Volkskundliche Erhebungen

Volkskundliche Erhebungen über die beßarabischen Umsiedler im Lager Nro. 69 in Tannwald.
(Durchgeführt von Wenzel Fritsch, Bürgerschuldir. i.R., Tannwald, datiert 19.4.1941)


1. Siedlung und Umwelt: Die Umsiedler des Lagers 69 in Tannwald sind alle aus dem Dorfe M ar a s l i e n f e l d in dem Kreise der 45 km entfernten Stadt A c k e r m a n n am schwarzen Meere. Das Dorf wurde 1880 gegründet (die Mutterkolonie ist das etwa 40 km westlich gelegene Dorf A r z i e s) und hat seinen Namen nach dem alten russischen General Marasli, der um diese Zeit dort gelebt hat. Um den deutschen Charakter dieses Dorfes zu dokumentieren, haben die Bewohner das Wort Feld angehängt, also Maraslienfeld.

Es ist 100 ha groß, hat noch 139 ha Weide (Wiese), 2000 ha Ackerland, zählt 1080 Seelen, davon 180 Schulkinder in 4 Klassen. Die Bauernhöfe liegen, wie beigeschlossene Planskizze zeigt, zu beiden Seiten der Hauptstraße, welche in allen deutschen Dörfern Beßarabiens von Norden nach Süden führt. Diese Straße ist in allen Dörfern schnurgerade, sehr breit (über 20 m und hat außerdem auf jeder Seite noch ein 3 m breites Trottoir für die Fußgänger, so daß die Straße für die Fuhrwerke frei bleibt. Auf beiden Seiten der Straße sind auch Bäume gepflanzt. Straße und Gehsteig werden mit Lehm gepflastert und dann mit Grannt, einem feinen Meersand, jedes Jahr neu, bestreut.

In Maraslienfeld ist nur eine Hauptstraße mit 2 Reihen Höfen, das ist die Regel; es gibt jedoch auch Dörfer mit 4, ja sogar mit 6 Reihen Höfen. An den beiden Gehsteigen auf der Seite der Höfe war eine Mauer aus Stein oder auch aus Holz, die mit Kalk geweißt wurde. Ein jeder Hof war ca. 65 a groß, wovon die Hälfte bebaut war (mit Wohnhaus, das 2-3 Zimmer und Küche hatte, aber immer ebenerdig war, mit Weinschuppen, Pferde-, Hühner-, Kuh-, Schweine-, Schaf-, Gänse- und Entenstall, Wagen-, Mist-Schuppen, Spreuustall [sic!], Scheuer offen und gedeckt), die andere Hälfte war Hofraum, Obst- und Gemüsegarten. In der Mitte des Hofes war ein Brunnen (von 10 – 30 und noch mehr m Tiefe), dessen Wasser aber, weil salzig, für den Menschen ungenießbar war, sich aber sehr gut zum Trinken für das Vieh eignete. Für die Menschen wurde das Genußwasser aus den Brunnen in der Nähe des Baches geholt. Dieses war gutes Wasser.

In der Mitte des Dorfes war der Gemeinde-Hof. Auf demselben befand sich das Bethaus (in Maraslienfeld hatten sie nicht eine Kirche, sondern nur ein Bethaus mit einem Glockenturm), die Schule, ein Gemeindehaus, worin aber tagsüber auch noch eine Schulklasse untergebracht war, und ein Stall für die Gemeinde-Hengste und Bullen. Die Lehrerwohnung war in der anderen Dorfreihe. An der Querstraße nach Tatarbunar befand sich ein Kaufhaus, in dem die Bewohner alles, was sie brauchten, zu kaufen bekamen, sowie eine Mühle. Alle Gebäude waren, wie bereits bemerkt ebenerdig, aus Lehm, Stein oder gebrannten Ziegeln aufgeführt und mit Stroh, Schilfrohr oder Ziegeln gedeckt. Geheizt wurde mit Stroh (Holz und Kohle gab es nicht), beleuchtet mit Öl, das aus Raps oder Senf gewonnen wurde, oder Petroleum.

2. Bodenbeschaffenheit und Klima: Das Land ist vollkommen eben, ohne Berg, Baum und Wald (erst in jüngerer Zeit hat man im Norden des Dorfes an dem Bach (siehe Skizze) in dem Ausmaße von 3/4 ha einen Wald von Akazienbäumen angelegt), aber sehr fruchtbar; die dunkle Ackererde außerhalb des Dorfes in der Steppe hat eine Mächtigkeit von fast 1 m. Der Winter ist kalt, das Frühjahr rauh und feucht, der Sommer sehr heiß, daher auch oft Gewitter- mit starkem, wolkenbruchartigem Regen, mitunter auch Hagel und Blitzeinschlag; auch der Herbst ist feucht, oft Regen bis Winter.

3. Tiere und Pflanzen: Die Haustiere sind dieselben wie bei uns; auch die wild lebenden Tiere sind so ziemlich dieselben wie hier. Hirsche und Rehe fehlen, dafür gibt es viele Hasen. Füchse leben dort in den Steinhaufen, Wölfe verirren sich manchmal aus den Karpathen. Sehr häufig ist der Ziesel und die Wühlmaus. Frösche und Nattern sind nicht, dafür aber viele Kröten, welche dem Getreide großen Schaden zufügen. Auch der rote Weizenkäfer, ein Rüsselkäfer, schadet dem Getreide, während der Kartoffelwurm die Kartoffeln aushöhlt. Schmetterlinge und Vögel sind wie bei uns, nur wird die große Zahl der Störche hervorgehoben (jedenfalls ist darauf die große Zahl der Kinder zurückzuführen).

Kulturpflanzen sind: Weizen (Sorten mit und ohne Bart, Wechselweizen, Hasmann, Ulke), Gerste (Sorten mit2,4und 6 Reihen), Mais ( roten, weißen, gelben und Goldmais), Korn, Hafer, Hirse, Lein, Raps, Senf, gelbe, rote und Zuckerrüben, besonders aber auch Weintrauben in mehreren Sorten, denn Wein war ja das Hauptgetränk. Die Bauern sangen: Den Wein trinken wir, und darauf singen wir: Schön ist die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr, sie ist beim Militär. Anderes Obst wie bei und gibt es auch, doch wird fast alles getrocknet.

