Häufchen
Werscht
Längenmaß Werst = 1,0668 km
Wicks
Schuhcreme
Wie hescht Du?
Wie heißt Du?
Wie schreibscht Du Dich?
Wie heißt Du?
wiedich wärä
aufgeregt oder zornig werden .
wirscht
frech
wischt
häßlich
Wonderfitz und kloine Frägala
Neurgieriger und kleiner Fragensteller – Wenn gefragt wurde was es zu Essen gibt
Becker-Hoffnungstal, Busch Klöstitz, Walter Alt-Elft, Behning-Sarata, Faltin-Kischinew, Bienemann-Arzis.1
Nach vielen Vorgesprächen fassten am 14. August 1864 die Pastoren Becker aus Hoffnungstal, Busch aus Klöstitz, Walter aus Alt-Elft, Behning aus Sarata, Faltin aus Kischinew, und Bienemann aus Arzis den Beschluss, ein „Haus der Barmherzigkeit“ in Sarata zu gründen. Hier sollten auf Diakoniebasis die hilflosen, behinderten, dahinsiechenden und verlassenen Mitglieder der deutschen Gemeinden Pflege und Seelsorge erfahren.
Durch den Kontakt zu Pfarrer Löhe in Neuendettelsau /Bayern wurden die beiden ersten Schwestern entsandt, zusätzlich gewährte man finanzielle Unterstützung. Zunächst mietete man eine private Unterkunft für die Schwestern und die ersten Pfleglinge, welche aus Alt-Elft am 1. November 1864 eintrafen.
Ihre Zahl stieg auf sieben an, so daß ein eigenes Haus notwendig wurde. Am Himmelfahrtstag, dem 5. Mai 1866 wurde der Grundstein gelegt.
Alexander-Asyl2
Die erste bessarabische Diakonissenschülerin war Rosine Tröster, sie leitete in späterer Zeit als Oberin das Haus, bis zu ihrem Tod im Jahre 1918. Ihr folgten in dieses Amt die Schwestern Magdalena Kowalsky von 1918-1927, Lina Farr 1927-1928, Elisabeth Süßmilch 1928-1931 und ihre Verwandte Cäcilie Tröster ab1932.
Die Einweihung des Neubaues war am 5. Mai 1867, der Name „Alexander-Asyl“ erinnert an die Errettung des Zaren Alexander II. aus Todesgefahr am 4. April 1866, als der Revolutionär Dimitri Karakosow vor dem Sommergarten einen Attentatsversuch auf den Kaiser unternahm, das durch den Bauern Kommissarow verhindert wurde
Durch erheblichen Zuspruch wurde 1868 eine Hospitalabteilung für Kranke errichtet, die Schwestern wurden in Krankenpflege ausgebildet. Ab 1874 wurden feste Gelder des Kreises auf je 10 Kranke gezahlt, es gab Arzneien und Wäsche, ein Arzt und ein Feldscher4 wurden angestellt.
Unter Pastor Katterfeld, welcher die Nachfolge von Probst Behning zwischen 1875 und 1880 antrat, gab es die erste Felddiakonie im russisch-türkischen Krieg 1877-1878 gemeinsam mit dem Roten Kreuz. Pastor Alfons Mayer wurde nun Rektor der Anstalt von 1880 bis 1918. Er ließ ein Hospitalgebäude bauen, welches 1883 eingeweiht wurde. Bis Ende 1935 wurden hier etwa 27.000 Patienten behandelt.
Da Männer und Frauen seit 1872 getrennt untergebracht wurden, entstand das „Haus Bethel“. Zunächst gemietet, ab 1886 in Arzis im eigenen Haus, da die Gemeinde Arzis einen Bauplatz zur Verfügung gestellt hatte.
Der Ankauf eines Grundstückes 1903 in Sarata ermöglichte den Bau des Siechenhauses für alte und leidende Frauen, hier entstand 1908 ein zweistöckiges Gebäude, das Haus „Elim“. Der Bau war durch das Vermächtnis des kinderlosen Kaufmanns Leopold Hasenjäger aus Kiew und der Unterstützung des Kaiserswerter Verbandes ermöglicht worden. Im Jahre 1906 kam ein Ambulatorium dazu.
Die Grundsteinlegung zu einem neuen Hospitalsgebäude erfolgte unter Rektor Pastor Winger am 12. Mai 1935. Zu diesem Zeitpunkt lebten einige Pfleglinge bereits mehrere Jahrzehnte hier.
Durch die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen im Jahre 1940 fand die Arbeit des „Alexander-Asyls“ in Bessarabien ein jähes Ende, wurde jedoch in Großerlach-Neufürstenhütteim Dezember 1953 unter Pfarrer Albert Kern in Großerlach-Neufürstenhütte wieder aufgenommen. Seit 1979 unter dem Namen „Alexander-Stift„
Ein weiterer Aspekt der Pflege wurden die Waisenkinder. Da immer wieder Kinder aus dem Waisenhaus Odessa zur Erholung nach Sarata geschickt wurden, jedoch keine eigenen Räumlichkeiten hatten, auch eigene Waisen aufgenommen werden sollten, benötigte man eine Unterkunft. Diese kam in Form eines Tausches. Fräulein Emilie Kurz stellte vermachte der Einrichtung ihr Eigentum, Haus und Hof gegen lebenslange Versorgung im Haus „Elim“. So wurde eine Unterkunft für die Waisenkinder geschaffen, 1935 waren es 20.
Schwesternheim Bad Burnas3
Mit der Entstehung von Bad Burnas erhielt das „Alexander-Asyl“ ein Grundstück für die erholungssuchenden Pfleglinge und Schwestern. Unter Oberin Lina Farr wurden Spenden gesammelt und 1929 wurde ein Ferienheim geschaffen. Die Gebrüder Roduner-Gassert schenkten einen Bauplatz in Budaki für ein weiteres Haus.
Auch über die Versorgung der Schwesternschaft im Alter musste nachgedacht werden. zunächst verließen gut ausgebildete Schwestern die Anstalt, da eine Heirat ihr Alter sichern sollte. Oberin Rosine Tröster versuchte diesen Mißstand zu beenden, indem die Schwestern monatlich einen kleinen Teil ihres Taschengeldes in einen Baufond einzahlten. 1926 war es soweit, sie konnten ihren Altersruhesitz „Abendfrieden“ beziehen.
Neben ihrer Arbeit in den Außenstellen in Odessa, Kiew, Worms und Saratow, in Winterhilfswerken, der Armenpflege, häuslicher Pflege, Kindererziehung und bei Gottesdiensten, schufen sie den ersten Frauenverein in Sarata im Jahre 1886. Ein Jahr später entstanden nach diesem Vorbild Frauenvereine in Klöstitz und Alt-Elft, bis 1935 waren es 30.
Magdalena Kowalsky (1853-1929)5
Schwester Magdalena Kowalsky
Fast 55 Jahre lang hat die verstorbene Oberschwester Magdalena Kowalsky Freude und Leid in der Anstalt zu Sarata miterlebt. Nicht nur im „Alexander-Asyl“, sondern in ganz Sarata und weit darüber hinaus war sie bekannt. Sie hat ein ganzes Menschenleben selbstlos dem Diakonissenberuf gewidmet.
Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurde sie eine gern gesehene Freundin in vielen Häusern.In Erinnerung werden in Sarata die vielen, vielen Krankenbesuche, die sie machte, bleiben. Bei diesen Besuchen erteilte sie praktische Ratschläge bezüglich der Pflege des Kranken und übte Seelsorge. In den fünf Jahrzehnten, die Schwester Magdalena im Alexander-Asyl ins steter Tätigkeit verbrachte, hat sie verschiedene Erfahrungen gemacht. In früheren Jahren, als noch kein Arzt im Dorfe war, musste die Schwester im Notfalle, bis der Arzt geholt werden konnte, selbst Arzt sein. Sie konnte daher manchen praktischen Rat erteilen. Wenn Schwester Magdalena über das Anstaltsleben erzählte, war ihr Stoffvorrat unerschöpflich. Mit den verschiedensten Menschen führte sie ihr Beruf zusammen. Mannigfaltige Pfleglinge hat sie gepflegt. Allerhand Erlebnisse aus der alten Zeit waren in ihrer Erinnerung. Gerade die Erlebnisse aus älterer Zeit hafteten am schärfsten in ihrem Gedächtnis. Oft erzählte sie von der Arbeit der Sarataer Schwestern im Militärhospital zu Bendery während des russische-türkischen Krieges 1877-78. Ueber die Einzelheiten aus der Geschichte des Diakonissenhauses konnte man von ihr Aufschluß bekommen. Wohltuend war für sie die letzten Jahre der Ruhe im „Abendfrieden“ Es war ihr eine Ruhezeit vom 26. März 1927 bis zum Todestage, dem 14. Februar 1929, vergönnt. Noch kurz vor ihrem Tode hat sie uns interessante Episoden aus dem Anstaltsleben der früheren Zeit erzählt. Am Abend des 13. Februar saß Schwester Magdalena noch gemütlich im Kreise der älteren Schwestern im „Abendfrieden“. An demselben Abend bekam sie noch Gehirnschlag und ist schon am nächsten Tage den 14. Februar, sanft entschlafen.
Schwester Magdalena Kowalsky wurde am 24. November 1853 in Schlangendorf am Dnjepr, Kirchspiel Alt-Schwedendorf, Gouvernement Cherson, geboren. Sie entstammt einer kinderreichen Bauernfamilie. Im Kreise zahlreicher Geschwister verbrachte sie ihre Kindheits- und Jugendjahre. Alle ihre Verwandten sind in Rußland geblieben. Sie litt bis an ihr Lebensende an dem Elend, das über ihre Verwandten in Rußland infolge des Bolschewismus hereingebrochen war. In ihrem Heimatdorfe besuchte und beendete sie die Dorfschule und wurde im 15. Lebensjahre vom dortigen Kirchspielspastor A. Nordgreen konfirmiert. Mit 21 Jahren trat sie am 13. Juni 1874 als Diakonissenschülerin in das Diakonissenhaus „Alexander-Asyl“ ein. Der Wunsch, Diakonissin zu werden, veranlaßte sie, die Heimat zu verlassen. Bereits im August folgenden Jahres wurde sie Probeschwester. Es wurde ihr als erste größere Aufgabe die Aufsicht und der Unterricht von fünf Waisenmädchen im Mutterhaus übertragen. Dessen ungeachtet nahm sie doch noch am weiteren Unterricht im Diakonissenhause teil, der zu jener Zeit vom damaligen Rektor, Pastor Katterfeld, und dessen Frau Gemahlin erteilt wurde. Diese Stunden waren bis ins hohe Alter in guter Erinnerung. Nachdem sie nicht ganz zwei Jahre als Probeschwester gearbeitet hatte, ist sie am 5. Mai 1877, am Tage des Jahresfestes der Anstalt, in der Kirche zu Sarata feierlich eingesegnet worden. Noch in demselben Jahre sollte sie den Ernst und bald daraus auch die Gefahr des Dienstes kennen lernen, galt es doch, Verwundete des russisch-türkischen Krieges zu pflegen. Zunächst wurde sie mit drei anderen Schwestern nach Kubej entsandt, um in dem dort eingerichteten Militärlazarett Verwundete zu pflegen.
Nach etwa drei Monaten kam sie in das Hospital zu Bendery, woselbst sie Typhuskranke pflegte. Dabei erkrankte aber sie selbst am Flecktyphus. Nachdem die Krankheit ziemlich überstanden war, kam ein heftiger Rückfall, wobei sie sich noch eine schwere Kniegelenkentzündung zuzog. Nun kam über sie eine längere Lebenszeit. Erst im September 1879 war sie so weit hergestellt, daß sie ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte. Jedoch ihr Knie blieb stets. Trotz solch trauriger Erfahrungen zu jener Zeit, vielleicht gerade weil diese Zeit mit ihrer Not für Schwester Magdalena eine Prüfungs- und Bewährungszeit war, erinnerte sich die Verstorbene immer wieder bei Gelegenheit an diese Arbeit der Sarataer Schwestern im Hospital zu Bendery, zumal einige Photographien, welche die in Bendery pflegenden Schwestern mit den von ihnen verpflegten Verwundeten darstellen, im Diakonissenhaus aufbewahrt sind.
Madalena Kowalsky (1853-1929), Grabstein 2018 wieder entdeckt durch die internationale und kulturelle Gesellschaft „Zlagoda“ von Sarata.7
Nach dieser Zeit war Schwester Magdalena mit wenigen Unterbrechungen Jahr für Jahr bald im Mutterhause, bald aus einer Außenstation, bald in Privatpflege tätig. Im Jahre 1880 hat sie im Mutterhause vorübergehend die Diakonissenschülerinnen unterrichtet. Von 1882-1884 vertrat sie die damals abwesende Oberschwester. Zweimal reiste die Verstorbene nach Deutschland. Auf ihrer ersten Reise begleitete sie 1894 Pastor Alfons Meyer, den damaligen Rektor des Diakonissenhauses, der krankheitshalber die Reise unternehmen mußte. Im Jahre 1898 fuhr sie zum zweitenmal nach Deutschland und besuchte dort die Diakonissenhäuser: Bethel bei Bielefeld, Kaiserswerth, Neuendettelsau, Stuttgart und das Elisabeth-Kranken- und Diakonissenhaus zu Berlin. Dieser Aufenthalt in deutschen Diakonissenhäusern wurde zum Segen für ihr ganzes weiteres Berufsleben.
Sie hat bis ins Alter an den dort gewonnenen Eindrücken gezehrt und erinnerte sich stets mit Freudigkeit an jene glückliche Zeit. Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland nahm sie mit neuem Eifer wieder ihre Arbeit aus. Diese bestand in folgendem: sie unterrichtete die Diakonissenschülerinnen und besorgte nebenbei die Nähstube und Garderobe. Durch eine Reihe von Jahren stand sie der Oberschwester helfend zur Seite.
Nach dem Tode der Oberschwester Rosine Tröster übernahm Schwester Magdalena im Jahre 1918 den Posten einer Oberschwester des Diakonissen-Mutterhauses. In ihrer Bescheidenheit quälte sie sich oft ab mit dem Gedanken, ob sie diesem Posten gewachsen sei und bedurfte immer wieder der Aufmunterung des Rektors. Schon als Schwester, noch mehr als Oberschwester ging sie ganz in der Sorge um das Diakonissenhaus auf. Über der Sorge um das Wohl der Anstalt und der Schwesternschaft vergaß sie sich selbst. Oft hatte man den Eindruck, daß sie sich zu sehr absorgte. In den letzten Jahren ihrer Tätigkeit sehnte sich Schwester Magdalena nach Ruhe. Im Jahre 1924 durften wir mit ihr zusammen ihr 50-jähriges Berufsjubiläum feiern. Am liebsten hätte sie an jenem Tage schon ihren verantwortungsvollen Posten niedergelegt, mußte aber, weil kein Ersatz vorhanden war, noch 2 Jahre auf ihrem Posten verharren. Am 26. März 1927 konnte sie endlich entlastet werden. An diesem Tage zog sie in den stillen „Abendfrieden“ ein. Sie war sehr glücklich, daß sie noch einige Zeit sorgenlos leben durfte. Fast 2 Ruhejahre waren ihr vergönnt. Auch in dieser Zeit besuchte sie aber rastlos die Alten im Elim, die Kranken im Dorfe, schrieb Briefe an die auf Außenstationen arbeitenden Schwestern. Insbesondere lagen ihr die ohne Verbindung mit dem Mutterhause in Rußland zurückgebliebenen Schwestern unseres Hauses am Herzen. Diese Ärmsten, die gerne hierhergekommen wären, wenn sie gekonnt hätten, versuchte sie durch Briefe aus ihrer alten Heimat zu trösten. Auch wurden die alten Freunde mit Briefchen bedacht. Sie konnte nicht ohne Tätigkeit sein. Der Herr über Leben und Tod hat sie nun zu sich genommen.
