Riebensdorf am Don

Im Jahre 1765 gelangten einige der Kolonisten von Oranienbaum aus auf dem Weg nach Saratow an der Wolga in die Gegend von Woronesch. Sie waren auf dem Landweg über Moskau und Tula nach Woronesh unterwegs und ihr Agent fragte immer wieder, ob es freies Land zur Besiedlung gäbe. Die russische Bevölkerung verneinte, um die Ansiedlung von Kolonisten zu verhindern. Etwa 80 km südlich der Stadt Woronesh boten zwei Gutsbesitzer, Lissanewitsch und Tewjaschow,  Nachkomme eines tatarischen Fürsten, der das Land als Lehn erhalten hatte, den Kolonisten an, sich niederzulassen und die Kolonien zu gründen.

So gründeten sie die Kolonie Riebensdorf (Rybensdorf) , welche vom Fluß Sosna durchströmt wird, der 8 Werst weiter in den Don mündet. Den Winter 1765/1766 wohnten die Neuankömmlinge noch in der Kreisstadt Ostrogoshsk, bis ihnen im Jahre 1766 auf Kronkosten Häuser in der neuen Kolonie (sieben Werst von Ostrogoshsk entfernt) gebaut wurden. Am linken Ufer der Sosna gab einige hundert Desjatinen Ackerland, Wiesen und Wald, das übrige Land lag auf dem rechten Ufer, insgesamt  4.000 Desjatinen, also 60 Desjatinen pro Familie.

Jede Familie bekam das Land in festen Besitz und durfte es nicht verkaufen. Bei Auswanderungen aus der Kolonie ließen die Wegziehenden ihr Land zurück, hatten aber das Recht, es zu jeder Zeit zurück zu fordern. Diese zehnjährige Gültigkeit, im russischen Staatsgesetz verankert,  war die einzige Garantie vor der Willkür, da bei einem Brand 1850 die Urkunden verloren gingen.

Ansicht von Süden

Sämtliche Kolonisten stammten aus der Grafschaft Ravensburg, aus dem Ort Sulzfeld, Amt Eppingen, ein Teil von ihnen, 54 Familien, blieben in Riebensdorf, 20 Familien, siedelten in der Kolonie Kaiatsch bei Lissanewitsch. Diese Kolonie ging ein, da die Kolonisten bald nach der Ansiedlung fort zogen, ein Teil kehrte in die Heimat zurück, andere gingen in die Städte Woronesh und Ostrogoshsk.

evangelisch-lutherische Kirche Riebensdorf, erbaut 1881, ersetzte die alte Holzkirche von 1770 und die steinerne von 1801

Die meisten Kolonisten in Riebensdorf waren Schwaben und Franken, 11 Familien waren aus Sachsen, Preußen und dem Schwarzwald, sie verließen bald die Kolonie. Im Jahre 1768, kamen drei Lettenfamilien aus Kurland, blieben jedoch nicht lange. Da sie alle lutherisch (Augsburger Konfession) waren, nur eine Familie aus dem Schwarzwalde war katholisch, jedoch ein katholischer Pfarrer fehlte, wurde diese Familie ebenfalls lutherisch.

Von den ursprünglich 209 Ansiedlern waren später noch bekannt: Deutsch, Dreher, Adam, Belsner, Dederer, Frieck, Graf, Hepting, Kibe, Kimert, Karsten, Lemmer, Lechner, Mieck, Nufer, Reschke, Semke, Schneider, Steiger, Schiebe und Scharf.

Im Jahre 1770 wurde eine Holzkirche errichtet, schon bald nach der Erbauung der Kirche bekam die Kolonie eine Kirchenschule. Der Pastor und ein deutscher Lehrer leiteten den Unterricht.

Noch vor dem Tod der Kaiserin Katharina der Großen im Jahre 1796 gelang es dem Riebensdorfer Pastor, die Kaiserin zu bewegen, die Schuld von 24.000 Rubel, die die Kolonisten der Krone zu zahlen hatten, zu erlassen.

