Deportation der Hirschenhöfer 1916 nach Perm

Währen des ersten Weltkrieges wurden die Hirschenhofer Kolonisten in das Gouvernement Perm, und einige wenige nach Moskau, deportiert.  Die Anordnung zur „Evakuierung“ wurde im März 19161 erteilt. Pastor Adolf Oswald Plamsch (1866 – 1939) bereiste die Kolonien, in denen die Flüchtlinge nun lebten, dazu ein Bericht2:

 

Aus dem Gouvernement Perm.

Im Folgenden gebe ich einen Bericht nach den Worten des Pastors Plamsch , der in seiner Eigenschaft als Flüchtlingspastor das Gouvernement Perm mehrfach bereist hat. Er selbst ist ja auch ein Flüchtling. Unter dem Donner der deutschen Kanonen verließ er Grodno mit seiner Familie. Einen Teil seiner Habe konnte er noch mitnehmen, aber Vieles von dem, was er gerettet, ist ihm auf dem Wege abhanden gekommen und gehört zu den Dingen, die ihn nie erreichten.
Wie schwierig war es von den Gouvernementsbehörden zu erfahren, wo sich in den weiten wegelosen Gebieten die Flüchtlinge befinden. Der Permsche Gouverneur übermittelte dem Pastor eine Liste von 13 Orten mit über 4000 Flüchtlingen in den Städten und Kreisen Solikamsk, Schadrinsk, Jekaterinburg, Werchotursk, Kamyschlow, Krasnousimsk, Kungur, Ossa, Ochansk, Tschardyn. Zuerst wandte sich der Pastor von Perm aus nach dem Kreis und der Stadt Kungur, wo Flüchtlinge aus dem Wolhynischen, Polnischen und solche aus Livland leben. Die Flüchtlinge aus Livland sind die Aussiedler aus der deutschen Kolonie Hirschenhof. Mit den Hirschenhöfern hat es so seine eigene Bewandtnis: Sie wurden aus ihren Heimstätten teilweise unter Anwendung roher Gewalt weggeschleppt, und zwar weil sie dem an sie ergangenen Ausweisungsbefehl nicht sofort Folge leisteten. Eine hochgestellte Militärperson wollte sich nämlich für sie verwenden und hatte ihnen geraten, den endgültigen Bescheid aus Petrograd abzuwarten. Auf die örtlichen Behörden aber hatte das einen üblen Eindruck gemacht und wurde als trotziger Widerstand gegen die Militärobrigkeit ausgelegt. Nun wurden sie zwangsweise über Hals und Kopf von Haus und Hof verjagt und in das weite Permsche Gouvernement verbannt und diese Verfügung traf nicht blos die Hirschenhöfer, die in Hirschenhof selbst wohnten, sondern auch alle die, die dort nur angeschrieben waren, von dort ihren Paß bezogen, sonst aber keine Verbindungen mit ihrem Heimatorte besaßen — sie alle mußten gleicherweise in die wilde Fremde, Leute, die jahrelang in Riga lebten, dort in guten Stellungen standen und nun als „Verbannte“ hinaus mußten; denn als solche empfing sie die Kungursche Behörde, nicht als kriegsgeschädigte Flüchtlinge, sondern als zwangsweise administrativ verbannte und unter Polizeiaufsicht stehende Verbrecher, nicht als быженцы, sondern als выселенцы. Demgemäß war auch ihre Behandlung: eine Regierungsunterstützung wurde ihnen rundweg verweigert und erst später einem Teil der Nachzügler bewilligt.
Mit schwerem Herzen fuhr der Pastor die zwei Stunden Eisenbahn von Perm nach der Kreisstadt Kungur. Es ist ein wohlhabendes Städtchen von über 12.000 Einwohnern, am Zusammenfluß der beiden Ural-Flüsse Iren und Silwa gelegen, mit nicht unbedeutender Industrie, Talgsiedereien, Gerbereien, Schuhfabrikation, Eisengießereien, dazu kommt ein schwungvoller Handel mit Getreide, Eisenwaren und Schuhwerk. Die Bewohner bilden Russen und Permjaken. Die meisten Häuser sind aus Stein erbaut und überhaupt macht die Stadt einen wohlhabenden Eindruck. Die Straßen freilich sind ungepflastert und verwandeln sich unter den Herbstregen in eine dünn-