Von den Haustieren seien besonders Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Tauben, Gänse und Enten. hervorgehoben, wovon jede Art in den verschiedenen Abarten vertreten war. Ein Bau-er hatte bis 18 Pferde, viele Schafe und Schweine, deren letztere in ihrem Fleische das Hauptnahrungsmittel lieferten, unzählige Tauben, Hühner, Gänse und Enten.

4. Nachbarn: Fremdvölkische Nachbarn waren Rumänen und Russen. Von den Rumänen mochten die Deutschen nicht viel wissen, aber mit den Russen waren die Beziehungen sehr gut, besonders in Geschäften. Der Russe glaubte dem Deutschen, was der Deutsche sagte, war ihm heilig; das deutsche Wort, der Handschlag genügte ihm. Die Russen dienten auch gern bei den Deutschen (deutsche Dienstboten gab es sehr wenige),denn sie wußten, daß sie bei den Deutschen ein gutes Essen erhielten, eine gute Schlafgelegenheit hatten und pünktlich ihren Lohn bekamen.

5. Nahrung: Im großen und ganzen war die Nahrung so wie hier bei uns, manchmal etwas anders zubereitet, immer aber mit viel Schweinefleisch, Rindfleisch oder Speck, z. B. Kartoffelstampfer (bei uns Brei) mit Sauerkraut und Speck, oder: Kartoffelstrudel mit Schweinefleisch, oder: Knöpfla (Kartoffelknödel) mit Kraut und Speck, oder: Gegangene und gebackene Küchla (bei uns in Fett, dort in Öl gebacken) mit Sauerkraut und Speck, oder: Bohnensuppe mit Schweineknochen ( bei uns heißt es Eisbein oder Schweinsknöchla) u. a. Morgens gibt es Tee, Leberwurst, Grieben dazu, Ribelsuppe (Reibteigsuppe) mit Fleischwurst; Abends: Kalter Speck mit sauren Gurken, sauren Paradeisäpfeln oder sauren Harbusen (Wassermelonen). Dann kommt der Wein. Wein wird viel getrunken, Sommer wie Winter; Wein hat auch jeder Bauer selbst aus den vielen Weinstöcken, die er hat (bis zu 1000). Gegessen wird 5 mal: Früh, um 9 Uhr, Mittag, Vesper und Abend.
Mittags und abends wird auch die Glocke geläutet. Brot gab es nur Weißbrot, das in jeder Familie nach Bedarf selbst gebacken wurde, im Gewichte bis 3 kg und mehr. An Festtagen wurde viel gebacken, wie z.B. für Weihnachten, Neujahr, Ostern und zwar Kuchen, Lebkuchen, Süßbrot, Nußkuchen, Torten. Der Bauer war der Ansicht: Viel arbeiten, viel essen, viel trinken.

6. Kleidung: Diese war bei den Beßarabien-Deutschen so wie bei uns, nur konnten die Frauen keine Hüte tragen, da sie ihnen der Wind, der dort häufig ist, mitgenommen hätte; dafür hatten sie große Tücher z.B. bis zu 3 Kasaner-Tücher mit Seidenzotteln. Jede Frau muß wenigstens 1 großes Umhängetuch haben; das bekommt das Mädchen, wenn es sich verheiratet schon mit in die Aussteuer.

7. Leben in der Hof- und Dorfgemeinschaft: Der Hausherr ist der erste auf dem Hofe und in der Familie. Ihm haben Frau, Kinder und Dienstboten zu gehorchen. Er hat das ganze Anwesen in Ordnung zu halten, daß nichts verdirbt oder verloren geht, die Arbeiten zeitgerecht anzuweisen und selbstverständlich auch an erster Stelle mit Hand anzulegen. Er führt nicht allein die Aufsicht über die Arbeiten und Arbeiter, sondern steht vorn beim Säen, wie beim Ernten, gleichviel, ob dieses mit oder ohne Maschinen geschieht. Die Frau, die Stellvertreterin des Vaters, hat besonders für Ordnung im Hause zu sorgen, nicht nur zu kochen, damit alle zeitgemäß die richtige Nahrung bekommen, sondern auch gut einteilen, sehen, daß die Kleider der Familienglieder in wünschenswertem Zustande sind, jedes Familienglied bewäscht, beflickt und bestrickt ist. Im Frühjahr muß sie besonders bedacht sein, daß sie ihre Frühlingssaat in den Garten bekommt, so Zwiebeln, Knoblauch, Bohnen, Erbsen, Kürbisse, Möhren u.s.w. Wenn die Frau sich im Frühjahr nicht kümmert, muß sie und ihre Familie im Winter darben. Ist die Frau mit auf dem Felde, so überträgt sie ihre Arbeiten zu Hause den Kindern.

Die Kinder werden fest mit herangezogen, nicht nur daß die größeren die kleineren betreuen, sondern sie müssen nach Maßgabe ihrer Kraft auch auf dem Felde und in der Scheuer arbeiten, daß ihnen der Schweiß übers Gesicht läuft, nach dem Bibelworte: Im Schweiße eures Angesichtes sollt ihr euer Brot essen, wenn auch betont werden muß, daß die Nahrung der Kinder nicht allein in Brot, sondern auch in Milch, Ribelsuppe (essen sie sehr gern), Milchreis, Nudeln und in kleineren Portionen Fleisch und Wurst besteht. Waren die Kinder brav und fleißig, so bekamen die älteren am Samstag ein kleines Taschengeld.

Dienstboten waren besonders Russen, weniger Rumänen, noch seltener Deutsche. Die Dienstboten werden auf 1 Jahr gedungen, können aber, wenn es ihnen nicht paßt, oder, wenn sie den Anforderungen des Herrn nicht entsprechen, jederzeit ohne Kündigung gehen, ohne einen Termin abzuwarten. Bezahlt werden sie nur, solange sie arbeiten. Sie sind nicht gebunden, werden wie ein Familienglied gehalten, können auch in die Kirche gehen. Herr und Frau schlafen in der Schlafstube, die Kinder abgesondert in einem Zimmer, die Dienstboten ebenfalls. Die Mahlzeiten werden in der Küche eingenommen.

