Dänemark

oder: wie Dänemark zur Kartoffel kam


Die Folge des des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) hatten zu einer großen wirtschaftlichen Not in Deutschland geführt. Die ständigen Truppendurchmärsche verlangten der Bevölkerung das Letzte ab, Felder waren verwüstet und es herrschte Hunger. In der Aussicht auf eine Besserung der eigenen Lage durch Auswanderung, folgten die Menschen nur zu gern den Versprechen der Werber, die der dänische König Friedrich V. im Jahre 1759 vor allem in die  Region Baden-Durlach, Hessen-Darmstadt, Württemberg und Kurpfalz entsenden ließ.

Sein Plan war es, die unkultivierte Heiden- und Sumpflandschaften Jütlands und des Herzogtums Schleswig  urbar machen zu lassen und so kamen etwa 1.200 deutsche Familien mit etwa 4.800 Kolonisten ins Land. Aus ihrer Heimat nahmen sie die für die Dänen bis dahin unbekannte Kartoffel mit, was ihnen den Beinamen Kartoffeltyskere (Kartoffeldeutsche) einbrachte.

Der in Frankfurt weilende Gesandte Johann Friedrich Moritz bekam den Auftrag, geeignete Kolonisten anzuwerben, für ihn ein gutes Geschäft, kassierte er doch vier dänische Reichstaler1 für jeden, der in den Norden auswandern wollte. So war ihm jeder willkommen, egal ob alt, schwach oder für die Landwirtschaft ungeeignet oder unerfahren.

Denkmal auf dem Frederiks Kirchhof SW von Viborg, Denmark

Auszug der allerhöchsten Verordnungen von Ihro Königlichen Majestät in Dänemark, wegen der allergnädigst aecordirten Freyheiten fürdiejenige, welche die öde Gegenden in Jütland anbauen, und sich daselbst häuslich niederlassen wollen

Demnach Ihro Königl. Majestät in Dänemark und Norwegen etc. etc. in einer deßfalls erlassenen allerhöchsten Königl. Verordnung, denjenigen Personen, welche sich auf den ödliegenden Districten in der an das Herzogthum Schleswig angränzenden Provinz Jütland anzubauen und häuslich niederzulassen entschliessen wollen, dermassen wichtige Freyheiten allergnädigst zu aecordiren geruhet, daß bereits verschiedene Familien sich dieser allerhöchsten Königl. Milde durch Aufschlagung ihrer Wohnungen allda glücklich zu Nutz machen gewußt; sothane allergnädigst zugestandene grosse Vortheile aber an denen wenigsten Orten hiesiger Gegenden Deutschlands bekannt seyn dürften: Als werden solche ihrem essentiellen Inhalt nach, zum Besten derjenigen insonderheit hierdurch mitgetheilet, welche sich ebenwol einer dergestalt profitablen Gelegenheit, zu ihrer und der Ihrigen Wohlfahrt, zu bedienen rathsam finden, und zum Theil schon vor mehreren Jahren eine dergleichen allerhöchste Königl. Entschliessung sehnlichst zu wünschen geäussert haben. Die allergnädigst aecordirte Freyheiten bestehen aber hauptsächlich in nachfolgenden Punkten:

1) Solle ein des Landes kündiger Königl. Beamter denen anlangenden Colonisten die vortheilhaftesten Lagen zum Anbau anweisen, und einem jeden über das angewiesene einen Veste-Brief ertheilen.
Demnächst sollen.

2) diese neue Bewohner derer anzubauenden Gegenden, nebst ihren Nachkommen, nun und künftighin von allen Frucht-und Vieh-Zehenden befreyet bleiben.

3) Eben dieselben 20 Jahre hindurch von allen und jeden Königlichen Schätzung und Contributionen, was Namen sie auch haben mögen, ausgenommen seyn; welches sich

4) auf alle Ausschreibungen, wie auch

5) auf Königs- und andere Fuhren, desgleichen
6) auf Einquartierungen bei Durchmärschen, erstrecken solle. Sodann sollen
7) Kinder, Verwandte etc. welche denen mir Tod abgehenden fuccediren, ein gleiches gegen einen erhaltenden Veste-Brief zu geniessen haben; und Falls sie
8) nach Verlauf der 20 Jahren einiger weheren Freyheiten benöthiget wären, können sie anhoffen, nach Befinden damit begnadiget zu werden. Sollte man nun über diese und noch andere mündlich zu entdeckenden Vortheile von denen Colonisten die nähere Erläuterung und Nachricht anbegehtet werden; so haben sich dieselben sowol deswegen, als sonstiger vor der Abreise nöthiger Stücke halben, bei Endes Unterzeichnetem in der freyen Reichsstadt Frankfurt am Main anzumelden, um allda von so ein- als andern hinlänglich belehrt und zu seiner Zeit mit denen nöthigen Pässen versehen zu werden. Zur allergnädigst accordirren Vergütung derer Reise-Kosten, sollte bey Anlangung an Ort und Stelle, ein Mann 30. Dänische Rrhlr., eine Frauens-Person 20. Rthlr., und ein Kind von 12. bis 16. Jahren 10. Rthrl. erhalten: Ein Dänischer Rthlr. aber macher nach dermaligem Current Geld in Frankfurt am Mayn und der Orten, etwas über 2. Gulden aus.

