Deutsche Kolonie Tiflis


Wie bereits unter Katharinenfeld geschildert, brachen 10 Gruppen religiöser Schwärmer zwischen Mai und August 1818 zu ihrem Sehnsuchtsort im weit entfernten Kaukasus auf.

31 Familien mit 181 Personen erreichten am 21. September 1817 Tiflis. Ihr Weg hatte sie aus dem fernen Württemberg über die Donau und das Schwarze Meer bis zur Hafenstadt Odessa geführt. Von dort ging es über Land durch Cherson, Taganrog, Rostov, Georgievsk und Mosdok nach Tiflis.

Generalleutnant Alexei Jermolow, der Leiter der Russi­schen Imperialen Hauptverwaltung von Transkaukasien, war für die deutschen Siedlungen im gesamten Süd-Kaukasus war zuständig, ihm unterstellt der Stadthalter von Tiflis. Dieser koordinierte die Gründung und Verwaltung von Siedlungen in seinem Gouvernement und verwaltete 65.000 Gold­rubel zu diesem Zweck. Entsprechend kaiserlicher Anordnung wies er jedem arbeits­fähigen männlichen deutschen Neusiedler 35 Dessjatinen fruchtbares Land zu.  Jeder Familie wurden 2.800 Rubel als Startkapital zugeteilt. Ganz im Gegensatz zu den 25 Rubel für armenische Übersiedler aus Persien bzw. 10 Rubel für Griechen aus der Türkei.1

Neckar Zeitung 20.2.1827

Durch ihre Ansiedlung im November 1818 gründeten sie die Orte Neu-Tiflis (eine Koloniegründung von 60 Handwerkerfamilien) und Alexanderdorf (Liebknechtsdorf, Didube) gründeten. Die Kolonie Alexanderdorf umfasste 23 Familien und lag am linken Ufer des Flusses Mtkwari, nördlich der Tifliser Innenstadt, im Bezirk Didube. Neu-Tiflis entstand im damaligen städtischen Vorort Kukia, die zumeist schwäbischen Familien, die sich nun ansiedelten, erbauten ihre eingeschossigen Giebelhäuser parallel zum Fluss Mtkwari rechts und links eines breiten Weges. Jede Familie hatte ihr eigenes Haus, ausgestattet mit einem gewölbeartigen Keller und Gartenland.

Im Jahre 1829 weihte man eine eigene deutsche Kir­che ein. Die erste Apotheke der Stadt wurde im selben Jahr durch den deutschen Apotheker Hör Schonberg eröffnet und blieb über Jahrzehnte die einzige Einrichtung dieser Art in Tiflis. Ein weiterer deutscher Apotheker Eugen Semmel, wurde Namenspatron eines zentral gelegenen Viertels von Tiflis.

Der dauerhafte Zustrom deutscher Handwerker sorgte dafür, das sich Tiflis zu einem Zentrum für Handel und Handwerk im Kaukasus entwickelte. Es fanden sich praktisch alle Gewerke, vom Mützen- und Hutmachern, über Sattler, Nagel- und Waffenschmiede, Uhr- und Nadelmacher oder Schlosser bis zu Bäckern, Tischlern, Schustern und Maurern. Man produzierte in freien Werkstätten Seife, Kerzen, Möbel, Lederwaren und Bekleidung. Der Erfolg der Deutschen war derartig, das die einheimischen Handwerker bereits 1835 die Tifliser Verwaltung  aufforderten, Extra-Steuern auf die Aufträge der Stadtbevölkerung zu erheben, oder aber ihnen die Annahme derartiger Aufträge zu untersagen.