Aber ihr Leben möchte ich den 6. Vers des 16. Psalms setzen: „Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche: mir ist ein schön Erbteil worden.“ Sie wird wohl noch lange in unserem Gedächtnis sowie im Gedächtnis manches Lesers als treue Arbeiterin im Weinberge des Herrn bleiben. Möge ihre Saat Frucht bringen. Wir gönnen ihr von Herzen das liebliche Los in der Ewigkeit. Pastor G. Winger.6
Lina Farr (1890-1928), Grabstein 2018 wieder entdeckt durch die internationale und kulturelle Gesellschaft „Zlagoda“ von Sarata.7
1 Deutscher Volkskalender für Bessarabien 1937 S. 88; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ZA 2111 J. Fiechtner: Das Alexander-Asyl zu Sarata, Ein Gedenkblatt zu seinem 70-jährigen Bestehen (1866-1936), Sarata, S. 88-92 2 Deutscher Volkskalender für Bessarabien 1937 S. 88; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ZA 2111 J. Fiechtner: Das Alexander-Asyl zu Sarata, Ein Gedenkblatt zu seinem 70-jährigen Bestehen (1866-1936), Sarata, S. 88-92 3Deutscher Volkskalender für Bessarabien 1937 S. 93; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ZA 2111 J. Fiechtner: Das Alexander-Asyl zu Sarata, Ein Gedenkblatt zu seinem 70-jährigen Bestehen (1866-1936), Sarata, S. 88-92 4 In der russischen Armee gibt es den Feldscher als unterste Stufe des Militärarztes noch heute, sie waren als Wundärzte oder Militärchirurgen auch in Deutschland bekannt. In der Sowjetunion und im heutigen Russland war und ist der Feldscher auch im zivilen Bereich als medizinische Hilfskraft tätig (oberhalb einer Krankenschwester, unterhalb eines Assistenzarztes angesiedelt) – vorzugsweise in ländlichen Gebieten. Er hält selbständig Sprechstunden ab. Auch in Deutschland gab es bis 1950 medizinisches Personal, das in seiner Ausbildung unterhalb des approbierten Arztes angesiedelt war und im Alltag selbständig Behandlungen durchführte: Arzthelfer (nicht mit dem heutigen Beruf vergleichbar) und Dentisten. Ein Haupteinsatzgebiet ist die Medizinische Prophylaxe (Hygiene) und die Medizinische Grundversorgung. Schwerere Fälle überweisen sie an die nächst höhere Stufe der medizinischen Versorgung, vorzugsweise Krankenhäuser. Die Feldscher wurden und werden in Russland in dreijährigen Fachschulen ausgebildet, sie besitzen eine vorausgehende Schulbildung, die dem deutschen Abitur vergleichbar ist. Nach einer 2-3 jährige Praxisphase schließt sich für künftige approbierte Mediziner ein 5-6 jähriges Hochschulstudium an, ehe sie als Ärzte (Assistenzärzte) in Kliniken wechseln. Dort erfolgt wie in Deutschland die Weiterqualifikation zum Facharzt (Oberarzt, Chefarzt). Approbierte Ärzte arbeiten auch als niedergelassene Ärzte. 5Deutscher Volkskalender für Bessarabien 1930 S. 61; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ZA 2111 6 Abschrift Nachruf: Deutscher Volkskalender für Bessarabien 1930 S. 61-63; Deutsche Nationalbibliothek Leipzig ZA 2111 Pastor G. Winger Oberschwester Magdalena Kowalsky 7 Grabsteinfotos: Die internationale und kulturelle Gesellschaft „Zlagoda“ von Sarata (ЗЛАГОДА САРАТА) entdeckte die Grabsteine wieder und legte den deutschen Friedhof Sarata neu an: Pressemeldung vom 28. September 2018 В Одесской области восстанавливают старинное лютеранское кладбище
Politisch waren auch die Bessarabiendeutschen zu einem Gau zusammen geschlossen, um ihr Volkstum zu stärken und ihre Kinder und Jugendlichen im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen. Entsprechend entstanden neue Jugend- und Kulturvereine, die bestehenden wurden in das System einer straffen Jugenderziehung eingegliedert.
Banater Deutsche Zeitung ; Timişoara; 29. 11. 1936, Nr. 18, S. 3
Sitz der Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien war Tarutino. Das Gebiet wurde in sieben Kreise unterteilt, an der Spitze jeweils ein Kreisobmann.
Abbildung aus: Das Deutschtum in Bessarabien, Dr. K. Stumpp S. 9
Dr. Otto Broneske, Gauleiter1
Die Gauleitung Bessarabiens (Stand 1.12.1939):
Gauleiter: Dr. Otto Broneske, Tarutino
Stellvertreter des Gauleiters: Prof. Johannes Wagner, Sarata
Gaugeschäftsführer: Rechtsanwalt Viktor Mauch, Tarutino
Die Gauwalter:
Gau-NAF-Leiter: Rechtsanwalt Viktor Mauch, Tarutino
Gauleiterin des Mutterdienstes: Dr. Alma Bierwag, Tarutino
Gaubauernführer: Dr. Artur Reimann, Arzis
Leiterin des Gaufrauenamts: Dr. Alma Bierwag, Tarutino
Gaujugendführer: Lehrer Christian Fieß, Tarutino
Leiter des Gauamts für Kirchen- und Schulfragen: Prof. Johannes Wagner, Sarata
Leiter des Gaukulturamts: Prof. Herbert Koch, Tarutino
Leiter des Gauamts für Leibesübungen: Dipl. Sportlehrer Fr. Busse, Tarutino
Leiter des Gauamts für Nachbarschaftswesen: Gauhann Otto Keck, Tarutino
Leiter des Gauamts für Presse und Propaganda: Dr. Ing. Hugo Erdmann, Tarutino
Leiter des Gauschatzamts: Herbert Küst, Tarutino
Leiter des Gauamts für Schiedsgerichtswesen: Rechtsanwalt Gerling, Tarutino-Akkerman
Leiter des Gauamts für Statistik und Sippenwesen: Prof. Artur Fiechtner, Tarutino
Leiter des Gauamts für die Vertretung bei den Behörden: Rechtsanwalt Viktor Mauch, Tarutino
Leiter des Gauamts für Volksgesundheit: Dr. med. Albert Necker, Tarutino
Leiter des Gauamts fürWirtschaft und berufsständige Fragen: Dr. Otto Broneske, Tarutino
Die Kreiswalter:
Mannsburg: Lehrer a. D. Friedrich Herberg, Basyrjamka
Sarata: Fabrikbesitzer Emanuel Heer, Sarata
Arzis: Versicherungsdirektor Christian Flaig, Arzis
Tarutino: Rechtsanwalt Otto Kehrer, Tarutino
Neu-Sarata: Artur Keck, Fürstenfeld II
Albota: Ing. Karl Wilske, Basyrjamka
Tighina: Lehrer a. D. Emanuel Strohschein, Lunga
Quelle: Sonderdruck des Rassepolitischen Amtes der NSDAP, Reichsleitung Berlin W 15, Sächsische Straße 69; Das Deutschtum in Bessarabien, Dr. K. Stumpp, S. 8f 1 Jahrbuch (Kalender) der Deutschen Bessarabiens 1940, im Auftrag der Gauleitung – herausgegeben vom Presseamt, Druckerei „Union“ Samuel Heier Tarutino; Druckerei und Verlagsanstalt Karl Liebram Tarutino; S. 50
Auspitz war ein kleiner südmährischer Ort mit einer überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung, der nach dem Ersten Weltkrieg und dem Friedensvertrag von Saint Germain 1919 Bestandteil der Tschechoslowakischen Republik wurde. Nach dem Münchner Abkommen 1938 wurde Auspitz in den Reichsgau Niederdonau eingegliedert und gehörte nun zum Deutsche Reich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam die Gemeinde am 8. Mai 1945 wieder zur Tschechoslowakei zurück.
Im Oktober 1940 trafen die deutschen Umsiedler aus Bessarabien ein, diese Umsiedler waren Mathildendorfer, die als ganzes Dorf mit 502 Erwachsenen und 246 Kindern eintrafen. Die Gemeindemitglieder hatten auch die Bewohner der Tochtersiedlungen Neu-Mathildendorf, Perowka und Mansyr in ihrer Mitte. Sie verließen 40.000 Hektar Grund und Boden, um sich jetzt auf die Ansiedlung vorzubereiten. Als Namen wurden genannt: Follmer, Zeh, Ruf, Kronwald, Motz, Wahl, Keller, Scheurer, Adam, Haas, Hildenbrand, Gießler, Weippert, Borg, Altinger und Suls (Sulz).
Die Auspitzer mussten feststellen, dass das Gemeinschaftsgefühl sehr stark vorhanden war, der Kinderreichtum überraschte sie ebenfalls. Zudem wurde ein ausgesprochenes „Herrengefühl“ festgestellt, was Dr. Leopold Baierl (Nikolsburg)2 darauf zurückführte, das die Kolonisten seit ihrer Ankunft in Bessarabien als „Jugune“ (Herren) von den Rumänen angesprochen wurden.
Um seine Darstellung der Persönlichkeit der Umsiedler abzurunden, veröffentlichete der Autor Dr. Baierl ein Gedicht, welches ihm aus der Überlieferung von den Umsiedlern erzählt wurde:
Tagesbote 29.12.1940 S. 32
J wenn i Göld gnug häd (:no wißt i wos i täht:,) Heisa, Juchhe! No mißt a Haisla her, (:dos nou mai aiga wär:) No dos wär schen.
Droba am Berg mischt´s soi (:mittla im Sunaschoi:) eisa, Juchhe! Mittla in Kleebluma sovül da guade Wid (:uf jed´n Fenschter brid:) No do war schen.
No mischt a Waibla noi (:schwoazhorig mischt se soi:) Heisa, Juchhe! Mit scheene weiße Zähn´ Grod so wie Schulsa Gred (:wonn die mi nehma täht:) No dos wär schen.
Brächt uns da Schtorch afs´ Johr (: a Bua mit rolla (gelockt) Hoar:) Heisa, Juchhe! Schpäter noch meh Kend Au dazwischa dona noi (:konns au a Medla soi:) Do dos wär foi.
Aber i hon holt koi Göld (:s´ gibt af da gonza Wölt:) Heisa, Juchhe! Ärmeres nix meh J glab i schtirb no dron (:s` guckt mi holt keine an:) Oh, des tuat weh.
Die Mathildendorfer blieben bis zum Herbst 1941, ehe sie zur Ansiedlung nach Westpreussen verbracht wurden. An ihrer Stelle kamen Umsiedler aus Bulgarien, sie blieben von Dezember 1941 bis November 1942, im September 1944 trafen Flüchtlinge aus dem Banat, Riga, Tschenstochau und Warschau (Rumänen, Deutsche aus der Ukraine, lettische Staatsangehörige), sowie evakuierte Einwohner des Gaus Wien ein.
1wikimedia, Hustopeče – pohled na město 1941, Anonym – https://www.fotohistorie.cz/, Gemeinfrei 2Tagesbote, 29.12.1940, Jahrgang: 90, Nummer: 312, Brünn, 1851-1945 (1940-1945 Mährischer Zeitungsverlag)
Hochzeitstafel des Paares Kludt/Baumann im Garten des Pastor Lhotzky (x) 1899 in Prischib1
B e r i c h t 2
Das äußre sowie innere Bild der deutschen Kolonien in Süd-Rußland hat sich ab 1929/3o total verändert. Bis dahin waren alle im Besitz von 16 Dessj. Land, Haus, Hof und Garten. Die Kinder konnten endlich alle in guten Schulen in deutscher Sprache lernen, russisch wurde nur von der 5. Klasse als Sprache gelernt. Durch den NOP. waren endlich wieder Waren in die Dörfer gekommen, die Leute konnten sich ankleidern, nachdem man durch den Welt- und Bürgerkrieg ganz abgerissen und verkommen war. 1929 wurde aber die Kollektivisierung “freiwillig” durchgeführt, d.h. alle die sich widersetzten wurden arretiert, die wohlhabenden Bauern sogen. Kulaken verschickt nach Archangelsk, Wologda und Komi ACCP, wo viele noch bis zum heutigen Tage leben. Die übrigen unterschrieben dann schon den “freiwilligen” Eintritt in den Kolchos.
Die ersten Jahre bis 1934 ging die Wirtschaft sehr zurück, die Leute arbeiteten schlecht, die Felder wurden nicht gehackt, das Inventar nicht geschont. Unerbittlich mußte die angesetzten Norm abgeliefert werden, einerlei, ob für Menschen und Vieh noch etwas übrig blieb oder nicht. In jenen Jahren sind viele verhungert aber hauptsächlich unter den Russen. Die Deutschen bekamen ja die Hitler-Pakete noch zur rechten Zeit, die manchen vor dem Hungerstod geretten haben. In den Torginen war überall angeschlagen : Schreibt euren Verwandten, sie sollen euch Anweisungen schicken“. Wenn man es tat, so kam man in die Zeitung, kam vom Dienst, wurde verhaftet, verschickt. Viele mußten sich zum Besten der Kinderbewahranstalten entsagen, obgleich gar keine andere Möglichkeit bestand auch nur 1 Kilo Mehl oder Fett zu bekommen. 1934 war das Land schon besser bearbeitet, es kamen neue Maschinen, Traktoren, vor allem die Schulen lieferten schon Agronomen, Techniker, Traktoristen, Kombainer, Lehrer, Ärzte und Arztgehilfen.
Das Leben fing wieder an sich allmählich zu regeln, es wurde die Losung herausgegeben: Das Leben wird besser und fröhlicher.
Da fingen im Jahr 1937 schon von September die Massenverhaftungen an. Die meisten wurden 15. Dezember verhaftet, und zwar alle deutsche Intellegenz wurde aufgeräumt, in erster Linie alle Pastore (Pastor Willi Heine in Feodosia, Pastor Meier, Eigenfeld, Pastor Luft, Prischib, Pastor Altmann, Hochstadt, Pastor Bird, Charkow)3, von Ärzten Dr. Belz, Charkow (starb beim Verhör, Dr. Hottmann, Chortitza starb im Gefängnis, Dr. Eisenbraun, Dr. Wilms, Dr. Bauer, Halbstadt, Dr. Dick, Berdjansk, 2 Brüder Dr. Dircks, Orloff, waren schon 33 verschickt auf 1o Jahre4. Alle deutschen Lehrer mit Hochschulbildung, Fr. Heckel, Bd. Ruff, O. Baitinger, Dir. des dt . Pädtechnikuims, 4 Brüder Lutz aus Neumontal, 4 Brüder Oberländer aus Eigenfeld, Dir. Fischer in Feodosia und viele andere5. Auch viele Frauen: Helene Fürst in Nakejewka. Hatten die bis 37 Verhafteten noch Korrespondenzfreiheit, durften Pakete erhalten, die Anverwandten sehen, so war das diesen 37/38 Repressierten vollständig untersagt.
Die Beschuldigung war standart: von Deutschland bekauft Brücken zu sprengen, Elektrizitätswerke zu zerstören, gew. Leute zu vergiften. Die Verhöre wurden sehr geheim gehalten. Es gelang uns aber doch einiges zu erfahren, ich erfuhr manches durch Erni Aman, der jetzt am 2o. März 1941 aus dem Konzentrationslager in Sucho-Beswodnaja bei Gorki freikam. Nach dem Bündnis mit Deutschland hörten die Repressierungen auf, man konnte wieder aufatmen, aber die NKWD hatte gut aufgeräumt.
