Blumendorf – Kriegsende und Vertreibung

Mein Dank gilt Frau A. Relin, durch welche dieser Bericht an mich mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung übergeben wurden. In Erinnerung an alle Einwohner von Blumendorf, vor allem derer, die zum Kriegsende durch Willkür ihr Leben lassen mussten.


In tiefer Dankbarkeit dem Autoren W. Frischling gegenüber, veröffentlicht jedoch aus Datenschutzgründen nur mit Namenskürzeln.


Kriegsende und Vertreibung – eine Blumendorfer Chronik

Seit Februar 1945 verlief die Frontlinie durch unseren Heimatkreis Löwenberg. Der Niederkreis war von den Russen besetzt. Die Stadt Löwenberg fiel am 16. 2. Die Trecks der bei uns einquartierten Flüchtlinge zogen zum größten Teil weiter nach Westen. Auch viele der Evakuierten verließen unseren Ort. Die eingesessene Bevölkerung blieb geschlossen zurück. Im Wald wurden Holzhäuser und Unterstände gebaut, auch von den Kunzendorfern und Antoniwäldern. Als Verstecke vor der Roten Armee waren sie von zweifelhaftem Wert, da auch Ostarbeiter beim Bau mithalfen und somit die Verstecke kannten. Nach den erfolgreichen Abwehrkämpfen bei Lauban – das mehrmals den Besitzer wechselte – vom 26. Februar bis 5. März, stabilisierte sich die Frontlinie. Die den Rotarmisten durch Armeebefehl freigegebene Willkür im Rauben, Brennen, Morden, Plündern und Schänden, sowie übermäßiger Alkoholgenuß, lähmten die Schlagkraft der Roten Armee. Erst Mitte April trat sie wieder zu Großangriffen an und erzwang den Übergang über die Lausitzer Neiße.

Karte Kampf von Bautzen, Phase vom 21.-22. April 1945.1

Ihr nördlicher Angriffskeil war nicht zu stoppen und erreichte am 24.4. südlich von Torgau die Elbe. Der südliche Keil wurde jedoch in erfolgreichen Gegenstößen vom 19. bis 26. 4. schwer angeschlagen und Bautzen, Weißenburg und Niesky zurückerobert. Dadurch wurde den schlesischen Flüchtlingen bis kurz vor der Kapitulation der Treckweg nach Westen offen gehalten.

Am 8. Mai, dem Waffenstillstandstag, kamen die Russen bis Rabishau und Querbach. Uns Blumendorfer traf die Kriegsfurie nicht mehr mit voller Wucht.

8.5. Viele Blumendorfer – vor allem junge Mädchen – fliehen den Weinberg hoch nach Antoniwald bzw. Richtung Wald zu den gebauten Blockhäusern. Auf dem Weinberg erreicht sie die Nachricht, daß der Krieg aus sei. Sie kehren um. Am Nachmittag fährt ein Russe mit seinem Motorrad bis Steinhäuser und wendet dort.

9.5. Erstmals russische Soldaten im Ort. Sie übernachten bei B. Sie ordnen auch den Abzug der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen an.

10.5. Unser Bürgermeister Paul Neumann (1884-1945) fährt die Ostarbeiter nach Bunzlau und wird seitdem vermißt.

11.5. O. T. und F. S. fahren die polnischen Arbeiter nach Bunzlau. Beide sind am nächsten Tag wieder zurück.

12.5. Die in Kunzendorf beschäftigten Polen werden nach Bunzlau gefahren. R. D.´s Pole bringt das Gespann heil zurück. Förster R. – mit O. W.´s Pferden – wird das Gespann abgenommen. Er selbst kann sich durch Flucht retten. Die französischen Gefangenen werden in Schreiberhau gesammelt. Albert, der kriegsgefangene Belgier bei I. G. in Gotthardsberg, will L. G. im Transport mitnehmen, was ihm von den Russen nicht gestattet wird. So machen sich die beiden Brautleute zu Fuß auf den Weg nach Belgien.

