Katharinenfeld – Luxemburg – Bolnissi – ბოლნისი

Kaukasien, Grusien, heute Georgien

 

Mein herzlicher Dank gehört hier Herrn Prinz, seiner Familie und seinen Freunden, die mir helfen, den Namen der einstigen Bewohnern ein Gesicht zu geben und mit Fotos, Geschichten und Daten tatkräftige Unterstützung leisten, die Erinnerung an sie wach zu halten.



Johann Albrecht Bengel

Wie ich bereits zur Auswanderung der Württemberger berichtete, zogen vor allem religiös motivierte Auswanderer nach Grusien.

Nachdem Prälat Bengel (1687-1752) die Offenbarung des Johannis neu deutete und daraus für den 18. Juni 1836 den Beginn des ersten eschatologischen Millenniums berechnete, leiteten weitere Theologen aus dieser Berechnung die persönlichen Wiederkunft Christi ab.

Die Württemberger hatten harte und entbehrungsreiche Zeiten hinter sich, die sie der Religion näher brachten, aber vor allem zahlreichen Schwärmern und Phantasten den Weg bahnten. Während die Pietisten in der Landeskirche verblieben, traten die Separatisten aus. Sie vermuteten hinter den Reformen der Kirche, diese würde dem Katholizismus erneut den Weg bereiten und strebe eine Vereinigung der beiden Konfessionen an. Die Separatistengemeinde weigerte sich daher, ihre Kinder taufen zu lassen und lehnte den Militärdienst ab, einige von ihnen wurden deshalb auf dem Hohenasperg in Arrest genommen.

Da das Weltende mit Umstürzen, Not und Kriegen angekündigt wurde, schienen die die Ereignisse der Jahre vor der Auswanderung darauf hinzudeuten, das Weltende sei nahe. Einige sahen ihre Rettung darin, nach Palästina auszuwandern.

Das Heiligen Land war wegen der osmanischen Herrschaft jedoch nicht zugänglich, so bot sich der Kaukasus als Ort des Wartens an, um dem wiederkommenden Christus möglichst nahe zu sein.

Bereits 1812 gründete der Weingärtner und Armenpfleger Georg Friedrich Fuchs die Stundengemeinschaft Schwaikheimer Harmonie der Kinder Gottes. Fuchs blieb der Kirche fern, nahm seine Tochter bereits vor der Konfirmation aus dem Religionsunterricht und predigte bei sich und anderen so mitreißend, das sich die Anhängerschar schnell vergrößerte. Der Kirche ging das zu weit und man orderte ihn vor den Konvent, da er diesem fern blieb, untersagte man ihm seine Versammlungen.

Die Behörden stellten eine Listen von Separatisten von Schwaikheim, Zillhardtshof und Neustadt auf und zählte 1815 bereits 56 Sektenmitglieder, u. a. die Schwaikheimer Kaspar Dautel und Frau, Kaspar Ott, Johann Klenk, Heinrich Wild, Christina Magdalena Schäfer, Anna Maria Müller, Regina Schwarz, Barbara Schäfer, Gottlieb Johann Koch und Barbara Bauer.

Da einige Sektenmitglieder gemeinsam mit dem „Separatisten-Fuchs“ in Haft genommen wurden, und sich daraufhin vom ihm abwandten, ließ er sich von seinen Anhängern die schriftliche Bestätigung geben, dass sie bei ihm blieben. Nach seiner Haftentlassung begann er die Auswanderung zu organisieren.

Zar Alexander I hatte nach dem Sieg über Napoléon Bonaparte die erneute Einwanderung ermöglicht und Württemberg sein bestehendes strenges Auswanderungsverbot aufgehoben. Als sich die adlige Juliane von Krüdener, selbst religiös bekehrt, anbot, ihren Einfluss beim Zaren geltend zu machen1, kam es erneut zum Schwabenzug, von April 1815 bis März 1817 verließen 53% der Handwerker, 20% der Bauern, 15% der Weinbauern, sowie 13% der Tagelöhner und Hirten das Land.2

Die Familien der Schwaikheimer Harmonie mussten auf ihre Bürgerrechte verzichten und Bürgen stellen, die für alle eventuell hinterlassenen Schulden aufzukommen hatten.

Am 23. September 1816 brachen die ersten 10 Familien mit zusammen 53 Personen aus Schwaikheim und Umgebung auf, um ihren Weg die Donau hinab nach Ismail zu nehmen.