Pariser Moden-Journal 9.12.1843 S. 399

Als 1843 viele der angesiedelten Pietisten begannen, ganz, wie die inzwischen vierundsechzigjährige Frau Spohn es angeraten hatte, ihren Besitz zu veräußern, um mit ihr als Braut Christi das tausendjährige Reich in Jerusalem zu erwarten, drohte eine Massenauswanderung ins Heilige Land. Die Verwaltung sah sich dazu gezwungen, zu handeln, immerhin hatte die Regierung erhebliche Summen in die Ansiedlung  investiert und konnte daher dem drohenden Verlust  an Handwerkern, aber auch Bauern, nicht tatenlos zusehen. Die örtliche Polizei verhaftete Frau Spohn und einige geistliche Persönlichkeiten aus Katharinenfeld kurz nach deren Aufbruch ins Heilige Land und schickte sie mit einer Eskorte zurück nach Tiflis. Damit endete die Auswanderung und alle kehrten heim, hatten allerdings nun Hab und Gut verloren.3

Im Jahre 1850 wurde neben der evangelischen Kirche in der Tifliser Kolonie eine Schule eröffnet. Der Unterricht erfolgte auf Deutsch, die Schule war aber für alle Kinder offen.

Die breite Straße aus der Gründerzeit zwischen den Häusern wurde nach dem russischen Fürsten Michail Romanov benannt. Romanov wurde zum Vizekönig im Kaukasus ernannt und zog im Zuge dessen mit seiner Familie 1862 nach Tifilis.

Um die Trennung der Stadt aufzuheben und so den Eingemeindungsprozess von Neu-Tiflis und Alexanderdorf als Stadtteile Tifilis´zu beschleunigen, baute man Brücken über den Fluß. Hier waren ebenfalls Deutsche am Werk, wie die Ingenieure Lehmkuhl und Dietzmann bzw. Sasemann, der mit der „Eisernen Brücke“  1870 im Stadtviertel Awlabari beauftragt war.

Die nun rasante Entwicklung brachte der im Volksmund „Michailstraße“ genannten Straße einen Bauboom, es entstanden Hotels, Geschäftshäuser und großzügige private Villen. Ganz in der Nähe baute man öffentliche Vergnügungsgärten wie das Fantasie und das Gofileft, Varietés und Klubs, wie der Gorgidjanovs Klub und der Touristen Klub, Sommer- und Wintertheater wie das Modern, das Lira, das Odeon, das Saturn und das Moulin Rouge. Als beliebteste und belebtesten Flaniermeile der Stadt wurde sie im Jahre 1899 in Michail Prospekt umbenannt. Noch heute finden sich hier die alten Häuser der deutschen Kaufleute, die Straße heißt nun David Agmashenebeli Prospekt.

Bereits 1827 richtete ein Erdbeben in der Stadt große Zerstörungen an, auch die alte Festung Nariqala war betroffen. Teile der zerstörten Zitadelle wurden abgetragen, der Bauschutt und herbeigeschafftes Erdreich bildeten ab 1845 auf dem Terrain des 400 Jahre alten königlichen Festungsgartens (Seidabadi Garten)  die Basis des dort entstehenden Botanischen Gartens. Er liegt am Abhang des Sololaki-Bergrückens in der von einem Flusslauf mit Wasserfall durchzogenen Legwtachewi-Schlucht (Feigenbaumschlucht) auf 420 bis 680 Meter über dem Meeresspiegel. Schon 1809 wurden dort steinbefestigte Terrassen und Fußwege angelegt und Heilpflanzen angebaut.2

Wenige Jahre nach seiner Gründung wurde der Botanischen Gartens für seine wunderbaren Orchideen bekannt.

Unter Leitung des deutschen Botanikers und Landschaftsarchitekten Heinrich Scharrer (1828-1906) wurde der Garten zwischen 1861 und 1889 wesentlich erweitert. Der Magdeburger Scharrer studierte in Göttingen Botanik und Landschaftsarchitektur. Nach dem Studium züchtete er Pflanzen im Wildpark Potsdam, Brandenburg, wechselte dann zu einer Stelle als Verwalter der Hofgärtnerei des Fürsten zu Stolberg-Wernigerode. In dieser Zeit arbeitete Scharrer auch für den Professor Karl Koch in Berlin, für den er Zeichnungen von Pflanzen anfertigte. Dieser stand im Kontakt mit dem Stadthalter von Tiflis, welcher einen Landschaftsarchitekten suchte. Daher entsendete Koch Scharrer, der sich im September 1859 auf die Reise nach Georgien machte. Dort wurde er mit mehreren Projekten betraut, die so erfolgreich umgesetzt wurden, das er 1861 zum Direktor des Botanischen Gartens ernannt wurde.

