Kreis Osterode (Ostróda)

Der Kreis Osterode lag im Südosten Ostpreußens und bestand von 1818 bis 1945. Er gehörte zunächst zum Regierungsbezirk Königsberg, später zum Regierungsbezirk Allenstein. Sitz der Kreisverwaltung war Osterode (Ostróda).


Mein Ur-Ur-Ur-Großvater Christian Freytag war Einwohner von Kernsdorf (Wysoka Wies),  einem Dorf am Fuße einer kleinen Hügelkette, den Kernsdorfer Höhen. Der Ort gehörte einst gemeinsam mit Döhlau zur Finckensteinschen Güteradministration.

Ernst Graf Finck von Finckenstein (1633–1717), genannt „der reiche Schäfer“, war kurfürstlich preußischer Kammerherr, Legationsrat und Generaladjutant; Erbherr von Stadt und Schloss Gilgenburg, Erbamtshauptmann zu Deutsch-Eylau und Schönberg. Den Beinamen „reicher Schäfer“ verdankte er seinen riesigen Schafherden, die so groß waren, dass regelmäßig lange Konvois von Fuhrwerken die Schafwolle zur Vermarktung nach Danzig lieferten.

Als die Finckensteinsche Güteradministration zwischen 1830 und 1832 zwangsversteigert werden musste, erwarb Johann Heinrich Kern, Löbauer Land- und Stadtgerichtsdirektor, die Waldungen zwischen Haasenberg, Döhringen, Frögenau und Klein Nappern. Er stellte in einem Teilbereich Land, vor allem als Rentengut, für die Besiedlung durch Zuwanderer zur Verfügung, die überwiegend aus dem Oberland kamen und gründete um 1834 auch das Dorf Kernsdorf, ein 3 km langes Straßendorf ohne Kirche, dem man seinen Namen verlieh. Am Eingang zum Friedhof steht heute ein Findling „Zum Gedenken an die Bewohner von Kernsdorf / Wiesoka Wies, die auf diesem Friedhof ruhen“

Kirche Döhlau

Jeder der Neusiedler war verpflichtet, auf seinem Grundstück Obstbäume zu pflanzen und Bienen zu halten. Der Boden war für die Landwirtschaft jedoch schwer zu bearbeiten, da er im wahrsten Sinne des Wortes „steinreich“ war.  In späteren Jahren wurden durch Erbteilung die Ländereien immer kleiner und ernährten die Familien nicht mehr, so mussten sich die Bewohner Nebeneinnahmen erschließen und ein Handwerk ausüben oder sich als Land- oder Waldarbeiter bei den benachbarten Großgütern verdingen.

Wie lange Christian Freytag und seine Frau Julianna Kaiser hier lebten, ist nicht bekannt, sein Sohn Christian wurde jedoch 1843 in Kernsdorf geboren und in der Kirche von Döhlau (Dylewo) getauft.

Diehl wurde erstmals 1349 erwähnt, als den Brüdern Eberhard und Nickel von der Diehl die Handfeste ausgestellt wurde. Im Laufe der Zeit wandelte sich der Name zur späteren Schreibweise Döhlau und die Besitzer wechselten, Döhlau wurde in Kriegen verwüstet, lag wüst und wurde immer wieder aufgebaut. Der „reiche Schäfer“ übernahm Döhlau in seine Besitzungen und J. H. Kern kaufte das Dorf 1831 aus der Konkursmasse für 11.050 Rthlr. auf.

In Döhlau kam 1843 meine Ur-Ur-Großmutter Auguste Emilie Neufang zur Welt, getauft wurde sie in Wartenburg (Barczewo), Landkreis Allenstein. Ihr Vater, ein Schuhmacher, kam aus Paresken, Preußisch Eylau.


Ein Teil meiner väterlichen Vorfahren lebte in Thierberg (Zwierzewo), einem masurischen Dorf am Schilling-See (Szelag) , das schon 1435 erstmals erwähnt wurde, einst als königlich kölmisches freies Bauerdorf gegründet. 1729 wurden bereits Schulbibeln angeschafft und der Dorfschulmeister bestellt. Die 1727 bestehende Kirche, zu Osterode gehörig, bestand jedoch nur wenige Jahre.

Wohnhaus von August Kaminski, Abbau Thierberg

Luise Weick heiratete einen Zalewski aus Thierberg und ihr Sohn  Christow in die Kaminski, auch Steinke genannt. Sein Sohn, ebenfalls Christow genannt, heiratete Charlotte Rettkowski. Sie wurde im Dorf Biesselen geboren, einst als Bysseylen gegründet und mindestens seit 1414 bestehend, etwa 15 km von Osterode gelegen mit einer kleinen Bahnstation.

Bahnhof Biessellen

Meine Uroma Louise wurde 1888 in Thierberg geboren und aus unerfindlichen Gründen Salewski geschrieben. Die Taufen fanden in Osterode statt.

Bereits um 1270 existierte auf einer Insel im Mündungsdelta des Drewenz-Flusses eine pruzzische Siedlung, die durch den Deutschen Orden weiter befestigt wurde zu einer Holz-Erde-Burg, zwischen 1349 und 1370 ausgebaut zu einer steinernen Anlage. Die Stadt wurde 1329 gegründet unter dem Christburger Komtur Luther, Sohn von Herzog Albrecht von Braunschweig, der auf einer welfischen Burg nahe Osterode im Süd-Harz seine Kindheit verbracht hatte. Die ersten Siedler, Bergleute aus dem kleinen Harzstädtchen Osterode, gaben der neu gegründeten Stadt ihren Namen, jedoch ging die Handfeste verloren, so gilt die  älteste erhaltene Osteroder Handfeste aus dem Jahre 1335 als Gründungsurkunde.