Königlich-Württembergisches Staats- und Regierungsblatt 1816

Von hier aus zogen sie auf dem Landweg nach Großliebenthal bei Odessa. Sie erreichten Großliebenthal am 31. Dezember 1816 und lagerten bis zum Juli des Folgejahres.

Alexei Petrowitsch Jermolow, Generalgouverneur der transkaukasischen Provinzen Russlands hatte den Plan, dreißig Familien zur „Hebung“ der Landwirtschaft anzusiedeln, so öffnete er 31 Familien unter der Führung von Gottlieb Löffler den Weg nach Grusien. Sie zogen über Taganrog, Stavropol´, Mozdok, überquerten den 2000 Meter hohen Pass an der Südflanke des Kasbek und kamen am 20. September des selben Jahres in Tiflis an. Diese erste Gruppe von 148 Personen gründete die Kolonie Marienfeld (Sartitchala)3.

Im Laufe das Jahres 1817 folgten sechs weitere Schwaikheimer Familien mit 32 Personen und erreichten ebenfalls am 20. September 1817 Tiflis, den Ort, von welchem aus die Siedler in ihre zu gründenden Kolonien ziehen sollten.


Schwaikheim (A) – Ulm (B) – Regensburg (C) – Wien (D) – Budapest (E) – Belgrad (F) – Bukarest (G) – Orșova (H) – Galați (I) – Ismail (J) – Odessa (K) – Ovidiopol‘ (L) – Akkerman (M) – Großliebenthal (N) – Taganrog (O)- Rostow (P) – Stavropol´(Q)- Mozdok (R/S) -Tiblisi (T) – Katharinenfeld (U)

Dem Aufruf der Brüder Koch aus Marbach und Schluchtern zur Gründung einer „brüderlichen Auswanderungsharmonie der Kinder Gottes“ folgten in der Zeit von April bis August 1817 noch etwa 1400 Familien. In 14 Harmonie zogen sie auf dem rund 5800 km weiten Weg3.

 

 

 

 

Oppositionsblatt oder Weimarische Zeitung 1817

 

Zeitungen berichteten über diese Auswanderungswelle und sahen einen Zusammenhang mit dem am 8. Februar 1817 zu beobachtenden Nordlicht, welches als vermutlicher Auslöser betrachtet wurde.

Königlich-Württembergisches Staats- und Regierungsblatt 1817

1818 verließen sechs Personen und 1819 noch einmal eine Familie mit fünf Personen Schwaikheim. Aus dem ganzen Oberamtsgebiet wanderten 107 Familien mit insgesamt 635 Personen aus, davon allein 151 Schwaikheimer. Wie die Reise an Bord verlief, beschrieb Christoph Bidlingmaier in seinem Brief in die Heimat.

Die Flussfahrt brachte neben zahlreichen Entbehrungen auch Krankheiten mit sich, so dass bereits an Bord, aber noch mehr in der 42-tägigen Quarantäne in Ismail ihr Leben ließen. Von den 1400 Familien starben ca. 1000 Personen im Quarantänelager, nur etwa 300 Familien erreichten ihr fernes Ziel.1

Der Traum Grusien war zum Albtraum geworden. Viele verließen die Gruppen und wanderten nach Ungarn weiter oder ließen sich in der Moldau nieder, 300 Familie gründeten 1819 Hoffnungstal (Zebrykowe), andere ließen sich in bereits bestehenden Kolonien nieder.

Der Kaukasus galt 1817/18 als unsicher für Kolonisten, so versuchten die Behörden in Tiflis, den weiteren Zuzug zu verhindern. 500 Familien wollten jedoch unbedingt weiterziehen und erwirkten durch die Vermittlung von Karl Robert Graf von Nesselrode (1780–1862), Außenminister und Kanzler des russischen Zarenreichs, in Moskau die Erlaubnis, ihr Lager in den Kolonien um Odessa verlassen zu dürfen.