Unsere ganze deutsche Intellegenz war eben weg und wenige von ihnen werden wohl noch am Leben sein, denn Hunger, Kälte, schwere körperliche Arbeit, Schläge und besonders die moralischen Qualen waren unerträglich. Man ließ sie bis 7 Tage lang ohne Essen und Wasser stehen, von großen Hunden bewacht, Tag und Nacht auf demselben Platz, ließ sie systematisch nicht schlafen u. dergl. Erni Aman hatte nur noch 5 % Sehkraft, hört schwer, geschw. Füsse, infolge der Schläge auf den Kopf plötzliches Verlieren des Bewußtseins und doch kam er leichter davon als andere, er kam nach 3 Jahren frei. Es war eine furchtbare Zeit, man konnte keinen Verkehr haben, jeder lebte nur für sich selbst aus Angst, durch einen anderen auch hereingezogen zu werden.
Die deutschen Schulen wurden „freiwillig“ russisch. Da kam im September 1939 das Bündnis. Was hatten wir da für Hoffnungen für unsere Lieben! Leider waren sie umsonst. Die Verhaftungen hörten auf, man durfte nicht mehr „Faschist“ geschimpft werden, darauf stand Strafe, doch wagen wir noch nicht aufzuatmen. Wir trauten dem Frieden nicht nach den gemachten Erfahrungen. Die Frauen der Repressierten durften wieder angestellt werden, die Kinder lernen, man mußte aber immer Fragebogen ausfüllen, angeben, ob man Verwandte in Deutschland hat, wer in der Familie repressiert ist, ob man Briefe bekommt und von wem.
Schon im Mai 1941 war eine Veränderung zu spüren. In öffentlichen Vorträgen über die internationale Lage wurde betont, daß Deutschland und England jetzt durch den Krieg geschwächt seien, Rußland allein steht in niegesehener Kraft da und habe noch ein Gelöbnis an Lenins Grab zu erfüllen, den Bolschewismus auf der ganzen Welt einzuführen. Da wußten wir, was es geschlagen hatten und warteten stündlich auf eine Kriegserklärung. Ich war damals in Feodosia, als es am 22. VI. auf einmal hieß, der Krieg hat angefangen. Einige Deutsche wurden arretiert (die Frau von Fr. Wilms und ihre Schwester, die Frau des Ing. Schulz der aus Berlin geschrieben hatte und ihre Schwägerin, Fr. Föll und andere, die Briefe aus Deutschland bekommen hatten), die übrigen ließ man in Ruhe bis zum 17. August (Einnahme von Dnjepropetrowsk).
Da bekamen wir den Befehl, in 3 Stunden in Sarigol auf dem Bahnhof zu sein. Wir durften Kleider und Betten mitnehmen. In dunkler Nacht wurden wir da verladen zu 5o Mann durchschnittlich in den Waggon, der Zug hatte 7o Waggons. Da kam jetzt alles herein. Frauen und Kinder, ein paar Männer, Parteileute u.a., sogar Dr. Zeichner (Jude), da seine Frau eine Deutsche war. In diesen Zug kam Feodosja – Zürichtal – Stary Krim. Vor uns war schon Kertsch und Simf.-Kurmann durchgegangen, nach uns Frauen noch Scidlar Itschki, Djankoj-Eupatoria, im ganzen glaub ich 9 Züge aus der Krim. In Melitopol merkten wir, daß wir auf der Frotn [sic!] waren, wohin es ging, wußten wir nicht, man sprach von Kasakistan. Wunderbarer Weise bog der Zug nach Osten bei Feodorowka und hielt in Halbstadt, da durften wir zum ersten Mal heraus.
Ich riskierte es und blieb ohne Erlaubnis, ohne Sachen zurück und ging zu meiner Tochter nach Halbstadt, wo ich dieselbe Sache einen Monat später wieder durchmachen mußte. In Halbstadt gelang es aber der HBD nicht den Zug fortzubringen. 6 Tage lang lagen wir neben der Station, streng bewacht von der HKBD. Hier entdeckten uns die deutschen Flieger und am 5. Oktober wurden wir befreit. Die letzte Nacht war die schwerste, man sah sie die Brücke, die große Mühle in Pirischib gesprengt wurden, es hieß, in 15 min. wird die Station neben uns und die Fabrik auf der anderen Seite gesprengt. Unheimliche Stille ringsherum, überall war Stroh verteilt worden “damit wir es bequemer haben”, am Tor standen Feuerspritzen mit Petroleum gefüllt. Das große Haus nebenbei unterminiert.
Auf einmal fing es erst leise an zu singen, was uns über 2o Jahre verboten war, ließ sich nicht mehr halten. Es waren etwa 5000 Menschen, die den Gesang anschweIlen ließen: Näher mein Gott zu Dir, harre meine Seele, So nimm denn meine Hände. Sie singen schon Hitler-Lieder, so sagten die HKB.-disten. Am Morgen war die HKB. verschwunden und wir schafften uns schnell auseinander. Gesprengt wurde in Halbstadt nichts. Wie wir ins Dorf kamen, trafen wir die ersten deutschen Soldaten. Das wer eine Freude, dieses Gefühl, endich zu Haus. – Dank dem Führer, Dank den tapferen deutschen Soldaten, der sein Leben für uns einsetzt!
Die Dörfer Prischib, Hoffental, Nassau, Weinnau, Halbstadt, Mantan, Tiegenhagen, Schönau, die Hälfte des Gnadenfelder Gebietes sind geblieben. Leider sind aber die oberen Dörfer an der Molotschna von Reichenfeld ab, das ganze Hochstädter Kirchspiel, Heidelberger und Kostheimer fortgebracht. Die Krimer sind in den Nordkaukasus gekommen, sollen von dort schon fortgebracht sein. Die Männer aus der Molotschna von 16 – 7o Jahren sind zwischen dem 5. – 26 September verschleppt, sollen teils im Ural, teils in Caukasien sein, wo sie Bahnen und Fabriken bauen müssen. Die Männer aus der Krim wurden am 29. September aus dem Kaukasus nach Kiew und Poltawa geschickt Schaznen [sic!] graben, sind schon in Gefangenschaft bei den Deutschen. Wo aber die Frauen und Kinder geblieben sind, haben wir auch nicht erfahren.
So sind alle Familien auseinandergerissen und uns hält jetzt nur der feste Glaube an den Führer und seine deutsche Wehrmacht aufrecht, die uns vielleicht doch noch jemand unserer Lieben zurückholt.
Wir sind weit im fremden Lande weit von Weib und Kind getrennt, Ach, voll Jammer, Leid und Heimweh schmerzvoll unser Herze brennt.
Ach, wir haben viel gelitten Auf dem schweren, langen Weg. Niemand hat für uns gestritten, Keine Hilfe uns gewährt.
Als wir wurden transportieret wie Verbrecher allzumal, Keiner konnte protestieren das vermehrte unsre Qual.
Im Gefängnis hinter Gittern, saßen wir so manches mal, Brot und Wasser war uns bitter doch wir hatten keine Wahl.
Vierzig Werst zu Fuß ohn Essen gingen wir von Astrachon Brot und Wasser war vergessen, mancher kam halbtot hier an.
180 Mann zusammen waren wir auf dieser Reis. Bis nach Krasnojarsk wir kamen Todesmatt durch Schnee und Eis.
Hier sind wir jetzt einquartieret Heimlich überall bewacht, überall wird nachgespüret, überall hat man Verdacht.
Ach wie sind wir verloren, hier in diesem fremden Ort. Traurig gehn wir durch die Straßen, hören manches bittre Wort.
Schreiben wir an unsre Lieben, die Zensur den Brief erbricht. Ist ein Wort zuviel geschrieben, geht er in die Heimat nicht.
Unsre Sprache ist verboten Unser Leben in Gefahr, Mancher wird von wilden Rotten oft geschlagen blutig gar.
Jedermann kann mit uns machen alles was ihm nur beliebt. Kann uns spotten, kann uns schlagen Niemand Schutz und Recht uns gibt.
Und so leben wir in Sorgen Und in Ängsten alle Tag. Müssen alles duldend tragen, wer weiß, was noch kommen mag.
Durch das Elend, Sorg und Jammer Und die Krankheit aller Art, Wird so mancher deutsche Dulder Auf dem Kirchhof hier verscharrt.
Mancher fern von seinen Lieben, ruht hier in der Erde weit, wenn er wär zu Haus geblieben, lebt wer wohl noch lange Zeit.
Wer ist schuld an diesen Plagen? Der mit Deutschland ist verwandt Welche deutsche Namen tragen Werden hier verfolgt, verbannt.
Drum wir alle hier mit Sehnen warten auf die schöne Zeit, wenn von allem Leid und Elend endlich werden wir befreit.
Unsre Frauen, Kinder weinen, Goßer Gott, erhöhr ihr Schrein! Und laß bald den Tag erscheinen, wo wir endlich ziehen heim!
O, welch große Freud und Wonne wird bei der Begrüßung sein, wenn einst sie, die Gottessonne uns mit Freuden bringet heim!
Da wird unser Herze springen Weib und Kind wird mit uns singen Dem, der unser Leid gewandt!
Beata Kludt
1Foto der Hochzeitstafel S. 111 in: Heimatkalender der Russlanddeutschen 1959
Der Planet und ich Lebenserinnerungen und Zukunftsgedanken Heinrich Lhotzky, Selbstverlag 1925:
Ein kleines Erlebnis darf ich wohl anführen, weil es unsere Krimmer Bauern kennzeichnet. Ich hatte kurz vor meinem Weggang einmal an einer Hochzeitstafel eine etwas freiere Bemerkung gemacht, als sie sonst im heiligen Rußland üblich war. Da stand der reichste Bauer auf und sagte: Wäre ich der Kaiser von Rußland, so würde ich bestimmen, daß Sie auf der Stelle Rußland zu verlassen hätten. Ich antwortete, das werde auch ohne das geschehen, und die Sache schien erledigt zu sein. Zehn Jahre nach diesem Worte stand der Bauer in meinem Hause am Bodensee. Er sei in Karlsbad gewesen zur Kur und habe die Gelegenheit benützen wollen, seinen alten Pfarrer wieder zu sehen. Er war also mein sehr willkommener Gast. Da sagte er: Eigentlich führt mich etwas anderes her. Sie erinnern sich vielleicht meiner Aeußerung bei unserem letzten Beisammensein. Ich mußte herkommen, Sie deshalb um Verzeihung zu bitten, daß wir ganz einig sind, ehe ich sterbe. Er wird wohl den schweren Krieg nicht überlebt haben. Gott segne ihn und alle unsere armen Volksgenossen in der Ferne.
2Abschrift aus: Deutsches Ausland-Institut, Stuttgart ; Teil I und Teil II (GS Buchnummer 943 B4na Nr. 16 und Nr. 21). Mikrofilm Nr. 007953035 Rolle 606 Frame 5396804, datiert 1.5.1942
3Anmerkung: Pastor „Willi“ Wilhelm Heine, (13.11.1866-2.1.1938), verhaftet 1930 in Georgien, verbannt nach Sibirien 1930-1934. Lebte 1934-1937 in Feodosia, verhaftet am 4.07.1937, erschossen am 2.01.1938. Pastor Albert Maier (16.4.1892 – nach 1937), Verhaftung 1936, Verbannung 1937 nach Birobidschan. Pastor Eduard Luft (1890-1938), führende Persönlichkeit der separatistischen, sogenannten „Freien bzw. lebendigen Kirche“ in der Ukraine, war am 12. März 1926 aus disziplinarischen Gründen vom Moskauer Oberkirchenrat suspendiert, alle Amtshandlungen, die nach dem 12. März 1926 vollzogen wurden, verloren ihre Gültigkeit. Luft wurde zum ersten Mal 1934 verhaftet. Die zweite Verhaftung erfolgte am 9. Juni 1938 wegen angeblicher nationalistischer konterrevolutionärer Propaganda. Am 28 Oktober 1938 erschossen. Pastor Gustav Birth, (2.3.1887-3.12.1937), lutherischer Pfarrer und Propst, verhaftet am 15. Januar 1934 in Charkow, zu 10 Jahren Haft verurteilt und in ein Arbeitslager in Karelien verbannt. Dort wurde er am 18. November 1937 verhaftet, am 20. November erschossen.
Quellen: Dr. Viktor Krieger Verzeichnis der deutschen Siedler-Kolonisten, die an der Universität Dorpat 1802-1918 studiert haben
Wilhelm Kahle, Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinden in der Sovetunion 1917-1938; E.J.Brill, Leiden, Netherlands, 1974
4Prof. Dr. med. Adam Adamowitsch Belz (1871-12.5.1946), Chirurg, Professor an der Universität Charkow. Verhaftet am 05.03.1938 in Charkow. Angeklagt nach § 54-1а des Strafgesetzes der Ukrainischen SSR. Verurteilt am 28.10.1938 von einem Militärtribunal des NKWD des Kiewer Wehrkreises zu 8 Jahren Besserungs-/Arbeitslager und 5 Jahren Entzug der politischen Rechte. Traf am 21.12.1939 aus dem Wladimirsker Gefängnis um KrasLag, Ingaschsker Lagerabteilung, ein. Ab dem 28.12.1939 in der Kansker Lagerabteilung, wo er am 12.05.1946 verstarb. Dr. med. Hottmann, Theodor (Fedor Jwanowitsch) (2.12.1871-11.9.1938), Gynäkologe, seit 1902 Chefarzt des Chortiza-Krankenhauses. Verhaftung 1937. Offizielle Version: Selbstmord im Gefängnis in Saporoschje, nach Familieninformation Erschießung. Sein Leichnam wurde 1942 von Saporozhje nach Chortiza überführt. Dr. med. Emil Wilhelmowitsch Eisenbraun (11.4.1897-28.9.1968), Chefarzt des Krankenhauses in Molotschansk, 1933 verhaftet, 1934 zu drei Jahren Ausweisung in die Komi ASSR verurteilt, nach drei Monaten entlassen..
Quellen: Karl Lindeman: Von den deutschen Kolonisten in Russland: Ergebnisse einer Studienreise 1919-1921.Ausland und Heimat Verlags-Aktiengesellschaft, 1924
5Nikolai Lutz (3.3.1908-1937?), Mathematik- und Physiklehrer, Leiter eines Bau Technikums in Feodosia/Krim, Ehemann von Else Kludt, der jüngsten Tochter von Beata. 1937 wurde er mit 30 Lehrern und Studenten festgenommen und verurteilt.
Volkskundliche Erhebungen über die beßarabischen Umsiedler im Lager Nro. 69 in Tannwald. (Durchgeführt von Wenzel Fritsch, Bürgerschuldir. i.R., Tannwald, datiert 19.4.1941)
1. Siedlung und Umwelt: Die Umsiedler des Lagers 69 in Tannwald sind alle aus dem Dorfe M ar a s l i e n f e l d in dem Kreise der 45 km entfernten Stadt A c k e r m a n n am schwarzen Meere. Das Dorf wurde 1880 gegründet (die Mutterkolonie ist das etwa 40 km westlich gelegene Dorf A r z i e s) und hat seinen Namen nach dem alten russischen General Marasli, der um diese Zeit dort gelebt hat. Um den deutschen Charakter dieses Dorfes zu dokumentieren, haben die Bewohner das Wort Feld angehängt, also Maraslienfeld.