Im Sommer, wenn 16 – 18 Stunden gearbeitet wurde, sind alle müde und legen sich am Abend gern ins Bett. Im Winter aber, wenn alle mehr ausruhen können, gehen die Männer gern auf einen Plausch zu einem Bekannten, erzählen, trinken ein oder auch einige Glas Wein, so daß sie oft lange nicht auseinander kommen. Auch die Frauen gehen mit dem Strickstrumpf oder einer anderen Handarbeit zu einem Plauderstündchen, ebenso das Jungvolk. Die Kinder hatten ebenfalls ihre Spielgemeinschaften. Die Knaben spielten gewöhnlich Hutscherles, d. i. Pferdchen, die Mädchen nähten Puppenkleider, kochten, kurz machten alles, womit eine Hausfrau sich beschäftigt. Bei diesen Zusammenkünften, insbesondere des Jungvolks und der Frauen, wird auch gesungen, und zwar sowohl Volkslieder ( wie auf beigeschlossenem Notenblatt), als auch Kirchenlieder, ein- und zweistimmig. Sonntag nachmittags und abends wird dann in einer größeren Bauernstube getanzt.

An der Spitze des Dorfes stand der Dorfälteste oder Schulze (nach dem Weltkriege Kurator genannt). Er hatte die Pflicht, die Gemeinde in Ordnung zu halten, die Gemeinde oder die Zehntelmänner ( das sind 10 abwechselnd auf 1 Jahr gewählte Vertreter der Gemeinde) zusammenzurufen und mit ihnen die Gemeinde- und Kirchenangelegenheiten zu besprechen und die sich ergebenden Auslagen (Umlagen) einzukassieren. Der Schulze hatte aber auch das Recht, unbotmäßige Gemeindemitglieder mit Geld- oder Arreststrafen zu belegen. Nach dem Weltkriege aber, als die Bevölkerung sehr verbittert und widerspenstig war, gingen diese Rechte fast alle auf den von der Regierung eingesetzten Sotzke oder Delegaten über und dem Schulze blieben nur die kirchlichen Angelegenheiten und das Recht, die notwendigen Sammlungen einzuleiten.

Damit der Besitzer sein Eigentum wieder erkennt, wurde den Rindern und Schafen meist eine Lücke in die Ohren geschnitten, den Pferden am rechten oder linken Hinterschenkel der Anfangsbuchstabe des Familiennamens oder Dorfnamens eingebrannt, auch die Wirtschaftsgeräte mit einem Brand versehen oder mit Ölfarbe gezeichnet

8. Religion: Fast alle sind evangelisch. Sonn- und Feiertags ist Gottes- dienst in der Kirche oder im Bethaus. Es wird da gepredigt und gesungen. Wenn das Dorf einen Pastor hat, so predigt dieser. Maraslienfeld hat keinen Pastor (der kommt aus dem Nachbardorfe Jährlich nur 6-7 mal oder bei besonderen Anlässen,wie Hochzeit, Begräbnis u.dgl. nach Maraslienfeld), da leitet der Küster den Gottesdienst, verliest eine Predigt und gibt die zu singenden Lieder an. Alle gehen in die Kirche. Wenn jemand einmal nicht war, war für ihn kein Sonntag. Eine andere Gesellschaft ist die Brüdergemeinde, die nicht nur in der Kirche, sondern auch in Privathäuhsern (bei einem Bruder oder einer Schwester) zusammen kommen, wo Gottes Wort vorgelesen, ausgelegt und gesungen wird. Eine 3. Sekte bilden die Baptisten oder Wiedertäufer. Diese gehen nicht in die evangelische Kirche. Zwischen ihnen und den Evangelischen gab es immer Reibereien, da sie die Evangelischen mit allen Mitteln für ihre Gemeinschaft zu gewinnen suchten. Dann gab es noch die sogenannten Weltmenschen. Ihre Zahl war ziemlich groß . In der evangelischen Kirche wurden außer Psalmen auch andere geistl. Lieder gesungen.

9. Vereinswesen: Vereine gab es eigentlich nicht. Es bestand ein Jugendverein. Die Jugend kam in einem Hause zusammen, wo in Büchern gelesen, Vorträge gehalten oder auch getanzt wurde. Dafür wurde entweder, ein Haus gemietet oder auch zusammengesteuert und davon ein eigenes Gebäude aufgeführt. Es bestand auch eine politisch deutsche Organisation der Volksgruppe mit 12 Blockleitern. Die gingen oder fuhren im Dorfe herrum, Befehle auszurichten, kassierten völkische Beiträge für den Gau ein und erkundigten sich nach unterstützungsbedürftigen armen Leuten, welche sie dann beteilten. Die Jungen marschierten auch aus, lernten das deutsche Kommando und sangen jetzt übliche Lieder. Die Mädchen taten dasselbe, aber mehr im Hause oder im Schuppen; freilich geschah alles nur im Rahmen der verfügbaren freien Zeit.

10. Sitte und Brauch:

a) Geburt. Die Kinder bringt der Storch aus dem Kinderland. Die Wöchnerin muß nach der Geburt des Kindes 9 Tage das Bett hüten und darf vor 5-6 Wochen nicht aus dem Hause. Ihr erster Gang ist in die Kirche, wo sie eingesegnet wird, und erst dann kann sie gehen, wohin sie will. Das neugeborene Kind wird gewöhnlich nach 8-14 Tagen getauft. Die Taufpaten, deren es 2-4 gab, hatten die Pflicht, den Eltern mit Rat und Tat beizustehen, damit das Kind nich [sic!] verkommt und in Gottesfurcht und im evangelisch-luthrischen Glauben erzogen wurde. Nach der Taufe folgte der Schmauß. Da gab es eine gute Nudelsuppe oder Suppe mit Hühnerfleisch, dann gebratenes Fleisch. Wein gab es nach Belieben, manchmal zu viel. Dann gab es Kraut und Kartoffelsalat, kalter Aufschnitt aus Schinken, Wurst und Speck und zuletzt Bohnenkaffee mit feinem Gebäck, Kuchen oder Lebkuchen und Schnaps. Auch wurde hie und da ein kleiner Tanz angefügt. Taufgeschenke gab es nur zu Ostern und Weihnachten und zwar ein Röckchen, ein Hemdchen oder verschiedenes Spielzeug. Der Geburtstag wurde im allgemeinen wenig gehalten. Manchmal wird am Geburtstag die Lieblingsspeise des Geburtstagskindes gekocht, oder dieses bekommt hin und wieder ein Geschenk, wenn es klein ist, von dem Taufpaten, wenn es größer ist, von den Eltern.