Zu den Abgeordneten der Kolonisten gehörten der Altbacher Weingärtner Johann Georg Frick (*1776), Vorsteher der Eßlinger „Harmonie der Gläubigen“, der Schluchtener Müller Johann Jakob Koch, Vorsteher der Marbacher Harmonie und Johannes Meyer, Vorsteher der Walddorfer Harmonie, die ein Bittschreiben an den Zaren am 20.2.1818 verfassten. Der Zar stellte die ausgesetzten Kolonistenprivilegien wieder her und richtete eine Regierungskommission für Sicherheit und Überwachung der Ansiedlung ein.2

Insgesamt brachen 10 Gruppen vom Mai bis August 1818 auf, die durch ihre Ansiedlung im November 1818 die Orte Neu-Tiflis (eine Koloniegründung von 60 Handwerkerfamilien), Elisabethtal (Asureti) und Alexanderdorf (Liebknechtsdorf, Didube) gründeten. Unter ihnen einige Kolonisten aus Polen und Ungarn, sowie bereits angesiedelte Kolonisten der Region Odessa, zusammen etwa 100 Personen. Die vorgesehenen Ländereien waren zuvor von Johann Georg Frick, Jakob Barth, Vorsteher der Nagold-Freudenstädter Harmonie und Kindlieb besichtigt worden.3

Allein zwischen 1818 und 1819 kamen insgesamt 2.6294 deutsche Siedler nach Transkaukasien, die in der Anfangszeit, wie auch in Bessarabien, in Erdhütten hausten, von Kronsgeldern lebten und teilweise in ihrer Not in Tiflis bettelten. Der Ehrgeiz, etwas aufzubauen, bestand zunächst nicht, da auf das vermeintliche Weltende gewartet werden sollte. Zudem hielten sich die Ansiedler für privilegiert durch ihren Glauben und grenzten sich von anderen ab, diese Vorstellungen wurden von der harten Wirklichkeit jedoch schnell eingeholt.

Die Auswandererharmonien zwei und fünf ließen sich etwa 180 Kilometer südöstlich von Tiflis nahe der Festungsruine Schamkor (Alt-Katharinenfeld) nieder. Dieser Platz erwies sich bald als klimatisch völlig ungeeignet für die 135 Siedlerfamilien und so starben im Sommer 1819 vor allem durch Malaria 256 von ihnen.

Die Kolonialverwaltung gab daraufhin ihrem Gesuch statt, an einem anderen Ort zu siedeln, diesen erreichten sie im Winter 1819 etwa 60 km südwestlich von Tiflis nahe des Fußes des Georgsberges, hier entstand Neu-Katharinenfeld (Luxemburg, Bolnissi). Der Name Katharinenfeld sollte Großfürstin Katharina Pawlowna, Tochter des russischen Kaiser Paul I. (1754–1801) ehren.3

In Neu-Katharinenfeld begannen die ersten Ansiedler mit dem Bau von Fachwerkhäusern, die sie mit Lehm, später mit Steinen ausfachten, wie sie das von zu Hause kannten. So entstanden 95 Häuser für die etwa 500 Einwohner des Ortes, jeder hatte bei Ankunft kostenfrei 27,90 Deßjatinen Land erhalten. Der Ort begann zu blühen, die Weinstöcke fruchteten und alles schien so, wie es sich die Auswanderer erträumt hatten.

Im Jahre 1826 überschritten die Perser die Grenze und forderten die dort lebenden Tataren auf „in Muhammeds Namen gegen die Christen die Waffen zu ergreifen“ 5. Durch die Überfälle aufgebracht und zerstreut zogen sich die russischen Abteilungen und Grenzposten in die Bergstadt Schuscha zurück. Die Tatarenüberfälle auf die Kolonien Annenfeld (Shamkir) und Helenendorf (Xanlar, Göygöl) am 9. und 10. Mai 1826 erschütterten die Ruhe im Kaukasus. Die Katharinenfelder flüchteten sich gewarnt nach Elisabetthal, wurden jedoch in ihre Kolonie zurück geschickt, da die Behörden die Warnungen vor einem Überfall für übertrieben hielten.


Fraundorfer Bauernzeitung 1829

In der Nacht vom 14./26. August 1826 ereignete sich der Überfall auf Katharinenfeld, der als „Schreckenstag von Katharinenfeld“ in die Erinnerung der nachkommenden Generationen einzog. Über tausend Tataren und Kurden umzingelten das Dorf. Sie fanden keinen Widerstand unter den Schlafenden und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Wer Widerstand leistete, wurde von Säbeln zerhackt, von Lanzen durchbohrt oder erschossen. Von den 431 Bewohnern starben 15 noch im Dorf, 99 Frauen, 52 Männer und zahllose Kinder kamen in Gefangenschaft6 , dort starben 14, nur von 66 ist das Datum der Rückkehr bekannt, der Rest blieb verschollen.7

Einige von ihnen sollten literarischen Ruhm erlangen, so Jakob Noah Epp (22.5.1808, Reutlingen – 8. Nov. 1884 Stuttgart), nach dem Überfall Haussklave bei König Mohammed Ali in Kairo, losgekauft durch König Wilhelm I., kehrte er in seine deutsche Heimat zurück.8 oder „Fatma“ Anna Maria Frick (1802-1883), die von ihrem Schwager freigekauft wurde, nachdem ihr Mann bei dem Überfall getötet und sie selbst in die Sklaverei verschleppt wurde.