Im Jahre 1798 erhielten die Kolonisten durch Vermittlung des Gouverneurs noch Land hinzu. Auf diesem wurde das Vorwerk Pawlowsk (zu Ehren des Kaisers Paul) erbaut.

bereits 1781 bestand die Hauptstrasse, die Riebensdorf teilte

Bereits um 1815 wurden der Kolonie weitere 1.000 Desjatien Land zugewiesen. Im Jahre 1838 wurde der Gehalt des Pastors auf 400 Rubel erhöht, und er wurde zum Gouvernementsprediger ernannt. Somit hatte er alle Lutheraner des Gouvernements zu besorgen. Die Kolonisten gehörten zum Kirchspiel  Rostov mit Rostov am Don, Taganrog, Novocerkassk, Rynovka, Ejsk, Rosenfeld und Riebensdorf.

Die Ansiedler von Riebensdorf erzählten noch in späteren Zeiten, das sich ihre Vorfahren schämten, mit ihren verdächtigen Reisegefährten an die Wolga zu ziehen, da unter ihnen nicht nur sittsame Bauern und Handwerker waren, sondern auch Gesuchte, die sich mit der Auswanderung dem Zugriff der Behörden entzogen, so blieben sie sehr gern am Don zurück und blieben lange Zeit allein, gründeten erst 1853 durch 30 Familien (etwa 200 Personen) die Kolonie Michaelstal (Voroncovka), 15 Kilometer westlich der Stadt Ejsk im äußersten Norden des Kubangebiets. Jede Familie erhielt 30 Desjatien Land.

Eine weitere Auswanderung fand 1866/1867 statt. Es wurden dabei drei Kolonien am Asowschen Meere gegründet: Olgenfeld, Ruhetal und Mariental. Diesmal mußten die Kolonisten sich das Land selbst kaufen und wurden nicht mehr von der Regierung
unterstützt.

Da es zu Unzufriedenheiten wegen der Landverteilung in Riebensdorf kam, fragten 1874 die Behörde an, ob die Kolonisten ihr Land unter denselben Bedingungen behalten wollten, oder ob es neu verteilt werden und jeder Kolonist eine gleiche große Parzelle bekommen solle, natürlich wurde diese Überlegung von den reichen Landbesitzern abgelehnt. So kam es zu einer Auswanderungswelle von 60 Familie, sie gründeten 1878 weitere Tochterkolonien 70 bis 80 Werst von Taganrog, Gebiet Rostow/Don, Peter-Paul, Neuhoffnung (mit späterer Tochterkolonie Neudorf) und Dreilingschutor, das Land erwarben sie ohne Unterstützung seitens der Regierung.

Alle sechs neuen Kolonien im Süden werden von den Riebensdörfern als „Neuland“ bezeichnet, ihre alte Kolonie Riebensdorf von den Auswanderern „Rußland“.

Weitere kleine Auswanderungen waren die Gründung von Eigenheim bei Asow (1879), Balabanowka (1888), Peterfeld in Sibirien (1908), Friedental, Kappental und Lenintal im Kreis Stalino, Reheleschutor bei Kuteinikowo, Otradowka Gebiet Krassnodar, Kannjschatzkaja Gebiet Rostow sowie Grafendorf bei Mariental.  2

 


  1. Bruno Adler: Die deutsche Kolonie Riebensdorf im Gouvernement Woronesh in: Globus; Illustrierte Zeitung für Länder- und Völkerkunde; Hrsg. H Singer, Verlag F. Viehweg & Sohn Braunschweig; Bd. LXXXVII Nr. 2, 12. Januar 1905
    Bruno Adler: Die deutsche Kolonie Riebensdorf im Gouvernement Woronesh in: Globus; Illustrierte Zeitung für Länder- und Völkerkunde; Hrsg. H Singer, Verlag F. Viehweg & Sohn Braunschweig; Bd. LXXXVII Nr. 3, 19. Januar 1905
  2. Fleischhauer 1986, S. 107, 111, 472; HB 1958; S.36 ff; Kirche, ev. Teil, S. 187; Mertens, S. 465; Stumpp, Riebendorf, S. 35 ff