Erlebnisbericht des Otto Schmidt aus Agemler

Erlebnisbericht des Otto Schmidt aus A g e m l e r (Ciobaniţa), Plasa Traian, Judeţ Constanţa in der Dobrudscha.1


Original, 30. März 1956, 11 Seiten, mschr.

Hiermit will ich kurz niederschreiben, wie es mir ging bei der Umsiedlung aus der alten Heimat. Als der Krieg losging 1939 mit Polen, da war ich auch wieder eingezogen bei der Rumänischen Wehrmacht. Ich war das Militärleben schon satt bis über die Ohren, da war ein mal das Gerede, das wir nach Deutschland übersiedelt werden sollen. Das war im Sommer 1940. Da ging ich zu unsrem Hauptmann und habe im die Sache vorgestellt; da ging er mit mir zum Oberst. Da sagte der Oberst: „Das weis ich schon; ich hab schon das Befehl, alle Deutsche nach Kronstadt ins Lager zur Entlassung”. Als ich im Lager war, da kam es gerade mit dem Regierungswechsel2, da fiel so mancher Schuß in der Nacht. Und da konte das Lager keine Freifahrtscheine mehr ausstellen, und wir wolten doch so schnell wie möglich nach Hause.

Im Lager traf ich noch mehrere Bekande, Teodor Rößner, Albert Brauer, Gottlieb Golz, J. Ost und mein Bruder Hugo und Artur. Nun wurde beraten, wie wir nach Hause kommen, da haben wir alle unser Geld zusamenrechnet, aber es reichte nur bis Bukarest. Da sagte Teodor Rößner: „Wenn wir bis Bukarest kommen, dann sind wir gerettet; dort hab ich bekante, da borge ich Geld, dan fahren wier weiter.” Als er zurückkam, da haben wir die Karten gelöst, und dann ging es weiter. Unterwegs da ging es los mit dem rechnen, damit jeder sein richtiges zurückgeben dut. Als ich alles ausgerechnet hatte und wier saßen einen Augenblick, da fing Golli Golz wieder an: „Ich glaube, wir müssen noch mal nach rechnen”. Da war T. Rößuer sofort mit einferstanden, so wurde das Gelächter getrieben von Bukarest bis Medgidia.

Als wir zu Hause ankamen, da ging das Verkaufen und Handeln los, bis wir abgingen. Da kam im November die Komision an und hatt uns alle aufgeschrieben und kurz aufgeglährt. Es fiel mir die erste Zeit schwehr, das mann die Sachen, die mann sich mit schwehrer Arbeit augeschaft hat, jezt für Spott Preise verkaufen und sich vorbereit zur Abreiße. Aber zum Schluß wurde ich auch gleichgüldig und machte mir nicht mehr viel gedanken darüber. Nur mein Vater sagte oftmals: „Kinder, wier gehen jezt nach Deutschland, aber ich glaube, wir gehen ins Verderben.” Da hab ich ihn getröstet und sagte zu ihm: „Wir gehen ja nicht allein, sondern es gehen ja alle aus der Dobrutscha; wir werden ja sehen, was daraus wirt.” Da sagte mein Vater: „Deutschland steht im Krieg, und man weis noch nicht, wie der Krieg ausgeht, und das sind meine große Sorgen.”

Da war ich anfang November nach Constantza gefahren; als ich am Abend nach Hause kam, war mein Vater schon weg. Die Kranke Leute wurden vorher mit einem Kranken Transport weggebracht. Und am 21. 11. 1940 früh um 5.00 Uhr kamen die Last-Wagen und holten uns ab. Die letzte Nacht wurde nicht mehr geschlafen, da war die große Abschiedsfeier mit den Rumänen und Tataren. Als wir auf die Wagen rauf kletterten, da rollte so manche Trähne; alle sagten: „Warum bleibt ihr nicht hier, es treibt doch euch niemand weg von hier.” Aber es war nicht mehr zu endern, da es ein abkommen war zwischen den Staaten. Es ging mit den Lastwagen von Agemler bis nach Cobadin, da wurden wir in den Zug reingeschickt, der für uns bereit stand. Die Blas Kappelle aus Cobadin stand am Bahnhof und spielt uns noch ein Abschiedslied. Da ging es mit der Bahn bis nach Cernavoda. Da wurden wir eingeschifft, das war alles am 21. November; um 12.30 fuhr das Schiff ab. So ging es 4 Tage auf der Donau entlang, bis nach Semlin bei Belgrad. Da musten wir alle aussteigen und in das Zelt Lager Marschieren. Da wurden wir gut empfangen, die Verpflegung war sehr gut.