Es ist 100 ha groß, hat noch 139 ha Weide (Wiese), 2000 ha Ackerland, zählt 1080 Seelen, davon 180 Schulkinder in 4 Klassen. Die Bauernhöfe liegen, wie beigeschlossene Planskizze zeigt, zu beiden Seiten der Hauptstraße, welche in allen deutschen Dörfern Beßarabiens von Norden nach Süden führt. Diese Straße ist in allen Dörfern schnurgerade, sehr breit (über 20 m und hat außerdem auf jeder Seite noch ein 3 m breites Trottoir für die Fußgänger, so daß die Straße für die Fuhrwerke frei bleibt. Auf beiden Seiten der Straße sind auch Bäume gepflanzt. Straße und Gehsteig werden mit Lehm gepflastert und dann mit Grannt, einem feinen Meersand, jedes Jahr neu, bestreut.
In Maraslienfeld ist nur eine Hauptstraße mit 2 Reihen Höfen, das ist die Regel; es gibt jedoch auch Dörfer mit 4, ja sogar mit 6 Reihen Höfen. An den beiden Gehsteigen auf der Seite der Höfe war eine Mauer aus Stein oder auch aus Holz, die mit Kalk geweißt wurde. Ein jeder Hof war ca. 65 a groß, wovon die Hälfte bebaut war (mit Wohnhaus, das 2-3 Zimmer und Küche hatte, aber immer ebenerdig war, mit Weinschuppen, Pferde-, Hühner-, Kuh-, Schweine-, Schaf-, Gänse- und Entenstall, Wagen-, Mist-Schuppen, Spreuustall [sic!], Scheuer offen und gedeckt), die andere Hälfte war Hofraum, Obst- und Gemüsegarten. In der Mitte des Hofes war ein Brunnen (von 10 – 30 und noch mehr m Tiefe), dessen Wasser aber, weil salzig, für den Menschen ungenießbar war, sich aber sehr gut zum Trinken für das Vieh eignete. Für die Menschen wurde das Genußwasser aus den Brunnen in der Nähe des Baches geholt. Dieses war gutes Wasser.
In der Mitte des Dorfes war der Gemeinde-Hof. Auf demselben befand sich das Bethaus (in Maraslienfeld hatten sie nicht eine Kirche, sondern nur ein Bethaus mit einem Glockenturm), die Schule, ein Gemeindehaus, worin aber tagsüber auch noch eine Schulklasse untergebracht war, und ein Stall für die Gemeinde-Hengste und Bullen. Die Lehrerwohnung war in der anderen Dorfreihe. An der Querstraße nach Tatarbunar befand sich ein Kaufhaus, in dem die Bewohner alles, was sie brauchten, zu kaufen bekamen, sowie eine Mühle. Alle Gebäude waren, wie bereits bemerkt ebenerdig, aus Lehm, Stein oder gebrannten Ziegeln aufgeführt und mit Stroh, Schilfrohr oder Ziegeln gedeckt. Geheizt wurde mit Stroh (Holz und Kohle gab es nicht), beleuchtet mit Öl, das aus Raps oder Senf gewonnen wurde, oder Petroleum.
2. Bodenbeschaffenheit und Klima: Das Land ist vollkommen eben, ohne Berg, Baum und Wald (erst in jüngerer Zeit hat man im Norden des Dorfes an dem Bach (siehe Skizze) in dem Ausmaße von 3/4 ha einen Wald von Akazienbäumen angelegt), aber sehr fruchtbar; die dunkle Ackererde außerhalb des Dorfes in der Steppe hat eine Mächtigkeit von fast 1 m. Der Winter ist kalt, das Frühjahr rauh und feucht, der Sommer sehr heiß, daher auch oft Gewitter- mit starkem, wolkenbruchartigem Regen, mitunter auch Hagel und Blitzeinschlag; auch der Herbst ist feucht, oft Regen bis Winter.
3. Tiere und Pflanzen: Die Haustiere sind dieselben wie bei uns; auch die wild lebenden Tiere sind so ziemlich dieselben wie hier. Hirsche und Rehe fehlen, dafür gibt es viele Hasen. Füchse leben dort in den Steinhaufen, Wölfe verirren sich manchmal aus den Karpathen. Sehr häufig ist der Ziesel und die Wühlmaus. Frösche und Nattern sind nicht, dafür aber viele Kröten, welche dem Getreide großen Schaden zufügen. Auch der rote Weizenkäfer, ein Rüsselkäfer, schadet dem Getreide, während der Kartoffelwurm die Kartoffeln aushöhlt. Schmetterlinge und Vögel sind wie bei uns, nur wird die große Zahl der Störche hervorgehoben (jedenfalls ist darauf die große Zahl der Kinder zurückzuführen).
Kulturpflanzen sind: Weizen (Sorten mit und ohne Bart, Wechselweizen, Hasmann, Ulke), Gerste (Sorten mit2,4und 6 Reihen), Mais ( roten, weißen, gelben und Goldmais), Korn, Hafer, Hirse, Lein, Raps, Senf, gelbe, rote und Zuckerrüben, besonders aber auch Weintrauben in mehreren Sorten, denn Wein war ja das Hauptgetränk. Die Bauern sangen: Den Wein trinken wir, und darauf singen wir: Schön ist die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr, sie ist beim Militär. Anderes Obst wie bei und gibt es auch, doch wird fast alles getrocknet.
Von den Haustieren seien besonders Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Tauben, Gänse und Enten. hervorgehoben, wovon jede Art in den verschiedenen Abarten vertreten war. Ein Bau-er hatte bis 18 Pferde, viele Schafe und Schweine, deren letztere in ihrem Fleische das Hauptnahrungsmittel lieferten, unzählige Tauben, Hühner, Gänse und Enten.
4. Nachbarn: Fremdvölkische Nachbarn waren Rumänen und Russen. Von den Rumänen mochten die Deutschen nicht viel wissen, aber mit den Russen waren die Beziehungen sehr gut, besonders in Geschäften. Der Russe glaubte dem Deutschen, was der Deutsche sagte, war ihm heilig; das deutsche Wort, der Handschlag genügte ihm. Die Russen dienten auch gern bei den Deutschen (deutsche Dienstboten gab es sehr wenige),denn sie wußten, daß sie bei den Deutschen ein gutes Essen erhielten, eine gute Schlafgelegenheit hatten und pünktlich ihren Lohn bekamen.
5. Nahrung: Im großen und ganzen war die Nahrung so wie hier bei uns, manchmal etwas anders zubereitet, immer aber mit viel Schweinefleisch, Rindfleisch oder Speck, z. B. Kartoffelstampfer (bei uns Brei) mit Sauerkraut und Speck, oder: Kartoffelstrudel mit Schweinefleisch, oder: Knöpfla (Kartoffelknödel) mit Kraut und Speck, oder: Gegangene und gebackene Küchla (bei uns in Fett, dort in Öl gebacken) mit Sauerkraut und Speck, oder: Bohnensuppe mit Schweineknochen ( bei uns heißt es Eisbein oder Schweinsknöchla) u. a. Morgens gibt es Tee, Leberwurst, Grieben dazu, Ribelsuppe (Reibteigsuppe) mit Fleischwurst; Abends: Kalter Speck mit sauren Gurken, sauren Paradeisäpfeln oder sauren Harbusen (Wassermelonen). Dann kommt der Wein. Wein wird viel getrunken, Sommer wie Winter; Wein hat auch jeder Bauer selbst aus den vielen Weinstöcken, die er hat (bis zu 1000). Gegessen wird 5 mal: Früh, um 9 Uhr, Mittag, Vesper und Abend. Mittags und abends wird auch die Glocke geläutet. Brot gab es nur Weißbrot, das in jeder Familie nach Bedarf selbst gebacken wurde, im Gewichte bis 3 kg und mehr. An Festtagen wurde viel gebacken, wie z.B. für Weihnachten, Neujahr, Ostern und zwar Kuchen, Lebkuchen, Süßbrot, Nußkuchen, Torten. Der Bauer war der Ansicht: Viel arbeiten, viel essen, viel trinken.
6. Kleidung: Diese war bei den Beßarabien-Deutschen so wie bei uns, nur konnten die Frauen keine Hüte tragen, da sie ihnen der Wind, der dort häufig ist, mitgenommen hätte; dafür hatten sie große Tücher z.B. bis zu 3 Kasaner-Tücher mit Seidenzotteln. Jede Frau muß wenigstens 1 großes Umhängetuch haben; das bekommt das Mädchen, wenn es sich verheiratet schon mit in die Aussteuer.
7. Leben in der Hof- und Dorfgemeinschaft: Der Hausherr ist der erste auf dem Hofe und in der Familie. Ihm haben Frau, Kinder und Dienstboten zu gehorchen. Er hat das ganze Anwesen in Ordnung zu halten, daß nichts verdirbt oder verloren geht, die Arbeiten zeitgerecht anzuweisen und selbstverständlich auch an erster Stelle mit Hand anzulegen. Er führt nicht allein die Aufsicht über die Arbeiten und Arbeiter, sondern steht vorn beim Säen, wie beim Ernten, gleichviel, ob dieses mit oder ohne Maschinen geschieht. Die Frau, die Stellvertreterin des Vaters, hat besonders für Ordnung im Hause zu sorgen, nicht nur zu kochen, damit alle zeitgemäß die richtige Nahrung bekommen, sondern auch gut einteilen, sehen, daß die Kleider der Familienglieder in wünschenswertem Zustande sind, jedes Familienglied bewäscht, beflickt und bestrickt ist. Im Frühjahr muß sie besonders bedacht sein, daß sie ihre Frühlingssaat in den Garten bekommt, so Zwiebeln, Knoblauch, Bohnen, Erbsen, Kürbisse, Möhren u.s.w. Wenn die Frau sich im Frühjahr nicht kümmert, muß sie und ihre Familie im Winter darben. Ist die Frau mit auf dem Felde, so überträgt sie ihre Arbeiten zu Hause den Kindern.
Die Kinder werden fest mit herangezogen, nicht nur daß die größeren die kleineren betreuen, sondern sie müssen nach Maßgabe ihrer Kraft auch auf dem Felde und in der Scheuer arbeiten, daß ihnen der Schweiß übers Gesicht läuft, nach dem Bibelworte: Im Schweiße eures Angesichtes sollt ihr euer Brot essen, wenn auch betont werden muß, daß die Nahrung der Kinder nicht allein in Brot, sondern auch in Milch, Ribelsuppe (essen sie sehr gern), Milchreis, Nudeln und in kleineren Portionen Fleisch und Wurst besteht. Waren die Kinder brav und fleißig, so bekamen die älteren am Samstag ein kleines Taschengeld.
Dienstboten waren besonders Russen, weniger Rumänen, noch seltener Deutsche. Die Dienstboten werden auf 1 Jahr gedungen, können aber, wenn es ihnen nicht paßt, oder, wenn sie den Anforderungen des Herrn nicht entsprechen, jederzeit ohne Kündigung gehen, ohne einen Termin abzuwarten. Bezahlt werden sie nur, solange sie arbeiten. Sie sind nicht gebunden, werden wie ein Familienglied gehalten, können auch in die Kirche gehen. Herr und Frau schlafen in der Schlafstube, die Kinder abgesondert in einem Zimmer, die Dienstboten ebenfalls. Die Mahlzeiten werden in der Küche eingenommen.
Im Sommer, wenn 16 – 18 Stunden gearbeitet wurde, sind alle müde und legen sich am Abend gern ins Bett. Im Winter aber, wenn alle mehr ausruhen können, gehen die Männer gern auf einen Plausch zu einem Bekannten, erzählen, trinken ein oder auch einige Glas Wein, so daß sie oft lange nicht auseinander kommen. Auch die Frauen gehen mit dem Strickstrumpf oder einer anderen Handarbeit zu einem Plauderstündchen, ebenso das Jungvolk. Die Kinder hatten ebenfalls ihre Spielgemeinschaften. Die Knaben spielten gewöhnlich Hutscherles, d. i. Pferdchen, die Mädchen nähten Puppenkleider, kochten, kurz machten alles, womit eine Hausfrau sich beschäftigt. Bei diesen Zusammenkünften, insbesondere des Jungvolks und der Frauen, wird auch gesungen, und zwar sowohl Volkslieder ( wie auf beigeschlossenem Notenblatt), als auch Kirchenlieder, ein- und zweistimmig. Sonntag nachmittags und abends wird dann in einer größeren Bauernstube getanzt.
An der Spitze des Dorfes stand der Dorfälteste oder Schulze (nach dem Weltkriege Kurator genannt). Er hatte die Pflicht, die Gemeinde in Ordnung zu halten, die Gemeinde oder die Zehntelmänner ( das sind 10 abwechselnd auf 1 Jahr gewählte Vertreter der Gemeinde) zusammenzurufen und mit ihnen die Gemeinde- und Kirchenangelegenheiten zu besprechen und die sich ergebenden Auslagen (Umlagen) einzukassieren. Der Schulze hatte aber auch das Recht, unbotmäßige Gemeindemitglieder mit Geld- oder Arreststrafen zu belegen. Nach dem Weltkriege aber, als die Bevölkerung sehr verbittert und widerspenstig war, gingen diese Rechte fast alle auf den von der Regierung eingesetzten Sotzke oder Delegaten über und dem Schulze blieben nur die kirchlichen Angelegenheiten und das Recht, die notwendigen Sammlungen einzuleiten.
Damit der Besitzer sein Eigentum wieder erkennt, wurde den Rindern und Schafen meist eine Lücke in die Ohren geschnitten, den Pferden am rechten oder linken Hinterschenkel der Anfangsbuchstabe des Familiennamens oder Dorfnamens eingebrannt, auch die Wirtschaftsgeräte mit einem Brand versehen oder mit Ölfarbe gezeichnet
8. Religion: Fast alle sind evangelisch. Sonn- und Feiertags ist Gottes- dienst in der Kirche oder im Bethaus. Es wird da gepredigt und gesungen. Wenn das Dorf einen Pastor hat, so predigt dieser. Maraslienfeld hat keinen Pastor (der kommt aus dem Nachbardorfe Jährlich nur 6-7 mal oder bei besonderen Anlässen,wie Hochzeit, Begräbnis u.dgl. nach Maraslienfeld), da leitet der Küster den Gottesdienst, verliest eine Predigt und gibt die zu singenden Lieder an. Alle gehen in die Kirche. Wenn jemand einmal nicht war, war für ihn kein Sonntag. Eine andere Gesellschaft ist die Brüdergemeinde, die nicht nur in der Kirche, sondern auch in Privathäuhsern (bei einem Bruder oder einer Schwester) zusammen kommen, wo Gottes Wort vorgelesen, ausgelegt und gesungen wird. Eine 3. Sekte bilden die Baptisten oder Wiedertäufer. Diese gehen nicht in die evangelische Kirche. Zwischen ihnen und den Evangelischen gab es immer Reibereien, da sie die Evangelischen mit allen Mitteln für ihre Gemeinschaft zu gewinnen suchten. Dann gab es noch die sogenannten Weltmenschen. Ihre Zahl war ziemlich groß . In der evangelischen Kirche wurden außer Psalmen auch andere geistl. Lieder gesungen.
9. Vereinswesen: Vereine gab es eigentlich nicht. Es bestand ein Jugendverein. Die Jugend kam in einem Hause zusammen, wo in Büchern gelesen, Vorträge gehalten oder auch getanzt wurde. Dafür wurde entweder, ein Haus gemietet oder auch zusammengesteuert und davon ein eigenes Gebäude aufgeführt. Es bestand auch eine politisch deutsche Organisation der Volksgruppe mit 12 Blockleitern. Die gingen oder fuhren im Dorfe herrum, Befehle auszurichten, kassierten völkische Beiträge für den Gau ein und erkundigten sich nach unterstützungsbedürftigen armen Leuten, welche sie dann beteilten. Die Jungen marschierten auch aus, lernten das deutsche Kommando und sangen jetzt übliche Lieder. Die Mädchen taten dasselbe, aber mehr im Hause oder im Schuppen; freilich geschah alles nur im Rahmen der verfügbaren freien Zeit.