10. – 20.5. Durchziehende Russen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch marodierende Gruppen. Geraubt werden vor allem Uhren, Schmuck, Stiefel, Pferde, Schweine, Eßwaren und Kleider. Die in geschlossenen Einheiten abziehenden Russen sind wieder diszipliniert, nehmen nur Eßwaren und leisten sich keine Übergriffe. Mongolische Kampftruppen werden fast wie Gefangene zurückgeführt. Sie übernachten bei D. in Kunzendorf auf einer Viehweide. Als Verpflegung holen sie eine Kuh von O. K. Die im Dorf verbliebenen Flüchtlinge – z.B. aus Weißenfels, Krs. Neumarkt – packen wieder ihre Habe auf Fuhrwerke und fahren heimwärts. Andere, die schon weiter nach Westen geflüchtet waren, kommen auf dem Heimweg durch unseren Ort. Die aus dem Sudetenland kommen, sind von den Tschechen ausgeplündert worden. Besonders in Gotthardsberg haben wir bis in den Juni hinein Übernachtungen von Landsern, die der Gefangenschaft entgehen wollen und am Waldrand entlang nach Westen ziehen.

Am 14. 5. z.B. übernachten bei uns (Frischling) 16 Mann, darunter eine Gruppe aus Recklinghausen. Diese lehnen Quartier im Haus ab und schlafen in der Scheune, die ein Schlupfloch nach hinten raus hat. Sie stellen die ganze Nacht über Wachen aus. Drei andere: „Wir sind schon zweimal getürmt; ein drittes Mal kriegen sie uns nicht!“

18.5. Freitag vor Pfingsten werden in Kunzendorf grfl. etwa 20 Männer unter 50 Jahren und etwa ebenso viele Landser angeblich zum Arbeitseinsatz mitgenommen. Nach langen Verhören wird O. W. – unser Ortsgruppenleiter – aussortiert. Er kommt mit Lehrer H. und dem Direktor der Spinnerei aus Friedeberg, sowie P. und D. aus Giehren in das Zuchthaus Bautzen, Mitte Juli in das Lager Tost bei Gleiwitz O/S. Etwa 8000 Deutsche kommen in den fünf Monaten bis Dezember 1945 in dem Lager durch Erschießen, Mißhandlung, Hungerruhr, Hungertyphus und andere Krankheiten ums Leben. Außer kleinen Parteifunktionären hatten die Russen Kapitalisten wie Gutsbesitzer und Fabrikanten, Polizisten, Kriminalbeamte, aber auch willkürlich Förster , Ärzte u.a. verhaftet und im Lager dezimiert. Die restlichen etwa 800 werden im Dezember entlassen: darunter auch O. W.. Aus Ludwigsdorf / Rsgb, sterben im Lager Oskar Felsmann und der Bäcker Laschtowitz. Förster Harbig stirbt auf dem Heimweg in Breslau.

Pfingsten: Razzia auf arbeitsfähige Männer in Blumendorf. F. R. , unser Stellmacher, versteckt sich den ganzen Tag unter dem Holz in der Werkstatt. Die mitgenommenen Männer kommen nach Tagen wieder. Plünderungen und Mißhandlungen der Bevölkerung durch polnische Banden.

21.5. Ablieferung von Motorrädern, Fahrrädern, Radios und Waffen (Jagdgewehre von Förster D. und R. E.) bei R. E.. Er und O. J. fahren das Beutegut mit Ackerwagen nach Birngrütz oder Rabishau.

26.5. K. E. – ein ausgebombter Sachse, der bei K. wohnt, wird Bürgermeister. Die für uns zuständige Kommandantur ist in Ludwigsdorf /Rsgb. Dorthin sind auch Ablieferungen zu leisten. Zum Schutz gegen die Überfälle und Plünderungen durch die Polen wird eine deutsche Polizei eingerichtet. Mit weißen Armbinden und Trompeten gehen sie abends auf Streife. In einer Mainacht treffen die Gotthardsberger auf zehn voll bewaffnete Soldaten der Wlassow – Armee, die Lebensmittel wollen. In der nächsten Nacht einigt man sich darauf, die Russen – darunter ein Volksdeutscher – als Arbeitskräfte bei den Landwirten im Dorf zu verteilen. So kommt einer zu I. M. und einer zum T. – Bauer. Kommen Rotarmisten, verstecken sie sich.

