Bidlingmaier 1817

Galatz, den 18. Juli 1817

„Hier müssen wir Euch, liebe Freunde und getreue Brüder und Schwestern in Christo Jesu unserem Herrn, unsere ganze Reise von Haus bis nach Galatz durch beschreiben, weil wir glauben, daß Ihr mit Sehnsucht eine Nachricht von uns zu erhalten wünschet. Wir sind also den 2. Juni zwischen 11 und 12 Uhr von Ulm abgefahren (s. Ulmer Schachteln S. 34). Wir sind den ersten Abend glücklich nach Blendenheim gekommen, wo alle Furchtsamen beschämt wurden und am 3. Juni desto getroster in das Schiff traten und selbigen Tag auf erwünschte glückliche Reise nach Marching kamen, am vierten nach Regensburg; in Regensb. aber mußten wir das erstemal 4 Stund windferien. Da wir fortkommen konnten, so fuhren wir nach Pfaden und den fünften nach Passau, am 6. nach Linz, den 7. aber einen Tag in Linz verweilend. Den 8. aber haben wir unsere Reise nach Marbach fortgesetzt. Den 9. sind wir durch Gottes gnädige Führung glücklich in Wien angekommen, wo wir aber die ersten Schiffe noch antrafen. Da wurden wir in eine neue Probe versetzt, weil wir zu Lande sollten nach Pordia und Razivili: wo wir die Hälfte unserer Weiber und Kinder schon aufgeopfert hatten. Wenn wir die Hälfte unserer Habseligkeiten verkauft hätten, hätten wir doch müssen 9 000 Gulden Fuhrlohn bezahlen nebst aller Schwierigkeit, die wir vor uns hatten. So kam in der letzten Stunde eine Nachricht von unserem Deputierten in einem Brief, daß wir auf dem Schiff nach Galaz fahren sollten. Da zerflossen unsere Herzen in Tränen der Freude und wir sahen dabei, daß Gott sein Werk in allem hat, indem wir die 4 Tage die Zuschauer der Großstadt herzubringen sahen mit großer Begierde und vielem Geschenke, das sie unter unsere Kinder austeilten, sagend, unser Zug sei den Kindern Israels gleich.

So haben wir den Weg aufs neue den 14. Nachmittag wieder fortgesetzt und sind denselbigen Tags in Theben angekommen. Am 16. aber reisten wir wieder von Theben ab. Zur Bewunderung aber kann man nicht genug schreiben, wie wir den Wald antrafen mit Weinstöcken und Trauben daran, daß wir in unserem Leben in den fruchtbarsten Jahrgängen kein Stock so voll sehen konnten und über alles Gehölze hinauswachsen. Die Nacht aber mußten wir schlaflos zubringen wegen der Gelsen, z.B. sinds die nämlichen Rheinschnaken – und so viel, daß alles wimmelte. Da dachten wir treulich an die ägyptischen Plagen vom Ungeziefer. Am 17. früh reisten wir ab und kamen an Preßburg, der ersten ungarischen Stadt, vorbei und kamen nach Seehn, den 18. nach Groß-Marusch, wo wir lauter Deutsche antrafen; den 19. nach Pest und Ofen, allda wir unsere Schiffahrt wieder verakkordieren mußten. Nach diesem bewerkstelligten wir unsere Schiffahrt und fuhren am 20. am Abend noch nach Erdschin. Am 21. aber mußten wir wieder 8 Stunden windfeiern und kamen nach Földwar; am 22. fuhren wir nach Dull und weit darüber hinaus, mußten wieder auf dem Wasser übernachten wo uns das Ungeziefer die größte Pein verursachte.

Am 26. kamen wir nach Peterwardein, einer ungarischen Festung Scharengrad. Nach Verrichtung bei dem Hauptkommissariat mußten wir noch eine halbe Stunde fahren an die Höfe Peterwardeins. Am 27. kamen wir nach Semlin, mußten uns aber einen Tag verweilen, am 29. nach Bauschua (= Panesova) allda mußten wir wieder zwischen Himmel und Erde übernachten. Am 30. kamen wir nach Semendria, einer türkischen Festung, allda auf dem Wasser übernachtet; am 1. in Alt-Balanka, allda 6 Stunden windgefeiert, dann über den Strudel, wo man das Wasser eine Stunde weit zuvor strudeln hört, wo (während) der Strudel, ehe man auf Wien kommt, gar nicht zu achten ist. Wir sind aber, Gott sei Dank glücklich darüber gekommen, daß einige von unseren Kindern sagten, so sollte es immer gehen; jetzt werden sie auch gewiegt. Wir kamen denselben Tag nach Moldauen. Am 3. kamen wir nach Alt-Urschua-Orsowa, einer Grenzstadt des österreichischen Kaisertums, allda wir uns 2 Tag verweilen mußten. Am 5. reisten wir ab und kamen gleich nach einer Stunde durch das Eiserne Tor, da das Wüten und Toben des Wassers gleichet dem Strudel. Auch da sind wir wieder glücklich durchgekommen. Um 8 Uhr kamen wir an die 1. Türkische Grenzfestung, genannt Kladua-Kladowa, wo wir 4 Stunden verweilen mußten wegen Einlassung in das Türkische und kamen noch unweit der Festung bis an den Ort Kladua.

