Erlebnisbericht des Ferdinand Schlaps aus Cobadin

Protokollarische Aussage des Ferdinand Schlaps aus C o b a d i n , Plasa Traian, Judet Constanţa in der Dobrudscha.1


Original, 27. März 1956, 4 Seiten, mschr.

Wir hatten eine sehr schöne Schiffahrt bis nach Semlin bei Belgrad, drei Tage und zweieinhalb Nächte. In Semlin war ein großes Durchgangslager für Tausende von Menschen, alle in Zeltbaracken, die auf einer Insel standen. Da machten wir eine Kältekur von drei Tagen durch. Es waren Cobadiner, Tariverder2, Cataluier3 und Caramurater4 zu gleicher Zeit in dem Durchgangslager. Die Verpflegung war so großartig, als ob alle Tage Hochzeit wäre. Die ganzen Lebensmittel waren von den Banater Schwaben gespendet.

Von da aus fuhren wir mit dem Zug bis nach Puntigam bei Graz. Dort wurden wir von dem Gauleiter, der Hitlerjugend und von Musikkapellen empfangen. Wir wurden eine mit Fahnen geschmückte Straße entlang geführt bis zu einem Gasthaus; dort erhielten wir das erste Essen auf deutschem Boden. Dies war ein sehr stark angebranntes Eintopfgericht — kein gutes Zeichen. Von hier ging es mit der Bahn weiter bis Linz. Dort kamen wir abends an und mußten die ganze Nacht hindurch in den Eisenbahnwagen bei trockenem Frost ohne Dampfheizung frieren. Den nächsten Tag, den 3. Dezember 1940, kamen wir nach Marbach an der Donau, Bezirk Niederdonau.

Basilika und Pfarrhof Maria Taferl, Niederösterreich – von Krummnußbaum aus gesehen5

Wir waren nur noch 66 Personen; die anderen waren nach allen Richtungen hin verteilt. Unser Lager war vorher ein Nonnenkloster gewesen; der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter empfingen uns. Im Lager wurde uns das Lagerpersonal vorgestellt: ein Lagerführer, eine Köchin, Arzt und Schwester vom Roten Kreuz. Es waren sechs Schlafzimmer, ein Krankenzimmer und ein Eßsaal vorhanden. Die Zimmer waren alle überbelegt, die Zustände, die dort herrschten, waren nicht mehr menschlich, Möbel hatten wir nur Doppelbetten, einen Tisch und einige Hocker in jedem Zimmer. Wenn wir uns alle in unserem Zimmer aufhielten, mußten wir auf den unteren und oberen Betten sitzen, weil sonst kein Platz gewesen wäre, um sich bewegen zu können. Männer, Frauen, Alt und Jung – alle in ein und demselben Räume.

Drei Tage lang durften wir das Lager nicht verlassen, bis sich herausstellte, daß alle gesund waren. Danach bekamen wir alle zehn Tage frei und mußten sodann zum nächsten Arbeitsamt gehen; dort wurden wir in die am Orte und in der nächsten Umgebung befindlichen Betriebe eingewiesen. Die Verpflegung war in der ersten Zeit gut; allerdings war es österreichische Kost, die manchem Gaumen nicht zusagte – alles mit und überall Kümmel. Mit der Zeit wurde das Essen immer schlechter, so daß es so manche Träne gab.

Eine seelische Betreuung gab es nicht. Wir gingen jeden Sonntag in die katholische Kirche zum Hauptgottesdienst. Die Katholiken freuten sich sehr darüber. Nach einiger Zeit kam ab und zu ein evangelischer Geistlicher aus Amstetten und hielt in der katholischen Kirche Gottesdienst. Später hielten wir in unserem Zimmer jeden Sonntagabend Bibelstunde. Nach kurzer Zeit wurde ich in das Rathaus gerufen, und es wurde mir gesagt: „Herr Schlaps, derartige Sachen sind in den Lagern verboten; wir sehen aber, daß Ihr gute Nationalsozialisten seid, und wenn Sie die Verantwortung übernehmen, so haben wir nichts dagegen.” In anderen Lagern war es streng verboten. Wir hatten das Cobadiner Kirchenharmonium bei uns; im Lager wurde nun ungehindert gespielt und gesungen. Auch hatten wir gleich das Tischgebet eingeführt, das auch beibehalten wurde. Es dauerte nicht lange, da wurde in Wien bei der Gauleitung von uns als dem „Herrenlager” Marbach gesprochen. In den meisten Lagern wäre es schlechter als bei uns und fast unerträglich zu leben.

