Erinnerungen an meinen Vater Fritz Seifert

Papa 1946

 

Gerd Seifert: Meine Kindheit …..
…. einige Erinnerungen an meinen Vater Fritz Seifert.


Im Jahre 1947 hatte mein Vater Arbeit in der Holz & Kohlenhandlung „Kohlen-Krüger“ als Autoschlosser bekommen. Er reparierte für die Kohlenhandlung die Lkw’s, die durch die Kriegszeiten in einem erbärmlichen Zustand waren.

Der Kohlenhandel war in der Geschwister-Scholl-Straße, früher Viktoriastraße. Man gelangte über drei Hinterhöfe direkt in die Zeppelinstraße, früher Luisenstraße. Im zweiten Hinterhof standen auf der rechten Seite zwei große Garagen, in denen mein Vater die Lkw’s überholte.

Ersatzteile /Autoteile ? ……. Fahrzeugschrott lag zu dieser Zeit genug herum, keiner hatte dafür Verwendung, die Menschen waren an anderen Dingen interessiert. Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf, das waren die vorrangigsten Bedürfnisse.

In der Gartenkolonie „Am Pfingstberg“ hatte Papa ein Lkw-Chassis mit zerschossenem Fahrerhaus ausfindig machen können. Auf diesem Lkw-Fahrgestell mit Ladefläche war ein Hühnerstall montiert. Papa verhandelte mit dem Laubenbesitzer, bis dieser ihm das Fahrgestell überließ, was der Gegenwert war, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls wurde die Ladefläche mit dem Hühnerstall abgebaut und separat in den Garten gestellt.

Das war so 1947/48. „Kohlenkrüger“ hatte nichts dagegen, dass dieses Chassis in einer seiner Garagen unterstellt wurde, dafür fiel der Lohn von Papa eben etwas dürftiger aus. So begann nach Feierabend der Aufbau des ersten Lkw.

Das Fahrgestell war von einem französischem Beute-Auto, deshalb musste auch ein passender Motor her und zum Glück, es fand sich ein defekter RENAULT-Motor. Nach Aufarbeitung kam dieser in das Fahrgestell, als Fahrerhaus und Motorhaube dienten Schrottteile von Daimler. Es waren keine Fensterverglasungen vorhanden. Die Frontscheibe war zweigeteilt, Papa setzte aus Mangel unterschiedliche Verglasungen ein, für die Seitenscheiben reichte das Glas nicht, duch Sperrholz mit gläsernen Sehschlitzen wurde Abhilfe geschaffen. Das Auto sah eher nach einem Panzerwagen aus. Komplettverglasungen kamen später.

Auf dem Kühlerverschluß pragte noch der abgebrochene Stern eines Mercedes. Papa lötete darüber die Spitze einer Pickelhaube aus Kaiser’s Zeiten, (siehe Foto).

Interessant war auch die Konstruktion der Handbremse. Ein gebogener Metallstab in einer Führung unter dem Armaturenbrett ersetzte die Originalhandbremse. In diesen Metallstab hatte Papa Rasterkerben gefeilt, alles über Schmiedefeuer mit Hornspänen von Pferdehufen gehärtet. In die Führung montierte er zur Arritierung ein abgeschnittenes Metallsägeblatt, das Stabende bekam ein Holzgriff. Alles lief über ein Drahtseil in Führungsrollen auf die Bremstrommeln der Hinterräder.

….. also, Griff senkrecht aus dem Armaturenbrett ziehen, die Rasten blockierten ein zurückschnellen und das Auto war angebremst. Beim Losfahren, …. Griff nach rechts gedreht, Stab nach vorn und es löste sich durch Federkraft die Handbremse, …. so einfach ging es, auch wenn die Originalteile nicht zur Verfügung standen.

Nachdem Papa alle Fahrzeuge von „Kohlenkrüger“ innerhalb eines Jahres wieder instand gesetzt hatte, war er dort nicht mehr gefordert und als Kohlenträger wollte er sein Geld nicht verdienen. Zum Glück konnte er am 28.01.1948 gleich in der Nachbarschaft, am Schafgraben, bei „AUTO-EBEL“ als Werkmeister der Autowerkstatt in der damaligen Luisenstraße, eine neue Arbeit finden.

Der Nachfolger dieser Werkstatt existiert heute noch unter dem Namen Renault-Teichmann in Geltow, der Anfang der 90er Jahren dorthin umgezogen ist, um sich zu vergrößern. Jetzt ist es ein bekanntes Autohaus. Welch ein Zufall, dort werden heute Renault-Mobile verkauft, hatte Papa diese Marke schon damals aus der Not heraus, für sich entdeckt.

Die Werkstatt „Auto-Ebel“ arbeitete nach dem Krieg vorrangig für die russischen Besatzertruppen. Es war die einzigste Möglichkeit, in dieser Branche zu überleben, deutsche Autobesitzer gab es kaum. Die Arbeit in der Kfz-Werkstatt gab Papa die Chance, seinen Lkw-Aufbau weiter voran zu bringen, nur ging das nicht mehr bei „Kohlen-Krüger“. Es musste eine andere Unterstellmöglichkeit her.