Am 6. reisten wir ab bei einer sehr großen, fast unerträglichen Hitze. Am 7. mußten wir auf dem nämlichen Platz windfeiern den ganzen Tag, wo wir auf der Seite in ein Ort begeben mußten, Proviant zu holen. Da kauften wir 2 Schweine um 5 Gulden 12 Kr., 1 Schwein 104 Pfund schwer und das andere mit 96 Pfund. Das Pfund ist eben auf 2 Kr. kommen. Es wird alle Tage wohlfeiler in allem. Wir kauften in dieser Gegend 1 Pfund Brot um 2 Kr., 3 Schoppen Wein nach württembergischem Maß um 7 Kr., 6 Kr., 5 Kr., prächtigen guten Wein mit Feuer, gleich dem Elfer-Jahrgang. Überhaupt sind wir in Leiblichen recht wohl geraten, von Ulm aus bis jetzt, so daß wir öfters denken, wie mangelhaft es bei euch hergehen werde. Wenn wir euch nur mit Unterhalt auch dienen könnten, bei so wohlfeilen Preisen; allein wir könnens nicht machen.

Am 8. aber morgens um 8 Uhr kamen wir in die Festung Widdin. Nachmittags um 3 Uhr, da unsere Geschäfte vorbei waren, fuhren wir unweit der Stadt Ochriwa (= Orjechowo). Den 9. setzten wir unseren Weg fort und kamen unweit der Festung Gelobel (= Wikopol); den 10. kamen wir nach Rustschuk, einer Festung, den 11. kamen nach Glifhin; den 12. aber abends mußten wir wieder windfeiern und auf dem Wasser übernachten; am 13. nach Hirsowa. All da ist dem Andreas Spindler ein Kind gestorben an den Gichten. Am 14. kamen wir nach Orschua, einer türkischen Festung, am 15. kamen wir nach Braila, die letzte türkische Festung. Am 16. kamen wir nach Galatz, allda wir unsere Reise bis daher vollendet hatten. Weiter können wir keine Bestimmungen angeben. Wir haben noch keine Nachricht von den Deputierten, als daß wir nach Ismail reisen und nach Odessa.

Alles ist hier wohlfeiler; das schönste Pfund-Brot kauften wir um 1 Kreuzer und etwa 1 Pfennig, die Maß Wein, wie Branntwein, für 6 bis 8 Kronen. Wir dachten und sagten oft: Wenn wir euch nur mitteilen könnten in eurem Mangel. Die Landteile, durch die wir reisen, sind alle so ergiebig von Wien bis daher, so daß wir uns verwundern mußten. Viele Gegenden haben wir angetroffen, wo die Weinstöcke in Gebüschen stehen herumflattern, und in den Wäldern an der Hölzern bis an die Gipfel hinauswachsen, wo sie also ihren Wein erhalten ohne gepflanzt. Die Arbeit ist schlecht bei den Leuten. Wir haben oft gesagt: Hier sollten unsere Württemberger sein!

Man kennt alle Orte, wo deutsche sind, von weitem, doch machen sie den faulen Leuten in Vielem nach. Sie leben meistens in schlechten Hütten. Durch das Ungarische und im Türkischen haben sie die Hütten im Boden. Es liegt alles beieinander herum: Gänse, Schweine, Hühner, Schafe, Rindvieh. Die Städte sehen nicht einmal einem ordentlichen Dorfe gleich wie bei uns, und unbewohnte Gegenden hat es genug. Besonders von Belgrad an haben wir öfters gesagt: So ettliche Württemberger hätten sich so wohl zu nähren, und soviele haben nicht einen Schuh breit bei uns! Ich muß schließen; wir haben so wenig Zeit. „

Dies bezeugt!