breiige asphaltfarbene Masse, die fußtief den Straßenzug bedeckt. — Sonnabend Mitternacht war es, als der
Pastor unter großer Verspätung endlich in Kungur anlangte. Trotzdem war es wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen: der Pastor ist angekommen! und schon am frühen Morgen umstanden die Flüchtlinge, Hirschenhöfer, Polnische und Wolhynier, das Gasthaus. Nachdem den vielen Fragen der Erschienenen einigermaßen Genüge getan war, ging es zu den Flüchtlingsbaracken außerhalb der Stadt, wo der Gottesdienst stattfinden sollte. Es mußte der weite Weg zu Fuß zurückgelegt werden, da um die Zeit ein Fahren förmlich nicht möglich war. Unter unaufhörlichem Ausgleiten und Herabrutschen auf der bergauf, bergab führenden Straße gelangte man endlich bei strömenden Regen zu den Baracken, die die Semstwo
für die „anständigen“ Flüchtlinge, die polnischen und wolhynischen, erbaut hatte. In Ermangelung eines geeigneteren Raumes mußte der erste evangelische Gottesdienst unter dem überhängenden Dache eines Stalles abgehalten werden. Das Brüllen des Viehs nebenan hat die Andacht nicht weiter gestört. Alles, was Flüchtling war, war natürlich erschienen und nahm die Trostverkündigung des Evangeliums mit großer Dankbarkeit hin. Nach dem Gottesdienst erfolgte eine Besprechung über der Flüchtlinge Wohl und Wehe; dabei erwies es sich, daß dis Wolhynier verhältnismäßig besser dran waren als die Hirschenhöfer, denn sie galten als ehrliche Flüchtlinge und erhielten als solche ziemlich regelmäßig ihre Kronsunterstützung und Herberge in den Semstwobaracken, was immerhin besser ist als Wohnungslosigkeit, Holzmangel und teures Brot in fremder Umgebung, dazu die Polizeibehelligungen als politisch Unzuverlässige. Gelegentlich des Gottesdienstes konnte der Pastor den Hirschenhöfern aber eine angenehme Botschaft ausrichten: er konnte ihnen mitteilen, daß die Regierung es nunmehr für möglich befunden, sie auch als „Flüchtlinge“ anzuerkennen und daß sie als unbescholtene Untertanen das Recht wiedererhalten im ganzen Reiche zu leben; nur nach Hause dürften sie nicht. Ihre Rückreise ins Reich müsse aber auf eigene Rechnung unter Verzicht auf jede weitere Regierungsunterstützung geschehen. Daraufhin sind gleich viele der Hirschenhöfer aus Kungur weggereist, manche trotz der Warnung direkt nach der alten Heimat; diese erlebten die schwere Enttäuschung, alsbald wieder nach Kungur zurückgeschickt zu werden, und zwar auf dem Etappenwege durch alle die schmutzigen Gefängnisse von Livland bis Perm ! Trotz mancher namhafter Zuwendung aus dem baltischen Heimatlande haben die Hirschenhöfer einen sehr schweren Winter überstehen müssen; auch dort hörte in vielen Betrieben die Arbeit infolge von Materialmangel fast ganz auf. Unzulänglichkeit von Nahrung, Kälte, feuchte Wohnräume, Mangel an ärztlicher Hilfe, ansteckende Krankheiten haben unter den Flüchtlingen unerbittlich aufgeräumt. Das Nämliche gilt und wohl in noch erhöhtem Maße von den wolhynischen Flüchtlingen, da diese noch weniger eigene Mittel besaßen.
Diesem Bericht des Pastors Plamsch über die Lage der Flüchtlinge im Kungurschen seien noch einige allgemeine Betrachtungen hinzugefügt: Immer wieder erhebt man gegen die Flüchtlinge den herben Vorwurf der Unwilligkeit zur Arbeit und in der Tat trifft das bei nicht Wenigen zu. Besonders zu Anfang fanden sich so manche, die
die Forderung aufstellten, die Regierung, die sie wider Recht und Billigkeit  aus Haus und Hof gewiesen, müsse und solle sie nun auch ganz versorgen. So gerecht dieser Satz auch ist, so führt es doch zu nichts, sich auf sein gutes Recht zu steifen, wo allen Leuten deutscher Herkunft jedes Recht abgesprochen ward. Andererseits aber fanden sich viele Flüchtlinge, die nur zu gerne passende Arbeiten verrichtet hätten, wären nur solche zu haben gewesen. Wie oft aber wurde Landarbeitern Fabrikarbeit und Fabrikleuten Feldarbeit angeboten. Dazu kam die große Not an passenden Kleidungsstücken, besonders der Schuhmangel, der viele von der Arbeit zurückhielt. Ferner war es den Müttern, Soldatenfrauen und Witwen, völlig unmöglich sich von Hause zu entfernen. Wer sollte ihnen den Hausstand versehen und die kleineren Kinder beaufsichtigen und verpflegen? Schließlich war die Zahl der wirklich Arbeitsfähigen unter den Flüchtigen nur gering. Daß die Flüchtlinge aber nach Möglichkeit sich selbst durchgeschafft haben, das bezeugen die doch nur ganz winzigen Unterstützungssummen, die den einzelnen zugewandt wurden, denn wenn eine Frau mit 3 Kindern monatlich 5 Rbl. erhielt, so ist das doch eine ganze Kleinigkeit gegenüber den großen Ausgaben, die die teure Zeit auch den Aermsten auferlegte. Ein trauriges Kapitel bilden diese Gaben der Liebe. Geben ist seliger denn nehmen, aber das Verteilen des Gegebenen ist ein gar unselig Geschäft. Jedesmal löst es die widerlichsten Szenen aus und bewirkt gespanntere gegenseitige Beziehungen. In Kungur wurde es schließlich so arg, daß die drei Bevollmächtigten des Pastors sich weigerten, weiterhin die Gaben zu verteilen, und alle weiteren Bemühungen des Pastors, eine geregelte Fürsorge unter den dortigen Flüchtlingen in die Wege zu leiten, scheiterten am Mißtrauen und der Mißgunst einzelner Schreier, die die gewählten Vorsteher mit gröbsten Reden überschütteten — eine Herde ohne Hirten. Rechtes, echtes Flüchtlingselend!
aus: Wspomnienie o pastorze z Michałowa i Grodna from Michałowo on Vimeo.