Zur Erinnerung an diese Ereignisse und den anschließenden Wiederaufbau des zerstörten Dorfes wurde alljährlich ein „Aufbaufest“ gefeiert. Pfingsten 18549 weihten die Katharinenfelder ihre neue Kirche ein. Die letzte Konfirmation fand hier 1928 statt, danach wurde der Religionsunterricht in der Schule vom Staat verboten und nur noch heimlich in Privaträumen durchgeführt.9

Bereits mit dem Ende des Krimkrieges 1856 änderten sich die Verhältnisse in Russland, die Privilegien der Kolonisten und ihre Selbstverwaltung wurden nach und nach aufgehoben, als Amts- und Unterrichtssprache wurde Russisch eingesetzt und ab 1874 wurde die allgemeine Wehrpflicht für die Deutschen eingeführt. Auch das Recht von Ausländern auf den Erwerb von Land und den Besitz von Immobilien wurde stark eingeschränkt.

Katharinenfeld war inzwischen auf 175 Häuser und 786 Einwohner angewachsen (1870), die Fläche von Katharinenfeld betrug 2794 Deßjatinen (1880). Im Jahre 1912 lebten ca. 2700 Einwohner in 250 Häusern. Durch den enormen wirtschaftlichen Erfolg entstanden u. a. eine deutsche Zeitung, ein Konsumverein, die Winzergenossenschaft „Union“, eine Grundschule, ein Kirchenchor und ein Streichorchester, ein Jägerverein, eine Theatergruppe, fünf Fußballmannschaften, ein Fahrradclub und es gab sogar einen „Lustgarten“. Hier fanden Kino- und Theaterveranstaltungen statt, es gab einen Musikpavillon und eine Tanzfläche sowie Springbrunnenanlagen.

Wie erfolgreich die ausgewanderten Winzer den Weinanbau auf den fruchtbaren Hängen um Tiflis betrieben, belegt die Tatsache, das sie nicht nur viermal so hohe Hektarerträge als in Deutschland erzielten, sondern in den schwachen Jahren 1925 bis 1927, als im Kaukasus nur 18 Hektoliter je Hektar erreicht wurden, einen Ertrag von 60 Hektolitern je Hektar erwirtschafteten. Der Anteil der Weinernte der Kaukasusdeutschen an der gesamten Weinerzeugung Russlands betrug zu diesem Zeitpunkt 8,6 Prozent. Die Winzergenossenschaft „Konkordia“ Helendorf beispielsweise unterhielt eine Weinkellerei, die alle großen Städte Russlands versorgte.

Die antideutschen Stimmungen erreichten im Ersten Weltkrieg ihren ersten Höhepunkt. Mit der Oktoberrevolution von 1917 begannen die ersten Kollektivierungen in Russland. Georgien erklärte dagegen seine Unabhängigkeit am 26. Mai 1918.

Am 16. Februar 1921 besetzte die Rote Armee Georgien, der Name Katharinenfeld wurde in Luxemburg geändert.

Der Zensus von 1926 zählte 25.237 Deutsche in Transkaukasien (ZSFSR).

Es begannen Gerüchte zu kursieren, auch in Georgien würden die Kollektivierungen erfolgen, 1929 wurde dies zur Gewissheit. Damit es nicht zum Aufruhr kommt, wurden Versammlungen und Gruppenbildungen behördlich untersagt. Die Vorstellung, auf dem eigenen Land wie ein Tagelöhner zu arbeiten, sorgte dafür, das einige der Bewohner, die noch die deutsche Staatsbürgerschaft hatten, ihren Besitz verkauften und nach Deutschland übersiedelten.

Im Frühjahr 1931 sollte jeder Landbesitzer Mitglied der Kolchose sein, die Organisation war so desolat, das die Katharinenfelder zunächst weiter wirtschafteten wie bisher, jedoch im Frühjahr 1932 war endgültig Schluss, alle außer Kulaken und Ausländer mussten sich zusammen schließen.