Johann Christoph Bidlingmaier von Oetlingen

 


 

Galatz, den 18. Juli 1817

"Hier müssen wir Euch, liebe Freunde und getreue Brüder und Schwestern in Christo Jesu unserem Herrn, unsere ganze Reise von Haus bis nach Galatz durch beschreiben, weil wir glauben, daß Ihr mit Sehnsucht eine Nachricht von uns zu erhalten wünschet. Wir sind also den 2. Juni zwischen 11 und 12 Uhr von Ulm abgefahren (s. Ulmer Schachteln S. 34). Wir sind den ersten Abend glücklich nach Blendenheim gekommen, wo alle Furchtsamen beschämt wurden und am 3. Juni desto getroster in das Schiff traten und selbigen Tag auf erwünschte glückliche Reise nach Marching kamen, am vierten nach Regensburg; in Regensb. aber mußten wir das erstemal 4 Stund windferien. Da wir fortkommen konnten, so fuhren wir nach Pfaden und den fünften nach Passau, am 6. nach Linz, den 7. aber einen Tag in Linz verweilend. Den 8. aber haben wir unsere Reise nach Marbach fortgesetzt. Den 9. sind wir durch Gottes gnädige Führung glücklich in Wien angekommen, wo wir aber die ersten Schiffe noch antrafen. Da wurden wir in eine neue Probe versetzt, weil wir zu Lande sollten nach Pordia und Razivili: wo wir die Hälfte unserer Weiber und Kinder schon aufgeopfert hatten. Wenn wir die Hälfte unserer Habseligkeiten verkauft hätten, hätten wir doch müssen 9 000 Gulden Fuhrlohn bezahlen nebst aller Schwierigkeit, die wir vor uns hatten. So kam in der letzten Stunde eine Nachricht von unserem Deputierten in einem Brief, daß wir auf dem Schiff nach Galaz fahren sollten. Da zerflossen unsere Herzen in Tränen der Freude und wir sahen dabei, daß Gott sein Werk in allem hat, indem wir die 4 Tage die Zuschauer der Großstadt herzubringen sahen mit großer Begierde und vielem Geschenke, das sie unter unsere Kinder austeilten, sagend, unser Zug sei den Kindern Israels gleich.
 So haben wir den Weg aufs neue den 14. Nachmittag wieder fortgesetzt und sind denselbigen Tags in Theben angekommen. Am 16. aber reisten wir wieder von Theben ab. Zur Bewunderung aber kann man nicht genug schreiben, wie wir den Wald antrafen mit Weinstöcken und Trauben daran, daß wir in unserem Leben in den fruchtbarsten Jahrgängen kein Stock so voll sehen konnten und über alles Gehölze hinauswachsen. Die Nacht aber mußten wir schlaflos zubringen wegen der Gelsen, z.B. sinds die nämlichen Rheinschnaken - und so viel, daß alles wimmelte. Da dachten wir treulich an die ägyptischen Plagen vom Ungeziefer. Am 17. früh reisten wir ab und kamen an Preßburg, der ersten ungarischen Stadt, vorbei und kamen nach Seehn, den 18. nach Groß-Marusch, wo wir lauter Deutsche antrafen; den 19. nach Pest und Ofen, allda wir unsere Schiffahrt wieder verakkordieren mußten. Nach diesem bewerkstelligten wir unsere Schiffahrt und fuhren am 20. am Abend noch nach Erdschin. Am 21. aber mußten wir wieder 8 Stunden windfeiern und kamen nach Földwar; am 22. fuhren wir nach Dull und weit darüber hinaus, mußten wieder auf dem Wasser übernachten wo uns das Ungeziefer die größte Pein verursachte.
 Am 26. kamen wir nach Peterwardein, einer ungarischen Festung Scharengrad. Nach Verrichtung bei dem Hauptkommissariat mußten wir noch eine halbe Stunde fahren an die Höfe Peterwardeins. Am 27. kamen wir nach Semlin, mußten uns aber einen Tag verweilen, am 29. nach Bauschua (= Panesova) allda mußten wir wieder zwischen Himmel und Erde übernachten. Am 30. kamen wir nach Semendria, einer türkischen Festung, allda auf dem Wasser übernachtet; am 1. in Alt-Balanka, allda 6 Stunden windgefeiert, dann über den Strudel, wo man das Wasser eine Stunde weit zuvor strudeln hört, wo (während) der Strudel, ehe man auf Wien kommt, gar nicht zu achten ist. Wir sind aber, Gott sei Dank glücklich darüber gekommen, daß einige von unseren Kindern sagten, so sollte es