100 Jahre Steckrübenwinter

Vielleicht eine Antwort auf die Frage, warum in meiner Familie keiner Kohlrübeneintopf mag.


Potsdam war der Schnittpunkt unserer Familien, hier trafen sich meine Großeltern Fritz und Irmgard, deren Vorfahren aus Schlesien, Brandenburg, Ostpreußen und dem Schwarzwald kamen. Meine Urgroßeltern Wilhelm und Luise Seifert heiratetet 1913 in Altlandsberg und wohnten in Potsdam. Heinrich und Marie Freitag hatten 1909 in Bischweiler geheiratet und lebten im Elsaß, da Heinrich, wie sein Schwager Oskar, Polizeiwachtmeister der berittenen Polizei in Bischweiler war. Heinrichs Vater Christian kam als Invalide aus dem Krieg 1871, war Kasernenwärter in der „Garde du Corps“ Kaserne, Potsdam, Berliner Strasse und unterstütze seine Frau Auguste, die eine Kantine in der Kaserne betrieb. Dort war Wilhelm als Sattlermeister tätig und in den Jahren des ersten Weltkrieges Kürassier. Luise war von Beruf Weißstickerin der Kaiserin Auguste Viktoria.

Johann Wilhelm Seifert
Anna Marie Luise Paul
Heinrich Johann Freitag
Marie Geckle

 

Kriegstaumel in Berlin. Anfang August 1914. Das Bild zeigt den Kavalleristen Ludwig Börnstein, der sich von Fritz und Emma Schlesinger verabschiedet. Alle drei gehörten zur jüdischen Minderheit in Deutschland.5

Am 31. Juli 1914 wurde im Neuen Palais in Potsdam der Kriegszustand ausgerufen, die Mobilmachung wurde am 2. August in Tageszeitungen öffentlich bekannt gemacht.  Zu diesem Zeitpunkt waren der Landsturm des Armeekorps 3 (Berlin, Provinz Brandenburg) und Armeekorps 4 (Provinz Sachsen) noch ausgenommen. Neben Freiwilligen waren nun alle Wehrdienstpflichtigen zwischen 17 und 45 Jahren einberufen, ebenfalls Gendarmerie und natürlich die Pferde der berittenen Polizei, wie im Falle von Heinrich und Oskar.  Frauen, ehelichen Kindern und unterhaltenen Eltern wurde bei Bedürftigkeit eine Familienunterstützung gewährt. Man zahlte von Mai bis Oktober der Ehefrau monatlich 6 Mark, in den restlichen Monaten 9 Mark. Alle anderen Angehörigen und Kinder unter 15 Jahre erhielten 4 Mark pro Monat. Das Geld wurde halbjährlich ausgezahlt und konnte duch Naturalien wie Getreide, Brot oder Brennmaterial ersetzt werden. Private Unterstützung wurde nicht angerechnet. Auch Kriegerwitwen und ihre Kinder wurden versorgt. Diese Versorgungsleistung galt für die Zeit des Krieges und ein Ableben binnen 10 Jahre nach Friedensschluss durch Folgen einer Verwundung. Da Heinrich Sergeant/Feldwebel war, hätte sich bei „allgemeiner Versorgung“ die jährliche Zahlung auf 300 Mark belaufen, für Kinder 108 Mark, Elternteile 250 Mark.

Für ihr Leben in Bischweiler bedeutete der Kriegszustand die nahezu vollständige Entmachtung der elsässisch-lothringischen Landesregierung zugunsten einer oft willkürlich agierenden deutschen Militärdiktatur. Trotz des Verlaufs der Westfront durch das Oberelsass wurde die Region jedoch nicht zu einem Hauptkriegsschauplatz.

Sowohl die deutschen, als auch die französischen Armeen, zeigten gegenüber den Elsässern großes Misstrauen, das sich von beiden Seiten in zahlreichen Repressionen äußerte.

Im August 1914 war Mülhausen zwei Mal kurzzeitig von französischen Truppen eingenommen worden, dabei wurden zahlreiche Zivilisten in Internierungslager nach Frankreich verschleppt. Nach dem Vorwurf, auf deutsche Soldaten geschossen zu haben, wurden im Mülhauser Vorort Burzweiler sechs Elsässer hingerichtet und 60 Häuser zerstört. Die anschließende Untersuchung zeigte jedoch, dass deutsche Truppen aufeinander geschossen hatten.