In den 1870er Jahren errichtete man die ersten Gewächshäuser, darunter eines für tropische und subtropische Pflanzen, und baute 1886 das Botanische Museum. Auch der erste Samenkatalog des Gartens geht auf ihn zurück. Mit seinem Ruhestand 1889 übernahm Adolf Christian Roloff (1870-1952) die Nachfolge und intensivierte ab 1902 die botanische Forschung. Dazu wurden wissenschaftlichen Abteilungen und Laboratorien, regionale geographische Abteilungen und Probestationen in Transkaukasien gegründet und verstärkt internationale Kontakte geknüpft.

Nach der Oktoberrevolution verfiel der Garten, ab 1943 der der Akademie der Wissenschaften unterstellt, entwickelte er sich wieder zu internationalem Ansehen und ist heute ist Mitglied der World Botanical Gardens International Association (WBGIA).

Da sich Tifilis seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer modernen Hauptstadt entwickelte, kamen immer mehr Gelehrte und Geschäftsleute aus den preußischen Ostseeprovinzen, Österreich, der Schweiz und natürlich Deutschland selbst, in die Stadt. Unter ihnen Architekten wie Albert Salzmann (1833–1897), Leopold Bielfeld (1838 – 1922) oder Otto Jacob Simonson (*1829), aber auch Maler, Ärzte und Schriftsteller wie Bertha von Suttner, Friedrich von Bodenstedt (1819-1892), der über mehrere Jahre am städtischen Gymnasium Franzö­sisch unterrichtete oder der Publizist  Artur Leist (1852-1927). Als der Unternehmer Karl von Kutschenbach im Jahre 1906 die deutsche Zeitung Kaukasische Post in Tiflis gründete, wurde Artur Leist Hauptredakteur, ab 1908 Inhaber und Redakteur der Zeitung.

Angezogen von den reichen Bodenschätzen des Kaukasus erwarben 1864 die Brüder Siemens ( Werner, Walter, Karl und Otto) das Kupferbergwerk Kedabeg.4

Werner von Siemens (1816-1892), Gründer der deutschen Firma Siemens & Halske, war mit der Installation von Telegrafenleitungen beauftragt, zwischen 1858 und 1863 Moskau-Tiflis-Poti-Vladikavkaz, 1868 Tiflis-Baku und 1870 von Ixmdon über den Kaukasus nach Indien. Zudem besaß die Firma das Monopol beim Bau und Betrieb von Stromversorgungsanlagen im gesamten Russischen Reich. In seiner Firma war Bruder Carl Heinrich von Siemens tätig (1829-1906). Dieser errichtete 1861 auf seinem Gut Chmelewo am Ilmensee die Glashütte Gorodok.

Bruder Walter Siemens (1833-1868) eröffnete ein Handelskontor in Tiflis und war zudem als preußischer Konsul tätig. Nach dessen Tod in Tiflis führte sein jüngerer Bruder Otto Siemens (1836-1871) die Geschäfte fort, auch er liegt in Tifilis begraben.

Es gab noch viele weitere erfolgreiche Deutsche, die über die Grenzen Georgiens hinaus bekannt wurden. Zu ihnen gehörten der Weinbauer Friedrich Wetzel, der auch das nach ihm benannte Hotel in Tiflis führte. Der Geologe Hermann von Abich (1806-1886), ein Experte für Vulkanologie, der von Alexander von Humboldt zur Erforschung von Erdbeben in den Kaukasus gesandt wurde, oder Gustav Radde (1831-1903), Naturwissenschaftler, Ethnograf und einer der Begründern des kaukasischen ethnografischen Museums. Das 1870 eröffnete Museumgebäude stammte vom Architekten Albert Salzmann und befand sich am Golowinski Prospekt gegenüber dem Palast des Statthalters.