b) Konfirmation. Wenn das Kind 15 Jahre alt ist, wird es konfirmiert. Die Konfirmation wird gewöhnlich am Palmsonntag in der Kirche vorgenommen. Vorher erhalten sie durch 14 Tage den entsprechenden Unterricht, aus dem sie am Tage vor dem Festtage eine Prüfung ablegen müssen. Am Festtage selbst versammeln sich die Konfirmanten in der Küsterwohnung und ziehen von dort paarweise, zuerst die Mädchen, dann die Knaben auf einem Wege, der in der Mitte 1 1/2 m breit mit gelbem Sand bestreut und links und rechts mit grünem Gras belegt ist, singend und unter Führung des Pfarrers und Küsters in die Kirche. Vor dem Altar bleiben sie stehen, sprechen mit dem Pfarrer das Glaubensbekenntnis und legen vor der ganzen Gemeinde einen Eid ab, daß sie der evang. lutherischen Kirche treu bleiben und nicht abweichen wollen. Dann singen sie wieder einen Vers aus dem Gesangbuche, knien um den Altar herum nieder, werden eingesegnet und empfangen mit den Eltern und Paten das Abendmahl. Dann geht es nach Hause, wo ein gutes Essen stattfindet, ebenso wie das oben bei der Taufe geschilderte. An der Feier nehmen auch die Taufpaten und einige andere gute Freunde teil. Die Taufpaten werden von dem Konfirmanten ein oder einige Tage vorher persönlich eingeladen, indem er zu den Taufpaten geht, sie um Verzeihung bittet und den Spruch sagt: „Morgen werd’ ich konfirmiert und dem Heiland zugeführt, hab´ ich euch was Leids getan, so halt’ ich um Verzeihung an. Der Taufpate gibt dem Kinde dann gewöhnlich eine Bibel oder ein Gesangbuch als Geschenk.

c) Werbung und Hochzeit. Die jungen heiratslustigen Burschen gehen entweder in die Kirche und halten dort oder nach dem Gottesdienste Umschau unter den Mädchen oder sie suchen die Bekanntschaft mit diesen auf dem Tanzboden oder im Verein zu machen. Findet sich das Glück nicht im eigenen Dorfe, so machen sich einige gute Freunde zusammen, spannen ein Fuhrwerk ein und fahren in die Nachbarschaft zu Besuch. Ist eine Bekanntschaft gemacht, dann wird dieselbe durch kleine Geschenke (Taschentuch, Strümpfe, Ansichtskarten, Schokolade, Zuckerln, Äpfel u.dgl.) erhalten und weiter ausgebaut. Zwecks Weiterentwicklung wendet sich der Bursche an einen Verheirateten, den Kuppelsmann, schickt diesen zu dem Nädchen [sic!] und läßt fragen, ob ein Besuch erlaubt sei. Ist die Antwort bejahend, so gehen beide, Brautmann und Kuppler, zuerst zum Mädchen und dann zu den Eltern desselben und feiern, wenn sie einig sind, gleich die Verlobung. Die Braut erhält den Verlobungsring, dann wird bestimmt, wann die Hochzeit sein soll, und gegessen und getrunken. Nachher gehen die beiderseitigen Eltern zusammen, besprechen, wie die Hochzeit sein soll, wer alles eingeladen wird und was jeder Teil als Aussteuer von den Eltern bekommt . Dann ist der Heiratsvertrag geschlossen. Nun wird die Hochzeit zwecks des 3 maligen Aufgebotes an 3 auf einander folgenden Sonntagen angemeldet und vom Schulze ein Zeugnis, daß beide Teile noch ledig sind, besorgt. Vom Pfarrer wird dann das sogenannte Verhör ( Prüfung) vorgenommen und von ihm nach Ablauf der 3 Wochen ebenso wie auch vom Schulze ein Zeugnis ausgestellt, daß in dieser Zeit kein Ehehindernis eingetreten ist.

In diesen 3 Wochen wird aber auf die Hochzeit schon gewaltig vorbereitet; da werden Schwein und Hühner geschlachtet, Kuchen und Lebkuchen gebacken, Getränke vorbereitet u. a. Freilich kommt die Hauptarbeit erst in der Woche der Trauung. Böse ist es natürlich, wenn sich mittlerweile ein Hindernis eingestellt hat; da gibt es dann Hader und Streit, so daß mitunter sogar das Gericht in Anspruch genommen werden muß. Nun werden Einladungen geschrieben (Bittzettel) und diese von den Freunden des Bräutigams, der) Brautbuben, oder der Freundinnen der Braut, den Brautmädels, ausgetragen. Wenn aber keine Bittzettel geschrieben werden, so wie es früher der Fall war, dann besorgen die ältesten Brautbuben die Einladung mündlich, gehen in die Wohnung der einzuladenden Gäste und sprechen: „Deswega ben i komma, deswega ben i do, daß ihr sollt zur Hochzeit komma, drom saget alle jo.“ Am Tage vor der Hochzeit müssen die Brautbuben Tische und Stühle zusammenfahren. Dabei werden Wagen und Pferde mit Seidenbändern und buntem Papier geschmückt, auch Schüsse mit Pistolen abgegeben. Die ältesten Brautmädels wieder tragen in geschmückten Handkörben das Küchengeschirr zusammen. Am Tage vor der Hochzeit erscheinen der Küster und der Schulze, stellen den Ehekontrakt auf und nehmen gegebenenfalls die Verschreibung vor. Am Abend vor dem Hochzeitstage ist auch der Polterabend, an dem schon gegessen, gut getrunken und tüchtig getanzt wird.