Die bald starre Westfront mit ihren Stellungskämpfen verlief von der Schweizer Grenze westlich an Mülhausen vorbei durch den Sundgau und quer durch die südöstlichen Vogesen, durch das Münstertal zum Col du Bonhomme. Etwas weiter nördlich verließ die Front den Vogesenkamm Richtung Lothringen und Belgien. Massive Kampfhandlungen fanden nur 1914 und 1915 statt, unter anderem im Münstertal und am Hartmannsweiler Kopf. Viele Orte wurden zerstört, unter anderem die Stadt Münster.

In Potsdam wurden zunächst wenige Veränderungen wahrgenommen. Man sah nun feldgraue Uniformen und Kanonen am Alten Markt, der Kaiser versorgte zunächst Handwerker mit öffentlichen Aufträgen, um die privaten Auftragsausfälle auszugleichen. Auf einen langen Krieg war 1914 niemand vorbereitet.

Luise mit Fritz und Heinz 1916

Während der Weltkrieg in Europa tobte, kamen am 6. Februar 1915 mein Opa Fritz und am 15. Juni 1916 sein Bruder „Heinz“ in Potsdam zur Welt.

Meine Urgroßmutter Marie, in frohen Erwartungen, verbrachte die letzten Wochen vor der Entbindung im Frühjahr 1916 ebenfalls in Potsdam. Hier war sie in der Nähe ihrer Schwiegereltern Christian und Auguste. Bei ihr war „Trudchen“, die Erstgeborene, die dem Fotografen auf dem Foto unschuldig entgegen blickte, inzwischen fast sechs Jahre alt.

Rückblickend grenzt es fast an ein Wunder, das auch meine Oma Irmgard am 28. März 1916 gesund auf die Welt kam, trotz knapper Nahrungsmittelversorgung, unter der vor allem die Stadtbevölkerung bitter zu leiden hatte.

Der Arzt Alfred Grotjahn notierte dazu bereits am 17. März 1916 über die Folge der Unterernährung in sein Tagebuch: „Die Berliner Bevölkerung bekommt Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen treten hervor, und die entfettete Haut legt sich in Falten.“1

Fleischverordnung in „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 28. März 1916, p.42

Ursache dafür war neben der unzureichenden Bevorratung von Lebensmittelrationen bei Kriegsbeginn auch die von den Entente-Staaten durchgesetzte Seeblockade, welche im Herbst 1915 zu einer spürbaren Verschlechterung der Lebensmittelversorgung führte.

„Trudchen“ 1916

Zuvor kam es zu einer Reihe von Fehlentscheidungen durch das Kaiserliche Statistische Amt, welches unter anderem eine Analyse zur Vorratslage bei den Bauern durchführte und annahm, die Futtermittel würden nicht ausreichen, die rund 25 Millionen vorhandenen Schweine zu ernähren. Der Bauernstand hatte nun die Anweisung, die vermeintlich 5 Millionen überflüssigen Schweine im März 1915 der Schlachtung zukommen zu lassen. Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste, war die Tatsache, dass diese Annahme auf falschen Angaben der Bauern beruhte, welche nicht vor hatten, ihre Reserven der Kriegsmaschinerie zu opfern.

Da man alles Metall in der Rüstungsindustrie benötigte, wurden minderwertige Konservendosen hergestellt, das Fleisch verdarb und mit dem Verlust dieser Vorräte explodierten die Preise auf dem Lebensmittelmarkt. Kartoffeln und Weizen unterlagen einer Preisbindung, qualitativ gute Ware kam kaum zu den Händlern, man musste vermuten, die Bauern hielten diese bewusst zurück. Die Bevölkerung sollte nun mit einer Brot- und Mehlration von 1,5 kg/Person und Woche auskommen, Fett wurde auf 100 g/Person und Woche reduziert.  Bäckereien lieferten ein „Kriegsbrot“ aus 30 % Kartoffelmehl und minderwertigen Mehlsorten, Milch wurde mit Wasser gestreckt, Ersatzprodukte (Surrogate) waren nun an der Tagesordnung.

