Hermann Wilhelm Seifert

 

Mein Urgroßvater Hermann Wilhelm Seifert kam am 9. September 1888 in Kapsdorf (Czernczyce), Kreis Schweidnitz zu Welt und erlernte den Beruf eines Sattlers. Seine Brüder wurden Metzger, Bäcker und Bauer.

Warum er sich im Jahre 1907 nach Berlin aufmachte, um dort eine Anstellung zu finden, ehe er in der Potsdamer des Gardes du Corps Kaserne ebenfalls als Sattler tätig war, ist nicht wirklich sicher. Vielleicht, weil er sich hier ein besseres Auskommen versprach, vielleicht hatte er auch ein bisschen Fernweh und wollte mehr von der Welt sehen. Möglicherweise hatten Erzählungen der Familie ihn für die Gegend interessiert, da bereits ein Bruder seines Großvaters mütterlicherseits in jungen Jahren nach Fürstenwalde an die Spree kam, um Brauer zu werden. Leider wurde er nur 19 Jahre alt, da er in den Braukessel stürzte und an den Folgen der Verbrühung starb.

Möglich ist aber auch, das er durch den Militärdienst nach Berlin gelangte und daher in der Kaserne als Sattler blieb.

Kaiserpaar1

Seinen Militärdienst leistete er laut Familienerinnerungen als Kürrassier des Gardes du Corps, Inhaber des Regiments waren Seine Majestät der Kaiser und König, Berlin, Garde-Kavallerie-Division Berlin, 1. Garde-Kavallerie-Brigade Berlin, Garnison Potsdam.

Parade am Stadtschloss, Potsdam 1910

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kürassiere trugen bei der Parade natürlich eine Uniform, die nicht im Felde zum Einsatz kam. Um 1894 sah ihre Uniformteile so aus, wie dargestellt. Als einziges Kürassierregiment hatte das GdC zwei Sätze von Kürassen. Neben den blank polierten, hatte jeder Kürassier noch einen zweiteiligen (Brust- und Rückenstück) schwarzen Kürass. Die schwarzen Kürasse, siehe Reiterbild, hatte der russische Zar dem Regiment 1814 als Zeichen der Freundschaft und Bündnistreue zum Geschenk gemacht. Nach Familienerzählungen besaß dieser Kürass noch einen Kugelschuss, sichtbar als Vertiefung, um die Schussfestigkeit zu prüfen.

 

 

 

 

 

 

 

Bereits am 4. April 1911 nahm er seine Arbeit als selbständiger erster Sattler in der Wagenfabrik Kesslau auf und feierte hier am 4. April 1956 sein 45. Betriebsjubiläum.

Die Wagenfabrik des Gustav Kesslau wurde bereits 1860 gegründet und hatte ihren Sitz in der Elisabethstraße 20, später Charlottenstrasse 61 in Potsdam. Sie war weit über die Grenzen Deutschlands hinweg für ihre Pferdewagen, Kutschen, von Pferden gezogenen Omnibusse, Krankenwagen und Pferdeschlitten bekannt. So inserierte man auch in der Ostafrikanischen Zeitung.

 

 

 

 

 

 

Menelik II.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Sattler hatte Uropa in einige Kundschaft, zu der auch echte Berühmtheiten zählten. So durfte er eine Kalesche bauen für Menelik II. Kaiser von Äthiopien.

Deutschland eng verbunden, fuhr Menelik II. übrigens auch einen Double-Phaeton 35 HP, den er 1908 von dem deutschen Geschäftsmann Arnold Holtz als Geschenk erhielt.

Zu dem Geschäftsfeld der Wagenfabrik gehörten natürlich auch Ausstattungen der Kraftfahrzeuge, u.a. der Phaeton, die als Karosserie geliefert, von ihnen aufgebaut wurden.

Einen kleinen Überblick bieten Kataloge der Firma aus unserem Familienarchiv. hier und hier

Die Jagdleidenschaft Hermann Görings, dessen Waldhof „Carinhall“ in der Schorfheide ganz in Potsdamer Nähe lag, fanden mit dem Jagdwagen, welcher von meinem Urgroßvater gebaut wurde, sogar Erwähnung in der Historie. Selbst in den Erinnerungen von Zeitzeugen, gesammelt vom Deutschen Museum für Geschichte in Berlin, findet er sich wieder, mit der Erinnerung an dessen Füchse, aber auch die Ponys der Kinder, welche vorgespannt wurden.

Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch die Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch die Kundschaft, so fertigte er für den russischen Stadtkommandanten von Potsdam, Oberst Andrej Werin eine Kalesche, welche mit rotem Leder ausgeschlagen war.

Als Kalesche wurde ein leichter, offener Wagen bezeichnet, welcher ursprünglich mit einem einzelnen Pferd bespannt, später auch zwei- und vierspännig gefahren wurde, wie man auf neben stehendem Bild sehen kann.

Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 102-17986
Schorfheide, Lord Edward Frederik Halifax, Hermann Göring2

Quelle: Wikipedia – © Janez Novak Kalesche3

 

Nach 1945 gelang der Wagenfabrik der Sprung in die Moderne durch ihre Karosseriebau-Tradition. Es wurden IFA-Karosserien repariert und Karosserien des  Schienentrabi´s gebaut. Der Schienentrabi Typ 1 war ein Gleiskraftrad ( GKR ) und wurde Ende der fünziger Jahre als Kontrollfahrzeug entwickelt, das auf Schienen zum Einsatz kam. Die Verwendung war unter anderem bei den Bahnmeistereien. Der Name Schienentrabi kam durch die Verwendung des Trabant P50 als Basis des Antriebs, die technische Entwicklung wurde im VEB Lokomotivbau „ Karl Marx “ Babelsberg, Außenstelle Berlin-Adlershof vorgenommen. Die Karosserien eines etwas weiter entwickelte Typ´s wurden bei Kesslau zwischen 1962 und 1965 gefertigt.4

 

Fortsetzung

 


Quellen: Privatarchiv
Wikipedia
1Wikimedia: Kaiserpaar; Empress Auguste Viktoria (1858-1921) and emperor Wilhem II (1859-1941) of Germany. Postcard from circa 1910 in the collection of Fredrik Tersmeden (Lund, Sweden). Photographer: Th. Voigt, Homburg; public domain
2Wikimedia: Schorfheide, Lord Edward Frederik Halifax, Hermann Göring; 20. November 1937; Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl (Bild 102); Bundesarchiv Bild 102-17986; CC-BY-SA 3.0
3Wikimedia, Kalesche; Foto: Janez Novak; Castle Podstreda; CC BY-SA 3.0;Erstellt: 22. September 2007
4Geschichte des Gleiskraftrad Typ 1