Diese fand er in der Friedrichstadt, am Bahnhof Charlottenhof. Dort mietete er eine Doppelgarage unter den Wohnblocks aus den 30er Jahren, direkt an der Havel gelegen.

Ich war oft in der Werkstatt und habe zugesehen, wie Papa nach Feierabend an der Fertigstellung seines Lkw’s arbeitete.

Für mich spannend waren die Essenpausen. Ich saß immer auf der Werkbank und Papa öffnete langsam die Brotbüchse aus Aluminium, den Geruch, bilde ich mir ein, habe ich zeitweise sogar noch heute in der Nase.

Besonders schmackhaft waren das Kommissbrot oder die Schusterjungen mit Schmalz ( meist nur eine graue Hefepaste, die als Schmalzersatz diente ).

….. aber damals sehr, sehr lecker !

Die Arbeit für die russische Armee brachte auch kurioses mit sich, so wollte sich der Kommandant bei Papa für die gute Instanthaltung seiner Fahrzeuge bedanken und stellte ihm einen DKW (F7/8) vor die Garage.

Das war zwar gut gemeint, aber Papa’s Korrektheit ließ so etwas nicht zu. Es kostete ihn viel Mühe, den Kommandanten zu überzeugen, dass er so ein Geschenk nicht annehmen konnte. Nach mehreren Tagen wurde der Wagen wieder abgeholt.

Für mich als Kind war es toll, auch einmal im PKW zu sitzen,

……. auch wenn es nur in der Garage hinter dem Lenkrad war !

Papas Traum war es immer, ein eigenes Fuhrgeschäft aufzubauen. 1951 meldete er sein Transport-Geschäft an und gab seine Arbeit als Werkmeister bei „Auto-Ebel“ am 21.08.1951 auf.

Mit eigenem LKW war er nun auf den Landstraßen zwischen dem Thüringer-Wald und der Ostsee zu Hause. Das brachte auch einige häusliche Probleme mit sich, die Zweizimmerwohnung in der Hans-Sachs-Straße 10c war zu klein für 5 Personen (Mutti, Papa, Helga, Oma Freitag und ich). Es war eigentlich Oma’s Wohnung seit 1910.

Die Glasüberdachung vom Balkon hatte noch Opa Freitag († 08.01.1919) in Auftrag gegeben und anbauen lassen, sieht heute noch ausgezeichnet aus.

Eine neue Wohnung fand sich in der Stahlinallee 126 (heute Berliner Straße). Der Umzugstag war der 15. März 1951.

 

Es ging in eine sehr große 3- Zimmerwohnung, mit hohen Flügeltüren zwischen den Räumen, Stuck an den Decken, zwei Balkone und eine Speisekammer, in der ich mein eigenes kleines Zimmer erhielt.

Diese Kammer hatte ein normales Fenster zur Hofseite. Als Inventar fand dort Platz, ein etwas verkürztes Bett, ein kleiner Schreibtisch, ein Stuhl und ein schmales Regal 80x25x25 cm (H / B / T), sowie ein Radio Volksempfänger 301.

Elektrisches Licht war vorhanden. Damit der Raum auch beheizt werden konnte, stemmte Papa die Wand zum benachbartem Bad auf und mauerte einen transportablen Kachelofen hinein. Geheizt wurde nun vom Bad, somit war auch dieser Raum immer warm, sollte der Badeofen nicht gebraucht werden.

Das Bad hatte keine Toilette, diese war separat vom Flur erreichbar, daneben war noch eine kleine Abstellkammer. Platzmangel gab es nicht mehr. Zur Wohnung gehörte noch eine sehr geräumige Bodenkammer. Das war einmal die Mädchenkammer für das herrschaftliche Bürgertum. Es gab sogar eine Klingelanlage zwischen Wohnung und Dienstbotenkammer. Vor dem Krieg gab es in den Wohnungen eine Zentralheizung, die nach 1945 außer Betrieb gesetzt wurde und im Gegenzug bekamen alle Räume Kachelöfen.

In der Wollnerstraße 3 (heute Otto-Nagel-Straße) mietete Papa zwei große Garagen an. Das war früher eine Remise mit Pferdestall auf dem Hof. Die zwei Fenster über der Remise gehörten zur Kutscherwohnung.

Ich kann mich noch gut an die alten gemauerten Futtertröge in der hinteren Garage erinnern.

Mit viel Mühe stemmte Papa die steinernen Tröge aus der Wand, so konnte er die Platzverhältnisse um einiges erweitern.

Die Räumlichkeiten wurden nach Aufgabe der Pferdehaltung bis 1945 bereits von einem kleinen Fuhrgeschäft genutzt. Zeugnis lieferte eine eigene Tankstelle, die Zapfsäule stand noch einige Jahre in der zweiten Garage, bis Papa sie verschrottete.