Im Nachbarlager Persenbeug, sieben Kilometer von Marbach, waren 600 Personen aus Caramurat sehr schlecht untergebracht; wir dachten anfangs, denen aus Caramurat wird es besser gehen, weil sie katholisch sind — es war aber nicht der Fall. Diese hat man noch viel schlechter behandelt als uns; ich denke, schon deswegen, weil sie alle noch in Trachten gekleidet gingen und von Hause aus schlicht und einfach waren.

Eines Tages kamen einige Männer aus dem Persenbeuger Lager zu uns; sie klagten und schimpften über ihre Lagerführung und Betreuung und baten mich, ihnen zu helfen. Meine Frau und ich gingen zu ihnen hinüber und sahen uns alles an; dann ließen wir uns bei der Lagerführung melden; der Lagerführer empfing uns und klagte über die Lagerinsassen. Ich sah, daß nichts zu machen war. Bevor ich ging, sagte ich den Caramuratern: „Wendet Euch doch an den Ortspfarrer. Ihr seid doch alle katholisch; vielleicht setzt sich der für, Euch ein.” Das Essen, das sie bekamen, war wenig und schlecht; überhaupt war die ganze Behandlung wie in einem Gefängnis. Die Caramurater beklagten sich bei dem Ortspfarrer, und das Essen wurde ein wenig besser.

Eines Tages fanden die Umsiedlungskinder beim Spielen in einer Scheune versteckt viele Lebensmittel; sie erzählten es ihren Vätern, welche die Polizei riefen; da wurde viel Butter, Zucker, Mehl, Honig und Öl aus dem Versteck geholt. Als diese Geschichte im Ort bekannt wurde, kam der Fleischer mit 150 Kilogramm Fleisch, das ihm gutgeschrieben war; aus einem anderen Laden ein Kaufmann mit Teigwaren und anderen Sachen, die gleichfalls gutgeschrieben waren, und dies alles aus Angst. Da konnte man sehen, wie das Personal alles verschoben hatte. Die Lagerführung wurde verhaftet und weggebracht; es hieß, sie würden alle erschossen. Nach kurzer Zeit erfuhren wir, daß sie nur in ein anderes Lager versetzt waren, und dort trieben sie es ebenso.

„Es gab fast in allen Lagern ein Klagen über grobe Behandlung und Veruntreuung von Lebensmitteln. Die Männer arbeiteten fast alle schwer in Rüstungsbetrieben, und wenn sie in das Lager kamen, gab es schlechtes Essen, und die Frauen klagten ihnen die Ohren voll. Wenn gelegentlich einige auftraten und ihr Recht forderten, dann wurde ihnen gedroht und gesagt, sie kämen nicht zur Ansiedlung und würden in das KZ gesteckt, wohin auch einige wirklich kamen.

Bei der Aussiedlung war uns gesagt worden, unsere Ansiedlung würde im März 1941 erfolgen; bei Kriegsende aber waren noch Tausende in den Lagern. Im Februar 1942 wurden von der Mittelstelle Wien aus jedem Lager ein bis zwei Mann angefordert, die nach Polen wegen der Ansiedlung fahren sollten. Als wir uns in Posen trafen, wurde uns vorgeschlagen, wir sollten alle auf die großen Güter in Polen aufgeteilt werden und diese in Gemeinschaft bearbeiten. Nach dem Kriege sollten dann diese Güter an Bauern verteilt werden. Einige Männer sagten sofort zu; mir wollte es nicht behagen, und ich bat die Herren um einen Tag Bedenkzeit, was uns auch zugestanden wurde. Als die Herren alle fort waren, sagte ich au unseren Männern, es wäre doch nicht das Richtige; unsere Leute wollten doch endlich aus den Lagern heraus, und auf den Gütern würde ein neues Lagerleben anfangen. Die Männer gaben mir recht, nach einigem Hin und Her einigten wir uns und lehnten dann eine Gemeinschaftssiedlung ab. Wir baten darum um Einzelansiedelungen, worauf uns erwidert wurde, solche könnte man vorläufig nicht durchführen. In den Jahren 1943 und 1944 wurde ein kleiner Teil in der Tschechei und in Polen angesiedelt.

 


1 Dokumentation III der Vertreibung der Deutschen aus Ost- Mitteleuropa. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien. hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, 1957 S. 43-45
2 Tariverde )Dorotheia), Plasa Ovidiu, Judet Constanţa
3 Catalui (Cataloi), Plasa Babadag, Judet Tulcea
4 Caramurat (Ferdinand I), Plasa Ovidiu, Judet Constanţa
5 BSonne – wikimedia, CC-BY 4.0, Basilika und Pfarrhof Maria Taferl, Niederösterreich – von Krummnußbaum aus gesehen, erstellt 2.9.2016