Juni 45: Auf den Straßen weiterhin durchziehende Kolonnen von Polen und Russen. Weißrussen, die in ihrer Heimat plötzlich zum Arbeitseinsatz verpflichtet wurden, bauen die Oberleitung und ein Gleis der Bahnstrecke Berlin – Breslau ab. Es sind Männer von 40 bis 50 Jahren, z.T. mit bunten gestickten Mützen bekleidet. Sie werden schlecht verpflegt. In Rabishau gehen sie oft in die Häuser und bitten um Essen. Sie bedanken sich mit russischen Liedern. Flüchtlinge und jetzt auch aus der Gefangenschaft entlassene Soldaten sind auf dem Weg nach Hause.

Am 15. 6. kommt auch mein Vater, G. F. der in 14 Tagen von Bayern zu Fuß nach Hause gelaufen war. Bürgermeister E., der am 2.6. von P. R. die Gemeindekasse und den Standesamtsposten übernimmt, gibt Quartierscheine aus. Wir bekommen oft Quartiergäste, die auch mit verpflegt werden.

1.7. Polen übernimmt die Verwaltung der deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie.

10.7. Es liegt etwas in der Luft! Viele Landser und die zehn Wlassow- Russen ziehen ab. Diese bekommen – wohl von E. – Pässe als Ostarbeiter. So haben sie eine Überlebenschance. Auch einige Dorfbewohner verschwinden am nächsten Morgen in den Wäldern.

11.7. Erste wilde Austreibung der Blumendorfer durch Militärpolen. Die Polen nennen diese Aktion den „Hitler-Marsch“. Unter wildem Geschieße werden die Leute aus ihren Häusern geholt und wie Vieh fortgetrieben. Einige Familien dürfen bleiben zum Kühe melken und Vieh versorgen. Es sind bisher kaum Polen im Ort. Der Marsch geht über Neusorge nach Rabishau. Dort gelingt einigen Familien die Flucht, z.B. K. E., R., M. und F. Die anderen übernachten beim S. – Bauer in Rabishau in der Scheune. Am nächsten Tag geht der Marsch weiter über Giehren, Krobsdorf und Bad Schwarzbach zum tschechischen Schlagbaum. (Das Sudetenland haben die Tschechen nach Kriegsende wieder vereinnahmt.) Die Tschechen lassen jedoch keinen mehr durch. So wird in in einer Fabrik in Bad Schwarzbach übernachtet und am 13. 7. geht es „ohne Begleitschutz“ zurück nach Blumendorf. Die „Waldgänger“ und die „Ausreißer“ waren schon einen Tag früher wieder im Dorf, nachdem die Polen abgezogen waren. Diese hatten an dem einen Tag fleißig gearbeitet: Die leerstehenden Häuser waren durchwühlt; in manchen Gärten fanden sich Grabespuren. Oft waren sie fündig geworden; sie hatten wohl einen Blick dafür.

30. 7. Unser ehemaliger Lehrer Paul Jaster – schwer an Bronchialasthma leidend – wählt in Rabishau den Freitod. Er hatte 1920 seine westpreußische Heimat verlassen müssen, weil er nicht für Polen optieren wollte. Nun sah er auch für die Deutschen in Schlesien keine Zukunft mehr und beschwor seine Familie, in den westlichen Teil Deutschlands zu fliehen. Bürgermeister K. E. und der Lehrer A. S. werde von den Polen eingesperrt. Herr S. wird in Steinhäuser sehr verprügelt. Der Kaufmann E. S. – der polnisch spricht – wird als polnischer Bürgermeister eingesetzt. Büro ist in der Schule.

3. 8. Ablieferung von Getreide (je 4 Ztr.) nach Kunzendorf. Haussuchungen sind an der Tagesordnung. Einweisungen polnischer „Verwalter“. Die ersten Polen im Ort sind „Ernst“ (so wurde der ehem. Kutscher von L. genannt), B.´s Pole und der berüchtigte Pr. bei R. E.. Pr. nimmt die Einweisungen vor. Von E.´s verlangt er alle Schlüssel und schließt alles ab. Brauchen sie Lebensmittel oder ein Kleidungsstück, müssen sie ihn darum bitten. Die polnische Verwaltung wird jetzt fühlbar. Alle Deutschen müssen weiße Armbinden tragen. Die Männer werden in die Schule bestellt und verhört. Parteigenossen – auch Mitglieder der NSV (Volkswohlfahrt) werden aussortiert. Es wird ihnen eröffnet, daß sie bei irgendwelchen Vorkommnissen als Geisel haften.