Auch werden Glückwünsche in gebundener und ungebundener Rede dargebracht, wie: „Kommt der Storch nun übers Jahr, bringt er wohl ein Kleines mit, und ihr seid dann schon zu dritt. Schön , aber auch lang, ist der Glückwünsch der Grünzeugfrau: Eine Grünzeugfrau bin ich, ihr kennt gewiß schon lange mich, und komm, dem lieben, jungen Paar zu bringen meine Wünsche dar. Auch hier die Waren bring’ ich mit, die anzunehmen ich euch bitt’; so schön und frisch wie diese hier bekommt ihr nur allein bei mir. Schaut nur die Rüben, groß und dick, für einen Groschen 15 Stück; sie sind, glaubt mir, ganz zuckersüß. Dabei merk’ Bräutchen dir gleich dies: Hast je du Streit mit deinem Mann, und schweiget er auch noch nicht dann, wenn er sieht, daß du recht gehabt, nur schnell ein Rübchen ihm geschabt, dann ist er gleich muts-Mäuschenstill und tut nur, was das Weibchem [sic!] will. Auch Sellerie hab’ ich und Salat, schon, wie ihr sie noch niemals saht, und Schnittlauch, Kresse, Suppengrün, wie keiner sie versteht zu zieh’n. Gemüse, o ich sage euch, im Anseh’n ist es butterweich und schmeckt, daß der verwühte Mann selbst nichts zu tadeln findet dran. Dann Weiß- und Rotkohl nach Bedarf, Rettig und auch Zwiebeln gut, beißt nur hinein, ihr werdet sehn, wie euch die Augen übergehn, und aller Kummer und Verdruß aus Kopf und Herz gleich weichen muß. Nun laßt mich eure Kunde sein, wird mich in meinem Alter freu’n; an jedem Morgen findet ihr Punkt 6 mich vor eurer Tür, bediene auch euch alle Zeit zu größter Zufriedenheit. Doch nun möcht’ ich nicht länger stören, zumal ich ja darf wiederkehren, denn ich seh’s euch schon an, daß ihr die Kundschaft nicht vertraget mir. So lebet wohl, Gott sei mit euch und schenk’ euch Heil und Segen reich, und mög’ das Glück euch stete umblüh’n, wie hier in meinem Korb das Grün!

Das Kleid der Braut war weiß und modern, einem Schleier, mit einem Kranz auf dem Haupt und einem Blumenstrauß in der Hand. Der Bräutigam trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd mit schwarzer Krawatte, hatte ebenfalls einen Blumenstrauß mit weißem seidenem Band und einer Schleife auf der rechten Seite. Siehe Bild). Am Hochzeitstage nach dem Frühstück tritt ein Bruder, d. i. ein gutes Mitglied der evangel. luthr. Gemeinde, vor, sucht einen Text aus der Bibel, spricht darüber, alle singen einen Vers aus dem Gesangbuche, dann kniet er mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft nieder und betet, ermahnt das Brautpaar, empfiehlt es Gott und spricht den Segen. Bevor sie den Wagen besteigen, gehen die Brautleute nochmals zu den Eltern und bitten ihnen alles ab, worauf diese auch das Paar segnen und ein Geleitwort mit auf den Weg geben. Dann geht es zur Trauung in die Kirche. Wagen und Pferde sind festlich geschmückt. Da auch die Brautbuben und Brautmädels mitfahren, sowie die Aufträger, Männer und Frauen, deren Zweck schon im Namen enthalten ist, sind immer mehrere Wagen erforderlich. Voran im schönsten Wagen fährt das Brautpaar, dann folgen die anderen paarweise( Bursche und Mädel). Vorfahren darf niemand. In derselben Ordnung geht es nach der Einsegnung durch den Pfarrer auch wieder zurück.

Da unterwegs schon eingekehrt und auch manchmal zu viel getrunken wird, so wird bei der Heimfahrt nicht selten um die Wette gefahren. Nun wird von den Aufträgern des Hochzeitsmahl aufgetragen. Dazu haben sich diese eine weiße Schürze umgebunden und ein weißes Handtuch über die Schulter gelegt. Das Essen besteht aus einer Hühnersuppe, Braten, Milchreis mit Rosinen und Pflaumen, Kartoffelsalat, kaltem Aufschnitt, und zuletzt gibt es guten Bohnenkaffee oder Tee mit Kuchen oder feinem Gebäck. Dabei werden verschiedene Lieder gesungen( wie sie auf beigeschlossenem Notenblatt verzeichnet sind und auch uns bekannte Volkslieder), auch ein Rundgesang wird eingeschoben oder ein schönes geistliches Lied aus dem Gemeinschaftsliederbuch. Sprüche, wie die bereits oben angeführten, werden aufgesagt, und schließlich folgt auch der Tanz, und nicht nur deutsche Tänze, sondern auch russische ( wie der Krakowjak) und rumänische ( wie der Oira und Sirba). Das begleitende Musikinstrument war gewöhnlich die Ziehharmonieka, in der Rumänenzeit spielten aber auch öfter Zigeuner.

Hie und da geht ein Mann oder eine Frau maskiert als Arzt, Zahnarzt oder Frauenarzt und macht seine Kunststücke, auch die Klappermühle und der Klapperstorch werden vorgestellt, und jeder geht einsammeln und gibt das Ergebnis dem Brautpaare. Häufig geben auch die Brautbuben Geld zusammen, verdecken es und verlangen, daß der, der die Kasse kontrolliert, diese Summe verdoppelt. In diesem Falle wird gewöhnlich kein Brautschuh gestohlen. Im allgemeiner gehört der Diebstahl des Brautschuhes zu den beliebtesten und gebräuchlichsten Episoden einer Hochzeit. Gewöhnlich wird ein Brautschuh ungeachtet der Wache der Brautbuben, die es zu verhindern suchen, von einem Aufträger gestohlen, dann nach Bekanntwerden des Diebstahls, was für die Gäste erst möglich ist, wenn die Braut hinter dem Tische zum Tanz aufgefordert wird, von einem Mann, der sich als Schuhmacher ausgibt, der den Schuh angefertigt hat, wieder herzu gebracht und versteigert. Der Meistbietende hat das Recht, der Braut den Schuh anzuziehen. In gleicher Weise wie die Brautbuben auf den Brautschuh haben die Brautmädel auf den Kranz der Braut zu achten, daß dieser nach dem Ablegen nicht gestohlen wird, da auch sie sonst zur Zahlung herangezogen werden. Alles Geld, das auf solche Weise, sowie durch etwaige Brauttänze eingeht, fällt dem Brautpaare zu. Auch dort war der Glaube verbreitet, daß bei der Hochzeit etwas, wie z.B. ein Glas, ein Teller oder eine Flasche zerschlagen werden muß, da dies Glück bedeute.

