Hermann Wilhelm Seifert Teil 2

 

Garnisonkirche

Zumindest eine Hochzeit sollte noch gefeiert werden. Am 5. Oktober 1939 schritten mein Opa Fritz und meine Oma Irmgard in der Potsdamer Garnisonskirche zum Traualtar.

Die Hoffnung, das Uropa 1939 bereits 51 Jahre alt war und nicht mehr eingezogen werden würde, erfüllte sich nicht. So hatte Uroma nicht nur Bangen und Hoffen um die Söhne, sondern in einem zweiten Weltkrieg erneut um den Ehemann.

Am 3. Mai 1940 ordnete das Reichsluftfahrtministerium eine einheitliche und allgemeine Verdunkelung für ganz Deutschland zwischen Sonnenuntergang und -aufgang an. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1940 gab es den ersten Fliegeralarm in Berlin mit einem Angriff auf ein Industriegebiet, am 25. August 1940 fielen Bomben auf Berlin. Der Krieg war bedrohlich nah. Es folgte am 13. Oktober 1940 eine Anordnung des Führers zur sofortigen Durchführung baulicher Luftschutzmaßnahmen. Durch die Bombardierungen wurden ganze Schulklassen wegen Luftkriegsgefahr geschlossen verlegt. Die Evakuierung (Kinderlandverschickung) von Kindern beginnt.

Potsdam wurde im Frühjahr 1941 zum Luftschutzort erster Ordnung und erhielt 15 Bunker für die Bevölkerung. Überall fanden sich nun Markierungen an den Häusern, wo der nächste Keller zu finden ist, um Schutz zu suchen. Der Alltag war geprägt von Verordnungen, Lebensmittelmarken und Sirenen-Luftschutzwarnungen, doch nach wie vor schienen die vom Führer versprochenen Geheimwaffen einen guten Ausgang herbei zu führen.

Als im Februar 1942 fünfzehnjährige Schüler der höheren Schulen als Luftwaffenhelfer für den Kriegsdienst rekrutiert wurde, wird langsam klar, der Endsieg ist nicht so sicher, wie der Führer glauben machen wollte. Doch alle Sorge galt nun „Irmi“, die meinen Urgroßeltern bald den ersten Enkel bescheren sollte.

Um die Eisenbahn umfassend für Kriegstransporte einzusetzen, wurden ab März für unbegründete Privatreisen mit dem Zug schwere Strafen angedroht, die wöchentliche Brot- und Fleischration wurden verringert, nun war es nicht so einfach, aufs Land zu fahren, nach Alt-Landsberg oder nach Kapsdorf.

Uroma musste nun auch jeden Tag zum „Kriegsdienst“, seit dem 20. April wurden die Frauen im Reich in die Rüstungsindustrie verpflichtet. Immer häufiger wurden Großstädte bombardiert, was Luise in große Sorge brachte, da Potsdam so nah an Berlin lag. Doch allen Umständen zum Trotz schrie im Sommer 1942 ein gesundes Kind in der Eisenhartschen Heilanstalt, Behlertstraße 10, der Welt entgegen, umsorgt von Mutter und zwei Großmüttern.

Im Herbst wurden Bucheckern gesammelt und zur Abgabestelle gebracht, da die Versorgung mit Öl gesichert werden musste, wieder ein Ersatz mehr, neben der „Lorke“ die sich Kaffee nannte.

In den Wochenschauen wurde im Winter 1942 nach wie vor vom Endsieg geredet, während vor Stalingrad über 230.000 Soldaten eingekesselt waren. Im Januar 1943 zogen sich die deutschen und italienischen Verbände in Nordafrika nach Tripolis zurück. Anfang Februar erfolgte die Kapitulation der Truppen vor Stalingrad und am 11. Februar begann die zwangsweise Rekrutierung der übrigen Fünfzehnjährigen als Luftwaffenhelfer. Auf Anweisung Hitlers vom 24. Februar sind Befehlsverweigerer der Wehrmacht „auf der Stelle zu erschießen“.