Nach zwei Tagen ging es wieder weiter. Wir wurden mit Omnibusse zur Bahn gebracht. Da ging es wieder mit der Bahn weiter; in Graz hielte der Zug, da wurden wir mit Mussig empfangen. Da musten wir alle aussteigen, da ging es unter einer Flaggenstraße in die Stadt rein in ein Lokahl, da gab es ein warmes Mittagessen. Nach dem Essen ging es wieder mit Mussig zur Bahn; so fuhren wir wieder weiter bis nach Gutenstein ins Lager, das ist in Kr. Wiener-Neustadt, Niederösterreich. Am 28. November um 23.30 Uhr kamen wir in Gutenstein an, da hat man uns wieder mit den Omnibusse abgeholt und brachten uns in den Speisesaal. Da gab es ein warmes Essen, aber nicht mehr wie in Semlin, sondern Gemüse quer durch den Garten. Anschliesent gingen wir in ein Schloß, das war unser Lager. Als wir den Eingang ereichten, da sagte mein Schwiegervater auf Rumänisch: „Aicea ne in Tragu, scoade Corne die Bereti.” Das heißt auf Deutsch: „Hier holt uns der Teufel, die Hörner guken schon aus der Wand.” Da waren sehr viel Hirschgeweihe angebracht. Da gingen wir sofort schlafen, weil es war schon nach Mitternacht. – Das ist über die Reise von unser Heimat bis ins Lager Gutenstein.

Südansicht des Schlosses Gutenstein7

Gleich am ersten Morgen, das war am 29. 11. 40, kam die Rote Kreuz Schwester und schaute nur zur Tür rein und sagte: „Ist alles gesund? Dann alle raus treten zum Frühstück.” Am Abend, als wir ankamen, ging ich sofort ins Bett und bin auch gleich eingeschlafen, da sah ich garnicht, wer als in das Zimmer rein kam. Da stand ich in der Früh erst mal einen moment und sa mir die Leute an, die im Zimmer waren. Da waren außer meiner Familie: meine Schwieger Eltern mit 6 Personen, Familie Oskar Bauer mit 3 Personen, David Weiß mit Frau, Familie Emil Kalbach mit 5 Personen; wir waren mit 3 Personen. Da waren wir mit 19 Personen auf einem Zimmer von knapp 20 qm. Wir waren in dem Schloß von Graf Hoyos unter gebracht, es war ein sehr altes Schloß.

Nun fing man an, uns zu unterrichten, wie wir uns verhalten müssen im Lager; erstens das antreten zum geschlossen zum Essen gehen, weil das Schloß etwas abgelegen war von dem Speisesaal. Da mußten wir rein und sich alle an den Tisch setzen. Als alle Platz genommen hatten, da rief der Lagerführer: „Guten Hunger!” Da ging das Essen los. Da hat so manch einer ein schiefes gesiebt gezogen, weil das Essen nicht besonders war, aber das half alles nicht. Als wir ferdig waren mit dem Essen, da stand der Lagerführer auf und sagt: „Alles aufstehen, wir wollen danken.” Na, da dachten wir, es wirt gebetet; da sagte er: „Wir sprechen alle im Chor: wir danken unsrem Führer.” Das war unser Tischgehet. Es ging so manch einem gegen die Natur, aber keiner traute sich etwas zu sagen, weil wir doch erst ankamen und noch nicht wüsten, wie es in Deutschland zu ging.