7. 8. Scheinhinrichtungen der Gotthardsberger Jungen am Waldrand unterhalb des Schmiedelsberges. Die Jungen werden einzeln in den Wald geführt. „Pistoliette jest?“ (Hast Du Pistole?) Dann pfeifen einem einige Pistolenkugeln um die Ohren. Schlimmer erwischt es W. G. bei einer anderen Aktion. Er wird brutal verprügelt und an einem Strick hochgezogen. Er flieht in der folgenden Nacht. Etwa um diese Zeit werden die Kunzendorfer Jungen vier Wochen im Lager Lauban inhaftiert und mißhandelt. Die Blumendorfer Jungen müssen sich gegenseitig verprügeln. Dann werden sie an der Böschung aufgestellt und die Polen feuern über ihre Köpfe hinweg.

Oktober 45: Ständig kommen neue Polen ins Dorf. Kartoffeln müssen abgeliefert werden und auch Vieh. Die Ställe sind bei uns noch voll und die Abgabe von ein oder zwei Kühen geht nicht an die Substanz. Manche hatten noch Kühe aus dem Kampfgebiet aufgenommen, die im März 1945 hier ankamen.

5. 11. A. N., (unser Schlosser und Mechaniker), A. B. (Müller) und E. S. (Kaufmann u. z.Z. Bürgermeister), verlassen mit ihren Familien heimlich unser Dorf. Ihr Ziel ist Obercunnersdorf / Lausitz, wo N.´s Vater eine Landwirtschaft betreibt. S. zieht weiter nach Berlin. Bei ihm (ehem. Lebensmittelgeschäft) werden große Vorräte an Lebensmitteln gefunden.

6. 11. „Ernst“ macht sich zum Bürgermeister und zieht in das Haus von Kaufmann S.

21.11. Großer Viehabtrieb: Vieh wird aus den Ställen geholt und zum Schulhof getrieben. I. N., H. T., G. K., E. G. und H., sowie zwei Landser, werden als Treiber mitgenommen. Am Abend des zweiten Tages setzen sie sich in Liebenthal oder Langwasser ab und laufen nach Hause.

5. 12. Eine Kommission zählt sämtliches Inventar.

9. 12. Hermann Zölfel verunglückt tödlich. Er mußte für die Polen Stroh nach Krobsdorf fahren. Am Abend findet er auf seinem Wagen ein Gefäß „wie eine Ölkanne“. Er nimmt es mit in die Stube und betätigt dabei den Zünder der Handgranate. Er will noch das ihm unheimlich werdende Ding nach draußen bringen, da explodiert es und reißt ihm den Bauch auf.

20.12. Das Büro des Bürgermeisters und der Miliz wird bei S. eingerichtet.

26. 1. 46 Ausgabe der polnischen Kennkarte. Die ehemals selbständigen Landwirte werden darin als „robotnik rolny“ (Landarbeiter) geführt. Der Fingerabdruck ergibt nur einen blauen Fleck. Das Stempelkissen war wohl reichlich mit Tinte gefüllt worden.

April 46 Der Landwirt und Waldarbeiter Albert Hase, Blumendorf Nr. 33, wird bei einem nächtlichen Raubüberfall von Polen ermordet. T. K. findet ihren allein wohnenden Großvater am nächsten Morgen. Schon zweimal war er in den Wochen vorher heimgesucht worden. Einmal hatten die Räuber ihn im Bett gefesselt und geknebelt.

30. 4. In Rabishau wird P. J.´s Schwiegervater, der Kantor Max Engwicht, von der polnischen Miliz zu Tode geprügelt. Auch H. und I. J. werden schwer mißhandelt. Nach diesem Mord greifen die Russen ein. Es kommt zur Verhandlung in Löwenberg, wo die Täter verurteilt werden. J.´s erhalten Warnungen, daß sich die Polen dafür an ihnen rächen wollen. So fliehen sie mit Frl. F. und Frau B. nach Kohlfurt, wo die Engländer alle Vertriebenentransporte entlausen und in den Westen weiter leiten. Eie Restfamilie J. kommt mit ihren Gefährtinnen in den Südharz.

