Dobrudscha

Eine fast vergessene Minderheit mit 100 Jahren deutscher Siedlungsgeschichte


Karte Paul Langhans 18972

Um dem inzwischen immer knapper werdenden Böden zu entfliehen, der den Nachkommen der ersten Kolonisten nicht mehr ausreichte, um sie zu ernähren, kamen zwischen 1840 und 1856 die ersten Siedler aus Bessarabien und den südrussischen Gouvernements Cherson, Ekaterinoslav und Taurien in die damals osmanische Dobrudscha, einer fruchtbaren Landschaft zwischen dem Unterlauf der Donau und dem Schwarzen Meer, in der Antike von Römern besiedelt, 1396 osmanisch besetzt, bevölkert von den verschiedensten Ethnien wie Tataren, Türken, Rumänen, Bulgaren und Roma.

 „Eine durch Landmangel verursachte Notlage, die durch wirtschaftliche Rückschläge mannigfacher Art wie Fehlernten, Viehsterben und Heuschreckenplage sich bedeutend verschärft hatte, zwang vom Jahre 1841 an zahlreiche deutsche Bauern, meist jüngeren Alters, ihre in Bessarabien und im Gouvernement Cherson gelegenen Wohnsitze zu verlassen und sich auf Wanderschaft zu begeben, um Land zu suchen, ohne allerdings zunächst zu wissen, wo solches zu finden sei.“ 1

Meist reisten einzelne Familien, die der „Mund – zu – Mundpropaganda“ folgten, sich hier und da umsahen und einen ansiedlungswürdigen Ort auf ihrer Wanderschaft suchten. Auf ihrer Suche, die auf die bulgarischen Seite der Donau, in die Moldau und die Große Walachai (Muntenia) ebenso führte, wie in die Steppen Ungarns, durchquerten sie immer wieder die Dobrudscha.

Im Herbst 1841 erreichten einige Siedler aus Beresina und Leipzig (Bessarabien), die Region, überwinterten in Mecin und ließen sich 1842 für etwa 6 Jahre in dem türkischen Dorf Akpunar nieder.

Im Reglement der türkischen Regierung betreff der Kolonisten in der Türkei war in Artikel 3 folgendes verordnet:

“Wie allen übrigen Untertanen des Reiches ist den Kolonisten die freie Ausübung ihrer Religion ohne irgendeine Beeinträchtigung gestattet. Sie sollen ohne Unterschied in denselben Genuss religiöser Privilegien treten, den alle übrigen Untertanenklassen des Reiches geniessen. Wenn sich in den Ortschaften, die ihnen von der Regierung zur Ansiedlung angwiesen werden, genug Kirchen ihres Ritus befinden, so werden sie in diesen ihre Andacht halten. Diejenigen, welche sich neue Ortschaften gründen, werden nach einem Bittgesuch an die Regierung von derselben die Erlaubnis erhalten, die nötigen Kirchen zu bauen”. 3

Die deutschen Einwanderer mussten sich schriftlich verpflichten, dieses Reglement anzuerkennen und sich allen darin enthaltenen Bedingungen zu unterwerfen.

Rund 6.0004 Bessarabiendeutsche kamen 1842, bald entstanden weitere kleine Dörfer wie 1843 das katholische Malkotsch (Malcoci) bei Tultscha (Tulcea), gegründet von Siedlern aus den Cherson oder 1848 das evangelische Atmadscha (Atmagea). Die größte Siedlung war Karamurat, heute Mihail Kogălniceanu bei Konstanza.

Die Kolonie Jakobsohnstal bei Braila in der Muntenia wurde ab 1850 eine wichtige Station auf diesem Weg, die Gründung wurde durch einen Balten, in rumänischen Staatsdienst stehend, möglich.

Nach dem Ausbruch des Krim-Krieges im Jahre 1854, zogen vermehrt Siedler in die Dobrudscha, um sich vor dem drohenden Militärdienst in Sicherheit zu bringen. Zu dieser Zeit erreichten auch viele Ansiedler aus Jakobsohnstal Cataloi und Ciucurova (1850), welche durch schwere Überschwemmungen vertrieben worden waren.

Mit der Rücknahme der Privilegien und der Auflösung des Fürsorgekomitees für die Kolonisten Südrusslands im Jahre1871 wurden die Kolonisten auf die gleiche Stufe wie alle anderen Untertanen des russischen Reiches gestellt, dem nun abzuleistenden Militärdienst versuchten viele zu entfliehen durch Umsiedlung in die Dobrudscha. Im Süden entstanden so Cogealac, Tari Verde, und Fachria.

Im Frühjahr 1876 kamen etwa dreißig Familien aus der bessarabischen Kolonie Krasna, sie wurden in dem tatarischen Dorf Karamurat (Ferdinand I) angesiedelt. Familien aus dem Cherson gründeten Anfang der 1880er Jahre Cololia.

Nach dem Krieg von 1878-1879 kamen Familien aus den nördlichen Kolonien der Dobrudscha, um in Anadolchioi bei Constanta zu siedeln. Die Dobrudscha war nun Teil Rumäniens, durch diese Gebietsänderung gab es ein neues Hindernis, Land konnte nur erwerben, wer rumänischer Staatsbürger war. Im Jahr 1880 wurde ein ehemaliges Tatarendorf neu besiedelt und nannte sich Horoslar (Cocos). Die Siedler kamen aus Bessarabien und Jakobsohnstal. Zu diesen Siedlern gehörte auch David Gäckle mit seiner Familie, dessen Vorfahren um 1803 ihren Heimatort – und Herkunftsort meiner Geckle Vorfahren – Bernbach verließen, um über Westpreußen nach Russland auszuwandern.