So ging es einige Tage ruhig zu, da ging doch eines Tages das Beschwehren los, zu erst wegen dem Brot. Da war sehr viel Kümmel drin, das konnten die meisten nicht vertragen. Da sagte der Lagerführer: „Der Kümmel mus rein, der macht Luft.” Da sagten die Leute: „Den Kümel tun die in das Brot rein, damit wir nicht so viel essen sollen.” So ging der Streit weiter, bis der Kümmel aus dem Brot raus war.

Das war der anfang; da wurde ein Kind krank im Schloß, da wurde das Lager gespert, damit die Krankheit nicht ins Dorf übertragen wirt. Da ging der Krach los, man hat uns gehalten wie die gefangene; wir wurden nicht wie Umsiedler behandelt, sonder wie Sträflinge. Der Lagerführer kam jeden Morgen die Zimmern durch und seht nach Sauberkeit; da ging er auch oft her und dat mit dem Finger über die Tür, ob auch Staub da war; warum soll auch kein Staub da sein, wenn 19 Persohnen in einem Zimmer hausen müssen. Und bei Tag durfte sich niemand hin legen. Ich legte mich jeden Tag nach dem Mittagessen hin, da sagte mein Schwiegervater: „Wenn dich der Lagerführer antrifft, dann ist der Teufel los.” Da kam er eines Tages rein, und ich lag auf dem Bett; da schrie er mich an: „Habe! ich nicht angeordnet, das bei Tag niemand auf dem Bett liegen darf; Schmidt, sie verschlafen ihr Leben!” Da sagte ich: „Herr Lagerführer, ich schlafe auch nicht gerne bei Tag, aber warum soll ich den ganzen Tag sitzen und zum Fenster raus schauen, wir sind doch eingespert; und zweitens, so lange ich schlaf, spüre ich keinen Hunger.” Da fing er an zu schreien: „Schon wieder einer, der nicht satt wirt!” Da sagte ich zu ihm: „Die billige Gemüse Suppe war schon weg, als ich die Treppe rauf kam.” Na, dann müssen wir jeden Tag raus Sport betreiben, damit nur die Zeit vergeht, und die übrige Zeit haben wir mit Karten spielen verbracht. So ging es die ganze Zeit bis anfang März 1941. Da hat man uns Arbeit besorgt; einige haben in einem Sägewerk gearbeitet, aber die meisten musten zu den Bauern arbeiten, was uns ja alle am liebsten war, da wir ja alle von der Landwirtschaft her stammten. Aber wir musten jeden Sonntag ins Lager kommen und uns melden.

Im Mai 1941 kam eine Komision ins Lager und hat uns registriert, und so mit waren wir Deitsche Staatsbürger. Da wurde kurz danach die Jugend einberufen zum Arbeitsdienst. Da wurde auch unser Lagerführer weggerufen, der hies Schmuck. Da bekamen wir einen andern. Da wurde es noch schöner, der hies Mittemeyer. Der verlangte sogar, das man ihn mit Papa ansprechen sollten und seine Frau mit Mama; das war er gewohnt von seinem ersten Lager. Aber es waren nicht viele, die in mit Papa an gesprochen haben. Wen er das ereichen wolte, da hette er sich müssen anders benehmen uns gegenüber. Man sagt nicht umsonst, nach dem Wolf kommt der Bär; da war es bestimmt eingetroffen.