Blick auf Osterode, Teilausschnitt eines Fotos aus dem Urlaub meiner Urgroßeltern

Osterode erlebte eine sehr wechselvolle Geschichte, kaum entstanden, wurde die Stadt und Burg bei einem Überfall durch Litauer 1381 zerstört, 1400 durch einen Großbrand, 1410 geplündert, 1454 und 1628 bis 1629 besetzt, 1633 bis 1643 und 1643 bis 1672 verpfändet. Es folgten Truppendurchzüge, Epidemien von Pest und Cholera, ein weiterer Großbrand 1788. Die Osteroder gaben ihre Stadt nie auf. Auch nicht unter Napoléon und einer weiteren Choleraepidemie. Osterode wurde an das moderne Chausseenetz, die Eisenbahn und den Oberlandkanal angeschlossen. Man gründete 1863 eine Maschinenbaufabrik und 1895 eine Eisenbahnwerkstatt. Es gab ein Lyceum, Gymnasium und eine kaufmännische Fachschule, ab 1912 einen Flugplatz. Während der Tannenbergschlacht des Ersten Weltkrieges hatte Hindenburg 1914 sein Hauptquartier in einer Osteroder Schule. Nach dem Ende des Krieges stimmten in Osterode fast 100 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib in Deutschland. 1921 errichtete das Ostpreußenwerk ein Elektrizitätswerk in Osterode.

meine Urgroßeltern August und Louise mit Sohn Heinz

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Osterode am 21. Januar 1945 von der Roten Armee kampflos eingenommen, durch Brandstiftung der sowjetischen Soldaten jedoch zu 70 Prozent zerstört.

Auch mein anderer Ur-Ur-Großvater, Friedrich Milinski lebte im Kreis Osterode. Viel ist über ihn nicht bekannt, berittener Gendarm soll er gewesen sein und nach dem Tod der Ehefrau Henriette Böhm eine Französin mit dem Namen Pinnot aus dem Krieg mitgebracht haben. Henriette stammte ebenfalls aus Thierberg. Ihr einziges Kind ist rechts im Bild, mein Urgroßvater August. Er kam in Hirschberg zur Welt, das lag allerdings im Landkreis Allenstein.

 

 


Die Gründung eines Hufenzinsdorfes wurde von einem Lokator organisiert, dessen Rechte und Pflichten der Deutsche Orden, vertreten durch den örtlich zuständigen Komtur, als Vertragspartner in einer Handfeste (Urkunde zur Sicherung der Rechte) niederlegte. Die Dörfer wurde nach Kulmer Recht gegründet. Die Bauern wurden daher als kölmische Bauern oder Kölmer (Köllmer) bezeichnet. Das Landrecht von 1685 bewertet den kölmischen Besitz als volles Eigentum, sie waren daher freie Grundbesitzer in Preußen, einem angesehenen Stand, weit über den Bauern stehend. Die meisten Kölmer waren entweder im 13. und 14. Jahrhundert aus dem Westen zugewandert oder stammten von Zuwanderern ab.Bei Ansiedlung erhielten sie vom Lokator ein Stück Land in der Größe von zwei Hufen (rund 33 Hektar). „Diese ‚kölmischen‘ Bauern lebten unter Bedingungen, die denen eines modernen Landwirts ähnlich waren.“ 1
Kölmer hatten der Herrschaft pro Jahr eine gewisse Geldsumme zu zahlen, Naturalien zu liefern und bestimmte Dienstleistungen zu erbringen, unter anderem Reiterdienst bei der Verteidigung des Landes, die in der Regel in vier bis sechs Tagen abgeleistet werden konnten. Das sogenannte Kölmische Recht beinhaltete das Recht der Vererbung des Gutes an Söhne und Töchter, dessen Verkauf, die Befreiung von allem Scharwerk, Privilegien der Fischerei, mittleren und minderen Jagd, Brauerei und mehr. Innerhalb der Gruppe der Freien Grundbesitzer gab es neben den Kölmischen auch noch Magdeburgische, Preußische und Adlige Freien oder Freisassen (frei von Pflichten für die örtliche Grundherrschaft). Am geringsten angesehen waren die Bauern, die noch nach prußischem Recht lebten.
Weitere Regalien waren die Erbschultheißenwürde und die Kruggerechtigkeit oder das Recht, eine Mühle anzulegen. Jedes Hufenzinsdorf bildete für sich einen eigenen Gerichtsbezirk. Der Schultheiß (der Lokator oder sein Nachfahre) war dgleichzeitig Richter und durfte in der Regel zwei Drittel der eingenommenen Strafgelder behalten, während der Deutsch Orden Anspruch auf ein Drittel erhob. Außerdem bekam der Orden regelmäßige Abgaben („Zins“), die anhand der Hufenzahl des Dorfes berechnet wurden.

1Hartmut Boockmann, Ostpreußen und Westpreußen. Berlin: Siedler 1992 (Deutsche Geschichte im Osten Europas). p128
Walter zur Ungnad: Deutsche Freibauern, Kölmer und Kolonisten. 2. Auflage. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1932.
Horst Kenkel: Amtsbauern und Kölmer im nördlichen Ostpreußen um 1736 nach der „Repeuplierung“ des Distrikts Litauen, nach der Generaltabelle und den Prästationstabellen. Verein für Familienforschung in Ost- u. Westpreußen e.V., Hamburg 1972, (Sonderschriften des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V.)