Ein weiteres Tatarendorf bekam eine deutsche Kolonie, Cogealia, die Bewohner waren schwäbischen Familien aus dem Cherson. Diese Einwanderungswelle hielt etwa bis 1883 an.

Mit dem Zwang zur Unterrichtung in russischer Sprache ab 1890/1891 und weiteren Einschnitten in die Unabhängigkeit der Kolonisten begann eine dritte Auswanderungswelle. Tausende von deutschen Kolonisten wanderten nach Amerika aus, andere folgten den Werbungen der rumänischen Regierung. So entstand Cobadin, Sarighiol (Albesti) wurde im Jahre 1890 gegründet, unter seinen Bewohnern ehemalige Siedler deutschen Kolonien im Kaukasus. Neue Weingärten (Viile-Noi) entstand im Jahre 1892 durch Siedler aus Russland und bereits bestehenden deutschen Kolonien in der Dobrudscha.

Rumänisches Wappen: im Uhrzeigersinn v.l.o. Große Walachei, Moldau, Dobrudscha, Kleine Walachei

Die Entstehung von Tochterkolonien Karatai, Alakap, Sofular, Agemler, Mangeapunar, Telchirghiol (1907), Gross-Pallas, Bratianu, Ciobancuis, Ali-Anife, Bezargic und Karali ist auf die Jahre 1893 – 1939 zu datieren, ihr größtes Problem lag in der Beschaffung von Eigentumsland. Im Jahr 1892 zogen zwanzig Familien aus den alten Nachbarkolonien Amagea und Ciucurova auf der Suche nach Land nach Süden und blieben im türkischen Dorf Mamuslia (Caescioarele), welches während des Krieges zerstört worden war. Die meisten Bewohner waren bereits in der Dobrudscha geboren und hatten das Glück, 25 ha Land pro Familie mit einer Pachtzeit von 30 Jahren zu erhalten.

In den ersten Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war vor allem aus Bessarabien ein weiterer Zuzug in die vorhandenen deutschen Kolonien zu verzeichnen.

Zur Umsiedlung 1940 lebten etwa 14.000 – 15.000 Dobrudschadeutschen an der Küsten des Schwarzen Meeres. Unter ihnen etwa 2.100 Deutsche, deren Vorfahren aus Bulgarien (vor allem aus Bardarski geran Region Vratsa, Tsarev brod Region Schumen und Dobrovo Region Dobritsch) zwischen 1878 und 1900 einwanderten.

Eine Volksgruppe, welche ein sehr religiöses, dafür kein entwickeltes politisches Leben führte. Erst 1931 schloß sie sich den politischen Strukturen der deutschen Minderheit in Großrumänien an.

Die Dobrudschadeutschen galten als ein wohlhabendes Bauernvolk,  4/5 der Erwerbstätigen waren in der Landwirtschaft beschäftigt. Die bis 300 ha großen Höfe waren gut ausgestattet und in hohem Maße mechanisiert.5

„Trotz der günstigen Bodenverhältnisse führte der große Geburtenüberschuss unter den Dobrudschadeutschen dazu, dass die in der Region übliche Realteilung zu einer zunehmenden Verarmung unter den Siedlern führte. Die immer kleiner werdenden Grundstücke konnten ihre Besitzer nicht mehr ernähren. Sie stellten zunehmend ein soziales Problem dar. Mehr als 40 % der Dobrudschadeutschen waren im Umsiedlungsjahr 1940 landlose Bauern….Besonders problematisch erwies sich, dass die Deutschen in der Region kein Land kaufen durften, selbst wenn die finanziellen Mittel vorhanden waren…So besaß etwa ein Viertel der dobrudschadeutschen Landwirte nur zwei bis fünf Hektar Boden. Großgrundbesitzer mit mehr als 50 Hektar Boden waren unter den Dobrudschadeutschen nur selten.“ 6

Da vor allem die landlosen Bevölkerung den Wunsch nach Umsiedlung hatte, war es für Gauobmann Johannes Klukas mit seiner Politik des „Heim ins Reich“ leicht, die Bevölkerung zu überzeugen, trotzdem zogen nicht alle mit, vor allem jene, die nicht mit Deutschen verheiratet waren, aber auch Alte und Kranke blieben nach 1945 in Rumänien und Bulgarien.

 

 


  1. Hans Petri, Geschichte der deutschen Siedlungen in der Dobrudscha. Hundert Jahre deutschen Lebens am Schwarzen Meere, Verlag des Südostdetschen Kulturwerks München 1956
  2. Paul Langhans – Deutsche Kolonien im Osten II. Auf slawischem Boden. Aus Langhans Deutscher Kolonialatlas, Karte Nr. 7. Gotha, Justus Perthes, abgeschlossen Juli 1897, veröffentlicht vom Antiquariat Elke Rehder
  3. Traeger, Paul: Die Deutschen in der Dobrudscha: zugleich ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Wanderungen in Osteuropa; Stuttgart: Ausland u. Heimat Verl.-A.G., 1922
  4. Otto Freiherr von Dungern: Rumänien, Perthes‘ Kleine Völker- und Länderkunde Bd. II, Gotha 1916, S. 15 ff.
  5. Otto Klett: Die Dobrudschadeutschen, in: Jahrbuch der Dobrudschadeutschen Band 20 (1975), S. 20-34.
  6. Mitteilungsblattes der Bessarabiendeutschen Vereins 7/2013  Dr. Josef Sallanz: „100 Jahre zwischen Donau und Schwarzem Meer. Kurzer Überblick zur Geschichte der Dobrudschadeutschen.“

weiterführend die private Geschichte der Familie Kosolowski – von Pommerellen über Bessarabien bis in die Dobrudscha