10. Sitte und Brauch:
a) Geburt. Die Kinder bringt der Storch aus dem Kinderland. Die Wöchnerin muß nach der Geburt des Kindes 9 Tage das Bett hüten und darf vor 5-6 Wochen nicht aus dem Hause. Ihr erster Gang ist in die Kirche, wo sie eingesegnet wird, und erst dann kann sie gehen, wohin sie will. Das neugeborene Kind wird gewöhnlich nach 8-14 Tagen getauft. Die Taufpaten, deren es 2-4 gab, hatten die Pflicht, den Eltern mit Rat und Tat beizustehen, damit das Kind nich [sic!] verkommt und in Gottesfurcht und im evangelisch-luthrischen Glauben erzogen wurde. Nach der Taufe folgte der Schmauß. Da gab es eine gute Nudelsuppe oder Suppe mit Hühnerfleisch, dann gebratenes Fleisch. Wein gab es nach Belieben, manchmal zu viel. Dann gab es Kraut und Kartoffelsalat, kalter Aufschnitt aus Schinken, Wurst und Speck und zuletzt Bohnenkaffee mit feinem Gebäck, Kuchen oder Lebkuchen und Schnaps. Auch wurde hie und da ein kleiner Tanz angefügt. Taufgeschenke gab es nur zu Ostern und Weihnachten und zwar ein Röckchen, ein Hemdchen oder verschiedenes Spielzeug. Der Geburtstag wurde im allgemeinen wenig gehalten. Manchmal wird am Geburtstag die Lieblingsspeise des Geburtstagskindes gekocht, oder dieses bekommt hin und wieder ein Geschenk, wenn es klein ist, von dem Taufpaten, wenn es größer ist, von den Eltern.
b) Konfirmation. Wenn das Kind 15 Jahre alt ist, wird es konfirmiert. Die Konfirmation wird gewöhnlich am Palmsonntag in der Kirche vorgenommen. Vorher erhalten sie durch 14 Tage den entsprechenden Unterricht, aus dem sie am Tage vor dem Festtage eine Prüfung ablegen müssen. Am Festtage selbst versammeln sich die Konfirmanten in der Küsterwohnung und ziehen von dort paarweise, zuerst die Mädchen, dann die Knaben auf einem Wege, der in der Mitte 1 1/2 m breit mit gelbem Sand bestreut und links und rechts mit grünem Gras belegt ist, singend und unter Führung des Pfarrers und Küsters in die Kirche. Vor dem Altar bleiben sie stehen, sprechen mit dem Pfarrer das Glaubensbekenntnis und legen vor der ganzen Gemeinde einen Eid ab, daß sie der evang. lutherischen Kirche treu bleiben und nicht abweichen wollen. Dann singen sie wieder einen Vers aus dem Gesangbuche, knien um den Altar herum nieder, werden eingesegnet und empfangen mit den Eltern und Paten das Abendmahl. Dann geht es nach Hause, wo ein gutes Essen stattfindet, ebenso wie das oben bei der Taufe geschilderte. An der Feier nehmen auch die Taufpaten und einige andere gute Freunde teil. Die Taufpaten werden von dem Konfirmanten ein oder einige Tage vorher persönlich eingeladen, indem er zu den Taufpaten geht, sie um Verzeihung bittet und den Spruch sagt: „Morgen werd’ ich konfirmiert und dem Heiland zugeführt, hab´ ich euch was Leids getan, so halt’ ich um Verzeihung an. Der Taufpate gibt dem Kinde dann gewöhnlich eine Bibel oder ein Gesangbuch als Geschenk.
c) Werbung und Hochzeit. Die jungen heiratslustigen Burschen gehen entweder in die Kirche und halten dort oder nach dem Gottesdienste Umschau unter den Mädchen oder sie suchen die Bekanntschaft mit diesen auf dem Tanzboden oder im Verein zu machen. Findet sich das Glück nicht im eigenen Dorfe, so machen sich einige gute Freunde zusammen, spannen ein Fuhrwerk ein und fahren in die Nachbarschaft zu Besuch. Ist eine Bekanntschaft gemacht, dann wird dieselbe durch kleine Geschenke (Taschentuch, Strümpfe, Ansichtskarten, Schokolade, Zuckerln, Äpfel u.dgl.) erhalten und weiter ausgebaut. Zwecks Weiterentwicklung wendet sich der Bursche an einen Verheirateten, den Kuppelsmann, schickt diesen zu dem Nädchen [sic!] und läßt fragen, ob ein Besuch erlaubt sei. Ist die Antwort bejahend, so gehen beide, Brautmann und Kuppler, zuerst zum Mädchen und dann zu den Eltern desselben und feiern, wenn sie einig sind, gleich die Verlobung. Die Braut erhält den Verlobungsring, dann wird bestimmt, wann die Hochzeit sein soll, und gegessen und getrunken. Nachher gehen die beiderseitigen Eltern zusammen, besprechen, wie die Hochzeit sein soll, wer alles eingeladen wird und was jeder Teil als Aussteuer von den Eltern bekommt . Dann ist der Heiratsvertrag geschlossen. Nun wird die Hochzeit zwecks des 3 maligen Aufgebotes an 3 auf einander folgenden Sonntagen angemeldet und vom Schulze ein Zeugnis, daß beide Teile noch ledig sind, besorgt. Vom Pfarrer wird dann das sogenannte Verhör ( Prüfung) vorgenommen und von ihm nach Ablauf der 3 Wochen ebenso wie auch vom Schulze ein Zeugnis ausgestellt, daß in dieser Zeit kein Ehehindernis eingetreten ist.
In diesen 3 Wochen wird aber auf die Hochzeit schon gewaltig vorbereitet; da werden Schwein und Hühner geschlachtet, Kuchen und Lebkuchen gebacken, Getränke vorbereitet u. a. Freilich kommt die Hauptarbeit erst in der Woche der Trauung. Böse ist es natürlich, wenn sich mittlerweile ein Hindernis eingestellt hat; da gibt es dann Hader und Streit, so daß mitunter sogar das Gericht in Anspruch genommen werden muß. Nun werden Einladungen geschrieben (Bittzettel) und diese von den Freunden des Bräutigams, der) Brautbuben, oder der Freundinnen der Braut, den Brautmädels, ausgetragen. Wenn aber keine Bittzettel geschrieben werden, so wie es früher der Fall war, dann besorgen die ältesten Brautbuben die Einladung mündlich, gehen in die Wohnung der einzuladenden Gäste und sprechen: „Deswega ben i komma, deswega ben i do, daß ihr sollt zur Hochzeit komma, drom saget alle jo.“ Am Tage vor der Hochzeit müssen die Brautbuben Tische und Stühle zusammenfahren. Dabei werden Wagen und Pferde mit Seidenbändern und buntem Papier geschmückt, auch Schüsse mit Pistolen abgegeben. Die ältesten Brautmädels wieder tragen in geschmückten Handkörben das Küchengeschirr zusammen. Am Tage vor der Hochzeit erscheinen der Küster und der Schulze, stellen den Ehekontrakt auf und nehmen gegebenenfalls die Verschreibung vor. Am Abend vor dem Hochzeitstage ist auch der Polterabend, an dem schon gegessen, gut getrunken und tüchtig getanzt wird.
Auch werden Glückwünsche in gebundener und ungebundener Rede dargebracht, wie: „Kommt der Storch nun übers Jahr, bringt er wohl ein Kleines mit, und ihr seid dann schon zu dritt. Schön , aber auch lang, ist der Glückwünsch der Grünzeugfrau: Eine Grünzeugfrau bin ich, ihr kennt gewiß schon lange mich, und komm, dem lieben, jungen Paar zu bringen meine Wünsche dar. Auch hier die Waren bring’ ich mit, die anzunehmen ich euch bitt’; so schön und frisch wie diese hier bekommt ihr nur allein bei mir. Schaut nur die Rüben, groß und dick, für einen Groschen 15 Stück; sie sind, glaubt mir, ganz zuckersüß. Dabei merk’ Bräutchen dir gleich dies: Hast je du Streit mit deinem Mann, und schweiget er auch noch nicht dann, wenn er sieht, daß du recht gehabt, nur schnell ein Rübchen ihm geschabt, dann ist er gleich muts-Mäuschenstill und tut nur, was das Weibchem [sic!] will. Auch Sellerie hab’ ich und Salat, schon, wie ihr sie noch niemals saht, und Schnittlauch, Kresse, Suppengrün, wie keiner sie versteht zu zieh’n. Gemüse, o ich sage euch, im Anseh’n ist es butterweich und schmeckt, daß der verwühte Mann selbst nichts zu tadeln findet dran. Dann Weiß- und Rotkohl nach Bedarf, Rettig und auch Zwiebeln gut, beißt nur hinein, ihr werdet sehn, wie euch die Augen übergehn, und aller Kummer und Verdruß aus Kopf und Herz gleich weichen muß. Nun laßt mich eure Kunde sein, wird mich in meinem Alter freu’n; an jedem Morgen findet ihr Punkt 6 mich vor eurer Tür, bediene auch euch alle Zeit zu größter Zufriedenheit. Doch nun möcht’ ich nicht länger stören, zumal ich ja darf wiederkehren, denn ich seh’s euch schon an, daß ihr die Kundschaft nicht vertraget mir. So lebet wohl, Gott sei mit euch und schenk’ euch Heil und Segen reich, und mög’ das Glück euch stete umblüh’n, wie hier in meinem Korb das Grün!
Das Kleid der Braut war weiß und modern, einem Schleier, mit einem Kranz auf dem Haupt und einem Blumenstrauß in der Hand. Der Bräutigam trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd mit schwarzer Krawatte, hatte ebenfalls einen Blumenstrauß mit weißem seidenem Band und einer Schleife auf der rechten Seite. Siehe Bild). Am Hochzeitstage nach dem Frühstück tritt ein Bruder, d. i. ein gutes Mitglied der evangel. luthr. Gemeinde, vor, sucht einen Text aus der Bibel, spricht darüber, alle singen einen Vers aus dem Gesangbuche, dann kniet er mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft nieder und betet, ermahnt das Brautpaar, empfiehlt es Gott und spricht den Segen. Bevor sie den Wagen besteigen, gehen die Brautleute nochmals zu den Eltern und bitten ihnen alles ab, worauf diese auch das Paar segnen und ein Geleitwort mit auf den Weg geben. Dann geht es zur Trauung in die Kirche. Wagen und Pferde sind festlich geschmückt. Da auch die Brautbuben und Brautmädels mitfahren, sowie die Aufträger, Männer und Frauen, deren Zweck schon im Namen enthalten ist, sind immer mehrere Wagen erforderlich. Voran im schönsten Wagen fährt das Brautpaar, dann folgen die anderen paarweise( Bursche und Mädel). Vorfahren darf niemand. In derselben Ordnung geht es nach der Einsegnung durch den Pfarrer auch wieder zurück.
Da unterwegs schon eingekehrt und auch manchmal zu viel getrunken wird, so wird bei der Heimfahrt nicht selten um die Wette gefahren. Nun wird von den Aufträgern des Hochzeitsmahl aufgetragen. Dazu haben sich diese eine weiße Schürze umgebunden und ein weißes Handtuch über die Schulter gelegt. Das Essen besteht aus einer Hühnersuppe, Braten, Milchreis mit Rosinen und Pflaumen, Kartoffelsalat, kaltem Aufschnitt, und zuletzt gibt es guten Bohnenkaffee oder Tee mit Kuchen oder feinem Gebäck. Dabei werden verschiedene Lieder gesungen( wie sie auf beigeschlossenem Notenblatt verzeichnet sind und auch uns bekannte Volkslieder), auch ein Rundgesang wird eingeschoben oder ein schönes geistliches Lied aus dem Gemeinschaftsliederbuch. Sprüche, wie die bereits oben angeführten, werden aufgesagt, und schließlich folgt auch der Tanz, und nicht nur deutsche Tänze, sondern auch russische ( wie der Krakowjak) und rumänische ( wie der Oira und Sirba). Das begleitende Musikinstrument war gewöhnlich die Ziehharmonieka, in der Rumänenzeit spielten aber auch öfter Zigeuner.
Hie und da geht ein Mann oder eine Frau maskiert als Arzt, Zahnarzt oder Frauenarzt und macht seine Kunststücke, auch die Klappermühle und der Klapperstorch werden vorgestellt, und jeder geht einsammeln und gibt das Ergebnis dem Brautpaare. Häufig geben auch die Brautbuben Geld zusammen, verdecken es und verlangen, daß der, der die Kasse kontrolliert, diese Summe verdoppelt. In diesem Falle wird gewöhnlich kein Brautschuh gestohlen. Im allgemeiner gehört der Diebstahl des Brautschuhes zu den beliebtesten und gebräuchlichsten Episoden einer Hochzeit. Gewöhnlich wird ein Brautschuh ungeachtet der Wache der Brautbuben, die es zu verhindern suchen, von einem Aufträger gestohlen, dann nach Bekanntwerden des Diebstahls, was für die Gäste erst möglich ist, wenn die Braut hinter dem Tische zum Tanz aufgefordert wird, von einem Mann, der sich als Schuhmacher ausgibt, der den Schuh angefertigt hat, wieder herzu gebracht und versteigert. Der Meistbietende hat das Recht, der Braut den Schuh anzuziehen. In gleicher Weise wie die Brautbuben auf den Brautschuh haben die Brautmädel auf den Kranz der Braut zu achten, daß dieser nach dem Ablegen nicht gestohlen wird, da auch sie sonst zur Zahlung herangezogen werden. Alles Geld, das auf solche Weise, sowie durch etwaige Brauttänze eingeht, fällt dem Brautpaare zu. Auch dort war der Glaube verbreitet, daß bei der Hochzeit etwas, wie z.B. ein Glas, ein Teller oder eine Flasche zerschlagen werden muß, da dies Glück bedeute.