22. 5. Eine Kommission prüft die Getreidevorräte. Dabei werden auch – wohl in Absprache mit dem jeweiligen polnischen Verwalter – Haussuchungen größeren Stils vorgenommen. Bei uns müssen sechs deutsche Männer unter Aufsicht Heu, Stroh und Holz systematisch umpacken. Pr. – für solche Sachen berüchtigt – verprügelt meinen Vater G. F. und schlägt ihm einen Zahn aus. Ich darf mir in T. – Bauers Busch ein Grab schaufeln. Zum Antreiben gibt es Kolbenstoße und das übliche Geschieße.

Pfingsten 46: Während in der Gastwirtschaft „Urban“ die Tanzmusik spielt, dringen zwei Polen bei R. ein und plündern. Weder die Trauringe an der Hand, noch die 15- und 17-jährigen Töchter, werden verschont. Mit dem Messer bedroht, müssen sie sich fügen. P. R. meldet das Verbrechen bei der Kommandantur, aber außer endlosen Verhören der Opfer kommt nichts dabei raus, obwohl die Täter bekannt sind: Polen aus Gotthardsberg. Die Bewohner von Häusern ohne polnischen Verwalter sind Freiwild für rabiate Polen, siehe Hase, R., H. Allerdings ist das Zusammenleben mit den Polen in manchen Häusern ein Martyrium ohne Ende, siehe R. E. und B. G. Wenn sie besoffen sind, wird es ganz schlimm: J. zerschlägt einmal einen eichenen Spazierstock auf B. G.´s Rücken. Oft behalten die Deutschen nur eine Stube und die persönliche Habe wechselt zum größten Teil den Besitzer. Manche Polen suchen mehr nach versteckten Sachen, andere betätigen sich als Wegelagerer. Rühmliche Ausnahmen sind die meisten „Galizierpolen“, die sich den Deutschen gegenüber menschlich verhalten. In manchen Dörfern – wie Johnsdorf, wo viele Galizier hingekommen sind – ist das Zusammenleben von Deutschen und Polen viel besser. In Blumendorf geben die radikalen Elemente den Ton an.

11. 7. Ein uniformierter Pole auf einem Motorrad bringt die Nachricht der Ausweisung. Unser „Chef“ reduziert unser Fluchtgepäck beträchtlich.

12.7. Vertreibung der Deutschen aus Blumendorf, Kunzendorf und Antoniwald. Als wir am Morgen in Gotthardsberg aufwachen, werden schon die Antoniwälder durchgetrieben, die man schon um 3 Uhr aus den Betten geholt hat. In Blumendorf werden Leute z.T. aus den Häusern herausgeprügelt und die letzte Habe wird noch weggenommen. (N.´s Beschwerde in Plagwitz hat Erfolg: Ihr Pole muß für jeden ein Federbett herausgeben). Der Abschied von der Heimat wird uns von den Polen leicht gemacht! Die Hunde bereiten Probleme: Sie wollen mit. An der Blumendorfer Schule sammeln sich die Ausgewiesenen. Zurück bleiben nur die Familien des Stellmachers F. R., des Schmiedes F. B., sowie von O. E., J. L., P. F., R. K. und E. N. Die Familie B. bekommt wegen der durch Schlaganfall gelähmten Mutter L. eine Woche Aufschub. In Gotthardsberg bleiben neben G. T., (Maurer), O. W., (Zimmermann), A. F. (Straßenwärter), auch ältere Leute wie F. S., H. W., G. K. und O. mit Familien zurück, sowie F. D.