Frankfurt am Mayn, den 28. May 1759.
Johann Friedrich Moritz,Königl Dänischer Legations-Rath.

Als im Oktober 1759 die ersten Kolonisten in Viborg, Dänemark, eintrafen, waren Ärger und Probleme bereits vorprogrammiert. In Notunterkünfte einquartiert, warteten die Siedler auf die versprochene Hofstelle, die einheimische Bevölkerung war aufgebracht, da die Rechte der Deutschen nicht mit ihnen abgeklärt waren. So entschloss man sich, die künftigen Siedler nach Schleswig zu schicken. Bauern und Amtmänner dort waren weniger erfreut, sie hielten die Ödlandflächen für nicht kultivierbar. Da die Verantwortlichen in Kopenhagen an solchen Aussagen zweifelten, wurde der Arzt und Unternehmer Dr. Johann Gottfried Erichsen als Gutachter entsendet. Dieser hatte bereits für die Ansiedlung in Jütland ein völlig unrealistische Gutachten  erstellt, da er der Ansicht war, fast jede brachliegende Heide- oder Moorfläche sei kultivierbar und kleine Hofstellen von 9 bzw. 12 Hektar Fläche würde die Bauern zwingen, intensiv zu wirtschaften, was die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen würde.

So warb man weiter um künftige Kolonisten:

Diejenigen, die es im Sinn haben, sich nach dem Hertzogthum Schleswig zu begeben, erhalten:
1. So viel Land, als jeder anbauen kann.
2. Auf 20 Jahre Freyheit von allen und jeden Ausgaben.
3. Auf Mann und Frau 100 gülden Reisegeld, und auf ein Kind von 1 2 Jahr 20 gülden.
4. An Tage-Geld der Mann 6s‘, eine Frau 4, und ein Kind 2. und daß so lange, bis sie auf ihrem Lande ihre eigene Früchte ziehen können.
5. Wird ihnen fertiges Haus, Scheune und Stallung erbaut.
6. Wird ihnen Zug und anderes Viehe angeschaft.

Frankfurt am Mayn, den 2 Feb.l76l
Moritz Königl. dänischer Legat. Rath

Etwa Ende Mai 1761 wurde das Werbeplakat für Grabenarbeiter herausgebracht, die ersten 57 Kolonisten trafen am 27. März 1761 in Schleswig ein. Dr. Erichsen begann, die Kolonisten in den Ämtern Gottorf und Flensburg anzusiedeln. Da wieder niemand auf die Neuankömmlinge vorbereitet war, nahmen sie Notquartier bei der Bevölkerung und am 3. Juni 1761 wurde auf dem Gottorfer Amtshaus in Schleswig die Erstellung der Moorgräben an 23 Personen aus dem Gesamtbereich Mittel- und Westschleswigs vergeben, diese beschäftigten rund 600 Grabenarbeiter, welche im Sommer 1761 und Frühjahr 1762 damit beschäftigt waren, das Hohner Moor trocken zulegen. Nach vielen Schwierigkeiten wurden in dem nassen Sommer für 8 Moorkolonien rund 2773 Hektar „aus dem Wasser gewonnen“2.

Bereits am 24. Juli 1761 wurden vor dem Schloß Gottorf 388 Kolonisten feierlich auf den dänischen König und Staat vereidigt.