Als es zu einer weiteren angeordneten Massenschlachtung kam, fehlte in der Folge auch Dünger auf den Feldern, Kunstdünger in Form von Salpeter wurde zur Munitionsherstellung beschlagnahmt, entsprechend niedrig fielen die Erträge aus. Im Herbst 1916 brachen die Erträge um weitere 50 % durch Kartoffelfäule ein, da es Unmengen geregnet hatte.

„Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 30. Sept. 1916, p.82

Wie dramatisch die Lage für die Bevölkerung war, zeigt sich auch im Betrug durch Geschäftemacherei, wie der Bäcker Brion aus Bornim bewies, der der Brotfälschung angeklagt wurde. Das Wenige, was es auf Zuteilung gab und nicht an die Front ging, wurde gestreckt und mit gesundheitsschädigenden Zusätzen vermengt.

Da es keine Kartoffeln mehr gab, kamen als Ersatz die Kohlrüben (Steckrüben), oder wie sie bei uns heißen: „Wrunken“, auf die Zuteilungsliste. Vorräte mussten gemeldet werden und wurden beschlagnahmt.

Der Nährwert dieser Rüben ist sehr gering, etwa 1/3 der Kartoffeln, die Rationen wurden auf 1000 Kalorien pro Tag für Erwachsene reduziert, die Zuteilung versprach wöchentlich für einen Erwachsenen 1,7 kg Brot, 100 g Mehl, 350 g Fleisch inkl. Knochen, 2,5 kg Kohlrüben, 500 g Kartoffeln, 500 g Sauerkraut, 250 g Zucker, 50 g Grütze, 50 g weiße Bohnen, 50 g Butter, 30 g Margarine, 100 g Marmelade und alle 14 Tage ein Ei.4

Dr. Grotjahn notierte dazu am 20. Februar 1917: „Die Allgemeinsterblichkeit steigt jetzt stark. […] Langsam aber sicher gleiten wir in eine zur Zeit allerdings noch wohlorganisierte Hungersnot hinein.“1

Um die Katastrophe vollständig zu machen, gab es einen besonders harten Winter, im Februar wurden – 22°C gemessen. Brennmaterial war kaum vorhanden. Der Chef des Sächsischen Landeslebensmittelamtes Dresden, Walter Koch3, erinnert sich: „Aber schlimmer als der Hunger erschien mir die Kälte. Die Zentralheizung des Hauses durfte infolge der Knappheit nachts nicht durchgefeuert werden, so daß meine beste Arbeitszeit, abends von 10 bis 2 Uhr, kalte Zimmer fand. Mit einem kleinen Kanonenöfchen suchten wir den Übelstand zu mildern; doch war es schwer, Heizmaterial zu bekommen. […] 5 oder 6 Zentner Kohlrüben haben wir in jenem schlimmen Winter gegessen. Früh Kohlrübensuppe, mittags Koteletts von Kohlrüben, abends Kuchen von Kohlrüben.“

Am 1. April 1917 wurden die offiziellen Brotrationen auf 170 g/Tag, die angeblich vorhandenen Kartoffelrationen auf 2,5 kg/Woche gekürzt. Im Mai wurde eine Verfügung der Reichsbekleidungsstelle erlassen, dass zur Bekleidung der Toten Bezugsscheine auf neue Kleidung, Wäsche und Schuhwaren nicht mehr ausgefertigt werden dürfen. Für Totenhemd, Decke und Kissenbezug wird Papierstoff empfohlen, weil die Notwendigkeit, die Vorräte zu strecken, den alten Brauch der Totenbekleidung nicht mehr zulasse.

Meine Urgroßmutter Luise versorgte sich und die Kinder wie die meisten, in dem sie in den umliegenden Wäldern Potsdams Pilze und Beeren sammelte und natürlich Kienäpfeln, da es Kohlen nur auf Bezugsscheine gab, wenn überhaupt. Ihr eigentliches Glück waren die Eltern in Altlandsberg. Damals noch ein richtiges Dorf. Dort hatten sie ein kleines Dorfhaus mit schönem Garten und Kleinvieh. Die Hühner und Enten waren ganz zahm und liefen hinter ihnen her, wenn sie durchs Dorf gingen.