Während die Polen von Meißners Garagendach den Auszug filmen, setzt sich der Zug der Vertriebenen in Bewegung. Auf Schubkarren, Handwagen, Kinderwagen, Reisekörben auf Rädern u.ä. fahren sie mit dem Rest ihrer Habe – die kleinen Kinder oben drauf – ins Ungewisse.
Manche tragen nur ihren Rucksack. Nur wenige Fuhrwerke sind dabei für alte Leute und Gepäck, so N.´s und L.’s , welches F. R. lenkt. O. J.´s Pole holt – als er die Misere sieht – J.´s Ochsengespann und fährt damit einiges Gepäck bis Plagwitz, obwohl die Ochsen eigentlich nicht mehr können. Der Marsch geht über Birngrütz, Rabishau, Hayne, Langwasser, Hennersdorf, Liebenthal, Schmottseifen und Löwenberg, ca. 35 km. Auch die Menschen sind am Ende, als sie gegen Abend das Lager (Schloß Plagwitz, ehem. Irrenanstalt) erreichen.

13.7. Ausfüllen der Wagenlisten (ca. 35 Personen für einen Güterwagen) Fast alle Blumendorfer werden durch die Kontrolle geschleust (noch einmal gefilzt) und verladen. Nach einer Woche erreichen sie Troisdorf / Siegkreis im Rheinland.

15.7. Mit dem nächsten Transport verlassen die restlichen fünf Familien, zusammen mit den Nachbardörfern, die schlesische Heimat. Über Kohlfurt, Ülzen und Siegen geht es ins Sauerland. Die Antoniwälder kommen nach Lüdenscheid, die Kunzendorfer in die Nähe von Meschede bzw. nach Schmallenberg und Finnentrop.

27. 11. Eine Serie von Morden versetzt die wenigen verbliebenen Deutschen in Angst und Schrecken. Schon im Hochsommer war ein Arztehepaar (Bombenflüchtlinge aus Berlin) an der Reichsstraße 6 zwischen Berthelsdorf und Reibnitz erschossen worden. Wochen später ein Lustmord an der stellv. Organistin von Reibnitz und ihrer Mutter.
Nun, am 1. Advent, begehen in Berthelsdorf „zwei in Uniform und zwei in Zivil“ (Polen) einen Raubüberfall auf das Haus des Deutsch – Amerikaners Hopf. Dabei werden seine Schwägerin und zwei Besucher (ein Facharbeiter aus Fliegels Fabrik und die Rote-Kreuz-Schwester Maria Brüggmann) ermordet. Herr Hopf stirbt nach fünf Tagen an seinen Wunden. Die Verbrecher werden später gefaßt und die Haupttäter zum Tode verurteilt.

27.11.46 Der Mord an Schwester Maria hat Folgen für die Rote-Kreuz-Schwestern M. S. (Alt-Kemnitz) und C. O. (Berthelsdorf, fr. Kunzendorf grfl.). Sie, die schon auf der Ausweisungsliste stehen, müssen bis 1950 bleiben. Schw. M. übernimmt die ev. Seelsorge in den umliegenden Pfarreien. Schw. C. spielt die Orgel.

8.12.46 Ausweisung der Gotthardsberger Familien T., W., S., W., G. und O. K.. Sie müssen bei tiefem Schnee und starker Kälte die 20 km nach Hirschberg laufen. Nur die alten Leute werden auf Fuhrwerke gesetzt. Am Hirschberger Bahnhof wird bei der Kontrolle der W. – Fleischer aus Ludwigsdorf/ Rsgb. noch kräftig ausgeplündert. Die Polen gießen ihm aus Schikane Sirup in die Federbetten. Ida Tietze stirbt, noch auf „polnischen“ Gebiet, auf dem Transport. Sie wird von Polen mit Fußtritten aus dem Güterwagen gekippt und bleibt dort liegen. Der Transport geht nach Riesa/Elbe, wo W.´s bleiben. Die anderen werden nach eigenen Wünschen über ganz Sachsen verteilt, (nach Sayda, Döbeln, Freyburg , Chemnitz und Calbe .

2.7.47 Eine neue Ausweisungswelle erfaßt die Familien E., B., F., K.und F.. A. F. arbeitete bis zum 1.7. als Straßenwärter, der Sohn H. betrieb für B. G.´s Polen die Landwirtschaft, die Tochter A. führte B. K.´s Polen den Haushalt. Die Ausgewiesenen werden in Greiffenberg in Güterwagen verladen. Vom Lager Görlitz-Moys geht es über Lauban, Kohlfurt, Sagan nach Bitterfeld in die damalige Ostzone. Die Familien F. und K.kommen nach Halle/Saale, E. und F. nach Bernburg/Saale und B. nach Aken/Elbe. Die Familie des Stellmachers F. R. muß in Blumendorf zurückbleiben, da M. R. hochschwanger ist. Ende September werden sie von Greiffenberg wieder zurückgeschickt, weil Frau R. nach der Geburt ihrer Tochter B. schwer erkrankt ist.