Im Potsdam bereitet man sich inzwischen auf die Ankunft des zweiten Enkels vor, der im Spätherbst das Licht der Welt erblicken sollte. Verwandtenbesuche waren allerdings nicht möglich, am 10. Dezember wurde privater Weihnachtsreiseverkehr im ganzen Reich verboten. So blieb es beim Schreiben, allerdings war zu beachten, ab 1. Januar 1944 wurden neue Postleitzahlen eingeführt.

Als am Muttertag die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink zum Muttertag die deutschen Frauen zu „Geburtshöchstleistungen“ auffordert, konnte „Irmi“ nur lachen, waren doch zwei Kinder innerhalb von 15 Monaten geboren worden, die es auch in diesen mageren Zeiten zu ernähren galt.

Dann kam der Sommer, Truppen der Alliierten landeten in der Normandie und Oberst Graf von Stauffenberg versuchte mittels Attentat am 20. Juli den Führer zu töten. Fast alle, die das Attentat mit vorbereitet hatten, wurden anschließend vom Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet, darunter auch eine Reihe von Offizieren des Potsdamer Infanterie-Regiments Nr. 9.

Langsam begann sich das Gefühl breit zu machen, es könnte alles anders kommen…. doch der Führer versprach eine neue Wunderwaffe, die „V2„. Am 25. September ordnete Hitler die Erfassung aller wehrfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren für den „Volkssturm“ an. Mein Uropa kam nach Frankreich, stand an der selben Front wie mein Opa Fritz.

Die Russen marschierten unaufhaltsam Richtung Deutschland, am 30. Januar 1945 torpedieren sie von einem U-Boot aus das deutsche KdF-Schiff „Wilhelm Gustloff“. In der Danziger Bucht starben tausende von Flüchtlingen, die sich aus Ostpreußen retten wollten. Trecks zogen Richtung Deutschland, auf der Flucht vor der heran rückenden Front. Überall sah man nun Flüchtlinge auf den Straßen.

Am 14. April 1945 gabe es um 19.30 Uhr mal wieder einen Voralarm, es waren seit Jahresanfang etwa 130 gewesen. Um 20.45 Uhr endete der Gottesdienst in der Garnisonkirche. Dann, um 22.15 Uhr Fliegeralarm! Viele Potsdamer gingen nicht mehr in die Luftschutzkeller, warum auch, bisher wurde die Stadt nicht angegriffen, weshalb dann in dieser Nacht?

Um 22.30 Uhr kreisten Flieger, nun wurde klar, die Lage war ernst. Um 22.39 Uhr standen die „Christbäume“, Leuchtbomben, am Himmel, um das Ziel zu markieren – die Innenstadt. Eine gezielte Vernichtung dessen, was man für die „Identität“ des preußischen Staates hielt.

Luftbild von Potsdam kurz nach dem Luftangriff durch die Royal Air Force am 14. April 19454

Dann kam der unfassbare Moment, die Bombardierung Potsdams begann um 22.40 Uhr. 490 schwere viermotorige Lancaster der britischen Royal Air Force luden 1700 Tonnen Sprengbomben, Minenbomben und Brandbomben über der Stadt ab. Über tausend Gebäude wurden in der Innenstadt zerstört, es starben 1593 Menschen, etwa 60.000 Menschen wurden obdachlos. Heftige Detonationen erschütterten den Stadtbahnhof, da ein Munitionszug „in die Luft flog“.

Ab 23.00 Uhr endet der Luftangriff, danach hörte man immer wieder die Detonationen der Zeitzünderbomben. Eine halbe Stunde später kamen die Menschen aus den Bunkern, Kellern und Häusern hervor. Sirenen zur Entwarnung gab es nicht mehr, sie waren zerstört.