Der große Kraftstofftank befand sich vor dem Eingangstor der vorderen Garage in einer Erdgrube.

Es mussten im Laufe der Jahre öfter einige Schubkarren Sand dort hinein gefüllt werden, da es ein ständiges nachsacken des Erdreiches gab.

Die hintere Garage, der ehem. Pferdestall, barg noch mehr, für mich interessante Dinge.

Dazu zählte ein Motorrad, welches Papa einmal zum Laufen bringen wollte, nur ist es dazu nie gekommen, Ebenso erging es einem anderen Motorrad, welches beim Opa in der Gutenbergstraße 89, in dessem Schuppen gelagert wurde. Diese Maschine war eine DKW, genannt „Blutblase“, wegen ihres roten Tank’s.
( Baujahr 1931, 198 cm³, 4 PS ). Sie stammte noch aus Papas Jugendzeit. Die DKW war zerlegt und in Kisten verpackt. Leider wurde alles irgendwann verschrottet.

Anfang der 50er Jahren gab es noch Schwierigkeiten, genügend Benzin für das kleine Fuhrgeschäft zu bekommen, Papa fand die Lösung, ….. „Holzgas“ !

Also rüstete er den LKW auf diesen Treibstoff um.

In einem großen Kessel wurden Holzstücke in der Größe von kleinen Pflastersteinen verbrannt. Dieses klein gehackte Holz war nur in Guben erhältlich. Dort eingekauft, holte Papa es LKW-weise nach Potsdam und wir schippten das Holz bis zur Decke in die hintere Garage. Vor jeder Fahrt hieß es für die Familie abends, Holzsäcke füllen. Die sehr haltbaren Säcke hatte Opa, er war Autosattler, aus alten Fahrzeugplanen genäht. Sie mussten wasserdicht sein, damit unterwegs immer trockenes Holz zur Verfügung stand.

Ein Viertel der Ladefläche wurde für den Holzvorrat geopfert, einige Säcke kamen noch auf das Fahrzeugdach und der großen Fahrt stand nichts mehr im Wege ……… !

Da die Energieausbeute mit Holzgas nicht so groß war, lief der Wagen nur mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h, das ging so und keiner war im Zeitstress.

Um mehr Ladefläche zu bekommen, baute Papa noch zwei Anhänger. Einer war nur zweirädrig. Dieser diente als Viehtransporter, versehen mit einer hohen Ladeklappe, die gleichzeitig Lauframpe für Kühe und Schweine war.

Die Aufträge für die Fahrten holten sich alle Fuhrunternehmer von der „ATG“ (Auto-Transport-Gesellschaft). Das war der Vermittler zu den Betrieben. Damit entfiel die ständige Suche der Fuhrbetriebe nach Transportaufträgen. Der Sitz war in der Potsdamer Hebbelstraße.

Zu Beginn der 50er Jahre war es auf den einsamen Landstraßen noch recht unsicher. Papa wurde zweimal auf seinen Touren von Soldaten der russischen Armee überfallen. Ein Überfall hatte für ihn einen Krankenhausaufenthalt und eine umfangreiche Reparatur des LKW zur Folge. Der Wagen wurde von betrunkenen Soldaten in ihrem Auto gerammt und sie schlugen ihn zusammen.

Zum Glück kam so etwas in den Jahren ab 1953 nicht mehr vor und Papa nahm mich öfter auf seinen Geschäftsfahrten mit. Das aber nur mit Absprache der Schule, sobald es meine schulischen Leistungen zuließen. So habe ich viel gesehen und die Regeln im Straßenverkehr waren mir nicht mehr fremd, jedes Verkehrsschild abgefragt …….. !

Nicht umsonst besaß Papa noch einen Fahrlehrerschein von 1938 und ich war schon als Kind sein theoretischer Fahrschüler. Das machte es für mich einfach, so konnte ich später, bereits mit 17 Jahren, meinen Führerschein in Empfang nehmen. Das ging mit Einverständnis der Eltern und der Deutschen Volkspolizei.

 

 

Fortsetzung

 

 


Fotos und Grafiken ohne Benennung: Privatbesitz Gerd Seifert

Pickelhaube pixabay; Creative Commons CC0

Brot pixabay; Creative Commons CC0

Brötchen, Foto bearbeitet, pixabay; Creative Commons CC0

DKW, Foto Moto skijring 1956 bearbeitet Wikimedia; gemeinfrei

Volksempfänger Wikimedia Benutzer:Hihiman, 01:56, 4. Mär 2004 GNU Free Documentation License, Version 1.2 

Schraubenschlüssel, Foto bearbeitet, pixabay; Creative Commons CC0

Bildbearbeitung der Abbildung der Imbert Holzgasanlage Archiv Michael Deichmann auf EVP Danmark und radekrogus.blogspot.de , omnibusarchiv.de und anderen, Original in: H. Buscher: Die Imbert-Holzgas-Anlage und ihre Bedienung; Imbert Generatoren-Gesellschaft m.b.h., Köln-Braunsfeld, 1940, S.27 Faltblatt