Es wurde uns eines nach dem ändern abgezogen. Die erste Zeit gab es Sonntag noch ein Stück Kuchen, das fiel weg. Und zum Schluß gab es Sonntagabent auch keinen Tee mehr. Da haben wir uns geeinigt, wir wollen zu ihm gehn und ihn fragen, warum uns jetzt auch noch das bischen Tee abgezogen wirt. Da wollte er uns aus dem Büro schmeisen, aber wir standen eisern. Der Lehrer Alfred Nesper war auch dabei, der sagte: „Wir gehen nicht eher, befor wir keine richtige antwort haben.” Da rief der Lagerführer die Polizei an; da kam auch einer an, aber der war so betrunken, das er kaum noch gerade gehen konte. Der wolte uns raus schmeisen, aber wir gingen halt nicht. Da kam er auf mich zu und wolte mich raus stosen, aber das lies ich mir nicht gefallen; da wuste er nicht mer, was er noch anfangen sollle. Da ging er raus und sagte, er wirt die Gestabo anrufen, dann werden wir schon unser Wunder erleben; aber es kam niemant. Da haben wir die Gauleitung benachrichtigt. Na, da kam einer in großer Partei Uniform an, der lies die ganze Lager Belegschaft in den Speisesaal kommen und hat eine große Rhede gehalten; aber es wurde halt nicht besser; er [hat] zum Schluß nur noch von Boletig gesprochen. Und unser Not blieb die selbe. Da haben wir gesagt, man kan den Teufel nicht bei seine Grosmutter anklagen, und so blieb es bei dem alten Lagerleben.

Da haben wir immer darauf getrengt, man soll uns unser grosgepäk rausgeben; das haben wir doch vorausgeschickt, und es ist immer noch nicht da. Da kam es doch mitte Juli an, aber wie! Da fehlte halt jedem etwas. Da gab man uns zur antwort: „Die Sachen mußten in Wien alle nach gesehen werden, weil die meisten auch Lebensmittel in ihre Kisten halten. Um das nicht verderben lassen, hat man die Sachen raus und verwerdet.” So wurde der gute Kaffee und Tee alle raus genommen, aber das war noch nicht alles. Es fehlten halt auch Anzüge und Damenkleider, die bestimmt nicht verdorben waren. So wurden wir in allem betrogen, und keiner war da, der uns beistehen konnte. Das schönst war noch im Lager, da hat man eine Schule eingeführt, um uns lesen und schreiben lernen. Natürlich, es waren auch Leute darunter, die schlecht geschult waren, und auch welche, die keine Deutsche Schule besucht hatten. Aber trotzdem war es nicht nötig. Man hielt regelrecht für dumm, nur um uns von allem ablenken.

An eine Umsiedlung glaubte kaum noch jemand. Im Lager bekamen wir die Zeitung ‚Wir sind daheim‘. Da las ich einmal von den Siedlungen in Polen, was wir bekommen sollten. Da sagte mein Schwiegervater: „Glaubst du an eine Siedlung? Ich nicht! Wir werden alle angesiedelt”, sagte er, „aber die Siedlung ist nur zwei qm groß.” Und er hatte recht; er ist im August an einer Magen Operation gestorben; er wurde am 16. August oberiert, und am 21. August ist er gestorben. Im Herbst 1941 ging die Umsiedlung los, aber nur von einem Lager ins andre. Da wurde auch sehr viel geschimpft darüber. Da hal man uns gesagl, es isl nur eine Gemeinde zusamenführung. Dabei war es eine Gemeinde auseinanderführung.

Am 4. Dezember hal meine Frau entbunten in Wiener-Neustadt im Krankenhaus. Als sie wieder zurück kam ins Lager, da ging es ihr sehr schlecht. Da war die geringe Verpflegung und dann ein kleines Kind. Das war noch unser glück, das ich bei einem Bauer tetig war, da waren sehr anständige Leute. Die gaben mir jeden Sonntag, wenn ich ins Lager fuhr, allerhand mit; so hatte meine Frau immer etwas zusätzlich, damit konnte sie sich noch hoch halten.

So ging es weiter bis im ersten Juli 1942. Da hat man mehrere Männer nach Nürdingen3 geschickt zu einem Politischen Lehrgang, der sollte 6 Wochen dauern. Da war ich auch dabei. Als wir abfuhren, da war ich ganz begeistert. Da dachte ich, entlich mal aus dem Lager raus. Aus dem Lager Gutenstein war auser mir noch Rudolf Janz. Wir fuhren bis nach Wien, da musten wir uns sammeln, da kamen aus mehrere Lager Männer zusamen, die für den Lehrgang bestimmt waren. Am 3. Juli kamen wir in Nürtingen an. Da war ein Bauer mit dem Wagen an der Bahn und hat unsre Koffer aufgeladen; wir musten alle antreten und musten maschieren bis in das Heim. Nun ging es los. Jeden Tag waren einige Herren da und hielten Politische Vorträge. Nach mittag ging es raus ins Gelände, aber nur, um die Gegend kennen lernen. Es war alles da, nur nichts gutes.