Garnisonkirche5

In der Brandenburger Straße war das Warenhaus Karstadt zerstört, die Junkerstrasse ist die Parallelstraße, wo meine Urgroßeltern wohnten. Was meine Familie gerettet hatte, war der Umstand, das es sehr windig war in dieser Nacht und die Leuchtbomben in Richtung Ravensberge abgetrieben wurden. So ging die Hauptlast dort herunter. Bis heute ist die Stadt von diesem Angriff gezeichnet, immer wieder muss die Innenstadt abgesperrt werden, um Bomben zu räumen. Wir haben als Kinder nicht nur Belehrungen zum Thema Fundmunition in der Schule erhalten, sondern diese auch anwenden müssen. Bei einem „Pioniermanöver“ in den Ravensbergen fanden wir eine dieser Fliegerbomben, einen Blindgänger, der gesichert wurde und später von Sprengmeistern gesprengt. Das es ständig Sprengungen von Abrisshäusern gab, wir in den Ruinen der Nebenstraßen spielten, war für uns ein ganz normaler Alltag. Und selbst heute, über 70 Jahre nach Kriegsende, tragen viele Häuser noch immer die Narben des Krieges.

Durch den Feuersturm sprang das Feuer auf die scheinbar intakt gebliebene Garnisonkirche über. Während sich das Feuer durch das Gebälk fraß, gelang es, einige Gegenstände, wie Kruzifix, Leuchter und Altartisch in Sicherheit zu bringen, ehe ein Blindgänger von der enormen Hitze ausgelöst, im Kirchenschiff explodierte. Auch die einzelnen Glocken des Glockenspiels begannen sich zu lösen und stürzten fast 80 Meter in die Tiefe.

Dieses Glockenspiel galt als eines der schönsten in Europa. Die „Singeuhr“ spielte fast 150 Jahre lang zu jeder halben Stunde „Üb’ immer treu und Redlichkeit“, zu jeder vollen Stunde ertönte der Choral „Lobe den Herren“. Nun lag es zerborsten und geschmolzen am Boden. Aus diesen Trümmern retteten meine Urgroßeltern eine kleine Glocke, die fortan als Andenken in der Familie aufbewahrt wurde. Am Samstag, den 8. Juni 2014 um 18 Uhr war es soweit, im Pfingstgottesdienst konnte Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst die Glocke willkommen heißen. Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist bereits in der Planung.

Potsdam- Ruinen6

Es dauerte nur noch wenige Tage, dann erfolgte die Kapitulation des tausendjährigen Reiches. Für Uropa und Sohn Fritz endete der Krieg in Frankreich, für Sohn Heinz in Berlin, dort war er als Flakkommandant zum Zoobunker abkommandiert worden.

Potsdam wurde noch einmal Zentrum der Geschichte, als das „Potsdamer Abkommen“ am 2. August 1945 Deutschland den Alliierten unterstellte, Reparationen festlegte, die Behandlung der Kriegsverbrechen festlegte und neue Grenzen fest schrieb.

Diese Festlegungen sorgten für weitere Vertreibung und Umsiedlung, Fluchtwellen und bildete die Grundlage einer Teilung Deutschlands in zwei Staaten. Da sich die Sowjetische Besatzungszone politisch gänzlich anders entwickeln sollte, wurde unsere Familie getrennt, meine Urgroßeltern blieben mit Sohn Fritz und dessen Familie in Potsdam, während Sohn Heinz im „Westen“ eine Familie gründete.

 

Fortsetzung


Quellen: Privatarchiv
Wikipedia

4This artistic work created by the United Kingdom Government is in the public domain.
5Wikimedia: Garnisonkirche, April 1945, Die Ruhestätte Friedrich des Großen: von englischen Luftpiraten zerstört. Bei einem Terrorangriff der englischen Luftgangster auf die Reichshauptstadt in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 wurde auch die historische Garnison-Kirche in Potsdam, die letzte Ruhestätte Friedrich des Großen, restlos zerstört. UBz: Die Aussenansicht der vollständig ausgebrannten Garnison-Kirche. Fot. Hoffmann17.4.45 [Herausgabedatum] Zentralbild 17.4.1945; Text, siehe oben. Ausnahme Friedrich des Großen ersetzt durch Friedrich IIBundesarchiv, Bild 183-J31422 / CC-BY-SA 3.0
6Wikimedia: Potsdamer Ruinen, Bundesarchiv, Bild 170-422 / Max Baur / CC-BY-SA 3.0