„Wir schweren zu Gott und dem heiligen Evangelio:
Dem Allerdurchlauchtigsten, unserem jetzo mit Herz und Mund angenommenen Allergnädigsten Erbkönig und Herrn, Herrn Friderich dem Fünften, von Gottes Gnaden König zu Dänemark, Norwegen, der Wenden und Gothen, Herzoge zu Schleswig-Holstein, Storman und der Dithmarschen, Grafen zu Oldenburg und Delmenhorst, Und Seinem Allerhöchsten Königl. Erbhause als christliche und redliche Unterthanen treu und hold zu seyn und bleiben, dero Allerhöchstes Interesse auf alle Weise vorzüglich und nach allen Kräften zu suchen, Schaden und nachtheil hingegen zu verhindern, insbesonderheit aber durch unser Betragen in Worten und Werken dahin zu streben, dass Sr. Königl. May. Absolutum, Dominium, Souveraineitet, und Erbrecht auf Allerhöchst deroselben Reiche und Lande unveränderlich beybehalten und auf dero rechtmäßige Erb-Succeßores fortgepflanzet werde.
Darüber wollen wir halten, und desfals Guht, Blut, ja selbst Leib und Leben wagen
Wir wollen weder heimlich noch offenbar, weder directe noch indirecte verstatten, dass jemand, es sey, wer es wolle, dagegen auf einige Weise etwas unterfangen, sondern insoferne ein solches wieder Verhoffen geschehen sollte, und wir das geringste davon erfahren, wollen wir, ohne Ansehender Person solches unverzüglich Sr. Königl. May. Alleruntterthänigst vorbringen, und uns überhaupt in unserem Stande und Berufe so aufführen, wie es getreuen Unterthanen gebühret und wohl anstehet.
So wahr uns Gott helfe, und Sein Seliges Wort!“

Mit der Vereidigung wurden die Kolonisten offiziell dänische Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten. Diese Pflichten beinhalteten auch, dass sie ohne behördliche Genehmigung das Land nicht wieder verlassen durften. Wer sich daran nicht hielt, wurde als Deserteure angesehen, mit entsprechend drastischer Bestrafung.

Nach der Zeremonie losten 250 von ihnen, auch die Moorkolonisten, deren Land erst gewonnen werden sollte, ihre Plätze in den Kolonien Nr. 1 bis 16 des Amtes Gottorf aus2.

Nach seiner Auswanderung aus Zaberfeld führte auch der Weg von Johann Conrad Gehweiler nach Flensburg3, dann auf die Kolonistenstelle Holsteinshof [Holsteiner = Einheimischer] in der Kolonie G 1 „Friderichsau“ im Amt Gottorf. Am 24. Juli 1761 wurden für diese Kolonie insgesamt 24 Stellen unter den deutschen Kolonistenfamilien (18 ev.-luth.; 4 ref.; 2 kath.) verlost.

Während der Wartezeit zur Hofübernahme heiratete Johann Conrad am 29. Juni 1762 in Quern seine vierte Frau.

In den Ämtern Gottorf, Flensburg und Tondern warteten im Oktober 1762 insgesamt 3.725 Personen auf die etwa 900 versprochenen Stellen.  Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, da viele der Meinung waren, der Moorboden würde nichts taugen und verweigerten die Besetzung der Stellen. Die Obrigkeit verhängte daraufhin Gefängnisstrafen und begann Parzellen an Einheimische zu vergeben. Um nicht leer auszugehen, gaben die Kolonisten nach, die Einheimischen, in Sorge um die vermeintliche Konkurrenz durch die Deutschen, zerstörten ihnen die Torfstiche  und frisch angelegten Gärten.

Die Übergabe der Stellen der Kolonie G 1 „Friderichsau“ mit Vieh und Ackergeräten fand am 1. Mai 1763 statt3. Die Höfe für die Kolonisten wurden nur mit dem Nötigsten ausgestattet, um bis zur ersten Ernte überleben zu könnten. Zu jedem Stück Land gehörte ein Haus und ein Garten (Kohlhof), jede Familie erhielt ein Ochsengespann, eine Kuh, zwei Schafe und Futter bis zur ersten Ernte. Außerdem gab es eine Egge, einen Spaten und eine Hacke sowie Saatgut. Zur Grundausstattung aller Heidestellen gehörte ein Pflug, die Moorkolonisten bekamen ihn jedoch erst, nachdem sie das Land mit der Hacke „ackerreif“ gemacht hatten. Daher lebten einige von ihnen in Erdhütten, um auf den ihnen zugelosten Stellen mit der Bearbeitung des Bodens beginnen zu können, obwohl die Häuser noch nicht fertig gestellt waren.

Da die Staatskassen leer waren, wurden den Kolonisten die Mittel gekürzt, dazu  gab die Rentenkammer am 3. Mai 1763 die Einzelheiten der Kürzung bekannt:

Weil unter den Colonisten viele unnütze und unbrauchbare Leute vorhanden, als bloße Advokaten, Notarien, Perüquen-Macher, Müller, Wollkämmerer p. p., ferner betagte Witwen oder dergleichen ledige Weibs-Personen, gebrechliche, weiter und vornehmlich ihrer erwiesenen Faulheit oder Unruhe und Aufsätzigkeit halber berechtigte, kurz alle der Landwirtschaft ganz unkundige oder dazu, allem vernünftigen Ansehen nach, nicht geschickte, samt Ruhestörer, bey welchen und durch welche Ihr. Königl. Maystt. Allerhöchste Absicht bey dem Colonienwesen nur vereitelt wird.4

Von 288 Familien im Amt Gottorf wurden daraufhin 54 als kolonisationsunwürdig eingestuft, als Ersatz wurden 135 Reservekolonistenfamilien, welche auf ihre Ansiedlung bereits in den Notquartieren gewartet hatten, heran geholt. Am 5. August 1763 fand die Einsetzung feierlich im Schloss Gottorf statt, fünf freie Höfe der Kolonie G1 „Friderichsau“ wurden neu besetzt.