immer gehen; jetzt werden sie auch gewiegt. Wir kamen denselben Tag nach Moldauen. Am 3. kamen wir nach Alt-Urschua-Orsowa, einer Grenzstadt des österreichischen Kaisertums, allda wir uns 2 Tag verweilen mußten. Am 5. reisten wir ab und kamen gleich nach einer Stunde durch das Eiserne Tor, da das Wüten und Toben des Wassers gleichet dem Strudel. Auch da sind wir wieder glücklich durchgekommen. Um 8 Uhr kamen wir an die 1. Türkische Grenzfestung, genannt Kladua-Kladowa, wo wir 4 Stunden verweilen mußten wegen Einlassung in das Türkische und kamen noch unweit der Festung bis an den Ort Kladua.
 Am 6. reisten wir ab bei einer sehr großen, fast unerträglichen Hitze. Am 7. mußten wir auf dem nämlichen Platz windfeiern den ganzen Tag, wo wir auf der Seite in ein Ort begeben mußten, Proviant zu holen. Da kauften wir 2 Schweine um 5 Gulden 12 Kr., 1 Schwein 104 Pfund schwer und das andere mit 96 Pfund. Das Pfund ist eben auf 2 Kr. kommen. Es wird alle Tage wohlfeiler in allem. Wir kauften in dieser Gegend 1 Pfund Brot um 2 Kr., 3 Schoppen Wein nach württembergischem Maß um 7 Kr., 6 Kr., 5 Kr., prächtigen guten Wein mit Feuer, gleich dem Elfer-Jahrgang. Überhaupt sind wir in Leiblichen recht wohl geraten, von Ulm aus bis jetzt, so daß wir öfters denken, wie mangelhaft es bei euch hergehen werde. Wenn wir euch nur mit Unterhalt auch dienen könnten, bei so wohlfeilen Preisen; allein wir könnens nicht machen.
 Am 8. aber morgens um 8 Uhr kamen wir in die Festung Widdin. Nachmittags um 3 Uhr, da unsere Geschäfte vorbei waren, fuhren wir unweit der Stadt Ochriwa (= Orjechowo). Den 9. setzten wir unseren Weg fort und kamen unweit der Festung Gelobel (= Wikopol); den 10. kamen wir nach Rustschuk, einer Festung, den 11. kamen nach Glifhin; den 12. aber abends mußten wir wieder windfeiern und auf dem Wasser übernachten; am 13. nach Hirsowa. All da ist dem Andreas Spindler ein Kind gestorben an den Gichten. Am 14. kamen wir nach Orschua, einer türkischen Festung, am 15. kamen wir nach Braila, die letzte türkische Festung. Am 16. kamen wir nach Galatz, allda wir unsere Reise bis daher vollendet hatten. Weiter können wir keine Bestimmungen angeben. Wir haben noch keine Nachricht von den Deputierten, als daß wir nach Ismail reisen und nach Odessa.
 Alles ist hier wohlfeiler; das schönste Pfund-Brot kauften wir um 1 Kreuzer und etwa 1 Pfennig, die Maß Wein, wie Branntwein, für 6 bis 8 Kronen. Wir dachten und sagten oft: Wenn wir euch nur mitteilen könnten in eurem Mangel. Die Landteile, durch die wir reisen, sind alle so ergiebig von Wien bis daher, so daß wir uns verwundern mußten. Viele Gegenden haben wir angetroffen, wo die Weinstöcke in Gebüschen stehen herumflattern, und in den Wäldern an der Hölzern bis an die Gipfel hinauswachsen, wo sie also ihren Wein erhalten ohne gepflanzt. Die Arbeit ist schlecht bei den Leuten. Wir haben oft gesagt: Hier sollten unsere Württemberger sein!
 Man kennt alle Orte, wo deutsche sind, von weitem, doch machen sie den faulen Leuten in Vielem nach. Sie leben meistens in schlechten Hütten. Durch das Ungarische und im Türkischen haben sie die Hütten im Boden. Es liegt alles beieinander herum: Gänse, Schweine, Hühner, Schafe, Rindvieh. Die Städte sehen nicht einmal einem ordentlichen Dorfe gleich wie bei uns, und unbewohnte Gegenden hat es genug. Besonders von Belgrad an haben wir öfters gesagt: So ettliche Württemberger hätten sich so wohl zu nähren, und soviele haben nicht einen Schuh breit bei uns! Ich muß schließen; wir haben so wenig Zeit. "
 Dies bezeugt!
 Johann Christoph Bidlingmaier von Oetlingen
 

Stumpp, Die Auswanderung aus Deutschland nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862 1991, 2004 8. Auflage, Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland p33-35