Am 16. Juli bekam ich ein Telegramm, ich soll sofort nach Litzmanstadt (Lotsch) kommen zur Ansiedlung. Auch Rudolf Janz muste nach Lietzmanstadt, da fuhren wir am selben Tag noch ab. Als wir in Litzmanstadt ankamen, da war meine Frau schon weg gefahren auf den Hof. Da hat man mir gesagt, ich muß nach Kreis Lentschütz4, da ist meine Frau angesiedelt. Als ich da ankam, da wüste ich auch nicht wohin. Da bin ich zur Kreisleitung und hab da gefragt, da hat man mir den Weg beschrieben. Dann bin ich los, meine Frau aufsuchen, und hab sie auch halt gefunden. Da war die Freute groß, das wir entlich mal aus dem Lager raus sind.

Nun glaube ich, das daß genug ist von dem Lagerleben. Ich bin froh, wenn ich nicht daran denke. Weil das war alles in dem Lager – es waren 19 Monate, die wir da verbracht haben – nur kein Menschliches leben.

Am 18. Juli 1942 kam ich auf meinen Hof, der in Rozyce, Kreis Lentschütz, war. Ich bin halt auf den Rücken gefallen, als ich in das Haus rein kam. Da konte man von einem Zimmer in das andre gehen, ohne durch die Tür zu gehen. Solche Löcher waren in der Wand. Da sagte ich zu meiner Frau: „Wenn es im Stall auch so aussieht, dann können wir noch krumme Häand kriege, bis wir alles in Ordnung haben.” Als ich in den Kuhstall rein kam und die halb totgehungerte Kühe sah, da wüste ich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Dann sah ich mir die Pferde an, die waren ja gut; das war das einzige, worüber ich mich freuen konte. Da fing ich an zu reparieren. Das bischen geld, was ich umgetauscht hatte, und das, was ich gespahrt hatte in der Zeit, da ich gearbeitet hatte, war ganz schnell alle, weil da war alles kabut. Vieles: habe ich selber gemacht, sonst were ich gar nicht zurechtgekommen.

Am 22. Juli ging es an die Roggen Ernt. Da war keine Maschiene vorhanden; da musten wir alles mit der Sense mähen. Es war eine sehr mühsame und schwere Arbeit, aber wir waren ja schwehre Arbeit gewohnt. Als ich die Ernte unter Dach hatte, da ging es wieder an das ausbessern, was noch zu reparieren war, weil was neues konte man damals auch schlecht bekomen. Aber man hat sich doch ein Stück nach dem anderen wieder angeschaft, aber das meiste wurde so zu sagen auf dem schwarzen Markt gekauft. Wer Butter oder Speck hatte, der bekam noch ab zu was ein getauscht. Das war so zu sagen der Bezugschein. Auch im Kuhstall hab ich aufgeräumt. Es waren 11 Kühe auf dem Hof; dafon hab ich die schlechteste ausgesucht und hab 3 Stück abgeliefert und hab die andre besser gefüttert, damit ich doch etwas herausholen konte. Der Hof, den ich angetreten hab, war 34½ ha groß, mit Wald, Wiese und Ackerland. Da hab ich alles so einiger mase in Ordnung gebracht. Aber ich durfte nicht lange darauf bleiben.