Der Musikpädagoge und Pianist Franz Kessner (1851-1930) gründete im Jahre 1881 das erste professionelle Quartett der Stadt. In seiner Klasse unterrichtete  Erna Krause, später eine berühmte Sängerin. Ihr Schüler war der Pianist Rudolf Kehrer (1923-2013), dessen Großvater (1850-1905) im 19. Jahrhundert die erste Klavierbaufirma Georgiens Hermann Kehrer gründete.

Pastor Richard Mayer

Im Jahre 1894 begann der Bau der Sankt Peter und Paul Kathedrale in der Siedlung Neutiflis, die Weihe fand 1897 statt. Richard Mayer (1869-1933) wurde zum Pfarrer ernannt. Architekt der neugotischen Kathedrale war Leopold Bielfeld. Die Peter-und-Paul-Kirche in Tbilisi wurde 1946 von deutschen Kriegsgefangenen abgerissen.

Im Zuge der Kollektivierung begann man 1930 mit Verhaftungen und Verboten von Versammlungen und Gottesdiensten. Im Jahre 1931 wurde Pastor Meyer verhaftet, ebenso zahlreiche andere evangelisch-lutherische Geistliche und Mitglieder der Gemeinderäte. Pastor Meyer wurde 1933 in Moskau im Gefängnis ermordet.

Mehr zu dieser Zeit und den Verhaftungswellen habe ich bereits unter Katharinenfeld berichtet.

Am 28. August 1941 wurde die Umsiedlung aller Russlanddeutschen durch Stalin befohlen, alle Kaukasiendeutschen, die nicht mit Georgiern verheiratet waren, wurden zwischen Oktober und November 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

 

 



Quellen:

Fotos:

wikimedia: Tiflis im Jahr 1734 (aus Verschiedene Prospecte der Vornemsten Stadten in Persien samt vorderst einer unsern dem Caspischen Meer, dem Russischen Reich zugehörig gelegenem Stadt, zu mehrenem Liecht und rleuterung der neu – verfertigten Persianischen Land – Charten, von Johann Baptist Homann). public domain

wikimedia: L’avenue Mikheil (aujourd’hui avenue David Aghmachénélébi), en 1900, dans la colonie allemande Neu Tfilis, quartier de Tbilissi. Domaine public

wikimedia: Tiflis: Botanical garden (cultivated part). Fotograf George Kennan (1845-1924). This image is available from the New York Public Library’s Digital Library under the strucID 289388, public domain

Heidelberger historische Bestände digital: Kaukasische Post: die deutsche Monatszeitung aus dem Südkaukasus — 9.1914 (5. Januar -16. August) 5/S.3, Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Pastor Mayer auf blueshield

Wikimedia: Peter und Paul Kirche Tiflis: Церковь Святых Петра и Павла (Тбилиси) gemeinfrei


wikipedia

Nino Tschegoschwili: Deutsche Siedler im Tiflis des 19. Jahrhunderts, S. 65-79

1Nino Tschogoschwili: Deutsche Siedler im Tiflis des 19. Jahrhunderts in: Iran & the Caucasus Vol. 8, No. 1 (2004), pp. 65-7, Brill Leiden – Boston

2Zizischwili, Irakli: Tbilissi – Architekturdenkmäler und Kunstmuseen. Aurora, Leningrad 1985, S. 81–85.

3Autor / Hrsg.: Harnisch, Wilhelm ; Heinzelmann, Friedrich ; Harnisch, Wilhelm ; Heinzelmann, Friedrich: Die Weltkunde in einer planmäßig geordneten Rundschau der wichtigsten neueren Land- und Seereisen : für das Jünglingsalter und die Gebildeteren aller Stände;  Leipzig, 1851;  Verlag Fleischer

4Die Siemens-Brüder erwerben das Kupferbergwerk Kedabeg und Siemens-Lebenserinnerungen