 

Pastor Adolf Oswald Plamsch (* 14. Dezember 1866 in Wenden (Cēsis), Lettland , gestorben 8. Februar 19393 in Grodno, Weißrussland bestattet in Michalowo)

  • 18.8.1886 Beginn des  Studiums der Theologie in Dorpat4
  • 13. November 1888 Ordination
  • 1892 Pfarrer in Marienburg, Livland. Er wurde wegen der verbotenen Aufnahme griechisch-orthodoxer Christen in die evangelische Kirche seines Amtes enthoben (dreijähriges Disziplinarverfahren).3
  • 1905-1939 Pfarrer in Grodno, mit dreijähriger Unterbrechung im Ersten Weltkrieg, als er in der Verbannung als Flüchtlingspfarrer in den Gouvernements Kasan, Wiatka und Perm tätig war
  • 5. Februar 1894 in Dorpat Eheschließung mit  „Tilla“ Mathilde Sophie  Christiani (* 2. Februar 1866 in Quellenhof), Tochter von Arnold Robert Ferdinand Rudolph Christiani und Emilie Margarethe geb. Rosenberg . Kinder Gustav Adolph * 1897, Ruth *1897 und Friedrich *1903.
Kirchbuchauszug Verlobte, Aufgebote und Getraute 1794, luth Johanniskirche, Tartu [EAA.1253.1.605; 1878-1926]
Plamsch war ein bekannter Rosenzüchter und Philatelist, Spezialgebiet litauische Briefmarken

 

Wspomnienie o pastorze z Michałowa i Grodna from Michałowo on Vimeo.

 


1Die deutsche Kolonie Hirschenhof in Lettland von Pastor F. Hollmann in Hirschenhof in: Zeitschrift für Deutschkunde 1923, Jahrgang 37, Verlag B.G. Teubner, Leipzig-Berlin p.117ff
2Pastor W. Ferhmann, Petrograd: „Bei den Flüchtlingen“ in: Kalender für die deutschen Kolonisten in Rußland auf das Jahr 1918, Petrograd, 1917, S. 56-58
3Eduard Kneifel: Die Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen; Selbstverlag des Verfassers, 9359 Eging, Niederbayern; Freimund-Druckerei in Neuendettelsau bei Ansbach, Bayern; S. 149
4„13126 Plamsch (Plämšs), Adolph Oswald. 14.12.66. S2 Lvm kub Cêsis, Bêrzaine MaaG, teol 86……92. Surn 39. /402-2-18986,18987/ 11/12/20″, Richard Kleis, Valdek Putsep: TARTU ÜLIKOOLI ÜLIÕPILASKONNA TEATMIK ALBUM ACADEMICUM UNIVERSITAT1S TARTUENSIS III 1889-1918; Tartu 1988 S. 753