Am 12. April 1943 wurde ich zur Wehrmacht einberufen, und zwar zur Moterisierten Artilerie in Mühlhausen, Thüringen. Da blieb meine Frau allein auf dem Hof. Wir sind mit 3 Mann von unsrem Dorf auf einmal eingerückt. Es waren: Emil Göhner, Johannes Sasse und ich. Da blieben unsre Frauen alein zurück und musten mit Polnische Arbeiter den Hof weiter führen, was nicht so einfach war. Aber sie sind doch ihren Pflichten nachgekommen. Im Sommer 1943 habe ich es doch durch gesezt, daß ich Ernte Urlaub bekam, damit ich die Ernte rein schaffen konte, was auch schnell ging, weil ich mir eine Mähmaschien an geschaft hatte; auch das Wetter war sehr schön.

Da muste ich wieder zur Einheit zurück und kam im Herbst 1943 in Einsatz nach Italien, wo ich am 4. November verwundet bin; nach meiner ausheilung bekam ich noch einmal Urlaub, und zwar 4 Wochen, 2 Wochen Genesung und 2 Wochen Erholungs Urlaub. Das war am 24. Januar 1944. Dann kam ich auch weiter nicht mehr nach Hause. Da hat meine Frau doch weiter gewirtschaftet auf dem Hof bis 14. Januar 1945. Ich hab alles versucht, noch mal einen Urlaub raus zu holen, aber es war alles vergebens; es wurde mir gesagt, es gebe keinen Urlaub mehr, bis der Krieg aus ist, und hab auch keinen mehr bekommen. Ich hab meiner Frau dann geschrieben, sie soll [s]ich ferdig machen und soll rechtzeitig abhauen von dort, damit sie noch raus komt. Sie hat auch den Wagen geladen zum abfahren, aber es durfte keiner wegfahren5. Der Ortskruppenleiter hat einen Befehl ausgegeben, sie sollen sich alle bereit halten, aber erst dann abfahren, wenn der Marsch Befehl kommt. Er hat seine Frau mit den Kindern schon längst abgeschickt; er war nur allein dort geblieben, und als es brenslich wurde, hat er sich in sein Auto rein gesezt und war weg, ohne jemand nur zu sagen. Da sind die Frauen viel zu spät abgefahren.

Am 14. Jan. 1945 sind die Frauen alle ohne ein Befehl abgefahren. Sie sind nicht weit gekommen, da der Weg sehr schlecht war, und zweitens war ein Straßenstockang, da sich auch die Wehrmacht zurück gezogen hat. Am 5. Tag auf der Flucht hat die Russe sie eingeholt. Da hat man ihne alles weggenommen und hat sie zurück getrieben. Meine Frau mit unsre zwei Kinder sind dann mit andre Bauern zurük. Da hat man sie den Polen übergeben, und da hat man sie nicht mehr Menschlich behandelt. Als der Russe die Leute auf der Flucht einholte, da muste alles zurück. Da kamen die Polen sofort an und überfielen sie wie die Wölfe eine Schafherde. Meine Frau durfte garnichts von ihrem Wagen nehmen, sie muste zu Fuß zurück, da sie doch glück hatte, eine Familie aus unsrem Dorf zu treffen. Die Familie Oskar Spitzer hatte noch ihr Wagen, da hat meine Frau die Kinder auf den Wagen gesezt und sie ging zufuß nebenher.

So musten sie immer weiter zurück, da kamen die Russen und haben die jüngere Männer zusamen genommen und abgeführt. Mein Vater (Georg Schmidt), den haben die Rußische Panzer den Wagen umgefahren, da war nichts mehr zu retten. Da mein Vater gehbehindert war und nicht zufuß zurück konte, da hat ihn der Wilhelm Hörth auf seinen zweiten Wagen rauf gesezt. Meine Mutter war auch mit W. Hörth mitgefahren. Da der Pole, der den Wagen von W. Hörth fuhr, allein war, hat er sich etwas abgesezt von seinem Bauer. Als er weit genug weg war, und die Nacht kam immer näher, da hat der meinen Vater vom Wagen geschmissen und ihn in den Straßengraben geworfen und fuhr weiter. Das war in der Nähe von Posen. Als meine Frau mit der Familie Spitzer in [der] nähe vorbei kamen, da hörte meine Frau jemand schreien. Da sagte sie zu dem Oskar Spitzer, er soll mal anhalten, da ruft einer immer Mutter. Da ging meine Frau hin, da standen die Russen umher und sehten sich das an. Da frug meine Frau, ob sie ihn mitnehmen darf; da sagten die Russen ja, sie kann ihn mit nehmen. Da er aber durch das harte fallen sich nicht mehr helfen konte und meine Frau ihn allein nicht auf heben konte, rief sie den Oskar Spitzer. Der kam; dann haben sie ihn raus aus dem Straßengraben und ihn zum Wagen geführt. Da haben sie ihn auf den Wagen und sind weiter gefahren. Als sie wieder eine Zeit gefahren waren und wieder eine Stockung eintrat, da fanden sie wieder meine Mutter durch rufen. So fand Vater und Mutter wieder zusamen.