Am nächsten Tage folgt der Alte Weiber-Tanz, dann werden Wagen und Pferde nochmals aufgeputzt und Tische, Stühle und Geschirr wieder zurückgebracht. Als Hochzeitsgeschenke gibt es verschiedene Sachen, vor allem Küchengeschirr, aber auch Kuriositäten tauchen auf, so; z.B. eine Bruthenne mit kleinen Kücken, ein Nachttopf u.a. Am zweiten Tag nach der Hochzeit wird das Geschirr nochmals geschmückt und die Aussteuer der Braut überführt. Diese besteht aus 2 aufgemachten Betten, Kleiderschrank, Küchenschrank, einem großen Tisch mit 6-8 Stühlen, einem Küchentisch, dann Kasserol, Kessel, Pfannen, Backmulde, kurz alles, was zur Wirtschaft gehört; außerdem auch 2-3 Kühe, 5-10 Schafe und Hühner. Der Sohn bekommt einige Pferde, Wagen, Pflug, Eggen, Pferdegeschirr, Kühe, Schafe, Haus, Hof und Land (bis zu 25 ha), Brot und Saat bis zum neuen Jahr oder bis zur nächsten Ernte. Am ersten Sonntag nach der Hochzeit ist die Nachfeier; man sagt, die Hochzeit wird vergraben. Da wird noch der Rest gegessen und getrunken und nochmals tüchtig getanzt.

d) Tod und Begräbnis. Wenn jemand gestorben ist, wird der Tod den Verwandten im Dorfe durch Boten(falls sie nicht schon vorher, während der Kranke mit dem Tode ringt, anwesend waren), den Verwandten auswärts aber durch einen Reiter, ein Fuhrwerk oder ein Telegramm, mitgeteilt. Die anderen Bewohner des Dorfes erhalten die Kunde des Todes durch Glockengeläute und zwar, wenn die Sonne noch nicht untergegangen ist, an demselben Tage, sonst erst am anderen Morgen. Ist der Tote bis 15 Jahre alt, wird zuerst 3 mal mit der kleinen Glocke geläutet und dann 3 mal mit beiden; ist der Tote über 15 Jahre alt, wird zuerst mit der großen Glocke und dann mit beiden das gleiche Geläute vorgenommen. Den Zeitpunkt der Beerdigung gibt der Küster durch Zettel bekannt. Der Tote wird in einem besonderen Zimmer, in dem die Spiegel verhängt und die Fenster geöffnet werden, auf gelbem Sand auf der Erde aufgebahrt. Am Tage des Begräbnisses versammeln sich die Teilnehmer auf dem Hofe, und wenn der Pfarrer oder Küster kommt, wird der Sarg geschlossen und auf eine Bahre vor dem Hause gelegt. Der Küster spricht den Segen, gibt ein Lied aus dem Gesangbuche an, das von allen gesungen wird, (manchmal wird auch ein anderes Sterbelied, das nicht im Gesangbuche ist, gesungen) und dann setzt sich der Leichenzug in Bewegung zum Friedhofe. Daselbst angelangt, gibt der Küster Namen und Krankheit des Verstorbenen bekannt, spricht über dessen Lebenslauf, tröstet die Angehörigen, liest Gottes Wort vor und erläutert es, betet und segnet und bezeichnet wieder ein Lied aus dem Gesangbuche. Alle Trauerleute gehen hinter dem Sarge mit bis auf den Kirchhof. Trauertracht war: Schwarze Kleidung oder wenigstens ein schwarzes Band um den Arm. Nach der Beerdigung fand im Trauerhause eine kleine Leichenfeier statt, bei der ein guter Bohnenkaffee mit Süßbrot, manchmal auch ein oder einige Gläschen Wein verabreicht werden.

11. Brauch im Jahreslauf: Zu Weihnachten und Neujahr wird sehr viel gebacken, so Lebkuchen, Kuchen, Süßbrot, Torten, verschiedenes kleines Gebäck, also gerade so wie bei uns. Auch ist es Sitte, sich gegenseitig zu beschenken, besonders unter den Familienangehörigen. Auch gehen vor allem die Kinder sowohl zu Weihnachten als auch zum neuen Jahre zu den befreundeten Familien, um dort Glück zu wünschen, was meistens mit einem Sprüchlein geschieht, wie z. B.: Weil das neue ist gekommen, habe ich mir vorgenommen, euch zu wünschen in der Zeit Friede, Glück und Seligkeit, oder: So viel Flocken in dem Schnee, so viel Tropfen in dem Regen soll euch Gott, der Höchste geben, oder: Bete alle Wochen, bete mich ins Himmelreich, was ich krieg’, das ess’ ich gleich, oder der auch bei uns gebräuchliche Spruch: Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig, lass’ mich nicht zu lange steh’n, muß noch a Häusle weiter geh’n. Erwachsene werden bei dieser Gelegenheit mit Schnaps und Lebkuchen bewirtet, die Kinder erhalten verschiedene Kleinigkeiten. In der Faschingszeit werden hie und da, aber nicht oft, auch Maskierungen vorgenommen. Zu Ostern wird wieder sehr viel gebacken; besonders aber werden Eier gesotten und verschieden gefärbt. Auch zu Ostern werden gegenseitig Glückwünsche ausgetauscht.