Ab Juni kam kaum noch Obst und Gemüse in den Handel, die Ernte wurde abseits der Märkte zu Höchstpreisen verkauft, da staatliche Ankaufstellen einer Preisbindung unterlagen. Heimlich auf „Hamsterfahrt“ zu gehen, wäre vielleicht möglich gewesen, jedoch kostet die Bahnfahrkarte inzwischen doppelt so viel Geld und viele Bauern bewachten sogar nachts die Felder. Manche bauten Holztürme und beleuchteten diese, um Diebstähle zu verhindern. So musste man sehen, wie man mit dem Wenigen, das man hatte, zurecht kam.

Mit Bekanntmachung vom 31. Juli 1917 wurde das Beschädigen und Nachernten von Feldfrüchten durch das unbefugte Betreten der Äcker und Wiesen unter Strafe gestellt. Der Sommer war in diesem Jahr heiß und trocken, so fiel die Ernte an Kartoffeln erneut schlecht aus. Auch Milch gab es immer seltener, selbst der Kaffeeersatz aus Zichorie, Gerste und Rüben war nicht zu erhalten, da die Gerste für die Brotherstellung verwendet wurde. Im Spätsommer 1917 kosteten 500 g Butter offiziell 3 Mark, auf dem Schwarzmarkt 14 – 15 Mark. Für die Durchschnittsbevölkerung unerschwinglich, da man bereits alles, was Wert hatte, vor allem Edelmetalle, abgegeben hatte. Alles wurde eingeschmolzen für den Krieg.

Immer häufiger nun hörte man von Hungeraufständen, überall bettelten verlumpte Kinder um etwas Brot. In den Zeitungen gab es Vorschläge zur Verwertung von Steckrüben und Empfehlungen zu deren Trocknung. So verlief auch dieses Kriegsjahr mit weiteren Entbehrungen und dem Anstehen an den Ausgabestellen für Waren der Bezugsscheine. Immerhin wurde Potsdam von Kriegseinwirkungen verschont.

Anfang 1918 kam es zu erheblichen Ausschreitungen, der Hunger nahm deutlich zu, mit ihm die Zahl der Toten, da die geschwächten und in der Winterkälte an Tuberkulose erkrankten Menschen keinerlei Widerstandskraft mehr hatten. Die Fleischrationen enthielten immer mehr Knochen, Wurst kam kaum auf den Markt, im Juni wurden die allgemeine Wochenration Mehl von 200 auf 160 g abgesenkt, im Juli die Kartoffeln von 3,5 kg auf 1,5 kg, dann nur noch 500 g pro Person und Woche. Die Rationen sahen nur noch 2 Eier im halben Jahr vor. Die Politik diskutierte und kam auf absurde Ideen, so das Abschlachten der Rinder, da man vermutete, diese würden mit den Kartoffeln gefüttert, letztlich kam eine neue Ernte und die Bezugsscheine wurden auf 3,5 kg herauf gesetzt.7

Vor allem die Berliner Bevölkerung, die zumeist vergeblich nach Kohlen angestanden hatte, machte sich mit Handwagen nach Blankenfelde zum Torfstich auf, in der Hoffnung, dort Heizmaterial zu erhalten.7

Da es im Herbst 1918 kein Fleisch mehr gab, wurden die Brotrationen angehoben. Das Berliner Tagesblatt meldete für die Woche ab dem 1. Oktober 1918 eine Anhebung auf 1,9 kg pro Person und Woche, als Ersatz für das Fleisch sollten Erwachsene 250 g, Kinder 125 g Weizenmehl erhalten. Dazu wurden 125 g Käse, 40 g Butter und 30 g Margarine als Rationen berechnet.

Marie, die als Zimmermädchen im Hotel von Verwandten arbeitete, bevor sie ihren Mann kennen gelernt hatte, schlug sich ebenfalls so gut durch, wie es ging. Unterstützung durch ihre Eltern konnte sie nicht erhalten, diese waren in Bernbach längst verstorben. Nur ihre kinderlose Schwester Frieda, die mit Oskar Heinemeyer verheiratet war, stand ihr als Stütze zur Seite.

Politisch bahnten sich ernsthafte Veränderungen an, der elsass-lothringische Abgeordnete Haegy sprach in seiner Rede vor dem Reichstag in Berlin am 25. Oktober 1918 im Zusammenhang mit der preußisch-deutschen Zeit von einer „Fremdherrschaft“, und bezüglich der politischen Behandlung Elsass-Lothringens von „verbissener Zähigkeit“ und „giftiger Selbstsicherheit“.6

Im November 1918 bildeten sich im Deutschen Reich Arbeiter- und Soldatenräte, so auch in Straßburg. Die ausgerufene Republik Elsass-Lothringen hatte allerdings angesichts des kurz bevorstehenden Einmarsches der französischen Truppen weder grossen Rückhalt noch historische Perspektive. Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 räumten die deutschen Truppen das Elsass.