Im Rahmen der so genannten Entkulakisierung zwischen 1929 und 1932 wurden in der ehemaligen Sowjetunion nicht nur Großgrundbesitzer, sondern vor allem unbequeme Personen als „Klassenfeinde“ verhaftet, enteignet, in Arbeitslager deportiert oder erschossen. Zu ihnen gehörten auch die Pfarrer der Kolonien, die im August 1931 alle verhaftet wurden. Die Folgen der Enteignungen und der Verfolgungen führten spätestens 1932/33 zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Kolonien zu einer schweren Hungersnot (Holomodor).

Eine weitere Welle der Verhaftungen folgte 1934 in Katharinenfeld, ein Jahr später begannen erste Zwangsumsiedlungen der einstigen Bewohner, 1938, auf dem Höhepunkt der Grossen Säuberung befanden sich über zwei Millionen „Klassenfeinde“ in Arbeitslagern, den so genannten „Sondersiedlungen“ Kareliens, Kasachstans und Sibiriens. Im selben Jahr wurden die deutschen Kirchen in Kaukasien geschlossen, wer zu Hause predigte, wurde verhaftet. Nach vorhandenen Archivunterlagen wurden ungefähr 800.000 Gefangene unter Stalin exekutiert, 1,7 Millionen sind im Gulag gestorben und außerdem 389.000 Kulaken während der Umsiedlung umgekommen – insgesamt ungefähr drei Millionen Menschen.

Die Dunkelziffer dieser „Säuberungsaktion“ ist ungleich höher, die Angaben schwanken daher in der Literatur erheblich.4 Bis zu Stalins Tod 1953 wurden schätzungsweise 15 Millionen Menschen im Gulag interniert, von denen jeder fünfte umgekommen ist. Unter den Opfern befanden sich mindestens 3 bis 4 Millionen Frauen. Weitere 5 Millionen Personen sind in Verbannungsgebiete deportiert worden.

Am 28. August 1941 wurde die Umsiedlung aller Russlanddeutschen durch Stalin befohlen, alle Kaukasiendeutschen, die nicht mit Georgiern verheiratet waren, wurden zwischen Oktober und November 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Katharinenfeld 6500 Einwohner, fast 6.000 Menschen mussten die Stadt verlassen. An der Verladestation Sandar traten 4193 namentlich bekannte Katharinenfelder die Deportation an.

der über 7000 km lange Deportationsweg, Sochotin ist nicht identifiziert

Aus Berichten in den Briefen von Verbannten konnte man den Weg der Verschickung rekonstruieren: Er führte über Sal’sk (A), Baku (B), Krasnovodsk (Türkmenbaşy, C), das Kaspische Meer (Überfahrt von ca. 26 Tagen unter winterlichen Härtebedingungen; so starben auf einem dieser Schiffe etwa 775 Menschen durch Erfrieren), Aselabad (Aşgabat, D), Taskent (E), Alma-Ata (F), Semipalatinsk (G), Novosibirsk (H), Tatarsk (I), Omsk (J), Petropavlovsk (Petropawl, K) nach Sochotin in Sibirien. Der gesamte Transport dauerte unter den erschwerten Bedingungen eines frühen und harten Winters ca.3 Monate. In einem Zug starben während des Transports in den Viehwagen allein 400 Kinder. Bei der Ankunft in Sibirien wurden die Männer zwischen 17 und 50 Jahren in die Arbeitsarmee eingezogen (die trudovaja armija,kurz: trudarmija genannt, war vor allem in Bergwerken und unter haftähnlichen Bedingungen eingesetzt). Die übrigen Verschickten, Frauen, Kinder und Greise, wurden in der Regel nicht in die Kolchoswirtschaften aufgenommen, sondern in sog. Sondersiedlungen auf nacktem, gefrorenem Boden angesiedelt (special’nye poselenija, kurz: specposelenija genannt, waren Siedlungen in Drahtverhauen und mit Wachtürmen, in denen die Verschickten unter der unmittelbaren Beobachtung des NKWD lebten). Viele starben nach Verkauf oder Tausch ihrer letzten Kleidungsstücke an Hunger und Kälte.11

Für die Deutschen im Gulag wurde Anfang des Jahres 1942 eine eigene Kategorie gefunden: trudmobilisowanny nemez (arbeitsmobilisierter Deutscher); dies wurde zur offiziellen Bezeichnung für die Deutschen in der Arbeitsarmee, man begann nun auch in großem Umfang Frauen im Alter von 16 bis 50 Jahren einzuziehen. Bis 1948 wurden schätzungsweise 600 000 Männer und 250 000 Frauen in die Trudarmee gezwungen. 35 Prozent davon starben bereits in den ersten vier Jahren.