Allgemein beliebt ist das Eierspiel, das von dem ledigen Volke auf einer Wiese durchgeführt wird. Dabei wird auf der Wiese ein Platz ausgesteckt und in der Mitte mit einer Fahne auf einem ziemlich hohen Maste geschmückt. (Siehe beigeschlossene Skizze). Auf der einen Seite ist der Tanzplatz, auf der gegenüber liegenden das Chor für die Musikanten und darneben ein Buffet mit verschiedenen Annehmlichkeiten für den Magen. In den Richtungen der 4 geraden Linien werden Eier gelegt und zwar jeder Linie 9 Stück weiße, rohe Eier und dann 1 Stück gekochtes u. gefärbtes Ei, und zwar dies 10 mal hinter einander. Bei jeder Eierreihe (im ganzen also 4) findet ein Bursche, der sogenannte Läufer Aufstellung. In den Punkten a,b,c und d steht je ein Mädchen (für jeden Läufer eines) mit Schürze und Handkorb. Jeder Läufer hat die Aufgabe, die 9 weißen Eier hüpfend eines nach dem anderen zu sammeln und sie dem zu ihm gehörigen Mädchen in die Schürze zu werfen. Das Mädchen wieder legt die aufgefangenen Eier in den neben ihr stehenden Handkorb. Daß dabei auch manches Ei zerspringt und das Mädchen beklext, ist wohl selbstverständlich. Das 10. und gefärbte Ei hat der Läufer über die Fahne zu werfen. Dieses Spiel wiederholt sich bei jedem Läufer 10 mal und in immer größeren Entfernungen. Der Wurf des 10. gefärbten Eies ist ausschlaggebend. Der Bursche (Läufer), der das letzte gefärbte Ei vorschriftsmäßig über die Fahne wirft, hat das Spiel gewonnen. Manchmal geht es dabei recht heiß zu, ja sogar Wetten werden abgeschlossen. Daß es für den Läufer keine einfache und leichte Sache ist, 100 Eier zu holen und zu werfen, ist wohl klar.

Unterhaltung. Erzählungen. Märchen, Sagen. Wenn die Bauern zusammen kommen, unterhalten sie sich meistens über ihre bäuerlichen Arbeiten als Pflügen, Säen, Mähen, Dreschen, über gute und schlechte Ernten. Dann gehen die Gedanken wohl auch zurück in die Ansiedlungszeit und sie erzählen, wie die Bauern damals gearbeitet haben. Sie hatten keine Maschinen wie heute; gepflügt wurde mit dem Holzpflug, gemäht mit Sichel oder Sense. Die ganze Familie war immer auf dem Felde beschäftigt, ihre Speise sehr gering. Wenn die Gebetglocke läutete, haben die Männer, wo sie standen oder gingen, die Mütze abgenommen und das„Vater unser” gebetet. Petroleumlampen kannten sie nicht, beleuchtet wurde nur mit Talg- oder Öllichtern. Die Kleider haben sie sich selbst angefertigt aus Flachs oder Hanf, den sie gebaut hatten. Die Kinder liefen bis zu ihrem 13. oder 14. Jahre mit einem langen weißen Hemd aus Flachs oder Leinwand herum. Wenn jemand Geld oder etwas anderes geborgt hatte, brauchte er keinen Schuldschein mit seiner Unterschrift geben, es genügte sein Wort, nach dem Leitsatze: Ein Mann, ein Wort. Die Männer erzählten bei ihren Zusammenkünften aber auch vom Kriege, insbesondere vom Weltkriege und auch vom jetzigen Kriege. Sonderbare Streiche fanden ebenfalls Beachtung, z. B.: 10 Fuhrleute fuhren nach Wein in das Nachbardorf. Als sie aufgeladen hatten, ruhten sie aus und zechten, bis sie angetrunken waren. Dann ging die Fahrt los. Der Weg führte über einen Berg, auf dem oben ein Graben war. Der erste fuhr hinüber, verlor aber dabei das Faß, welches den Berg wieder hinabkollerte. Der zweite fragte den vorderen: „Wie geht die Fahrt?” Der erste antwortete: „Es geht leicht, und jetzt noch leichter.” Dann fuhr der zweite hinüber mit demselben Erfolge. Alle anderen ereilte das gleiche Schicksal. Nun waren sie aber in dem Kopfe wieder klar geworden, kehrten um, luden von neuem auf und fuhren nach Hause.

Die Frauen sprachen über ihre häuslichen Arbeiten, erzählten Dorfgeschichten oder sangen Lieder.( Siehe Notenblatt). Den Kindern wurden dieselben Märchen erzählt, wie auch wir sie haben, nämlich Schneewittchen, Rotkäppchen, 7 Zwerge u.a.

Der Alpdruck ist den Umsiedlern ebenfalls bekannt. Von Geistergeschichten wird folgende erzählt: In dem Dorfe K. lebte einmal ein wohlhabender Bauer, der eine große Familie hatte. Als der älteste Sohn heiratete, kaufte der Vater einen Hof und schenkte diesen dem Sohne, jedoch ohne Haus. Dieses sollte sich der Sohn selbst bauen. Der baute auch tatsächlich das Haus bis hinauf, aber als es fertig war, fehlten Fenster und Türen. Darüber erzürnte sich der junge Mann so, daß er sich nicht mehr auskannte. Er zerfiel mit seinen anderen Geschwistern, ließ aber seine Frau beim Vater, nahm einen kleinen Stubenhund mit und ging in sein neues Haus schlafen. In der Nacht zwischen 11 und 12 fing der Hund an zu bellen, es erschien ein Mann ohne Kopf und verlangte von dem Bauern, daß er mitgehe. Das wiederholte sich einige Näachte, bis der junge Mann sich wieder sehr ärgerte und fest fluchte. Da verschwand der Mann unter großem Geräusch und kam nicht wieder. In dem Hause aber geisterte es noch lange Zeit. Jedesmal, wenn die Stunde kam, fing der Kleiderschrank an zu wackeln, das Küchengeschirr an der Wand schlug an einander u. dgl.

13. Aberglaube: Wenn der Hahn kräht, kommen Gäste, ebenso, wenn die Katze sich putzt, und zwar von der linken oder rechten Seite, je nachdem sie sich mit der linken oder rechten Pfote wäscht.
Wenn der Hund wühlt und auf dem Rücken liegt, gibt es Sturm.
Wenn jemand nicht schlafen kann, wird gesagt, er wird von Hexen geplagt. Als Mittel wurde empfohlen, eines abends das Schlafzimmer vollends auszuräumen, alles auszuputzen und dann die Sachen wieder hinein zu stellen. Auch ein anderes Mittel wird angeraten: Eine Kröte in der Mitte durchzureißen und die beiden Hälften unter das Kissen zu legen. Im Zusammenhänge mit diesem Mittel wird eine andere Geschichte erzählt, nämlich: In einem Nachbarhause war das Mädel verschwunden. Da sagte man, sie hat sich in eine Kröte verwandelt, die auf diese Weise zerrissen wurde.
Wenn ein Kind die Zähne schwer bekommt. Mittel: Man fängt einen Spatzen (Sperling), reißt ihm den Kopf ab, streicht das warme Blut auf das Zahnfleisch und spricht 3 mal: Es helfe dir Gott Vater, Gott Sohn und hl. Geist.