So wurden sie weiter zurück getrieben bis in die Gegend, wo wir angesiedelt waren; da hat man sie in die lehre Häuser gesteckt. Da wurde nicht gefragt, ob platz ist oder nicht. Da musten alle rüstige Leute zur Arbeit geschickt. Die musten die gefallene Soldaten zusamen tragen und sie beerdigen. Da fanden sie im Schnee die Frau von meinem Bruter Hugo Schmidt mit dem Kind im Arm. Die waren beide erschossen. Als sie am nächsten Tag wieder Soldaten zusamen holten, da sagte die Frau Pauline Metzger: „Der Mann hat genau so ein Hemd an wie unser Vater.” Aber er war nicht zu erkennen, da er Kopfschuß hatte. Als die Frauen das Massengrab zugeschaufelt hatten, da kam ein Pole an und sagte: „Ist von Daniel Göhner seine Töchter eine hier?” Da hat sich die Frau Metzger gemeldet. Da sagte der Pole: „Hier ist auch dein Vater dabei gewesen.” Da fingen alle an zu weinen, aber es war geschehen. Auch Ferdinand Richter wurde erschossen. So musten die Frauen jeden Tag im Blut arbeit, das ihne kein Essen mehr schmekte.

Nun will ich von dieser Sache aufhören, da meine Frau noch von ihr Gefangenschaft etwas schreiben wirt6.

 


1 Dokumentation III der Vertreibung der Deutschen aus Ost- Mitteleuropa. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien. hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, 1957 S. 35-42
2 Die von Antonesen erzwungene Abdankung König Carols zugunsen seiness Sohnes Michael (4.-6. September 1940)
3 Nürtingen in Württemberg
4 Łęczyca im Bezirk Łódź
5 Die Angaben des Vfs. über die Schicksale seiner Frau während seiner Abwesenheit sind von Frau Charlotte Schmidt durch besondere Unterschrift bestätigt.
6 Frau Charlotte Schmidt berichtet in einer ergänzenden protokollarischen Aussage (Original, 30. 3.56, 3 S., mschr.), sie sei nach ihrer Rückführung völlig ausgeplündert worden. Anschließend habe man sie und ihre Kinder, ihre Schwiegereltern und vier andere Siedlerfrauen mit ihren Familien in einem leerstehenden Haus in Rozyce untergebracht, von wo aus die Frauen zur Arbeit auf den nun wieder polnischen Höfen eingesetzt wurden. Behandlung und Lebeusbedingungen waren im allgemeinen denkbar schlecht. Teils im Lager, teils auch für längere Perioden an polnische Bauern ausgeliehen, mußte Frau Schmidt bis zur endlichen Genehmigung der Ausreise zu ihrem Mann nach Deutschland im Juni 1950 in Polen bleiben. — Eine zweite protokollarische Aussage schildert die Erlebnisse ihrer Schwiegermutter Therese Schmidt, geb. Krüger, die mit der Familie ihrer Tochter bereits im Sommer 1947 von Rozyce über Breslau nach Deutschland fliehen konnte. (Original, 10. 5. 56, 10 Seiten, hschr.)
7© Bwag/WikimediaCC-BY-SA-4.0, Schloss Gutenstein, erstellt am 1.10.2016