Stellvertretend für die Katharinenfelder, die diesem Terror zu Opfer fielen:

Der Lehrer und Musiker Rudolf Prinz, geboren 1886, gestorben 1943 im Gulag Dolinka, Qaraghandy, Kazakhstan.


und seine Söhne:

Gerhard Prinz, geboren 1921, seit 1941 vermißt


Artur Prinz, geboren 1923, vermißt seit 1944 im Arbeitslager Vorkuta, Komi, Russia


Bereits 1944 erhielt die Stadt den neuen Namen Bolnissi, der Turm der evangelischen Kirche wurde nach dem 2. Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen abgerissen, die Kirche selbst wurde in eine Sporthalle verwandelt.

Bis 1956 standen alle Deutschen in der Sowjetunion unter Bewachung von Kommandanturen. Wer ohne Erlaubnis seinen Zuweisungsort verließ, musste bis zu 20 Jahre ins Straflager.

Erst 1964 wurde der Erlass vom 28. August 1941 für teilweise nichtig erklärt. Die Zahl der Toten und Vermissten ist hoch, viele Schicksale blieben bis in die Gegenwart ungeklärt.

Heute sind 85 Prozent der Einwohner Georgier. An das Schicksal der einstigen deutschen Einwohner erinnert im Zentrum der Stadt eine zweisprachige Gedenktafel. Derzeit bestehen Pläne zum Bau einer neuen Sporthalle und zum Wiederaufbau des Kirchturms.*)

Am 07. Mai 2013 wurde der Verein zur Bewahrung deutschen Kulturguts im Südkaukasus სამხრეთ კავკასიაში გერმანული კულტურული მემკვიდრეობის დაცვის კავშირი ( Deutscher Kulturverein), gegründet. Er unterstützt unter anderem die georgischen Anstrengungen zur Restaurierung des Stadtkerns von Bolnissi und begleit die Vorbereitungen zum 200-jährige Jubiläum der deutschen Siedlung im Südkaukasus vorbereiten wird. Die Gründung des Deutschen Kulturvereins ging auf eine Initiative der Deutschen Botschaft Tiflis zurück.

 



1) Schröder, Bernd (Hg) : Georgien – Gesellschaft und Religion an der Schwelle Europas, Eine gemeinsame Vortragsreihe der Fachrichtung Evangelische Theologie der Universität des Saarlandes und der Landeshauptstadt Saarbrücke, Röhrig Universitätsverlag (2005)
2) Leibbrandt, Georg (Hg.): Die deutschen Kolonien in Cherson und Bessarabien. Berichte der Gemeindeämter über Entstehung und Entwicklung der lutherischen Kolonien in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Stuttgart (1926)
3) Mathias Beer, Dittmar Dahlman: Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Ursachen, Formen, Verlauf, Ergebnis p 252ff
4) wikipedia
5) „Der Schreckenstag von Katharinenfeld“. Grausame Erlebnisse einer deutschen Kolonie im Tartarengebiet. Verlag Missionsbuchhauses Basel (1866)
6) Originalliste Saltet, Journal Nr. 5, Archiv der Basler Mission (FC-10.3,8)
7) Emil Biedlingmeier: Das Ahnenbuch von Katharinenfeld in Georgien, Kaukasus: Chronik der Familien. Eigenverlag (2005)
8) Kurtz: Der Muselmann aus Schwaben. Merkwürdige Geschichte des durch die Gnade Sr. Maj. Des Königs aus der türkischen Sclaverei befreiten Jakob Noa Epp. Reutlingen (1831)
9) Immanuel Walker: Fatma. Eine wahre Lebensgeschichte. Stuttgart (1953)
10) Ernst Allmendinger: Katharinenfeld, ein deutsches Dorf im Kaukasus, Selbstverlag, Neustadt (1989)
11) Fleischhauer, Ingeborg: „Unternehmen Barbarossa“ und die Zwangsumsiedlung der Deutschen in der UdSSR. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2 (1982)