Am nächsten Tage folgt der Alte Weiber-Tanz, dann werden Wagen und Pferde nochmals aufgeputzt und Tische, Stühle und Geschirr wieder zurückgebracht. Als Hochzeitsgeschenke gibt es verschiedene Sachen, vor allem Küchengeschirr, aber auch Kuriositäten tauchen auf, so; z.B. eine Bruthenne mit kleinen Kücken, ein Nachttopf u.a. Am zweiten Tag nach der Hochzeit wird das Geschirr nochmals geschmückt und die Aussteuer der Braut überführt. Diese besteht aus 2 aufgemachten Betten, Kleiderschrank, Küchenschrank, einem großen Tisch mit 6-8 Stühlen, einem Küchentisch, dann Kasserol, Kessel, Pfannen, Backmulde, kurz alles, was zur Wirtschaft gehört; außerdem auch 2-3 Kühe, 5-10 Schafe und Hühner. Der Sohn bekommt einige Pferde, Wagen, Pflug, Eggen, Pferdegeschirr, Kühe, Schafe, Haus, Hof und Land (bis zu 25 ha), Brot und Saat bis zum neuen Jahr oder bis zur nächsten Ernte. Am ersten Sonntag nach der Hochzeit ist die Nachfeier; man sagt, die Hochzeit wird vergraben. Da wird noch der Rest gegessen und getrunken und nochmals tüchtig getanzt.
d) Tod und Begräbnis. Wenn jemand gestorben ist, wird der Tod den Verwandten im Dorfe durch Boten(falls sie nicht schon vorher, während der Kranke mit dem Tode ringt, anwesend waren), den Verwandten auswärts aber durch einen Reiter, ein Fuhrwerk oder ein Telegramm, mitgeteilt. Die anderen Bewohner des Dorfes erhalten die Kunde des Todes durch Glockengeläute und zwar, wenn die Sonne noch nicht untergegangen ist, an demselben Tage, sonst erst am anderen Morgen. Ist der Tote bis 15 Jahre alt, wird zuerst 3 mal mit der kleinen Glocke geläutet und dann 3 mal mit beiden; ist der Tote über 15 Jahre alt, wird zuerst mit der großen Glocke und dann mit beiden das gleiche Geläute vorgenommen. Den Zeitpunkt der Beerdigung gibt der Küster durch Zettel bekannt. Der Tote wird in einem besonderen Zimmer, in dem die Spiegel verhängt und die Fenster geöffnet werden, auf gelbem Sand auf der Erde aufgebahrt. Am Tage des Begräbnisses versammeln sich die Teilnehmer auf dem Hofe, und wenn der Pfarrer oder Küster kommt, wird der Sarg geschlossen und auf eine Bahre vor dem Hause gelegt. Der Küster spricht den Segen, gibt ein Lied aus dem Gesangbuche an, das von allen gesungen wird, (manchmal wird auch ein anderes Sterbelied, das nicht im Gesangbuche ist, gesungen) und dann setzt sich der Leichenzug in Bewegung zum Friedhofe. Daselbst angelangt, gibt der Küster Namen und Krankheit des Verstorbenen bekannt, spricht über dessen Lebenslauf, tröstet die Angehörigen, liest Gottes Wort vor und erläutert es, betet und segnet und bezeichnet wieder ein Lied aus dem Gesangbuche. Alle Trauerleute gehen hinter dem Sarge mit bis auf den Kirchhof. Trauertracht war: Schwarze Kleidung oder wenigstens ein schwarzes Band um den Arm. Nach der Beerdigung fand im Trauerhause eine kleine Leichenfeier statt, bei der ein guter Bohnenkaffee mit Süßbrot, manchmal auch ein oder einige Gläschen Wein verabreicht werden.
11. Brauch im Jahreslauf: Zu Weihnachten und Neujahr wird sehr viel gebacken, so Lebkuchen, Kuchen, Süßbrot, Torten, verschiedenes kleines Gebäck, also gerade so wie bei uns. Auch ist es Sitte, sich gegenseitig zu beschenken, besonders unter den Familienangehörigen. Auch gehen vor allem die Kinder sowohl zu Weihnachten als auch zum neuen Jahre zu den befreundeten Familien, um dort Glück zu wünschen, was meistens mit einem Sprüchlein geschieht, wie z. B.: Weil das neue ist gekommen, habe ich mir vorgenommen, euch zu wünschen in der Zeit Friede, Glück und Seligkeit, oder: So viel Flocken in dem Schnee, so viel Tropfen in dem Regen soll euch Gott, der Höchste geben, oder: Bete alle Wochen, bete mich ins Himmelreich, was ich krieg’, das ess’ ich gleich, oder der auch bei uns gebräuchliche Spruch: Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig, lass’ mich nicht zu lange steh’n, muß noch a Häusle weiter geh’n. Erwachsene werden bei dieser Gelegenheit mit Schnaps und Lebkuchen bewirtet, die Kinder erhalten verschiedene Kleinigkeiten. In der Faschingszeit werden hie und da, aber nicht oft, auch Maskierungen vorgenommen. Zu Ostern wird wieder sehr viel gebacken; besonders aber werden Eier gesotten und verschieden gefärbt. Auch zu Ostern werden gegenseitig Glückwünsche ausgetauscht.
Allgemein beliebt ist das Eierspiel, das von dem ledigen Volke auf einer Wiese durchgeführt wird. Dabei wird auf der Wiese ein Platz ausgesteckt und in der Mitte mit einer Fahne auf einem ziemlich hohen Maste geschmückt. (Siehe beigeschlossene Skizze). Auf der einen Seite ist der Tanzplatz, auf der gegenüber liegenden das Chor für die Musikanten und darneben ein Buffet mit verschiedenen Annehmlichkeiten für den Magen. In den Richtungen der 4 geraden Linien werden Eier gelegt und zwar jeder Linie 9 Stück weiße, rohe Eier und dann 1 Stück gekochtes u. gefärbtes Ei, und zwar dies 10 mal hinter einander. Bei jeder Eierreihe (im ganzen also 4) findet ein Bursche, der sogenannte Läufer Aufstellung. In den Punkten a,b,c und d steht je ein Mädchen (für jeden Läufer eines) mit Schürze und Handkorb. Jeder Läufer hat die Aufgabe, die 9 weißen Eier hüpfend eines nach dem anderen zu sammeln und sie dem zu ihm gehörigen Mädchen in die Schürze zu werfen. Das Mädchen wieder legt die aufgefangenen Eier in den neben ihr stehenden Handkorb. Daß dabei auch manches Ei zerspringt und das Mädchen beklext, ist wohl selbstverständlich. Das 10. und gefärbte Ei hat der Läufer über die Fahne zu werfen. Dieses Spiel wiederholt sich bei jedem Läufer 10 mal und in immer größeren Entfernungen. Der Wurf des 10. gefärbten Eies ist ausschlaggebend. Der Bursche (Läufer), der das letzte gefärbte Ei vorschriftsmäßig über die Fahne wirft, hat das Spiel gewonnen. Manchmal geht es dabei recht heiß zu, ja sogar Wetten werden abgeschlossen. Daß es für den Läufer keine einfache und leichte Sache ist, 100 Eier zu holen und zu werfen, ist wohl klar.
Unterhaltung. Erzählungen. Märchen, Sagen. Wenn die Bauern zusammen kommen, unterhalten sie sich meistens über ihre bäuerlichen Arbeiten als Pflügen, Säen, Mähen, Dreschen, über gute und schlechte Ernten. Dann gehen die Gedanken wohl auch zurück in die Ansiedlungszeit und sie erzählen, wie die Bauern damals gearbeitet haben. Sie hatten keine Maschinen wie heute; gepflügt wurde mit dem Holzpflug, gemäht mit Sichel oder Sense. Die ganze Familie war immer auf dem Felde beschäftigt, ihre Speise sehr gering. Wenn die Gebetglocke läutete, haben die Männer, wo sie standen oder gingen, die Mütze abgenommen und das„Vater unser” gebetet. Petroleumlampen kannten sie nicht, beleuchtet wurde nur mit Talg- oder Öllichtern. Die Kleider haben sie sich selbst angefertigt aus Flachs oder Hanf, den sie gebaut hatten. Die Kinder liefen bis zu ihrem 13. oder 14. Jahre mit einem langen weißen Hemd aus Flachs oder Leinwand herum. Wenn jemand Geld oder etwas anderes geborgt hatte, brauchte er keinen Schuldschein mit seiner Unterschrift geben, es genügte sein Wort, nach dem Leitsatze: Ein Mann, ein Wort. Die Männer erzählten bei ihren Zusammenkünften aber auch vom Kriege, insbesondere vom Weltkriege und auch vom jetzigen Kriege. Sonderbare Streiche fanden ebenfalls Beachtung, z. B.: 10 Fuhrleute fuhren nach Wein in das Nachbardorf. Als sie aufgeladen hatten, ruhten sie aus und zechten, bis sie angetrunken waren. Dann ging die Fahrt los. Der Weg führte über einen Berg, auf dem oben ein Graben war. Der erste fuhr hinüber, verlor aber dabei das Faß, welches den Berg wieder hinabkollerte. Der zweite fragte den vorderen: „Wie geht die Fahrt?” Der erste antwortete: „Es geht leicht, und jetzt noch leichter.” Dann fuhr der zweite hinüber mit demselben Erfolge. Alle anderen ereilte das gleiche Schicksal. Nun waren sie aber in dem Kopfe wieder klar geworden, kehrten um, luden von neuem auf und fuhren nach Hause.
Die Frauen sprachen über ihre häuslichen Arbeiten, erzählten Dorfgeschichten oder sangen Lieder.( Siehe Notenblatt). Den Kindern wurden dieselben Märchen erzählt, wie auch wir sie haben, nämlich Schneewittchen, Rotkäppchen, 7 Zwerge u.a.
Der Alpdruck ist den Umsiedlern ebenfalls bekannt. Von Geistergeschichten wird folgende erzählt: In dem Dorfe K. lebte einmal ein wohlhabender Bauer, der eine große Familie hatte. Als der älteste Sohn heiratete, kaufte der Vater einen Hof und schenkte diesen dem Sohne, jedoch ohne Haus. Dieses sollte sich der Sohn selbst bauen. Der baute auch tatsächlich das Haus bis hinauf, aber als es fertig war, fehlten Fenster und Türen. Darüber erzürnte sich der junge Mann so, daß er sich nicht mehr auskannte. Er zerfiel mit seinen anderen Geschwistern, ließ aber seine Frau beim Vater, nahm einen kleinen Stubenhund mit und ging in sein neues Haus schlafen. In der Nacht zwischen 11 und 12 fing der Hund an zu bellen, es erschien ein Mann ohne Kopf und verlangte von dem Bauern, daß er mitgehe. Das wiederholte sich einige Näachte, bis der junge Mann sich wieder sehr ärgerte und fest fluchte. Da verschwand der Mann unter großem Geräusch und kam nicht wieder. In dem Hause aber geisterte es noch lange Zeit. Jedesmal, wenn die Stunde kam, fing der Kleiderschrank an zu wackeln, das Küchengeschirr an der Wand schlug an einander u. dgl.
13. Aberglaube: Wenn der Hahn kräht, kommen Gäste, ebenso, wenn die Katze sich putzt, und zwar von der linken oder rechten Seite, je nachdem sie sich mit der linken oder rechten Pfote wäscht. Wenn der Hund wühlt und auf dem Rücken liegt, gibt es Sturm. Wenn jemand nicht schlafen kann, wird gesagt, er wird von Hexen geplagt. Als Mittel wurde empfohlen, eines abends das Schlafzimmer vollends auszuräumen, alles auszuputzen und dann die Sachen wieder hinein zu stellen. Auch ein anderes Mittel wird angeraten: Eine Kröte in der Mitte durchzureißen und die beiden Hälften unter das Kissen zu legen. Im Zusammenhänge mit diesem Mittel wird eine andere Geschichte erzählt, nämlich: In einem Nachbarhause war das Mädel verschwunden. Da sagte man, sie hat sich in eine Kröte verwandelt, die auf diese Weise zerrissen wurde. Wenn ein Kind die Zähne schwer bekommt. Mittel: Man fängt einen Spatzen (Sperling), reißt ihm den Kopf ab, streicht das warme Blut auf das Zahnfleisch und spricht 3 mal: Es helfe dir Gott Vater, Gott Sohn und hl. Geist.
Wenn ein Kind Auszehrung und Abnehmen hat. Mittel: Man geht an einem Freitag vor Sonnenaufgang ohne ein Wort zu sprechen unter einen Apfelbaum oder unter einen Pflaumenbaum und sagt: Ich klage dir, mein Kind hat Auszehrung und Abnehmen; der erste Vogel, der über dich wegfliegt, soll es mitnehmen und wieder 3 mal: im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Bei jedesmaligem Aussprechen dieser Worte muß der Kranke den Baum oder wenigtens einen Ast desselben schütteln. Wenn ein Kind das Maß verloren hat, wird das Kind auf den Boden gelegt und gemessen. Dann nimmt man vom Schilfrohr die Fahne, verbrennt sie und gibt die Asche dem Kinde zu essen. Bei Husten: Es werden Zwiebeln geschnitten, dieselben auf die Fußsohlen gebunden und dabei gesprochen: Nützt es nichts, so Schadetes nicht, es wäre besser, es wäre nicht. Hat sich ein Pferd verfangen, so gießet man ihm kaltes Wasser in die Ohren oder kocht ihm einen Tee.
Amulette gibt es bei den Deutschen, die evangelisch sind, nicht dafür aber bei den Russen. Beschwörungen wurden den Zigeunern überlassen, die je dort sehr häufig sind, freilich nur durchziehend. Lieder: Volkslieder, Kinderlieder und auch andere Lieder sind auf beigeschlossenem Notenblatt verzeichnet. Ich habe mir dieselben von verschiedenen Frauen Vorsingen lassen, an Ort und Stelle in Noten gesetzt und sie dann zwecks Prüfung auf ihre Richtigkeit wieder vorgesungen. Dabei will ich besonders auf das Englandlied, das einen beßarabischen Bauern zum Dichter hat, aufmerksam machen. Auf dem Notenblatt ist nur eine Strophe verzeichnet, die übrigen 7 sind auf einer besonderen Beilage. Studentenlieder gibt es bei den beßarabischen deutschen Umsiedlern nicht, da unter ihnen auch keine Studenten sind. Es sind eben alle Bauern.
15. Rätsel und Sprüche: 1.) Kommt was von Heck und Beck, hat ein Mantel von tausend Fleck. ( der Hahn). 2. ) Es liegt was im Keller drunten und ziehen sieben Paar Ochsen nicht herauf. ( der Wolleballen). 3. ) Ich geh in dir, ich geh auf dir, ich werd’ dich bomponelen (kneten), daß dir der Bauch aufgeht.( der Brotteig). 4.) Wann ist der Mann ohne Kopf zu hause? ( Wenn er zum Fenster herausschaut). 5.) Es hockt was im Eckle und sacht wie a Böckle.( Quark). 6. ) Außen haarig, innen haarig, 7 m in den …noch haarig. ( Strohhaufen).
16. Sprüche : 1) Annamareile, koch’ dei Breile, sitz auf’m Stühle, melk dei Kühle, geh aufs Gras, lock den Has’, gurgele, gurgele, lange Nas’. 2) Lidja, Lidja, Pfeffermühle, deine Kinder fressen viele, alle Tag ein Laiblein Brot, nimm den Hammer, schlag’ sie tot. 3) Bauer bind’ dein’ Pudel an, daß er mich nicht beißen kann. Beißt er mich, so straf’ ich dich mit eine Mark dreißig. Eine Mark dreißig ist kein Geld, wenn der Pudel noch so bellt.
17. Abzählverse: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, uns’re Mutter, die kocht Rüben, unser Vater, der kocht Speck, wen er will, den jagt er weg. 2. Johannes hat ein’ Garten klein, in dem Garten war ein Baum, in dem Baume war ein Nest, in dem Nest war ein Ei, in dem Ei war ein Dotter, in dem Dotter war eine Maus, sonst Johannes, du bist raus. 3. Enna, denna, Tintenfaß, geh’ in die Schul’ und lerne was, kommst du heim und kannst du’s nicht, nehm’ ich die Rut’ und kitzle dich, sind im großen und ganzen dieselben wie hier bei uns, nur Spottnamen kommen vor, sind aber selten; mitunter fanden sie gerichtliche Nachspiele.
18. Volksspiele: Davon ist das bereits oben angeführte Eierspiel und das folgende Schlüsselspiel zu erwähnen. Schlüsselspiel: Dieses wird übrigens verschieden gespielt. Irgend jemand, meist ein Bursche, nimmt einen Schlüssel. Jemand von den Mitspielern stellt sich auf und singt, die anderen gehen paarweise im Kreise um ihn herum.(immer ein Bursche und ein Mädel, jedoch nicht eingehängt). Nun läßt der unbekannte Inhaber des Schlüssels diesen fallen, worauf alle anderen plötzlich stehen bleiben müssen. Der im Kreise sucht sich mit einem Satz auch schnell eine Partnerin oder einen Partner, eventuell aus den Umstehenden. Wer keinen Partner bekommt oder sich rührt, hat dann in die Mitte zu gehen, und das Spiel beginnt von neuem.