Wenn ein Kind Auszehrung und Abnehmen hat. Mittel: Man geht an einem Freitag vor Sonnenaufgang ohne ein Wort zu sprechen unter einen Apfelbaum oder unter einen Pflaumenbaum und sagt: Ich klage dir, mein Kind hat Auszehrung und Abnehmen; der erste Vogel, der über dich wegfliegt, soll es mitnehmen und wieder 3 mal: im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Bei jedesmaligem Aussprechen dieser Worte muß der Kranke den Baum oder wenigtens einen Ast desselben schütteln.
Wenn ein Kind das Maß verloren hat, wird das Kind auf den Boden gelegt und gemessen. Dann nimmt man vom Schilfrohr die Fahne, verbrennt sie und gibt die Asche dem Kinde zu essen.
Bei Husten: Es werden Zwiebeln geschnitten, dieselben auf die Fußsohlen gebunden und dabei gesprochen: Nützt es nichts, so Schadetes nicht, es wäre besser, es wäre nicht.
Hat sich ein Pferd verfangen, so gießet man ihm kaltes Wasser in die Ohren oder kocht ihm einen Tee.

Amulette gibt es bei den Deutschen, die evangelisch sind, nicht dafür aber bei den Russen. Beschwörungen wurden den Zigeunern überlassen, die je dort sehr häufig sind, freilich nur durchziehend.
Lieder: Volkslieder, Kinderlieder und auch andere Lieder sind auf beigeschlossenem Notenblatt verzeichnet. Ich habe mir dieselben von verschiedenen Frauen Vorsingen lassen, an Ort und Stelle in Noten gesetzt und sie dann zwecks Prüfung auf ihre Richtigkeit wieder vorgesungen. Dabei will ich besonders auf das Englandlied, das einen beßarabischen Bauern zum Dichter hat, aufmerksam machen. Auf dem Notenblatt ist nur eine Strophe verzeichnet, die übrigen 7 sind auf einer besonderen Beilage. Studentenlieder gibt es bei den beßarabischen deutschen Umsiedlern nicht, da unter ihnen auch keine Studenten sind. Es sind eben alle Bauern.

15. Rätsel und Sprüche: 1.) Kommt was von Heck und Beck, hat ein Mantel von tausend Fleck. ( der Hahn).
2. ) Es liegt was im Keller drunten und ziehen sieben Paar Ochsen nicht herauf. ( der Wolleballen).
3. ) Ich geh in dir, ich geh auf dir, ich werd’ dich bomponelen (kneten), daß dir der Bauch aufgeht.( der Brotteig).
4.) Wann ist der Mann ohne Kopf zu hause? ( Wenn er zum Fenster herausschaut).
5.) Es hockt was im Eckle und sacht wie a Böckle.( Quark).
6. ) Außen haarig, innen haarig, 7 m in den …noch haarig. ( Strohhaufen).

16. Sprüche : 1) Annamareile, koch’ dei Breile, sitz auf’m Stühle, melk dei Kühle, geh aufs Gras, lock den Has’, gurgele, gurgele, lange Nas’.
2) Lidja, Lidja, Pfeffermühle, deine Kinder fressen viele, alle Tag ein Laiblein Brot, nimm den Hammer, schlag’ sie tot.
3) Bauer bind’ dein’ Pudel an, daß er mich nicht beißen kann. Beißt er mich, so straf’ ich dich mit eine Mark dreißig. Eine Mark dreißig ist kein Geld, wenn der Pudel noch so bellt.

17. Abzählverse: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, uns’re Mutter, die kocht Rüben, unser Vater, der kocht Speck, wen er will, den jagt er weg.
2. Johannes hat ein’ Garten klein, in dem Garten war ein Baum, in dem Baume war ein Nest, in dem Nest war ein Ei, in dem Ei war ein Dotter, in dem Dotter war eine Maus, sonst Johannes, du bist raus.
3. Enna, denna, Tintenfaß, geh’ in die Schul’ und lerne was, kommst du heim und kannst du’s nicht, nehm’ ich die Rut’ und kitzle dich, sind im großen und ganzen dieselben wie hier bei uns, nur Spottnamen kommen vor, sind aber selten; mitunter fanden sie gerichtliche Nachspiele.

18. Volksspiele: Davon ist das bereits oben angeführte Eierspiel und das folgende Schlüsselspiel zu erwähnen.
Schlüsselspiel: Dieses wird übrigens verschieden gespielt. Irgend jemand, meist ein Bursche, nimmt einen Schlüssel. Jemand von den Mitspielern stellt sich auf und singt, die anderen gehen paarweise im Kreise um ihn herum.(immer ein Bursche und ein Mädel, jedoch nicht eingehängt). Nun läßt der unbekannte Inhaber des Schlüssels diesen fallen, worauf alle anderen plötzlich stehen bleiben müssen. Der im Kreise sucht sich mit einem Satz auch schnell eine Partnerin oder einen Partner, eventuell aus den Umstehenden. Wer keinen Partner bekommt oder sich rührt, hat dann in die Mitte zu gehen, und das Spiel beginnt von neuem.

19. Tanz: Getanzt wird Sonntag am Nachmittag und abends. Die Tänze einfach und schneller. Wie bereits oben erwähnt, werden aber auch volksfremde (russische und rumänische) Tänze eingeflochten.

Ende.

 

 

 


1 Abschrift aus: Deutsches Ausland-Institut, Stuttgart ; Teil I und Teil II (GS Buchnummer 943 B4na Nr. 16 und Nr. 21). Mikrofilm Nr. 007953035 Rolle 606 Frame 5396378; Abbildungen und Karten des Verfassers waren nicht enthalten, nur die Skizze zum Eierlauf, Signatur Verfasser. Die Richtigkeit bestimmter Schreibweisen wurde angemerkt.