Nov. 47 Deutsche aus Greiffenberg, Friedeberg, Bad Flinsberg, Blumendorf, Giehren und Birngrütz werden nach Löwenberg umgesiedelt, weil sie „zu nahe an der tschechischen Grenze wohnten“. Elend untergebracht, müssen sie für den Hungerlohn von 17 Zloty bei der Stadt arbeiten. (1 l. Milch kostet 40 Zl.) Sie wechseln auf ein Staatsgut in Nieder-Görisseifen, wo F. R. wieder als Stellmacher arbeitet. Die Ernährung ist wenigstens gesichert! Dort sterben die Eltern Heinrich und Anna R.

20.2.49 Frau N., Blumendorf, die Mutter des kriegsbeschädigSchuhmachers E. N. aus Brieg, O/S, wird in Kunzendorf von Schw. M. beerdigt. Der 78-jährige J. L. aus Bldf. trägt das Kreuz voran. (J. L. und der beinamputierte E. N. erhalten in den 50er Jahren noch die Ausreise.)

22.2.50 Die Rote-Kreuz-Schwestern M. S. und C. O. dürfen Schlesien verlassen. Nun endet auch die kirchliche Betreuung der letzten ev. Deutschen in unserer näheren Heimat.“Vergessen Sie die fünf Jahre in Polen!“, sagte der polnische Lagerleiter von Breslau-Hundsfeld zum Abschied.

1950 – 1955 Offiziell gibt es jetzt keine Deutschen mehr in Schlesien. Als die Deutschen den polnischen Personalausweis ablehnen – der sie automatisch zu Polen gemacht hätte – werden die eingereichten Dokumente nicht zurückgegeben. Sie erhalten von der Gemeinde nur einen Meldezettel. Bei Staatsangehörigkeit ist „nicht feststellbar“ eingetragen. Die jungen Männer werden gemustert und sollen zum polnischen Militär gezwungen werden. H. R.und sein Freund entgehen dem polnischen Wehrdienst nur durch fremde Hilfe und Bestechung. Viele Wehrpflichtige wenden sich an die Botschaft der DDR in Warschau, um evtl. ihren Wehrdienst bei der NVA ableisten zu dürfen. Sie werden abgewiesen: „Die Aussiedlung ist beendet. Sie müssen sich polnischen Gesetzen fügen.“

1955 Unruhen in Ungarn und Posen. Gomulka sieht in den tausenden von staatenlosen Deutschen eine Gefahr. Ausreise kann jetzt als Familienzusammenführung beantragt werden. R.´s erhalten nach vielen Mühen und unter hohen Kosten die Ausreise in die BRD. Über Stettin, Hamburg und Friedland kommen sie als Spätaussiedler nach Rheinland-Pfalz. Wohnungs- und Arbeitsnachweis sind erforderlich, um in die Nähe der anderen Blumendorfer zu kommen. In Rauschendorf/ Siegkreis endet die Odyssee der letzten Blumendorfer Familie.


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Quellen:

v. Ahlfen, Hans: Der Kampf um Schlesien: Ein authentischer Dokumentarbericht; Motorbuch, Stuttgart 1998

Scholz, Martha: Fünf Jahre im polnisch verwalteten Schlesien. Uelzen 1951

Bergmann, Reinh.: Aufzeichnungen

Wiesner, Oswald: Erinnerungen

Auskünfte der Fam. Neumann, Jaster, Enge R., Rädisch, Rehnert, Bühn, Wiesner O., Fischer, Günther, u. Knobloch W.

1wikipedia: Lonio17 / OrionistOwn work based on: File:Budziszyn 1945 a.png, in turn based on: Praca zbiorowa Boje Polskie 1939-1945 Przewodnik Encyklopedyczny, Bellona, Warszawa 2009; Map of the Battle of Bautzen, phase of 21-22 April 1945.; Created: 10 February 2012, CC BY-SA 4.0