19. Tanz: Getanzt wird Sonntag am Nachmittag und abends. Die Tänze einfach und schneller. Wie bereits oben erwähnt, werden aber auch volksfremde (russische und rumänische) Tänze eingeflochten.
Ende.
1 Abschrift aus: Deutsches Ausland-Institut, Stuttgart ; Teil I und Teil II (GS Buchnummer 943 B4na Nr. 16 und Nr. 21). Mikrofilm Nr. 007953035 Rolle 606 Frame 5396378; Abbildungen und Karten des Verfassers waren nicht enthalten, nur die Skizze zum Eierlauf, Signatur Verfasser. Die Richtigkeit bestimmter Schreibweisen wurde angemerkt.
Während nun Lindl vom 20. März 1822 bis Dezember 1823 also ungefähr 1 ½ Jahre in Sarata treulich sein Amt verwaltete, strömten die Leute ebenso wie in Deutschland, von allen Kolonien herbei, um seine Predigten zu hören. Aber auch hier gab sich die katholische Geistlichkeit alle Mühe ihn zu verdrängen. Seine Briefe, die er nach Deutschland an seine Freunde schrieb, gingen von Hand zu Hand und fielen endlich in die Hände der Spione, welche dieselben an die höhere Geistlichkeit beförderten, und diese verleumdeten ihn aufs gefährlichste beim russischen Kaiser. Sogar der österreichische Minister Metternich, welcher einer der gefährlichsten Jesuiten war, schrieb an den russischen Kaiser, dass Lindl ein staatsgefährlicher Mensch sei, indem er das Volk aufwühle und Revolution stifte, auch sich im Geheimen verheiratet habe. Ausserdem hatten sie an der höheren Geistlichkeit in Petersburg, insbesondere der Jesuiten, ihre Helfer, welche alles Mögliche beim Kaiser anwandten, ihn abzuschaffen, so dass derselbe endlich nachgeben und ihn, trotzdem dass er sein Gönner war, aus dem Lande verweisen musste. Aber dennoch nahm er ihn in Schutz, denn es wurden ihm eine Abteilung Kosacken mitgegeben, die ihn zum Schein über die Grenze bringen, aber mehr beschützen mussten, da man ihm überall nachstellte. Die Jesuiten warteten auf ihn an der Grenze, er aber schlug einen anderen Weg ein und kam glücklich nach Berlin, wo sie ihm nichts mehr anhaben konnten, in einer evangelischen Gegend, Preussen nahm sich von jeher der von den katholischen (Fluch) verfolgten Flüchtlingen an. Demnach war Lindl im Ganzen 4 Jahre in Russland. Ein Jahr in Petersburg, 1 ½ Jahre in Odessa und 1 ½ Jahre in Sarata. Von Lindls Abreise aus Sarata, schreibt als Augenzeuge, Schullehrer Kludt folgendes:
An einem regnerischen Dezembersonntag 1823 ging ich zu Lindl. Auf dem Divan ruhend unterhielt er sich freundlich mit mir. Ich bemerkte aber dabei eine kleine Betrübnis an ihm, die ich jedoch körperlicher Müdigkeit zuschrieb, als sich plötzlich eine Postglocke hören liess. Ich sah durchs Fenster und sagte, es hielte ein Wagen vor dem Pfarrhause, worauf Lindl aufsprang und nach der Thüre eilte. Herr Guldenschanz, der Adjutant vom General und ein fremder Herr, den ich nicht kannte, trat ein und ich entfernte mich. In der Abendversammlung war ich nicht, hörte aber, Lindl sei betrübt gewesen und habe das Lied: „Ist alles dunkel um mich her“ singen lassen, aber niemand ahnte was bevorstand.
Morgens versammelte sich die Gemeinde zur Frühlehre im Betsaale, man wartete lange, Lindl kam nicht. Endlich erblickte ich durch die ein wenig offenstehende Nebenthüre, die aus dem Betsaale in die Pfarrzimmer führte, einen von Lindls Knechten, unter Händeringen heftig weinen, und die der Thür zunächst sitzenden Mädchen fingen auch an zu weinen. Ich erschrak, eilte durch den Saal zu jenem Knechte und fragte „Was gibts?“ Was ist geschehen?“ Kaum konnte er vor weinen die Worte hervorbringen: „Ach unser lieber Pfarrer muss fort!“ „Wie? Aus dem Lande?“ Antwort: „Ja.“
Nun hatte ich genug. Ich eilte in den Saal zurück auf meinen Platz aber die ganze Versammlung schwamm in Thränen. Endlich erschien Joseph Strehle, Candidat der Theologie, vor dem Altar und versuchte eine tröstende Ansprache, deren er freilich selbst bedurfte, an die Gemeinde zu halten, wurde aber wenig gehört. Der Saal wurde verlassen. Was im Pfarrhause war weinte: wo man Leute auf der Strasse sah, die weinten. Weinend ging man den Tag über im Pfarrhause ab und zu. Lindl selbst hatte ganz rothgeweinte Augen.
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Zwei oder drei Tage vergingen mit Rüstungen zur Reise, und der Uebergabe Rechnungen, Gelder und des Kirchen-Archivs. Als alles fertig und der Reisewagen vor dem Pfarrhause stand (10 Uhr morgens) verkündigte auf einmal das einzige kleine Glöcklein auf dem Betsaal in traurigen, feierlichen und doch schneidenden Klängen der Gemeinde die Abreise ihres lieben Pfarres und es erfolgte ein Auftritt, den ich nie vergessen werde.
Von allen Ecken und Enden kam Alt und Jung, Klein und Gross, nicht gegangen, sondern buchstäblich gelaufen. In einigen Minuten stand die ganze Gemeinde vor dem Pfarrhause. Alles weinte, manche überlaut. Man drängte sich ins Vorhaus und Zimmer in dem Lindl war. Er aber tröstete sie: „liebe Kinder, der Heiland bleibt bei euch, wenn ich auch fort muss; haltet euch an Ihn und fügt euch in seinen Willen, wir werden uns Wiedersehen.“ Jeder streckte die Arme nach ihm aus, und war bemüht seinen Dank auszusprechen, ihm den Abschiedskuss zu geben und das letzte Lebewohl zu sagen.
Ich als Fremder hielt mich von der Gemeinde etwas entfernt, konnte aber daher desto besser das Ganze übersehen. Endlich gelang es ihm, sich durch die Menge durchzuwinden; er sprang auf den Wagen, in dem seine Frau Elisabeth, sein Söhnchen Samuel und das Kindermädchen Viktoria sassen, entblösste das Haupt, erteilte im Wagen stehend der Gemeinde den Abschiedssegen mit gehobenen Händen und macht den Wagenschlag zu. Guldenschanz und der fremde Herr fuhren vor, Lindls Wagen setzte sich in Bewegung und die ganze Gemeinde begleitete ihren scheidenden Pfarrer unter Glockengeläute und lautem Weinen bis vor die Kolonie hinaus. Auf dem Berge vor der Kolonie setzten sich die Wagen in Trab, die Gemeinde blieb zurück. Einige Jünglinge liefen neben Lindls Wagen her, zuletzt ich allein. Lindl reichte mir die Hand und hiess mich zurückgehen.
In den ersten Tagen der Abreise Lindls von Sarata, kam ein Trostschreiben von Gossner aus Petersburg an die Gemeinde Sarata an, welches öffentlich vorgelesen wurde. Auch Gossners Freunde in Petersburg bemitleideten die Gemeinde Sarata herzlich und schickten ihr später ein silbernes Abendmahlsgerät als Zeichen ihrer brüderlichen Liebe und Freundschaft, dessen sie sich noch heute bedient.
Im nächsten Jahr 1824 trat Lindl in Berlin öffentlich zur evangelischen Kirche über. Aus einigen Abschriften seiner Briefe war zu sehen, dass er mit Sicherheit darauf rechnete, wieder nach Sarata zu kommen, da der russische Minister Fürst Galizin sich für ihn verwandte, aber es blieb ohne Erfolg. Wie lange er in Berlin verweilte ist mir unbekannt. Von dort reiste er nach der Schweiz zu Jakob Wig (Wirz), welchem es gelang ihn ganz auf separatistische Wege zu bringen. Von dort wendete er sich nach der Stadt Barmen bei Elberfeld in Preussen, wo er eine kleine Separatistengemeinde bis an sein Ende bediente.
Er starb wahrscheinlich am letzten Februar 1846 da blos der Begräbnistag aber nicht Sterbetag angegeben ist.
Zwei Monate vor seinem Ende, als er noch gesund war, besuchte ihn ein Freund, welchem er beteuerte, dass er noch das tausendjährige Reich erleben werde; aber er musste bald erfahren, dass er sich täuschte. Also hatte sich dieser hochbegabte und feurige Prediger durch diese Schwärmer verwirren lassen. Als ihm die Augen über die Blindheit der katholischen Lehre aufgingen, verfehlte er in seinem Eifer gleich von vornherein das Richtige. Da er von der katholischen Kirche überall verfolgt wurde, und wie ein Wild, das von den Hunden gejagt wird, nicht weiss wo es hinläuft und da er mit diesen Schwärmern zusammentraf, so glaubte er das Richtige gefunden zu haben.
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Ueber Lindls Beerdigung wurde von einem seiner Freunde in einem Blatte folgendes mitgeteilt:
Den 2. März 1846 war bei dem Begräbnis des lieben mir unvergesslichen Lindl, kein einziger Prediger zugegen und ausser den Gliedern seiner kleinen Gemeinde begleiteten ihn nur wenige Freunde zur letzten Ruhestätte. Der Zug bestand, mit den Trägern, aus 38 Personen. Der Sarg kam in das Grab auf seine Frau zu stehen unter einer Eiche in der Mitte des Unter-Barmer-Kirchhofs. Der Comtorist B. sprach ein solch gesalbtes Gebet, dass es einem Prediger Ehre gemacht hätte. Lindl war ein halbes Jahr jünger als Gossner, demnach wurde er geboren 1774, welchen Tag ist mir unbewusst. Er brachte also sein Alter auf 71 Jahre. Martin Boos war 11 Jahre älter als Gossner und wurde den 25. Dezember 1762 in Christnacht in Huttenried geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Bauersleute, starben aber beide in einer Zeit von 14 Tagen, als er 4 Jahre alt war. Er hatte 15 Geschwister, wovon 4 vor den Eltern starben.
Martin kam zu seinem Onkel nach Augsburg, welcher ihn auf zureden seiner Lehrer und in Betreff guter Zeugnisse studieren liess, welches auch Martins inniger Wunsch war. Er kam auf die Universität nach Dillingen, wo ihm unter der Leitung des Professors Sailer das evangelische Licht aufging. Durch seine Predigten wurden ganze katholische Ortschaften erregt. Doch hatte er auch sein ganzes Leben hindurch nur Verfolgung und Gefängnis zu dulden. Er starb den 29. August 1825 im Alter von 62 Jahren 8 Monaten und 4 Tagen.
Johannes Gossner wurde den 12. Dezember 1773 geboren, im Dorfe Hausen bei Gensburg in Baiern. Er war ebenfalls ein Bauernsohn wohlhabender Eltern. Da aber sein Vater ertrank, wurde das Vermögen schlecht verwaltet, so dass er mittellos seine Studien ausführen musste. Er kam gleichfalls nach Dillingen woselbst er ein Jahr sich dem Studium der Philosophie widmete. Von dort ging er auf die Universität Ingolstadt (und studierte Theologie), denn man fing schon an aus Dillingen die Evangelischen Professoren zu vertreiben, worunter Sailer der vorzüglichste war. Letzter befand sich im Ganzen 10 Jahre als Professor in Dillingen. Gossner wurde noch bekannt mit ihm und kam durch ihn zur Erkenntnis. Er war nicht bei seinen Vorlesungen, weil er in Dillingen Philosophie studierte, aber dennoch verkehrte er mit ihm und kam durch ihn immer mehr auf den rechten Weg.
Sein Lebenslauf ist sehr interessant zu lesen, was dieser Mann bis ins Alter von 84 Jahren gearbeitet hat, wie nicht leicht ein zweiter aufzuweisen ist. Er übersetzte die Bibel ebenso wie Luther und gab ein Gesangbuch heraus. Gossners Schatzkästchen findet man in aller Welt Gegenden. Sogar die verstorbene russische Kaiserin führte es bei sich wenn sie sich auf Reisen befand. Zu seinen Anhängern in Petersburg gehörten Fürsten und Grafen, ja auch sogar der Kaiser. Dass der Kaiser Alexander I für diese Prediger so sehr eingenommen war, und überhaupt die Deutschen lieb gewann, kam daher, dass er durch den Krieg 1812 in Deutschland mit vielen christlichen warmem Männern bekannt wurde, ebenso auch Minister Fürst Galizin, welcher damals über die kirchlichen Angelegenheiten gesetzt war, und solche Männer wie Gossner und Lindl suchte. Durch die Errettung Russlands von den Franzosen war der Kaiser tief gebeugt und sah ein, dass nicht seine Macht, sondern die Hilfe Gottes durch den strengen Winter ihn gerettet habe. Er war sehr religiös und gottesfürchtig und hielt viel auf die evangelische Lehre. Daher kam es auch, dass die Verbreitung der Bibel in Russland gleich nach dem Friedensschluss gestattet wurde. Vor Gossners Zeiten war dieselbe noch sehr mangelhaft, er aber verbreitete von Petersburg aus, tausende von Bibeln.
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Er wurde von der (evangelischen) englischen Bibelgesellschaft unterstützt und wurde ihm von dieselben 2 Pressen unentgeltlich geschickt. Dadurch wurde die russische und katholische Geistlichkeit dermassen empört, dass sie den Kaiser so in die Enge trieben, dass er gezwungen war, um seine eigene Person zu schützen, endlich nachzugeben.
Auch hier spielte der österreichische Minister die Schlange, indem er den russischen Kaiser versicherte, dass diese Leute auf kirchlichem Wege unter dem Volk Empörung zu stiften suchen. Die höhere Geistlichkeit und Jesuiten von demselben (Metternich) unterstützt, ruhte nicht, bis auch Gossner aus dem Lande war und sein bester Gönner, Minister Fürst Galizin, abgesetzt, und die Bibelverbreitung wieder verboten wurde.
Vor Gossners Abreise aus Petersburg schickte ihm der Kaiser 1000 Rub. als Reisegeld und liess ihm sagen, dass er nur durch die Umstände genötigt sei und in seine Verweisung aus dem Lande gewilligt habe. Auch von anderer Seite strömten reichliche Unterstützungen zu.
Bei seiner Abreise war das Haus und die ganze Strasse hin mit Menschen besetzt, welche alle mit Thränen in den Augen sich herzudrängten um von ihm Abschied zu nehmen. Eine Reihe von Wagen begleitete ihn bis zur nächsten Station, wohin schon Hunderte voraus geeilt waren, Gossner noch einmal zu begrüssen. In Deutschland hatte er noch schwere Jahre durchzumachen, denn er wurde überall von der katholischen Geistlichkeit verfolgt, so dass er sich endlich entschloss zur evangelischen Kirche überzutreten. Er hatte aber noch immer schwere Zeiten, denn von einer Kirche war er ausgestossen und von der anderen nicht geachtet, bis es ihm endlich gelang, durch unermüdliche Arbeit, sich bei der evangelischen Kirche Namen zu erwerben. Als er endlich in Berlin eine bleibende Stelle gefunden hatte, gründete er ein Krankenhaus, welches unter dem Namens Elisabeth Krankenhaus noch fortbesteht.