Am 15 Nov. 1918 kam es in Straßburg zu einem Befehl, welcher die Gendarmen und Oberwachtmeister anwies, auf ihrem Posten zu bleiben, da sie Teile der Landespolizei seien und weiterhin ihren Dienst unter dem Schutz des Nationalrates zu leisten haben.

Ungeachtet dieser Tatsache wurden sie bei Einmarsch der französischen Truppen entwaffnet und ihres Dienstes enthoben. Sie verloren bei der Ausweisung nach Deutschland nicht nur ihre Pensionsansprüche, sondern auch ihre Habe. Mein Urgroßvater Heinrich mit Familie, sowie Oskar und Frieda, flohen aus dem Elsass, erlaubt wurde ihnen dabei jeweils nur 15 Pfund Gepäck ! Heinrichs Bruder Gustav, bereits seit 1911 in Berlin als Schutzmann tätig, hatte als Polizeibeamter beiden die Anstellung bei der Polizei in Aussicht stellen können, so dass für die Familien gesorgt war.

Oma, die immer stolz erzählte, das sie noch im Elsass laufen lernte, war inzwischen knapp zweieinhalb Jahre alt, als sie mit ihrer Schwester in Potsdam ankam. Die junge Familie zog zu Heinrichs Eltern in die Zimmerstrasse in Potsdam.

Seit Juli traten bereits Grippewellen auf, verstärkt in der zweiten Septemberhälfte. Mitte Oktober war klar, es herrscht eine Epidemie. In einigen Teilen Deutschlands waren bereits die Hälfte der Einwohner der Städte erkrankt. Die Pressezensur hatte verhindert, das die Bevölkerung erfahren konnte, das in Madrid im Mai 1918 bereits jeder dritte Einwohner erkrankt war, einschließlich des Königs und seines Kabinetts. Die Erkrankungswelle bekam daher den Namen „Spanische Grippe“.

Das vorrangig Menschen zwischen 20 und 40 betroffen waren, die teilweise auf offener Straße zusammen brachen und starben, war damals nicht zu erklären. Es gab jedoch Vermutungen, das eine Erkrankung, die 1889 grassierte, für eine gewisse Immunität bei der älteren Bevölkerung gesorgt haben könnte.8

Eine dritte Erkrankungswelle gab es zum Jahreswechsel 1918/19 und hielt bis etwa April 1919 an. Meist setzte ein plötzliches hohes Fieber mit Schüttelfrost ein, begleitet von starken Kopf- und Gliederschmerzen sowie Husten, auch Nasenbluten kam vor. Das Virus war sehr aggressiv und schädigte binnen kürzester Zeit das Lungengewebe, die Lungenentzündungen gingen mit Blutungen der Lunge einher.8

Heinrich war damals mit anderen auf einem offenen Lastwagen zum Dienst unterwegs, es wurde erzählt, er hatte Symptome einer „Kopfgrippe“, nachdem er sich dort erkältete. Er starb am 8. Januar 1919 im Alter von nur 40 Jahren in Potsdam.

 

 

 


1 Der „Kohlrübenwinter“ 1916/17; LeMo; Autor Arnulf Scriba für: Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2014
2 Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“; Nachweis: Zeitschriftenarchiv Staatsbibliothek Berlin
3 Walter Koch: Kohlrübenwinter; LeMo; Deutsches Historisches Museum, Berlin
4 Im Interesse der hungernden Bevölkerung – die Gründung des Landkreistages im Ersten Weltkrieg.
5Fotos Kriegstaumel, Dragoner aus: Berliner Illustrirte Zeitung; Ullstein & Co Berlin, 1914; original Jahrgang in meinem Privatbesitz
6Reichstagsprotokolle 196. Sitzung, 25. Oktober 1918
7Dieter Baudis: Auswirkungen des Krieges auf die Lage der Volksmassen in Berlin1917/18; p.9-27; in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987; Akademieverlag Berlin, DDR
58wikipedia Spanische Grippe