Während in Dänemark in den Augen der Kolonisten das Chaos herrschte und die Bedingungen von Tag zu Tag unannehmbarer erschienen, wurden die Manifeste Katharina II. von 1762 und 1763 durch einen in Kiel ansässigen Werber veröffentlicht. Das Angebot, die Reise auf Kosten der Zarin machen zu können, war verlockend. So desertierten immer mehr Kolonisten in den Jahren 1764 und 1765 aus Dänemark.

Ihre Hochgebohrnen

Excelentz u Geheim Rats Cammer

herr und Amtmann


dass wir gesonnen sein, wieder nach unseren

Vatterland zu ziehen, weil wir kein

Brod nicht erwerben können, so bedanken

wir uns für die große Gnade die

wir genossen haben, der allerhöchste

gebe Ihro Königlichen Mäyestet

ein langes Leben.
den 10 ten Juny Anno 1765


Johann Georg Lechner
Johannes Beck
Andreas Dreher
Johann Michel Kiebe
Johann Georg Dammer
Engelhard Dederer

Nachdem die Regierung einen Entscheidung zu den Unruhen getroffen hatte, wurde am 20. April 17655  zunächst den etablierten Kolonisten, am 7. Mai 1765 auch den Reservekolonisten der Freiabzug genehmigt.6 Angesichts dieses Beschlusses erhob sich Ende April-Anfang Mai 1765 eine Welle der Desertation und Abwanderung aus den Kolonien.

Zu den württembergischen Familien, welche ihr Glück in der Ansiedlung bei St. Petersburg suchten, gehörte auch die Familie Gehweiler, die sich in Kolpino an der Ischora ansiedelte.

Johann Georg Lechner, Andreas Dreher, Johann Michael Kiebe und Engelhard Dammerer gingen nicht zurück in die Heimat, sondern zogen nach Riebensdorf am Don.


  1. Chronik Christiansholm
  2. Heimatkundliches Jahrbuch Rendsburgs von 1984 (Seite 131-147)
  3. Die Einwanderung deutscher Kolonisten nach Dänemark und deren weitere Auswanderung nach Russland in den Jahren 1759-1766, Dr. Alexander Eichhorn, Dr. Jacob und Mary Eichhorn, Bonn, Germany – Midland, Michigan, USA, 2012 (p. 417):

    „Geweiler, Johann Conrad, 53 (Aug. 1763), Einw., ev.-luth., Ackersmann und Leinweber aus Sachsen oder Württemberg. Ehefrau: Christina 27. j Kinder: Stiefsohn Johann Georg (Carl), 19; Stieftochter Anna Dorothea, 13. Ankunft in Flensburg (Herzogtum Schleswig/DK) am 22. Mai 1762. Vereidigt am 4. Juni 1762. Reservekolonist im Ann Flensburg. Am 5. Aug. 1763: Wohnstelle Nr. 17 . Ahlefelds Hof in der Kolonie G 1 „Friderichsau“, Amt Gottorf. Letztes Verzeichnis in Dänemark am 2. April 1765. Nach Russland ausgewandert. Verzeichnet im Kirchenbuch von Neu-Saratowka bei St. Petersburg.

  4. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 168, Nr. 164, S. 191-196
  5. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 168, Nr. 165, S. 452-456
  6. Landesarchiv Schleswig-Holstein. Abt. 66, Nr. 9245

weiterführend:

Herbert Schmidt; Kolonistenatlas der Heide-und Moorkolonisation im Herzogtum Schleswig 1760-1765, Wachholtz Verlag 2011
Otto Clausen; Chronik der Heide und Moorkolonisation im Herzogtum Schleswig (1760–1765), Husum Verlag 1981


Bild des Denkmals wikimedia, Calvin, 11.04.2005, public domain

Aussschnitt aus dem Meßtischblatt Nr.1422 Jübek – GERMANY 1:25.000 Reichsamt für Landesaufnahme (Deutschland / Army Map Service, Corps of Engineers (USA) / War Office (Großbritannien) / Service Géographique des F.F.A. (Frankreich)

Bittbrief zu Entlassung, Dänemark – vielen Dank an Anatol Gehweiler (1952-2015), der mir dieses Dokument zur Verfügung stellte