Ebenso errichtete er ein Missionshaus und alles aus freiwilligen Beiträgen. Er sandte 140 Missionare aus, die bei ihm ausgebildet wurden, teilweise nach Indien und nach den entlegendsten Gegenden, welche vorher selten ein Missionar betreten hatte. Dieses alles leitete er bis zu seinem Ende. Er starb Dienstag den 20. März 1850 und wurde am Karfreitag beerdigt. Sein Alter war 84 Jahre, 8 Monate und 12 Tage.
Sein Begräbnis fand mit grossartiger Ceremonie statt. Jeder von den vielen Geistlichen hielt eine Rede. Generalsuperintendent Buchsel hielt eine Grabrede und die Menge Menschen, welche ihn begleiteten, konnte die Kirche lange nicht fassen.
Das wäre die Schilderung der Männer, welchen wir die Befreiung vom päpstlichen Joch zu verdanken haben.
Sämtliche Pastoren, welche in Sarata waren:
1.Ignaz Lindl 2. Josef Strehle, damals Kandidat
3. Lesedov 4. Breitenbach von 1840 bis 1848
5. Georg Behning von März 1852 bis 23. März 1875
6. Katterfeld 7. Meyer.
Der Grossvater Johannes Strehle wanderte mit seiner Familie bestehend aus Frau und vier erwachsenen Söhnen nach Russland ein. Sein Haus und Land musste er um billigen Preis verkaufen, denn da so viele auf einmal auswanderten, so wurden die Preise heruntergedrückt und alles kam in die Hände der Juden, welche boten, was sie wollten. Daher kam es auch, dass die meisten, bis sie an Ort und Stelle waren auch mit ihrem Gelde zu Ende waren.
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Im Jahre 1864 bei meiner Durchreise sagte mir der jetzige Besitzer, des väterlichen Hauses, dass er es jetzt für 30.000 Gulden verkaufe. Der Vater Johannes Strehle wurde geboren den 16. Oktober 1797 in Schnuttenbach bei Gensburg in Baiern an der Donau, Landgericht Burgau.
Er war 3 ½ Monate jünger als die Mutter. Sie verheirateten sich das Jahr nach der Ansiedlung, den 5. März 1823. Getraut wurden sie von Lindl. Der erste Sohn Johannes wurde geboren den 10. März 1826, getauft den 11. März. Er verheiratete sich den 13. Mai 1852 mit Katharina geborene Fiess.
Franziska, das zweite Kind wurde geboren Sonntag den 1. August 1827 getauft den 2. August. Sie verheiratete sich den 15. Oktober 1851 mit Lehrer Georg Schweyer.
Magdalena, das dritte Kind, wurde geboren Mittwoch den 23. Januar 1829 getauft den 24. Januar. Sie verheiratete sich den 17. Mai 1855 mit Friedrich Becker Seifensieder in Odessa.
Katharina, das vierte Kind, wurde geboren Dienstag den 2. Dezember 1830, getauft den selben Tag. Sie verheiratete sich mit Johannes Bossert, damals Schreiber in Klöstitz, den 30. Juni 1853 und starb den 25. Dezember also am 1. Weihnachtsfeiertage 1 Uhr Mittags.
Maria, das fünfte Kind, wurde geboren Mittwoch den 19. Januar 1833 getauft den 20. Januar. Sie verheiratete sich den 25. September 1855 mit Karl Frische in Kischinew, Sattler.
Christina, das sechste Kind, wurde geboren Montag den 24. September 1834 getauft den 25. September. Sie verheiratete sich mit Jakob Höllwarth in Gnadenthal den 31. Januar 1858. Sie starb den 23. Mai 1862 und hinterließ eine Tochter Katharina.
Marianna, das siebte Kind wurde geboren Dienstag, den 29. Juni 1837 getauft den 31. Juni.
Elisabeth, das 8. Kind, wurde geboren den 24. Januar 1839 getauft den 28. Januar und starb den 5. April 1839 also erreichte sie blos 2 Monate und 11 Tage.
Alois,das neunte Kind, wurde geboren Mittwoch den 26. Dezember, also am 2. Weihnachtsfeiertage 1840, getauft den 27. Dezember von Pastor Breitenbach, konfirmiert von Pastor Behning den 8. April 1856.
Im Jahre 1857 bekam der Vater Johannes Strehle einen Nervenschlag, worauf er nur noch mühsam gehen konnte, was sich jedes Jahr wiederholte. Im Jahre 1863 musste er sich ganz legen und starb den 12. November, dasselbe Jahr, im Alter von 60 Jahren und 27 Tagen.
Des Vaters zweiter Bruder Jakob Strehle wurde geboren den 2. Februar l802 und starb den 23. Mai 1880 im Alter von 78 Jahren 3 Monaten und 19 Tage.
Nach einem Aufenthalt von 6 Jahren in Russland, zogen die beiden jüngeren Brüder Josef und Anton wieder nach Deutschland aber nicht mehr nach Baiern, sondern nach Preussen, wo Josef als Pastor in Lockwitz angestellt wurde und sich später in Grochwitz bei Herzberg zur Ruhe setzte. Dort besuchte ich ihn im Jahre 1863 und 1864. Von der ersten Frau hatte er zwei Söhne, Samuel und Nathanael, welche aber damals schon lange tot waren. Sie starben beide mit 17 Jahren.
Von der dritten Frau hatte er eine Tochter namens Helene, die ungefähr im Jahre 1860 geboren wurde.
Bei meinem Besuch war sie ungefähr 3 Jahre. Sie starb im Jahre 1868 im Alter von 63 Jahren Anton der jüngste besass in Breslau ein Kaufmannsgeschäft, lebte in guten Verhältnissen. Er starb ein Jahr vor seinem Bruder Josef ungefähr im 60. Lebensjahre. Seine drei Söhne waren: der älteste Ferdinand, Pastor in Schlesien; der zweite Josef war Direktor in einer Zuckerfabrik in Polen; der dritte Anton, erlernte die Kaufmannschaft. Da er aber kränklich war, so verordneten ihm die Aerzte das Klima zu verändern, worauf er nach Amerika reiste, woselbst er wahrscheinlich an der Schwindsucht starb, denn man hörte nichts mehr von ihm.
Was nun mein Schicksal anbetrifft, so war dasselbe sehr abwechselnd. Schnell wie ein Traum sind mir über 40 Jahre verflogen, kaum dass mir noch die Erinnerung an die schöne Jungendzeit, welche nie mehr wiederkehrt, bleibt und welcher der Mensch mit reumütigem Herzen nachsieht, gleich einem Schattenbild das vor seinen Augen verschwunden ist. Wenn man sich in das menschliche Leben recht hineindenkt, so ist es mit den vier Jahreszeiten zu vergleichen. Die Kindheit ist der Frühling, wo der Mensch als Kind hoffnungsvoll mit lauter Luftschlössern umgeben in die Zukunft blickt.
Die schöne Jugend ist der herrliche Mai, wo man vom Glücke berauscht, eine ganze Strasse von Rosen vor sich sieht, welche sich aber später alle in Dornen verwandeln, und ohne zu bedenken, wie schnell diese Zeit entflieht, wird sie oft so leichtsinnig verschwendet, und die drückende Sommerhitze macht mit ihren Beschwerden heran, das ist das Mannesalter, wo Kummer und Sorgen die Spuren der Jungend verwischen; ebenso folgt der unfrendliche Herbst, wo die Kräfte schwinden und Gebrechen sich einstellen.
Endlich erscheint der harte Winter, wo die trüben Tage kommen, von denen es heisst, sie gefallen mir nicht und wo man seiner Umgebung übrig ist, so ist alles wie ein Traum.
Nachdem ich die Schuljahre bei Lehrer Naterer hinter mir hatte, kam ich in die Lehre nach Odessa zu Schlossermeister Rieb, anfangs September 1856. Meine Lehrzeit war 5 Jahre bis 12. November 1861. Nachdem arbeitete ich noch daselbst als Geselle bis 1. Mai 1862. Dann ging ich in die Fabrik Belliner Fendrich, wo ich bis zum 14. Oktober arbeitete. Elf Tage später, den 23. Oktober reiste ich zu Wasser nach Deutschland und kam den 26. November (nach deutschem Kalender) nach Wien. Nachdem ich mir daselbst verschiedene Sehenswürdigkeiten angesehen hatte, fuhr ich über Dresden nach Herzberg zu Onkel Josef Strehle wo ich mich zwei Wochen aufhielt. Von dort reiste ich nach Wittenberg, ein kleines Städtchen, aber berühmt als der Aufenthaltsort Luthers, dessen Wohnung ich besuchte, welche sich noch im selben Zustande befindet, wie er sie verlassen hatte. Dieselbe ist sehr einfach und klein und besteht bloss aus zwei nicht grossen Zimmern und einem Vorzimmer. Es ist kein Vergleich mit den Wohnungen unserer jetzigen Geistlichen. Am Fenster auf einer Stufe stehen zwei einfache Stühle von Fichtenholz, welche weder gepolstert noch gestrichen sind. Daselbst soll er gewöhnlich mit seiner Frau gesessen haben, wenn er von seiner Arbeit ausruht. An der Türe des Vorzimmers hatte einst Peter der Grosse bei seiner Durchreise, da er Luthers Wohnung besuchte, mit Kreide seinen Namen geschrieben, wo dann ein Glas darauf gemacht wurde, noch heute wie frisch geschrieben, der Name zu lesen ist. Nebenan befindet sich das Haus, wo einst Melanchton wohnte. Von dort liess ich mich in die Schlosskirche führen, wo Luther und Melanchton beerdigt liegen und wo Luther auch predigte. Sie liegen mitten in der Kirche, mit dem Fussboden zugleich, über jedem eine Türe, die zum aufmachen ist und unter denselben eine Marmortafel mit der Grabschrift. Zum Andenken kaufte ich mir die Photographie von der Kirche, sowie ein Siegel mit seinem eigenen Petschaft aufgedrückt.
Auch die 95 Sätze welche er gegen den Papst schrieb.
Vor der Stadt steht die sogenannte Luthereiche, welche zum 300 jährigen Jubileum auf derselben Stelle gepflanzt wurde, auf welcher Luther die päpstliche Bulle (Bälle) oder Gesetze verbrannte. Von dort fuhr ich über Göthen, Dessau, Magdeburg und Halberstadt nach Berlin. Dort angekommen den 7. Dezember 1863, arbeitete ich in der Maschinenfabrik Schwarzkopf vom 12. Dezember 1863 bis 25. Januar 1864. Vom 27. Januar
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bis zum 29. August arbeitete ich in der Fabrik Borsig, wo die Lokomotive für die Odessaer Bahn gebaut wurde. Von da aus besuchte ich die Verwandten in Breslau. Onkel Anton Strehle, dann seinen Sohn Ferdinand, Pastor in Lüben, sowie die Verwandten in München. Von dort reiste ich nach Wien und arbeitete in der Fabrik Cleyton und Schutlewort vom 26. September bis 16. Oktober 1864. Von dort fuhr ich mit der Bahn nach Pert (Pest) von wo aus ich mit dem Schiff nach Odessa fuhr, woselbst ich nach russischem Kalender den 16. Oktober 1664 ankam.
Denselben Monat trat ich bei der Odessaer Eisenbahn ein, welche damals gebaut wurde, und fuhr 11 Monate als Heizer bis den 28. September 1865. Dann wurde ich examiniert als Lokomotivführer und fuhr bis 1. Mai 1870. Von da wurde ich auf der Odessaer Station als Übermaschinist angestellt. Das nächste Jahr 1871 wurde ich nach Kischinef (im August) als die Strecke eröffnet wurde, versetzt, und den 16. Juni 1872 nahm ich meine Entlassung. Den 27. Dezember 1865 andren Tags nach meinem 25jährigen Geburtstag verheiratete ich mich mit Katharina Humel. Sie wurde geboren den 6. Mai 1843, getauft von Probst Fletnitzer, also war sie zwei Jahre und 4 ½ Monate jünger als ich. Gonfirmiert wurde sie in Odessa den 18. Mai 1858, ebenfalls von Fletnitzer. Sieben Monate nach unserer Verheiratung den 28. Juli 1866 starb sie an der Cholera. Das nächste Jahr, den 20. April 1867 verheiratete ich mich wieder mit Maria Kurzinger, getraut von Probst Fletnitzer. Geboren wurde sie den 16. Juli 1845 und confirmiert den 29. Mai 1861. Im Jahre 1867 hatte ich die Gelegenheit auf der Odessaer Eisenbahn den ersten Kaiserzug zu führen. Den 15. Febr. 1868 wurde mein erster Sohn geboren, getauft den 24. März von Probst Fletnitzer. Den 7. April 1870 wurde das zweite Kind Pauline geboren, getauft den 14. Juni von Pastor Kowalzig. Taufpathen waren zu beiden August Schulze und seine Frau Johannis Bossert und Sophie Richter, geb. Stein. Nachdem ich nun 1872 die Eisenbahn verliess, übernahm ich die Schlosserwerkstelle von meinem ehemaligen Lehrmeister Rüb, welche ich im Juli antrat.
Bis dahin wusste ich nicht was sorgen heisst, denn ich hatte mein reichliches Auskommen. Von da gab es nun eine Aenderung in meinem Leben, die schönen Zeiten waren vorüber. Da zu jener Zeit der Häuserschwindel anfing und infolge dessen einer nach dem anderen bankrott ging und auch ich, was ich ausstehen hatte, verlor, wodurch ich in Judenhände fiel, welche mich mit ihren Prozenten zu Grunde richteten. So hatte ich schwere Zeiten durchzumachen. Nach dem Tode meines Schwiegervaters Kurzinger am 1. August 1873 nahm ich die Schwiegermutter mit ihren beiden Töchtern, Luise 15 Jahre alt und Emma 8 Jahre alt, zu mir. Nachdem ich im früheren Hause Rüb 3 Jahre gewohnt hatte, zog ich in das Haus Sahl im Juni 1875 den 23. Oktober desselben Jahres 1875 starb meine zweite Frau Maria, geb. Kuringer an der Schwindsucht, wo dann die Schwiegermutter mir die Wirtschaft führte. Das nächste Jahr 1876 den 8. März starb mein Söhnchen Adolf an der Halbräune, sein Alter war 8 Jahre, 23 Tage, er war ein ausnahmsweise frommes, gehorsames und liebes Kind.
Die Verstorbenen aus der Familie Kuringer:
Johannes Kuringer wurde mit Sophie geb. Hagstolz den 23. Mai 1843 getraut. Das 1. Kind Marie, meine Frau, wurde den 16. Juli 18441 geboren und den 5. August getauft, den 29. Mai 1860 confirmiert und den 23. Oktober 1875 gestorben an der Schwindsucht.
Hier endet der Bericht, welcher während der amtlichen Wohnungsauflösung nach dem Tod eines Menschen ohne Angehörige gefunden wurde und mit seiner gesamten Habe in die öffentliche Versteigerung kam. Das Original wurde freundlicher Weise durch meine Vermittlung von S. Winkler aufgekauft und in ein familiengeschichtliches Archiv in den USA überführt, da der zuerst von mir angefragte Verein der Bessarabiendeutschen leider kein Interesse hatte.
1KB Odessa 1845 Nr. 64 Geburt von Marie Sophie Kurringer am 16. Juli 1845!